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The Rudolf Steiner Archive

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Vor dem Tore der Theosophie
GA 95

1 September 1906, Stuttgart

Elfter Vortrag

[ 1 ] Ich schilderte Ihnen gestern, wie der große Eingeweihte sich aus der Gegend des heutigen Irland unter den Ursemiten eine Schar aussuchte, die er nach dem Osten führte und dort ansiedelte. Dort machte der Manu seine Auserwählten zu Stammvätern der neuen Kulturen. Er belehrte sie und gab ihnen Anweisung zu einer moralischen Lebensführung, die bis in die kleinsten Einzelheiten hinein vorgeschrieben war: wie die Zeit einzuteilen und die Arbeit vom Morgen bis zum Abend zu verrichten war. Aber mehr noch als durch seine Lehren erzog er sie durch seinen unmittelbaren Einfluß und durch seine Gedanken. Sein Einfluß war unmittelbar suggestiv; wenn er seine Gedanken in die Kolonie hineinschickte, wirkten seine Ideen und Vorschriften suggestiv. Solch einen Einfluß brauchte der damalige Mensch zu seiner Umbildung.

[ 2 ] Für den Unterschied in der ganzen Anschauung zwischen der atlantischen und der neuen Wurzelrasse ist folgende Szene charakteristisch, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts abspielte. Europäische Kolonisten hatten die Indianer, in denen wir in der atlantischen Kultur stehengebliebene Nachkommen der alten Atlantier zu sehen haben, veranlaßt, ihnen Länderstrecken abzutreten unter der Bedingung, daß man ihnen neue Jagdgründe anweisen würde. Dieses Versprechen war nicht gehalten worden, und das konnte der Häuptling nicht begreifen. Das war die Veranlassung zu dem folgenden Gespräch. Der Indianer sagte: Ihr Bleichgesichter habt uns versprochen, daß euer Häuptling unseren Brüdern anderes Land anweisen werde, nachdem ihr uns dieses genommen habt. Eure Füße stehen jetzt auf unserem Land und gehen über die Gräber unserer Väter. Der weiße Mann hat sein Versprechen dem braunen Manne nicht gehalten. Ihr Bleichgesichter habt schwarze Instrumente mit allerlei kleinen Zauberzeichen — gemeint sind Bücher - und aus diesen lernt ihr erkennen, was euer Gott will. Das muß aber ein schlechter Gott sein, der die Menschen nicht lehrt, ihr Wort zu halten. Der braune Mann hat nicht einen solchen Gott, der braune Mann hört den Donner und sieht den Blitz, und diese Sprache versteht er; da spricht sein Gott zu ihm. Er hört im Walde das Rauschen der Blätter und Bäume, auch da spricht sein Gott zu ihm. Er hört die Wellen im Bach plätschern, und dann versteht der braune Mann diese Sprache. Er spürt, wenn sich ein Sturm erhebt. Überall hört er seinen Gott zu ihm sprechen, und dieser Gott lehrt etwas ganz anderes, als was euch eure schwarzen Zauberzeichen sagen.

[ 3 ] Es ist das eigentlich eine recht bedeutsame Rede, denn sie enthält eine Art Glaubensbekenntnis. Nicht in vernunftgemäßen Begriffen und Vorstellungen erhob der Atlantier sich zu seinem Gott, sondern er spürte gleichsam etwas Heiliges in aller Natur als einen Grundakkord der Gottheit, er atmete gleichsam seinen Gott aus und ein. Und wenn man aussprechen wollte, was man so hörte, dann faßte man es zusammen in einen Laut, der ähnlich dem chinesischen Tao ist. Das war für den Atlantier der Laut, der die ganze Natur durchströmte. Wenn er ein Blatt berührte, wenn er einen Blitzstrahl sah, so war er sich bewußt, einen Teil der Gottheit vor sich zu haben; es war ihm, als berühre er das Kleid der Gottheit. Wie man im Händedruck das Seelische eines Menschen mitergreift, so ergriff der Atlantier, wenn er ein Naturgebilde anfaßte, den Körper der Gottheit. Es war eine ganz andere religiöse Empfindung, in der jene lebten. Dazu kam noch, daß die Atlantier mit Hellsehen begabt waren und dadurch im Verkehr mit der Geisterwelt standen.

[ 4 ] Dann aber entwickelte sich das rechnerische, logische Denken, und je höher sich dieses entwickelte, desto mehr nahm das Hellsehen ab. Die Menschen machten sich viel mehr mit dem zu tun, was die Sinne von außen wahrnahmen, und dadurch wurde die Natur mehr und mehr ihrer Göttlichkeit entkleidet. Die Menschen eroberten sich eine neue Gabe auf Kosten einer alten. In dem Maße, wie sie die Gabe des genauen sinnlichen Anschauens erlangten, hörten sie auf zu verstehen, daß die Natur der Körper der Gottheit ist. Nach und nach hatten sie nur noch den Körper der Welt vor sich, nicht mehr die Seele. Dadurch entstand in dem nachatlantischen Menschen die Sehnsucht nach dem Göttlichen. In seinem Herzen stand ja geschrieben: Hinter der Natur muß die Gottheit sein -, und er erkannte, daß er sie mit dem Geiste suchen müsse. Das Wort Religion heißt nichts anderes als: Suchen, eine Wiederverbindung mit der Gottheit herzustellen; religere heißt wiederverbinden. Nun gibt es verschiedene Wege, die Gottheit zu finden. Die erste Unterrasse der nachatlantischen arischen Rasse, die Inder, ging folgenden Weg. Einige gotterfüllte Sendboten des Mann, die heiligen Rishis genannt, wurden die Lehrer der uralten indischen Kultur, von der keine Dichtung, keine Tradition erzählt, die nur noch in den mündlichen Überlieferungen der Geheimschulen bekannt ist. Wunderbare Dichtungen, wie die Veden und Bhagavad Gita, sind viel später entstanden. Der alte Inder sagte sich: Das, was uns geblieben ist als äußere Natur, ist nicht die wahre Natur; hinter dieser Natur verbirgt sich die Gottheit. - Und das, was sich hinter der Natur verbirgt, das nannte er Brahman, den verborgenen Gott. Die ganze äußere Welt war für ihn nur Illusion, Täuschung, Maja. Und während der Atlantier noch in jedem Blatt die Gottheit spürte, sagte der Inder: Nirgends mehr in der Außenwelt zeigt sich die Gottheit. In das Innere muß man sich versenken. Man muß die Gottheit suchen im eigenen Herzen, man muß ihr nachgehen in einem höheren, geistigen Zustand. — Etwas Traumartiges hatte alles Sichnähern der Gottheit beibehalten. In der Natur fand der Inder keine Gottheit; in großen und machtvollen Gedankenbildern, in Visionen und Imaginationen ging ihm die Welt des Brahman auf. Yoga war die Schulung, die er durchmachte, um jenseits der Illusion zum Geiste, zum Ursein zu kommen. Die tiefsinnigen Veden, die Bhagavad Gita, dieses Hohelied von der menschlichen Vollkommenbheit, sind nur Nachklänge jener uralten Gottesweisheit.

[ 5 ] Das war die erste Stufe, auf der die Menschheit zurückkommen wollte zur Gottheit; es ist eine Stufe, die es in der äußeren Kultur nicht besonders hoch bringen konnte. Denn von allem Äußeren hat sich der Inder abgewandt; nur in einem weltabgewandten Aufgehen im Geiste hat er das höhere Leben gesucht.

[ 6 ] Schon eine andere Mission hatte die zweite Unterrasse, die Urperser, deren Kultur gleichfalls wohlberechnet vom Manu ausging, Noch vor der Zarathustra-Zeit hatten die alten Perser eine uralte Kultur, die sich auch nur durch mündliche Überlieferung erhalten hat. Dem Menschen erwuchs jetzt der Gedanke, daß die äußere Wirklichkeit ein Abbild der Gottheit sei, daß man sich nicht von ihr abwenden, sondern sie umgestalten müsse. Der Perser wollte die Natur umgestalten, er wollte an ihr arbeiten; er wurde ein Ackerbauer. Aus der Stille der weltfremden Gedankenwelt trat er hinaus und merkte an dem Widerstand, der sich ihm entgegenstellte, daß doch nicht alles Maja sei, daß neben der Welt des Geistes auch eine sehr reale Welt der Wirklichkeit existiere. Neben der Welt des Geistes fand er eine Welt, in der man arbeiten mußte. Es erwuchs in ihm allmählich die Überzeugung, daß es zwei Welten gibt: eine Welt des guten Geistes, in die man sich vertiefen kann, und die andere Welt, die man bearbeiten muß. Und dann sagte er sich: In der Welt des Geistes werde ich die Ideen und Begriffe finden, durch die ich die äußere Wirklichkeit umwandeln werde, so daß sie selbst ein Abbild des ewigen Geistes wird.

[ 7 ] So sah der Perser sich selbst in einen Kampf hineingestellt zwischen zwei Welten, und das gestaltete sich später mehr und mehr um zu den beiden Mächten Ormuzd, die Welt des guten Geistes, und Ahriman, die Welt, die umgestaltet werden muß. Eines aber fehlte dem Perser noch: Die äußere Welt stand ihm gegenüber als ein Wesen, das er nicht verstand; er konnte keine Gesetze darin fiinden. Er merkte nicht, daf3 das Geistige in der Natur zu finden ist; er empfand nur den Widerstand bei seiner Arbeit.

[ 8 ] Diese Weltgesetze lernte die dritte Unterrasse kennen, die chaldäisch-assyrisch-babylonisch-ägyptischen Völker, und später die Semiten, die wie ein Zweig aus ihnen hervorgingen. Sie sahen empor zum Sternenhimmel, sie beobachteten den Gang der Gestirne und ihren Einfluß auf das menschliche Leben und ersannen danach eine Wissenschaft, durch die sie die Bewegung und den Einfluß der Gestirne begreifen konnten. Sie verbanden Himmel und Erde miteinander. Wir können den Charakter dieser dritten Unterrasse an einem Beispiel betrachten. Der Ägypter sagte sich: Der Nil überschwemmt zu einer bestimmten Zeit das Land und macht es fruchtbar. Das geschieht stets beim Aufgang eines bestimmten Sternbildes, des Sirius. - Und nun beobachteten die Ägypter die Zeit der Überschwemmungen. Das Sternbild, das dann am Himmel stand, brachten sie mit der Tätigkeit des Nils in Zusammenhang. Sie beobachteten ferner den Stand der Sonne beim Kommen und Fortwandern gewisser Vögel, das Auf- und Niedergehen der Sterne und ihre Beziehungen zueinander und zur Menschheit und bildeten so eine Wissenschaft aus. Es wurde ihnen offenbar, daß große Weisheit in allen Naturvorgängen herrsche, daß alles nach großen Gesetzen geschehe, die sie zu durchdringen suchten. Vor allem waren es die alten chaldäischen Priester, die Vertreter einer tiefen Weisheit waren. Die Naturgesetze waren ihnen aber keine abstrakten Gesetze. Sie sahen in den Sternen keine physischen Weltkugeln, sie sahen jeden Planeten beseelt durch eine Wesenheit, deren Körper der Planet war. Ganz konkret stellten sie sich hinter jedem Sternbild die belebende Gottheit vor. So spürte der Ägypter, der Chaldäer, daß er im Schoße der Welt der Geister als Geist unter Geistern eingeschlossen war; er sah weisheitserfüllte Materie.

[ 9 ] Sie sehen, die Menschheit war allmählich dahin gelangt, auf dem Wege der Wissenschaft wieder die Weisheit in der äußeren Natur zu erkennen, zu erneuern, was dem alten Atlantier als ein natürliches hellseherisches Wissen eignete.

[ 10 ] Die vierte Unterrasse, die griechisch-römische Kultur, wurde nicht direkt von dem Manu beeinflußt, stand aber unter dem Einfluß der anderen Kulturen. Sie hatte wiederum eine andere Mission: die Kunst. Nach und nach hatte der Mensch den Weg zur Vergeistigung der Natur gefunden. Der Grieche ging weiter als der Ägypter; er nahm nicht die fertigen Naturbilder, sondern er nahm die ungeformte Materie, den Marmor, und drückte ihm seinen eigenen Stempel auf. Er formte sich selbst den Zeus und die anderen Götter. Die dritte Unterrasse suchte den Geist in der Außenwelt; die vierte Unterrasse prägte ihr den Geist selbst ein. Die Kunst, das Einzaubern des Geistes in die Materie, war der griechisch-lateinischen Rasse vorbehalten.

[ 11 ] Der Ägypter studierte den Gang der Sterne und richtete danach die Staatenbildung ein auf Jahrhunderte hinaus. Der Grieche prägte das, was er aus seinem Innern nahm, der äußeren menschlichen Gemeinschaft ein, den Städten Sparta, Kolchis und so weiter. Der Römer ging noch weiter, er formte nicht nur Stein und Erz, sondern auch das ganze große Gemeinwesen der Menschen nach seinem Geiste um.

[ 12 ] Die Germanen und Angelsachsen, die fünfte Unterrasse, gehen noch viel weiter in bezug auf die Formung der Außenwelt. Diese Unterrasse, der wir selbst angehören, prägt der Materie nicht nur ein, was im Menschen lebt, sondern sie prägt die Naturgesetze selbst der Materie ein. Sie entdeckt die göttlichen Weltengesetze, die Gesetze der Schwerkraft, des Lichtes, der Wärme, des Dampfes, der Elektrizität und gestaltet mit ihrer Hilfe die ganze Sinnenwelt um. Ihre Mission ist, nicht nur die im Menschen schlummernden Gesetze, sondern die die ganze Welt durchflutenden Gesetze zu studieren und sie der Außenwelt aufzudrücken. Dadurch ist die ganze Menschheit materieller, ja materialistisch geworden; es konnte kein Zeus entstehen, sondern —- die Dampfmaschine, Telegraf, Telefon und so weiter.

[ 13 ] Auf uns wird eine andere Rasse folgen, die wiederum den Weg zurück finden wird. In unserer Rasse ist der Mensch auf dem Höhepunkt der Umgestaltung der physischen Welt angelangt. Wir sind am weitesten heruntergestiegen auf den physischen Plan, bis zum Äußersten sind wir gekommen in der Eroberung des physischen Planes.

[ 14 ] Das war die Aufgabe der nachatlantischen Menschheit. Der Inder hatte sich abgewandt vom Physischen. Der Perser erkannte es als Masse, die ihm Widerstand entgegensetzte. Die Chaldäer, Babylonier, Ägypter erkannten die Weisheit der Natur. Die Griechen und Römer eroberten von innen aus den physischen Plan weiter, und erst unsere Menschheitskultur ist so weit vorangeschritten, daß sie die Naturgesetze dem physischen Plan einverleibt. Und nun wird die Menschheit wieder spiritueller werden.

[ 15 ] Gewaltig, sinnvoll ist der Gang der Menschheitsentwickelung. Jede Menschengruppe hat ihre Aufgabe. Was in der dritten und vierten Unterrasse noch in Mythen und Sagen fortlebt, die Erinnerung an die Urzeit, an die Götterwelt, unsere Menschheit hat nichts mehr davon, sie hat nur noch die physische Welt. Mit dem Heraustreten auf den physischen Plan hat die Menschheit den Zusammenhang mit der Götterwelt verloren; nur noch die physische Welt ist für sie vorhanden.

[ 16 ] Der Theosoph ist kein Reaktionär, er weiß, daß die materielle Zeit eine Notwendigkeit war. Geradeso wie die Tiere nach ihrer Einwanderung in finstere Höhlen zwar andere Organe mächtig ausbildeten, die Sehorgane aber rückbildeten, so geschieht es überall in der geistigen und sinnlichen Welt: Wo eine Fähigkeit sich entwickelt, muß eine andere zurücktreten. Die hellseherische Gabe und die Kraft der Erinnerung mußten zurücktreten, damit das physische Sehen sich ausbilden konnte. Als der Mensch lernte, die äußere Welt durch Naturgesetze zu beherrschen, mußte er die geistige Sehkraft einbüßen.

[ 17 ] Wie ganz anders sah man früher! Kopernikus zum Beispiel hat die Menschheit von dem alten Irrtum abgebracht, daß die Erde stillstehe. Er lehrte, es sei ein Irrtum, anzunehmen, daß die Sonne sich um die Erde drehe. Kepler und Galilei bildeten diese Lehre weiter aus. Und doch haben beide, Kopernikus und Ptolemäos, recht; es kommt nur auf den Standpunkt an, von dem aus man die Sonne und die Erde betrachtet. Sieht man unser Sonnensystem nicht vom physischen, sondern vom astralen Plan aus, so ist das Ptolemäische System das richtige. Da steht die Erde im Mittelpunkt, und es verhält sich so, wie es die alte Welt beschrieben hat. Man braucht sich ja nur zu erinnern, daß auf dem Astralplan alles umgekehrt erscheint. Das Ptolemäische System gilt also für den astralen, das Kopernikanische für den physischen Plan. In Zukunft wird noch ein ganz anderes Weltbild kommen. Gewöhnlich wird bloß betont, daß Kopernikus zwei Dinge gelehrt habe: daß die Erde sich um ihre Achse bewege und daß sich die Erde um die Sonne bewege. Man beachtet es gar nicht, daß er noch eine andere Bewegung gelehrt hat, daß nämlich das ganze System sich in einer Spirale fortbewegt. Das bleibt liegen, bis die Menschheit in der Zukunft einmal darauf zurückkommen wird. Kopernikus stand an der Grenze und hatte das alte noch in starker Weise an sich.

[ 18 ] Es gibt keine absolute Wahrheit; jede Wahrheit hat ihre Mission in einer bestimmten Zeit. Und wenn wir heute von Theosophie sprechen, so wissen wir, daß, wenn wir wiedergeboren werden, wir etwas anderes hören werden und in ganz anderer Weise zueinander stehen werden.

[ 19 ] Blicken wir zurück in Zeiten, da wir vielleicht schon einmal zusammengewesen sind in irgendeiner Gegend des nördlichen Europa, wo Menschen sich um den Druidenpriester sammelten, der ihnen die Wahrheit in Form von Mythen und Sagen erzählte. Hätten wir nicht zugehört und hätte er nicht unsere Seelen geformt, so würden wir nicht verstehen, was uns heute die Theosophie in anderer Form als Wahrheit wiederbringt. Und wenn wir wiederkommen werden, wird in anderer Form gesprochen werden, in einer höheren Form. Die Wahrheit entwickelt sich wie alles andere in der Welt. Sie ist die Form des göttlichen Geistes, der göttliche Geist aber hat viele Formen. Durchdringen wir uns mit diesem Charakter der Wahrheit, dann werden wir ein ganz anderes Verhältnis zu ihr gewinnen. Wir werden uns sagen: Zwar leben wir in der Wahrheit, aber sie kann die verschiedensten Formen haben. — Wir werden dann auch zu der gegenwärtigen Menschheit in einer ganz anderen Weise hinschauen. Wir werden nicht sagen, daß wir die absolute Wahrheit haben, sondern wir werden sagen: Diese Menschenbrüder stehen jetzt auf einem Standpunkte, auf dem wir auch einmal gestanden haben. - Wir haben die Verpflichtung, auf das, was der andere sagt, einzugehen; wir brauchen ihm nur klarzumachen, daß wir ihn schätzen auf der Stufe der Wahrheit, auf der er steht. Ein jeder hat zu lernen, und so werden wir tolerant gegen eine jede Form der Wahrheit. So lernen wir alles verstehen; wir kämpfen nicht gegen die Menschen, sondern suchen mit ihnen zu leben. Die neuere Menschheit hat die Freiheit der Persönlichkeit herausgebildet. Die Theosophie wird aus dieser Grundanschauung über die Wahrheit eine innere Toleranz der Seele ausbilden.

[ 20 ] Die Liebe steht höher als die Meinung. Die verschiedensten Meinungen vertragen sich, wenn sich die Menschen lieben. Deshalb hat es einen tiefen Sinn, daß in der theosophischen Weltanschauung keine Religion angegriffen und keine besonders herausgestellt wird, sondern alle werden verstanden, und es kann sich ein Bruderbund entwickeln, weil sich die Mitglieder der verschiedensten Religionen verstehen.

[ 21 ] Das aber ist eine der wichtigsten Aufgaben der Menschheit heute und in der Zukunft: dieses Mit-den-andern-Leben, dieses Einanderverstehen. Und solange diese menschliche Gemeinschaftsstimmung sich nicht entwickelt, kann von einer okkulten Entwickelung nicht die Rede sein.