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The Rudolf Steiner Archive

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Welt, Erde und Mensch
GA 105

1930

Vorwort zur ersten Buchausgabe

[ 1 ] Es war im Jahre 1908, als Rudolf Steiner in Stuttgart diesen nun nach einer Nachschrift in Buchform erscheinenden Vortragszyklus hielt, dem als Motto die Worte vorangehen sollen:

«Unsere Zeit muß nicht eine uralte Weisheit gebären, sondern eine neue Weisheit, die nicht nur in die Vergangenheit hineinweisen kann, sondern die prophetisch, apokalyptisch wirken muß in die Zukunft.»

[ 2 ] Ein Jahr vorher, am denkwürdigen Kongreß der Allgemeinen Theosophischen Gesellschaft in München, hatte er deutliche Betonung gegeben der von ihm eingeschlagenen Richtung zur Hebung und Belebung der theosophischen Bewegung, die da drohte in Einseitigkeit zu verfallen, und die, in orientalisierenden Vorstellungen sich bewegend, nicht Rechnung trug der Seelenartung und der Konstitution der europäischen Menschheit. Manche schwere Mißstände waren schon die Folge davon. Rudolf Steiner stellte dem gegenüber ein Positives hin: seine umfassende, dem geschichtlichen Werdegang der Menschheit Rechnung tragende Lehre. Bei dem erwähnten Kongreß in München gab er auch zum erstenmal den dargebrachten geistigen Inhalten einen entsprechenden künstlerischen Ausdruck. Durch die Farbe der Wandbekleidung, durch die aus ihr hervortretenden Siegel-Gemälde wurde rosenkreuzerisches Geiststreben versinnbildlicht; die Motive der Säulenformen erfaßten schon die Zukunft. Antikes Griechentum wurde lebendig in der dramatischen Wiedergabe des wiederkonstruierten Mysteriums von Edouard Schuré «Das heilige Drama von Eleusis. An germanisch-nordische Mythologie wurde angeknüpft. Es waren fernliegende und deshalb ketzerische Dinge, die den gehorsamen Nachbetern anglo-indischer Theosophie geboten wurden. Dieses Neue erzeugte eine seltsame Erregung. Die Kühnheit, nicht nur vorgeschriebene, sondern neue Wege beschreiten zu wollen, ließ gewisse geistig-imperialistische Tendenzen in den führenden Persönlichkeiten der Theosophischen Gesellschaft aufschnellen und sich aufbäumen. Dieser hier auftretende Selbständigkeitszug sollte unterbunden werden.

[ 3 ] Freilich wurde damit die Abmachung durchbrochen, auf Grund welcher allein Rudolf Steiner sich herbeigelassen hatte, Lehrer und Leiter der führerlosen Schar deutscher Theosophen zu werden. Seine Bedingung war gewesen, nun innerhalb der Gesellschaft das tun zu dürfen, was er als seine Aufgabe betrachtete: einfließen zu lassen in die Kultur Europas dasjenige, was das Christ-Mysterium beleuchtet, was abendländische Esoterik seit dem Christus-Ereignis geworden ist. Als man in gewissen leitenden theosophischen Kreisen erkannte, mit welch überragendem Geistvermögen und Wissen er diese Aufgabe zu losen vermochte, suchte man nach Mitteln, seine Tätigkeit zu unterbinden. Das geeignetste Mittel sah man in der Verkündigung eines im Physischen, im Leibe eines Hindu-Knaben sich wieder offenbarenden Christus — und bereitete nun sacht die Umkreisung vor, aus welcher heraus einige Jahre später Krishnamurti als künftiger Weltenlehrer hervortreten sollte.

[ 4 ] Es ist das Wort gefallen, da£ Rudolf Steiner durch das Auftreten Krishnamurtis gleichsam gezwungen worden ware, christliche Geheimnisse preiszugeben, über die er sonst geschwiegen hatte. Diese Auffassung widerspricht dem ruhigen, zielsicheren, organisch sich entwickelnden Aufbau seiner Lehre.Rudolf Steiner sah seine Aufgabe darin, der Menschheit jenen Einweihungsweg zu weisen, der ihrem heutigen Bewußtseinszustande entspricht. Um diesen Weg der Erkenntnis zu beschreiten, war es notwendig, neben der ehrfürchtig bewundernden Betrachtung uralter Weisheit, ein Verständnis dafür zu wecken, wie die Formen, in denen diese Weisheit gegeben wurde, sich wandelten, entsprechend den neu sich entwickelnden Seelenfähigkeiten der Menschen, wie diese Formen unterworfen sind dem Gesetz des Aufblühens, der Reife und des Vergehens, damit immer wieder neues Leben aus deren Sterben entstehe. So ist Metamorphose, ist stufenweis sich hebende, senkende, wieder sich hebende Entwickelung auch hier die Basis des fortschreitenden Lebens. Geschichtlicher Sinn mußte geweckt werden, nicht nur bewunderndes Anschauen alter Offenbarung. Die geheimnisvollen Beziehungen der großen Weltgesetze von einer Kultur zur andern mußten aufgedeckt werden. Keiner hat in so gewaltiger und erhabener Weise gesprochen über das, was einst als uralte Weisheit aus geistigen Höhen zu den Menschen heruntergeflossen ist, wie Rudolf Steiner; keiner hat vor ihm in dieser Weise in den heutigen Bewußtseinsformen reden können von der Spiegelung des großen Weltendaseins im einzelnen Menschen, im Mikrokosmos. Und alles dies gipfelte in dem Zentralereignis der Menschheitsentwickelung: dem Niederstieg des Sonnengeistes in den Leib des Jesus von Nazareth; zeigte, wie dadurch erst die Sonnenkräfte den Planeten ganz durchdringen und durchgeistigen konnten, den Menschen zu dieser Aufgabe mit aufrufend und befähigend. Im Todesakt auf Golgatha vollzog sich die entscheidend eingreifende mystische Tatsache; sie bedarf keiner Wiederholung. Sie wäre ja sonst umsonst geschehen.

[ 5 ] Um diese Wahrheiten an die Menschheit heranzubringen, mußte Stein an Stein herangeholt werden in ruhig abgewogenem Schritte. Die Grundlagen waren schon geschaffen, bevor der Knabe Krishnamurti den Europäern vorgesetzt wurde. Hier in diesem Zyklus vom Jahre 1908 ist der Weg schon voll beschritten; der logische Faden zieht sich von Kultur zu Kultur; das Mittelpunktsereignis leuchtet hell hervor. Gewiß kann durch manche Geschehnisse der Zeitpunkt beschleunigt werden, in dem eine Wahrheit ausgesprochen wird; es kann notwendig sein, gewissen Herausforderungen die Kraft der Tatsachen entgegenzustellen, die man lieber allein aus sich heraus, frei von jenem Hintergrunde, hätte sprechen lassen. Aber das bedeutet ja nicht, daß man etwas getan hat, was man sonst nicht getan hätte; was getan werden mußte, weil es in den tiefsten Notwendigkeiten der gegenwärtigen Welt- und Menschheitsentwickelung wurzelt, was die in Verantwortung und mit voller Opferkraft übernommene Lebensaufgabe war.

[ 6 ] Die Theosophische Gesellschaft hat sich diesem Zustrom neuer Weisheit verschlossen; sie wies von sich, was ihr Erneuerung gebracht hätte, was dem bewundernden Anerkennen einer ehrwürdig uralten Weisheit hätte hinzufügen können den Sinn für das historische Geschehen; was sie geführt hätte im reifenden Erkennen aus Indien über Persien hinaus nach Chaldäa und Ägypten, tief hineinleuchtend in das Mysterium des auserwählten Volkes, den Sinn dieser Auserwählung dem Verständnis nahebringend; dann zu den kleinasiatischen und südeuropäischen Mysterienstätten, das wartende Volk der Mitte und des Nordens Europas in seinem Seelenleben streifend; alles kulminierend in dem Geschehnis von Golgatha, durch welches die verborgenen Mysterien heraustreten auf den Plan der Weltgeschichte.

[ 7 ] Innerhalb dieses Menschheitswerdens entwickelt sich die einzelne Persönlichkeit. Ihren Mittelpunktsinn, den sie zunächst im geistigen Erleben hatte, muß sie lernen in sich zu finden. Die allmähliche Abschnürung von der geistigen Welt ist ihre Dramatik; ihr Suchen, Irren und Streben in der hereinbrechenden Nacht geistiger Abtrennung, dann in materialistischer Finsternis — ihre tiefe Schicksalstragik. Verständnis solcher Zusammenhänge ist notwendig, wenn wir uns selbst verstehen sollen. In diese Nacht hinein strahlt ein Licht: das Licht christlicher Esoterik, das sich in Palästina entzündet, nach Europa hinüberflutet. In wunderbarer Helle hat es auf der irischen Insel gestrahlt, und trotz der Unterdrückung irischer Mönchskolonien durch die im römischen Imperialismus befangene Kirche lebten Ausstrahlungen dieses Lichtes als geistige Kraftströmungen im Verborgenen weiter. Geistiges Rittertum entwickelte sich daraus und spirituelles Gemeinschaftsstreben frommer Gemeinden. Als reichste Blüte einer tiefen Innerlichkeit tritt daraus hervor die deutsche Mystik. Doch um Schritt zu halten mit den unaufhaltsam sich nähernden Ereignissen, vor allem der Eroberung der Sinnenwelt durch die Wissenschaft, und um der völligen materialistischen Verfinsterung standzuhalten, mußte sich noch eines herausbilden, das an die Stelle der Glaubenskraft Wissenssicherheit hinstellen konnte. Dies war die Aufgabe der rosenkreuzerischen Schulen. Sie rechneten mit den im neuen Zeitalter sich neu entwickelnden Bewußtseinskräften. Rosenkreuzerische Esoterik — mit all ihrem tiefen Ringen aus neuen menschlichen Erkenntniskräften heraus, mit der ihren Bekennern auferlegten Schicksalsschwere und Geistesprüfung, lüftet hier und da auf den Wegen, die uns Rudolf Steiner weist, ihren geheimnisvollen Schleier. Aus ihr heraus werden die neuen Geistbewußtseinskräfte herausgeboren, die den Materialismus besiegen können durch Erkenntnis. Im schweren Ringen um die Wiedererlangung einer einst der Menschheit gegebenen, dann verlorenen Geistwahrnehmungsfähigkeit, die nun aus der Ich-Kraft heraus wiedererobert werden muß, über das Stirb und Werde der Persönlichkeit hinweg, erstarkt das Ich-Wesen des strebenden Menschen. Das Ich-Wesen des Menschen, durch welches, wenn er es wach ergreift, er wieder zur Gottheit aufsteigen und sich mit ihr vereinen kann. Damit dies einst geschehen könne, mußte das göttliche Ich — ein Mal — auf die Erde hinuntersteigen. Dies Ereignis als entscheidender Wendepunkt des Erdenschicksals muß in seiner Einzigartigkeit verstanden werden.

[ 8 ] Das Rosenkreuzertum hat es erfaßt: «In Christo morimur.» In Christo sterben wir hinauf zum Leben, leben wir empor zum Geiste. «Per spiritum sanctum reviviscimus»: Durch das Sterben zum Christus hin ergreifen wir das wahre Leben, werden wir wach im Geiste, aus welchem heraus wir einst geboren wurden.

[ 9 ] Die Persönlichkeit mußte werden, sich erfassen, sich ergreifen, sich als Mittelpunkt empfinden, sich vor sich selbst entsetzen, sich überwinden, sterben lernen, um sich als freies Ich-Wesen wieder zu ergreifen, das seinen Mittelpunkt im Gottes-Ich erfühlt.

[ 10 ] Es sind dies die Wege der abendländischen Esoterik. Der Europäer kann sie nicht umgehen. Es war ja seine Aufgabe, die im Egoismus befangene Persönlichkeit durchzubilden. Es ist seine Aufgabe, den Egoismus zu überwinden, umzuwandeln, zu höherer Metamorphose zu bringen: zur freien, zur triebfreien, das Göttliche wollenden, starken Ichheit.

[ 11 ] Er kann es nur durch die Beherrschung seiner Bewußtseinskräfte, durch Erkenntnis. Er muß das Kleinste im Großen erkennen wollen. Er kann nicht ganze Zeitepochen in ihrer ungeheuren Bedeutsamkeit für die Menschheitsentfaltung ausschalten. Die starken Kräfte werden ihm heute gegeben, wenn er den Willen hat zur Welt-, Erden- und Menschenerkenntnis. Und dies ist wahres Rosenkreuzertum.

[ 12 ] Dies nennt sich heute Anthroposophie. In aller Öffentlichkeit drückt es sein Bekenntnis aus, gibt es seine Lehre. Es verbirgt nichts; es weiß, daß die Zeit gekommen ist, wo das, was früher in Geheimgesellschaften gepflegt wurde, hinaustreten muß auf den Plan der Weltgeschichte. [...] 1There is a large gap in the German text here. This version was taken from the 2nd edition of 1956. This introduction was further abridged in future editions to lesson the severity of language condemning the English Theosophical Society and the Krishnamurti affair. —rsarchive.org

[ 13 ] Wir schließen diese Betrachtung mit den Worten Rudolf Steiners, die unmittelbar anknüpfen an die oben angeführten Worte:

[ 14 ] «Wir sehen eine uralte Weisheit, bewahrt in den Mysterien der vergangenen Kulturepochen; eine apokalyptische Weisheit, zu der wir den Samen legen müssen, muß unsere Weisheit sein. Wir brauchen wieder ein Einweihungsprinzip, damit die ursprüngliche Verbindung mit der geistigen Welt wieder hergestellt werden kann. Das ist die Aufgabe der anthroposophischen Weltbewegung.»

—Marie Steiner