Einführung in die Grundlagen der Theosophie
GA 111
28 September 1907, Hanover
8. Entwicklung der menschlichen Wesenheit
[ 1 ] Um die Menschheitsentwicklung ganz verstehen zu können, ist es nötig, sie in verschiedener Beleuchtung zu sehen. Scheinbare Gegensätze lösen sich auf, wenn man tiefer darüber nachdenkt.
[ 2 ] Wir sahen, wie sich der Körper durch die lemurische - die Feuerzeit — und die atlantische Zeit — als noch weite Nebel-Massen die Erde bedeckten — dem heutigen Zustand nähert. Wir sahen, wie eine Gruppe der Vorgeschrittenen nach Irland — nicht dem heutigen, sondern in dessen Nähe — wanderten. Diese Menschen entwickelten das logische Denken. Mit diesen Menschen war eine mächtige Veränderung vorgegangen. Früher ragte der Ätherleib des Menschen mächtig über den Kopf hinaus. Der Ätherleib ist der Architekt des Körpers, er baut die Organe auf. Er konnte ganz anders arbeiten, als er drinnen war statt draußen; dadurch wurde das Gehirn Instrument des Denkens. So wurde durch diese Veränderung das Gehirn zum Denkorgan, alles andere muss sich danach richten. Der Ätherleib musste erst den Kopf umbilden, dann sich selbst, um wieder zurückzuwirken. Es ist nötig, die Entwicklung des Menschen nach der Methode der Rosenkreuzer oder der Druiden zu verstehen; sie gliederten den Menschen in neun Teile.
[ 3 ] Erstens «Physischer Leib», zweitens «Ätherleib», als drittes Glied den ‹Empfindungsleib›, in welchem als viertes Glied die ‹Empfindungsseele› steckt, fünftens ‹Verstandesseele› oder ‹niederer Manas›, sechstens ‹Bewusstseinsseele›, siebtens ‹Geistselbst›, beides als ‹höherer Manas›, achtens ‹Lebensgeist-Budhi›, neuntens ‹Geistesmensch› oder ‹Atma›.
[ 4 ] Es war das wichtigste Ereignis in atlantischer Zeit für den physischen Leib, dass der Mensch in ihm denken lernte. Aufgabe unserer Zeit bis in die fernste Zukunft ist es, die anderen Teile danach zu richten, außer dem neunten Glied, welches in anderen Zyklen weiter entwickelt wird.
[ 5 ] Wir sind jetzt in der fünften, der [germanisch-anglo-amerikanischen] Epoche angelangt. Nach der siebenten Epoche wird ein Ereignis stattfinden, wie die alte atlantische Flut. Der Geistesmensch wird dann in den Menschen rücken, wie der Ätherleib in den physischen Leib zur atlantischen Zeit. Im Indertum machte sich der weisheitsvolle Einfluss des Ätherkörpers geltend. Deshalb ihre Sehnsucht, in Brahman aufzugehen, sich in die Höhen der Sphärenmusik zu versenken. Sie lebten mit dauerndem Bewusstsein im Ätherleib und hatten ein großes Verständnis für alles, was über das Irdische hinausragt. Sie erfüllten die Aufgabe, den Ätherleib der Kultur anzupassen.
[ 6 ] Die Perser bildeten den Empfindungsleib aus, das Verständnis, die äußere Welt zu empfinden und durch Arbeit zu überwinden. Bei ihnen kam Acker- und Weinbau in Flor. Der Leib schwelgt nicht mehr in inneren Gefühlen, er bringt die Muskelkraft in Anwendung. Die Empfindungsseele zu vervollkommnen war den Ägyptern vorbehalten. Ihre Mysterienschulen waren in hoher Blüte. Die HermesSchüler betrachteten den Himmel als Ozean der Sternenwelt, die Sterne waren ihnen Wesenheiten, beseelt von Sympathie und Antipathie. Verstand, Gemüt und Phantasie erweiterten sich bei den Griechen; Rechtswissenschaft begründeten die Römer.
[ 7 ] Die Völker wurden sich bewusst, dass der Verstand im einzelnen Menschen seinen Sieg feiert. Früher war der Zusammenhang der Staaten immer durch Priesterweisheit geleitet, so bildeten sich Hierarchien und Kasten. Das Geistesleben der alten Völker war anders geregelt als das unsrige, es war ein prophetisches. Aus solcher Quelle stammen die sibyllinischen Bücher, in welchen Ereignisse von tausend Jahren vorherbestimmt wurden. Die Eingeweihten sahen den Gang der Ereignisse voraus. So sehen wir die ägyptische Geschichte gelenkt durch göttliche Eingebung. Die Führer stellten einen Plan auf, sie sagten: Soll Heil werden, müssen wir die Geschicke nach dem Himmel lenken. Sie richteten sich nach den Entwicklungsgesetzen der Planetenbahnen und den göttlichen Zahlen. Wahre Schüler der großen Meister lenkten so weise die Ägypter durch sieben Zeiten. Es gab Priesterkult bis in die griechische Zeit. Indem der Mensch sich persönlich auf sich stellt, löst er sich ab von den göttlichen Offenbarungen. Das Auf-sich-selbst-Stellen wurde symbolisiert in der Schlange als Zeichen der Klugheit. Die Schlangen des Laokoon zeigen den Kampf der Priester mit der Schlange, den Kampf der vierten mit der dritten Epoche.
[ 8 ] Für einen anderen Teil der Antike war das Pferd das Zeichen der Klugheit. Das Pferd ist ein zurückgebliebener Mensch. Es sonderte sich zuletzt aus der Entwicklung die Pferdenatur heraus. Wer die Welt mit feinerem Empfinden betrachtet, hat ein Verständnis für die Tatsache, wie manche Völker ihre Pferde lieben. Der Araber ist mit seinem Pferde verwachsen. Instinktiv fühlen die Menschen eine gewisse Dankbarkeit für dieses Tier. Was der Kentaur bedeutet, ist ein altes Geheimnis. Die Inder verehrten das Pferd sowie unsere nordischen Völker, und es [ist im Wappen von Niedersachsen].
[ 9 ] In der Apokalypse wird Bezug auf das Pferd genommen. Odysseus verfertigt das hölzerne Pferd, um Trojas Fall herbeizuführen, wo sich die Priesterweisheit am längsten hielt.
[ 10 ] Die Römer fühlten die Abstammung von der Priesterkaste und stellten sie sinnreich dar. Aeneas, Sohn des Anchises, gründete «Alba Long», das heißt ‹Langes Priesterkleid›, er gründete eine Kolonie für Priester. Er ordnete die Zeit nach der Siebenzahl der sybillinischen Bücher, nach dieser Einteilung waren die römischen Könige schon vorherbestimmt. Diese Einteilung bringt die Könige in Beziehung zur Gliederung des Menschen.
[ 11 ] Romulus: Physischer Körper.
[ 12 ] Numa Pompilius der Weise: Ätherkörper.
[ 13 ] Tullus Hostilius: Astralleib. Er zerstört Alba Longa, wird vom Blitz erschlagen.
[ 14 ] Ancus Marcius: Verstandesseele. Er baute Kanäle und zog eine Mauer um die Stadt.
[ 15 ] Tarquinius Priskus: Geistselbst. Er führte Kriege und förderte die Kunst.
[ 16 ] Servius Tullus: Lebensgeist, Er gibt Gesetze.
[ 17 ] Tarquinius Superbus: Geistesmensch. Er ist zweideutiger Natur, er strebt nach dem Erhabensten, was er nicht erhalten kann.
[ 18 ] Der moderne Geist kennt nur das Profane, er kann nicht durchschauen, wie eine solche Aufstellung wie die von den römischen Königen möglich ist. Was haben sich die Geschichtsschreiber geplagt, den ‹Livius› zu erklären.
[ 19 ] Christus, der Gott, der die Menschen hinaufführt, ist nicht ein besonderer Angehöriger eines Volkes, er gehört allen Völkern an. Es ist der Mensch, der zu dem Menschen spricht.
[ 20 ] Es folgt unsere Zeitepoche, die germanisch-anglo-amerikanische. Das Christentum war zu hoch, um von den jungen Volksstämmen begriffen zu werden. Es fängt jetzt erst an, einzusickern. Unsere Zeit verliert sich zum Teil in die Außenwelt. Wer mit okkulten Augen betrachtet, würde den Übergang sehen, der das letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts von früher absondert als die Morgenröte einer neuen Zeit. Was wurden vorher die Schüler mit trockenen Tatsachen geplagt. Es findet ein Umschwung statt in Physik, Geologie, Biologie und Naturwissenschaft. Vor zehn Jahren stellte der Chemiker Ostwald auf der Naturforscherversammlung in Wien an Stelle der Atomistik die Energetik, die Kraft. Der Geist wird an ihre Stelle treten. [...]
[ 21 ] In der sechsten Periode wird das Manas oder Geistselbst in die Bewusstseinsseele hineinträufeln. Seit dem vierzehnten Jahrhundert sagten sich die Eingeweihten, dass sie mit der Wissenschaft zu rechnen haben, der Geistesforscher kennt alle Tatsachen derselben. Die Bewusstseinsseele hat das Bewusstsein der Atma-Wahrheiten, die real geworden sind. Der Geistesforscher weiß zum Beispiel, dass das Licht nicht durch objektive Schwingungen entsteht. Was der Zeit nottut, das ist das Einfließen des Geistselbst. Das strebt die Rosenkreuzerschulung an; sie half, die Zeit vorzubereiten. Der Christus Jesus kam in der vierten Epoche, er gab der Welt die Richtung an. Er wird wiederkommen, wenn die Menschen die Fähigkeit haben werden, ihn anzuerkennen. Die menschliche Kultur wird durch das Geistselbst hineinschauen in höhere Welten.
[ 22 ] Das System des Kopernikus, die Theorie von Darwin waren groß, weil sie das Denken schulten, ebenso die Physik des Galilei und so weiter, sie sind aber nur die Darstellung objektiver Tatsachen. Denken kann hineinversetzen in die Geisteswissenschaft.
[ 23 ] In der sechsten Periode wird sich ein großer Umschwung in Europa vollziehen, die Völker des Ostens werden mit denen des Westens verschmolzen werden. Der Zusammenfall der Bewusstseinsseele mit dem Manas oder Geistselbst ist das, was im Neuen Testament mit dem Heiligen Geist bezeichnet wird, das ist das Programm der Zukunft. Es wird auf alle Fälle geschehen, was sich auch entgegensetzen wird. Wie Blätter vom Baume fallen, werden die Gegenströmungen abgestoßen werden. Wer gelernt hat, mit den wahren Gesetzen zu gehen, kann mitarbeiten.
[ 24 ] Nicht nur das Seelenleben gestaltet sich um, auch der Menschenleib. Wir haben Organe, die im Verfalle sind, andere bilden sich aus. Die der Fortpflanzung haben das kürzeste Leben, sie kamen zuletzt und werden zuerst abfallen. Sie bildeten sich in der lemurischen Zeit und wurden von dem Astralleib erpresst. Vorher hatten Mensch und Tier Fortpflanzungsorgane, die vom Ätherleib durchsetzt waren, sie waren pflanzlicher Natur. Die Änderung geschah, indem der Ätherleib vom Astralleib ergriffen wurde, so wurden später die niedrigsten Verrichtungen fleischlicher Natur. In den Vatikanischen Sammlungen kann man in einer Ecke einen Mann schauen, dem ein pflanzliches Gebilde aus der Rückseite wächst, so treu bewahrte die Kunst das Geheimnis der früheren Fortpflanzung. Das ‹Feigenblatt› hat eine ganz andere Bedeutung als die gewöhnlich angenommene, es ist die Hindeutung auf das Herabsteigen des Menschen durch das Pflanzenblatt.
[ 25 ] Im Aufstieg wird der Kehlkopf das Organ sein, das der Fortpflanzung dient. Das Innere der Seele wird nach außen reproduziert durch Vorstellungen und Schlüsse, die sich in Worten äußern. Das Wort ist verdichtete Gestalt. Das ist der Vorgang der Schöpfung; die [Sonnenwesen] schufen durch das ausgesprochene Schöpferwort. Alles Geschaffene ist verdichtetes Gotteswort.
[ 26 ] Goethe hatte Sinn dafür, indem er dichtet: «Die Sonne tönt.» Die Engel sind schaffende Sonnengötter. Der Mensch ist berufen, durch das Wort schöpferisch zu werden. Im Anfang war das Wort, das Wort wurde Fleisch. Das ist der Christus Jesus, wie Johannes im Evangelium bezeugt.
