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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophy, Psychosophy
and Pneumatosophy
GA 115

15 December 1911, Berlin

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Anthroposophy Psychosophy Pneumatosophy, tr. SOL
  1. Anthroposophie Psychosophie Pneumatosophie, 5th ed.

Pneumatosophie III

Pneumatosophy III

[ 1 ] Wir haben gestern gesehen, wie es doch in einer gewissen Art auch schon für das gewöhnliche Bewußtsein, wenn dieses sich nur selber recht versteht, etwas gibt wie einen Beweis von dem Dasein des Geistes, und wir haben sagen können, daß für dieses gewöhnliche Bewußtsein zunächst der Irrtum und die Überwindungsmöglichkeit des Irrtums ein Beleg für das Vorhandensein des Geistes sind. Wir haben, um das einsehen zu können, eine Eigenschaft des Geistes herangezogen, die uns wie selbstverständlich erscheint, nämlich die Eigenschaft, die man als die Übersinnlichkeit bezeichnet; denn wir haben uns ja darauf berufen, daß der Irrtum im Übersinnlichen seine Wurzeln haben müsse. Ich habe gesagt, daß es natürlich nicht möglich ist, alle Einzelheiten herbeizutragen, um eine solche Sache in aller Ausführlichkeit zu belegen. Aber das könnte geschehen. Es könnte sogar ein großes Interesse haben, zu zeigen, wie gewissermaßen die Irrtumsmöglichkeit sich erst ergibt auf demjenigen Gebiet, zu dem sich der Mensch erhebt, indem er sich von dem Zwange der äußeren physischen Welt frei macht, also von alledem frei macht, was er ja selbst durch die Wahrnehmung nur erkennen kann. Es braucht zunächst nur auf eine Tatsache hingewiesen zu werden, um gewissermaßen die Methode anzudeuten, in der man zeigen könnte, wie im Grunde genommen der Versuchung, durch eine Beziehung zur äußeren Welt in Irrtum zu verfallen, nur der Mensch ausgesetzt sein kann, wohlgemerkt: ausgesetzt sein kann durch seine eigene innere Natur und Wesenheit. Bei andern Gelegenheiten ist schon darauf aufmerksam gemacht worden, wie im Grunde genommen auch die moderne Wissenschaft von allen Seiten das heranträgt, was man Beweise nennen könnte für die Feststellungen der Geisteswissenschaft. Nur werden diese Belege der äußeren Wissenschaft von deren Bekennern eben heute nicht vorurteilsfrei genug gedeutet.

[ 1 ] Yesterday we saw how, in a certain sense, even for ordinary consciousness—provided it understands itself correctly—there is something akin to proof of the existence of the spirit, and we were able to say that, for this ordinary consciousness, error and the possibility of overcoming error are, in the first instance, evidence of the existence of the spirit. To understand this, we have drawn upon a property of the spirit that seems self-evident to us, namely the property known as supersensibility; for we have, after all, argued that error must have its roots in the supersensible. I have said that it is, of course, not possible to bring forth all the details to substantiate such a matter in full. But that could be done. It might even be of great interest to show how, so to speak, the possibility of error arises only in that realm to which the human being ascends by freeing themselves from the constraints of the external physical world—that is, by freeing themselves from everything that they can, after all, only perceive through sensation. It suffices for now to point out a single fact to indicate, so to speak, the method by which one could show how, fundamentally, only human beings can be exposed to the temptation to fall into error through a relationship with the external world—mind you: exposed through their own inner nature and being. On other occasions, attention has already been drawn to how, in essence, modern science itself provides, from all sides, what one might call evidence for the findings of spiritual science. It is just that these findings of external science are not interpreted today by its adherents with sufficient freedom from prejudice.

[ 2 ] Nehmen wir eine solche Tatsache, wie sie durch den Naturforscher Huber festgestellt worden ist, indem er eine Raupe, welche ein Gespinst anlegt, untersuchte. Es gibt Raupen, welche ein solches Gespinst in aufeinanderfolgenden Stufen, in aufeinanderfolgenden Etappen anlegen, so daß man sagen kann, die Raupe spinnt in der ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten Stufe. Nun nahm Huber eine solche Raupe, die bis zur dritten Stufe ihr Gespinst gebracht hatte, und setzte sie in ein anderes Raupengespinst, das bis zur sechsten Stufe schon fertig war. Da stellte sich etwas Merkwürdiges heraus. Diese Raupe, die bis zur dritten Stufe ihr Gespinst vollendet hatte und jetzt in ein anderes Gespinst versetzt worden war, das aber schon von einer andern Raupe bis zur sechsten Stufe vollendet war, fuhr ruhig fort, aus sich selbst, wenn auch mit Hindernissen, nicht etwa die siebente und achte Stufe zu spinnen, sondern die vierte und fünfte. Also sie spann ruhig weiter, wie es ihr der Trieb eingab, von der Stufe ab, bis zu der sie gekommen war, das heißt, sie folgte einem Innenleben, das unbeirrbar war, das nur sich selbst folgen kann. Wenn man dann eine solche Raupe aus ihrem eigenen Gespinst nahm, das sie bis zur dritten Stufe gebracht hatte, und setzte sie in ein anderes Gespinst, das auch bis zur dritten Stufe fertig war, so setzte sie es ruhig fort und hat dies Gespinst in einer regulären Weise vollendet, weil sie auch da nicht einem äußeren Eindruck folgte, sondern ihrem inneren Trieb, nach der dritten Stufe die vierte weiterzuspinnen. Das tut sie aber auch, wenn der äußere Eindruck da ist von einem Gespinst, das schon bis zur sechsten Stufe gediehen ist.

[ 2 ] Let us consider a fact such as that observed by the naturalist Huber when he studied a caterpillar spinning a cocoon. There are caterpillars that spin such a cocoon in successive stages, in successive phases, so that one can say the caterpillar spins in the first, second, third, fourth, fifth, and sixth stages. Now Huber took such a caterpillar, which had completed its cocoon up to the third stage, and placed it inside another caterpillar’s cocoon that was already finished up to the sixth stage. Then something strange happened. This caterpillar, which had completed its web up to the third stage and had now been placed in another web that had already been completed by another caterpillar up to the sixth stage, calmly continued, of its own accord—albeit with some difficulty—not to spin the seventh and eighth stages, but rather the fourth and fifth. So it calmly continued spinning, as its instinct dictated, from the stage it had reached; that is, it followed an inner life that was unwavering, that can follow only itself. If one then took such a caterpillar from its own cocoon, which it had spun up to the third stage, and placed it in another cocoon that was also complete up to the third stage, it would calmly continue and complete this cocoon in a regular manner, because even there it did not follow an external impression, but its inner instinct to spin the fourth stage after the third. But it does the same even when there is an external impression from a web that has already developed up to the sixth stage.

[ 3 ] Es ist dies eine außerordentlich interessante Tatsache, weil wir daran sehen, daß in den Wesenheiten, die uns im Tierreich gegeben sind, durch äußere Eindrücke gar nicht dasjenige bewirkt werden kann, was man einbeziehen kann in diejenigen Begriffe, die wir beim Menschen bezeichnen als richtig oder unrichtig, als in die Sphäre der Irrtumsmöglichkeit fallend. Nur der Mensch kann sich durch etwas Äußerliches deshalb beirren lassen, weil er so organisiert ist, daß er nicht bloß seinem inneren Triebleben, den inneren Impulsen folgt, sondern bei dem, was er tut, auch den Impulsen, die von außen auf ihn eindringen, zu folgen hat. In diesem Sinne sehen wir eigentlich nur den Menschen einer Außenwelt gegenüberstehen. Das aber ergibt im Grunde genommen alle jene Täuschungen, die man hegen kann in bezug auf den Begriff des Geistes. Es hängt eng damit zusammen.

[ 3 ] This is an extraordinarily interesting fact, because it shows us that in the beings of the animal kingdom, external impressions cannot bring about anything that falls under the categories we apply to human beings as right or wrong, or as falling within the realm of possible error. Only human beings can be led astray by something external because they are organized in such a way that they do not merely follow their inner instinctual life and inner impulses, but must also, in what they do, follow the impulses that penetrate them from the outside. In this sense, we actually see only human beings facing an external world. But this, in essence, gives rise to all those misconceptions one can harbor regarding the concept of the spirit. It is closely connected to this. |

[ 4 ] Wir wollen heute, um nun aus dem Wissenschaftlichen heraus den richtigen Anknüpfungspunkt an unsere geisteswissenschaftliche Geistlehre zu finden, uns noch einmal das vor Augen stellen, was von einem scharfsinnigen Seelenforscher der Gegenwart vorgebracht worden ist, um die Seele und ihre Fähigkeiten als solche zu charakterisieren. Brentano - und ich will, damit wir in einer entsprechenden Weise den Übergang finden in das Gebiet des Geistigen hinein, schematisch auf die Tafel zeichnen, um was es sich handelt - hat die Seelenfähigkeiten eingeteilt, wie ich im ersten Vortrag angeführt habe, in das, was in uns ist als Vorstellen, in das, was in uns ist als Urteilen, und in das, was wir nennen können die Gemütsbewegungen, die Phänomene der Liebe und des Hasses.

[ 4 ] Today, in order to find the right point of connection to our spiritual science of the soul from a scientific perspective, let us once again consider what a perceptive contemporary researcher of the soul has put forward to characterize the soul and its faculties as such. Brentano—and I would like to sketch on the board what this entails, so that we may make a fitting transition into the realm of the spiritual—has classified the faculties of the soul, as I mentioned in the first lecture, into that which is within us as imagination, that which is within us as judgment, and into what we might call the emotions, the phenomena of love and hate.

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[ 5 ] Wenn wir uns nun den ganzen Umfang: des Seelenlebens in dieser Art eingeteilt denken würden, so würden wir uns sagen müssen, daß Vorstellen und Gemütsbewegungen bei einem wirklich genauen Zusehen doch anders zur Seele stehen und zu dem, was der Mensch sonst in seine Erwägungen einbeziehen kann, als das Urteilen. Das ist ja gerade das, was dieser Seelenlehrer, der Psychologe Brentano, besonders für sich in Anspruch nimmt: hinzuweisen darauf, daß er das Urteilen von dem Vorstellen so abtrennt, daß er in einem Urteil etwas anderes sieht als eine bloße Verbindung von Vorstellungen. Ich habe schon im ersten Vortrage darauf hingewiesen, daß man gewöhnlich sagt, ein Urteil würde dadurch gebildet, daß man Vorstellungen verbindet. «Baum» ist eine Vorstellung, «grün» ist ebenfalls eine Vorstellung; «Der Baum ist grün», ergebe eine Verbindung von Vorstellungen: man hätte darin ein Urteil. Unser Seelenlehrer oder Psychologe sieht das durchaus nicht als das Wesen des Urteilens an, in dem ein Feststellen liegen soll, denn er sagt - und alles, was da vorgebracht wird, hat vielen Grund für sich -: Wenn wir Vorstellungen verbinden, | kann es sich auch darum handeln, die Verbindungsunmöglichkeit dieser Vorstellungen zu konstatieren. Es könnte sich zum Beispiel auch darum handeln, zu verbinden die Vorstellungen «Baum» und «golden»; dann würden wir, wenn wir nicht die Vorstellungen «Baum» und «grün», sondern «Baum» und «golden» bilden müßten für einen Wahrheitssatz, genötigt sein zu sagen: «Kein Baum ist golden» oder etwas dergleichen. Was ist denn eigentlich die Voraussetzung eines Urteiles in diesem Sinne? Es ist die, daß wir sozusagen aus einem jeden solchen Urteil einen Existentialsatz bilden können, und daß dieser Existentialsatz Gültigkeit hat. Ich kann aus der Zusammenstellung der Vorstellungen «Ein Baum ist grün» den Existentialsatz bilden: «Ein grüner Baum ist»; dann erst habe ich geurteilt. Und wenn ich versuche, den Existentialsatz zu bilden, so merke ich erst, daß etwas festgestellt werden kann durch eine Zusammenstellung von Vorstellungen. «Ein goldener Baum ist» — das geht nicht. Also es würde sich darum handeln, ob aus einer Verbindung von Vorstellungen ein Urteil hervorgehen kann, ob ein Existentialsatz gebildet werden kann.

[ 5 ] If we were to conceive of the entire scope of the life of the soul as being organized in this way, we would have to conclude that, upon truly close examination, imagination and emotional stirrings stand in a different relationship to the soul—and to what a person might otherwise include in their considerations—than judgment does. This is precisely what this teacher of the soul, the psychologist Brentano, claims as his own special contribution: to point out that he distinguishes judgment from representation in such a way that he sees in a judgment something other than a mere combination of representations. I already pointed out in the first lecture that it is commonly said that a judgment is formed by combining representations. “Tree” is a concept, “green” is also a concept; “The tree is green” results in a combination of concepts: this would constitute a judgment. Our psychologist does not at all regard this as the essence of judgment, which is supposed to involve a determination, for he says—and there is good reason for everything that is put forward here—that when we connect ideas, it may also be a matter of establishing the impossibility of connecting these ideas. It could, for example, also involve connecting the concepts “tree” and “golden”; then, if we had to form not the concepts “tree” and “green” but “tree” and “golden” for a propositional statement, we would be compelled to say: “No tree is golden” or something of the sort. What, then, is actually the prerequisite for a judgment in this sense? It is that we can, so to speak, form an existential proposition from every such judgment, and that this existential proposition is valid. From the combination of the concepts “A tree is green,” I can form the existential proposition: “A green tree is”; only then have I made a judgment. And when I try to form the existential proposition, I realize for the first time that something can be established through a combination of concepts. “A golden tree is”—that doesn’t work. So the question would be whether a judgment can emerge from a combination of concepts, whether an existential proposition can be formed.

[ 6 ] Aber nun frage ich Sie, wenn Sie den ganzen Umfang des Seelenlebens durchmessen, überall in Ihrer Seele nachschauen, ob Sie irgend eine Möglichkeit finden, einen Existentialsatz so ohne weiteres aus einer Verbindung von Vorstellungen zu bilden? Was kann Sie denn veranlassen, aus der Vorstellungsverbindung «Ein Baum ist grün», den Existentialsatz zu bilden: «Ein grüner Baum ist»? Doch lediglich etwas, was zunächst nicht in Ihrer Seele liegt; denn im weiten Umfange Ihrer Seele können Sie nichts finden. Und wenn Sie den Übergang finden wollen von einer Vorstellungsverbindung zu einem Existentialsatz, zu einem Satz, der etwas entscheidet, durch den eine Feststellung geschieht, so können Sie gar nicht anders, als hinausgehen über Ihr Seelenleben zu demjenigen, wo Sie innerlich in der Seele noch fühlen, daß diese Seele mit anderem, als sie selber ist, in Beziehung tritt. Das heißt: Es gibt keine andere Möglichkeit, den Übergang zu finden von einer Vorstellungszusammenstellung zu einem Urteil, als zunächst die Wahrnehmung [dem Schema an der Tafel wird das Wort «Wahrnehmung» eingefügt].

[ 6 ] But now I ask you: if you were to survey the entire scope of your inner life, searching every corner of your soul, would you find any way to form an existential proposition so readily from a combination of ideas? What could possibly prompt you to form the existential proposition “A green tree is” from the combination of ideas “A tree is green”? Nothing, really, that is not already present in your soul; for you can find nothing within the vast expanse of your soul. And if you wish to find the transition from a combination of ideas to an existential proposition, to a proposition that decides something, through which a determination takes place, then you have no choice but to go beyond your inner life to that place where you still feel inwardly in your soul that this soul enters into a relationship with something other than itself. That is to say: There is no other way to find the transition from a conceptual arrangement to a judgment than first through perception [the word “perception” is inserted into the diagram on the board].

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[ 7 ] Tritt zu einer Vorstellungszusammenstellung das hinzu, was wir nennen können die Wahrnehmung, dann ist uns überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, davon zu sprechen, daß wir im Sinne dieser Aufstellung ein Urteil bilden können. Damit aber haben wir gezeigt, daß wir von alledem, was wir vorstellen, zunächst nichts anderes sagen können, als daß es eben in unserer Seele lebt und daß wir etwas anderes brauchen, als was in unserer Seele ist, wenn wir vom Vorstellen zum Urteilen kommen wollen.

[ 7 ] If what we might call perception is added to a set of representations, then we are first given the possibility of saying that we can form a judgment in the sense of this arrangement. But in doing so, we have shown that, regarding everything we imagine, we can initially say nothing other than that it lives within our soul, and that we need something other than what is in our soul if we wish to move from imagination to judgment.

[ 8 ] Bei den Gemütsbewegungen wird wohl ein jeder noch viel leichter als bei den Vorstellungen davon überzeugt sein können, daß sie nur in der Seele leben, denn sonst könnten die Gemütsbewegungen nicht einen solchen individuellen Charakter tragen bei den verschiedensten Menschen, als sie ihn tragen, wenn diese Gemütsbewegungen in etwas anderem leben würden als in der Seele. Da brauchen wir also nicht besonders viele Worte zu verlieren über die Tatsache, daß die Gemütsbewegungen zunächst in der Seele leben.

[ 8 ] When it comes to emotions, it is probably even easier for everyone to be convinced—more so than with ideas—that they exist only in the soul; for otherwise, emotions could not possess such an individual character in different people as they do if these emotions were to exist in something other than the soul. We therefore need not say much about the fact that emotions exist primarily in the soul.

[ 9 ] Nun aber fragen wir uns: Ist denn nun irgendeine Möglichkeit vorhanden, den Vorstellungen und Gemütsbewegungen ein bloßes Sein in der Seele zuzuschreiben, trotzdem wir wissen, daß wir von ihnen aus zunächst zu keinem Urteil kommen können, weil sie innere Vorgänge der Seele sind? Wenn nicht durch die Wahrnehmung eine Berührung mit der Außenwelt stattfindet, wenn wir nicht berechtigterweise von Wahrnehmungen sprechen können, so müssen wir fragen: Sind wir denn irgendwie berechtigt, von unseren Vorstellungen und Gemütsbewegungen so zu sprechen, als ob sie nur innerhalb der Seele leben würden? Wir könnten in bezug auf das Vorstellungsleben zunächst darauf hinweisen, daß der Mensch, wenn er in seinen Vorstellungen lebt, keineswegs sich so fühlt, als ob er durchaus in seiner Seele Herr wäre über diese Vorstellungen, als ob in diesen Vorstellungen nichts irgendwie Zwingendes oder dergleichen leben würde. Wenn wir gerade das festhalten, was wir vorgestern im zweiten Vortrag erkannt haben: daß der Irrtum ein Geistiges, ein Übersinnliches ist und hereintreten kann in den Bereich unserer Vorstellungen, und unsere Vorstellungen wiederum den Irrtum überwinden können denn sonst wäre es nie möglich, über den Irrtum hinauszukommen -, dann müssen wir sozusagen anerkennen, daß wir in unserer Seele eine Art Schauplatz eines Kampfes haben zwischen dem Irrtum und eben etwas anderem. Aber der Irrtum ist ein Geistiges. Wir müssen also etwas dem Irrtum Entgegengesetztes haben, das dem Irrtum gewachsen sein kann, sonst würden wir nie über irgendeinen Irrtum hinauskommen können. Und eine Möglichkeit, den Irrtum zu überwinden, gibt es. Es weiß jeder, daß es innerhalb des Vorstellungslebens die Möglichkeit der Überwindung des Irrtums gibt. Da der Irrtum ein Geistiges ist, so können wir ihn nicht durch die bloßen Wahrnehmungen aus der Sinneswelt überwinden. Ich habe schon bei Gelegenheit der Vorträge über Anthroposophie darauf aufmerksam gemacht, daß die Sinne eigentlich im Grunde genommen nicht irren. Das hat einmal Goethe ganz besonders stark hervorgehoben. Die Sinne können nicht täuschen. Irren kann nur das, was in der Seele vorgeht. Daher aber - das zeigt ein geringes Nachdenken - kann der Irrtum auch nur innerhalb der Seele, und zwar durch das Vorstellen zunächst, überwunden werden. Wir kommen also durch das Vorstellen über den Irrtum hinaus. Nun haben wir gestern aber gesehen, daß der Irrtum in einer gewissen Weise eine Art entarteter Spezies ist von etwas anderem, von dem, was wir gerade anführen konnten als das Element in uns, das uns in höhere Regionen unseres Seelenlebens hinaufhebt. Das Wesentliche des Irrtums ist ja seine Nichtübereinstimmung mit der Wahrnehmungswelt. Und wir haben uns gesagt: Bei dem Wege, den wir in die geistige Welt hinauf nehmen müssen, müssen wir uns allerdings auch - in den Meditationen, Konzentrationen und so weiter — Vorstellungen hingeben, die nicht mit der äußeren Wahrnehmung übereinstimmen. Das Rosenkreuz selber, wir haben es angeführt als ein Beispiel einer Vorstellung, die nicht mit der äußeren Wahrnehmung übereinstimmt, die also das mit dem Irrtum ähnlich hat, daß sie nicht mit der äußeren Wahrnehmung übereinstimmt. Aber wir haben gesagt, daß der Irrtum, wenn wir ihn gebrauchen würden auf dem Pfade des geistigen Lebens, zerstörend wirken müßte in uns, und daß auch die Erfahrung zeigt, daß er zerstörend wirkt.

[ 9 ] But let us now ask ourselves: Is there any way at all to attribute a mere existence in the soul to ideas and emotions, even though we know that we cannot initially form any judgment based on them, since they are internal processes of the soul? If there is no contact with the external world through perception, if we cannot justifiably speak of perceptions, then we must ask: Are we in any way justified in speaking of our ideas and emotions as if they existed solely within the soul? With regard to the life of the imagination, we could first point out that when a person lives in their ideas, they by no means feel as though they are entirely in control of these ideas within their soul, as though nothing compelling or the like were present in these ideas. If we hold fast to what we recognized the day before yesterday in the second lecture: that error is a spiritual, a supersensible entity that can enter the realm of our ideas, and that our ideas in turn can overcome error—for otherwise it would never be possible to move beyond error—then we must, so to speak, acknowledge that within our soul there is a kind of arena for a struggle between error and something else. But error is a spiritual entity. We must therefore have something opposed to error that can stand up to it; otherwise, we would never be able to move beyond any error. And there is a way to overcome error. Everyone knows that within the life of the imagination there is the possibility of overcoming error. Since error is a spiritual phenomenon, we cannot overcome it through mere perceptions from the sensory world. I have already pointed out on the occasion of the lectures on anthroposophy that the senses, strictly speaking, do not err. Goethe once emphasized this very strongly. The senses cannot deceive. Only what takes place in the soul can err. Therefore, however—as a little reflection shows—error can also be overcome only within the soul, and initially through imagination. We thus transcend error through imagination. But yesterday we saw that error is, in a certain sense, a kind of degenerate form of something else—namely, that which we have just described as the element within us that lifts us up into higher regions of our soul life. The essence of error is, after all, its lack of correspondence with the world of perception. And we have said to ourselves: On the path we must take up into the spiritual world, we must indeed—in our meditations, concentrations, and so on—surrender to images that do not correspond with external perception. The Rosicrucian symbol itself—we have cited it as an example of an idea that does not correspond to external perception, which thus shares a similarity with error in that it does not correspond to external perception.

[ 10 ] Wie kommen wir nun zu solchen Vorstellungen, die zwar mit dem Irrtum das gemeinschaftlich haben, daß sie nicht mit der äußeren Wahrnehmungswelt übereinstimmen, aber auf der andern Seite dennoch in einer gesunden, richtigen Weise in uns höhere Seelenkräfte wachrufen? Wie kommen wir, mit andern Worten, aus einer bloßen falschen Vorstellung zu einer sinnbildlichen Vorstellung, wie wir sie öfter beschrieben haben, und wie wir sie im Rosenkreuz als eine der hervorragendsten haben? Dazu kommen wir, wenn wir uns nicht von der äußeren Sinneswelt, nicht von der Wahrnehmungswelt leiten lassen in der Zusammenstellung solcher Vorstellungen, aber wenn wir uns auch nicht leiten lassen von denjenigen Kräften, welche uns zum Irrtum bringen. Wir müssen von beidem absehen, von der Leitung der äußeren sinnlichen Wahrnehmungswelt und von jener Welt, die uns in den Irrtum führt. Wir müssen appellieren an Kräfte in unserer Seele, die wir zunächst erst wachrufen müssen. Vorgestern wurden sie charakterisiert als nur aus dem Boden des Moralischen und des Schönen hervorgehende innere Regungen. Wir müssen in einer gewissen Weise brechen mit unseren Trieben und Leidenschaften, wie sie uns eingeprägt sind durch eine Welt, die wir doch nur als eine äußere bezeichnen können. Wir müssen an uns arbeiten, um geradezu probeweise aus unserer Seele solche Kräfte hervorzurufen, die wir zunächst gar nicht haben. Und wenn wir solche Kräfte, die wir zunächst gar nicht haben, aus unserer Seele wachrufen, dann bringen wir es dazu, sinnbildliche Vorstellungen zu bilden, die in einem gewissen Sinne doch eine, wenn auch nicht auf die Wahrnehmungswelt bezügliche, so doch objektive Gültigkeit haben. Da bilden wir uns zunächst einmal, wie das öfter auseinandergesetzt worden ist, die Vorstellung von dem Menschen, wie er vor uns jetzt in der Gegenwart dasteht, wie er dasteht als ein Wesen, zu dem er in gewissem Sinne durchaus nicht Ja sagen kann, mit dem er selber nicht einverstanden sein kann, von dem er selber sagen muß, dieser Mensch: Es muß überwunden werden, so wie es ist! - Und dann setzen wir daneben die andere Vorstellung, die schon aus dem Grunde nicht in die Wahrnehmung hineinfallen kann, weil sie sich nicht auf die Gegenwart oder Vergangenheit bezieht, sondern auf die Zukunft des Menschen, jene andere Vorstellung, welche uns sagt: Der Mensch fühlt in sich, daß er anstreben muß eine höhere Selbstnatur, eine solche Natur, welche ganz und gar den Menschen zum Herrn macht über alles dasjenige, was er in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht anerkennt. Und dann fügen wir aus solchen inneren Regungen Vorstellungen zusammen, die sonst unter der Leitung der Wahrnehmungswelt nicht zusammenfallen würden, fügen zusammen das Symbol des zum Ersterben zu Bringenden, das schwarze Kreuz, und das Symbol des Lebens, das daraus sprießen muß, die roten Rosen, und stellen uns vor in innerer Meditation das Rosenkreuz als eine solche Vorstellung, die wir nur als eine unwirkliche bezeichnen können, die wir aber doch nicht auf dieselbe Weise haben zusammenstellen können, wie ein einfacher Irrtum zustande kommt, sondern die wir herausgeboren haben aus den edelsten Regungen unserer Seele.

[ 10 ] How, then, do we arrive at such ideas, which, while sharing the error of not corresponding to the external world of perception, nevertheless awaken higher spiritual powers within us in a healthy and proper way? In other words, how do we move from a mere false idea to a symbolic idea, as we have often described it, and as we find it in the Rosicrucian tradition as one of the most outstanding? We arrive at this when, in compiling such ideas, we do not allow ourselves to be guided by the external sensory world or by the world of perception, nor do we allow ourselves to be guided by those forces that lead us into error. We must refrain from both: from the guidance of the external sensory world of perception and from that world which leads us into error. We must appeal to forces within our soul that we must first awaken. The day before yesterday, they were characterized as inner impulses arising solely from the realm of the moral and the beautiful. We must, in a certain sense, break with our instincts and passions, as they have been imprinted upon us by a world that we can only describe as external. We must work on ourselves to summon from our soul, as it were on a trial basis, such forces that we do not initially possess at all. And when we awaken from our soul such forces that we do not initially possess, then we succeed in forming symbolic representations that, in a certain sense, possess an objective validity, even if not one related to the world of perception. There we first form, as has often been discussed, the image of the human being as he stands before us now in the present, as he stands as a being to whom he, in a certain sense, cannot say yes at all, with whom he himself cannot agree, of whom he himself must say: This human being must be overcome, just as he is! - And then we set alongside this the other conception, which cannot enter into perception for the very reason that it does not refer to the present or the past, but to the future of the human being—that other conception which tells us: Human beings feel within themselves that they must strive for a higher self-nature, a nature that makes them completely and utterly masters of all that which they do not recognize in their present form. And then, from such inner impulses, we bring together ideas that would otherwise not coincide under the guidance of the world of perception; we bring together the symbol of that which must be brought to an end, the black cross, and the symbol of the life that must spring from it, the red roses, and in inner meditation we envision the Rose Cross as an idea that we can only describe as unreal, yet one that we have not been able to assemble in the same way that a simple error comes about, but rather one that we have brought forth from the noblest stirrings of our soul.

[ 11 ] Wir haben also aus den edelsten Regungen unserer Seele eine Vorstellung herausgeboren, die keiner äußeren Wahrnehmung entspricht. Und wenn wir nun diese Vorstellung anwenden, das heißt, wenn wir uns in strenger innerer Versenkung einer solchen Vorstellung hingeben, sie in unserer Seele wirken lassen, dann zeigt es sich, daß unsere Seele in gesunder Art weiterentwickelt wird, daß sie zu höheren Höhen kommt, als sie vorher innehatte. Es zeigt sich dann die Erfahrung, daß diese Seele entwickelbar ist. Da haben wir also mit einer Vorstellung, die zunächst gegenüber der äußeren Wahrnehmungswelt wirklich mit dem Irrtum zusammenfällt, insofern sie nichts von dieser äußeren Wahrnehmungswelt abbildet, etwas ausgeführt, was zum Richtigen führt, zu dem führt, was sich in sich als ein Richtiges ankündigt. |

[ 11 ] We have thus, from the noblest impulses of our soul, given birth to an idea that corresponds to no external perception. And when we now apply this idea—that is, when we devote ourselves to such an idea in deep inner contemplation, allowing it to work within our soul—it becomes evident that our soul is developing in a healthy way, that it is reaching higher heights than it previously possessed. We then experience that this soul is capable of development. Thus, with an idea that at first truly coincides with error in relation to the external world of perception—insofar as it does not reflect anything from this external world of perception—we have accomplished something that leads to the truth, to that which reveals itself as true. |

[ 12 ] Nun fragen wir uns: Können wir alledem, was von außen, von der äußeren Wahrnehmung zunächst in uns hereindringt, die Macht geben über eine solche Vorstellung, die mit dieser äußeren Wahrnehmung eben nichts gemein hat, können wir dem die Macht geben, irgendeine Kraft auszuüben, eine Kraft auszuüben, welche aus ihr etwas ganz anderes macht in unserer Seele als aus dem Irrtum? Da müssen wir sagen: Dasjenige in uns, was aus dieser sinnbildlichen Vorstellung etwas ganz anderes gemacht hat, als was sonst aus dem Irrtum entstehen könnte, das ist genau dem entgegengesetzt, was im Irrtum kraftet, was im Irrtum wirkt. Und wenn wir vorgestern sagen konnten: Im Irrtum merken wir die luziferischen Kräfte - so können wir jetzt sagen: In der Umgestaltung der sinnbildlichen Vorstellung, die sich in der eigenen Seele vollzieht, in dem gesunden Hinleiten der sinnbildlichen Vorstellung zu einer höheren Anschauung der Seele, zeigt sich uns, daß in dem, was wir da als edle Regungen in uns verspüren, wir das Entgegengesetzte des Luziferischen haben, also das Geistig-Göttliche. —- Und je tiefer Sie eingehen werden auf diesen Zusammenhang, desto mehr wird sich Ihnen zeigen, daß durch diese innere Erfahrung der Umgestaltung einer sinnbildlichen Vorstellung unmittelbar wahrgenommen und verspürt wird das innere Wirken des Übersinnlichen. Wenn es sich aber so zeigt, daß das Übersinnliche in uns etwas macht, etwas vollbringt, etwas kraftet, dann wird aus dem, was bisher bloß Vorstellung in der Seele war, was innerhalb der Seele lebte, etwas ganz. anderes, etwas, was wir jetzt ebenso bezeichnen müssen als eine Feststellung, wie etwas, was nicht durch die Seele selber, wie sie zunächst ist, hervorgebracht werden kann. Geradeso wie die Feststellung im Urteilen hervorgebracht werden kann durch die Wahrnehmung, so kann durch den ganzen jetzt charakterisierten Prozeß die Vorstellung im Innern durch sich selbst dasjenige leisten, was da geschildert worden ist. So wie die Vorstellung dann, wenn sie durch die Wahrnehmung in Berührung kommt mit der gewöhnlichen Außenwelt, zum Urteil führt, so führt das innere Leben der Vorstellung, das nicht richtungslos ist, sondern sich leiten läßt in der Art, wie es geschildert worden ist, auch über diese bloße Vorstellung hinaus dazu, daß die Vorstellung etwas anderes wird, wenn auch jetzt nicht ein Urteil, so doch etwas, was diese Vorstellung zu einer inhaltsvollen, aus der Seele hinausweisenden Vorstellung macht. Dies ist dasjenige, was wir dann im wahren Sinne des Wortes die Imagination nennen können [es wird «Imagination» angeschrieben].

[ 12 ] Now let us ask ourselves: Can we grant power to all that which initially enters us from the outside, from external perception, over such a conception that has nothing in common with this external perception; can we grant it the power to exert some force, a force that transforms it into something entirely different in our soul than what would result from the error? Here we must say: That which within us has made something entirely different out of this symbolic image than what might otherwise arise from the error—that is precisely the opposite of what is at work in the error, of what operates within the error. And if we were able to say the day before yesterday: In the error we perceive the Luciferic forces—so we can now say: In the transformation of the symbolic image that takes place within our own soul, in the healthy guidance of the symbolic image toward a higher vision of the soul, it becomes clear to us that in what we feel there as noble impulses within us, we have the opposite of the Luciferic, that is, the spiritual-divine. —- And the deeper you delve into this connection, the more it will become clear to you that through this inner experience of the transformation of a symbolic image, the inner working of the supersensible is directly perceived and felt. But when it becomes evident that the supersensible is doing something within us, accomplishing something, exerting a force, then what was previously merely an idea in the soul—what lived within the soul—becomes something entirely different, something we must now describe as a realization, as something that cannot be brought forth by the soul itself, as it is at first. Just as a conclusion can be brought about in judgment through perception, so too can the inner idea, through the entire process now described, accomplish by itself what has been described here. Just as the idea, when it comes into contact with the ordinary external world through perception, leads to judgment, so the inner life of the idea, which is not directionless but allows itself to be guided in the manner described, leads even beyond this mere idea to the idea becoming something else—if not yet a judgment, then at least something that makes this idea a meaningful one pointing outward from the soul. This is what we can then, in the true sense of the word, call imagination [“Imagination” is written here].

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[ 13 ] So können wir sagen: Die Vorstellung weist auf der einen Seite, indem sie in Berührung kommt mit der Außenwelt, hin auf das Urteil, und sie weist auf der andern Seite hin, indem sie den geschilderten Prozeß durchmacht, auf das, was wir jetzt im wahren Sinne des Wortes die Imagination nennen. Ebensowenig wie eine Wahrnehmung eine Vorstellung bloß ist, ebensowenig ist eine Imagination eine Vorstellung. Durch die Wahrnehmung berührt das Vorstellungsleben eine ihm zunächst noch unbestimmte Außenwelt; durch den geschilderten Prozeß lebt sich das Vorstellen in dasjenige hinein, was wir die imaginative Welt nennen können. Und so wie in der Tat ein Übergang ist von der bloßen Vorstellungszusammenstellung «Ein Baum ist grün» zu dem Urteil «Ein grüner Baum ist», ebenso besteht ein solcher Übergang von dem bloßen Vorstellungsleben zu dem, was in der Imagination in der erfüllten - und zwar nicht von irgendeiner äußeren, räumlich äußeren Welt erfüllten - Vorstellung liegt. So haben wir den Prozeß vor uns, der uns im imaginativen Leben die Vorstellungen erfüllt.

[ 13 ] Thus we can say: On the one hand, by coming into contact with the external world, the concept points toward judgment; and on the other hand, by undergoing the process described, it points toward what we now call, in the true sense of the word, imagination. Just as perception is not merely a representation, so too is imagination not merely a representation. Through perception, the life of representation comes into contact with an external world that is initially still indeterminate to it; through the process described, the act of representing immerses itself in what we might call the imaginative world. And just as there is indeed a transition from the mere composition of ideas “A tree is green” to the judgment “A green tree is,” so too does such a transition exist from the mere life of ideas to what lies in imagination in the fulfilled idea—and indeed, not one fulfilled by any external, spatially external world. Thus we have before us the process that fills our concepts in the life of the imagination.

[ 14 ] Zwischen der Imagination und dem Vorstellen liegt nun noch etwas dazwischen. Die Imagination ist in der Tat so, daß in dem Augenblick, wo sie eintritt, sie sich schon ganz real ankündigt. Wenn unsere Seele wirklich zu ihren Imaginationen kommt, dann fühlt sie in ihrem Vorstellungsleben etwas ganz Ähnliches, als sie im Wahrnehmungsleben fühlt. In letzterem fühlt sie eben ihre unmittelbare Berührung mit einer äußeren Welt der Körperlichkeit; in dem Imaginieren fühlt sie ihre unmittelbare Berührung mit einer ihr zunächst auch äußerlichen Welt, aber einer äußerlichen Welt des Geistes. Dieser Geist ist, so wie er sich in die Vorstellungen einlebt, wenn diese wirklich zur Imagination hinandringen, in derselben Weise zwingend, wie die äußere Körperwelt zwingend ist. So wenig wir, wenn wir mit der äußeren Welt in Berührung kommen, uns einen Baum als golden vorstellen können, sondern wie uns da die äußere Welt zwingt, in einer bestimmten Weise vorzustellen, und wir nichts anderes haben für diesen Zwang als die Berührung mit der äußeren Welt, so fühlen wir auch jenen Zwang, der vom Geiste ausgeht, wenn das Vorstellen sich erhebt zur Imagination. Wenn aber die Vorstellungen sich zur Imagination erheben, dann wissen wir zugleich, daß dieses Vorstellungsleben unabhängig von all denjenigen Wegen sich auslebt, auf denen sonst Vorstellungen mit Inhalt erfüllt werden. Im gewöhnlichen Leben werden Vorstellungen dadurch mit Inhalt erfüllt, daß unsere Augen, Ohren und so weiter Wahrnehmungen haben und von diesen Wahrnehmungen herein das Vorstellungsleben speisen, so daß das Vorstellungsleben mit dem Inhalt unserer Wahrnehmungen erfüllt ist. Im Imaginieren lassen wir uns die Vorstellungen von der Seite des Geistes her erfüllt sein. Da darf nichts mitwirken, was auf dem Wege der körperlichen Organe unseren Seeleninhalt bilden kann; da darf nichts mitwirken und wirkt auch nichts mit, was durch Augen oder Ohren in uns hereinkommt. Da haben wir ein unmittelbares Bewußtsein davon, daß wir von allem frei sind, was zu unserer eigenen Leiblichkeit, zu unserer eigenen Körperhaftigkeit gehört. Von alledem sind wir unmittelbar frei, so frei, wie wir, wenn wir die Dinge unbefangen betrachten, nur sagen können, daß wir frei sind von allen Prozessen des äußeren Leibes im Schlafe. Daher ist bei dem Menschen, der imaginiert, in bezug auf seine Gesamtorganisation alles so wie im Schlafe, nur daß an die Stelle der Bewußtlosigkeit des Schlafes das imaginative Bewußtsein tritt, so daß dasjenige, was sich sonst als vollständig leer erweist, also das, was sich vom Leibe getrennt hat, erfüllt ist mit dem, was wir imaginative Vorstellungen nennen können. Ein anderer Unterschied ist also nicht zwischen einem schlafenden Menschen und einem imaginierenden als der, daß das, was im Schlafe außerhalb des physischen Leibes ist, beim gewöhnlichen schlafenden Menschen in einer gewissen Beziehung vorstellungsleer ist, während es beim Imaginieren von den imaginativen Vorstellungen erfüllt ist.

[ 14 ] There is, however, something that lies between imagination and conception. Imagination is such that, the moment it occurs, it already announces itself quite tangibly. When our soul truly engages in its imaginings, it feels something in its life of conception quite similar to what it feels in its life of perception. In the latter, it feels its immediate contact with an external world of physicality; in imagination, it feels its immediate contact with a world that is at first also external to it, but an external world of the spirit. This spirit, as it enters into the concepts when they truly reach the realm of imagination, is just as compelling as the external physical world is compelling. Just as, when we come into contact with the external world, we cannot imagine a tree as golden, but rather the external world compels us to imagine in a certain way, and we have nothing for this compulsion other than contact with the external world—so too do we feel that compulsion emanating from the spirit when representation rises to imagination. But when representations rise to the level of imagination, we know at the same time that this life of representation unfolds independently of all those pathways through which representations are otherwise filled with content. In ordinary life, representations are filled with content because our eyes, ears, and so on have perceptions, and the life of representation is nourished by these perceptions, so that the life of representation is filled with the content of our perceptions. In imagining, we allow our ideas to be filled from the side of the spirit. Nothing may contribute here that could form the content of our soul through the physical organs; nothing may contribute—and indeed nothing does—that enters us through the eyes or ears. Here we have a direct awareness that we are free from everything that belongs to our own physicality, to our own corporeality. We are directly free from all of this, as free as we can only say—when we observe things impartially—that we are free from all the processes of the external body during sleep. Therefore, in the person who imagines, everything regarding their entire organism is as it is in sleep, except that the unconsciousness of sleep is replaced by imaginative consciousness, so that what otherwise proves to be completely empty—that is, what has separated from the body—is filled with what we might call imaginative images. There is, therefore, no other difference between a sleeping person and one who is imagining than that what is outside the physical body during sleep is, in a certain sense, devoid of imagery in the ordinary sleeping person, whereas during imagination it is filled with imaginative images.

[ 15 ] Nun kann aber auch ein Zwischenzustand eintreten. Der würde sich dann ergeben, wenn der Mensch zwar im Schlafe erfüllt wäre von den imaginativen Vorstellungen, aber nicht Kraft genug hätte, diese Vorstellungen sich zum Bewußtsein zu bringen. Das könnte auch eintreten; denn das ist ein möglicher Zustand. Daß er möglich ist, können Sie aus dem gewöhnlichen Leben schon entnehmen. Ich will Sie nur darauf aufmerksam machen, daß Sie im gewöhnlichen Leben eine ganze Menge Dinge wahrnehmen, welche Sie sich nicht zum Bewußtsein bringen, zum Beispiel wenn Sie auf der Straße gehen: eine ganze Welt nehmen Sie dann wahr, aber Sie bringen sich nicht alles zum Bewußtsein. Sie können sich oft davon überzeugen, daß Sie die Dinge schon wahrgenommen haben, aber sich nicht zum Bewußtsein gebracht haben, wenn Sie zum Beispiel von merkwürdigen Dingen träumen. Es gibt Träume, die in dieser Beziehung ganz merkwürdig sind. Nehmen Sie zum Beispiel an, Sie träumen, daß ein Mann neben einer Dame steht und ihr dieses oder jenes sagt. Nun, der Traum bleibt im Bewußtsein, Sie erinnern den Traum, aber Ste müssen sich gestehen, wenn Sie nachdenken über den Traum, daß die Situation tatsächlich da war, daß Sie aber nichts davon gewußt hätten, wenn Sie es nicht geträumt hätten. Dieselbe Dame, derselbe Mann hat vor Ihnen gestanden, nur haben Sie es nicht beachtet; erst als Sie von allen andern Eindrücken frei waren und träumten, kam dieses sonst ganz unbeachtete Bild zum Bewußtsein. Dergleichen kommt oft vor. So können Wahrnehmungen, welche durchaus gemacht worden sind, das Bewußtsein unberührt lassen. So können aber auch Imaginationen, die in der Seele leben, das Bewußtsein unberührt lassen, können nicht als Imaginationen in der Seele unmittelbar auftreten. Dann treten sie auf eine ähnliche Weise wie die Wahrnehmungen, von denen ich eben gesprochen habe, ins Bewußtsein herein. Nämlich solche Wahrnehmungen, die gemacht worden sind und ins Bewußtsein unbeachtet herübergelangt sind, treten in jenem Halbbewußisein, das das Traumbewußtsein ist, zuweilen an den Menschen heran. Und ebenso können solche Imaginationen, für die der Mensch noch nicht die Kraft hat, sie sich zum Bewußtsein zu bringen, ins wache Tagesleben hereinleuchten und da ähnlich umgestaltet wirken wie im Traum, fluktuierend und verfließend in solche Wahrnehmungen, die sonst klar vor dem Menschen stehen. Und das geschieht, daß solche Imaginationen wirklich hereintreten in das Bewußtsein des sonstigen Alltages, aber dabei eine Veränderung erleben, dann, wenn sich auslebt im menschlichen Bewußtsein dasjenige, was man die im Wahrhaftigen der Welt begründete Phantasie nennt, die der wahrhaftige Grund ist für alles künstlerische Schaffen, für alles Schaffen, das überhaupt mit Produktivität im Menschen zusammenhängt [es wird «Phantasie» angeschrieben].

[ 15 ] However, an intermediate state can also occur. This would happen if a person were filled with imaginative visions while asleep but lacked the strength to bring these visions into consciousness. That could also happen; for it is a possible state. You can already see from everyday life that it is possible. I simply want to draw your attention to the fact that in everyday life you perceive a great many things that you do not bring to consciousness, for example when you are walking down the street: you perceive a whole world, but you do not bring everything to consciousness. You can often convince yourself that you have already perceived things but have not brought them to consciousness when, for example, you dream of strange things. There are dreams that are quite strange in this regard. Suppose, for example, you dream that a man is standing next to a woman and saying this or that to her. Well, the dream remains in your consciousness; you remember the dream, but you must admit to yourself, when you reflect on the dream, that the situation was actually there, yet you would not have known anything about it had you not dreamed it. The same lady, the same man, stood before you, only you did not notice it; only when you were free from all other impressions and were dreaming did this otherwise completely unnoticed image come to consciousness. Such things happen often. Thus, perceptions that have certainly been made can leave consciousness untouched. But imaginations that live in the soul can also leave consciousness untouched; they cannot appear directly in the soul as imaginations. Then they enter consciousness in a manner similar to the perceptions I have just spoken of. Namely, such perceptions that have been made and have passed into consciousness unnoticed sometimes approach the human being in that state of semi-consciousness which is dream consciousness. And in the same way, such imaginations, for which the human being does not yet have the strength to bring them into consciousness, can shine into waking daily life and there take effect in a similarly transformed way as in a dream, fluctuating and flowing into such perceptions that otherwise stand clearly before the human being. And what happens is that such imaginations truly enter into the consciousness of ordinary daily life, but undergo a transformation when that which is called imagination—rooted in the reality of the world—is fully expressed in human consciousness; this is the true foundation of all artistic creation, of all creation connected in any way with human productivity [the word “imagination” is written here].

[ 16 ] Weil das so ist, deshalb hat zum Beispiel Goethe, der den künstlerischen Prozeß wohl kannte, so oft betont, daß die Phantasie durchaus nicht etwas ist, was in beliebiger Weise die Welterscheinungen zusammenstellt, sondern daß sie Wahrheitsgesetzen unterliegt. Aber die Wahrheitsgesetze sind so, daß sie durchaus aus der Welt der Imaginationen heraus wirken. Nur weil sie in das Alltagsleben hereinwirken, verändern sie sich und verweben sich mit dem, was das Alltagsleben im Bewußtsein hat, gliedern die gewöhnliche Wahrnehmungswelt in einer freien Weise, so daß wir in der wahren Phantasie wirklich etwas haben, was zwischen dem bloßen Vorstellen und zwischen der Imagination mitten drinnen liegt. Wenn die Phantasie nicht so aufgefaßt wird, daß sie etwa dem Menschen doch nur als das gilt, wovon oft gesagt wird: Phantasie ist etwas, was nicht wahr ist -, sondern wenn sie wirklich verstanden wird, so liegt in ihr ein unmittelbarer Zeuge für ein Weitergehen der Vorstellungen nach der Richtung hin, wo die Vorstellungen sich ergießen können in das Gebiet des Übersinnlichen, der imaginativen Welt. Hier haben wir einen derjenigen Punkte, wo wir das unmittelbare Hereinströmen der geistigen Welt in unsere gewöhnliche Welt wahrzunehmen in der Lage sind.

[ 16 ] That is why, for example, Goethe—who was well acquainted with the artistic process—so often emphasized that the imagination is by no means something that assembles the phenomena of the world in any arbitrary way, but rather that it is subject to the laws of truth. But the laws of truth are such that they operate entirely from within the world of the imagination. Only because they influence everyday life do they change and interweave with what everyday life holds in consciousness, structuring the ordinary world of perception in a free manner, so that in true imagination we truly have something that lies right in the middle between mere conception and imagination. If fantasy is not understood in such a way that it is regarded by people merely as what is often said—that fantasy is something that is not true—but if it is truly understood, then it contains an immediate witness to a further development of ideas in the direction where ideas can flow into the realm of the supersensible, the imaginative world. Here we have one of those points where we are able to perceive the direct influx of the spiritual world into our ordinary world.

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[ 17 ] Betrachten wir aber jetzt einmal die andere Seite der Sache, die Seite der Gemütsbewegungen. Es ist schon gesagt worden, daß jener Seelenforscher, der hier in Betracht kommt, innerhalb der Seele bleibt und daher auch für alles, was Willensimpulse sind, die Sache nur so weit verfolgt, daß er, innerhalb der Seele bleibend, bei den Gemütsbewegungen Halt macht. Wenn irgend etwas von dem Menschen ausgeführt wird, so liegt selbstverständlich einer solchen Ausführung ein Begehren, ein Affekt oder ein Trieb zugrunde, dasjenige also, was, wenn es innerhalb der Seele betrachtet wird, als eine Gemütsbewegung zu gelten hat. Aber durch eine bloße Gemütsbewegung geschieht ja doch nichts. So lange wir in der Seele bleiben, braucht auch nichts zu geschehen. Wir können irgendeine Gemütsbewegung ungeheuer intensiv durchmachen: es wird dadurch noch nicht dasjenige erreicht, was durch den Willen doch erreicht werden soll, nämlich daß etwas geschieht, was nun unabhängig von der Seele ist. Denn alles, was innerhalb der Seele bleibt, ist kein wahrer Ausdruck des Willens. Wenn die Seele nie über sich hinauskommen würde, wenn sie nur im Begehren und so weiter dieses oder jenes an Gemütsbewegungen in sich erleben würde, auf der einen Seite bis zum Ekel, auf der andern Seite bis zur höchsten Ehrfurcht, so wäre dadurch nichts geschehen, was von der Seele unabhängig wäre. Wir müssen also sagen: Indem wir den Willen in seiner wahren Gestalt als eine Tatsache anerkennen müssen, weist uns auch das ganze Gebiet der Gemütsbewegungen über die Seele hinaus. Aber auf eine ganz eigenartige Weise weist uns diese Sphäre der Gemütsbewegungen über die Seele hinaus. Wo weist sie uns denn zunächst hin? Wenn der einfachste Ausdruck eines Willens geschieht, wenn wir zum Beispiel eine Hand heben, oder gehen, oder mit irgendeinem Instrument auf den Tisch schlagen, also etwas ausführen, was mit dem Willen etwas zu tun hat, so können wir sehen, daß in der Wirklichkeit sich etwas vollzieht, was wir nennen können einen Übergang unserer Gemütsbewegungen - des inneren Impulses also zu der Handlung - zu etwas, was wahrhaft nicht mehr innerhalb unserer Seele ist, aber doch in einer gewissen Weise innerhalb von uns. Denn dasjenige, was da durch einen wirklichen Willensimpuls geschieht, indem wir unseren eigenen Leib in Tätigkeit versetzen, und wodurch dann sozusagen als Fortsetzung dieses In-Tätigkeit-Versetzens die äußere Handlung geschieht, das steht durchaus nicht innerhalb desjenigen, was sich in der Seele erschöpft; denn der Mensch kann unmöglich alle die Handlungen verfolgen, die von dem Entschluß, eine Hand zu heben, bis zum wirklichen Heben der Hand verlaufen müssen. Da wird der Mensch auf der andern Seite von seinen Gemütsbewegungen in ein Äußeres hineingeleitet, aber in ein Äußeres, das jetzt in einer ganz andern Weise ein Äußeres ist, nämlich das Äußere an uns selber: unsere Leiblichkeit, unsere eigene Körperlichkeit. Wir gehen hinunter von der Seele in unsere eigene Leiblichkeit, in unsere eigene Körperlichkeit; aber wir wissen zunächst nicht, wie wir das machen im äußeren Leben. Denken Sie einmal, was Sie für Anstrengungen machen müßten, wenn Sie, anstatt Ihre Hand zu bewegen, einen Apparat konstruieren müßten, welcher, indem Sie ihn von außen durch Federn und so weiter bewegten, denselben Effekt hervorrufen würde, wie wenn Sie sagen würden: Ich will die Kreide aufheben - also wenn Sie einfach sagten: Ich will die Kreide aufheben - und dann Ihre Hand dazu heben. Denken Sie nur, was Sie alles, was da geschieht zwischen der Vorstellung: Ich will die Kreide aufheben - und dem wirklichen Aufheben der Kreide, bewerkstelligen müßten, um es durch ein Werkzeug wirklich in Realität umzusetzen! Denken Sie, was Sie da für Anstalten machen müßten! Das kann man nicht denken, aus dem einfachen Grunde, weil man dazu auch gar nicht imstande ist. Es ist auch nicht ein solcher Apparat da. Dennoch ist er vorhanden am Menschen. Da geschieht etwas in der Welt, was ganz offenbar nicht in unserem Bewußtsein ist; denn wenn es in unserem Bewußtsein im Alltag wäre, so würden wir den Apparat mit Leichtigkeit herstellen können. Würde man alles kennen, was verläuft zwischen der Vorstellung: Ich will die Kreide aufheben - und dem Kreide-Aufheben selbst, so würde man den entsprechend konstruierten Apparat herstellen können. Also es verfließt da etwas, was wir zu unserer Leiblichkeit rechnen müssen, was aber dem Menschen ganz und gar unbekannt ist.

[ 17 ] But let us now consider the other side of the matter, the side of emotional responses. It has already been said that the psychologist under consideration here remains within the soul and therefore, with regard to all that are impulses of the will, pursues the matter only to the extent that, remaining within the soul, he stops at the emotions. When a human being carries out any action, such an action is of course based on a desire, an emotion, or an impulse—that is, on what, when viewed within the soul, must be regarded as an emotional state. But a mere emotional state does not, of course, bring about anything. As long as we remain within the soul, nothing needs to happen. We may experience any emotional movement with tremendous intensity: yet this does not achieve what the will is meant to achieve, namely that something happens that is now independent of the soul. For everything that remains within the soul is not a true expression of the will. If the soul were never to transcend itself, if it were to experience only this or that emotional impulse within itself—ranging from disgust on the one hand to the highest reverence on the other—nothing would thereby come to pass that is independent of the soul. We must therefore say: Since we must acknowledge the will in its true form as a fact, the entire realm of emotional states also points us beyond the soul. But in a very peculiar way, this sphere of emotions points us beyond the soul. Where does it point us first? When the simplest expression of a will occurs—when, for example, we raise a hand, or walk, or strike the table with some instrument— that is, when we perform an action that has something to do with the will, we can see that in reality something takes place that we can call a transition of our emotional states—that is, of the inner impulse toward the action—to something that is truly no longer within our soul, yet in a certain way still within us. For that which occurs through a real impulse of the will, whereby we set our own body into motion, and through which the external action then takes place, so to speak, as a continuation of this setting into motion—that is by no means confined to what is exhausted within the soul; for it is impossible for a person to follow all the actions that must take place from the decision to raise a hand to the actual raising of the hand. On the other hand, a person is led by their emotional stirrings into an external realm, but into an external realm that is now external in a completely different way, namely the external realm within ourselves: our physicality, our own corporeality. We descend from the soul into our own physicality, into our own corporeality; but at first we do not know how to do this in external life. Just think of the effort you would have to make if, instead of moving your hand, you had to construct a device which, by moving it from the outside with springs and so on, would produce the same effect as if you were to say: I want to pick up the chalk—that is, if you simply said: I want to pick up the chalk—and then raised your hand to do so. Just think of everything you would have to accomplish between the thought: I want to pick up the chalk—and the actual picking up of the chalk, in order to bring it about in reality through a tool! Just think of all the preparations you would have to make! You cannot conceive of this, for the simple reason that you are not capable of it at all. Nor is such a mechanism actually there. Yet it exists within the human being. Something is happening in the world that is quite clearly not in our consciousness; for if it were in our everyday consciousness, we would be able to construct the mechanism with ease. If one knew everything that takes place between the thought: “I want to pick up the chalk”—and the act of picking up the chalk itself, one would be able to construct the corresponding apparatus. So there is something flowing there that we must count as part of our physicality, but which is completely unknown to human beings.

[ 18 ] Wir müssen also fragen: Was müßte denn geschehen, wenn in das, was da in der Handbewegung oder in irgendeiner andern, dem Willen folgenden Körperbewegung ausgeführt wird, Bewußtsein hereindringen soll? Dann müßte auch eine solche Realität, die außer uns ist, nicht Halt machen vor unserem Bewußtsein, sondern müßte heraufkommen in unser Bewußtsein. Ein ebensolches Geschehen, einen ebensolchen Verlauf, wie er sich da an unserer eigenen Leiblichkeit vollzieht und nicht heraufdringt in unser Bewußtsein, müßten wir so vor uns haben, daß er uns ebenso äußerlich wäre, ebenso aber wieder intensiv mit uns verbunden wäre wie für unser Bewußtsein unsere Handbewegung. So etwas müßten wir haben, was so intensiv zu uns gehörte und doch in uns wie von außen hereinfiele, also etwas, was wir in unserer Seele erleben würden und dennoch in unserer Seele als ein Äußeres erlebten. Also wir müßten ein so Kunstvolles haben wie einen Apparat für das Aufheben der Kreide und müßten dieses Kunstvolle ebenso wie ein in festen äußeren Gesetzen Begründetes innerhalb unseres Bewußtseins haben. In unser Bewußtsein müßte etwas hereinfallen, was in gesetzmäßiger Weise innerhalb dieses Bewußtseins wirkte, so daß wir jetzt nicht so denken würden, wie wir bei einer sonstigen Willenshandlung denken, daß wir uns sagen: Da ist auf der einen Seite in uns lebend der Gedanke: Ich will die Kreide aufheben - und dann, wie streng davon getrennt, etwas, wovon ich gar nichts weiß, nämlich der Vorgang, den ich höchstens dann wie eine äußere Wahrnehmung anschauen kann -, sondern die beiden Dinge müßten zusammenfallen, müßten ein und dasselbe sein. Das Geschehen müßte unmittelbar mit dem seelischen Bewußtsein verbunden sein, so daß es in dasselbe hineinfällt, so etwa hineinfällt, wie wenn alle Einzelheiten der Handbewegung nicht außerhalb, sondern innerhalb des Bewußtseins sich vollzögen. Das ist aber der Vorgang, der sich vollzieht bei der Intuition [es wird «Intuition» angeschrieben].

[ 18 ] We must therefore ask: What would have to happen if consciousness were to penetrate into what is being carried out in the movement of the hand or in any other bodily movement that follows the will? Then such a reality, which lies outside of us, would not stop at the threshold of our consciousness, but would have to rise up into our consciousness. We would have to have before us just such an event, just such a process, as it takes place in our own physicality and does not intrude into our consciousness, in such a way that it would be just as external to us, yet just as intensely connected to us as our hand movement is to our consciousness. We would need to have something that belonged to us so intensely and yet fell into us as if from the outside—that is, something we would experience in our soul and yet experience within our soul as something external. Thus, we would need to have something as ingenious as a device for lifting the chalk, and we would need to have this ingenuity within our consciousness just as we have something grounded in fixed external laws. Something would have to enter our consciousness that acts within this consciousness in a lawful manner, so that we would not now think as we do in any other act of will, telling ourselves: On the one hand, the thought lives within us: I want to pick up the chalk—and then, strictly separated from it, something of which I know nothing at all, namely the process that I can at most then regard as an external perception—but rather the two things would have to coincide, would have to be one and the same. The event must be directly connected with mental consciousness, so that it falls into it, as if all the details of the hand movement were taking place not outside but within consciousness. But this is the process that takes place in intuition [“intuition” is written here].

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[ 19 ] Daher können wir sagen: Wenn wir-mit unserem eigenen Bewußtsein etwas, was vollständig innerhalb desselben sich auslebt, erfassen können, nicht als ein bloßes Wissen, sondern als ein Geschehen, als ein Weltgeschehen, so haben wir es zu tun mit der Intuition, und zwar mit jener Intuition im höheren Sinne, wie es auch gemeint ist in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», so daß wir es also innerhalb der Intuition zu tun haben mit dem waltenden Willen. Während also Brentano, dieser scharfsinnige Psychologe, bei den gewöhnlichen Seelenerscheinungen innerhalb der Seele nur die Gemütsbewegungen findet und den Willen gar nicht findet, weil er dort nicht vorhanden ist - denn der Wille fällt heraus für das gewöhnliche Bewußtsein -, findet erst das in die höheren Regionen hinaufsteigende Bewußtsein in sich etwas, was zugleich ein Geschehen ist. Das ist das, wo die Welt hereinspielt in das Bewußtsein. Das ist die Intuition.

[ 19 ] Therefore, we can say: If we—with our own consciousness—can grasp something that unfolds entirely within it, not as mere knowledge but as an event, as a world event, then we are dealing with intuition, specifically with that intuition in the higher sense, as is also meant in the book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*, so that within intuition we are dealing with the ruling will. While Brentano, that astute psychologist, finds only emotional movements in the ordinary phenomena of the soul and does not find the will at all, because it is not present there—for the will falls outside the scope of ordinary consciousness—it is only the consciousness ascending into the higher regions that finds within itself something that is at the same time an event. This is where the world plays into consciousness. This is intuition.

[ 20 ] Auch hier gibt es wieder eine Art von Übergang, nur ist derselbe nicht so leicht zu bemerken wie der Übergang, der vom Vorstellen durch die Phantasie zur Imagination führt. Dieser Übergang tritt dann ein, wenn der Mensch lernt, so auf sich achtzugeben, daß er nicht nur in die Lage kommt, irgend etwas zu wollen und dann die Handlung daranzuschließen — und sozusagen klaffend nebeneinanderstehend hat Gedanken und Handlung -, sondern wenn er beginnt, seine Gemütsbewegungen selber über die Qualität der Handlungen auszudehnen. Das ist etwas in vielen Fällen sogar recht Mißliches; aber es tritt im Leben doch ein, daß man, indem man handelt, eine Art Wohlgefallen oder Ekelgefühl an seinen eigenen Handlungen haben kann. Ich glaube nicht, daß ein unbefangener Beobachter des Lebens leugnen kann, daß man die Gemütsbewegungen erweitern kann bis zu einer Art Hereinströmen-Lassen der Eigenschaften der eigenen Zustände in die Handlungen, so daß man innerhalb der Gemütsbewegungen auch vorhanden hat, was man als Sympathie oder Antipathie an einer Handlung bezeichnen kann. Aber steigern kann sich auch dieses Miterleben seiner eigenen Handlungen in den Gemütsbewegungen. Und wenn es sich steigert,. wenn es auftritt als das, als was es eigentlich auftreten soll, dann haben wir an dem Übergang zwischen den Gemütsbewegungen und der Intuition dasjenige gegeben, was wir nennen können das menschliche Gewissen, also die Gewissensregungen [es wird «Gewissensregung» angeschrieben]. Das Gewissen ist etwas, was in diesem Übergange sitzt, wenn wir es seiner Stelle nach suchen. Deshalb können wir sagen: Eigentlich ist unsere Seele nach zwei Seiten hin offen, nach der Seite der Imagination und nach der Seite der Intuition, und die Seele ist geschlossen nach der Seite, wo wir gleichsam aufstoßen durch die Wahrnehmung auf die äußere Körperlichkeit. Sie kommt in eine Erfüllung, wenn sie sich in das Reich der Imaginationen hineinbegibt, und sie kommt auch in eine Erfüllung, und zwar mit einem Geschehen, wenn ste sich ins Reich der Intuition hineinbegibt.

[ 20 ] Here, too, there is a kind of transition, though it is not as easy to discern as the transition from mental imagery to imagination. This transition occurs when a person learns to pay such attention to themselves that they are not merely able to will something and then follow through with the action—leaving thought and action, so to speak, gaping side by side—but when they begin to extend their emotional responses to the very nature of their actions. This is something that is, in many cases, quite troublesome; yet it does happen in life that, while acting, one can experience a kind of pleasure or disgust at one’s own actions. I do not believe that an impartial observer of life can deny that one can extend one’s emotional states to the point of allowing the characteristics of one’s own states to flow into one’s actions, so that within these emotional states one also possesses what one might call sympathy or antipathy toward an action. But this sharing in one’s own actions can also intensify within the emotions. And when it intensifies, when it appears as what it is actually meant to appear as, then we have, at the transition between the emotions and intuition, that which we can call the human conscience, that is, the stirrings of conscience [it is written as “stirring of conscience”]. Conscience is something that resides in this transition, if we look for it in its proper place. Therefore, we can say: Actually, our soul is open on two sides, toward the side of imagination and toward the side of intuition, and the soul is closed toward the side where we, as it were, are thrust through perception into external physicality. It finds fulfillment when it enters the realm of the imagination, and it also finds fulfillment—indeed, through an event—when it enters the realm of intuition.

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[ 21 ] Wie kann nun, da doch Intuition und Imagination in einer Seele leben müssen, in dieser einen Seele eine Art Vermittelung, eine Art Verbindung entstehen zwischen Imagination und Intuition? In der Imagination haben wir zunächst ein Bild, ein erfülltes Bild der geistigen Welt. In der Intuition haben wir ein Geschehen, das hereinfällt aus der geistigen Welt. Ein Geschehen, wenn es uns entgegentritt in der gewöhnlichen physischen Welt, ist etwas, was uns sozusagen nicht in Ruhe läßt. Wenn es uns entgegentritt, suchen wir dahinterzukommen; dann suchen wir dasjenige, was als Wesenheit hinter diesem Geschehen liegt. So ist es auch mit demjenigen Geschehen, das in der geistigen Welt liegt und in unser Bewußtsein hereindringen soll. Betrachten wir die Sache noch einmal näher, wie sie eigentlich ist. Wie dringt zunächst die Intuition in unser Bewußtsein herein? Wir mußten sie zunächst suchen auf der Seite der Gemütsbewegungen. Da dringt sie zwar in unser Bewußtsein, in unsere Seele herein, aber auf der Seite der Gemütsbewegungen, nicht auf der Seite des Vorstellens. So ist es zunächst mit der Intuition. Diese Intuition kann nämlich in unser Bewußtsein, in unsere Seele hereindringen, ohne daß wir die Möglichkeit haben, sie vorzustellen. Von der Imagination haben wir auch gesagt, daß der Mensch sie haben kann, ohne sich ihrer bewußt zu sein; sie kommt dann in die Phantasie herein, weil sie unmittelbar im Vorstellen wirkt. Aber die Intuition mußten wir auf die andere Seite, auf die Seite der Gemütsbewegungen stellen. Die Intuition stellt sich im ganzen menschlichen Leben überhaupt auf die Seite der Gemütsbewegungen. Ich möchte da noch einmal das Beispiel anführen, das ich vor kurzem schon anführte, und das ein bekannter Traum ist.

[ 21 ] Now, since intuition and imagination must coexist within a single soul, how can a kind of mediation, a kind of connection, arise between imagination and intuition within this one soul? In imagination, we first have an image, a complete image of the spiritual world. In intuition, we have an event that falls into us from the spiritual world. An event, when it confronts us in the ordinary physical world, is something that, so to speak, does not leave us in peace. When it confronts us, we seek to get to the bottom of it; then we seek that which lies behind this event as an entity. So it is also with that event which lies in the spiritual world and is meant to penetrate into our consciousness. Let us consider the matter once more more closely, as it actually is. How does intuition first enter our consciousness? We had to look for it initially on the side of emotional stirrings. There it does indeed enter our consciousness, our soul, but on the side of emotional stirrings, not on the side of imagination. This is how it is with intuition at first. For this intuition can indeed penetrate into our consciousness, into our soul, without our having the possibility of conceiving it. We have also said of imagination that a person can have it without being conscious of it; it then enters into the imagination because it acts directly within the process of conceptualization. But we had to place intuition on the other side, on the side of emotional movements. In the whole of human life, intuition generally stands on the side of emotional movements. I would like to cite once again the example I mentioned recently, which is a well-known dream.

[ 22 ] Ein Elternpaar hatte einen Sohn. Der wurde einmal ganz plötzlich krank, und trotzdem man alle Mittel anwandte, die anzuwenden waren, starb er innerhalb weniger Tage. In einer ungeheuren Weise waren die Eltern berührt von dem Hinsterben ihres Sohnes, und ihre Gedanken waren ganz beschäftigt mit diesem Sohn, das heißt in diesem Falle: ihre Erinnerung war beschäftigt mit dem Sohn. Sie dachten viel an diesen Sohn. Eines Tages aber stellte sich heraus, daß in der Nacht die Eltern, Vater und Mutter, denselben Traum hatten. Sie erzählten sich denselben gegenseitig. Sie können dieses Beispiel bei einem mehr oder weniger materialistisch denkenden Traumforscher angeführt finden, der in der Erklärung dieses Traumes die groteskesten Purzelbäume schlägt, aber die Tatsache nicht ableugnen kann. Es erschien nämlich den Eltern im Traume ihr Sohn und forderte sie auf, im Grabe nachsehen zu lassen, denn er sei lebendig begraben worden. Die beiden Eltern haben sich alle erdenkliche Mühe gegeben, um nachforschen zu lassen, ob ihr Sohn lebendig begraben worden sei, aber sie lebten nicht in einem Lande, wo es die Behörden nach so langer Zeit gestattet hätten, in einem Grabe Nachforschungen anzustellen.

[ 22 ] A couple had a son. He suddenly fell ill one day, and even though they tried every possible remedy, he died within a few days. The parents were deeply moved by their son’s passing, and their thoughts were entirely occupied with him—that is to say, in this case, their memories were occupied with him. They thought about him a great deal. One day, however, it turned out that during the night, both parents, father and mother, had had the same dream. They recounted it to one another. You can find this example cited by a more or less materialistically minded dream researcher who, in explaining this dream, performs the most grotesque somersaults but cannot deny the fact. For their son appeared to the parents in a dream and urged them to have the grave checked, because he had been buried alive. The parents went to every conceivable length to have an investigation conducted to determine whether their son had been buried alive, but they did not live in a country where the authorities would have permitted an investigation of a grave after such a long time.

[ 23 ] Wie können wir uns nun - ich führe das nur an, um eine Möglichkeit zu haben, die Beziehungen der Intuition zu den Gemütsbewesungen abzuleiten - gewissermaßen eine Art Erklärung bilden für das Faktum, das mit diesem Traume vorliegt? Nun, das können Sie wohl von vornherein voraussetzen: Weil die Eltern in ihren Erinnerungen sich fortdauernd mit dem Sohne beschäftigten, der, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen war, in der geistigen Welt als geistiges Wesen vorhanden war, so war dadurch eine Art Brücke geschaffen mit dem Sohn. Es ist durch das Hinlenken der Gedanken eine Verbindungsbrücke mit der fortdauernden Individualität des Sohnes vorhanden. Aber das können Sie unmöglich annehmen, daß, wenn man nun einmal durch alle die Schleier, die da liegen zwischen den Lebenden und den Toten, hindurchdringt, in den Offenbarungen von dem Toten, wie sie vorhanden gewesen sein müssen, da die beiden Leute denselben Traum hatten, etwas nur Subjektives vorgelegen habe. Oder es muß ein sogenannter Zufall sein -— aber auf diese Weise könnte man alles Mögliche erklären -, wenn das vorliegt, daß die beiden denselben Traum haben, wie ich es angeführt habe. In Wirklichkeit aber gab es eine Verbindung in jener Nacht zwischen den Eltern und dem Sohn. Er hatte ihnen auch etwas gesagt, oder besser gesagt, er hatte ihnen etwas eingeträufelt in ihr Gemüt. Aber da die Eltern in keiner Weise eine Möglichkeit hatten, das ins Bewußtsein hereinzubringen, was ihnen der Sohn eingeträufelt hatte, so stellte sich nur das Traumbild, das Vorstellungen enthielt, die sie gewöhnt waren, vor das wirkliche Ereignis hin. Es war also etwas ganz anderes, was der Sohn eigentlich offenbaren wollte; aber die Eltern mußten eine Vorstellung gewinnen, die sie nur aus dem Material ihres Vorstellungslebens nehmen konnten. Das stellte sich als Traum vor das Ereignis hin.

[ 23 ] How, then—and I mention this merely to establish a basis for deriving the relationship between intuition and emotional responses—can we, so to speak, formulate some sort of explanation for the phenomenon presented by this dream? Well, you can probably assume this from the outset: Because the parents were constantly preoccupied in their memories with their son, who, after passing through the gate of death, existed in the spiritual world as a spiritual being, a kind of bridge was thereby created with the son. By directing their thoughts toward him, a connecting bridge exists with the son’s enduring individuality. But you cannot possibly assume that, once one has penetrated all the veils that lie between the living and the dead, there was only something subjective in the revelations from the dead—as there must have been, since the two people had the same dream. Or it must be a so-called coincidence—but in this way one could explain all sorts of things—if it is the case that the two had the same dream, as I have described. In reality, however, there was a connection that night between the parents and the son. He had also said something to them, or rather, he had instilled something into their minds. But since the parents had no way whatsoever of bringing into consciousness what the son had instilled in them, only the dream image—containing ideas they were accustomed to—preceded the actual event. So it was something entirely different that the son actually wanted to reveal; but the parents had to form an idea that they could draw only from the material of their own imagination. This stood before the event as a dream.

[ 24 ] Oder ein anderer Traum: Eine Bauernfrau träumt, sie ginge in die Stadt zur Kirche. Sie träumt dabei jedes einzelne Stadium: wie sie zur Kirche hineingeht, wie der Prediger dasteht mit zum Himmel erhobenen Händen und außerordentlich begeistert predigt; sie träumt, wie sie darüber voll Enthusiasmus wird. Da aber stellt sich eine merkwürdige Veränderung ein: Der Prediger verändert seine Gestalt, er bekommt Flügel und Federn und verändert zuletzt die Stimme; die wird immer krähender und krähender, und zuletzt verwandelt sich die ganze Gestalt in einen Hahn, der kräht. Die Frau wacht auf - und draußen kräht der Hahn wirklich! — Dieses Hahnenkrähen hat, wie Sie sich denken können, den ganzen Traum hervorgerufen. Sie werden aber auch zugeben müssen, daß dieses Krähen in der mannigfaltigsten Weise andere Träume hätte hervorrufen können. Ein Spitzbube hätte etwa träumen können, er wäre aufgeschreckt worden durch den Hahnenschrei und hätte vielleicht dann geträumt, daß er eine ganz lange Zeit darüber nachgedacht hätte, wie er irgend etwas, zum Beispiel ein Schloß öffnen könnte. Da habe ihm dann ein anderer Spitzbube, der schlauer war als er, eine Anleitung gegeben, was sich dann in einen Hahnenschrei verwandelt hat. -— Daraus sehen Sie, wie das, was sich als Vorstellungsbild vor das wirkliche Erlebnis hinlegt, gar nichts zu tun zu haben braucht mit dem, was die Seele wirklich erlebt. Was hat zum Beispiel das erwähnte Elternpaar erlebt? Eine Verbindung, eine Offenbarung von dem Sohn, die unmittelbar eingeflossen ist ins Gemüt. Und in dem andern Falle: Die Bauernfrau war eine sehr fromme Frau, die ganz in einer Atmosphäre schwelgte, die von Frömmigkeit durchzogen war. Das hat sie wirklich durchgemacht. Und als sie dann herausgerissen wird aus dem Schlaf, da hat sie noch eben das Gefühl, sie komme aus irgend etwas her; aber ihr ganzes Bewußtsein wird von dem Hahnenschrei in Anspruch genommen, der sich vor ihr Erlebnis hinlegt, indem er sich ausmalt zu dem Prediger in der Kirche. So wird das seelische Erlebnis zu dem, was da geträumt worden ist.

[ 24 ] Or another dream: A farmer’s wife dreams that she is going to church in town. She dreams every single stage of the journey: how she enters the church, how the preacher stands there with his hands raised to heaven and preaches with extraordinary fervor; she dreams how this fills her with enthusiasm. But then a strange change takes place: The preacher changes his form; he grows wings and feathers, and finally his voice changes; it becomes more and more like a crowing, and at last his entire form transforms into a rooster that crows. The woman wakes up—and outside, the rooster is really crowing! —This crowing, as you can imagine, brought about the entire dream. But you must also admit that this crowing could have triggered other dreams in the most varied ways. A rascal, for example, might have dreamed that he was startled by the rooster’s crow and might then have dreamed that he spent a very long time thinking about how he could open something, for example, a lock. Then another rogue, who was smarter than he, would have given him instructions, which would then have turned into a rooster’s crow. — From this you can see how what appears as a mental image before the actual experience need not have anything to do with what the soul actually experiences. What, for example, did the aforementioned couple experience? A connection, a revelation from their son, which flowed directly into their hearts. And in the other case: The farmer’s wife was a very devout woman who was completely immersed in an atmosphere permeated by piety. That is what she truly went through. And when she is then torn from her sleep, she still has the feeling that she is emerging from something; but her entire consciousness is taken up by the crowing of the rooster, which superimposes itself on her experience by imagining itself as the preacher in the church. Thus the soul experience becomes what has been dreamed.

[ 25 ] Wenn sich dann jemand eine gewisse Praxis erwirbt, von den Träumen zu den entsprechenden Wirklichkeiten zu gehen, so stellt sich auch heraus, daß er, bevor er an die innere Wirklichkeit herankommt, durchdringen muß eine Gemütsverfassung von Erhebung oder Trauer, kurz, irgendeine Spannung oder Lösung von Gefühlen. Die Vorstellungen in bezug auf das, was da in der geistigen Welt erlebt wird, verfließen gewöhnlich in eine Art von Nichtigkeit; man muß sich ganz andere Vorstellungen bilden von dem wirklichen Geschehen. Oder mit andern Worten: Das geistige Geschehen steht den Gemütsbewegungen näher als dem Vorstellen, denn die Vorstellungen sind alle nicht maßgebend für die seelisch-geistigen Geschehnisse. Da ist in der geistigen Welt das Geschehen, das hereinragt in die Gemütsbewegungen während des ganzen Nachtlebens; aber mit seinem Vorstellen kann der Mensch nicht an dieses Geschehen heranreichen, um dieses Erleben zu charakterisieren.

[ 25 ] When someone acquires a certain practice of moving from dreams to the corresponding realities, it also becomes apparent that, before reaching the inner reality, they must pass through a state of mind characterized by elation or sorrow—in short, some form of emotional tension or release. The ideas regarding what is experienced in the spiritual world usually dissolve into a kind of nothingness; one must form entirely different ideas of what is actually happening. Or, in other words: Spiritual events are closer to emotional stirrings than to the imagination, for ideas are not decisive for soul-spiritual events. There, in the spiritual world, are the events that extend into the emotional stirrings throughout the entire night; but through his imagination, man cannot reach these events to characterize this experience.

[ 26 ] So haben wir die Möglichkeit, darauf hinzuweisen, daß auch die Intuition mit den Gemütsbewegungen in einer bestimmten Verbindung steht. Daher auch kommen Mystiker, bevor sie zu irgendwelchen klar umrissenen Vorstellungen über die höheren Welten kommen, zu einer Art allgemeinen dumpfen Gemütserlebens dieser höheren Welten, und viele sind damit zufrieden, viele sogar mit noch weniger. Aber diejenigen, welche sich wirklich in die höheren Welten versenken mit dem Gemüt, die beschreiben dann alle in gleicher Weise die Zustände von seelischer Hingabe, die sie da durchmachen, kurz, lauter Gemütsverfassungen an dem, was man unmittelbares Erleben der geistigen Welt nennen kann.

[ 26 ] This allows us to point out that intuition, too, is connected in a certain way to emotional responses. This is also why mystics, before they arrive at any clearly defined conceptions of the higher worlds, experience a kind of general, vague emotional sensation of these higher worlds, and many are satisfied with this, many even with even less. But those who truly immerse themselves in the higher worlds with their minds all describe in the same way the states of spiritual devotion they undergo there—in short, a series of emotional states arising from what can be called the direct experience of the spiritual world.

[ 27 ] Wenn wir dann durch diese Intuition, die in das Gemüt hereinspielt, weitergehen wollten, so würden wir nicht gut weiterkommen können, sondern wir müssen eigentlich mehr von der andern Seite ausgehen. Um nicht so allgemein in den Gemütsbewegungen zu schwelgen, sondern um zum konkreten Anschauen der geistigen Welt zu kommen, müssen wir schon versuchen, Imaginationen auszubilden und darauf dann mit Bezug auf die geistige Welt unsere Aufmerksamkeit wenden. Dann tritt allmählich eine Verbindung ein in unserem Leben zwischen der noch unverstandenen, mehr nur gefühlten Intuition und der noch mehr oder weniger in der Unwirklichkeit schwebenden Imagination, die nur aus Bildern besteht. Und was da die Verbindung ist, das gibt uns zuletzt das Heranrücken an den Gedanken: Wir sind jetzt zu den Wesen gekommen, die das geistige Geschehen ausführen. Dieses Herankommen an die Wesen bezeichnen wir als Inspiration [es wird «Inspiration» angeschrieben]. Wir haben also hier gewissermaßen das Umgekehrte von den Vorgängen, die wir der äußeren körperlichen Welt gegenüber haben. In dieser haben wir sozusagen die Gedanken, die wir uns über die Dinge machen. Da sind uns die Dinge schon gegeben und wir machen uns Gedanken über dieselben. Hier aber ist das Geschehen, das Ding, das in der Intuition zunächst für die Gemütsbewegungen auftritt, ein durchaus Unbestimmtes, und die Imagination als solche wäre ein in der Luft Hängendes. Erst wenn die beiden zusammenkommen, wenn die Imagination durch die Inspiration hereinwirkt in die Intuition, wenn uns, mit andern Worten, unser Vorstellen hinaufführt zur Imagination, und wenn wir die Imagination fühlen als von Wesenheiten herkommend, dann strömt auch das Wesen dieser Wesenheiten in uns ein als ein Geschehen. Es wird mitgebracht durch die Imagination etwas, was aus der Intuition einströmt, und wir nehmen mit dem Geschehen einen Inhalt wahr, der sich vergleichen läßt mit dem Vorstellungsinhalt. Wir nehmen dann aber diese Gedanken, für deren Wahrnehmung wir uns vorbereitet haben, durch die Imagination in dem Geschehen wahr, das uns in der Intuition gegeben ist.

[ 27 ] If we were to proceed based on this intuition that arises within the mind, we would not make much progress; rather, we must actually start from the other side. In order not to indulge so generally in the stirrings of the soul, but to arrive at a concrete perception of the spiritual world, we must already try to develop imaginations and then turn our attention to them in relation to the spiritual world. Then a connection gradually arises in our lives between the intuition—which is still not understood, but rather felt—and the imagination, which still hovers more or less in unreality and consists only of images. And what this connection is, is ultimately revealed to us as we approach the thought: We have now come to the beings who carry out the spiritual events. We call this approach to the beings “inspiration” [the word “inspiration” is written here]. So here we have, in a sense, the reverse of the processes we experience in relation to the outer physical world. In the latter, we have, so to speak, the thoughts we form about things. There, the things are already given to us, and we form thoughts about them. Here, however, the event—the thing that first appears in intuition as a stirring of the soul—is entirely indeterminate, and imagination as such would be something hanging in the air. Only when the two come together, when imagination works its way into intuition through inspiration, when, in other words, our imagination leads us up to imagination, and when we feel imagination as coming from beings, then does the essence of these beings also flow into us as an event. Something is brought in through imagination that flows in from intuition, and with this event we perceive a content that can be compared to the content of our imagination. We then perceive these thoughts, for the perception of which we have prepared ourselves, through imagination within the event that is given to us in intuition.

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[ 28 ] Ich habe Ihnen damit heute geschildert, wie der Mensch gleichsam auf der andern Seite seines Seelenlebens in die geistige Welt hinaufwächst. Ich habe allerdings einiges vorausgenommen von dem, was nur die Geisteswissenschaft selber geben kann aus der geistigen Forschung heraus; ich mußte es aber vorausnehmen, damit wir uns in unserem morgigen Vortrage leichter verständigen können über das, was uns nun die Hauptsache sein wird: eine Schilderung der Eigenart, der Eigentümlichkeit der geistigen Welt selber.

[ 28 ] Today I have described to you how human beings, as it were, grow upward into the spiritual world on the other side of their soul life. I have, however, anticipated some of what only spiritual science itself can provide through spiritual research; but I had to do so in order that we may more easily understand one another in tomorrow’s lecture regarding what will now be our main focus: a description of the nature and characteristics of the spiritual world itself.