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The Rudolf Steiner Archive

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Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
GA 100

22 November 1907, Basle

Das Johannes-Evangelium VII

[ 1 ] In einer Urkunde wie dem Johannes-Evangelium ist alles von Bedeutung und Wichtigkeit, und nichts könnte anders gesagt werden, als es dort steht. Warum erscheint zum Beispiel der Heilige Geist in Gestalt einer Taube? Es brauchte, um dies zu erklären, eine Reihe von Vorträgen. Aber man kann wenigstens eine Ahnung davon bekommen, wenn man die Menschheitsentwickelung von einem andern Gesichtspunkt aus betrachtet, als dies bis jetzt geschehen ist. Es wurde bereits in den früheren Vorträgen die für einen naturwissenschaftlich Denkenden ungeheuerliche Behauptung aufgestellt, daß der Mensch zu Anfang der Entwickelung bereits da war und daß er die Erdenentwickelung als seine eigene Entwickelung mitgemacht hat. Es darf aber selbstredend nicht vergessen werden, daß die früheren Menschen ganz anders organisiert und beschaffen waren als die heutigen. Schon der atlantische Mensch ist in seinem Aussehen von dem heutigen sehr verschieden. Dieser Unterschied ist noch viel größer beim Menschen der lemurischen Zeit und noch größer beim Menschen derjenigen Zeit, in welcher noch Mond und Sonne mit unserem Planeten verbunden waren.

[ 2 ] Um uns hineinzuarbeiten in die Art und Weise, wie die Geisteswissenschaft über die Evolution denkt, müssen wir vom Nächstliegenden ausgehen. Nicht alle heute auf der Erde lebenden Menschen stehen auf derselben Stufe der Entwickelung. Neben den Völkern, die auf einer hohen Kulturstufe stehen, gibt es Naturvölker, welche in der Kultur weit zurückgeblieben sind. Es hat sich in der heutigen Naturwissenschaft die Anschauung herausgebildet - und sie wird mit großer Zähigkeit festgehalten, obschon neuere Tatsachen dagegen sprechen -, daß die höherentwickelten Völker von den in der Entwickelung zurückgebliebenen Völkern abstammen. Diese Anschauung ist den Ergebnissen der Geistesforschung nicht entsprechend. Erwähnen wir hier beispielsweise die Völker, die durch die Entdeckung Amerikas bekannt wurden, und schildern wir in Kürze eine Episode, die uns einen Einblick in das Geistesleben dieser Völker gewährt. Bekanntlich hatten die Weißen die Indianerbevölkerung immer weiter in das Innere des Landes zurückgedrängt und das Versprechen, ihnen Ländereien zu geben, nicht gehalten. Ein Häuptling dieser Indianer sagte einmal zu dem Anführer eines europäischen Eroberungszuges: Ihr Bleichgesichter habt uns unsere Länder genommen und habt uns versprochen, uns andere zu geben. Aber der weiße Mann hat dem braunen Mann das Wort nicht gehalten, und wir wissen auch warum. Der bleiche Mann hat kleine Zeichen, in denen Zauberwesen stecken und aus denen erforscht er die Wahrheit. Was er aber erfährt, ist nicht die Wahrheit, denn es ist nicht gut. Der braune Mann sucht nicht in solchen kleinen Zauberzeichen die Wahrheit. Er hört den «Großen Geist» im Rauschen des Waldes, im Rieseln des Baches. Im Blitz und Donner gibt ihm der «Große Geist» kund, was recht und unrecht ist.

[ 3 ] Wir haben in der amerikanischen Rasse eine primitive Urbevölkerung vor uns, die weit, weit zurückgeblieben ist, auch in bezug auf religiöse Weltanschauung. Aber sie hat sich bewahrt den Glauben an einen monotheistischen Geist, der aus allen Lauten der Natur zu ihr spricht. Der Indianer steht mit der Natur in so innigem Verhältnis, daß er noch in allen ihren Äußerungen die Stimme des hohen schöpferischen Geistes hört, während der Europäer so in der materialistischen Kultur steckt, daß er die Stimme der Natur nicht mehr wahrnehmen kann. Beide Völker haben denselben Ursprung, beide stammen von der Bevölkerung der Atlantis ab, die einen monotheistischen Glauben besaß, entsprungen aus einem geistigen Hellsehen. Aber die Europäer sind hinaufgestiegen zu einer höheren Kulturstufe, während die Indianer stehengeblieben und dadurch in Dekadenz gekommen sind. Diesen Entwickelungsvorgang muß man immer beachten. Er läßt sich darstellen wie folgt. Im Laufe der Jahrtausende verändert sich unser Planet, und diese Veränderung bedingt auch eine Entwickelung der Menschheit. Die Seitenzweige, die nicht mehr in die Verhältnisse hineinpassen, werden dekadent. Wir haben also einen geraden Entwickelungsstamm und abgehende Seitenzweige, die verfallen (siehe Zeichnung).

[ 4 ] Von dem Punkte der atlantischen Zeit, wo Europäer und Indianer noch miteinander vereint waren, weiter zurückgehend, kommen wir in eine Zeit, wo der Körper des Menschen noch verhältnismäßig weich, von gallertartiger Dichtigkeit war. Da sehen wir wieder Wesen sich abzweigen und zurückbleiben. Diese Wesen entwickeln sich weiter, aber in absteigender Linie, und aus ihnen entsteht das Affengeschlecht.

Evolution of the Races

[ 5 ] Wir dürfen nicht sagen, der Mensch stamme vom Affen ab, sondern beide, Menschen und Affen, stammen von einer Form ab, die aber eine ganz andere Gestalt hatte als die Affen und die heutigen Menschen. Die Abzweigung erfolgte von einem Punkte, wo diese Urform die Möglichkeit hatte, einerseits aufzusteigen zum Menschen und andrerseits hinunterzufallen, zum Zerrbilde des Menschen zu werden. Wir wollen die Abstammungslehre nur so weit verfolgen, als nötig ist, um den Zusammenhang zu finden mit dem, was in früheren Vorträgen gesagt worden ist. Bei den alten atlantischen Menschen war der Ätherleib noch außerhalb des physischen Körpers. Heute ist nur noch der Astralleib des Menschen, und zwar im Schlafe, außerhalb des physischen Körpers. Heute ist daher der Mensch nur im Schlafe imstande, die Müdigkeit des physischen Körpers zu überwinden, weil da sein Astralleib außerhalb des physischen Körpers ist und so die Möglichkeit hat, sich an demselben zu betätigen. Weitere Einflüsse auf den physischen Körper sind jetzt nicht mehr möglich. Nur die Überreste solcher Einwirkung sind noch geblieben in den Erscheinungen, wie Erröten bei Scham, Erblassen bei Angst und Schreck und so weiter. Je mehr wir aber zurückgehen in der atlantischen Zeit und je mehr der Ätherleib außerhalb des physischen Leibes war, desto mehr war er imstande, umgestaltend zu wirken auf den physischen Leib. Die Herrschaft des Ätherleibes über den physischen Leib war in früherer Zeit deshalb so groß, weil der physische Leib noch viel biegsamer und geschmeidiger war als jetzt. Zu einer Zeit der menschlichen Entwickelung, wo der physische Leib erst eine feingliedrige Anlage zum Knochengerüst hatte, war die Macht des Ätherkörpers über den physischen Leib so groß, daß der Mensch die Fähigkeit hatte, einen Arm, eine Hand beliebig zu verlängern, auch beliebig Finger daraus hervorzustrecken und so weiter. Solches erscheint dem heutigen Menschen als etwas Absurdes. Es wäre ganz unrichtig, sich den lemurischen Menschen so zu denken wie den heutigen. Der lemurische Mensch ging nicht etwa wie ein Mensch von heute auf seinen Gliedern; er war mehr oder weniger ein Luftwesen. Alle Organe des heutigen Menschen waren nur andeutungsweise vorhanden; er konnte sich metamorphosieren. Es ist gänzlich unrichtig, sich vorzustellen, die lemurischen Menschen wären den heutigen, wenn auch grotesk, so doch ähnlich gewesen. Auch in der atlantischen Zeit war der menschliche Körper noch formbar und konnte durch den Willen von innen heraus umgestaltet werden. Dies hatte seine Begründung darin, daß der Ätherleib, wie oben gesagt, teilweise noch außerhalb des physischen Körpers war. So hat der Ätherleib gearbeitet an der äußeren Gestalt, und die Wesen, welche nicht in der richtigen Art an ihrem Leib arbeiteten, haben sich zu dem entwickelt, was wir heute Affen nennen. So sind diese Karikaturen der heutigen Menschen entstanden. Sie stammen von uns ab, nicht wir von ihnen. Man kann hier die Frage aufwerfen: Warum spalteten sich gerade die Affen ab, warum blieb ein Teil auf einer niedrigeren Stufe zurück als seelenlose Wesen — hier ist die höhere Seele gemeint, nicht der Astralleib? Es kamen eben andere Verhältnisse. Der Mensch paßte sich denselben an, sie aber vermochten dies nicht. Ihr physischer Leib verhärtete, während der Mensch seinen physischen Körper weich und bildsam erhalten konnte.

Entwickelung der Menschen
Entwickelung der Menschen

[ 6 ] Im Beginn der Erdenentwickelung haben wir uns den Menschen vorzustellen mit einem feinen ätherischen Körper. Diesen hat er immer mehr umgebildet. Ein Hellseher hätte damals den Menschen in Form einer Kugel wahrgenommen. Die Zeichnung auf Seite 243 soll den Stammbaum der Entwickelung erläutern.

[ 7 ] Ziemlich spät in der atlantischen Zeit zweigte die Art ab, die sich dann später zu den heutigen Affen gestaltete. Früher in der atlantischen Zeit haben sich gewisse höhere Säugetiere abgezweigt; gewisse niedere Säugetiere zweigten sich in der ältesten atlantischen Zeit ab. Der physische Mensch war damals vom Entwickelungswert eines Säugetiers; nur sind die Säugetiere auf dieser Stufe stehengeblieben, während der Mensch sich weiterentwickelt hat. In noch früherer Zeit stand der Mensch im Entwickelungswert eines Reptils. Der Leib war ganz anders als der eines heutigen Reptils, aber das Reptil hat sich herausgebildet, indem seine leibliche Entwickelung in Dekadenz gefallen ist. Der Mensch hat seine inneren Glieder zur Entwickelung gebracht, das Reptil dagegen blieb zurück. Es ist ein zurückgebliebener Bruder des Menschen. Noch früher zweigte sich das ab, was die Vogelart wurde. Und noch weiter zurück stand der Mensch auf der Stufe, die im heutigen Fischgeschlecht bewahrt ist. Auf der Erde war damals nichts Höheres vorhanden als komplizierte Fischformen. In urferner Zeit stand der Mensch auf der Stufe eines wirbellosen Tieres. Und in der ältesten Zeit abgezweigt, und so auf unsere Zeit gekommen, ist das einzellige Wesen, das Haeckel Monere nennt, das einen in der ältesten Zeit abgezweigten Bruder des Menschen darstellt. Wenn wir aus dieser Entwickelungsreihe den Stammbaum des Menschen bilden, so wird dieser genau übereinstimmen mit dem Stammbaum, den Haeckel in seinen Schriften aufgestellt hat:

1. Moneren8. Kiemendarmwürmer
2. Einzellige9. Urchordatiere
3. Vielzellige10. Schädellose
4. Hohlkugeln11. Rundmäuler
5. Urdarmtiere12. Urfische
6. Plattentiere13. Schmelzfische
7. Schnurwürmer14. Lurchfische
15. Kiemenlurche20. Beuteltiere
16. Schuppenlurche21. Halbaffen
17. Proreptilien22. Hundsaffen
18. Säugereptilien23. Menschenaffen
19. Ursäuger24. Affenmenschen
25. Sprechende Menschen

[ 8 ] Wir könnten auch ohne weiteres Haeckels Stammbaum übernehmen, der Unterschied ist nur der, daß Haeckel erst die Tierformen entstehen und diese sich dann bis zum Menschen hinaufentwickeln läßt, während wir in der Urform bereits den Menschen sehen und die Tierwelt nur als Abzweigung, als entartete Menschen betrachten. Tatsächlich ist der Mensch der Erstgeborene der Erde; er hat sich in gerader Linie weiterentwickelt, hat die andern Wesen an den verschiedenen Etappen zurückgelassen.

[ 9 ] Wenn wir den Zeitpunkt betrachten, wo die Vögel und Reptilien sich abgezweigt haben, so sehen wir, daß damals tatsächlich physische Menschenformen vorhanden waren, die den späteren Vogelarten, und solche, die den späteren Reptilien ähnlich waren. Der Seher sieht zurück in jene ferne Zeit, in welcher die geistige Wesenheit des Menschen noch nicht von seinem Körper Besitz ergriffen hatte. Er sieht die Gattungsseele des Menschen, die den vogelartigen Körper umschwebt. Hier blieben jene geistigen Wesenheiten zurück, die nicht nötig hatten, hinunterzusteigen in den physischen Plan. Nachdem sie bis zu dieser Stufe der physischen Welt heruntergekommen waren, entwickelten sie sich wieder zum Geistigen hinauf. Es sind dies Wesenheiten des astralischen Planes, der Welt des Heiligen Geistes, die sich den Luftkreis als ihr Reich bewahrt haben, gleich wie der Mensch die physische Erde, den Erdkreis als sein Reich in Besitz nimmt. Diese Wesen muß man sich auch in der Vogelgestalt vorstellen, wenn sie sich uns physisch sichtbar machen sollen. Daher muß der Schreiber des Johannes-Evangeliums den Heiligen Geist, der in die Bewußtseinsseele des Jesus hinuntersteigt und sie erfüllt als Geistselbst, unter dem Symbolum einer Taube darstellen. Von wunderbarer Tiefe erscheint uns dieses Symbolum, wenn wir es im Zusammenhang mit der Menschheitsentwickelung betrachten.

[ 10 ] Wir wollen das, was im Johannes-Evangelium geschrieben steht, noch von einem andern Gesichtspunkte aus in Zusammenhang bringen mit der Menschheits-Erdenentwickelung. Wir wollen dabei eine Vorstellung der Rosenkreuzerschule in aller Kürze wiederholen. Dem Schüler wird auf einer gewissen Stufe der Entwickelung etwa folgendes gesagt: Betrachten wir die Pflanze in ihrem Verhältnis zum Menschen. Die Pflanze richtet die Wurzel nach unten, nach dem Mittelpunkt der Erde, dem Sitze ihres Ich. Ihre Befruchtungsorgane wendet sie keusch der Sonne, dem Lichte zu. Im Lichte der Sonne erschließt sie ihre Blüte und läßt sie die Frucht reifen. Diese befruchtende Wirkung des Lichtes nennt man geheimwissenschaftlich die Berührung durch die heilige Liebeslanze der Sonne. Sie lockt hervor die Blüte und bewirkt die Fruchtbarkeit der Erde. Was die Pflanze in die Erde versenkt, die Wurzel, das entspricht dem Haupt des Menschen. Der Mensch richtet sein Haupt der Sonne, dem Lichte entgegen. Und was die Pflanze dem Lichte zuwendet, die Befruchtungsorgane, die neigt er schamhaft der Erde zu. Der Mensch ist das umgedrehte Bild der Pflanze. Das Tier steht mitten zwischen beiden. Die Pflanze zeichnet man vertikal der Erde zugerichtet, den Menschen ebenso vertikal von der Erde abgewendet, das Tier horizontal. So erhält man die Form des Kreuzes. Plato drückt dies aus, indem er sagt: Die Weltenseele ist gekreuzigt am uralten Weltenkreuz. - Das Kreuz ist ein kosmisches Symbolum, hingestellt in die Weltenentwickelung. Tiefe Schauer durchwogten die Brust des Schülers, wenn er so hineinschauen konnte in das Werden der Weltenentwickelung. So sehen wir auch in der Pflanze ein Bruderwesen aus urferner Vergangenheit. Ursprünglich war auch der Mensch ein ätherisches Wesen von pflanzlicher Substanz. Damals hatte der Mensch diejenige stoffliche Natur, welche heute die Pflanze noch besitzt. Hätte der Mensch nicht die pflanzliche Substanz zum Fleisch umgewandelt, so wäre er keusch und rein geblieben wie die Pflanze. Nicht kennengelernt hätte er Begierde und Leidenschaft. Aber dieser Zustand konnte nicht erhalten werden, denn der Mensch wäre dann auch nicht zum Selbstbewußtsein erwacht. Er wäre immer in dem Traumleben geblieben, in dem die Pflanze sich heute noch befindet. Der Mensch mußte durchdrungen werden von Begierden und Leidenschaften, mußte zum Fleischesdasein gebracht werden. Nicht alle Organe wurden zur gleichen Zeit aus Pflanzen- in Fleischessubstanz umgewandelt. Die Organe, welche die niedrigsten Triebe ausdrücken, die sind am spätesten einbezogen worden in die fleischliche Entwickelung. Und sie befinden sich auch bereits in Dekadenz. Die Fortpflanzungsorgane haben am längsten ihren pflanzlichen Charakter bewahrt. Alte Sagen und Mythen berichten uns noch von Hermaphroditen; das waren solche Wesen, die keine Geschlechtsorgane von Fleisch und Blut, sondern solche von pflanzlicher Substanz besaßen. Manche glauben, das Feigenblatt, das die ersten Menschen im Paradies gehabt haben, sei ein Ausdruck der Scham. Nein, in dieser Erzählung hat sich die Erinnerung daran bewahrt, daß die Menschen an Stelle der fleischlichen Fortpflanzungsorgane solche pflanzlicher Natur gehabt haben. Und nun einen Blick in die Zukunft: Was heute noch niedrige Organe im menschlichen Körper sind, was am spätesten einbezogen wurde in die Fleischlichkeit, das wird auch am ersten wieder abfallen, verschwinden, verdorren am menschlichen Körper. Der Mensch wird nicht auf seiner jetzigen Stufe stehenbleiben. Wie er von der reinen Keuschheit der Pflanze in die Sinnlichkeit der Begierdenwelt hinabgestiegen ist, so wird er aus dieser wieder heraufsteigen mit reiner, geläuterter Substanz zum keuschen Zustande.

[ 11 ] Gewisse Organe des menschlichen Körpers sind im Zerfall, andere sind auf der Höhe ihrer Entwickelungsfähigkeit angelangt; wieder andere sind erst im Beginne ihrer Entwickelung. Zu den ersteren gehören die Fortpflanzungsorgane, zu den zweiten gehört das Gehirn; zu : jenen, welche erst in der Keimanlage sich befinden, gehören das Herz und der Kehlkopf und alles, was mit der Bildung des Wortes zusammenhängt. Aus ihnen werden Organe herausgebildet, welche die Fortpflanzungsorgane in ihren Funktionen ersetzen und weit überragen werden. Sie werden im höchsten Sinne willkürliche Organe werden. Wenn der Mensch in der Luft durch das Sprechen Formen erzeugt und in der Zukunft das Wort schöpferisch wirken wird, dann wird der Mensch zu jener Keuschheit zurückgekehrt sein, welche die Pflanze bewahrt hat; aber es wird eine bewußte Keuschheit sein. Auch das Herz ist für den Geheimforscher erst im Beginne seiner Entwickelung. Es ist nicht jene Pumpe, als welche es seitens der materialistisch Denkenden hingestellt wird. Der Glaube, das Herz sei die Ursache der Blutzirkulation, ist ein irrtümlicher. So horribel es auch klingen mag: die Bewegung des Herzens ist die Folge der Blutzirkulation. In der Zukunft, wenn der Mensch eine höhere Entwickelungsstufe erreicht haben wird, wird auch das Herz seinem bewußten Willen unterworfen sein. Die Anlage dazu ist schon vorhanden, nämlich die Querstreifung, die das Herz wie alle willkürlichen Muskeln aufweist. Dann wird der Mensch bewußt seinesgleichen durch das Wort schaffen, dann wird die menschliche Substanz keusch und geläutert sein. Was auf niederer Stufe als Pflanzenkelch der Sonne entgegengestreckt wurde, was den Sonnenstrahl als Liebespfeil aufnahm, das wird auf der höheren Stufe der zukünftigen Menschheit dem Kosmos wieder zugewendet werden als Kelch, der befruchtet wird vom Geistigen aus. Dies ist dargestellt im Heiligen Gral, dem leuchtenden Kelch, dessen Erreichung dem Ritter des Mittelalters als erhabenes Ziel vorschwebte.

[ 12 ] Betrachten wir nun die Pflanze und ihr Verhältnis zur Erde. Die Pflanze hat nur einen physischen und einen Ätherleib, daher ist bei der Pflanze nur ein solches Bewußtsein möglich, wie es der Mensch im Schlaf hat. Während das Tier ein Gruppenbewußtsein hat, ist das Bewußtsein der Pflanze im Mittelpunkt der Erde konzentriert. Die Pflanzen sind mit der Erde so verbunden, daß sie als Glieder derselben anzusehen sind. Nicht die einzelnen Pflanzen haben einen Astralleib, sondern sie sind eingebettet in den Astralleib der Erde. Der Astralleib der Erde steht in Wechselbeziehung zu demjenigen der Sonne. Einen ähnlichen Vorgang wie den Wechsel von Schlaf- und Wachbewußtsein beim Menschen finden wir auch im höheren Organismus der Erde. Als Folge davon sprießen im Sommer die Pflanzen; sie keimen, wachsen, blühen der Sonne entgegen. Zur Winterszeit zieht sich der Astralleib der Sonne zurück von der Erde. Der Astralleib der Erde ist auf sich angewiesen; er zieht sich in den Mittelpunkt der Erde zurück; die Vegetation auf der Erde ruht. Der Seher kann dieses Verhältnis der beiden Astralleiber ganz genau beobachten. Weil dieses Zurückziehen des Astralleibes einen Stillstand in der Vegetation und in der Lebensbetätigung und damit auch eine Unterbrechung des Bewußtseins zur Folge hat, deshalb mußte der Mensch im Laufe seiner Entwickelung einen eigenen Astralleib erhalten, denn nur dadurch konnte er ein kontinuierliches Bewußtsein erlangen.

[ 13 ] Während wir bisher die Bedeutung des Christus für die Menschheitsentwickelung betrachtet haben, wollen wir nun zur Betrachtung der Bedeutung dieses Geistes für die kosmische Entwickelung übergehen. Die Wesen, die im Urbeginn der Erdenentwickelung bereits jenen Zustand der Vollkommenheit erlangt hatten, den die Menschheit erst am Ende der Erdenentwickelung erreichen wird, haben ihren Sitz auf der Sonne. Zu diesen Wesenheiten gehört der Christus als kosmische Kraft. Also sein Astralleib war zu Beginn unserer jetzigen Erdenentwickelung mit dem Astralleib der Sonne verbunden. Er hatte seinen Sitz in der Sonne. Mit der Erscheinung des Christus auf der Erde senkte sich gleichzeitig der Astralleib dieser kosmischen Kraft des Christus-Geistes auf die Erde herab und seitdem ist sein Astralleib in ständiger Verbindung mit dem Astralleib der Erde geblieben. Durch die Erscheinung des Christus auf Erden hat der Astralleib der Erde von dem der Sonne eine ganz neue Substanz erhalten. Wer zur Zeit Christi von einem andern Planeten heruntergeblickt hätte auf die Erde, der würde das Hinzutreten dieser neuen Substanz zum Astralleibe der Erde ersehen haben an der Änderung der Farbenstrahlung dieses Astralleibes. Durch die Verbindung seines Astralleibes mit demjenigen der Erde ist der Sonnengeist Christus zugleich Erdgeist geworden. Der Christus-Geist ist Sonnengeist und zugleich Erdgeist. Von dem Moment an, da Christus auf Erden gewandelt ist, bleibt er in ständiger Verbindung mit der Erde. Er ist der Planetengeist der Erde geworden; die Erde ist sein Leib, er leitet die Erdenentwickelung. Diese Verbindung hat sich auf Golgatha vollzogen und das Mysterium von Golgatha ist das Symbolum dessen, was für die Erdenentwickelung damals geschehen ist.

[ 14 ] Vier Hauptrassen teilen sich in den Besitz der Erdoberfläche: die weiße, gelbe, rote und schwarze Rasse. Der Luftkreis aber, der die Erde auf allen Seiten umgibt, ist ein einheitlicher. Darauf ist hingedeutet im Kapitel 19,23: «Die Kriegsknechte aber, da sie Jesum gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, einem jeglichen Kriegsknecht einen Teil, dazu auch den Rock. Der Rock aber war ungenäht, von oben an gewirkt durch und durch.» Die Kleider des Christus sind das Symbolum für die Erdoberfläche, der aus einem Stück gewebte Rock dagegen symbolisiert den Luftkreis, der ungeteilt und unteilbar auf allen Seiten die Erde umspannt. Es muß aber nochmals betont werden, daß auch dieses Symbolum gleichzeitig eine historische Tatsache ist. Nach dieser ist auch der folgende Ausspruch des Meisters verständlich. Er sagt: «Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen» (13,18). Wenn der Christus der Planetengeist ist, wenn die Erde sein Leib ist, ist es da nicht berechtigt, zu sagen, die Menschen essen sein Fleisch und trinken sein Blut und treten ihn mit Füßen? Wenn dieser Geist hindeutet auf die Früchte, die von der Erde gewonnen werden, kann er da nicht sagen: «Dies ist mein Leib», und auf die reinen Pflanzensäfte weisend: «Dies ist mein Blut»? (6, 56.) Und wandeln nicht die Menschen auf dem Leibe dieses Planetengeistes herum, indem sie ihn mit Füßen treten? Nicht im bösen Sinne hat er dies gesagt, sondern um auf die Tatsache hinzudeuten, daß die Erde der wahre Leib Christi ist. Auch diese Stelle des Evangeliums ist wörtlich zu nehmen. Und die Erinnerung an diese große Wahrheit soll durch das Mysterium des Abendmahles in der Nachwelt wachgehalten werden. Nur der weiß den tiefen Sinn des Abendmahles zu würdigen, der den Wert dieses gewaltigen Ereignisses für die ganze kosmische Entwickelung zu empfinden vermag. Er sieht aufsprießen die Kraft des Christus in den Pflanzen, welche die Erde im Frühjahr dem Lichte der Sonne entgegensendet; er weiß, die Menschwerdung Christi ist nicht nur ein menschliches Ereignis, sie ist ein kosmisches Ereignis.