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The Rudolf Steiner Archive

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Kosmogonie
GA 94

27 Mai 1906, Paris

Dritter Vortrag

[ 1 ] Einer der tiefsten Grundsätze des Okkultismus fußt auf dem großen Gesetz der Analogien, wonach die Natur uns offenbart, was in uns selber vorgeht.

[ 2 ] Um für dieses Gesetz ein durchschlagendes und zugleich typisches Beispiel zu geben, das aber der offiziellen Wissenschaft völlig unbekannt ist, führen wir dasjenige vom Stein der Weisen an. Es war den Rosenkreuzern bekannt. In einem deutschen Journal vom Ende des 18. Jahrhunderts ist von diesem Stein der Weisen die Rede. Man spricht da von ihm wie von einem wirklich existierenden Gegenstand, und es heißt da: Jedermann berührt ihn oft, ohne ihn zu kennen. — Das ist buchstäblich wahr.

[ 3 ] Um dies zu verstehen, ist es nur notwendig, in die Werkstatt der Natur tiefer einzudringen, als es die heutige Wissenschaft tut.

[ 4 ] Jedermann weiß, daß der Mensch Sauerstoff einatmet und beim Ausatmen Kohlensäure von sich gibt. Dies hat in der Yogaschulung eine sowohl physische wie eine geistige Bedeutung. Der Mensch kann zu seiner Erhaltung nicht Kohlensäure einatmen. Er würde daran sterben, während die Pflanzen die Kohlensäure zum Leben brauchen. Die Pflanzen liefern dem Menschen den Sauerstoff, von dem er lebt. Die Pflanzen erneuern die Luft und machen sie geeignet, vom Menschen eingeatmet zu werden. Und die Menschen und Tiere liefern wiederum den Pflanzen die Kohlensäure, die diese zu ihrer Erhaltung ihrerseits brauchen. Was macht die Pflanze mit der Kohlensäure, die sie einatmet? Sie baut damit ihren eigenen Körper auf. Nun wissen wir, daß die Steinkohle der Leichnam der Pflanze ist. Die Steinkohle ist also kristallisierte Kohlensäure.

[ 5 ] Das rote Blut, das die Kohlensäure aufgenommen hat, verwandelt sich in «blaues» Blut, aber das blaue Blut muß immer wieder erneuert werden durch den Sauerstoff. Denn das Blut könnte sich nicht der Kohlensäure bedienen, um den Körper aufzubauen.

[ 6 ] Die Yogaübungen sind eine besondere Schulung, die den Menschen befähigt, aus dem roten Blut ein aufbauendes Element für seinen Körper zu machen. Auf diese Weise baut der Yogi mittels des Blutes seinen Körper auf, wie die Pflanze den ihrigen durch die Kohlensäure.

[ 7 ] Wir sehen also, daß die Fähigkeit der Verwandlung, die in der Natur vorhanden ist, repräsentiert wird durch die Steinkohle, die eine kristallisierte Pflanze ist. Und der Stein der Weisen, im weitesten Sinne des Wortes, bezeichnet diese Verwandlungsfähigkeit.

[ 8 ] Das Gesetz der Rückverwandlung gilt für alle Wesen, ebenso wie das Gesetz des Aufstiegs. Die Mineralien sind degenerierte Pflanzen, die Pflanzen sind Vorfahren der Tiere. Die Tiere und der Mensch haben einen gemeinsamen Vorfahren. Der Mensch ist aufgestiegen, das Tier ist heruntergestiegen. Was den geistigen Teil des Menschen betrifft, so stammt er von den Göttern. In dieser Hinsicht ist der Mensch ein gefallener Gott, und der Ausspruch von Lamartine ist buchstäblich wahr: «Der Mensch ist ein gefallener Gott, der sich an die Himmelswelten erinnert.»

[ 9 ] Es gab eine Epoche, wo alles Leben auf der Erde halb pflanzenhaft, halb tierisch war. Die Erde selbst war lebendig und stellte eine Art Riesentier dar. Der Boden war wie eine ungeheure Torfmasse, auf der Riesenwälder wuchsen, die später zur Steinkohle geworden sind. Diese Epoche entspricht derjenigen Zeit, da Erde und Mond noch ein Gebilde waren. Der Mond stellt das weibliche Element der Erde dar.

[ 10 ] Es gibt Wesen, die auf einer niedrigeren Stufe der Entwickelung zurückgeblieben sind. Die Mistel zum Beispiel ist ein Zeuge dieser Weltenzeit, ein Überrest der parasitären Pflanzen, die auf der Erde wie auf einer Pflanze lebten. Da her stammen ihre speziellen okkulten Eigenschaften. Sie waren den Druiden bekannt, die sie als eine heilige Pflanze betrachteten. Die parasitäre Mistel ist ein Überbleibsel aus der Mondenzeit des Erdenplaneten. Sie ist ein Schmarotzer, weil sie nicht gelernt hat, wie die anderen Pflanzen direkt auf mineralischem Boden zu leben.

[ 11 ] Ähnlich verhält es sich mit der Krankheit. Sie ist ein Rückfall, verursacht durch parasitäre Elemente im Organismus. Die Druiden und die Skalden kannten die Beziehungen zwischen der Mistel und dem Menschen. Einen Nachklang davon findet man in der Baldurlegende. Der Gott Baldur wird getötet durch die Mistel, weil die Mistel ein feindliches Element aus der vorhergehenden Epoche darstellt, das dem menschlichen Leib nicht mehr angemessen ist. Die anderen Pflanzen, die dem Zeitalter angepaßt waren, hatten dem Menschen dagegen Freundschaft geschworen.

[ 12 ] Indem die pflanzliche Erde mineralisch wurde, erwarb sie durch die Metalle eine neue Eigenschaft: das Licht widerzuspiegeln. Ein Gestirn wird am Himmel erst sichtbar, wenn es mineralisch geworden ist. Es gibt also im Universum viele andere Welten, die unser physisches Auge nicht wahrnehmen kann und die allein von Hellsehern wahrgenommen werden können.

[ 13 ] Die Erde ist ebenso mineralisch geworden wie der physische Körper des Menschen. Für den Menschen aber ist es charakteristisch, daß in ihm eine Bewegung in doppelter Richtung herrscht. Wenn nämlich der physische Mensch herabgestiegen ist, so ist der geistige Mensch aufgestiegen. Paulus hat dieser Wahrheit Ausdruck gegeben. Er erklärt, daß es ein Gesetz für den Leib gibt und ein anderes für den Geist. Demzufolge erscheint der Mensch als ein Ende und zugleich als ein Anfang.

[ 14 ] Der Knotenpunkt, zugleich der Wendepunkt in der menschlichen Entwickelung, das ist die Zeit der Trennung der Geschlechter. Es gab eine Zeit, in der die beiden Geschlechter im menschlichen Wesen vereinigt waren. Die Möglichkeit eines solchen Zustandes hat sogar Darwin anerkannt. Durch die Trennung der Geschlechter ist dieses neue, gewaltige Element in die Welt getreten: die Liebe. Die Anziehungskraft der Liebe ist eine so machtvolle und geheimnisvolle Tatsache, daß beispielsweise tropische Schmetterlinge von verschiedenem Geschlecht, die man aus den Tropen nach Europa gebracht hat und die zweihundert Meilen voneinander entfernt waren, sofort, nachdem sie freigelassen waren, einander entgegenflogen und sich auf halbem Wege trafen.

[ 15 ] Etwas Ähnliches geschieht zwischen der Menschenwelt und der göttlichen Welt wie zwischen dem Menschenreich und dem Pflanzenreich. Der Mensch atmet Sauerstoff ein und Kohlensäure aus. Wie das Pflanzenreich Sauerstoff ausatmet, so atmet die Menschenwelt Liebe aus - seit der Trennung der Geschlechter -—, und von diesen Ausströmungen der Liebe leben die Götter.

[ 16 ] Warum atmen das Tier und der Mensch Liebe aus? Der Okkultist sieht im heutigen Menschen ein in voller Evolution befindliches Wesen. Der Mensch ist ein gefallener Gott und ein werdender Gott in einem.

[ 17 ] Die Reiche der Himmel nähren sich von der Ausströmung der menschlichen Liebe. Das Griechentum drückte diese Tatsache im Mythos von Nektar und Ambrosia aus. Indessen stehen die Götter dermaßen hoch über dem Menschen, daß sie ihn, ihrer eigenen Natur nach, eigentlich erdrücken würden. Aber es gibt etwas zwischen dem Menschen und den Göttern, eine Art Zwischenstufe, so wie die Mistel eine Zwischenstufe ist zwischen Pflanze und Tier: Das ist Luzifer und das luziferische Wesen überhaupt.

[ 18 ] Die Götter haben nur ein Interesse an der Liebefähigkeit der Menschen. Während Luzifer in Schlangengestalt den Menschen verführen will, nach Wissen und Erkenntnis zu suchen, widersetzt sich ihm Jehova. Aber Luzifer ist ein gefallener Gott, der nur durch den Menschen aufsteigen kann, indem er ihm die Begierde nach persönlicher Erkenntnis eingibt. Er widersetzt sich daher dem Willen des Gottes, der den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hatte.

[ 19 ] Das Rosenkreuzertum erklärt die Rolle Luzifers in der Welt. Wir werden später darauf zurückkommen. Hier sei nur der folgende Sinnspruch aus der Rosenkreuzerweisheit erwähnt: «O Mensch, bedenke, daß durch dich hindurch eine aufwärtssteigende und eine abwärtsfallende Strömung geht.»