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The Rudolf Steiner Archive

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Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
GA 100

18 November 1907, Basle

Das Johannes-Evangelium III

[ 1 ] Die einzelnen Begriffe des Johannes-Evangeliums sind von solcher Tiefe, daß wir erst dann diese Urkunde richtig und in allen Teilen verstehen, wenn wir uns durch die Kenntnis der Entwickelung unseres Planeten eine genügende Grundlage hierzu geschaffen haben.

[ 2 ] Es besteht eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen dem Anfange des Johannes-Evangeliums und dem der Bibel. In der Bibel heißt es: «Im Urbeginne schuf die Gottheit Himmel und Erde» und im Johannes-Evangelium lautet der Anfang: «Im Urbeginne war das Wort.» Diese ersten Worte bilden den Grundton des ganzen Johannes-Evangeliums. Die Entwickelung der Erde kann nur dann richtig verstanden werden, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß bei derselben die gleichen Gesetze zur Geltung kommen wie bei der Entwickelung des einzelnen Menschen. Der uns sichtbare Planet ist für die geisteswissenschaftliche Betrachtung nur der Leib des in ihm wohnenden Geistes. Diese geistige Wesenheit macht ebenso wiederholte Verkörperungen durch wie der Mensch. Für die Geistesforschung sind drei Verkörperungen erkennbar, bis die Erde in den heutigen Zustand gekommen ist. Damit soll nicht gesagt sein, daß sie vorher nicht schon andere Verkörperungen durchgemacht hat; aber für den höchsten Hellseher sind nur drei Verkörperungen, die vorhergegangen sind, und drei, die nachfolgen, erkennbar. Dies macht mit der jetzigen Verkörperung zusammen sieben. In dieser Zahl Sieben liegt kein Aberglaube. Wenn ich auf einem fernen Felde stehe, so sehe ich nach allen Richtungen gleich weit. Ähnlich ist es beim Hellseher, auch er sieht zeitlich nach vorwärts und rückwärts gleich weit. Diese sieben Verkörperungen der Erde heißen in der Geheimwissenschaft: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus und Vulkan. Diese Namen bezeichnen nur Zustände einer und derselben Wesenheit.

[ 3 ] Der Saturn ist ein in urferner Vergangenheit liegender Zustand unserer Erde. Der jetzige Planet Saturn verhält sich zur jetzigen Erde wie ein Kind zum Greis. Die Erde war einmal im Saturnzustand, wie der Greis einmal ein Kind war. Auch die folgende Verkörperung ist nicht so aufzufassen, als ob die Menschheit je einmal auf dem Jupiter wandeln würde, sondern die Erde erreicht in ihrer nächsten Verkörperung denjenigen Zustand, in dem sich der jetzige Planet Jupiter gegenwärtig befindet.

[ 4 ] Zwischen zwei planetarischen Verkörperungen liegt eine Art von himmlischem oder geistigem Devachan, ein Pralaya. Die Zeit zwischen zwei planetarischen Zuständen ist, ebenso wie beim Menschen die Zeit zwischen zwei Erdenleben, keine Zeit der Ruhe, sondern eine Zeit geistiger Tätigkeit und Vorbereitung für die nächste Zukunft, für das nächste Leben. Nach außen erscheint dieser Zustand als ein dämmerhafter. Als die Erde aus dem Pralaya hervortrat, um in den Saturnzustand überzugehen, war sie nicht so beschaffen wie heute. Wenn man alles das, was Erde, Sonne und Mond an Substanz und Wesenheit ausmachen, durcheinandermischen und einen einzigen Körper daraus bilden könnte, würde man dasjenige erhalten, was die Erde ausmachte, als sie aus jenem dämmerhaften Dunkel in den Saturnzustand überging. Sie trat heraus nicht als ein von Wesen verlassener Körper. Auch die heutige Menschheit war bereits dort vorhanden, aber in einem Zustande, der demjenigen des Planeten angepaßt war. Auf dem Saturn wurde die erste Anlage zum physischen Leib gebildet. Eine Vorstellung von der damaligen physischen Beschaffenheit des Menschen erhalten wir, wenn wir uns den stofflichen Zustand des Planeten begreiflich zu machen versuchen. Auf dem Saturn gab es nicht solche Zustände der Körperlichkeit, wie wir sie heute antreffen. Es gab keine festen, flüssigen oder gasförmigen Stoffe; die Materie war vielmehr in einem Zustand, den der heutige Physiker gar nicht mehr als körperlich anerkennen würde.

[ 5 ] Die Geheimwissenschaft kennt vier Zustände des Stoffes: Erde, Wasser, Luft und Feuer oder Wärme. Erde bedeutet alles, was fest ist; also auch gefrorenes Wasser oder Eis ist für die Geheimwissenschaft Erde. Wasser ist alles, was flüssig ist; also geschmolzenes Eisen oder Stein ist auch Wasser. Luft ist alles, was gasförmig ist, also auch Wasserdampf. Feuer oder Wärme ist nach der jetzigen Auffassung der Physiker nur eine Eigenschaft des Stoffes, und zwar ein äußerst rasches Schwingen seiner kleinsten Teilchen. Für die Geheimwissenschaft ist Wärme aber ebenfalls ein Stoff, nur noch viel feiner als Luft. Wenn ein Körper erhitzt wird, so nimmt er nach der Geheimwissenschaft Wärmestoff auf; erkaltet er, so gibt er Wärmestoff ab. Der Wärmestoff kann sich zu Luft, diese zu Wasser, dieses zu Erde verdichten. Alle Stoffe waren einmal als bloßer Wärmestoff da. Als die Erde im Saturnzustand war, da gab es nur Wärmestoff.

[ 6 ] Die erste Anlage des menschlichen Körpers war ebenfalls nur aus Wärmestoff gebildet, jedoch waren einige Organe bereits angedeutet. Aber nicht nur der Keim zum physischen Körper war vorhanden, sondern auch der Geist, das tiefste Innere des Menschen, Geistesmensch oder Atma. Dieser Geistesmensch ruhte im Schoße der Gottheit, welche die geistige Atmosphäre des Saturn bildete. Er war ebensowenig ein selbständiges Wesen, wie unser Finger ein solches ist. Erst am Ende der Vulkanperiode wird er selbständig sein.

[ 7 ] In der nun folgenden Epoche, der Sonnenperiode, hatten sich die Stofflichkeit und auch die menschlichen Leiber aus dem Wärmezustand in den luftförmigen Zustand verdichtet. In der Folge bildete sich beim Menschen zu dem bestehenden physischen Körper noch der Ätherkörper, und auf der geistigen Seite steigt die Gottheit sozusagen um eine Stufe herunter und bildet den Lebensgeist oder Buddhi.

[ 8 ] In der Mondperiode verdichtet sich die Stofflichkeit zum Flüssigen, und der dichteste Stoff könnte in bezug auf seine Konsistenz mit dem Wachs verglichen werden. Auch der Mensch entwickelte sich weiter, und es bildet sich einerseits der Astralleib aus, andererseits, von der geistigen Seite, das Geistselbst oder Manas. Der damalige Mensch besaß aber noch kein Ich; er war dem jetzigen Tiere zu vergleichen, nur im Aussehen von ihm verschieden.

[ 9 ] Als nach der Ruhepause, welche der Mondphase folgte, die Erde zur jetzigen Entwickelungsperiode wieder hervortrat, barg sie in sich an Stoffen und Wesenheiten das, was die jetzige Sonne, die Erde und der Mond enthalten. Der Mensch war auf der Seite der Stofflichkeit so weit verfeinert, daß sein Astralleib fähig wurde, ein Ich aufzunehmen, indem sich dieser Astralleib zu einem Ich-Träger formte. Auf der andern Seite hatte sich der Geist so weit verdichtet, daß er, einem Wassertropfen vergleichbar, als Ich die niederen Leiber befruchten konnte.

Atma Atma Atma Atma, Geistesmensch
Buddhi Buddhi Buddhi, Lebensgeist
Manas Manas, Geistselbst
Ich
Saturn Sonne Mond Erde
Ich-Träger
Astralleib Astralleib
Ätherleib Ätherleib Ätherleib
Physischer Leib Physischer Leib Physischer Leib Physischer Leib

[ 10 ] Das erste bedeutende kosmische Ereignis ist die Abtrennung der Sonne von der Erde. Diese Abtrennung war notwendig, um den höheren geistigen Wesenheiten, welche bis jetzt mit der Menschheit verbunden und nun zu höherer Tätigkeit reif geworden waren, einen passenden Schauplatz zu verschaffen. Diese höheren Wesenheiten hatten das Ziel der Menschheitsentwickelung schon im Saturnzustand erreicht. Sie waren damals schon auf derjenigen Stufe der Entwickelung, welche der Mensch erst in der fernen Vulkanperiode der Erde erreichen wird. Wieder andere höhere Wesenheiten hatten im früheren Sonnenzustand der Erde den Entwickelungsgrad erreicht, den die Menschheit in der Venusperiode erreichen wird. Diese letzteren Wesenheiten sind es, die uns jetzt ihre Kraft mit dem physischen Sonnenlichte zusenden. Beide Arten von Wesenheiten trennten sich von der Erde und bildeten unter Mitnahme der feinsten Kräfte und Stoffe die jetzige Sonne.

[ 11 ] Es war eine trübe Zeit, als die Sonne aus der Erde ausgeschieden, der Mond dagegen noch in ihr war. Den Menschen drohte ein Aufgehen in der bloßen Form, ein Ersterben alles Geistigen, aller Entwickelungsmöglichkeiten. Sonne und Erde, miteinander verbunden, hätten eine so rasche Entwickelung des Menschen nach dem Geistigen hin veranlaßt, daß die Menschen sich nicht hätten körperlich entwickeln können. Wären die Mondkräfte mit den Erdkräften in Verbindung geblieben, so wäre alles Leben in bloßer Form erstarrt. Zu Statuen wären die Menschen geworden, ein «kristallisiertes Menschenvolk», wie Goethe im «Faust» II sagt, wäre entstanden.

[ 12 ] Durch das Abtrennen der Sonnen- und Mondkräfte von der Erde ist jenes Gleichgewicht zwischen Leben und Form gegeben worden, das für dieMenschheitsentwickelung notwendig war. Nur weil dieseKräfte nunmehr von außen auf den Menschen wirken, kann der Mensch sich richtig entwickeln. Die von der Sonne kommenden Kräfte schaffen und befruchten das Leben. Was dieses Leben in feste Formen gießt, kommt von dem Monde. Dem Monde verdanken wir die Entstehung des physischen Leibes, wie wir ihn heute haben, was sich aber hineinsenkt in diesen Leib, das Leben, kommt von der Sonne.

[ 13 ] Diese beiden Strömungen von Sonne und Mond wirken deshalb immer in der richtigen Weise, weil eine der Sonnenwesenheiten sich mit dem Monde verbunden hat. Die Wesenheiten, die auf der Götterstufe standen, sind mit der Sonne ausgeschieden; eine dieser Wesenheiten hat sich jedoch abgegliedert und den heutigen Mond zum Wohnsitz genommen. Diesen mit dem Mond verbundenen Geist nennt man Jehova, den Gott der Form oder die Mondgottheit. Dieser Gott Jehova oder Jahve formte die drei Leiber des Menschen so, daß sie fähig wurden, den Ich-Tropfen aufzunehmen. Den Menschenleib formte Jehova zu seinem Bilde, «zum Bilde Gottes schuf er ihn» (1. Moses, 1,27).

[ 14 ] Diese Entwickelungslehre bildete das Wissen der Geheimschulen aller Zeiten. In der christlichen Geheimschule des Areopagiten Dionysius vernahm der Schüler dieses etwa in folgender Weise: Betrachtet die Reiche der Lebewesen auf der Erde. Ihr seht die Steine. Stumm sind sie. Sie drücken nichts aus von ihrem Leid und ihrer Freude. Sehet die Pflanzen. Noch sind sie stumm, auch sie drücken nichts aus von Leid und Freude. Die Tiere haben sich über die Stummheit erhoben. Wenn ihr mit geistig geschärftem Blick die Entwickelung verfolgen würdet, so würdet ihr sehen, daß in den Tönen der Tiere einer urfernen Vergangenheit das gleiche zum Ausdruck kommt, was den Kosmos durchtönt. Je mehr ihr zum Menschen hinaufsteigt, desto mehr werdet ihr finden, wie der Ton Ausdruck von eigenem Schmerz und eigener Lust wird. Erst dem Menschen ist es gegeben, in den Ton das hineinzulegen, was vom individuellen Geiste ausgeht. Das Tier brüllt hinaus, was in der Natur vorgeht; aber der Ton wurde zum Worte, als Jahve die Menschenleiber so geformt hatte, daß die geistigen Wesenheiten der Sonne sich hineinversenken konnten. Wenn der Ton zum Worte wird, tönt der Geist in den astralischen Leib. Sinn und Bedeutung schlug ein in den Ton, als die höheren Sonnenmächte hineindrangen in die Formen, die von Jahve gebildet waren. Als das erste Wort im Menschen erklang, da war sein eigentlicher geistiger Anfang.

[ 15 ] Hier sind wir nun an dem Punkte, den der Evangelist im 1. Kapitel, 1.Vers berührt: «Im Urbeginne war das Wort...» Der oberste Geist, der mit der Sonne verbunden ist und die Iche nach der Erde sandte, heißt in der Geheimlehre Christus, Die Iche als Glieder des Sonnenlogos strömten aber nur allmählich in die Formen ein. Das Licht strömte vom Sonnenlogos aus, aber wenige nahmen es in jenen alten Zeiten auf; diejenigen aber, die es aufnahmen, die wurden anders als ihre Mitmenschen. Man nannte sie Gottes Kinder oder Gottes Söhne (Kap. 1, Vers 12). Sie bestanden aus vier Gliedern: physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, wenn auch das vierte, das jüngste Glied, noch schwach und dunkel war. Das Licht soll aber zu allen Menschen kommen; es braucht jedoch Zeit dazu. In Vers acht bis vierzehn wird darauf hingewiesen. Es waren aber einzelne Menschen, die bereits das Licht in hohem Grade aufgenommen hatten, so daß sie davon wußten und Zeugnis ablegen konnten. Sie belehrten andere. Diejenigen, welche aus eigener Erfahrung und nicht von andern belehrt vom Lichte Zeugnis abgelegt und darauf hingewiesen haben, daß einer kommen werde, welcher zum ersten Male an alle das Licht heranbringt, diese heißen in der Geheimlehre Johannes (Kap.6 und 7). Der Schreiber des JohannesEvangeliums ist ein solcher «Johannes». Im 1.Kapitel, Vers 18 heißt es: «Niemand hat Gott je gesehen ...», das heißt niemand vor Johannes, denn erst mit Christus Jesus wurde er personifiziert. Das größte Ereignis für die Entwickelung des Kosmos und der Menschen ist das Ereignis von Golgatha.