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The Rudolf Steiner Archive

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Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
GA 100

21 November 1907, Basle

Das Johannes-Evangelium VI

[ 1 ] Zu den wichtigsten Geheimnissen aller Geheimschulen, auch der dionysischen, gehört das sogenannte Zahlengeheimnis. Niemand vermag eine Geheimschrift zu lesen, der nicht imstande ist, das Zahlengeheimnis zu entziffern. Wo in Religionsurkunden Zahlen vorkommen, liegt immer ein tiefer Sinn zugrunde. Auch die Schule des Pythagoras ist auf das Zahlengeheimnis gegründet. Wenn es auch wahr ist, daß der Buchstabe tötet, so muß man beim Auslegen von Geheimschriften dem Buchstaben doch einen ganz gewissen Wert beimessen, sonst läuft man Gefahr, daß man in diese Schrift den Geist hineindeutet, den man darin haben will. Im Johannes-Evangelium finden wir mannigfaltige Zahlen von geheimer Bedeutung. Im fünften Vortrag war die Rede von den drei Frauen, die am Kreuz standen, von der Jungfraumutter Sophia, der Maria und der Magdalena. Im heutigen Vortrag wollen wir zunächst eine andere Zahlenbetrachtung zugrunde legen.

[ 2 ] Erinnern wir uns zunächst an das Gespräch des Christus Jesus mit der Samariterin (Kap. 4, 7ff.). Christus spricht die bedeutungsvollen Worte: «Fünf Männer hast du gehabt, und den du nun hast, der ist nicht dein Mann.» Und noch einmal kommt die Zahl Fünf vor, bei der Heilung des achtunddreißig Jahre lang Kranken (Kap. 5,5). Der Teich Bethesda hat fünf Hallen. Wir wollen etwas näher auf die Bedeutung dieser mystischen Fünfzahl eingehen. Betrachten wir die menschliche Wesenheit im Zusammenhang mit der Entwickelung der Menschheit. Wie wir gesehen haben, ist der Mensch zusammengesetzt aus neun Teilen, die sich aber auf sieben zurückführen lassen. In der Entwickelung des Menschen kommen nach und nach diese sieben Leiber zur Entfaltung. Beim heutigen Menschen sind noch nicht alle sieben Glieder entwickelt. Der Durchschnittsmensch ist bis zur Bewußtseinsseele entwickelt, das Geistselbst steht erst im Beginne seiner Entfaltung. Gehen wir zurück bis zu dem Zeitpunkt der Menschheitsevolution, wo der Mensch gelernt hat, bewußt zu sich «Ich» zu sagen. Diesem Zeitpunkt ging die alte atlantische Epoche voran, in welcher die Menschen noch mit dämmerhaften hellseherischen Kräften ausgestattet waren. In der Gegend von Atlantis, die dem heutigen Irland entspricht, wohnte ein atlantisches Volk, welches in der Entwickelung so weit fortgeschritten war, daß sich bei ihm die Deckung des Äther- und des physischen Kopfes herausbildete.

[ 3 ] Dies war das zu jener Zeit am weitesten fortgeschrittene Volk, und es war bestimmt, der Träger der zukünftigen Entwickelung zu werden. Ein sehr fortgeschrittener Geist, Manu, leitete diese Gruppe gegen Osten durch das heutige Rußland nach Mittelasien in die Gegend der heutigen Wüste Gobi. Dort wurde eine Kolonie gegründet, von der aus Gruppen nach den verschiedensten Richtungen ausgesandt wurden und die Kultur dieser Gruppe verbreiteten. Dies geschah zu der Zeit, wo der atlantische Erdteil allmählich unterging. Das heutige Afrika und Europa ‚kamen allmählich aus den Fluten empor. Eine andere Atlantiergruppe zog von ihren Wohnsitzen aus nach Westen und bildete die Urbevölkerung des heutigen Amerika, bei dessen Wiederentdeckung durch die Europäer sie aufgefunden wurde. Auch nach dem Norden Europas zog eine Gruppe. Alle diese Gruppen haben ihre hellseherischen Erinnerungen in alten Sagen und Mythen bewahrt. Wenn wir diese Sagen und Mythen einmal richtig verstehen, wird manches Dunkel, das jetzt noch auf der Menschheitsgeschichte lastet, erhellt werden; dann werden wir manches jetzt noch Unverständliche verstehenlernen. Nur dürfen wir bei der Erklärung dieser Sagen und Mythen nicht pedantisch zu Werke gehen. Wir müssen wissen, in welch komplizierter Weise die hellseherischen Erfahrungen und die Phantasie bei Schaffung dieser alten Sagen mitgespielt haben. In dieser Zeit des ersten Aufleuchtens des Ich in der Persönlichkeit hat der Mensch in höherem Maße in seiner Umgebung gelebt als später. Er nahm auch weniger die äußeren Umrisse der ihn umgebenden Gegenstände wahr als vielmehr die inneren Eigenschaften und das Verhältnis, das sie zu ihm einnahmen, ob sie ihm nützlich oder schädlich, freundlich oder feindlich waren. Je mehr das Ich in der menschlichen Persönlichkeit eingeschlossen wurde, desto mehr nahmen die hellseherischen Fähigkeiten ab, während die Formen der Außenwelt mehr und mehr vor dem physischen Auge aufleuchteten. Wenn wir uns diese Tatsache vorstellen, können wir leicht begreifen, daß der Eintritt des Ich eine gewaltige Änderung hervorrief. Vorher sah der Mensch seinen eigenen Leib nicht, nun fing er an, ihn als sein Ich zu bezeichnen.

[ 4 ] Atlantis war in der letzten Zeit ein Nebelland, mit dichtem Nebel bedeckt; es gab nicht die Abwechslung von Regen und Sonnenschein, auch nicht die Erscheinung des Regenbogens. Dieser konnte erst in der nachatlantischen Zeit entstehen, als die Nebelmassen sich verteilten. Dieses Ereignis ist im Volksbewußtsein lebendig geblieben als die Sage von Heimdall und in der Erzählung von Noah und der Arche. Die Erinnerung an das Nebelland hat sich erhalten in der nordischen Bezeichnung Niflheim, Nebelheim. Auch den Einschlag des Ich in die menschliche Persönlichkeit haben sich die nordischen Völker bewahrt in der Nibelungensage. Und zwar ist das Ich dort unter dem Symbolum des Goldes dargestellt. Das Gold war aufgelöst im Wasser, es hat sich aber zusammengezogen in den Ring, den Schatz der Nibelungen: das bisher in der ganzen Welt verteilt gewesene Ich hat sich zusammengezogen in die feste Menschenform. An der Bearbeitung dieser Sage durch Wagner kann man recht das unbewußte Empfinden des schaffenden Künstlers wahrnehmen. Wagner hatte nicht das ganze Bewußtsein dessen, was er in seinem Werke schuf, aber ein unterbewußtes Wissen leitete ihn. So dürfte zum Beispiel Wagner das zum Bewußtsein gekommene Ich im Orgelpunkt, der sich durch die ganze Ouvertüre der Oper «Rheingold» durchzieht, charakterisiert haben.

[ 5 ] Drüben im Fernen Osten war unter der Führung einer hochentwikkelten Individualität die erste Kultur entstanden, von der die alten Veden noch Zeugnis ablegen. Der erste Einschlag dieser Kultur wurde gegeben nach Süden in der alten indischen Kultur. In den alten indischen Mythen und Sagen, den religiösen Urkunden, sind die Berichte dieser Tatsachen aufbewahrt, sie können von den Hellsehern gelesen werden. Manches scheinbar Widersprechende enthüllt sich da als tiefste Wahrheit. Diese Kultur hatte noch deutliche Erinnerungen an das frühere alte Hellsehen bewahrt und hatte noch tiefe Sehnsucht nach ihm empfunden als nach einem kostbaren, leider verlorengegangenen Gut. Die Menschen waren noch so sehr von der Wirklichkeit der geistigen Welt durchdrungen, daß sie die physische als Maja, Täuschung bezeichneten. Daher versuchten sie auch dieses verlorene Gut dadurch wiederzuerlangen, daß sie den Blick vom Irdischen weg und ständig nach dem Geistigen richteten. Dies ist der Ursprung der Jogaübungen, die durch ein Herabdämpfen des Bewußtseins in die geistige Welt hineinzuführen suchen. Sie wollten ein Zurückkehren in den alten Dämmerzustand; sie suchten den Weg, der in das verlorene Paradies zurückführt. In der ganzen atlantischen Zeit war die äußere Welt den Menschen nur in verschwommenen Umrissen wahrnehmbar gewesen. Die Atlantier lebten noch vorwiegend in der geistigen Welt. Die ganze nachatlantische Zeit bedeutet für den Geistesforscher nur eine nach und nach erfolgende Eroberung des physischen Planes. Die erste nachatlantische Kulturepoche, die indische, hatte noch wenig Sinn für das, was draußen in der physischen Natur ist, die den Eingeweihten als eine absolute Illusion galt, aus der sie in die einzige Realität, die geistige Realität, zu gelangen suchten.

[ 6 ] Der zweite Einschlag war die altpersische Kultur. Der Perser steht der Außenwelt schon näher als der Inder; er kennt die Erscheinung des Guten und des Bösen, dargestellt durch die Götter Ormuzd und Ahriman. Er sucht sich mit dem ersteren zu verbinden, um letzteren zu bekämpfen. Die Erde ist ihm ein Arbeitsfeld, um den Geist einzugliedern in das physische Dasein. Die dritte Kulturepoche ist die ägyptisch-assyrisch-chaldäisch-babylonische Kultur. Der Mensch hat einen weiteren Schritt vorwärts getan in der Eroberung des physischen Planes. Für den Perser war die Welt physisch noch ein undifferenziertes Arbeitsfeld. Jetzt wendet der Mensch schon sein Wissen an, um die Kräfte des Bodens sich dienstbar zu machen. Er kennt die Geometrie, um sein Land einzuteilen; sein Blick geht auch über die Erde hinaus zu den Sternen, und so entsteht die Astronomie.

[ 7 ] Die vierte ist die griechisch-lateinische Kulturepoche. Während der Mensch sich bisher in der Wissenschaft mit der äußeren Kultur beschäftigt hat, legt er nun sein eigenes Innere, das spezifisch Menschliche in die Materie hinein. Wir sehen in den von ihm gefertigten Kunstwerken seine eigene Gestalt wiedererscheinen; in dem von ihm verfaßten Epos und Drama schildert er seine eigenen seelischen Eigenschaften. Der Römer ist der Bürger, der seine eigene Gesetzmäßigkeit hinausprojiziert und so den Staat und die Jurisprudenz herausbildet. Im fünften Zeitalter, in dem wir bis jetzt leben, hat der Mensch es in der Beherrschung der Außenwelt noch weiter gebracht. Unsere Epoche bedeutet den tiefsten Abstieg des Geistes in die Materie seit der atlantischen Zeit. Dieser Abstieg mußte kommen, wenn die Menschheit vorwärtsschreiten sollte. Nur nachdem der Geist vollständig in die Materie hinuntergestiegen ist, kann sein Aufstieg wieder beginnen. Unser Zeitalter hat eine große Wissenschaftlichkeit entwickelt, mit deren Hilfe wir die verschiedensten Naturkräfte beherrschen können. In Urzeiten, wo der Mensch seine Getreidekörner in primitiver Weise zwischen zwei Steinen zermalmte, bedurfte es keines großen Aufwandes an geistiger Kraft, um seine geringen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Ganz anders ist es in unserer Zeit. Denken wir nur an den ungeheuren Aufwand von geistiger Kraft, welcher notwendig ist, um die materiellen Bedürfnisse des modernen Menschen zu befriedigen. Wir haben Lokomotiven, Dampfschiffe, Telephon, elektrisches Licht. Eine Unsumme von geistiger Kraft ist hier in die Materie hineingelegt worden. Die geistigen Interessen des Menschen treten dabei aber gänzlich in den Hintergrund. Wir sehen also, daß die ganze geistige Entwickelung der Menschheit in der nachatlantischen Zeit einen Abstieg des menschlichen Geistes in die Materie bedeutet. Der Zweck dieses Abstieges ist aber die Überwindung der Materie, dieses großen Gegners des Geistes. Denn nach dem tiefsten Abstieg muß nun ein Aufsteigen zum bewußten spirituellen Leben beginnen.

[ 8 ] Wir können den Gang der Menschheitsgeschichte in der nachatlantischen Zeit durch nebenstehende Kurve darstellen.

[ 9 ] Dasjenige, was den Aufstieg bewirken soll, ist die Kraft des Christentums. In der Mitte der vierten Kulturepoche, noch lange bevor der tiefste Punkt der absteigenden Linie erreicht ist, geht der Stern des Christentums auf. Es erscheint der Christus Jesus als die hohe Persönlichkeit, die der Menschheit die Kraft bringt für den späteren Aufstieg in den Geist. Alle vorhergehenden Kulturepochen können auch als Vorbereitung des Christentums betrachtet werden. In der fünften Kulturepoche hat das Christentum die stärkste Belastungsprobe auszuhalten, da das materialistische Denken die spirituellen Wahrheiten des Christentums verdunkelt. Im sechsten Zeitalter wird das Christentum die Menschheit zum großen Bruderbunde vereinigen, und als Vorbote, als Verkünder dieser kommenden Zeit ist die Theosophie zu betrachten, welche die Spiritualisierung der Menschheit vorbereitet. Die im Christentum der Menschheit gegebenen Lehren sind so tief, so weisheitsvoll, daß keine kommende Religion imstande sein wird, das Christentum zu ersetzen oder zu verdrängen. Das Christentum hat die Fähigkeit in sich, sich allen Kulturformen der Zukunft anzupassen.

[ 10 ] Es soll noch eine andere Seite der Menschheitsentwickelung betrachtet werden. In der atlantischen Zeit wurde der physische Körper ausgebildet, und der Mensch besaß, als der atlantische Erdteil überflutet wurde, ungefähr dieselbe Gestalt, die er heute hat. Nun begann die Ausbildung der geistigen Glieder. In der indischen Kulturepoche wurde der Ätherleib entwickelt. Das indische Volk als erster Kulturzweig der nachatlantischen Zeit war für das geistige Leben sehr empfänglich. Dies hängt mit der besonderen Ausbildung des Ätherleibes zusammen.

[ 11 ] Als Zwischenbemerkung könnte folgendes eingeschaltet werden. Unsere heutige europäische Kultur ist sowohl von der altindischen als auch von der jetzigen indischen sehr verschieden, und so ist es begreiflich, daß die Mittel und Wege, welche einen Inder und einen Europäer zum spirituellen Leben führen, verschieden sein müssen. Die Jogaübungen, welche für den Inder fördernd sind, sind für den Europäer unzweckmäßig. Die Wege der Einweihung werden von den Meistern, die sie geben, ganz den jeweiligen Entwickelungsstufen der Menschheit angepaßt. Was für eine Stufe eine vortreffliche Methode ist, kann für eine andere Stufe geradezu nachteilig sein. Auch die Religionen haben nicht umsonst einander abgelöst. Wenn auch in allen ein gemeinsamer Wahrheitskern enthalten ist, so sind doch die verschiedenen ÄAußerungen dieser Wahrheit durch die Verschiedenheiten der Kulturepochen bedingt. Ein Baum ist von der Wurzel bis zur Blüte ein abgeschlossenes Ganzes, und doch ist für die Wurzel eine andere Nahrung notwendig als für die Blätter und Blüten. So ist auch für die Menschheit der verschiedenen Kulturepochen eine verschiedenartige Religions- und Einweihungsmethode erforderlich.

[ 12 ] In der persischen Kultur kommt der Astralleib zur Entwickelung. In der ägyptisch-assyrisch-chaldäisch-babylonischen Kultur kommt im Astralleib die Empfindungsseele zur Entwickelung. In der griechisch-lateinischen Kultur wird die Verstandesseele zur Entwickelung gebracht. Unsere eigene Kultur bringt die Bewußtseinsseele zur Entwickelung. Im sechsten Zeitraum wird das Geistselbst sich entwickeln, das heute erst in der Keimanlage vorhanden ist. Es braucht die gewaltige Antriebskraft des Christus-Geistes, um diese Keimanlage zur Entwikkelung zu bringen. Das wahre Christentum wird erst dann erblühen, wenn das Geistselbst entwickelt ist. Dann bereitet sich die Menschheit vor, die Buddhi, den Lebensgeist in sich aufzunehmen. Anfänglich wird nur eine kleine Schar von Menschen diese Kraft in sich entfalten, sie wird aber zu einem wunderbaren spirituellen Leben gelangen. Das Christentum steht heute erst am Anfange seiner Entwickelung. Die, welche sich heute vorbereiten auf die Ausbildung des Geistselbstes in ihrem Inneren, werden im nächsten Zeitraum dieses tiefere, geistige Christentum der Menschheit immer mehr zugänglich machen.

[ 13 ] Wir sehen, wie im dritten Zeitalter eine kleine Schar, das jüdische Volk, die Bedingungen vorbereitet, welche die Erscheinung des Christentums möglich machen; wie im vierten Zeitalter die Kraft des Christus eindringt in die physische Welt; wie im fünften Zeitalter der stärkste Herabstieg der Menschheit in die physische Welt stattfindet; wie, nachdem die Menschheit die Herrschaft über diese physische Welt errungen hat, die Menschheit im sechsten Zeitraum eine desto größere Kraft und Fähigkeit erlangt, das spirituelle Leben, das der ChristusGeist gebracht hat, in sich aufzunehmen. Christus erscheint als der Erstgeborene, der seiner Zeit weit vorausgegangene Mensch, der die Stufe bereits erreicht hat, welche die übrige Menschheit erst im sechsten Zeitraum erreichen wird. Der fünfte Zeitraum ist der materiellste der Menschheitsentwickelung.

[ 14 ] Die geistigen Empfindungen bilden die Grundlage der körperlichen Zustände und jede Krankheit des Körpers ist der Ausdruck irgendeiner geistigen Verirrung. So ist der Aussatz, die gräßliche Krankheit des Mittelalters, ein Ausdruck im Physischen gewesen für die Furcht, welche die europäischen Völker vor den Hunnen gehabt haben. Die Hunnen waren im Verfall begriffene Nachkömmlinge der atlantischen Rasse. Ihr physischer Körper war wohl noch gesund, ihre Astralleiber dagegen waren bereits mit Fäulnisstoffen durchsetzt. Furcht und Schrecken sind ein ausgezeichneter Nährboden für die faulenden Stoffe des Astralplanes. So konnten diese faulenden Stoffe der atlantischen Volksstämme sich im Astralleib der europäischen Völker festsetzen und bewirkten von dort aus in späteren Generationen den Aussatz im physischen Körper.

[ 15 ] Alles lebt zuerst auf geistige Art, um sich später im physischen Körper auszudrücken. Auch die heutige Nervosität ist nur eine Folge der materialistischen Gesinnung unserer Zeit. Die weisen Lenker der Menschheit wissen, daß, wenn die Hochflut des Materialismus noch weiter anhalten würde, große Nervenkrankheitsseuchen bei uns auftauchen würden; Kinder würden bereits mit zitternden Gliedern geboren werden. Deshalb wurde die theosophische Bewegung in die Welt gebracht, um die Menschheit vor den Gefahren des Materialismus zu retten. Wer also materialistisches Denken und Fühlen verbreitet, der leistet diesen verheerenden Krankheiten Vorschub; wer den Materialismus bekämpft, der kämpft für die Gesundheit und Entwickelungsfähigkeit unseres Volkes. Der einzelne vermag zu seiner Gesundheit nichts beizutragen; er ist ein Glied der ganzen Menschheit und schöpft die Stoffe zu seiner Erhaltung aus der allen Menschen gemeinsamen Quelle. Wer tiefer hineinschaut in die Gesetze der Menschheitsentwikkelung, muß blutenden Herzens zusehen, wie der einzelne leidet und wie sein Leiden nur der Ausdruck der geistigen Verirrung der ganzen Menschheit ist. Die Theosophie ist weniger berufen, dem einzelnen Menschen zu helfen, als vielmehr der ganzen Menschheit einen Aufschwung in das Geistige zu geben und dadurch für die körperliche Gesundung der Menschheit zu wirken.

[ 16 ] Im sechsten und siebenten Zeitalter wird durch die Kraft des Christus sich das Geistselbst und der Lebensgeist in denjenigen entwickeln, die sich an Christus anlehnen. Diese werden zugleich gesundes Denken und gesundes Fühlen erlangen. Das Christentum bringt die große Gesundheit und die große Heilung. Die Lebenskraft Christi überwindet alles Siechtum und den Tod. Der menschliche Leib hat sich entwickelt als fester Körper aus dem Flüssigen heraus und daher wird in der Geisteswissenschaft das flüssige Element als das leibliche Element betrachtet. Die fünf Hallen, welche den Teich Bethesda umgeben, bedeuten die fünf Zeitalter, welche der Mensch dazu verwendet, immer tiefer und tiefer in die Körperlichkeit einzudringen, und an deren Ende er gänzlich der Materie verfallen ist. Erst wenn diese fünf Zeiträume durchschritten sind, kann der Mensch gesund werden. Wer diesen fünf Hallen verfallen ist, kann nicht geheilt werden, wenn nicht der große Heiler, der Christus, an ihn herantritt. Dann geschieht das, was im fünften Kapitel des Johannes-Evangeliums beschrieben ist. So ist die Schilderung des achtunddreißig Jahre lang Kranken eine prophetische Vorausverkündigung dessen, was sich ereignet in der sechsten Epoche, wo der Mensch keine Heilmittel mehr braucht, weil er sein eigener Heiler sein wird.

[ 17 ] Im Beginn der nachatlantischen Zeit finden wir noch Überreste der Blutsverwandtschaft. Die Worte Christi: «Wer nicht verläßt Vater und Mutter..., der kann nicht mein Jünger sein», deuten auf die Menschheitsstufe im sechsten Zeitalter hin. Dann wird an Stelle der Volksgeister, der Stammes- und Rassengeister der eine allgemeine Menschheitsgeist herrschen. Dann wird der Mensch nicht mehr Sohn seines Stammes oder Volkes sein, sondern Sohn der Menschheit, Menschensohn. Auch hier ist tatsächlich Christus der erste, der diesen Namen mit Recht führt (Joh. Kap. 3, 13,14). Er verhielt sich zu jener Zeit schon so, wie sich die Menschen verhalten werden, wenn sie Menschensöhne sein werden.

[ 18 ] Dies ist dadurch ausgedrückt, daß Christus zu der Samariterin geht — Samariter hatten ja keine Gemeinschaft mit den Juden. Was der Mensch in sich hat, was seine Entwickelung möglich macht, ist etwas Weibliches, Passives, gegenüber dem Geiste, der das Befruchtende, das männliche, aktive Prinzip darstellt. Die Folge dieser ständigen Einwirkung des männlichen auf das weibliche Prinzip ist zunächst die Entfaltung des Ätherleibes, dann des Astralleibes, der Empfindungsseele, der Verstandesseele und der Bewußtseinsseele. In der letzteren gestaltet sich dann das Geistselbst. Dies ist im Gespräch des Christus mit der Samariterin (Kap. 4,18) angedeutet mit den Worten: «Fünf Männer hast du gehabt, und den du jetzt hast, der ist nicht dein Mann.» Die fünf Männer, die das Weib gehabt hat, sind die fünf geistigen Leiber, die auf den physischen einwirkten, und der sechste, das Geistselbst, ist nicht mehr im alten Sinne der Mann. Die fünf andern sind niedere, vergängliche Stufen der Entwickelung, während der sechste, das Geistselbst, das Göttliche, Ewige darstellt. So sehen wir auch im Gespräch mit der Samariterin eine Verkündigung der kommenden Zeit durch den Christus Jesus.

[ 19 ] Während die fünf Leiber der Läuterung von außen bedürfen, wird das Geistselbst den Menschen selbst reinhalten. Der Leib Christi ist bereits erfüllt von Reinheit. Er will auch die Menschheit reinigen und tritt daher hin und reinigt den Tempel von Händlern und Wechslern (Kap. 2, 14-22), das heißt, er reinigt den Tempel des Heiligen Geistes, den Leib des Menschen von den ihm anhängenden niederen Prinzipien und macht ihn fähig, den Geist aufzunehmen.

[ 20 ] Diese Ausführungen dürfen jedoch nicht die Vorstellung erwecken, daß die Schilderungen im Johannes-Evangelium nur als Symbole aufzufassen seien. Im Altertum war die Namengebung nicht etwas Willkürliches, sondern streng dem Charakter der Persönlichkeit angepaßt. So wahr es zum Beispiel ist, daß die drei Frauen, die am Kreuze Jesu standen, die drei Eigenschaften Bewußtseins-, Verstandes-, Empfindungsseele bezeichneten, ebenso wahr ist es, daß diese drei Personen leiblich unter dem Kreuze gestanden haben. Wenn wir das JohannesEvangelium lesen, blicken wir also sowohl auf symbolische Bilder dessen, was sich im nächsten Zeitalter auf dieser Erde verwirklichen wird, als auch auf etwas, was zu Beginn unserer Zeitrechnung wirklich eingetreten ist. Die historischen Tatsachen sind alle von den weisen, die Menschheit leitenden Mächten hingestellt als Symbole der künftigen Menschheitsentwickelung.