Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
GA 100
24 Juni 1907, Kassel
>Theosophie und Rosenkreuzertum IX
[ 1 ] Wir werden heute, in der Ausführung der gestern über die Planetenentwickelung gegebene Skizze, weitere Betrachtungen anstellen. Gesagt wurde, daß unsere Erde vorher einen Saturn-, Sonnen- und Mondenzustand durchgemacht hat. Heute möchte ich Ihnen, so wie es im Okkultismus üblich ist, diese aufeinanderfolgenden Zustände beschreiben. Sie werden dann, wenn wir über die Entwickelung der Seele auf dem Erkenntnispfad sprechen, von manchem, was heute hypothetisch hingestellt wird, sehen, wie es gemeint ist. Wenn wir nun ohne weiteres eingehen auf den Saturnzustand, also jenen Millionen und Millionen Jahre vor unserer Zeit liegenden Zustand unserer Erde, so nimmt sich dieser ganz anders aus, als nach unseren heutigen physikalischen Verhältnissen angenommen wird. Vor allem müssen wir uns klar sein, daß das vollkommenste Wesen, das wir kennen, der Mensch selbst, die längste Reihe der Entwickelung hinter sich hat. Sie werden also eine Entwickelungsgeschichte hören, von der man sagen könnte, sie weicht sehr weit ab von der Haeckel-Darwinschen Entwickelungsgeschichte. Die Vorzüge vor dieser rein materialistischen Theorie werden Sie ja in meinem Buche ersehen.
[ 2 ] Zunächst handelt es sich darum, zu verstehen, daß das Vollkommenste die längste Entwickelung hinter sich hat. Das vollkommenste Wesen ist nun der Mensch, und zunächst der physische Menschenleib. Alle Wesen, die sonst um uns herum sind, sind unvollkommener als der physische Menschenleib, der die längste Zeit brauchte, um sich zu entwickeln. Daher finden wir, wenn wir geistig schauend zurückblicken, die ersten Anlagen dazu schon im Saturnzustand vorhanden. Der ganze Weltenraum mit allen Wesen und Dingen, die darinnen waren, haben auf den ersten Zustand der Erde gewirkt. Sie haben noch alle die Organe in sich, die damals gebildet worden sind als das Vollkommenste unseres physischen Körpers; das sind die Sinnesorgane, die Apparate, die man rein physikalisch begreifen kann, die zunächst damals in der Anlage entstanden sind. Zwar dürfen Sie sich nicht vorstellen, daß das Auge schon damals so vorhanden war, wie es heute ist. Aber die erste Anlage zum Auge, zum Ohr, zu allen Sinnesorganen und zu allen sonst rein physikalischen Apparaten am Menschen ist auf dem Saturn entstanden. Nur jene Wirkungen gab es auf dem Saturn, die heute noch in dem Mineralreich herauskommen. DerMensch war damals in der ersten Anlage seines physischen Leibes vorhanden; alles andere, Blut, Gewebe und so weiter war nicht da. Als physikalische Apparate waren die ersten Anlagen zum Menschenleib vorhanden. Wie der Smaragd, Glimmer und so weiter durch physikalische Gesetze entstehen und sich ausbilden als Würfel, Hexaeder und so weiter, so bildeten sich apparatartige Gestalten aus, die so auf dem Saturnkörper vorhanden waren wie heute die Kristalle im Erdkörper. Und die Wirkungsweise der Saturnoberfläche war wesentlich die einer Art Spiegelung in den Weltenraum hinein. Die Wesen, die den Saturn umgaben, die im Weltenraum zerstreut sind, warfen ihre Wirkungen hinunter. Namentlich war damals auch stark ausgebildet, was man das Weltenaroma nennt. Ein Gefühl für das, was damals auf dem Saturn geschah, können Sie heute nur noch bei einigen Erscheinungen bekommen: wenn Sie in der Natur draußen ein Echo hören, würden Sie in dem Ton des Echos etwas haben, was auf dem Saturn hinausgeströmt wurde von den Eindrücken her, die auf ihn gewirkt hatten. Diese Apparate, die solche Bilder zurückwarfen in den Weltenraum, sind die erste Anlage zu dem, was sich später zum Beispiel als Auge ausgebildet hat. Und so könnten wir alles einzelne verfolgen. Was Sie heute im Leibe tragen, war damals ein physisches Reich des Saturn, das in mannigfaltiger Weise das ganze Weltbild zurückwarf in den Raum.
[ 3 ] Mythen und Sagen haben diese Erscheinung viel klarer erhalten, als man ahnt. So hat zum Beispiel die griechische Mythe, die noch entlehnt ist aus den Eleusinischen Mysterien, etwas bewahrt in dem Bilde des Zusammenwirkens von Kronos und Rhea, wobei nur eine große Verschiebung der Tatsachen vorgekommen ist durch die Art,wie damals die Weltenzusammenhänge gedacht waren. Es wird uns da gesagt, daß Kronos seinen Strahl hinunterwirft und er ihm in der mannigfaltigsten Weise wieder zurückkommt; daher jenes Bild: er verschlingt seine Kinder.
[ 4 ] Nun müssen Sie sich nicht vorstellen, daß die Saturnmasse so etwas Festes war wie die heutigen physischen Körper; selbst wenn Sie Wasser oder Luft nähmen, würden Sie noch keine Vorstellung bekommen von der Grundsubstanz des Saturn. Im Okkultismus redet man, wenn man von den Körpern redet, von den festen, den wasserförmigen, den luftförmigen Körpern. Wenn man im alten Stile von Elementen spricht, so entsprechen diese dem, was man heute in der Chemie Aggregatzustände nennt; Sie müssen nicht glauben, daß die Alten mit Elementen dasselbe gemeint haben wie wir. Dann aber gibt es noch einen höheren Aggregatzustand, den man im alten Okkultismus das «Feuer» nannte; man würde den Sinn besser treffen mit «Wärme». Auch die Physik wird gedrängt werden, anzuerkennen, daß das, was man Wärme nennt, sich wirklich vergleichen läßt mit einer Art vierten Aggregatzustands, einer andern Art Materie als Luft und Wasser. Also noch nicht einmal zur Luft verdichtet war die Saturnmasse; sie war geläuterte Wärme. Sie wirkte ähnlich wie heute die Wärme in Ihrem Blute wirkt, und sie war verknüpft mit inneren Lebensvorgängen, denn diese physikalischen Vorgänge waren wirkliche Lebensvorgänge. Aus Wärmestoff bestand der Saturn, eine ungeheuer feine Masse, die in bezug auf unsere Stoffe neutral genannt werden könnte.
[ 5 ] Wenn wir nun die Wesen betrachten wollen, die den Saturn bewohnten, müssen wir uns erstens klar sein, daß das, was heute auf der Erde herumwandelt, dort selbst die erste Anlage zum physischen Leibe war; ein Ich oder Astralleib war nicht darinnen. Andere Wesen aber, die heute viel höher sind als der Mensch, belebten den Saturn, nur gingen sie dort auch nicht in physischen Leibern herum: sie waren im Wärmestoff verkörpert, und sie wirkten wie ein Wärmestrom, der sich dahinbewegte. Solche Wärmeströmungen bildeten die Taten der Wesen, die den Saturn belebten. Wie Sie heute einen Tisch formen, so taten diese Wesen ihre Arbeit, indem sie Wärmeströmungen verursachten. Sonst war nichts von ihnen zu bemerken. Wie wenn sich zwei Wärmeströmungen hin und her bewegten und sich gegenseitig austauschten, so begrüßte man sich sozusagen auf dem Saturn. Die Wesen, die auf dem Saturn ihre Menschheitsstufe durchmachten, hatten nicht einen physischen Leib als ihr niederstes Glied; sie stiegen nicht so weit in die Materie hinab, daß sie einen physischen Leib nötig gehabt hätten. Ihr niederstes Glied war das Ich, wie Sie heute als niederstes Glied den physischen Leib haben; dann kam ihr Geistselbst oder Manas, ihr Lebensgeist oder Buddhi, der Geistesmensch oder Atma. Aber dafür hatten sie noch ein achtes, neuntes und zehntes Glied entwickelt, die wir also bei ihnen mit aufzählen müssen.
[ 6 ] Die theosophische Literatur nennt diese Glieder, die der Mensch heute noch nicht entwickelt, die «drei Logoi»; im Christentum heißen sie: der Heilige Geist, der Sohn oder das Wort, und der Vater. Also kann man sagen: Wie der Mensch heute aus physischem Leib, Äther-, Astralleib und Ich, Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch besteht, so bestanden diese Wesen, die den Saturn bewohnten, die wir mit dem heutigen Erdenmenschen in seinem Verhältnis zur Erde vergleichen können, aus dem Ich, Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch, dem Heiligen Geist, dem Wort oder dem Sohn, und dem Vater. Die theosophische Sprache nennt sie «Asuras». Sie sind diejenigen, die von Anfang an dieser physischen Anlage des Menschenleibes eingepflanzt haben die Selbständigkeit, das Ich-Bewußtsein und Ich-Gefühl. Sie könnten Ihr Auge gar nicht im Dienste des Ich verwenden, wenn Ihre Anlage damals nicht schon so vorbereitet worden wäre, daß Sie sie in den Dienst des Ich stellen konnten. So sind diese Glieder vorbereitet worden durch die Geister des Ich — auch die Geister des Egoismus genannt. Sie haben uns gegeben, was das Weiseste ist, wenn es richtig ausgebildet wird. Aber alles Höchste wird in sein Gegenteil verkehrt, wirkt am schädlichsten und verderblichsten, wenn es nicht richtig ausgebildet wird. Niemals könnte der Mensch jene hohe Stufe erreichen, die wir als die selbständige Menschenwürde bezeichnen, wenn nicht diese Geister ihm das Ich-Gefühl eingepflanzt hätten. Immer hat es auch Wesen gegeben, welche die böse Bahn eingeschlagen haben. Daher muß gesagt werden: Diese Wesenheiten, welche die Einpflanzer der Ichheit waren, die heute weit über den Menschen erhaben sind, zu denen wir aufschauen als zu den erhabensten, die es geben kann, sie haben die Ichheit in den Dienst der Selbstverleugnung, des Opfers gestellt; die andern haben ihre Ichheit selbstsüchtig weiterverfolgt.
[ 7 ] Wir tragen in uns die Wirkungen jener Geister des Ich, die den guten Weg eingeschlagen haben, in dem Streben nach Freiheit und Menschenwürde, und wir tragen den Keim des Bösen in uns, weil fortgewirkt haben die damals abgefallenen Wesenheiten. Diesen Gegensatz hat man immer empfunden. Das Christentum selbst unterscheidet zwischen dem Vatergott, den das Christentum ansieht als den höchstgestiegenen Geist des Saturn, und seinem Widersacher, dem Geist aller bösen Iche und alles radikal Unmoralischen, der damals auf dem Saturn abgefallen ist. Das sind die beiden Repräsentanten des Saturn.
[ 8 ] Geradeso wie Sie nach dem Tode andere Daseinsformen antreffen, so geht ein solcher Weltenkörper, bevor er in einen neuen Zustand hineinkommt, eine Art Zwischenzustand, eine Art Schlafzustand durch, ein Pralaya, im Gegensatze zu einem Manvantara, so daß zwischen dem Saturn und dem Sonnenzustand eine Art Ruhe, Latenz des Planeten liegt. Dann tritt aus diesem Schlafzustand, der aber ein geistiger Zustand ist und nicht etwa ein Ruhezustand, der ganze Planet in einer neuen Form wieder heraus. Der Saturn kam also als Sonne wieder heraus. Eine beträchtliche Veränderung vollzog sich nun. Eine große Anzahl derjenigen Anlagen, welche sich schon auf dem Saturn entwickelt haben und die heute in uns im Heranwachsen sind, wurden jetzt auf der Sonne von einem Ätherleib durchdrungen. Bei einem solchen Planetenübergang geschieht etwas, was man damit vergleichen kann, daß man von einer Pflanze die Frucht nimmt und sie in den Boden legt: sie verfault, aber es bildet sich die Anlage zu einer neuen Pflanze aus. So ging alles, was auf dem Saturn sich herausgebildet hatte, als Neuanlage auf der Sonne auf und durchdrang sich mit einem Ätherleib. Nicht alles — einiges blieb zurück in der Weise, daß, was früher Anlage zu dem Menschenleib war, sich gespalten hat in zwei Reiche. Ein Teil ist aufgestiegen zu einer Art von Pflanzenmenschen; wie die Pflanze heute ihren Äther- und physischen Leib hat, so hatten die damaligen Sonnenmenschen einen physischen und ÄÄtherleib. Und auf der mineralischphysischen Stufe sind zurückgeblieben andere Wesenheiten, die sich vergleichen ließen mit dem heutigen Mineralreich. Dieses schloß die Sonne als ein untergeordnetes Naturreich in sich ein, und ein anderes hatte sie als ein Pflanzen-Menschenreich hinaufgeschoben. Eine richtige Vorstellung von der Sonnenluft bekommen Sie, wenn Sie sich ein chemisch dichtes Gas vorstellen, das nicht mehr einen bloß spiegelnden Körper vorstellt, sondern jetzt alles, was es zugestrahlt erhielt, in sich aufgenommen hat und erst nachdem es das in sich verändert hat, wieder zurückwirft, wie es heute mit der Farbe der Pflanze ist. Die Pflanze bildet ihren grünen Farbstoff und anderes aus, und gibt das, was sie ausgebildet hat, wieder an den Weltenraum zurück.
[ 9 ] Wir können das, was im Sonnenkörper lebte, nicht mehr vergleichen mit einem Echo oder Spiegelbild wie beim Saturn, sondern eine eigentümliche Erscheinung für die Wesen, die auf der Sonne verkörpert waren, tritt auf, die sich nur vergleichen läßt mit einer Art Fata Morgana, mit Luftspiegelungen, die eine Art farbiger Bilder sind. Solche Erscheinungen, die heute nur in gewissen Gegenden unserer Erdoberfläche wahrzunehmen sind, würden Ihnen versinnlichen können, wie die Pflanzenleiber damals sichtbar geworden sind. Sie müssen sich vorstellen, daß Ihre eigenen Leiber fatamorganartige Vorgänger hatten, durch die ein heutiger Körper einfach hindurchgehen kann. Sie waren so fein wie Luftspiegelungen, aber es war das nicht nur eine LichtFata Morgana, sondern zu gleicher Zeit Ton- und Geruchswirkungen, die den Sonnengasball durchschwirrten. Während nun alle Wesenheiten, die auf der Sonne waren, leuchtend waren, wie heute alles, was Fixstern ist, wirkte das alte Saturnreich derjenigen Wesenheiten, die zurückgeblieben waren, wie ein dunkler Einschluß, wie finstere Stellen dem Licht gegenüber, wie dumpfe Höhlen innerhalb des Sonnenleibes, die seine Harmonie störten. Namentlich in bezug auf das Weltenaroma mischten sich von den zurückgebliebenen Wesenheiten Empfindungen ein, die allerlei Mißgerüche verbreiteten. Das hat unsere Mythe behalten, indem sie sagt, daß der Teufel stinkt und einen bösen Geruch zurückläßt. Bei dem Fortschritt der Sonne ist wirklich auch ein dunkler Einschluß zurückgeblieben, und die heutigen Sonnenflecken sind wirklich die Nachzügler des alten Saturnreiches auf der Sonne. Deshalb sind sie aber hypothetisch genau doch so zu erklären, wie es heute geschieht; das gilt alles.
[ 10 ] So haben wir das Sonnendasein der Erde sozusagen in einer kleinen Skizze seiner materiellen Seite nach gemalt. Wir wollen nun sehen, welche Wesenheiten dazumal die Stufe der Menschen erstiegen hatten. Diese müßten wir so beschreiben, daß wir sagen: Ihr unterster Leib ist der Astralleib, dann kam ihr Ich, Geistselbst, Lebensgeist, ihr Geistesmensch oder Atma, dann im christlichen Sinne der Heilige Geist und dann der Sohn oder das Wort. Der Vater war etwas, was sie nicht hatten, was nur in der Saturnzeit ausgebildet war. Diese Geister sind inzwischen höher gestiegen und stehen heute weit über dem Menschen. Und der Anführer der Sonnengeister, insofern er auf die Erde den höchsten Einfluß ausgeübt hat, der Repräsentant dieser Geister, die als höchstes den Sohn oder das Wort hatten, ist der Christus im esoterischen Sinne des Christentums, der eigentliche Regent der Erde, insofern die Erde das Sonnendasein zur Voraussetzung hat. Nicht auf der Sonne schon würde man ihn Christus genannt haben. Im alten Christentum wurde das immer so gelehrt, und gerade der Unterschied des wirklichen Christentums von dem vielfach auf Mißverständnissen beruhenden exoterischen Christentum ist der, daß das alte Christentum alles Denken und alle Anschauungen anwenden wollte, um zu begreifen, welches jenes hohe Wesen war, das damals Menschengestalt angenommen hatte in dem Jesus von Nazareth. Was da eigentlich zugrunde lag, darüber wollte das alte Christentum eine Anschauung haben und dafür war ihm keine Weisheit zu hoch und zu umständlich, und so hat es die Wesenheit des Christus in dem Jesus von Nazareth geschildert. Manches Wort des Johannes-Evangeliums kann Ihnen erst verständlich werden, wenn Sie es von diesem Gesichtspunkte aus auffassen. Man braucht nur auf eines hinzuweisen: Wenn Sie den Ausspruch «Ich bin das Licht der Welt» wörtlich nehmen, so liegt darin angedeutet, daß Er der große Sonnenheld ist, daß Er das Licht, das der Sonne angehört, zu seiner Wesenheit hat. Wir nennen das ganze Heer der Geister, deren Anführer der Christus ist, die «Feuergeister», und wir sagen: Auf der Menschenstufe standen zur Zeit des Saturn die Asuras oder Ich-Geister, während des Sonnendaseins die Feuergeister oder die Logoi, deren höchsten Repräsentanten man als Logos oder Wort bezeichnet. Daher wird der Christus selbst als das «Wort» bezeichnet, das am Anfang, im Urbeginne war; «Urbeginn» bezeichnet in der Bibel einen ganz bestimmten Ausgangspunkt in der kosmischen Entwickelung.
[ 11 ] Wiederum kommt ein Zwischenzustand, eine Art Schlafzustand des ganzen Weltenkörpers, dann leuchtet er auf als alter Mond. Sie müssen sich denken, daß im Anfang durchaus die heutige Erde und der heutige Mond mit der Sonne einen Körper bildeten. Erst als die Sonne neu aufleuchtete, schnürte sich ein Teil der Wesenheiten mit einem Teil der Umgebung ab, so daß zwei Weltenkörper entstanden. Der eine, die Sonne, fängt an, Fixstern zu werden und wird umkreist von dem, was sich abgespalten hat. Es teilte sich also die alte Sonne in zwei Glieder; höher gearbeitetes Stoffliches blieb auf der Sonne zurück, und das - weniger Vollkommene wurde ausgeschieden, so daß, was früher einen Weg ging, weil nur ein Körper da war, nun zwei Wege ging: den Sonnenweg und den Mondenweg. Der Sonnenweg war derjenige, der sich da auf dem Sonnenkörper ausbildete; der Mond bildete seine eigene Welt aus. Den alten Mond würden Sie bekommen, wenn Sie die heutige Erde mit dem Mond zusammenrühren würden; daraus können Sie sich schon einen Schluß bilden auf die Art der Beschaffenheit des Mondes. Der heutige Mond ist in seiner ganzen Qualität physisch und geistig weit unter der Erde stehend, und die Erde trennte sich gerade deshalb vom Mond, um für ihre Wesen bessere Daseinsbedingungen zu haben. Die Erde hat sich schon wieder weiter gebildet als sie dazumal war in ihrem Mondenzustand. Das Beste blieb ja auf der Sonne zurück.
[ 12 ] Wie sah es nun auf dem Mond aus? Diejenigen Wesen, welche auf dem Saturn sich vorbereitet hatten durch die physische Anlage der Sinnesorgane, hatten diese auf der Sonne so umgestaltet, daß ihnen ein Ätherleib eingegliedert worden war; dadurch hatten sich die Sinnesorgane zentralisiert, und die erste Anlage zu allen Wachstumsorganen bis zu den Drüsen hin hatte sich auf der alten Sonne unter dem Einfluß des Ätherleibes ausbilden können. Es war das ein letztes Produkt des Sonnenzustandes. - Auf dem Mond wurde in ähnlicher Weise der Astralleib eingegliedert. Alles Astrale war ja zuerst in der Umgebung vorhanden — die Feuergeister hatten den Astralleib als das unterste Glied ausgebildet; daher bildeten diese Wesen wirklich eine Art Pflanzen; sie hatten zum Beispiel einen festen Standort. Obwohl der ganze Sonnenkörper gasig war, müssen Sie sich da dichtere Luftschichten denken, die für die Menschenpflanzen Leiber waren. Nun gliederte sich der Astralleib des Menschen ein: dadurch entstand die erste Anlage zu einem Nervensystem. Das Reich, das sich durch den Pflanzenzustand der Sonne hinaufentwickelt hatte, ging über in ein Tierartiges. So hatten die physischen Menschenvorfahren des Mondes die drei Leiber: physischen Leib, Ätherleib und Astralleib, aber sie waren um gut einen Grad höher als die heutigen höchsten Affen; es waren Menschentiere, die Ihnen keine Biologie mehr nachweisen kann, ein Zwischenreich zwischen Mensch und Tier. Unser heutiges Pflanzen-, Tier- und Mineralreich hat sich überhaupt erst später ausgebildet. Aber wie es Menschentiere gegeben hat, so müssen wir auch ein Zwischenreich zwischen Pflanze und Tier annehmen: Pflanzen, die eine halbe Empfindungsfähigkeit hatten, die tatsächlich gequietscht haben, wenn man sie angerührt hat. Diese Pflanzentiere hätten niemals auf einem solchen mineralischen Boden wachsen können, wie der heutige Boden der Erde ist; den gab es aber auch nicht. Der Mond bestand seiner Masse nach nicht aus dem heutigen Mineral, auch nicht einmal so etwas wie Ackererde war vorhanden. Der Mondgrund bestand, wenn man vergleichsweise spricht, aus so etwas, wie wenn man Salat oder Spinat kochen und einen Brei davon machen würde; darin war eine Art Mineralpflanze, und so war der ganze Mondgrund ein pflanzliches Wesen. Wenn Sie heute an Torfmoor denken, so gleicht es dem, was damals ein natürliches Reich zwischen unseren Pflanzen und Mineralien war. Felsen gab es auch nicht; wer über die Erde gewandelt wäre, würde über solchen Torfmoor- oder Pflanzenboden gegangen sein, und für die Felsen können Sie sich als Analoges verholzte Einlagen denken. Aus diesem ganzen Grunde heraus wuchsen die Pflanzentiere, und darüber bewegten sich dann diejenigen Wesenheiten, die Menschentiere waren, in dem Umkreis des Mondes, den man mit «Feuerluft» bezeichnet. Denken Sie sich die ganze Luft ausgefüllt mit Salpeter-, Kohlen- und Schwefelsäuredämpfen; in dieser feurigen Luft, die Sie so bekommen würden, lebten die Mondenmenschen. Der Okkultist kannte immer diese Feuerluft; und unter den alten Erdverhältnissen gab es sogar die Möglichkeit, chemisch solche Feuerluft herzustellen, was heute nur in ganz kleinem Kreise geschehen kann. Das Wissen davon hat sich die echte Alchimie bewahrt. Wenn Sie daher im «Faust» lesen: «ich will ein wenig Feuerluft machen», so ist das ein Anklang an die Tiefen des Okkultismus. Feuerluft umhüllte den Mond, das war seine Atmosphäre.
[ 13 ] Dieses Monddasein werden wir vielleicht noch besser verstehen, wenn wir noch etwas hinzu erwähnen. Ein Reich von Pflanzenmineralien hatten wir, von Tierpflanzen, die aus dem Pflanzenmineralboden herauswuchsen, und dann Tiermenschen, die sich darauf herumbewegten. Auf jeder Stufe gibt es aber nun solche Wesen, die zurückbleiben; nennen Sie es meinetwegen sitzenbleiben. Nicht nur in der Schule, sondern auch in der großen Entwickelung gibt es so etwas wie ein Sitzenbleiben, wo ein Schüler noch einmal dieselbe Klasse durchmachen muß. Solche Sitzengebliebenen erscheinen in ganz merkwürdigen Verhältnissen in den späteren Entwickelungsstadien. Wir haben die sitzengebliebenen Nachzügler der Tierpflanzen in den Parasiten, zum Beispiel in der Mistel. Sie kann deshalb nicht in mineralischem Boden wachsen, weil sie gewohnt war, im Pflanzenmineralboden zu wachsen. Sie ist ein Zeugnis für das, was so etwas wie einen sitzengebliebenen Schüler darstellt; nur geht es den Wesen, die in der Weltentwickelung zurückbleiben, noch viel schlimmer. Das hat wiederum die Mythe gerade in den nördlichen Gegenden zum Ausdruck gebracht. Sie kennen in der nordischen Mythe die Erzählung von Baldur und seinem Tod durch Loki.
[ 14 ] Einst trieben die Götter Lustbarkeiten im Asenheim, und sie warfen im Himmel spielend herum mit den verschiedensten Gegenständen. Aber vorher hatte Baldur Träume, die auf seinen baldigen Untergang hindeuteten; deshalb waren die Götter ängstlich, daß sie ihn verlieren könnten. Die Göttermutter hatte darauf allen Wesen Eide abgenommen, daß sie nie Baldur verletzen würden; denn die Götter hatten sich den Spaß gemacht, mit allen möglichen Dingen nach Baldur zu werfen. Loki, welcher der Gegner der Götter war, hatte erfahren, daß einem Wesen, das man für unschädlich hielt, dieser Eid nicht abgenommen war, der Mistel, die fern irgendwo verborgen war. Da verschaffte er sich die Mistel und gab sie dem blinden Gotte Hödur, der damit nach Baldur warf; die Mistel verwundete Baldur, da ihr der Eid nicht abgenommen war, und so starb Baldur. — Es soll in dieser Mythe angedeutet werden, daß dasjenige, was auf der Erde unverletzlich ist, durch nichts geschädigt werden kann als allein durch das, was als nun Schlechtes von einem andern Dasein zurückgeblieben ist. In der Mistel wurde etwas empfunden, was aus einem früheren Dasein in das jetzige hereingebracht worden ist. Alle die Wesen, die heute auf der Erde sind, haben ein Verhältnis zu Baldur. Auf dem Monde war es anders; daher ist das Wesen, das vom Monde zurückgeblieben ist, fähig, Baldur zu töten. Auch sonst sind die verschiedenen Bräuche, die an die Mistel anknüpfen, daraus entstanden.
[ 15 ] Dieses Mondendasein müssen wir noch nach einer andern, nach der geistigen Seite hin betrachten. Seine Wesenheiten, die damals Menschenstufe hatten, müssen wir beschreiben als Wesen, die als unterstes Glied den Ätherleib hatten, als zweites den Astralleib, dann das Ich, Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch oder Atma, und dann hatten sie noch den Heiligen Geist. Sie hatten nicht mehr das neunte Glied, das nur noch den Sonnen-Feuergeistern eigen war. Den höchsten dieser Geister des Mondes, die damals Menschenstufe hatten, nennt man in der christlichen Esoterik den Heiligen Geist. So ist also die dreistufige Gottwesenheit in dem ursprünglichen Christentum in innerlichen Zusammenhang gebracht mit der Erdenentwickelung, und der Heilige Geist ist der über dem Menschen stehende Geist, der ihn unmittelbar inspirieren kann.
[ 16 ] So sehen Sie, daß die Geister des Mondes heute über dem Menschen stehen. Man nennt sie auch «lunarische Pitris», Mondväter, auch Geister des Zwielichts. Die ganze Schar aber, die zum Heiligen Geist gehörte, wird in der christlichen Esoterik die Schar der Engel genannt. Die Engel sind nichts anderes als diejenigen Geister, die unmittelbar über den Menschen stehen und die auf dem Monde ihr Menschendasein hatten.
[ 17 ] Das Leben der Tiermenschen und der Pflanzentiere auf dem Monde war anders als das Leben der Wesenheiten, die sich aus ihnen auf der Erde entwickelt haben. Die Bewegung des Mondes, der ja schon von der Sonne abgeschnürt war, war eine ganz andere als die Bewegung der heutigen Erde um die Sonne. Jener Mond drehte sich um die Sonne so herum, daß er ihr immer dieselbe Seite zuwendete, wie auch heute noch der Mond der Erde, so daß also der Mond sich nur einmal um sich selbst drehte, während er um die Sonne kreiste. Daher waren alle Wesenheiten in ganz anderer Weise von dem Sonnendasein abhängig, als sie es heute auf der Erde sind. Während der ganzen Umlaufzeit des Mondes um die Sonne war es auf der einen Seite immer Tag, auf der andern eine Art Nacht. Die Wesen, die damals schon ihren Ort verlassen konnten, wanderten in einer Art von Kreis um den Mond herum, so daß sie eine Zeit hatten, in der sie unter den Einfluß des Mondes kamen. Die Zeit, in der sie unter dem Einfluß der Sonne standen, war die Zeit, in der sie sich fortpflanzten. Es gab schon damals eine Fortpflanzung. Bei den Mondmenschen gab es noch nicht die Möglichkeit, daß sie durch Töne ihren Schmerz, ihre Lust ausgedrückt hätten; was sie ausdrückten, hatte eine mehr kosmische Bedeutung. Die Sonnenzeit war die Zeit der Brunst, die aber, wenn sie durchlebt wurde, verknüpft war mit einem furchtbaren Geschrei der Wesen, und das hat sich heute noch erhalten bei den Tieren.
[ 18 ] Noch manches andere von diesen Dingen ist zurückgeblieben. Sie wissen, wie man nachforscht nach dem Grund des Zuges der Vögel, die auch in gewisser Weise den Erdball umkreisen. Viele der Dinge, die heute geheimnisvoll verborgen sind, verstehen wir, wenn wir den ganzen Werdegang unseres Erdendaseins betrachten. Es gab eine Zeit, wo sich die Wesen nur dann zur Fortpflanzung anschiickten, wenn sie zur Sonne hin wanderten; man kann das die Periode des Geschlechtslebens nennen. Allgemeine Vorgänge des lunarischen Lebens drückten sich aus in Tönen, die zu gewissen Jahreszeiten auftraten; in den anderen Zeiten des Jahres war es stumm auf dem Monde.
[ 19 ] So haben wir kennengelernt den Durchgang der Erde durch ihre drei früheren Zustände: Saturn, Sonne und Mond.
