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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophie, Psychosophie
and Pneumatosophie
GA 115

16 Dezember 1911, Berlin

Pneumatosophie IV

[ 1 ] Es ist wohl begreiflich, daß nur eine ganz kurze und in gewissem Sinne sogar flüchtige Skizze dessen gegeben werden kann, was einem als Pneumatosophie vorschweben kann, da wir ja nur diese vier Vorträge während unserer Generalversammlungszeit zur Verfügung haben. Daher ist es natürlich, daß mancherlei hier nur andeutungsweise gegeben werden kann, ja nur so andeutungsweise gegeben werden kann, daß man eigentlich im Grunde genommen diese oder jene Ausführungen erwartet zur weiteren Begründung und Detaillierung. Bei manchen Dingen mag sogar schwierig zu übersehen sein, welcher Zusammenhang ist zwischen dem, was gegeben wird, und dem, was eigentlich hier als Pneumatosophie bezeichnet wird. Gestern haben wir zum Beispiel gezeigt, wie man aus dem Bereiche des bloß Seelischen, auf der einen Seite aus dem Vorstellungsleben und auf der andern Seite aus dem Leben der Gemütsbewegungen, hinauskommt in Gebiete, welche ihrer ganzen Natur nach zu den übersinnlichen Welten gezählt werden müssen. Daß sie zu den übersinnlichen Welten gezählt werden müssen, haben wir aus der einfachen Tatsache heraus erkannt, daß der Bereich des Seelischen eben gegenüber diesen Dingen an einer bestimmten Grenze aufhört, und daß selbst scharfsinnige Seelenforscher, indem sie das Gebiet des Seelischen durchnehmen und einteilen, vor diesen Dingen Halt machen. Es sind ja dem Theosophen alle solchen Dinge, wie sie uns entgegengetreten sind als Imagination, Intuition und Inspiration, von andern Seiten her bekannt, und man muß sich denken, daß dieses also Bekannte, was vor uns stehen kann aus den ganz andern Gesichtspunkten heraus, wie sie etwa in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben sind, in seiner Berechtigung eingesehen werden kann, wenn man immer weiter und weiter geht in dem Aufzeigen all der Fäden, die aus dem gewöhnlichen Seelenleben des Alltages heraus, dem Vorstellungsleben, dem Gemütsleben und dem Urteilen, zur Imagination, Intuition und Inspiration führen.

[ 2 ] Nun ist es natürlich, daß der Mensch zunächst sein Hauptaugenmerk auf dasjenige Seelische wenden wird - um aus diesem in das Geistige hinüberzukommen -, das ihm in der eigenen Seele und indem eigenen Geiste gegeben ist, das heißt also, daß er zunächst darauf ausgehen wird, sein eigenes Geistig-Seelisches erkennen zu lernen. Im Verlaufe dieser Vorträge haben wir nun darauf hinweisen können, wie innerhalb der abendländischen Entwickelung bis ins 19. Jahrhundert, ja bis in unsere Zeit herein die Menschheit Schwierigkeiten hatte, die Tatsache anzuerkennen, die uns als eine fundamentale erscheint: daß des Menschen Geist durch wiederholte Erdenleben geht. Und wir haben am Ende des zweiten Vortrages geradezu einen Repräsentanten indem Durchmachen solcher Schwierigkeiten in Frohschammer angeführt, welcher aus einer wissenschaftlichen Ehrlichkeit ersten Ranges heraus in seinem Werk über die Philosophie des Thomas von Aquin sagt: Wie sollte es sein, wenn der Mensch mit seinem Bleibenden, mit seinem Geistigen eigentlich nur untertauchen sollte immer wieder und wieder in ein Leibliches wie in eine Art Fegefeuer, wie in eine Art Kerker, in ein Gefängnis? Soll man, sagt Frohschammer, das, was zusammenhängt mit dem Verhältnis der Liebe, des Geschlechtsgegensatzes, nur ansehen wie eine Veranstaltung, um des Menschen Seele einzukerkern für die Dauer zwischen Geburt und Tod? - Nun ist es einmal notwendig, gegenüber einer solchen ehrlichen Einwendung gegen die Lehre von den wiederholten Erdenleben, sich zu fragen, ob denn nicht vielleicht hier von Frohschammer ein Standpunkt geltend gemacht worden ist, der eben nur ein Standpunkt ist, und ob nicht ein anderer Standpunkt noch möglich wäre? Was man Frohschammer wird zugeben müssen, das ist sein ehrlicher Enthusiasmus gegenüber alledem, was uns in dieser Welt Schönes und Herrliches entgegentritt in dem, was er anführt. Denn er hat eben aus dem abendländischen Geistesleben heraus diesen Enthusiasmus für die äußere Welt, für alles Schöne und Große der äußeren Welt, und ihm erscheint es so, als wenn die Lehre von den wiederholten Erdenleben darauf hinausginge, zu sagen: Da wird angenommen ein Geistiges-Ewiges, ein Ewiges von der Menschenindividualität, von dem Menschengeist, das es recht gut und recht selig haben könnte in der geistigen Welt, und das hereingezwängt, hereingekerkert wird in eine Welt, die ganz und gar nicht angemessen ist dieser Höhe, dieser Erhabenheit des menschlichen Geistes.- Wenn das behauptet würde, so könnte jemand, der berechtigterweise Enthusiasmus entwickelt für das Schöne und Große der göttlichen Natur und der geschichtlichen Entwickelung und für das, was an erhebenden Leidenschaften und Trieben in der menschlichen Seele auftritt, sich allerdings aufbäumen gegen das, wogegen sich auch Frohschammer aufbäumt: daß die menschliche Seele jedesmal nur zu einer neuen Einkerkerung schreitet, wenn sie sich wieder inkarnieren soll. Aber ist das wirklich der einzige Standpunkt, der ausgedacht werden kann? Es muß zugegeben werden, daß es bei den Vertretern der Lehre von den wiederholten Erdenleben auch heute noch Menschen gibt, die so etwas sagen, wie es jetzt angedeutet worden ist: daß der Geist des Menschen von einer erhabenen Höhe heruntersteige zu einer Art Einkerkerung in den Leib. Aber da liegt nicht das vor, was die Geisteswissenschaft aus der Geistesforschung heraus zutage fördern kann, sondern so allgemeine, vage Ideen über wiederholte Erdenleben. Wir müssen fragen: Könnte nicht vielleicht anerkannt werden, daß dasjenige, wo hinein da der Mensch geboren wird, wenn er zu einem Leben kommt zwischen Geburt und Tod, daß das eigentlich etwas Wunderschönes, etwas ganz Großartiges sei? Könnte nicht anerkannt werden, daß der Mensch, wie er uns als physische Gestalt entgegentritt, wirklich im biblischen Sinne eine Art Ebenbild der Gottheit sei? Und dann würde das genügen, um in Enthusiasmus darüber zu verfallen. Dann würde man also zugeben müssen, daß der Mensch eigentlich in keinen Kerker versetzt werde, sondern auf einen wunderschönen Schauplatz, in ein wunderschönes Wohnhaus versetzt wird, wenn er zur Inkarnation kommt. Ja, hängt es denn wirklich vom Hause und von seiner Größe und Schönheit ab, ob man sich dazugehörig und recht richtig drinnen fühlt, oder hängt es vielleicht mehr davon ab, ob man durch seine Eigenschaften, durch seine Zustände darin «eingesperrt» ist? Hängt es überhaupt vom Hause ab, was man darin fühlen kann, oder wird dieses Haus vielleicht gerade deshalb für den Menschen ein so kerkerhaftes sein, weil er trotz der Schönheit und Größe nichts damit anzufangen weiß und darin gefesselt ist? Daß das Haus ein schönes ist, worin wir wohnen, und daß das Schlimme höchstens das ist, daß just wir darin eingesperrt sind während des Erdenlebens, das wird gerade jene Betrachtung zeigen können, welche im geistesforscherischen Sinne gehalten ist, die durch Imagination, Intuition und Inspiration aufsteigt zu einer wirklichen Erkenntnis desjenigen im Menschen, was da durchgeht durch die verschiedenen Erdenleben.

[ 3 ] Das erste, was der Mensch erlebt, wenn er durch die gestern angedeutete Art gleichsam nach rückwärts aus seinem Vorstellungsleben in die imaginative Welt hineinkommt, ist eine Welt von Bildern. In diese Welt von Bildern kamen ja zu jeder Zeit die verschiedensten Menschen hinein. Wenn man diese imaginative Welt, die sich auf Grundlage sorgfältiger Konzentrationen, Meditationen und so weiter oder auf der Grundlage besonderer Anlagen der Seele erschließen kann, rein ihrer Erscheinung nach nimmt, so stellt sie sich so dar, daß sie zunächst gleichsam die Rudimente, die Reste der noch äußeren Sinneswelt dadurch zeigt, daß der Mensch dann in dieser imaginativen Welt eben allerlei sieht, Häuser, Tiere, Menschen, diese oder jene Ereignisse, die sich wirklich bildhaft abspielen, daß er vor sich hat Szenen und Wesen in einer ganz lebendigen Bilderwelt. Auf der andern Seite charakterisiert sich diese imaginative Welt schon als in gewissem Sinne zum Übersinnlichen gehörend dadurch, daß der Mensch es doch nicht in der reinen Willkür hat, die Symbole oder Bilder zu bestimmen, daß es inneren Geserzmäßigkeiten unterliegt, wenn er dieses oder jenes ausgeprägt hat, ja, daß ganz bestimmte übersinnliche Verhältnisse in ganz bestimmten Symbolen und Bildern sich ausprägen. So kann der Mensch, wenn es sich um diese imaginative Welt handelt, ziemlich sicher sein, daß er unter allen Umständen eine gewisse Stufe seiner Seelenentwickelung, eine gewisse Fähigkeit, in der übersinnlichen Welt in einer gewissen Region zu leben, dadurch charakterisiert findet, bildhaft-imaginativ, daß ihm zum Beispiel ein Kelch gereicht wird, oder daß er durch einen Fluß geführt wird, oder daß er getauft wird und so weiter. Es kann sich auch ergeben, daß der Mensch innerhalb dieser imaginativen Welt erlebt - und das sind ja die unangenehmeren Erlebnisse -, daß seine verschiedenen Eigenschaften, seine verschiedenen Triebe ihm symbolisiert in allerlei Getier entgegentreten, entweder in großen furchtbaren Tieren oder in kleinen kribbelnden, krabbelnden Tieren. Es ist natürlich unmöglich, da wir es hier mit einer Welt zu tun haben, die viel reicher ist als unsere Sinneswelt, auch nur annähernd diese erste Stufe der imaginativen Welt zu schildern, die der Mensch da erreichen kann.

[ 4 ] Im ganzen muß man sagen, daß diese Welt - selbst dann, wenn sie dem Menschen recht unangenehm ist, sich ihm recht scheußlich vorstellt, und er sich sagen muß, daß dieses Unangenehme und Scheußliche Symbole für seine Eigenschaften sind — doch etwas ist, was dem Menschen, der sie vor sich hat, in den meisten Fällen ziemlich angenehm ist; denn die gewöhnliche Erscheinung ist die, daß die Menschen, wenn sie dies erleben, über die Qualität des Erlebten hinwegsehen und recht froh sind, wenn sie überhaupt einmal in der geistigen Welt sind. Das ist durchaus begreiflich. Denn die geistige Welt, die man so betritt, sie lastet, selbst wenn sie recht scheußlich ist, nicht schwer auf einem; denn sie ist im Grunde genommen eine Bilderwelt. Und nur wenn man selber nicht die genügende Stärke hat und diese Welt den Menschen überwältigt, niederdrückt, zerstört sie ihm das gesunde Seelenleben. Aber etwa ein Gefühl moralischer Verantwortlichkeit oder ein Gefühl einer gewissen Verantwortlichkeit den großen Welterscheinungen gegenüber muß nicht unbedingt im Gefolge eines solchen Schauens der imaginativen Welt auftreten. Es kann auch das gerade Gegenteil davon der Fall sein. So zum Beispiel kann es sein, daß die Menschen, die eine große Vollkommenheit gerade im Durchschauen dieser Welt haben, eigentlich eine recht leichte moralische Hand bekommen in bezug auf das Gefühl für Wahrheit und Unwahrheit. Es ist tatsächlich die Versuchung eine außerordentlich große gerade für den imaginativen Hellseher, es mit der Wahrheit für die physische Welt nicht besonders ernst zu nehmen und da dann kein besonderes Verantwortlichkeitsgefühl mehr gegenüber der Wahrheit zu entwickeln. Es ist in gewissem Sinne eine Misere, daf bei imaginativem Hellsehen leicht etwas wie ein Unvermögen gegenüber der Unterscheidung des objektiv Wahren und Falschen eintreten kann. Das Feststehen in dieser Welt und das Vermögen, ihr überhaupt die richtige Bedeutung beizulegen, das ist eben eine Sache der Entwickelung. Man kann eigentlich recht unentwickelt sein als Mensch und diese imaginative Welt durchaus vor sich haben, kann viele, viele visionsartige Imaginationen der höheren Welt haben und braucht gar nicht besonders hoch zu stehen als Mensch. Es ist, wie gesagt, eine Sache der Entwickelung. Die Entwickelung zeitigt im Laufe der Zeit, daß man zwischen den Imaginationen ebenso unterscheiden lernt, wie man in der physischen Welt im Grunde genommenen auch erst unterscheiden lernt, nur daß man dies in einem so frühen Lebensalter durchmacht, daß man es gewöhnlich nicht berücksichtigt. Aber man nimmt ja auch in der physischen Welt nicht einen Laubfrosch für einen Elefanten, sondern man lernt die Dinge unterscheiden, lernt sie einteilen und gliedern, so daß einem diese physische Welt gegliedert erscheint. Gegenüber der imaginativen Welt steht der Mensch zunächst so da, wie wenn er der physischen Welt so gegenüberstünde, daß er einen Laubfrosch für ein eben solches Tier halten würde wie einen Elefanten; daß er sie nicht unterscheiden könnte. Wie gleichmäBig ausgebreitet und in gleichmäßiger Wichtigkeit erscheint zunächst die imaginative Welt! Daß wir dem einen mehr, dem andern weniger Gewicht beilegen, das müssen wir erst lernen. Denn das ist die Eigentümlichkeit dieser Welt, daß sie uns nicht groß und klein erscheint durch ihre eigene Natur, sondern durch das, was wir sind. Nehmen wir an, irgend jemand sei ein sehr hochmütiger, arroganter Mensch; dann gefällt ihm an sich dieses arrogante Wesen. Wenn ihm nun die imaginative Welt aufgeht, so überträgt sich sein Gefühl, sein Gefallen ander Arroganz auf die Größe der Wesenheiten, die er dann sieht, und alles, was in der imaginativen Welt sich als etwas Arrogantes, als etwas Hochmütiges kundgibt, erscheint ihm riesengroß, als etwas, was eine ungeheure Bedeutung hat, während vielleicht das, was dem Demütigen als groß erscheint, ihm klein erscheint wie ein winziger Laubfrosch. Da hängt es ganz von den Eigenschaften der Menschen ab, wie sich ihnen diese Welt in der Perspektive darstellt. Es ist eine Sache der Entwickelung des Menschen, daß die richtigen Verhältnisse und die Intensitäten und Qualitäten dieser Welt richtig erkannt werden. Die Dinge sind durchaus objektiv, aber der Mensch kann sie ganz verzerren und in Karikaturen sehen. Das ist das Wesentliche, daß der Mensch zunächst in einer gewissen Weise durchgehen muß auch bei diesen höheren übersinnlichen Erkenntnissen durch das, was er selbst ist, das heißt, er muß auf imaginative Art sich selbst kennenlernen. Das ist allerdings deshalb eine fatale Sache, weil die Perspektive für das, was in der imaginativen Welt gegeben ist, am allermeisten dann vollständig durch die eigenen Qualitäten der Seele bestimmt ist, das heißt, in falschem oder richtigem Sinne bestimmt ist.

[ 5 ] Was heißt denn das, der Mensch muß durch imaginative Erkenntnis sich selbst kennenlernen? Es heißt, er muß zunächst unter den Imaginationen, unter den Bildern, die ihm in der imaginativen Welt entgegentreten, sich selber als ein objektives Bild entgegentreten. So wie der Mensch in der physischen Welt etwa eine Glocke oder einen andern Gegenstand als ein Objektives vor sich hat, so muß er in der imaginativen Welt sich selbst entgegentreten als das, was er ist, als eine Wirklichkeit, wie er zunächst ist. Das kann er auf eine reguläre Weise nur erreichen, wenn er in der Tat durch Meditation und so weiter aufrückt von dem Wahrnehmen der Außenwelt zu dem Leben in seinen Vorstellungen, indem er, wie wir schon erwähnt haben, sich ganz gewisse Symbole vorstellt, damit er von der Außenwelt loskommt, und so lange in dem rein inneren Seelenleben der Vorstellungen leben lernt, bis dem Menschen das etwas wird, was er wie etwas Natürliches durchmacht: das Leben in seinen Vorstellungen. Dann wird der Mensch wirklich so etwas bemerken wie eine Art Spaltung seines Wesens, eine Art Spaltung seiner Persönlichkeit. Er wird sich oftmals zusammennehmen müssen in den Übergangsstadien, um einen gewissen Zustand nicht gar zu sehr heranwachsen zu lassen. Wenn dieser eigentümliche Zustand eintritt, ist es so, daß der Mensch nach und nach eine Art von Vorstellung bekommt, in der er lebt, in der er ganz drinnen ist, so daß er jetzt nicht mehr sagt: Ich bin das, was mein Leib ist—- sondern als eine Imagination vor sich hat: Das bist du! So bist du! — Dann tritt das ein, daß er zuweilen merkt, wie das andere seiner Wesenheit außer dem, was sich da frei gemacht hat, wie eine Art Automat wirkt, daß er eigentlich über demselben steht, daß dieses aber die Begierde hat, automatisch Worte zu sprechen, Gesten zu machen und so weiter. Ungeschulte Menschen werden sich dann zuweilen in allerlei Grimassen entdecken, weil sie mit der Imagination etwas aus sich herausgezogen haben; und was zurückgeblieben ist, macht allerlei automatisches Zeug. Das ist etwas, was nicht weiterkommen soll als bis zum Versuch; das muß immer überwunden werden können. Der Mensch muß sich immer dazu bringen, daß er, wie sonst andere Gegenstände, so jetzt seine eigene Wesenheit außer sich hat.

[ 6 ] Jetzt kommt es gegenüber der Imagination, zu der man da gerade kommen soll, ungeheuer stark darauf an, daß man in der Tat gewisse Seeleneigenschaften vorher entwickelt hat. Denn hier bei dieser imaginativen Selbsterkenntnis treten in der Tat alle möglichen Illusionen auf. Es lauert ja da im Hintergrunde alles, was menschlicher Hochmut, was überhaupt menschliche Illusionsfähigkeit ist, die aus den verschiedensten Eigenschaften hervorkommt. Man kann in der imaginativen Welt das Verschiedenste sehen. Unter diesem Verschiedensten wird man natürlich etwas rein gefühlsmäßig für sich selber halten, und es ist eine recht weitverbreitete Erscheinung, daß sich die Menschen in der imaginativen Welt eigentlich zunächst für das Allerbeste halten. Wenn die Menschen, die sich so in der imaginativen Welt sehen, einen Schluß ziehen wollen, was sie nun ihrer Individualität nach früher gewesen sind, damit sie dieses ganz außergewöhnliche Menschenkind, das sie jetzt sind, haben werden können, so kommen sie zuweilen zu dem Resultat, daß sie mindestens geschichtlich etwas Hochgestelltes gewesen sein müssen, etwas Königliches oder dergleichen. Wir erleben es immer wieder und wieder, daß gerade angehende Hellseher davon überzeugt sind, daß sie in ihrer früheren Inkarnation irgendwie Karl der Große, Napoleon, Julius Cäsar, Marie Antoinette oder diese oder jene hohe geschichtliche Persönlichkeit gewesen sind, weil sich diese Menschen so vorkommen - gar nicht von denen zu reden, die sich für noch höhere Wiederverkörperungen, von Heiligen und dergleichen halten -, weil die Menschen ihre Individualität für etwas so Bedeutsames nehmen müssen, wie sie ihnen jetzt entgegentritt, daß sie in diesem «Kerker», in dem sie jetzt sind, nur annehmen können, daß sie in ihren früheren Verkörperungen etwas Außerordentliches gewesen sind. Da konnte man einmal an einem Tische beieinandersitzen sehen die Marquise de Pompadour, Marie Antoinette, Friedrich den Großen, den Herzog von Reichstadt und noch andere höchst gewichtige Persönlichkeiten. Ja, Sie lachen, aber diese Dinge sind tatsächlich sehr ernst, weil sie darauf aufmerksam machen sollen, wie es ganz und gar von der Seele des Menschen selbst abhängt, wie ihm in der imaginativen Erkenntnis sein eigenes Wesen entgegenkommt. Dieses eigene Wesen lernen wir nämlich kennen, wenn wir wirklich ganz von uns loskommen, wenn wir mit aller Energie darauf hinarbeiten, alle die Eigenschaften abzulegen, von denen wir im gewöhnlichen Leben bemerken können, daß sie gräßlich sind, daß sie den andern Menschen unangenehm sind, und daß wir fortwährend etwas mit uns herumtragen, was wir, wenn wir objektiv über uns nachdenken, nicht haben sollten. Diese Eigenschaften müssen wir uns im Grunde recht sehr in die Seele schreiben; denn jetzt handelt es sich nicht darum, nur Dinge zu sagen, die allen gefallen können, sondern solche Dinge zu sagen, die wahr sind, die auch durchaus nur objektiv gemeint sind. Es kann immer die Versicherung gegeben werden, daß wir, wenn wir genügend objektiv zu Werke gehen, wirklich unendlich viel damit zu tun haben, uns selber zu kritisieren, und daß wir eigentlich nur in der äußersten Not, wenn es die äußeren Verhältnisse notwendig machen, zu dem übergehen sollten, was da gang und gäbe ist in der Menschheit: zu der Kritik der andern, zum Übelnehmen der andern und so weiter. Wer sich viel beschäftigt mit der Beurteilung der andern, wer viel Kritik übt an den andern, der kann sicher sein, daß er viel zu wenig Zeit behält, um an sich zu entdecken, was er an sich entdecken muß, und um wegzuräumen, was weggeräumt werden muß, damit die imaginative Erkenntnis unseres Selbstes in ihrer Wahrheit vor uns stehen kann. Und wenn man, nachdem jemand sich lange mit Geisteswissenschaft beschäftigt hat, immer wieder und wieder fragen hört: Warum komme ich nicht weiter? Warum sehe ich nicht etwas in der geistigen Welt? - so läge ja der Einwand ungeheuer nahe, den sich der Mensch selbst machen könnte: daß er darauf achtgeben müßte, von aller Kritik der andern, wenn sie nicht durch die äußerste Notwendigkeit gefordert ist, vollständig abzusehen, und daß er vor allem lernen müßte, was es heißt, abzusehen von aller Kritik der andern. Denn manche Menschen vergessen nämlich, wenn sie aufstehen und das Tagewerk des nächsten Tages beginnen, was es heißt, abzusehen von der Kritik an den andern. Denn das heißt, auch einmal etwas hinnehmen können von den andern, was einem im Leben unangenehm und fatal sein kann. Das muß man hinnehmen können. Denn wer an Karma wirklich glaubt, der weiß, daß dasjenige, was uns von einem andern zugefügt wird, wir uns selbst zugefügt haben. Es liegt ja im Karma, daß einem das zugefügt wird.

[ 7 ] Es gehört also unendlich viel dazu, zur imaginativen Erkenntnis des eigenen Selbstes zu kommen. Dann fängt man an zu merken, warum das Frohschammersche Bild von der Einkerkerung nicht stimmt. Man merkt dann, daß man in der Tat so in seinem Leben drinnen ist, daß man sich sagen muß: Die Inkarnation, das Erdenleben, in dem du bist, wäre schon schön, wäre ganz wunderbar und herrlich, aber du bist nicht so darnach; du kannst nicht alles anfangen, was du nach der Leiblichkeit, die dich an einen bestimmten Schauplatz gestellt hat, anfangen könntest. - Man kommt dann zu der Erkenntnis: Hier stehe ich in der Welt, in einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Raumpunkt; um mich herum ist immer die schöne Welt, alles Große und Gewaltige, und ich habe leibliche Organe, durch die alles Große und Gewaltige hereindringt, alles Herrliche und Prächtige, alles, was für ein unbefangenes Gefühl uns sagen muß: Wir leben eigentlich in der Welt, in der wir sind, fortwährend in einem Paradies! — Das ist etwas, was wir uns sagen sollten, selbst wenn es uns außerordentlich schlecht geht. Denn es handelt sich nicht darum, wie es uns geht, sondern ob diese Welt schön und herrlich ist; denn ob es uns schlecht geht, das kann von unserem Karma abhängen. Wie die Welt ist, das hängt lediglich von der Welt ab und darf nicht von unserem persönlichen Standpunkt aus beurteilt werden. Aber zum vollen Aufnehmen dieser Welt, zum Ziele der höchsten Befriedigung und Beseligung, ist uns gegeben unsere Leiblichkeit, sind uns gegeben unsere Organe, und groß ist der Abstand zwischen dem, was wir in unserem Dasein innerhalb von Geburt und Tod aus diesem Weltenparadies herausziehen könnten, wenn wir alles herausnehmen würden, und demjenigen, was wir tatsächlich herausnehmen. Und warum nehmen wir so wenig heraus? Ja, weil in diese Leiblichkeit hinein eben etwas verkörpert ist, was klein ist gegenüber der Welt, was nur gestattet, einen geringfügigen Ausschnitt herauszunehmen. Vergleichen Sie, was vom Morgen bis zum Abend Ihre Augen fortwährend sehen, mit dem, was sie wirklich sehen könnten, so haben Sie ein Verhältnis zwischen dem, was Sie imstande sind aufzunehmen, und dem, was Sie wirklich aufnehmen.

[ 8 ] Wir erleben durch eine solche Erkenntnis in der Tat ein merkwürdiges Verhältnis von uns selbst zum Geist. Wenn wir uns selbst im Geiste erkennen, dann fühlen wir, daß wir für diese Welt durchaus nicht so taugen, wie wir taugen würden, wenn wir unsere gesamte Organisation benützen könnten. Jetzt entdecken wir dann, daß demjenigen, was wir selbst sind vor unserer imaginativen Erkenntnis, etwas anderes in der Welt entgegenstehen muß. Und hier kommen wir zu einer interessanten Zusammenstellung, die wir nur ganz auf unser Gemüt wirken lassen müssen, wenn wir uns kennenlernen wollen, nämlich daß der Mensch, indem er sich in der imaginativen Welt erkennt, sich gegenüber dem, was die Welt um ihn herum ist, wahrhaftig nicht groß und erhaben vorkommen kann, nicht, als wenn er als ein Wesen einer höheren Welt in diesen Erdenkerker versetzt wäre, sondern daß er nicht angemessen ist diesem Erdenkerker. Oh, mit seinem Leibe könnte der Mensch unendlich viel machen, wenn er ihn ganz benützen könnte. Das ist der wahre Tatbestand. Deshalb steht dem, was der Mensch in der imaginativen Welt ist, eine Welt gegenüber, die korrigiert, was er dadurch schlimm macht, daß er seine Körperlichkeit gar nicht benutzt — es würde ja reizvoll sein, wenn man in aller Breite die Entsprechung dieser beiden Welten ausführen könnte -, es steht gegenüber dem, was der Mensch in der imaginativen Welt ist, die ganze kulturelle Entwickelung des Menschen vom Erdenanfang bis zum Erdenende. Warum steht diese Welt der Kulturentwickelung vom Erdenanfang bis zum Erdenende dem gegenüber, als was der Mensch sich in einer Inkarnation, in einem Dasein zwischen Geburt und Tod erscheint vor seiner eigenen Imagination?

[ 9 ] Wenn wir uns diese Frage beantworten wollen, dann begreifen wir, daß der Mensch das, was er nicht sein kann in einer Inkarnation, eben werden muß durch viele Inkarnationen hindurch im Verlaufe der Erdenkulturentwickelung. Er muß immer wiederkommen. Dann kann er, was er so wenig ist in einer Verkörperung, es nach und nach dadurch werden, daß er immer neue Verkörperungen herbeisehnt, damit er werden kann, was er in einer Verkörperung nicht werden kann. Gerade wenn sich der Mensch eine Erkenntnis und eine Empfindung dafür verschafft, was er eigentlich sein könnte während eines Erdenlebens und was er nicht sein kann wegen seiner eigenen Innerlichkeit, dann weiß er, welches in seiner Seele die prädominierende Empfindung sein muß, wenn er durch die Pforte des Todes geht. Diese prädominierende Empfindung muß die sein: wieder herunterzukommen, um in einem folgenden und in immer weiteren Erdenleben das zu werden, was er in einem nicht sein kann. Das muß die stärkste Kraft sein: die Sehnsucht nach immer weiteren Verkörperungen während des Erdenkulturlebens.

[ 10 ] Nur angeschlagen kann dieser Gedanke werden. Wenn Sie ihn weiter ausdenken, können Sie sehen, daß aus ihm die stärkste Bekräftigung der Reinkarnation erfolgt. Und daß man so sagen kann, daß aus diesem Gedanken die stärkste Bekräftigung der Reinkarnation erfolgt, das geht auch noch aus etwas anderem hervor. Der Mensch kann die Bemühungen, in die geistige Welt hineinzukommen, nun fortsetzen. Ich habe gesagt, daß der Mensch rein technisch zur imaginativen Erkenntnis seiner selbst dadurch kommt, daß er absieht von jeder äußeren Wahrnehmung und sich in der geschilderten Weise dem Vorstellungsleben hingibt. Nun gibt es noch eine andere Möglichkeit, um der Meditation, der inneren Konzentration eine bestimmte Wendung zu geben. Sie besteht darin, daß man versucht, in vollständiger innerer Treue, mit vollständiger innerer Gewissenhaftigkeit das ablaufen zu lassen, was man nennen kann seine eigene Erinnerung. Man braucht das nur für ein paar Stunden zu machen, aber man muß es ernsthaft machen. Was ist man eigentlich im gewöhnlichen Leben? Natürlich, man kommt dahinter durch Nachdenken, durch Erkenntnistheorie und Logik, daß man ein Ich ist. Aber im gewöhnlichen Leben ist man in einem sehr fragwürdigen Sinne dieses Ich; im gewöhnlichen Leben ist es sehr fragwürdig, was dieses Ich erfüllt. Was jemand in irgendeinem Momente ist, das ist das, was ihm die Eindrücke des gewöhnlichen Lebens geben. Spielt jemand gerade Karten, so ist er das, was die Eindrücke des Kartenspiels geben. Da ist er nicht das Ich; er ist es, aber nicht seinem Bewußtsein nach. Denn was er real im Bewußtsein hat, das sind die Eindrücke des gewöhnlichen Lebens. Das Ich ist das, was wir zwar suchen können zu erreichen, aber es ist etwas höchst Variables und Flüchtiges, Flackerndes. Man kommt nur dahinter, was man in der Realität ist, wenn man sich den Erinnerungen hingibt und diese so vor sich bringt, daß man sie, während man sie sonst hinter sich hat, vor sich bekommt. Das ist ein außerordentlich wichtiger Vorgang. Im Grunde genommen ist der Mensch immer das Ergebnis seiner verflossenen Erlebnisse, die in den Erinnerungen weiterleben. Für Kleinigkeiten können Sie sehr wohl wahrnehmen, wie der Mensch das Ergebnis seiner Erinnerungen ist. Nehmen Sie an, Sie haben einen Tag lauter unangenehme Dinge erfahren. Vergleichen Sie dann, wie Sieam Abend sind, wie das Sie macht am Abend: mürrisch, abstoßend, naserümpfend und so weiter und nehmen Sie dagegen an, Sie haben einen Tag hindurch lauter befriedigende Erlebnisse erfahren. Wie sind Sie da? Freudig, lächelnd, angenehm für Ihre Umgebung, etwas ganz Wunderbares vielleicht. So ist der Mensch real einmal das eine, einmal das andere, denn er ist im Grunde genommen das, was er als Erlebnisse hinter sich hat.

[ 11 ] Wenn er das, was er als Erlebnisse hinter sich hat, vor sich bringt, indem er es nach rückwärts der Reihe nach durchgeht, dann bringt er es vor sich und ist dann hinter der Sache. Wenn er das ernsthaft macht, nicht schematisch und geschäftsmäßig, sondern wenn er wirklich in den Dingen weiter ganz lebendig drinnen lebt und sein Leben - wenn auch nur für wenige Stunden wie Erinnerungen, die er vor sich geschafft hat - vor sich gebracht hat, dann tritt für die Seele etwas ein, wenn diese Seele genügend auf sich achtzugeben vermag. Es tritt eben nur dann auf, wenn man in die Lage gekommen ist, genügend Aufmerksamkeit darauf zu verwenden: nämlich eine Art Grundton, als der man sich selber vorkommt. Da kann man manchmal erleben, daß man sich selber vorkommt in recht bitterem Grundton, recht sauerbitterem Grundton. Und wenn man - was wieder von der Entwickelung abhängt - recht sorgfältig mit sich zu Werke geht, wird man sich durch einen solchen Vorgang selten als ein süßes Wesen finden, sondern man wird sich in der Regel als ein recht bitteres Wesen vorkommen, wird einen recht bitteren Grundton empfinden. Das ist schon einmal so. Denn man gelangt auf diese Weise, wenn man die gehörige Aufmerksamkeit auf sich verwenden kann, in der Tat nach und nach zu dem, was man eine inspirierte Erkenntnis von sich selber nennen kann. Durch das Bittere geht es hindurch. Aber dann wird es tatsächlich so, daß man sich recht sehr als ein verstimmtes Instrument vorkommt. In der Welt der Sphärenharmonien gibt man zunächst gewöhnlich nur einen disharmonischen Ton ab.

[ 12 ] So kommt man durch diese weitergehende Selbsterkenntnis eigentlich noch mehr darauf, wie man nichts Rechtes anzufangen weiß mit der herrlichen Gottesnatur, aus der man so viel schöpfen könnte, wenn man ihr nur gewachsen wäre. Gerade wenn man eine solche Übung oft und immer wieder und wieder macht, dann drängt sich einem, wenn des Lebens Niedergang kommt, also für die späteren Jahre des Lebens - wenn man über die fünfunddreißig hinaus ist, beginnt es schon - ganz klar auf durch die eigentümliche Art, wie dieser Ton klingt, daß man eigentlich einen solchen Grundton nur dahin interpretieren kann, daß man viel, viel zu verbessern hatan dem, was man im gegenwärtigen Leben angefangen hat, daß man mit aller Macht begehren muß, wieder mit einem solchen physischen Leib umschlossen zu werden, um das korrigieren zu können, was man versäumt hat in dieser Verkörperung. Das gehört zu den wichtigsten Folgen unserer Selbsterkenntnis, daß man wieder verkörpert werden will. Und die Menschen, die daran Anstoß nehmen, daß man wieder verkörpert werden will, zeigen damit nur die Unangemessenheit dessen, was sie erfaßt haben aus der herrlichen Gottesnatur, in die wir hineingeboren sind, dieser Gottesnatur gegenüber.

[ 13 ] Das zweite, was man erlangt, ist also der inspirierte Mensch, als der jeder einzelne sich erkennt, in der geistigen Tonwelt sich erkennt, wenn er eben auf die charakterisierte Weise dahin kommt. Was man da erfährt, wenn man sozusagen seinen eigenen Ton kennenlernt, das ist, wie wenig man eigentlich angemessen ist dem, was in der großen Welt draußen ist. Nun kann man da schon, ich möchte sagen, von dem bloß Moralischen auf das Schicksalsmäßige übergehen und auch darauf Rücksicht nehmen, wie wenig man in der Lage ist im Leben, innerlich zu der Ruhe, zu der inneren Harmonie zu kommen, nach der man ja doch begehrt. Und Menschen, die die Kraft der Selbsterkenntnis haben, sie werden, wenn sie sich einmal an diese Selbsterkenntnis halten, wirklich oft und oft in der Lage sein, sich zu sagen: Wie wenig kannst du in dir jene Ruhe und Sicherheit finden, nach der du doch eigentlich lechzen mußt! — Da darf man, um das zu charakterisieren, an eine schöne Stelle in Goethes Schriften erinnern, wo er davon spricht, wie er, sitzend auf einem Bergesgipfel, welcher ausdrückt die ruhige Gesetzmäßigkeit der Erdennatur, das vor Augen hat, was jener «älteste Sohn der Natur», der Granit, ihm in den Bergesgipfeln vor. Augen führt, wie er die innere Konsequenz, die Größe des Naturgesetzlichen empfindet, die Ruhe gegenüber der inneren Bewegung und ‘dem Hin- und Herschwanken zwischen Lust und Leid, zwischen shimmelhoch jauchzend» und «zum Tode betrübt», des inneren Grundtones der Menschennatur. Wenn man von einer solchen Stimmung ausgeht und hinschaut zu den Naturgesetzen, zu den Naturgesetzen, die schon zu den Zeiten waren, als die Menschen in ganz andern Kulturbedingungen in Urzeiten lebten und die als Naturgesetze auch heute den Raum durchmessen, dann wird man das - was man vielleicht in zehn, zwanzig Vorträgen genauer ausführen müßte -, in bezug auf seine theoretische Begründetheit, einsehen: daß eben so, wie die Kulturentwickelung das Gegenbild des imaginativen Menschenbildes ist, die Welt der wirklichen Naturgesetze das Gegenbild des inspirierten Menschen ist. In den Naturgesetzen offenbart sich uns durch die Maja hindurch die Tatenwelt des Geistes mit jener inneren Ruhe und Konsequenz, die in uns durch unseren Irrtum zur Unruhe und Disharmonie geworden ist, so daß wir sie so erkennen als Unruhe und Disharmonie, wenn wir in uns den inspirierten Menschen erkennen. Und dann kann der Gedanke vor unsere Seele treten: Wenn wir diese Naturgesetze in Wirklichkeit und in ihrem Wesen erkennen, so wissen wir, daß sich die Erdenentwickelung zwar von Gestalt zu Gestalt, von Gestaltung zu Gestaltung metamorphosiert, daß aber in den Naturgesetzen doch etwas liegt, was uns die Sicherheit gibt, daß der Mensch, auch wenn er durch seine verschiedenen Inkarnationen hindurchgeht, also aufnimmt in der Erdenkulturentwickelung, was er aufnehmen muß, weil es der Möglichkeit nach schon in einer Inkarnation liegt, am Ende des Erdendaseins finden werde solche Verhältnisse der Außenwelt - wegen der inneren Treue und Sicherheit der Naturgesetze -, die sozusagen ausgleichend wirken auf das, was der Mensch verdirbt durch das, was er als inspirierter Mensch noch nicht entwickelt hat.

AltName

[ 14 ] So sehen wir einen tiefen Zusammenhang zwischen dem, was als Naturgesetze draußen ausgebreitet ist, was die Taten des Geistes in der Natur sind, und dem, was als eine Art Gegenbild uns erscheint, wenn wir durch die Inspiration in uns selber unseren tieferen Menschen entdecken. Daher wurde immer in aller Esoterik, in allen Mysterien, die innere Ruhe, die innere Harmonie der Naturgesetzmäßigkeit als ein Vorbild für des Menschen eigene innere Gesetzmäßigkeit hingestellt. Und nicht umsonst wurde der, der den sechsten Grad der Einweihung erreicht hatte, ein «Sonnenheld» genannt, um anzudeuten, daß sein eigenes Innere eine solche Gesetzmäßigkeit erreicht hatte, daß er durch diese innere Gesetzmäßigkeit und innere Sicherheit ebensowenig von dem ihm vorgezeichneten Wege abirren konnte, wie die Sonne von ihrem Wege im Weltenall abirren kann; denn wenn sie nur für einen Augenblick aus ihrem Wege heraustreten würde, so würde Unzähliges an Revolution und Zerstörung im Kosmos geschehen müssen.

[ 15 ] Es gibt allerdings noch ein Weitergehen des Menschen in seiner Selbsterkenntnis. Wir könnten noch hinaufrücken zu dem Erfassen des Menschen durch die intuitive Erkenntnis, würden aber da in so hohe Regionen der Intuition hinaufkommen, daß es schwierig wäre, die Art zu charakterisieren, die sich da ergeben würde, und die - um auch äußerlich auf die Welt hinzuweisen - als Gegenbild erscheint des intuitierten Menschen. Aber das Bild, das wir zu verfolgen haben, sehen wir aus dem Schema [auf Seite 297]: daß der Mensch hinschauen kann auf alles das, was er der Möglichkeit nach ist, das heißt, was er sein könnte in jenem herrlichen Außenwerke der Welt, in dem er «eingekerkert» ist, wahrlich nicht, weil diese Außenwelt schlecht ist, sondern weil er so wenig gewachsen ist dieser Außenwelt.

[ 16 ] Wir sehen daraus, daß Wesentliches abhängt von einer richtigen Beurteilung der ganzen Weltenverhältnisse, davon, daß eingesehen werde, was zugrunde liegt jener Art von Geist-Erkenntnis auch im Gebiete des Menschenwesens, welche durch die Geisteswissenschaft vor die gegenwärtige Menschheit hingestellt werden kann. Einwendungen, die da gemacht werden, werden gewöhnlich aus Prinzipien heraus gemacht, die völlig die Weltenverhältnisse verkennen.

[ 17 ] Wir fragen uns aber jetzt noch zuletzt: Warum muß der Mensch überhaupt in eine äußere Körperlichkeit kommen? — Um sozusagen noch mehr das zu illustrieren, was gerade mit den nächsten Worten zu sagen ist, möchte ich erinnern, wenn Sie sie gehört haben, an die Vorträge von Dr. Unger über die Hineinstellung des Ich oder Ich-bin in das ganze innere Leben des Menschen. Auch an das möchte ich erinnern, was Sie darüber in meiner «Philosophie der Freiheit» und in «Wahrheit und Wissenschaft» finden können. Gewiß, ein geringes Nachdenken kann den Menschen schon lehren, daß hinter dem «Ich» oder «Ich bin» bedeutungsvolle Wesenheiten stecken. Aber was der Mensch zunächst erlebt, das erlebt er nur in seinem Bewußtsein, eben als sein Ich-Bewußtsein oder Selbstbewußtsein. Das wird ihm sogar jede Nacht im Schlafe unterbrochen. Und wenn der Mensch nur schlafen würde und niemals wachen, so würde er - trotzdem er auch ein Ich sein könnte - aus sich heraus niemals bemerken können, daß er ein Ich ist. Wovon hängt es denn ab, daß der Mensch überhaupt zum Bewußtsein seines Ich kommt? Das hängt davon ab, daß er so, wie er es im Wachzustande erlebt, sich seiner Körperlichkeit, seiner Leibesorgane bedient und sich mit seinem Leibe der ganzen Außenwelt gegenüberstellt. Sein Ich muß der Mensch erleben in seiner Körperlichkeit. Denn wenn der Mensch niemals auf die Erde heruntergestiegen wäre, um sich eines Leibes zu bedienen, so würde er sich in alle Ewigkeit hinein nur fühlen zum Beispiel als Glied eines Engels oder Erzengels, wie sich die Hand als Glied unseres Organismus fühlt. Niemals würde der Mensch zum Bewußtsein seiner Selbständigkeit kommen können. Das wäre ganz ausgeschlossen. Er könnte zu allen möglichen Bewußtseinsinhalten und zu allen möglichen großen Dingen der Welt kommen, aber nicht zu einem Ich-Bewußtsein, wenn er nicht in einen Erdenleib einkehren würde. Von diesem Erdenleib aus muß sich der Mensch sein Ich-Bewußtsein holen. Schon wenn Sie den Schlafzustand studieren und das, was der Traum zeigt, sehen Sie, daß da etwas arbeitet ohne Gemeinschaft mit dem Ich. Zu dem IchBewußtsein gehört das Eingekerkertsein im Leibe, das Sich-Bedienen der Sinneswerkzeuge und auch des Werkzeuges des Gehirns. Wenn aber der Mensch, wie wir gesehen haben, nur in ganz geringem Maße in einer Verkörperung sich alles dessen bedienen kann, was ihm in dieser Verkörperung gegeben ist, so darf es nicht verwundern, sondern muß ganz begreiflich erscheinen, daß das hellseherische Bewußtsein sagt: Sofern ich ein Menschen-Ich wirklich durchforsche, insofern es sich mir in seiner wahren Gestalt zeigt, so finde ich in ihm als vorwiegendste Kraft und Trieb zunächst dies: immer wieder und wieder auf die Erde in immer neue Körper zu kommen, um das IchBewußtsein immer weiter und weiter auszubilden und immer reicher und reicher zu machen. In dieser Beziehung bildet der Mensch in seiner eigenen Individualität etwas nach, was die Theosophen des 18. Jahrhunderts so oft gesagt haben, und was, wenn man es verarbeitet zur Geist-Erkenntnis, zur Pneumatosophie, einem doch außerordentlich hilfreich sein kann. Die Theosophen des 18. Jahrhunderts, so unvollkommen ihre Ausführungen uns erscheinen müssen im Verhältnis zur Geisteswissenschaft, die wir gegenwärtig haben Oetinger, Bengel, Völker unter andern -, wodurch drückten sie aus den Sinn des geistigen Wirkens auch der göttlichen Geister, oder, wie sie vom monotheistischen Standpunkt aus sprachen, des Gottesgeistes? Sie hatten eine wunderschöne Formel, um sozusagen eine Grundqualität der göttlichen Geistigkeit auszudrücken. Sie sagten: Körperlichkeit, die körperliche Welt ist das Ende der Wege Gottes! Das ist ein wunderbares Wort. Das heißt: die Gottheit ist, vermöge der in ihr liegenden Impulse, gegangen durch viele geistige Welten und hinuntergestiegen, um an eine Art von Ende zu kommen, an ein Ende, von dem aus sie umkehrt, um wieder hinaufzusteigen. Und dieses Ende ist die Ausgestaltung, gleichsam die Auskristallisierung der göttlichen Wesenheiten in der körperlichen, leiblichen Gestaltung. Wenn man es mehr in das Gemütsleben umsetzt, was da die Theosophen des 18. Jahrhunderts gesagt haben, so möchte man das Wort gebrauchen: Brünstig nach Verkörperung in der Leiblichkeit erzeigt sich uns das Geistige, wenn wir es betrachten in den höheren Regionen, und erst dann zeigt es sich nicht mehr mit seiner Brünstigkeit nach Verleiblichung, wenn es am Ende der Wege Gottes angekommen ist, die in der Körperhaftigkeit besteht, und wieder auf dem Rückwege ist. — Das war ein schönes Wort, das diese Theosophen des 18. Jahrhunderts gesagt haben, und eigentlich ein Wort, mehr beleuchtend, mehr sich auch eingrabend in das, was aufklären kann, mehr beleuchtend und aufklärend also die Geschehnisse im Menschenwesen, als mancherlei, was in der Philosophie des 19. Jahrhunderts zutage getreten ist. Während ja theosophisches Wirken und theosophische Arbeit besonders in der ersten Hälfte oder im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts gar nicht vorhanden ist, finden wir in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wirklich noch Theosophen älterer Art. Und was ihnen gefehlt hat, das war etwas, was ihnen deshalb fehlte, weil es die christliche Entwickelung zurückgehalten hatte im Abendlande: die Erkenntnis des Gesetzes der wiederholten Erdenleben. Für die Gottheit wußten diese Theosophen des 18. Jahrhunderts, daß die Körperlichkeit das Ende der Geisteswege der Gottheit ist; für den Menschen haben sie dies nicht erkannt. Denn beim Menschen hätten sie einsehen müssen, daß bei einer jeden Verkörperung, durch die ganze Natur des Menschenwesens, die Sehnsucht entstehen muß nach weiteren Verkörperungen, bis herausgeholt ist aus den Verkörperungen alles, was den Menschen reif macht, dann zu andern Daseinsformen aufsteigen zu können.

[ 18 ] Mehr als je fühle ich am Ende dieser pneumatosophischen Vorträge, wie sehr skizzenhaft und andeutungsweise alles bleiben mußte in diesen vier Stunden. Und auch für die pneumatosophischen Vorträge gilt das, was für die zwei ersten Vortragsreihen dieser Gesamtvorträge, über Anthroposophie und Psychosophie, gelten muß: Es sollten eben wieder einmal einige Anregungen gegeben werden. Wenn Sie dieselben verfolgen, so werden Sie reiches Material finden, das Sie in der mannigfaltigsten Weise verarbeiten können. Es wird dazu notwendig sein, daß Sie vieles heranziehen, daß Sie sich umsehen in der Welt, wie durch dieses oder jenes das bekräftigt werden kann, was nur in ganz kurzen, flüchtigen Linien, wie eine Art Kohlezeichnung gegeben werden konnte, gegenüber der es lange dauern würde, ein vollständiges Bild zu geben. Aber es ist nun einmal mit der Geisteswissenschaft so, weil sie so umfassend ist: Wenn wir systematisch vorgehen wollten und wirklich so verfahren wollten, wie man es heute gerne vielfach in andern Wissenschaften macht, so wären wir jetzt, nach zehn Jahren der Arbeit in unserer Sektion, nicht an dem Punkt, wo wir jetzt stehen, sondern vielleicht an dem Punkt, wo wir gestanden haben nach Ablauf des ersten Vierteljahres. Und es wird ja wahrhaftig - das lassen Sie mich jetzt am Ende dieses Zyklus aussprechen - in dieser unserer Gemeinschaft auf Seelen gerechnet, welche den Willen und den Impuls der Selbständigkeit in sich tragen, welche wirklich den ernsten Willen haben, dasjenige, was andeutungsweise gegeben wird, selbständig weiterzuverarbeiten. Da wird auch vieles in dieser selbständigen Arbeit auftauchen aus jenen Regionen, auf die nicht einmal hingedeutet werden konnte, und jeder wird auf seine Art Anknüpfungspunkte zur Arbeit finden können. Es wird sich jeder schon davon überzeugen können, wenn er wirklich in selbständiger Weise in seiner Seele vorgeht, daß sich unsere Gemeinschaft am besten dann bewähren wird, wenn immer größer und größer dieses Gefühl von innerer Selbständigkeit wird, das Gefühl, daß man etwas entgegennimmt, um sich anregen zu lassen in der Weise, daß das eigene Innere immer mehr und mehr dazu kommt, die Welten mitzuerleben, welche der Menschheit gerade durch jene wichtige Geistesströmung erschlossen werden sollen, die wir gewohnt geworden sind, bisher die «theosophische» zu nennen.