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The Rudolf Steiner Archive

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Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111

27 September 1907, Hanover

7. Die Entwicklung der Menschheit durch die Kulturepochen

[ 1 ] In jener Zeit, als Erde und Mond noch zusammen waren, in der Zeit feuriger Gase, war noch alles Wasser in Dampf aufgelöst, es war ein Qualm aller Substanzen.

[ 2 ] Jene physischen Körper, in die die Seelen eingezogen waren, waren nicht wie die heutigen Menschen und Tiere. Sie würden uns grotesk erscheinen; die physischen Leiber wurden durch die Beseelung herangebildet. Es ist von großer Wichtigkeit, dass sich mit dem Einzug der Seele die Lunge bildet. Die Wesen bewegten sich bis dahin schwimmend-schwebend in der Luft. In der Zeit der Abkühlung verwandelt sich die Schwimmblase in die Lunge; sie bildete sich mit dem Einzug der Seele.

[ 3 ] Diese Umwandlung ermöglichte die Blutbildung. Das Ich konnte sich mit dem Menschen zusammenkoppeln. Diese Zustände erfolgen nicht so schnell, es sind Jahrmillionen dazu nötig. Das Vermögen, durch die Lunge atmen zu können, und das Heruntersteigen der Seelen in die Körper, das ist in der Bibel wunderbar in den Worten ausgedrückt: Gott blies dem Menschen den Odem ein, und er wurde eine lebendige Seele.

[ 4 ] So schälen sich durch die Theosophie die tiefen Wahrheiten in den Religionen heraus, die den Menschen zur Achtung der gewaltigen Tatsachen in der Entwicklung der Menschen nötigen. Diese Verehrung des Überirdischen ist geblieben bis ungefähr ins vierzehnte Jahrhundert, bis das Christentum materialistisch wurde. Es ist durchaus nicht christlich, in abstrakter, trockener Weise durch die Forschungen der Theologie, Geologie und so weiter die geistigen Wesenheiten, das Christentum in seiner geistigen Gestalt zu verstehen. Es ist echt christlich, wie früher zum Beispiel Moses in der Kosmologie die großen Ereignisse ausdrückte: Adam verfiel in einen tiefen Schlaf! Das bedeutet: Adam sah hell die Entwicklung auf dem Astralplan. Es wird als Symbol hingestellt, dass er hellsehend auf dem Astralplan wahrnahm, wie durch das Selbst das [kiemenatmende] Wesen in ein lungenatmendes umgewandelt wurde.

[ 5 ] Der Wandertrieb auf dem Monde hing mit der Begattungs- und Brunstzeit zusammen. Auf seiner Sonnenseite ging die Fortpflanzung vor sich, die Zwischenzeit wurde auf der anderen Seite zugebracht.

[ 6 ] Die Tiermenschen, die die höchsten Mondwesen waren, hatten noch keinen Grad von Liebe; die Liebe, die von der höchsten Stufe bis zur Pflanzenwelt herunterreicht, hatte noch keine Kraft auf dem Mond. Es war alles streng geregelt durch kosmische Kräfte; Weisheit war das Prinzip. Das tiefere Herabsteigen verknüpfte die Menschen mit dem Einzug des Astralleibes, damit beginnt die Liebe. Der Mond ist der Planet der Weisheit, die Erde der der Liebe.

[ 7 ] Der weisheitsvolle Bau des Körpers bildete sich hauptsächlich auf dem Mond aus, am Ende der Erde wird die Liebe die Losung sein. Wenn wir die wundervollen Pflanzengebilde sehen, den weisheitsvollen Bau des Menschen, so finden wir alles auch von Liebe durchdrungen. Sie zeigt sich bei den Menschen zuerst in der Blutsverwandtschaft der alten Atlantier, sie steigert sich bis in das Mitgefühl der brüderlichen Liebe. Von den gröbsten Formen der Sexualität bis zu den feinsten Seelenbanden umschlingt alle Wesen das Band der Liebe. Der Übergang von der Weisheit zur Liebe ist ein großer Fortschritt.

[ 8 ] Den hohen Sonnenwesen, die schon alle Geistesglieder besaßen, deren Fortschritt auf dem Gipfel angelangt war, verdankt die Menschheit das allmähliche Eingießen der Liebe. Jahve senkt das Ich ein, er ist der Bringer und Geber der Liebe, wodurch ein einheitliches Band geschaffen wird; es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, was die Seele in der Liebe fördert.

[ 9 ] Es blieben auch Wesen zwischen Göttern und Menschen zurück, nur ein Teil erreichte die Atma-Stufe. Viele blieben auf der Budhistufe, während die Menschen den Anfang von Manas entwickelten.

[ 10 ] Die Atma-Götter, die Sonnenwesen, wollten den Menschen die Liebe einprägen, die Mondgötter die Weisheit. Es trat an den Menschen heran die wichtige Rolle, die die Blutsliebe spielte anfangs der lemurischen Zeit. Weil die Hebräer sich als blutsverwandt fühlten, konnten sie eine Gesetzgebung darauf gründen.

[ 11 ] Die Liebe führt die Menschen zusammen. Sie bilden dadurch größere und umfassendere Gemeinschaften. Die Mondgötter schaffen eine wichtige Gegenwirkung. Die Freiheit, die Individualität wäre verschwunden, die Menschen wären in einem allgemeinen Brei der Liebe aufgegangen, deshalb richteten die Mondgötter ihren stärksten Angriff auf den Zusammenschluss, ihr Führer war Luzifer. Es gab also zwei Strömungen, die des Jahve und die des Luzifer, die der Liebe und der Freiheit.

[ 12 ] Die Atlantier hatten schon ihre Geheimschulen. In der nachatlantischen Zeit zogen die meist entwickelten Menschen unter dem großen Führer Manu nach der Wüste Gobi, von da aus gingen Kolonisatoren in alle Kulturen. Die Weisheit wurde durch Menschen, durch Eingeweihte verbreitet, nicht durch Bücher.

[ 13 ] Die indische Kultur bestand aus Nachkommen der Lemurier und Atlantier. Die Inder erhielten die Vedanta-Weisheit durch die Sendboten aus Gobi, das waren die heiligen Rishis, sieben an der Zahl.

[ 14 ] Die erste nachatlantische Kultur, die indische, bewahrte das Gedächtnis des Hellsehens der Atlantier, daher die tiefe Sehnsucht der Inder nach dieser Zeit, in welcher sich der Mensch noch mit der Gottheit verbunden fühlte; man schätzte das Hellsehen höher als das Sehen der äußeren Gegenstände. Sie sagten sich: Was wir draußen sehen, sind Schemen, Illusionen! Deshalb strebten sie hinaus über diese Welt. Durch die Yogaschulungen suchte man das Auslöschen der physischen Wirklichkeit zu erlangen, um dafür das Hellsehen einzutauschen.

[ 15 ] Den Indern ist die Schätzung des Übersinnlichen, aber auch die Unterschätzung der sinnlichen Welt geblieben. Es ist ein großer Fehler, wenn diese Kultur unwiederbringlich vergangen sein muss, dass sie [doch] wieder in die Gegenwart hineingetragen werden soll.

[ 16 ] Die persische Kultur ist ein Fortschritt, indem sie die Erde als Wirklichkeit, als Arbeitsfeld betrachtet. Die Perser hatten das Bewusstsein, dass man das Geistige in die Sinnenwelt hineinpflanzen müsse. [Der Perser] wollte die sinnliche Welt mit Hilfe des Geistes erlösen. Der große Zarathustra sah den Gott des Lichtes in der Sonnen-Aura, ihm steht gegenüber Ahriman, der Gott der Finsternis.

[ 17 ] Es folgte die chaldäisch-babylonisch-assyrisch-ägyptische Kultur. Sie hatte mächtige Führer, welche Geist und Wissenschaft vermählten. Die Ägypter versuchten, den Geist der Wirklichkeit einzuprägen. Ihre Deutung der Sterne beruhte auf Astrologie und war durchdrungen von geistiger Weisheit, wie ihre Architekturen und berühmten Denkmäler.

[ 18 ] In der vierten nachatlantischen Zeit, der griechisch-lateinischen, kam etwas Neues hinzu. Hatten wir bei den Indern die Sehnsucht nach einer Traumeswelt, bei den Persern den Fortschritt, sich die sinnliche Welt als Arbeitsfeld zu denken, bei den Ägyptern die Fähigkeit, ihr irdisches Dasein nach den Sternenbahnen einzurichten, so war es den Griechen vorbehalten, sich selbst als Form der Vergeistigung zu betrachten. Ihnen wurde die Form, der Stoff zur lebendigen Verewigung des Geistes. Der Grieche holte sich die Kunst in die irdische Wirklichkeit herunter. Ihre soziale Wirksamkeit war ein wirkliches, soziales Staatengebilde.

[ 19 ] Große Staaten werden durch andere Ursachen als [durch] physische Tatsachen begründet. Die Römer bildeten zuerst den Begriff des «Bürgers aus. In Griechenland waren die Menschen wie Glieder eines Staates, bei den Römern kam die einzelne Gestalt zur Geltung. Sie durchdrangen ihr eigenes Wesen mit geistigen Begriffen, deshalb erblühte bei ihnen die Jurisprudenz. Sie waren Eroberer der äußeren Wirklichkeit des Menschen.

[ 20 ] Es kam nun ein Ereignis von [schicksalhafter] Bedeutung. Von der atlantischen Zeit bis zu den Römern kämpften in den Menschen der Gott der Liebe, Jahve, und der Gott der Weisheit, Luzifer. Es kam darauf an, die beiden Extreme zu vereinigen und zu individualisieren. Die engen Blutsverwandtschaften gingen auseinander auch bei den Hebräern. Es kam die Zeit, dass diese Verbände nicht mehr genügten. Durch die Züge Alexanders des Großen wurden die Völker durcheinandergeworfen; die Römerzüge bildeten eine Zentrale geistiger Selbstsucht.

[ 21 ] Es war ein gewaltiger Fortschritt, als der Christus Jesus das Band der Liebe von einem natürlichen in ein geistiges Band verwandelte. So sind seine Worte zu verstehen: Wer nicht verlässt Bruder und Schwester, Sohn und Tochter und so weiter, kann nicht mein Jünger sein.

[ 22 ] Der Anfang der Liebe war die Sexualität, immer feiner müssen die Seelenbeziehungen der Menschen zueinander werden, bis am Ende der Erde die Brüderlichkeit alle Menschen umschlingt.

[ 23 ] Die Vorstufe der Brüderlichkeit kam durch Jahve, der Christus brachte die geistige Liebe in die Welt; nur dann kann sie der Mensch vollständig verlassen, wenn die Liebe vergeistigt ist. Immer mehr muss diese Liebe in den Beziehungen der Menschen untereinander zunehmen, sie muss so groß werden, dass sie Siegerin wird gegen alle Widerstände.

[ 24 ] Der Christus Jesus erschien in einer Zeit, als die Menschen auseinanderstrebten, um sie zu einer großen Bruderschaft zu vereinigen. Daher ist der Christus Jesus der richtige Sonnen- und Erdengeist, der Regent der Erde, der die Liebe in den Mittelpunkt rückt.

[ 25 ] Durch Christi Versöhnung und Opfertod verwandelt sich der Astralplan aus der Liebe zur Blutsverwandtschaft in die allgemeine Bruderliebe. Der erste Akt spielt sich in Palästina ab, hier wird ein großes Bruderband um die Menschheit geschlungen, das Band, richtig zu lieben, wo keine Blutsbande vorhanden sind. Christus Jesus gab den Anstoß zu einer alles umwandelnden Liebe, einer Liebe, die alles überwindet. Christus Jesus ist die größte Vermählung zwischen Gott und Menschen.

[ 26 ] Die fünfte Epoche bedeutet ein tiefes Herabsteigen in die Materie, der Geist wird ganz von ihr gefangen gehalten, er wird ihr Sklave. Selbst die Religion ist materialistisch geworden, das Christentum muss erneuert werden durch die Theosophie.

[ 27 ] Es ist ein Hinuntertauchen des Geistes in die Materie, das soll keine Kritik [an unserem Zeitalter] sein, sondern auch das muss als Notwendigkeit begriffen werden. Es werden dadurch Begriffe, Logik entwickelt; die Naturwissenschaft wird Beherrscherin der Naturkräfte. Es ist aber dennoch eine Versklavung des Geistes, wenn die gigantischen Errungenschaften nur benutzt werden, um den gemeinsten Bedürfnissen zu dienen, die früher auf einfachste Art befriedigt wurden, während man den Geist pflegte. Es ist eine Verschwendung der geistigen Kraft, wenn damit tierische Triebe befriedigt werden.