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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophie, Psychosophie
and Pneumatosophie
GA 115

15 Dezember 1911, Berlin

Pneumatosophie III

[ 1 ] Wir haben gestern gesehen, wie es doch in einer gewissen Art auch schon für das gewöhnliche Bewußtsein, wenn dieses sich nur selber recht versteht, etwas gibt wie einen Beweis von dem Dasein des Geistes, und wir haben sagen können, daß für dieses gewöhnliche Bewußtsein zunächst der Irrtum und die Überwindungsmöglichkeit des Irrtums ein Beleg für das Vorhandensein des Geistes sind. Wir haben, um das einsehen zu können, eine Eigenschaft des Geistes herangezogen, die uns wie selbstverständlich erscheint, nämlich die Eigenschaft, die man als die Übersinnlichkeit bezeichnet; denn wir haben uns ja darauf berufen, daß der Irrtum im Übersinnlichen seine Wurzeln haben müsse. Ich habe gesagt, daß es natürlich nicht möglich ist, alle Einzelheiten herbeizutragen, um eine solche Sache in aller Ausführlichkeit zu belegen. Aber das könnte geschehen. Es könnte sogar ein großes Interesse haben, zu zeigen, wie gewissermaßen die Irrtumsmöglichkeit sich erst ergibt auf demjenigen Gebiet, zu dem sich der Mensch erhebt, indem er sich von dem Zwange der äußeren physischen Welt frei macht, also von alledem frei macht, was er ja selbst durch die Wahrnehmung nur erkennen kann. Es braucht zunächst nur auf eine Tatsache hingewiesen zu werden, um gewissermaßen die Methode anzudeuten, in der man zeigen könnte, wie im Grunde genommen der Versuchung, durch eine Beziehung zur äußeren Welt in Irrtum zu verfallen, nur der Mensch ausgesetzt sein kann, wohlgemerkt: ausgesetzt sein kann durch seine eigene innere Natur und Wesenheit. Bei andern Gelegenheiten ist schon darauf aufmerksam gemacht worden, wie im Grunde genommen auch die moderne Wissenschaft von allen Seiten das heranträgt, was man Beweise nennen könnte für die Feststellungen der Geisteswissenschaft. Nur werden diese Belege der äußeren Wissenschaft von deren Bekennern eben heute nicht vorurteilsfrei genug gedeutet.

[ 2 ] Nehmen wir eine solche Tatsache, wie sie durch den Naturforscher Huber festgestellt worden ist, indem er eine Raupe, welche ein Gespinst anlegt, untersuchte. Es gibt Raupen, welche ein solches Gespinst in aufeinanderfolgenden Stufen, in aufeinanderfolgenden Etappen anlegen, so daß man sagen kann, die Raupe spinnt in der ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten Stufe. Nun nahm Huber eine solche Raupe, die bis zur dritten Stufe ihr Gespinst gebracht hatte, und setzte sie in ein anderes Raupengespinst, das bis zur sechsten Stufe schon fertig war. Da stellte sich etwas Merkwürdiges heraus. Diese Raupe, die bis zur dritten Stufe ihr Gespinst vollendet hatte und jetzt in ein anderes Gespinst versetzt worden war, das aber schon von einer andern Raupe bis zur sechsten Stufe vollendet war, fuhr ruhig fort, aus sich selbst, wenn auch mit Hindernissen, nicht etwa die siebente und achte Stufe zu spinnen, sondern die vierte und fünfte. Also sie spann ruhig weiter, wie es ihr der Trieb eingab, von der Stufe ab, bis zu der sie gekommen war, das heißt, sie folgte einem Innenleben, das unbeirrbar war, das nur sich selbst folgen kann. Wenn man dann eine solche Raupe aus ihrem eigenen Gespinst nahm, das sie bis zur dritten Stufe gebracht hatte, und setzte sie in ein anderes Gespinst, das auch bis zur dritten Stufe fertig war, so setzte sie es ruhig fort und hat dies Gespinst in einer regulären Weise vollendet, weil sie auch da nicht einem äußeren Eindruck folgte, sondern ihrem inneren Trieb, nach der dritten Stufe die vierte weiterzuspinnen. Das tut sie aber auch, wenn der äußere Eindruck da ist von einem Gespinst, das schon bis zur sechsten Stufe gediehen ist.

[ 3 ] Es ist dies eine außerordentlich interessante Tatsache, weil wir daran sehen, daß in den Wesenheiten, die uns im Tierreich gegeben sind, durch äußere Eindrücke gar nicht dasjenige bewirkt werden kann, was man einbeziehen kann in diejenigen Begriffe, die wir beim Menschen bezeichnen als richtig oder unrichtig, als in die Sphäre der Irrtumsmöglichkeit fallend. Nur der Mensch kann sich durch etwas Äußerliches deshalb beirren lassen, weil er so organisiert ist, daß er nicht bloß seinem inneren Triebleben, den inneren Impulsen folgt, sondern bei dem, was er tut, auch den Impulsen, die von außen auf ihn eindringen, zu folgen hat. In diesem Sinne sehen wir eigentlich nur den Menschen einer Außenwelt gegenüberstehen. Das aber ergibt im Grunde genommen alle jene Täuschungen, die man hegen kann in bezug auf den Begriff des Geistes. Es hängt eng damit zusammen.

[ 4 ] Wir wollen heute, um nun aus dem Wissenschaftlichen heraus den richtigen Anknüpfungspunkt an unsere geisteswissenschaftliche Geistlehre zu finden, uns noch einmal das vor Augen stellen, was von einem scharfsinnigen Seelenforscher der Gegenwart vorgebracht worden ist, um die Seele und ihre Fähigkeiten als solche zu charakterisieren. Brentano - und ich will, damit wir in einer entsprechenden Weise den Übergang finden in das Gebiet des Geistigen hinein, schematisch auf die Tafel zeichnen, um was es sich handelt - hat die Seelenfähigkeiten eingeteilt, wie ich im ersten Vortrag angeführt habe, in das, was in uns ist als Vorstellen, in das, was in uns ist als Urteilen, und in das, was wir nennen können die Gemütsbewegungen, die Phänomene der Liebe und des Hasses.

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[ 5 ] Wenn wir uns nun den ganzen Umfang: des Seelenlebens in dieser Art eingeteilt denken würden, so würden wir uns sagen müssen, daß Vorstellen und Gemütsbewegungen bei einem wirklich genauen Zusehen doch anders zur Seele stehen und zu dem, was der Mensch sonst in seine Erwägungen einbeziehen kann, als das Urteilen. Das ist ja gerade das, was dieser Seelenlehrer, der Psychologe Brentano, besonders für sich in Anspruch nimmt: hinzuweisen darauf, daß er das Urteilen von dem Vorstellen so abtrennt, daß er in einem Urteil etwas anderes sieht als eine bloße Verbindung von Vorstellungen. Ich habe schon im ersten Vortrage darauf hingewiesen, daß man gewöhnlich sagt, ein Urteil würde dadurch gebildet, daß man Vorstellungen verbindet. «Baum» ist eine Vorstellung, «grün» ist ebenfalls eine Vorstellung; «Der Baum ist grün», ergebe eine Verbindung von Vorstellungen: man hätte darin ein Urteil. Unser Seelenlehrer oder Psychologe sieht das durchaus nicht als das Wesen des Urteilens an, in dem ein Feststellen liegen soll, denn er sagt - und alles, was da vorgebracht wird, hat vielen Grund für sich -: Wenn wir Vorstellungen verbinden, | kann es sich auch darum handeln, die Verbindungsunmöglichkeit dieser Vorstellungen zu konstatieren. Es könnte sich zum Beispiel auch darum handeln, zu verbinden die Vorstellungen «Baum» und «golden»; dann würden wir, wenn wir nicht die Vorstellungen «Baum» und «grün», sondern «Baum» und «golden» bilden müßten für einen Wahrheitssatz, genötigt sein zu sagen: «Kein Baum ist golden» oder etwas dergleichen. Was ist denn eigentlich die Voraussetzung eines Urteiles in diesem Sinne? Es ist die, daß wir sozusagen aus einem jeden solchen Urteil einen Existentialsatz bilden können, und daß dieser Existentialsatz Gültigkeit hat. Ich kann aus der Zusammenstellung der Vorstellungen «Ein Baum ist grün» den Existentialsatz bilden: «Ein grüner Baum ist»; dann erst habe ich geurteilt. Und wenn ich versuche, den Existentialsatz zu bilden, so merke ich erst, daß etwas festgestellt werden kann durch eine Zusammenstellung von Vorstellungen. «Ein goldener Baum ist» — das geht nicht. Also es würde sich darum handeln, ob aus einer Verbindung von Vorstellungen ein Urteil hervorgehen kann, ob ein Existentialsatz gebildet werden kann.

[ 6 ] Aber nun frage ich Sie, wenn Sie den ganzen Umfang des Seelenlebens durchmessen, überall in Ihrer Seele nachschauen, ob Sie irgend eine Möglichkeit finden, einen Existentialsatz so ohne weiteres aus einer Verbindung von Vorstellungen zu bilden? Was kann Sie denn veranlassen, aus der Vorstellungsverbindung «Ein Baum ist grün», den Existentialsatz zu bilden: «Ein grüner Baum ist»? Doch lediglich etwas, was zunächst nicht in Ihrer Seele liegt; denn im weiten Umfange Ihrer Seele können Sie nichts finden. Und wenn Sie den Übergang finden wollen von einer Vorstellungsverbindung zu einem Existentialsatz, zu einem Satz, der etwas entscheidet, durch den eine Feststellung geschieht, so können Sie gar nicht anders, als hinausgehen über Ihr Seelenleben zu demjenigen, wo Sie innerlich in der Seele noch fühlen, daß diese Seele mit anderem, als sie selber ist, in Beziehung tritt. Das heißt: Es gibt keine andere Möglichkeit, den Übergang zu finden von einer Vorstellungszusammenstellung zu einem Urteil, als zunächst die Wahrnehmung [dem Schema an der Tafel wird das Wort «Wahrnehmung» eingefügt].

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[ 7 ] Tritt zu einer Vorstellungszusammenstellung das hinzu, was wir nennen können die Wahrnehmung, dann ist uns überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, davon zu sprechen, daß wir im Sinne dieser Aufstellung ein Urteil bilden können. Damit aber haben wir gezeigt, daß wir von alledem, was wir vorstellen, zunächst nichts anderes sagen können, als daß es eben in unserer Seele lebt und daß wir etwas anderes brauchen, als was in unserer Seele ist, wenn wir vom Vorstellen zum Urteilen kommen wollen.

[ 8 ] Bei den Gemütsbewegungen wird wohl ein jeder noch viel leichter als bei den Vorstellungen davon überzeugt sein können, daß sie nur in der Seele leben, denn sonst könnten die Gemütsbewegungen nicht einen solchen individuellen Charakter tragen bei den verschiedensten Menschen, als sie ihn tragen, wenn diese Gemütsbewegungen in etwas anderem leben würden als in der Seele. Da brauchen wir also nicht besonders viele Worte zu verlieren über die Tatsache, daß die Gemütsbewegungen zunächst in der Seele leben.

[ 9 ] Nun aber fragen wir uns: Ist denn nun irgendeine Möglichkeit vorhanden, den Vorstellungen und Gemütsbewegungen ein bloßes Sein in der Seele zuzuschreiben, trotzdem wir wissen, daß wir von ihnen aus zunächst zu keinem Urteil kommen können, weil sie innere Vorgänge der Seele sind? Wenn nicht durch die Wahrnehmung eine Berührung mit der Außenwelt stattfindet, wenn wir nicht berechtigterweise von Wahrnehmungen sprechen können, so müssen wir fragen: Sind wir denn irgendwie berechtigt, von unseren Vorstellungen und Gemütsbewegungen so zu sprechen, als ob sie nur innerhalb der Seele leben würden? Wir könnten in bezug auf das Vorstellungsleben zunächst darauf hinweisen, daß der Mensch, wenn er in seinen Vorstellungen lebt, keineswegs sich so fühlt, als ob er durchaus in seiner Seele Herr wäre über diese Vorstellungen, als ob in diesen Vorstellungen nichts irgendwie Zwingendes oder dergleichen leben würde. Wenn wir gerade das festhalten, was wir vorgestern im zweiten Vortrag erkannt haben: daß der Irrtum ein Geistiges, ein Übersinnliches ist und hereintreten kann in den Bereich unserer Vorstellungen, und unsere Vorstellungen wiederum den Irrtum überwinden können denn sonst wäre es nie möglich, über den Irrtum hinauszukommen -, dann müssen wir sozusagen anerkennen, daß wir in unserer Seele eine Art Schauplatz eines Kampfes haben zwischen dem Irrtum und eben etwas anderem. Aber der Irrtum ist ein Geistiges. Wir müssen also etwas dem Irrtum Entgegengesetztes haben, das dem Irrtum gewachsen sein kann, sonst würden wir nie über irgendeinen Irrtum hinauskommen können. Und eine Möglichkeit, den Irrtum zu überwinden, gibt es. Es weiß jeder, daß es innerhalb des Vorstellungslebens die Möglichkeit der Überwindung des Irrtums gibt. Da der Irrtum ein Geistiges ist, so können wir ihn nicht durch die bloßen Wahrnehmungen aus der Sinneswelt überwinden. Ich habe schon bei Gelegenheit der Vorträge über Anthroposophie darauf aufmerksam gemacht, daß die Sinne eigentlich im Grunde genommen nicht irren. Das hat einmal Goethe ganz besonders stark hervorgehoben. Die Sinne können nicht täuschen. Irren kann nur das, was in der Seele vorgeht. Daher aber - das zeigt ein geringes Nachdenken - kann der Irrtum auch nur innerhalb der Seele, und zwar durch das Vorstellen zunächst, überwunden werden. Wir kommen also durch das Vorstellen über den Irrtum hinaus. Nun haben wir gestern aber gesehen, daß der Irrtum in einer gewissen Weise eine Art entarteter Spezies ist von etwas anderem, von dem, was wir gerade anführen konnten als das Element in uns, das uns in höhere Regionen unseres Seelenlebens hinaufhebt. Das Wesentliche des Irrtums ist ja seine Nichtübereinstimmung mit der Wahrnehmungswelt. Und wir haben uns gesagt: Bei dem Wege, den wir in die geistige Welt hinauf nehmen müssen, müssen wir uns allerdings auch - in den Meditationen, Konzentrationen und so weiter — Vorstellungen hingeben, die nicht mit der äußeren Wahrnehmung übereinstimmen. Das Rosenkreuz selber, wir haben es angeführt als ein Beispiel einer Vorstellung, die nicht mit der äußeren Wahrnehmung übereinstimmt, die also das mit dem Irrtum ähnlich hat, daß sie nicht mit der äußeren Wahrnehmung übereinstimmt. Aber wir haben gesagt, daß der Irrtum, wenn wir ihn gebrauchen würden auf dem Pfade des geistigen Lebens, zerstörend wirken müßte in uns, und daß auch die Erfahrung zeigt, daß er zerstörend wirkt.

[ 10 ] Wie kommen wir nun zu solchen Vorstellungen, die zwar mit dem Irrtum das gemeinschaftlich haben, daß sie nicht mit der äußeren Wahrnehmungswelt übereinstimmen, aber auf der andern Seite dennoch in einer gesunden, richtigen Weise in uns höhere Seelenkräfte wachrufen? Wie kommen wir, mit andern Worten, aus einer bloßen falschen Vorstellung zu einer sinnbildlichen Vorstellung, wie wir sie öfter beschrieben haben, und wie wir sie im Rosenkreuz als eine der hervorragendsten haben? Dazu kommen wir, wenn wir uns nicht von der äußeren Sinneswelt, nicht von der Wahrnehmungswelt leiten lassen in der Zusammenstellung solcher Vorstellungen, aber wenn wir uns auch nicht leiten lassen von denjenigen Kräften, welche uns zum Irrtum bringen. Wir müssen von beidem absehen, von der Leitung der äußeren sinnlichen Wahrnehmungswelt und von jener Welt, die uns in den Irrtum führt. Wir müssen appellieren an Kräfte in unserer Seele, die wir zunächst erst wachrufen müssen. Vorgestern wurden sie charakterisiert als nur aus dem Boden des Moralischen und des Schönen hervorgehende innere Regungen. Wir müssen in einer gewissen Weise brechen mit unseren Trieben und Leidenschaften, wie sie uns eingeprägt sind durch eine Welt, die wir doch nur als eine äußere bezeichnen können. Wir müssen an uns arbeiten, um geradezu probeweise aus unserer Seele solche Kräfte hervorzurufen, die wir zunächst gar nicht haben. Und wenn wir solche Kräfte, die wir zunächst gar nicht haben, aus unserer Seele wachrufen, dann bringen wir es dazu, sinnbildliche Vorstellungen zu bilden, die in einem gewissen Sinne doch eine, wenn auch nicht auf die Wahrnehmungswelt bezügliche, so doch objektive Gültigkeit haben. Da bilden wir uns zunächst einmal, wie das öfter auseinandergesetzt worden ist, die Vorstellung von dem Menschen, wie er vor uns jetzt in der Gegenwart dasteht, wie er dasteht als ein Wesen, zu dem er in gewissem Sinne durchaus nicht Ja sagen kann, mit dem er selber nicht einverstanden sein kann, von dem er selber sagen muß, dieser Mensch: Es muß überwunden werden, so wie es ist! - Und dann setzen wir daneben die andere Vorstellung, die schon aus dem Grunde nicht in die Wahrnehmung hineinfallen kann, weil sie sich nicht auf die Gegenwart oder Vergangenheit bezieht, sondern auf die Zukunft des Menschen, jene andere Vorstellung, welche uns sagt: Der Mensch fühlt in sich, daß er anstreben muß eine höhere Selbstnatur, eine solche Natur, welche ganz und gar den Menschen zum Herrn macht über alles dasjenige, was er in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht anerkennt. Und dann fügen wir aus solchen inneren Regungen Vorstellungen zusammen, die sonst unter der Leitung der Wahrnehmungswelt nicht zusammenfallen würden, fügen zusammen das Symbol des zum Ersterben zu Bringenden, das schwarze Kreuz, und das Symbol des Lebens, das daraus sprießen muß, die roten Rosen, und stellen uns vor in innerer Meditation das Rosenkreuz als eine solche Vorstellung, die wir nur als eine unwirkliche bezeichnen können, die wir aber doch nicht auf dieselbe Weise haben zusammenstellen können, wie ein einfacher Irrtum zustande kommt, sondern die wir herausgeboren haben aus den edelsten Regungen unserer Seele.

[ 11 ] Wir haben also aus den edelsten Regungen unserer Seele eine Vorstellung herausgeboren, die keiner äußeren Wahrnehmung entspricht. Und wenn wir nun diese Vorstellung anwenden, das heißt, wenn wir uns in strenger innerer Versenkung einer solchen Vorstellung hingeben, sie in unserer Seele wirken lassen, dann zeigt es sich, daß unsere Seele in gesunder Art weiterentwickelt wird, daß sie zu höheren Höhen kommt, als sie vorher innehatte. Es zeigt sich dann die Erfahrung, daß diese Seele entwickelbar ist. Da haben wir also mit einer Vorstellung, die zunächst gegenüber der äußeren Wahrnehmungswelt wirklich mit dem Irrtum zusammenfällt, insofern sie nichts von dieser äußeren Wahrnehmungswelt abbildet, etwas ausgeführt, was zum Richtigen führt, zu dem führt, was sich in sich als ein Richtiges ankündigt. |

[ 12 ] Nun fragen wir uns: Können wir alledem, was von außen, von der äußeren Wahrnehmung zunächst in uns hereindringt, die Macht geben über eine solche Vorstellung, die mit dieser äußeren Wahrnehmung eben nichts gemein hat, können wir dem die Macht geben, irgendeine Kraft auszuüben, eine Kraft auszuüben, welche aus ihr etwas ganz anderes macht in unserer Seele als aus dem Irrtum? Da müssen wir sagen: Dasjenige in uns, was aus dieser sinnbildlichen Vorstellung etwas ganz anderes gemacht hat, als was sonst aus dem Irrtum entstehen könnte, das ist genau dem entgegengesetzt, was im Irrtum kraftet, was im Irrtum wirkt. Und wenn wir vorgestern sagen konnten: Im Irrtum merken wir die luziferischen Kräfte - so können wir jetzt sagen: In der Umgestaltung der sinnbildlichen Vorstellung, die sich in der eigenen Seele vollzieht, in dem gesunden Hinleiten der sinnbildlichen Vorstellung zu einer höheren Anschauung der Seele, zeigt sich uns, daß in dem, was wir da als edle Regungen in uns verspüren, wir das Entgegengesetzte des Luziferischen haben, also das Geistig-Göttliche. —- Und je tiefer Sie eingehen werden auf diesen Zusammenhang, desto mehr wird sich Ihnen zeigen, daß durch diese innere Erfahrung der Umgestaltung einer sinnbildlichen Vorstellung unmittelbar wahrgenommen und verspürt wird das innere Wirken des Übersinnlichen. Wenn es sich aber so zeigt, daß das Übersinnliche in uns etwas macht, etwas vollbringt, etwas kraftet, dann wird aus dem, was bisher bloß Vorstellung in der Seele war, was innerhalb der Seele lebte, etwas ganz. anderes, etwas, was wir jetzt ebenso bezeichnen müssen als eine Feststellung, wie etwas, was nicht durch die Seele selber, wie sie zunächst ist, hervorgebracht werden kann. Geradeso wie die Feststellung im Urteilen hervorgebracht werden kann durch die Wahrnehmung, so kann durch den ganzen jetzt charakterisierten Prozeß die Vorstellung im Innern durch sich selbst dasjenige leisten, was da geschildert worden ist. So wie die Vorstellung dann, wenn sie durch die Wahrnehmung in Berührung kommt mit der gewöhnlichen Außenwelt, zum Urteil führt, so führt das innere Leben der Vorstellung, das nicht richtungslos ist, sondern sich leiten läßt in der Art, wie es geschildert worden ist, auch über diese bloße Vorstellung hinaus dazu, daß die Vorstellung etwas anderes wird, wenn auch jetzt nicht ein Urteil, so doch etwas, was diese Vorstellung zu einer inhaltsvollen, aus der Seele hinausweisenden Vorstellung macht. Dies ist dasjenige, was wir dann im wahren Sinne des Wortes die Imagination nennen können [es wird «Imagination» angeschrieben].

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[ 13 ] So können wir sagen: Die Vorstellung weist auf der einen Seite, indem sie in Berührung kommt mit der Außenwelt, hin auf das Urteil, und sie weist auf der andern Seite hin, indem sie den geschilderten Prozeß durchmacht, auf das, was wir jetzt im wahren Sinne des Wortes die Imagination nennen. Ebensowenig wie eine Wahrnehmung eine Vorstellung bloß ist, ebensowenig ist eine Imagination eine Vorstellung. Durch die Wahrnehmung berührt das Vorstellungsleben eine ihm zunächst noch unbestimmte Außenwelt; durch den geschilderten Prozeß lebt sich das Vorstellen in dasjenige hinein, was wir die imaginative Welt nennen können. Und so wie in der Tat ein Übergang ist von der bloßen Vorstellungszusammenstellung «Ein Baum ist grün» zu dem Urteil «Ein grüner Baum ist», ebenso besteht ein solcher Übergang von dem bloßen Vorstellungsleben zu dem, was in der Imagination in der erfüllten - und zwar nicht von irgendeiner äußeren, räumlich äußeren Welt erfüllten - Vorstellung liegt. So haben wir den Prozeß vor uns, der uns im imaginativen Leben die Vorstellungen erfüllt.

[ 14 ] Zwischen der Imagination und dem Vorstellen liegt nun noch etwas dazwischen. Die Imagination ist in der Tat so, daß in dem Augenblick, wo sie eintritt, sie sich schon ganz real ankündigt. Wenn unsere Seele wirklich zu ihren Imaginationen kommt, dann fühlt sie in ihrem Vorstellungsleben etwas ganz Ähnliches, als sie im Wahrnehmungsleben fühlt. In letzterem fühlt sie eben ihre unmittelbare Berührung mit einer äußeren Welt der Körperlichkeit; in dem Imaginieren fühlt sie ihre unmittelbare Berührung mit einer ihr zunächst auch äußerlichen Welt, aber einer äußerlichen Welt des Geistes. Dieser Geist ist, so wie er sich in die Vorstellungen einlebt, wenn diese wirklich zur Imagination hinandringen, in derselben Weise zwingend, wie die äußere Körperwelt zwingend ist. So wenig wir, wenn wir mit der äußeren Welt in Berührung kommen, uns einen Baum als golden vorstellen können, sondern wie uns da die äußere Welt zwingt, in einer bestimmten Weise vorzustellen, und wir nichts anderes haben für diesen Zwang als die Berührung mit der äußeren Welt, so fühlen wir auch jenen Zwang, der vom Geiste ausgeht, wenn das Vorstellen sich erhebt zur Imagination. Wenn aber die Vorstellungen sich zur Imagination erheben, dann wissen wir zugleich, daß dieses Vorstellungsleben unabhängig von all denjenigen Wegen sich auslebt, auf denen sonst Vorstellungen mit Inhalt erfüllt werden. Im gewöhnlichen Leben werden Vorstellungen dadurch mit Inhalt erfüllt, daß unsere Augen, Ohren und so weiter Wahrnehmungen haben und von diesen Wahrnehmungen herein das Vorstellungsleben speisen, so daß das Vorstellungsleben mit dem Inhalt unserer Wahrnehmungen erfüllt ist. Im Imaginieren lassen wir uns die Vorstellungen von der Seite des Geistes her erfüllt sein. Da darf nichts mitwirken, was auf dem Wege der körperlichen Organe unseren Seeleninhalt bilden kann; da darf nichts mitwirken und wirkt auch nichts mit, was durch Augen oder Ohren in uns hereinkommt. Da haben wir ein unmittelbares Bewußtsein davon, daß wir von allem frei sind, was zu unserer eigenen Leiblichkeit, zu unserer eigenen Körperhaftigkeit gehört. Von alledem sind wir unmittelbar frei, so frei, wie wir, wenn wir die Dinge unbefangen betrachten, nur sagen können, daß wir frei sind von allen Prozessen des äußeren Leibes im Schlafe. Daher ist bei dem Menschen, der imaginiert, in bezug auf seine Gesamtorganisation alles so wie im Schlafe, nur daß an die Stelle der Bewußtlosigkeit des Schlafes das imaginative Bewußtsein tritt, so daß dasjenige, was sich sonst als vollständig leer erweist, also das, was sich vom Leibe getrennt hat, erfüllt ist mit dem, was wir imaginative Vorstellungen nennen können. Ein anderer Unterschied ist also nicht zwischen einem schlafenden Menschen und einem imaginierenden als der, daß das, was im Schlafe außerhalb des physischen Leibes ist, beim gewöhnlichen schlafenden Menschen in einer gewissen Beziehung vorstellungsleer ist, während es beim Imaginieren von den imaginativen Vorstellungen erfüllt ist.

[ 15 ] Nun kann aber auch ein Zwischenzustand eintreten. Der würde sich dann ergeben, wenn der Mensch zwar im Schlafe erfüllt wäre von den imaginativen Vorstellungen, aber nicht Kraft genug hätte, diese Vorstellungen sich zum Bewußtsein zu bringen. Das könnte auch eintreten; denn das ist ein möglicher Zustand. Daß er möglich ist, können Sie aus dem gewöhnlichen Leben schon entnehmen. Ich will Sie nur darauf aufmerksam machen, daß Sie im gewöhnlichen Leben eine ganze Menge Dinge wahrnehmen, welche Sie sich nicht zum Bewußtsein bringen, zum Beispiel wenn Sie auf der Straße gehen: eine ganze Welt nehmen Sie dann wahr, aber Sie bringen sich nicht alles zum Bewußtsein. Sie können sich oft davon überzeugen, daß Sie die Dinge schon wahrgenommen haben, aber sich nicht zum Bewußtsein gebracht haben, wenn Sie zum Beispiel von merkwürdigen Dingen träumen. Es gibt Träume, die in dieser Beziehung ganz merkwürdig sind. Nehmen Sie zum Beispiel an, Sie träumen, daß ein Mann neben einer Dame steht und ihr dieses oder jenes sagt. Nun, der Traum bleibt im Bewußtsein, Sie erinnern den Traum, aber Ste müssen sich gestehen, wenn Sie nachdenken über den Traum, daß die Situation tatsächlich da war, daß Sie aber nichts davon gewußt hätten, wenn Sie es nicht geträumt hätten. Dieselbe Dame, derselbe Mann hat vor Ihnen gestanden, nur haben Sie es nicht beachtet; erst als Sie von allen andern Eindrücken frei waren und träumten, kam dieses sonst ganz unbeachtete Bild zum Bewußtsein. Dergleichen kommt oft vor. So können Wahrnehmungen, welche durchaus gemacht worden sind, das Bewußtsein unberührt lassen. So können aber auch Imaginationen, die in der Seele leben, das Bewußtsein unberührt lassen, können nicht als Imaginationen in der Seele unmittelbar auftreten. Dann treten sie auf eine ähnliche Weise wie die Wahrnehmungen, von denen ich eben gesprochen habe, ins Bewußtsein herein. Nämlich solche Wahrnehmungen, die gemacht worden sind und ins Bewußtsein unbeachtet herübergelangt sind, treten in jenem Halbbewußisein, das das Traumbewußtsein ist, zuweilen an den Menschen heran. Und ebenso können solche Imaginationen, für die der Mensch noch nicht die Kraft hat, sie sich zum Bewußtsein zu bringen, ins wache Tagesleben hereinleuchten und da ähnlich umgestaltet wirken wie im Traum, fluktuierend und verfließend in solche Wahrnehmungen, die sonst klar vor dem Menschen stehen. Und das geschieht, daß solche Imaginationen wirklich hereintreten in das Bewußtsein des sonstigen Alltages, aber dabei eine Veränderung erleben, dann, wenn sich auslebt im menschlichen Bewußtsein dasjenige, was man die im Wahrhaftigen der Welt begründete Phantasie nennt, die der wahrhaftige Grund ist für alles künstlerische Schaffen, für alles Schaffen, das überhaupt mit Produktivität im Menschen zusammenhängt [es wird «Phantasie» angeschrieben].

[ 16 ] Weil das so ist, deshalb hat zum Beispiel Goethe, der den künstlerischen Prozeß wohl kannte, so oft betont, daß die Phantasie durchaus nicht etwas ist, was in beliebiger Weise die Welterscheinungen zusammenstellt, sondern daß sie Wahrheitsgesetzen unterliegt. Aber die Wahrheitsgesetze sind so, daß sie durchaus aus der Welt der Imaginationen heraus wirken. Nur weil sie in das Alltagsleben hereinwirken, verändern sie sich und verweben sich mit dem, was das Alltagsleben im Bewußtsein hat, gliedern die gewöhnliche Wahrnehmungswelt in einer freien Weise, so daß wir in der wahren Phantasie wirklich etwas haben, was zwischen dem bloßen Vorstellen und zwischen der Imagination mitten drinnen liegt. Wenn die Phantasie nicht so aufgefaßt wird, daß sie etwa dem Menschen doch nur als das gilt, wovon oft gesagt wird: Phantasie ist etwas, was nicht wahr ist -, sondern wenn sie wirklich verstanden wird, so liegt in ihr ein unmittelbarer Zeuge für ein Weitergehen der Vorstellungen nach der Richtung hin, wo die Vorstellungen sich ergießen können in das Gebiet des Übersinnlichen, der imaginativen Welt. Hier haben wir einen derjenigen Punkte, wo wir das unmittelbare Hereinströmen der geistigen Welt in unsere gewöhnliche Welt wahrzunehmen in der Lage sind.

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[ 17 ] Betrachten wir aber jetzt einmal die andere Seite der Sache, die Seite der Gemütsbewegungen. Es ist schon gesagt worden, daß jener Seelenforscher, der hier in Betracht kommt, innerhalb der Seele bleibt und daher auch für alles, was Willensimpulse sind, die Sache nur so weit verfolgt, daß er, innerhalb der Seele bleibend, bei den Gemütsbewegungen Halt macht. Wenn irgend etwas von dem Menschen ausgeführt wird, so liegt selbstverständlich einer solchen Ausführung ein Begehren, ein Affekt oder ein Trieb zugrunde, dasjenige also, was, wenn es innerhalb der Seele betrachtet wird, als eine Gemütsbewegung zu gelten hat. Aber durch eine bloße Gemütsbewegung geschieht ja doch nichts. So lange wir in der Seele bleiben, braucht auch nichts zu geschehen. Wir können irgendeine Gemütsbewegung ungeheuer intensiv durchmachen: es wird dadurch noch nicht dasjenige erreicht, was durch den Willen doch erreicht werden soll, nämlich daß etwas geschieht, was nun unabhängig von der Seele ist. Denn alles, was innerhalb der Seele bleibt, ist kein wahrer Ausdruck des Willens. Wenn die Seele nie über sich hinauskommen würde, wenn sie nur im Begehren und so weiter dieses oder jenes an Gemütsbewegungen in sich erleben würde, auf der einen Seite bis zum Ekel, auf der andern Seite bis zur höchsten Ehrfurcht, so wäre dadurch nichts geschehen, was von der Seele unabhängig wäre. Wir müssen also sagen: Indem wir den Willen in seiner wahren Gestalt als eine Tatsache anerkennen müssen, weist uns auch das ganze Gebiet der Gemütsbewegungen über die Seele hinaus. Aber auf eine ganz eigenartige Weise weist uns diese Sphäre der Gemütsbewegungen über die Seele hinaus. Wo weist sie uns denn zunächst hin? Wenn der einfachste Ausdruck eines Willens geschieht, wenn wir zum Beispiel eine Hand heben, oder gehen, oder mit irgendeinem Instrument auf den Tisch schlagen, also etwas ausführen, was mit dem Willen etwas zu tun hat, so können wir sehen, daß in der Wirklichkeit sich etwas vollzieht, was wir nennen können einen Übergang unserer Gemütsbewegungen - des inneren Impulses also zu der Handlung - zu etwas, was wahrhaft nicht mehr innerhalb unserer Seele ist, aber doch in einer gewissen Weise innerhalb von uns. Denn dasjenige, was da durch einen wirklichen Willensimpuls geschieht, indem wir unseren eigenen Leib in Tätigkeit versetzen, und wodurch dann sozusagen als Fortsetzung dieses In-Tätigkeit-Versetzens die äußere Handlung geschieht, das steht durchaus nicht innerhalb desjenigen, was sich in der Seele erschöpft; denn der Mensch kann unmöglich alle die Handlungen verfolgen, die von dem Entschluß, eine Hand zu heben, bis zum wirklichen Heben der Hand verlaufen müssen. Da wird der Mensch auf der andern Seite von seinen Gemütsbewegungen in ein Äußeres hineingeleitet, aber in ein Äußeres, das jetzt in einer ganz andern Weise ein Äußeres ist, nämlich das Äußere an uns selber: unsere Leiblichkeit, unsere eigene Körperlichkeit. Wir gehen hinunter von der Seele in unsere eigene Leiblichkeit, in unsere eigene Körperlichkeit; aber wir wissen zunächst nicht, wie wir das machen im äußeren Leben. Denken Sie einmal, was Sie für Anstrengungen machen müßten, wenn Sie, anstatt Ihre Hand zu bewegen, einen Apparat konstruieren müßten, welcher, indem Sie ihn von außen durch Federn und so weiter bewegten, denselben Effekt hervorrufen würde, wie wenn Sie sagen würden: Ich will die Kreide aufheben - also wenn Sie einfach sagten: Ich will die Kreide aufheben - und dann Ihre Hand dazu heben. Denken Sie nur, was Sie alles, was da geschieht zwischen der Vorstellung: Ich will die Kreide aufheben - und dem wirklichen Aufheben der Kreide, bewerkstelligen müßten, um es durch ein Werkzeug wirklich in Realität umzusetzen! Denken Sie, was Sie da für Anstalten machen müßten! Das kann man nicht denken, aus dem einfachen Grunde, weil man dazu auch gar nicht imstande ist. Es ist auch nicht ein solcher Apparat da. Dennoch ist er vorhanden am Menschen. Da geschieht etwas in der Welt, was ganz offenbar nicht in unserem Bewußtsein ist; denn wenn es in unserem Bewußtsein im Alltag wäre, so würden wir den Apparat mit Leichtigkeit herstellen können. Würde man alles kennen, was verläuft zwischen der Vorstellung: Ich will die Kreide aufheben - und dem Kreide-Aufheben selbst, so würde man den entsprechend konstruierten Apparat herstellen können. Also es verfließt da etwas, was wir zu unserer Leiblichkeit rechnen müssen, was aber dem Menschen ganz und gar unbekannt ist.

[ 18 ] Wir müssen also fragen: Was müßte denn geschehen, wenn in das, was da in der Handbewegung oder in irgendeiner andern, dem Willen folgenden Körperbewegung ausgeführt wird, Bewußtsein hereindringen soll? Dann müßte auch eine solche Realität, die außer uns ist, nicht Halt machen vor unserem Bewußtsein, sondern müßte heraufkommen in unser Bewußtsein. Ein ebensolches Geschehen, einen ebensolchen Verlauf, wie er sich da an unserer eigenen Leiblichkeit vollzieht und nicht heraufdringt in unser Bewußtsein, müßten wir so vor uns haben, daß er uns ebenso äußerlich wäre, ebenso aber wieder intensiv mit uns verbunden wäre wie für unser Bewußtsein unsere Handbewegung. So etwas müßten wir haben, was so intensiv zu uns gehörte und doch in uns wie von außen hereinfiele, also etwas, was wir in unserer Seele erleben würden und dennoch in unserer Seele als ein Äußeres erlebten. Also wir müßten ein so Kunstvolles haben wie einen Apparat für das Aufheben der Kreide und müßten dieses Kunstvolle ebenso wie ein in festen äußeren Gesetzen Begründetes innerhalb unseres Bewußtseins haben. In unser Bewußtsein müßte etwas hereinfallen, was in gesetzmäßiger Weise innerhalb dieses Bewußtseins wirkte, so daß wir jetzt nicht so denken würden, wie wir bei einer sonstigen Willenshandlung denken, daß wir uns sagen: Da ist auf der einen Seite in uns lebend der Gedanke: Ich will die Kreide aufheben - und dann, wie streng davon getrennt, etwas, wovon ich gar nichts weiß, nämlich der Vorgang, den ich höchstens dann wie eine äußere Wahrnehmung anschauen kann -, sondern die beiden Dinge müßten zusammenfallen, müßten ein und dasselbe sein. Das Geschehen müßte unmittelbar mit dem seelischen Bewußtsein verbunden sein, so daß es in dasselbe hineinfällt, so etwa hineinfällt, wie wenn alle Einzelheiten der Handbewegung nicht außerhalb, sondern innerhalb des Bewußtseins sich vollzögen. Das ist aber der Vorgang, der sich vollzieht bei der Intuition [es wird «Intuition» angeschrieben].

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[ 19 ] Daher können wir sagen: Wenn wir-mit unserem eigenen Bewußtsein etwas, was vollständig innerhalb desselben sich auslebt, erfassen können, nicht als ein bloßes Wissen, sondern als ein Geschehen, als ein Weltgeschehen, so haben wir es zu tun mit der Intuition, und zwar mit jener Intuition im höheren Sinne, wie es auch gemeint ist in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», so daß wir es also innerhalb der Intuition zu tun haben mit dem waltenden Willen. Während also Brentano, dieser scharfsinnige Psychologe, bei den gewöhnlichen Seelenerscheinungen innerhalb der Seele nur die Gemütsbewegungen findet und den Willen gar nicht findet, weil er dort nicht vorhanden ist - denn der Wille fällt heraus für das gewöhnliche Bewußtsein -, findet erst das in die höheren Regionen hinaufsteigende Bewußtsein in sich etwas, was zugleich ein Geschehen ist. Das ist das, wo die Welt hereinspielt in das Bewußtsein. Das ist die Intuition.

[ 20 ] Auch hier gibt es wieder eine Art von Übergang, nur ist derselbe nicht so leicht zu bemerken wie der Übergang, der vom Vorstellen durch die Phantasie zur Imagination führt. Dieser Übergang tritt dann ein, wenn der Mensch lernt, so auf sich achtzugeben, daß er nicht nur in die Lage kommt, irgend etwas zu wollen und dann die Handlung daranzuschließen — und sozusagen klaffend nebeneinanderstehend hat Gedanken und Handlung -, sondern wenn er beginnt, seine Gemütsbewegungen selber über die Qualität der Handlungen auszudehnen. Das ist etwas in vielen Fällen sogar recht Mißliches; aber es tritt im Leben doch ein, daß man, indem man handelt, eine Art Wohlgefallen oder Ekelgefühl an seinen eigenen Handlungen haben kann. Ich glaube nicht, daß ein unbefangener Beobachter des Lebens leugnen kann, daß man die Gemütsbewegungen erweitern kann bis zu einer Art Hereinströmen-Lassen der Eigenschaften der eigenen Zustände in die Handlungen, so daß man innerhalb der Gemütsbewegungen auch vorhanden hat, was man als Sympathie oder Antipathie an einer Handlung bezeichnen kann. Aber steigern kann sich auch dieses Miterleben seiner eigenen Handlungen in den Gemütsbewegungen. Und wenn es sich steigert,. wenn es auftritt als das, als was es eigentlich auftreten soll, dann haben wir an dem Übergang zwischen den Gemütsbewegungen und der Intuition dasjenige gegeben, was wir nennen können das menschliche Gewissen, also die Gewissensregungen [es wird «Gewissensregung» angeschrieben]. Das Gewissen ist etwas, was in diesem Übergange sitzt, wenn wir es seiner Stelle nach suchen. Deshalb können wir sagen: Eigentlich ist unsere Seele nach zwei Seiten hin offen, nach der Seite der Imagination und nach der Seite der Intuition, und die Seele ist geschlossen nach der Seite, wo wir gleichsam aufstoßen durch die Wahrnehmung auf die äußere Körperlichkeit. Sie kommt in eine Erfüllung, wenn sie sich in das Reich der Imaginationen hineinbegibt, und sie kommt auch in eine Erfüllung, und zwar mit einem Geschehen, wenn ste sich ins Reich der Intuition hineinbegibt.

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[ 21 ] Wie kann nun, da doch Intuition und Imagination in einer Seele leben müssen, in dieser einen Seele eine Art Vermittelung, eine Art Verbindung entstehen zwischen Imagination und Intuition? In der Imagination haben wir zunächst ein Bild, ein erfülltes Bild der geistigen Welt. In der Intuition haben wir ein Geschehen, das hereinfällt aus der geistigen Welt. Ein Geschehen, wenn es uns entgegentritt in der gewöhnlichen physischen Welt, ist etwas, was uns sozusagen nicht in Ruhe läßt. Wenn es uns entgegentritt, suchen wir dahinterzukommen; dann suchen wir dasjenige, was als Wesenheit hinter diesem Geschehen liegt. So ist es auch mit demjenigen Geschehen, das in der geistigen Welt liegt und in unser Bewußtsein hereindringen soll. Betrachten wir die Sache noch einmal näher, wie sie eigentlich ist. Wie dringt zunächst die Intuition in unser Bewußtsein herein? Wir mußten sie zunächst suchen auf der Seite der Gemütsbewegungen. Da dringt sie zwar in unser Bewußtsein, in unsere Seele herein, aber auf der Seite der Gemütsbewegungen, nicht auf der Seite des Vorstellens. So ist es zunächst mit der Intuition. Diese Intuition kann nämlich in unser Bewußtsein, in unsere Seele hereindringen, ohne daß wir die Möglichkeit haben, sie vorzustellen. Von der Imagination haben wir auch gesagt, daß der Mensch sie haben kann, ohne sich ihrer bewußt zu sein; sie kommt dann in die Phantasie herein, weil sie unmittelbar im Vorstellen wirkt. Aber die Intuition mußten wir auf die andere Seite, auf die Seite der Gemütsbewegungen stellen. Die Intuition stellt sich im ganzen menschlichen Leben überhaupt auf die Seite der Gemütsbewegungen. Ich möchte da noch einmal das Beispiel anführen, das ich vor kurzem schon anführte, und das ein bekannter Traum ist.

[ 22 ] Ein Elternpaar hatte einen Sohn. Der wurde einmal ganz plötzlich krank, und trotzdem man alle Mittel anwandte, die anzuwenden waren, starb er innerhalb weniger Tage. In einer ungeheuren Weise waren die Eltern berührt von dem Hinsterben ihres Sohnes, und ihre Gedanken waren ganz beschäftigt mit diesem Sohn, das heißt in diesem Falle: ihre Erinnerung war beschäftigt mit dem Sohn. Sie dachten viel an diesen Sohn. Eines Tages aber stellte sich heraus, daß in der Nacht die Eltern, Vater und Mutter, denselben Traum hatten. Sie erzählten sich denselben gegenseitig. Sie können dieses Beispiel bei einem mehr oder weniger materialistisch denkenden Traumforscher angeführt finden, der in der Erklärung dieses Traumes die groteskesten Purzelbäume schlägt, aber die Tatsache nicht ableugnen kann. Es erschien nämlich den Eltern im Traume ihr Sohn und forderte sie auf, im Grabe nachsehen zu lassen, denn er sei lebendig begraben worden. Die beiden Eltern haben sich alle erdenkliche Mühe gegeben, um nachforschen zu lassen, ob ihr Sohn lebendig begraben worden sei, aber sie lebten nicht in einem Lande, wo es die Behörden nach so langer Zeit gestattet hätten, in einem Grabe Nachforschungen anzustellen.

[ 23 ] Wie können wir uns nun - ich führe das nur an, um eine Möglichkeit zu haben, die Beziehungen der Intuition zu den Gemütsbewesungen abzuleiten - gewissermaßen eine Art Erklärung bilden für das Faktum, das mit diesem Traume vorliegt? Nun, das können Sie wohl von vornherein voraussetzen: Weil die Eltern in ihren Erinnerungen sich fortdauernd mit dem Sohne beschäftigten, der, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen war, in der geistigen Welt als geistiges Wesen vorhanden war, so war dadurch eine Art Brücke geschaffen mit dem Sohn. Es ist durch das Hinlenken der Gedanken eine Verbindungsbrücke mit der fortdauernden Individualität des Sohnes vorhanden. Aber das können Sie unmöglich annehmen, daß, wenn man nun einmal durch alle die Schleier, die da liegen zwischen den Lebenden und den Toten, hindurchdringt, in den Offenbarungen von dem Toten, wie sie vorhanden gewesen sein müssen, da die beiden Leute denselben Traum hatten, etwas nur Subjektives vorgelegen habe. Oder es muß ein sogenannter Zufall sein -— aber auf diese Weise könnte man alles Mögliche erklären -, wenn das vorliegt, daß die beiden denselben Traum haben, wie ich es angeführt habe. In Wirklichkeit aber gab es eine Verbindung in jener Nacht zwischen den Eltern und dem Sohn. Er hatte ihnen auch etwas gesagt, oder besser gesagt, er hatte ihnen etwas eingeträufelt in ihr Gemüt. Aber da die Eltern in keiner Weise eine Möglichkeit hatten, das ins Bewußtsein hereinzubringen, was ihnen der Sohn eingeträufelt hatte, so stellte sich nur das Traumbild, das Vorstellungen enthielt, die sie gewöhnt waren, vor das wirkliche Ereignis hin. Es war also etwas ganz anderes, was der Sohn eigentlich offenbaren wollte; aber die Eltern mußten eine Vorstellung gewinnen, die sie nur aus dem Material ihres Vorstellungslebens nehmen konnten. Das stellte sich als Traum vor das Ereignis hin.

[ 24 ] Oder ein anderer Traum: Eine Bauernfrau träumt, sie ginge in die Stadt zur Kirche. Sie träumt dabei jedes einzelne Stadium: wie sie zur Kirche hineingeht, wie der Prediger dasteht mit zum Himmel erhobenen Händen und außerordentlich begeistert predigt; sie träumt, wie sie darüber voll Enthusiasmus wird. Da aber stellt sich eine merkwürdige Veränderung ein: Der Prediger verändert seine Gestalt, er bekommt Flügel und Federn und verändert zuletzt die Stimme; die wird immer krähender und krähender, und zuletzt verwandelt sich die ganze Gestalt in einen Hahn, der kräht. Die Frau wacht auf - und draußen kräht der Hahn wirklich! — Dieses Hahnenkrähen hat, wie Sie sich denken können, den ganzen Traum hervorgerufen. Sie werden aber auch zugeben müssen, daß dieses Krähen in der mannigfaltigsten Weise andere Träume hätte hervorrufen können. Ein Spitzbube hätte etwa träumen können, er wäre aufgeschreckt worden durch den Hahnenschrei und hätte vielleicht dann geträumt, daß er eine ganz lange Zeit darüber nachgedacht hätte, wie er irgend etwas, zum Beispiel ein Schloß öffnen könnte. Da habe ihm dann ein anderer Spitzbube, der schlauer war als er, eine Anleitung gegeben, was sich dann in einen Hahnenschrei verwandelt hat. -— Daraus sehen Sie, wie das, was sich als Vorstellungsbild vor das wirkliche Erlebnis hinlegt, gar nichts zu tun zu haben braucht mit dem, was die Seele wirklich erlebt. Was hat zum Beispiel das erwähnte Elternpaar erlebt? Eine Verbindung, eine Offenbarung von dem Sohn, die unmittelbar eingeflossen ist ins Gemüt. Und in dem andern Falle: Die Bauernfrau war eine sehr fromme Frau, die ganz in einer Atmosphäre schwelgte, die von Frömmigkeit durchzogen war. Das hat sie wirklich durchgemacht. Und als sie dann herausgerissen wird aus dem Schlaf, da hat sie noch eben das Gefühl, sie komme aus irgend etwas her; aber ihr ganzes Bewußtsein wird von dem Hahnenschrei in Anspruch genommen, der sich vor ihr Erlebnis hinlegt, indem er sich ausmalt zu dem Prediger in der Kirche. So wird das seelische Erlebnis zu dem, was da geträumt worden ist.

[ 25 ] Wenn sich dann jemand eine gewisse Praxis erwirbt, von den Träumen zu den entsprechenden Wirklichkeiten zu gehen, so stellt sich auch heraus, daß er, bevor er an die innere Wirklichkeit herankommt, durchdringen muß eine Gemütsverfassung von Erhebung oder Trauer, kurz, irgendeine Spannung oder Lösung von Gefühlen. Die Vorstellungen in bezug auf das, was da in der geistigen Welt erlebt wird, verfließen gewöhnlich in eine Art von Nichtigkeit; man muß sich ganz andere Vorstellungen bilden von dem wirklichen Geschehen. Oder mit andern Worten: Das geistige Geschehen steht den Gemütsbewegungen näher als dem Vorstellen, denn die Vorstellungen sind alle nicht maßgebend für die seelisch-geistigen Geschehnisse. Da ist in der geistigen Welt das Geschehen, das hereinragt in die Gemütsbewegungen während des ganzen Nachtlebens; aber mit seinem Vorstellen kann der Mensch nicht an dieses Geschehen heranreichen, um dieses Erleben zu charakterisieren.

[ 26 ] So haben wir die Möglichkeit, darauf hinzuweisen, daß auch die Intuition mit den Gemütsbewegungen in einer bestimmten Verbindung steht. Daher auch kommen Mystiker, bevor sie zu irgendwelchen klar umrissenen Vorstellungen über die höheren Welten kommen, zu einer Art allgemeinen dumpfen Gemütserlebens dieser höheren Welten, und viele sind damit zufrieden, viele sogar mit noch weniger. Aber diejenigen, welche sich wirklich in die höheren Welten versenken mit dem Gemüt, die beschreiben dann alle in gleicher Weise die Zustände von seelischer Hingabe, die sie da durchmachen, kurz, lauter Gemütsverfassungen an dem, was man unmittelbares Erleben der geistigen Welt nennen kann.

[ 27 ] Wenn wir dann durch diese Intuition, die in das Gemüt hereinspielt, weitergehen wollten, so würden wir nicht gut weiterkommen können, sondern wir müssen eigentlich mehr von der andern Seite ausgehen. Um nicht so allgemein in den Gemütsbewegungen zu schwelgen, sondern um zum konkreten Anschauen der geistigen Welt zu kommen, müssen wir schon versuchen, Imaginationen auszubilden und darauf dann mit Bezug auf die geistige Welt unsere Aufmerksamkeit wenden. Dann tritt allmählich eine Verbindung ein in unserem Leben zwischen der noch unverstandenen, mehr nur gefühlten Intuition und der noch mehr oder weniger in der Unwirklichkeit schwebenden Imagination, die nur aus Bildern besteht. Und was da die Verbindung ist, das gibt uns zuletzt das Heranrücken an den Gedanken: Wir sind jetzt zu den Wesen gekommen, die das geistige Geschehen ausführen. Dieses Herankommen an die Wesen bezeichnen wir als Inspiration [es wird «Inspiration» angeschrieben]. Wir haben also hier gewissermaßen das Umgekehrte von den Vorgängen, die wir der äußeren körperlichen Welt gegenüber haben. In dieser haben wir sozusagen die Gedanken, die wir uns über die Dinge machen. Da sind uns die Dinge schon gegeben und wir machen uns Gedanken über dieselben. Hier aber ist das Geschehen, das Ding, das in der Intuition zunächst für die Gemütsbewegungen auftritt, ein durchaus Unbestimmtes, und die Imagination als solche wäre ein in der Luft Hängendes. Erst wenn die beiden zusammenkommen, wenn die Imagination durch die Inspiration hereinwirkt in die Intuition, wenn uns, mit andern Worten, unser Vorstellen hinaufführt zur Imagination, und wenn wir die Imagination fühlen als von Wesenheiten herkommend, dann strömt auch das Wesen dieser Wesenheiten in uns ein als ein Geschehen. Es wird mitgebracht durch die Imagination etwas, was aus der Intuition einströmt, und wir nehmen mit dem Geschehen einen Inhalt wahr, der sich vergleichen läßt mit dem Vorstellungsinhalt. Wir nehmen dann aber diese Gedanken, für deren Wahrnehmung wir uns vorbereitet haben, durch die Imagination in dem Geschehen wahr, das uns in der Intuition gegeben ist.

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[ 28 ] Ich habe Ihnen damit heute geschildert, wie der Mensch gleichsam auf der andern Seite seines Seelenlebens in die geistige Welt hinaufwächst. Ich habe allerdings einiges vorausgenommen von dem, was nur die Geisteswissenschaft selber geben kann aus der geistigen Forschung heraus; ich mußte es aber vorausnehmen, damit wir uns in unserem morgigen Vortrage leichter verständigen können über das, was uns nun die Hauptsache sein wird: eine Schilderung der Eigenart, der Eigentümlichkeit der geistigen Welt selber.