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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophie, Psychosophie
and Pneumatosophie
GA 115

4 November 1910, Berlin

Psychosophie IV

[ 1 ] Auch heute wird vor dem Vortrag eine kurze Dichtung zur Rezitation gebracht werden, und zwar wieder von dem jungen Goethe.

Poetische Gedanken Über Die Höllenfahrt Jesu Christi

Welch ungewöhnliches Getümmel!
Ein Jauchzen tönet durch die Himmel,
Ein großes Heer zieht herrlich fort.
efolgt von tausend Millionen,
Steigt Gottes Sohn von Seinen Thronen,
Und eilt an jenen finstern Ort.
Er eilt, umgeben von Gewittern,
Als Richter kommt Er und als Held;
Er geht, und alle Sterne zittern,
Die Sonne bebt, es bebt die Welt.

Ich seh Ihn auf dem Siegeswagen,
Von Feuerrädern fortgetragen,
Den, der für uns am Kreuze starb.
Er zeigt den Sieg auch jenen Fernen,
Weit von der Welt, weit von den Sternen,
Den Sieg, den Er für uns erwarb.
Er kommt, die Hölle zu zerstören,
Die schon Sein Tod darnieder schlug;
Sie soll von Ihm ihr Urteil hören:
Hört! jetzt erfüllet sich der Fluch.

Die Hölle sieht den Sieger kommen,
Sie fühlt sich ihre Macht genommen,
Sie bebt und scheut Sein Angesicht;
Sie kennet Seines Donners Schrecken,
Sie sucht umsonst sich zu verstecken,
Sie sucht zu fliehn und kann es nicht;
Sie eilt vergebens sich zu retten
Und sich dem Richter zu entziehn,
Der Zorn des Herrn, gleich ehrnen Ketten,
Hält ihren Fuß, sie kann nicht fliehn.

Hier lieget der zertretne Drache,
Er liegt und fühlt des Höchsten Rache,
Er fühlet sie und knirscht vor Wut;
Er fühlt der ganzen Hölle Qualen,
Er ächzt und heult bei tausend Malen:
Vernichte mich, o heiße Glut!
Da liegt er in dem Flammen-Meere,
Ihn foltern ewig Angst und Pein;
Er flucht, daß ihn die Qual verzehre,
Und hört, die Qual soll ewig sein.

Auch hier sind jene großen Scharen,
Die mit ihm gleichen Lasters waren,
Doch lange nicht so bös als er.
Hier liegt die ungezählte Menge
In schwarzem, schrecklichem Gedränge,
Im Feuer-Orkan um ihn her;
Er sieht, wie sie den Richter scheuen,
Er sieht, wie sie der Sturm zerfrißt,
Er sieht’s und kann sich doch nicht freuen,
Weil seine Pein noch größer ist.

Des Menschen Sohn steigt im Triumphe
Hinab zum schwarzen Höllen-Sumpfe,
Und zeigt dort seine Herrlichkeit.
Die Hölle kann den Glanz nicht tragen;
Seit ihren ersten Schöpfungstagen
Beherrschte sie die Dunkelheit.
Sie lag entfernt von allem Lichte,
Erfüllt von Qual im Chaos hier;
Den Strahl von Seinem Angesichte
Verwandte Gott auf stets von ihr.

Jetzt siehet sie in ihren Grenzen
Die Herrlichkeit des Sohnes glänzen,
Die fürchterliche Majestät.
Sie sieht mit Donnern Ihn umgeben,
Sie sieht, daß alle Felsen beben,
Wie Gott im Grimme vor ihr steht.
Sie sieht’s, Er kommet, sie zu richten,
Sie fühlt den Schmerzen, der sie plagt,
Sie wünscht umsonst, sich zu vernichten;
Auch dieser Trost bleibt ihr versagt.

Nun denkt sie an ihr altes Glücke,
Voll Pein an jene Zeit zurücke,
Da dieser Glanz ihr Lust gebar;
Da noch ihr Herz im Stand der Tugend,
Ihr froher Geist in frischer Jugend
Und stets voll neuer Wonne war.
Sie denkt mit Wut an ihr Verbrechen,
Wie sie die Menschen kühn betrog;
Sie dachte, sich an Gott zu rächen,
Jetzt fühlt sie, was es nach sich zog.

Gott ward ein Mensch. Er kam auf Erden.
«Auch dieser soll mein Opfer werden»,
Sprach Satanas und freute sich.
Er suchte Christum zu verderben,
Der Welten Schöpfer sollte sterben;
Doch weh dir, Satan, ewiglich!
Du glaubtest Ihn zu überwinden,
Du freutest dich bei Seiner Not;
Doch siegreich kommt Er, dich zu binden:
Wo ist dein Stachel hin, o Tod?

Sprich, Hölle! sprich, wo ist dein Siegen?
Sieh nur, wie deine Mächte liegen;
Erkennst du bald des Höchsten Macht?
Sieh, Satan! sieh dein Reich zerstöret,
Von tausendfacher Qual beschweret,
Liegst du in ewig finstrer Nacht.
Da liegst du wie vom Blitz getroffen,
Kein Schein vom Glück erfreuet dich.
Es ist umsonst. Du darfst nichts hoffen,
Messias starb allein für mich!

Es steigt ein Heulen durch die Lüfte,
Schnell wanken jene schwarzen Grüfte,
Als Christus Sich der Hölle zeigt.
Sie knirscht aus Wut; doch ihrem Wüten
Kann unser großer Held gebieten;
Er winkt - die ganze Hölle schweigt.
Der Donner rollt vor seiner Stimme,
Die hohe Siegesfahne weht;
Selbst Engel zittern vor dem Grimme,
Wenn Christus zum Gerichte geht.

Jetzt spricht Er; Donner ist Sein Sprechen,
Er spricht, und alle Felsen brechen,
Sein Atem ist dem Feuer gleich.
So spricht Er: «Zittert, ihr Verruchte!
Der, der in Eden euch verfluchte,
Kommt und zerstöret euer Reich.
Seht auf! Ihr waret Meine Kinder,
Ihr habt euch wider Mich empört,
Ihr fielt und wurdet freche Sünder,
Ihr habt den Lohn, der euch gehört,

Ihr wurdet Meine größten Feinde,
Verführtet Meine besten Freunde,
Die Menschen fielen so wie ihr.
Ihr wolltet ewig sie verderben,
Des Todes sollten alle sterben; Doch, heulet!
Ich erwarb sie Mir. Für sie bin Ich herabgegangen,
Ich litt, Ich bat, Ich starb für sie.
Ihr sollt nicht euren Zweck erlangen;
Wer an Mich glaubt, der stirbet nie.

Hier lieget ihr in ew’gen Ketten,
Nichts kann euch aus dem Pfubl erretten,
Nicht Reue, nicht Verwegenheit.
Da liegt, krümmt euch in Schwefel-Flammen,
Ihr eiltet, euch selbst zu verdammen,
Da liegt und klagt in Ewigkeit!
Auch ihr, so Ich Mir auserkoren,
Auch ihr verscherztet Meine Huld;
Auch ihr seid ewiglich verloren.
Ihr murret? Gebt Mir keine Schuld.

Ihr solltet ewig mit Mir leben,
Euch ward hierzu Mein Wort gegeben,
Ihr sündigtet und folgtet nicht.
Ihr lebtet in dem Sünden-Schlafe;
Nun quält euch die gerechte Strafe,
Ihr fühlt Mein schreckliches Gericht.»
So sprach Er, und ein furchtbar Wetter
Geht von Ihm aus, die Blitze glühn,
er Donner faßt die Übertreter
Und stürzt sie in den Abgrund hin.

Der Gott-Mensch schließt der Höllen Pforten,
Er schwingt Sich aus den dunklen Orten In Seine Herrlichkeit zurück.
Er sitzet an des Vaters Seiten,
Er will noch immer für uns streiten,
r will’s! O Freunde, welches Glück!
Der Engel feierliche Chöre,
Die jauchzen vor dem großen Gott,
Daß es die ganze Schöpfung höre:
Groß ist der Herr, Gott Zebaoth!

[ 2 ] Es wird einiges beitragen können zu einem intimeren Verständnisse dessen, was gestern gesagt worden ist und was noch heute gesagt werden wird, wenn wir einen Vergleich zu ziehen versuchen zwischen der gestern vorgetragenen Dichtung Hegels und der Dichtung des jungen Goethe, die wir soeben gehört haben. Dieser Vergleich wird aus dem Grunde gut sein, weil uns durch ihn zum Bewußtsein kommen kann die Verschiedenartigkeit der Seelen derjenigen, von denen die beiden Gedichte herrühren. Versuchen wir uns einmal zu vergegenwärtigen, wie gewaltig verschieden die beiden Dichtungen sind, die gestern und die heute vorgetragene. Durch die Kürze der Zeit ist es ja geboten, daß gewisse Dinge mehr oder weniger nur angedeutet werden können. Allein ich denke, es wird möglich sein, daß wir uns verständigen.

[ 3 ] Wir haben gestern gehört die Dichtung eines Philosophen, eines Menschen, der es im Reiche des reinen Gedankens zu einer ungeheuren Höhe gebracht hat. Und wir haben gesehen, daß in dieser Dichtung «Eleusis» gewissermaßen der Gedanke selber in der Seele Hegels schöpferisch geworden ist. Wenn Sie sich nun vergegenwärtigen, wie die gestrige Dichtung auf Sie gewirkt hat, so werden Sie sich sagen können: Man fühlt gewaltige Gedanken, die da ringen mit den größten Fragen der Menschheit ebenso wie mit den großen Fragen der Zeiten, die anknüpfen an die sogenannten Mysterien. Man fühlt, daß jemand den Gedanken eingebohrt hat in diese großen Weltengeheimnisse, aber man fühlt eine gewisse Ungelenkigkeit in der dichterischen Behandlung. Man fühlt sozusagen an dieser Dichtung heraus, daß sie etwas ist, was nicht in der Hauptmission derjenigen Persönlichkeit liegt, von der sie herrührt. Es ist ein Ringen mit der dichterischen Form, und man sieht es der Dichtung an, daß sich der Gedanke nur schwer hat zu der Form heranringen können, durch welche die dichterische Form überhaupt erst möglich wird. Man sieht es der Dichtung an, daß derjenigen Persönlichkeit, von der sie herrührt, nicht viele Dichtungen im Leben möglich gewesen wären.

[ 4 ] Vergleichen wir damit die Dichtung, die wir eben gehört haben, aber an der Hand eines bestimmten Umstandes. Ich habe Ihnen vor dem ersten Vortrage vorlesen lassen eine Jugenddichtung Goethes, die zu diesem Zwecke umgeändert worden war, und an der uns so recht hat anschaulich werden können, wie zwei Seelen in Goethes Brust lebten, zwei Seelenmächte, zwei Seelenkräfte, und wir sahen, was in dieser Dichtung — würdig auch dessen, was in dem alten Goethe als sein Wesenskern gelebt hat - dennoch in gewaltigen Bildern vor den Menschen hintritt. Aber wir sehen an der Dichtung des jungen Goethe, daß eine ganz andere Seelenkraft zunächst wirkt in Goethe als etwa in Hegel. Überall ist es in Goethe das, was wir nennen können: es fließen ihm die vollsaftigen Bilder zu. Und wie bilderinhaltvoll ist nun auch die Dichtung, die jetzt eben als ein Gedicht des jungen Goethe vor uns hingetreten ist! Das also lag schon in seinen Anlagen, daß ihm zuflossen vollsaftige, inhaltvolle Bilder. Und wo die Größe des Gegenstandes ihn überwältigt, da werden wir gewahr, wie das, was sich in der ersten Dichtung ihm noch störend in den Weg gestellt hat, zurückgedrängt wird durch ein mächtiges Seelenleben, das sich in vollsaftigen Bildern auslebt.

[ 5 ] Wir sehen gewissermaßen ein Dreifaches an den vorgetragenen Dichtungen. Wir sehen, wie in Hegel der Gedanke wirkt, der es mehr oder weniger zu Bildern nur dadurch bringt, daß er ein ungeheures Ringen durchmacht. Wir sehen es der Blässe der Bilder noch an, wie stark das Ringen nach ihnen war. Wir sehen es den Dichtungen des jungen Goethe an, wie sie in vollsaftigen Bildern dahinrollen. Und wir sehen, wie diese vollsaftigen Bilder in der Dichtung Goethes, wo er die Sage vom «Ewigen Juden» behandelte, in einer gewissen Weise so beeinträchtigt werden konnten - weil jene zwei Seelen in ihm kämpften —, daß er sie gar nicht hat zu Ende führen können. Sie ist ja nur Fragment geblieben. Da werden wir auf eine Vielgestaltigkeit des Seelenlebens hingewiesen. Halten wir uns das einmal vor Augen, wie eine Seelenkraft, die wir in gewissem Sinne gedankenhaft nennen können, wie bei Hegel, sich nur schwer hineinbohrt in jene Seelenkraft, die bei Goethe die größte ist, und wie diese Seelenkraft in der Seele Goethes selber wiederum sich in ein Entgegengesetztes hineinbohrt.

[ 6 ] Und nun wollen wir in unseren psychosophischen Betrachtungen fortfahren. Erinnern wir uns, daß innerhalb unseres Seelenlebens wirken Urteile und die Erlebnisse von Liebe und Haß, die aus dem Begehrungsvermögen stammen. Wir können auch noch in anderer Weise, als wir es gestern getan haben, zusammentragen, was in unserer Seele einerseits lebt als urteilende Kraft, indem wir uns erinnern, daß uns diese Urteilskraft da entgegentritt, wo wir von der Verstandesfähigkeit der Seele reden, von der Fähigkeit, die Wahrheiten der Welt zu verstehen, und wenn wir andererseits daran denken, daß uns eine ganz andere Seelenkraft entgegentritt, wenn wir davon sprechen: eine Seele ist in der oder jener Weise an der Außenwelt interessiert. — Je nachdem die Erlebnisse von Liebe und Haß wirken, ist eine Seele an der Außenwelt interessiert. Aber diese Phänomene von Liebe und Haß selbst haben nichts zu tun mit der Denkfähigkeit, mit der Intelligenz. Urteilsfähigkeit und Interessiertheit sind zwei in der Seele verschieden wirksame Kräfte. Das zeigt schon eine einfache Beobachtung. Wer glaubt, daß das Wollen noch etwas Besonderes in der Seele sei, der kann sehen, wenn er in seine Seele blickt, daß er in ihr nur begegnet dem Interesse an dem Gewollten. Kurz, außer Interesse durch Liebe und Haß und Urteilsfähigkeit, die sich äußert in dem Urteilen, außer diesen beiden Gebieten werden Sie im Binnengebiet der Seele nichts finden. Damit haben Sie das Seelenleben in bezug auf seinen Inhalt erschöpft. Aber eines lassen Sie dabei vollständig unberücksichtigt, was zum Wichtigsten gehört, was uns sogleich am Seelenleben entgegentritt, nämlich das Bewußtsein. Zum Seelenleben gehört Bewußtsein. Das heißt, wenn wir den Inhalt des Seelenlebens nach allen Seiten zu durchforschen trachten, treten uns entgegen Urteilsfähigkeit und Interesse; wenn wir aber auf die innere Eigentümlichkeit, auf die Artung des Seelenlebens sehen, so müssen wir sagen: Wir dürfen nur insofern die Erlebnisse von Liebe und Haß und die Urteilsfähigkeit zum Seelenleben rechnen, als wir sie mit dem Wort «Bewußtsein» belegen. Wir müssen uns daher fragen: Was ist denn Bewußtsein? Das werde ich Ihnen nun wieder nicht definieren, sondern ich werde es charakterisieren.

[ 7 ] Wenn Sie mit Hilfe dessen, was wir schon betrachtet haben, an das menschliche Bewußtsein herantreten, werden Sie gerade gegenüber dem fortfließenden Strom der Vorstellungen, die Sie aufgenommen haben, sagen: Es zeigt sich, daß in der Seele die Bewußtheit doch nicht zusammenfällt mit dem Seelenleben. Denn wir haben ja gesehen, daß ein gewisser Unterschied ist zwischen dem Seelenleben überhaupt und der Bewußtheit. Eine Vorstellung, die wir vor Tagen, Wochen oder Jahren einmal aufgenommen haben, lebt in uns weiter, denn wir können uns ihrer erinnern. Aber wenn wir uns ihrer in diesem Augenblick nicht erinnern, sondern vielleicht erst nach zwei Tagen, so hat diese Vorstellung zwar weitergelebt, aber sie war in diesem Augenblick nicht bewußt, das heißt, sie war in unserer Seele, aber nicht im Bewußtsein.

AltName

[ 8 ] Also der Strom des Seelenlebens fließt dahin, und das Bewußtsein ist wieder etwas anderes noch als der fortfließende Strom des Seelenlebens. Kurz, wir müssen sagen: Wenn wir die Vorstellungen, an die wir uns einmal wieder erinnern können, bezeichnen mit einem Strom, der - die Seele als Kreis gedacht - in der Richtung des Pfeiles geht [siehe Zeichnung], dann kann dieser Strom in sich enthalten alle Vorstellungen, die sozusagen in unserer Seele fließen von der Vergangenheit in die Zukunft hinein; aber wenn sie bewußt werden sollen, müssen sie aus der Art, wie sie unbewußt in der Seele leben, erst durch ein Streben heraufgeholt werden ins Bewußtsein. Bewußtheit ist also etwas, was zur Seele gehört. Aber Bewußtheit gehört nicht so zum Seelenleben, daß alles, was in der Seele ist, in das Bewußtsein hereinfallen müßte. Es fließt der Strom des Vorstellungslebens weiter, und das Bewußtsein beleuchtet nur in einem gewissen Momente einen gewissen Teil unseres Seelenlebens.

[ 9 ] Weil wir nun doch auch mit andern Leuten zu tun haben und auf Einwendungen gefaßt sein müssen, so muß folgendes wie in Parenthese gesagt werden. Es könnte jemand jetzt einwenden: Was du den fortfließenden Strom der Vorstellungen nennst, ist nichts weiter als die Seelen- oder Gehirndisposition, die einmal hergestellt worden ist und dann bleibt; und es braucht dann nichts weiter zu erfolgen, als daß die Gehirndisposition in einem gewissen Momente vom Bewußtsein beleuchtet würde. - Das wäre dann der Fall, wenn es nicht notwendig wäre, daß gleich nach dem Wahrnehmen etwas losgelöst würde von der Wahrnehmung, damit dieselbe weitergetragen werden kann. Wenn wirklich von der Wahrnehmung schon die Disposition geschaffen wäre zur Erinnerung, brauchte nicht erst etwas losgelöst werden von dem ganzen Prozeß und die Wahrnehmung in eine Vorstellung umgeändert zu werden. Die Wahrnehmung entwickelt sich am äußeren Gegenstande, die Vorstellung aber nicht, Die Vorstellung ist eine Antwort von innen heraus. Wir haben also in uns dasjenige, was erlebt worden ist an der Welt, und was mit dem Strom der Zeit weiterfließt von der Vergangenheit in die Zukunft, aber doch nicht immer mit dem Bewußtsein zusammenfällt, sondern erst von dem Bewußtsein beleuchtet werden muß, wenn es erinnert werden soll.

[ 10 ] Wie geschieht es nun, daß auf den fortfließenden Strom der Vorstellungen in unserer Seele Licht geworfen werden kann, so daß Teile davon sichtbar werden können in der Erinnerung oder sonstwie? Eine Tatsache des gewöhnlichen Seelenlebens, wie es sich auf dem physischen Plan abspielt, kann uns darauf führen, wie das geschieht. Das ist folgende Tatsache, die ja in der äußeren Psychologie überhaupt nicht berücksichtigt wird, weil man da nicht mit den Tatsachen, sondern mit den Vorurteilen arbeitet. Wir aber wollen unbefangen mit den Tatsachen arbeiten.

[ 11 ] Unter den Gefühlen des Menschen gibt es mancherlei Arten. Ich will nur auf einige aufmerksam machen, die wir gestern schon genannt haben, und auf einige andere, auf Gefühle zum Beispiel, welche sich aussprechen in der Sehnsucht, in der Ungeduld, in der Hoffnung, im Zweifel; ich will Sie verweisen auf solche Gefühle, wie Angst und Furcht sind. Was sagen uns denn alle derartigen Gefühle? Wenn wir sie wirklich prüfen, haben sie alle etwas merkwürdig Gemeinsames: sie beziehen sich alle auf die Zukunft, sie beziehen sich auf das, was eintreten kann, oder von uns als eintretend gewünscht wird. Der Mensch also lebt in seiner Seele so, daß ihn in seinen Gefühlen nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft interessiert. Und sogar recht lebhaft interessiert ihn die Zukunft! Sie können weitergehen: Sie können die Tatsache, daß Gefühle in uns leben, die sich auf die Zukunft beziehen, mit einer andern vergleichen. Versuchen Sie in Ihren Erinnerungen wachzurufen irgend etwas, was Sie in Ihrer Jugend oder vielleicht auch erst vor kurzer Zeit erlebt haben als Freude oder als Schmerz. Versuchen Sie einmal, nur ein klein wenig zu vergleichen, was in Ihren Gefühlen lebt von der Vergangenheit herein von einem überstandenen Schmerz oder auch von einer erlebten Freude, und wie unendlich blaß die Erinnerung an solche Dinge nur wieder aufgefrischt werden kann. Wenn sie etwas hinterlassen haben, wenn sie auf unsere Gesundheit oder sonstwie eingewirkt haben, da machen sie sich geltend, da drängen sie sich in das Bewußtsein herein. Da ist es aber die Gegenwart! Was wir aber in der Vergangenheit erfahren haben in bezug auf unser Gefühlsleben, das verblaßt, je mehr wir uns davon entfernen. Und nun denken Sie, wie es bei den ausgesprochenen Begehrungen ist. Wenn Sie etwas begehren, was Ihnen in der Zukunft beschert werden soll, da versuchen Sie einmal das Rumoren in der Seele so recht zu beobachten. Ich möchte aber wissen, wieviele Leute darüber jammern, daß ihnen dieses oder jenes vor zehn Jahren nicht zugekommen ist, wenn es sich nicht etwa in die Gegenwart fortgesetzt hat und einen gegenwärtigen Mangel bewirkt. Da ist ein gewaltiger Unterschied zwischen unserem Interesseleben, insofern wir der Zukunft entgegenschauen und insofern wir nach der Vergangenheit den Blick richten. So weit Sie sich auch umsehen, wenn Sie alles zu Rate ziehen, gibt es nur eine Erklärung für die Ihnen eben charakterisierte Tatsache. Die Tatsache ist ja offenbar; Erklärungen aber gibt es nur die eine einzige: daß das, was wir begehren, überhaupt nicht in derselben Richtung fließt wie der dahinfließende Strom der Vorstellungen, sondern daß es diesem Strom entgegenkommt. Sie werden einen ungeheuren Lichtblitz auf Ihr ganzes Seelenleben werfen können, wenn Sie das eine Einzige nur voraussetzen: daß alles, was Begehrungen, Wünsche, Interessiertsein, was die Phänomene von Liebe und Haß sind, einen Strom darstellen im Seelenleben, der gar nicht fließt von der Vergangenheit in die Zukunft, sondern der uns entgegenkommt von der Zukunft, der von der Zukunft in die Vergangenheit fließt [siehe Zeichnung, D-C]. Mit einem Male wird die ganze Summe der Seelenerlebnisse klar! Ich brauchte Tage, um das weiter auszuführen, und kann daher jetzt nur folgendes sagen.

AltName

[ 12 ] Wenn Sie voraussetzen, daß der Strom der Phänomene von Liebe und Haß, von Begehrungen und so weiter Ihnen entgegenkommt aus der Zukunft und sich begegnet mit dem Strom der Vorstellungen, den wir vorhin charakterisiert haben, was ist dann im Moment unser Seelenleben? Es ist nichts anderes als die Begegnung eines Stromes aus der Vergangenheit in die Zukunft, und eines Stromes, der aus der Zukunft in die Vergangenheit fließt. Und wenn der gegenwärtige Augenblick in unserem Seelenleben eine solche Begegnung ist, dann werden Sie leicht begreifen, daß diese zwei Ströme in der Seele selber zusammenkommen, sozusagen übereinanderschlagen. Dieses Übereinanderschlagen ist das Bewußtsein. Es gibt keine andere Erklärung für das Bewußtsein, als die eben gegebene. So nimmt also unsere Seele teil an allem, was aus der Vergangenheit weiterfließt in die Zukunft, und an allem, was uns aus der Zukunft entgegenkommt. Wenn Sie also in irgendeinem Moment in Ihr Seelenleben schauen, können Sie sagen: Da ist etwas wie eine Durchdringung von dem, was aus der Vergangenheit in die Zukunft fließt, mit dem, was aus der Zukunft in die Vergangenheit fließt und sich dem ersteren entgegenstemmt als Begehrungen, als Interessiertheit, als Wünsche und so weiter. Zweierlei durchdringt sich.

[ 13 ] Wir wollen, weil das ganz deutlich zu unterscheiden ist, diesen Strömungen im Seelenleben zwei Namen geben. Wenn ich jetzt so vor einem Publikum sprechen würde, als ob es gar keine geisteswissenschaftliche Bewegung gäbe, so würde ich möglichst sonderbare Namen wählen, welche die zwei Strömungen bezeichnen sollen. Aber es kommt ja nicht auf die Namen an. Ich möchte in diesem Augenblick Namen wählen, in denen Sie wiedererkennen, was Sie schon von anderer Seite her kennengelernt haben, so daß Sie es jetzt von zwei Seiten betrachten können: einmal von der Seite des reinen Empirikers, der Ihnen die Seelenphänomene schildert, wie sie sich auf dem physischen Plan abspielen, und der daher Namen wählen kann für etwas, was er konstatiert hat, so wie er will; und dann können Sie es betrachten von der Seite der okkulten Forschung. Betrachten wir zunächst diese letzte Seite. Namen sind da ganz gleichgültig, aber ich möchte doch solche Namen wählen, wie sie derjenige wählt, der vom Standpunkte der Hellsichtigkeit die Dinge anschaut und sie daher wirklich ineinanderfließen sieht, Namen aus der Geisteswissenschaft, durch welche Sie in der Psychosophie wiedererkennen werden, was Sie in der Geisteswissenschaft gelernt haben. Bezeichnen wir daher den Strom, der die für den Moment unbewußten Vorstellungen birgt, der aus der Vergangenheit kommt und in die Zukunft fließt, als den Ätherleib, und den andern Strom, der von der Zukunft in die Vergangenheit geht, der sich mit dem ersteren staut und zum Schnitt bringt, als den Astralleib. Und was ist das Bewußtsein? Das sich gegenseitige Treffen des Astralleibes und des Ätherleibes.

[ 14 ] Versuchen Sie einmal die Probe darauf zu machen: Alles, was Sie aus den Forschungen des hellsichtigen Bewußtseins gelernt haben über den Ätherleib, versuchen Sie es anzuwenden auf das hier Gesagte. Sie werden es schon wiedererkennen. Und versuchen Sie alles, was Sie über den Astralleib gelernt haben, mit dem zu vergleichen, was hier gesagt worden ist: Sie werden auch damit zurecht kommen und Ihre Wahrheiten von dort wiedererkennen. Sie brauchen sich nur die Frage vorzulegen: Was ist es, was da die Stauung hervorbringt, was den Durchschnitt hervorbringt? - Daß sich da etwas staut, das liegt daran, daß sich die beiden Ströme im physischen menschlichen Leben begegnen. Nehmen Sie an, der physische menschliche Leib sei weggenommen, und der Ätherleib sei auch weggenommen. Das ist aber der Fall nach dem Tode, wo die von der Vergangenheit in die Zukunft gehende Strömung nicht mehr da ist. Dann hat die von der Zukunft in die Vergangenheit drängende Strömung, das heißt der Astralleib, freien Lauf und macht sich nun nach dem Tode unmittelbar geltend. Und die Folge ist, daß das Leben in Kamaloka rückwärts verläuft, wie es Ihnen erzählt worden ist.

[ 15 ] So sehen Sie, daß wir auf psychosophischem Gebiet wiederfinden, was wir auf geisteswissenschaftlichem Gebiet gelernt haben. Ich möchte allerdings, daß Sie dabei noch eines bemerken: daß in der Tat manchmal ein recht weiter Weg ist von dem Wissen der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten aus Mitteilungen hellseherischer Forschung heraus zu dem, was auf dem physischen Plan wirklich erfahren werden kann, denn dies muß erst in Ordnung gebracht werden. Wenn es aber in Ordnung gebracht ist, dann werden Sie überall finden, daß die Forschungen des hellsichtigen Bewußtseins sich durch die Beobachtungen des physischen Planes überall rechtfertigen lassen.

[ 16 ] Jetzt aber betrachten wir eine andere Erscheinung unseres Seelenlebens, eine solche Erscheinung, die gewöhnlich bezeichnet wird durch Worte wie «Überraschung», «Erstaunen» gegenüber irgendeiner Sache. Wann können wir von einer Sache, die uns begegnet, überrascht sein? Nur dann, wenn wir in dem Augenblick, wo sie an uns herantritt, nicht in der Lage sind, sogleich zu urteilen, wo sozusagen auf unser Seelenleben ein Eindruck gemacht wird und wir also nicht gleich mit unserem Urteil der Sache gewachsen sind. Im Augenblick, wo wir mit dem Urteil der Sache gewachsen sind, hört das Erstaunen, hört die Überraschung auf. Und was uns so begegnet, daß wir gleich der Sache gewachsen sind, das bringt uns überhaupt nicht zur Überraschung, zum Erstaunen. So also können wir sagen: Wenn uns eine Erscheinung so gegenübertritt, daß wir überrascht sind, vielleicht sogar Furcht empfinden —- denn auch da werden wir das Gefühl so charakterisieren können, daß wir mit unserem Urteil der uns entgegentretenden Erscheinung nicht gewachsen sind —, wo also die Erscheinung auf unser Seelenleben einen bewußten Eindruck macht, ohne daß unser Urteil sogleich eintreten kann, da drängt sich die Zukunft in unser Seelenleben hinein. Da tritt unser Gefühl, unser Interesse in Kraft, aber unser Urteil kann nicht sogleich heran. Daraus müssen wir uns sagen, daß in der Tat unsere Interessiertheit, unsere Gefühle und unser Begehrungsleben nicht die Richtung haben können, die von der Vergangenheit in die Zukunft geht, denn da würde unmittelbar aus derselben Richtung her das Urteil fließen können. Also muß das Urteil noch etwas anderes sein als die Interessiertheit. Das haben wir schon aus der gewöhnlichen Beobachtung heraus gewonnen. Aber dieses Urteil kann auch nicht zusammenfließen, kann auch nicht ein und dasselbe sein mit dem aus der Vergangenheit in die Zukunft fließenden Strom des Seelenlebens. Wenn das der Fall wäre, müßte in jedem Augenblick das Urteil sich decken mit dem Strom der Vorstellungen. Es müßte in jedem Augenblick, wo wir urteilen, unser ganzes Seelenleben tätig sein. Es müßte in jedem Augenblick fertig sein mit den Vorstellungen. Das Urteilen ist aber etwas Bewußtes. Denken Sie aber, wie weit Sie entfernt sind in dem Augenblick, wo Sie urteilen, von dem Gegenwärtig-Haben aller Ihrer Vorstellungen, die Sie haben könnten! Das Urteilen fällt ins Bewußtsein herein, ist aber nicht imstande, den fortfließenden Strom des Seelenlebens aufzufangen. Es stehen Ihnen nicht immer alle Ihre Vorstellungen zu Gebote. Also mit dem fortfließenden Strom des Seelenlebens kann unser Urteilen nicht zusammenfallen. Es kann aber auch nicht zusammenfallen mit dem von der Zukunft in die Vergangenheit gehenden Strom, weil sonst solche Gefühle wie Furcht, Überraschung, Staunen, nicht möglich sein würden. Daraus folgt, daß mit keiner dieser Richtungen zusammenfällt, was wir Urteilen nennen.

[ 17 ] Halten wir das fest und betrachten wir jetzt einmal den fortfließenden Strom unseres Ätherleibes, der von der Vergangenheit in die Zukunft sich bewegt. Er zeigt als sein Eigentümlichstes, daß er sowohl unbewußt fortfließen kann in der Seele, wie auch bewußt werden kann. Fassen wir nun ins Auge, wodurch unbewußte, in der Seele fortfließende Vorstellungen bewußt werden können. Darüber müssen wir uns klar sein: vorhanden sind diese Vorstellungen fortwährend. Aber was geschieht indem Moment, wo sie bewußt werden? Betrachten wir einmal den Moment, wo, in einer höchst eigenartigen Weise, uns entschwundene Vorstellungen bewußt werden. Ich will Ihnen einen solchen Moment vor die Seele rufen. Sie gehen durch eine Bildergalerie; Sie sehen ein Bild, schauen es an. In diesem Augenblick taucht in Ihnen dasselbe Bild auf: Sie haben es nämlich schon gesehen. Nehmen wir das an. Was hat da die Erinnerung hervorgerufen? Sie ist hervorgerufen worden durch den Eindruck des neuen Bildes. Der Eindruck des neuen Bildes war es also, der Ihnen, wenn ich so sagen darf, in die Seelensichtbarkeit hereingezaubert hat die alte Vorstellung von dem Bilde, die in Ihnen fortgelebt hatte. Wenn das neue Bild nicht gekommen wäre, würde sie nicht aufgetreten sein.

[ 18 ] Diesen Vorgang können wir uns überhaupt nur verdeutlichen, wenn Sie sich folgendes klarmachen. Was ist geschehen, indem Sie das neue Bild gesehen haben? Ihr Ich ist willens, dem Bilde entgegenzutreten. Es tritt in Wechselverkehr mit dem Bilde durch die Sinne. Und dieser Umstand, daß Ihr Ich einen neuen Eindruck hat, etwas Neues in sich hereinnimmt, der wirkt merkwürdigerweise auf etwas in dem fortfließenden Strom des Seelenlebens derartig, daß dieses nun auch sichtbar wird. Versuchen wir ein Bild zu gewinnen, um diesen Vorgang zu charakterisieren. Denken Sie einmal an alle die Gegenstände, die, wenn Sie in einer Richtung stehen, hinter Ihnen sind. Sie sehen sie nicht, weil sie hinter Ihnen sind. Sie können sie nur sehen, wenn Sie sich einen Spiegel vorhalten; dann sehen Sie im Spiegel die Gegenstände, welche hinter Ihnen sind. Daraus können Sie schon schließen, daß etwas ganz Ähnliches der Fall sein muß mit den Vorstellungen, die in der Seele unbewußt fortleben. Wenn der neue Eindruck kommt, stellt er sich so in das Seelenleben herein, daß der alte Eindruck seelisch sichtbar wird. Wenn Sie sich nun vorstellen, daß das Ich im Seelenleben etwas ist, was vor den alten Vorstellungen steht, die unbewußt sind, und der Moment des Erinnerns dadurch charakterisiert ist, daß diese Vorstellungen durch einen inneren Seelenvorgang veranlaßt werden, sozusagen sich zu spiegeln, dadurch, daß eine Ursache für die Spiegelung geschaffen wird, dann haben Sie den Vorgang des Erinnerns, des Bewußtwerdens der alten Vorstellungen.

[ 19 ] Und wo ist denn der Grund, daß eine solche Spiegelung entsteht? Sie können ihn leicht finden, wenn Sie nur nachdenken wollen. Sie gewinnen eine Anschauung über den Grund, daß eine solche Spiegelung entsteht, wenn Sie sich an etwas erinnern, was ich sogar schon neulich im öffentlichen Vortrage über «Leben und Tod» gesagt habe: daß als eine höchst wichtige Tatsache im Seelenleben zu beobachten ist, daß die rückwärtslaufende Erinnerung des Seelenlebens bei einem bestimmten Punkt aufhört. Von diesem Punkte an rückwärts erinnert sich der Mensch nicht mehr. Bei diesem Punkte fängt dann im Menschen die Erinnerung an. Mit andern Worten: Welche Vorstellungen werden überhaupt im gewöhnlichen physischen Leben des Menschen erinnert? Nur diejenigen, bei denen das Ich dabeigewesen ist, die wirklich das Ich hereingenommen hat. Denn ich habe schon darauf aufmerksam gemacht: Ungefähr so weit zurück, als die Erinnerung an die früheren Ereignisse zurückreicht, liegt auch der Moment, wo das Kind überhaupt fähig geworden ist, die Ich-Vorstellung, das Ich-Bewußtsein zu entwickeln. Nur diejenigen Vorstellungen, die so aufgenommen worden sind, daß das Ich tätig dabei war, daß eine aktive Kraft dabei war, indem das Ich sich als bewußtes Ich gefühlt hat, nur diese Vorstellungen werden im gewöhnlichen Menschenleben überhaupt erinnert, können nur erinnert werden. Was macht denn also dieses Ich, indem es sozusagen geboren wird, sagen wir im zweiten oder dritten Jahre des kindlichen Lebens? Früher hat es sozusagen unbewußt die Eindrücke aufgenommen, war nicht selbst dabei. Dann fängt es an, als Ich-Bewußstsein sich wirklich zu entwickeln, und mit diesem Ich-Bewußtsein beginnt dann das Kind alle Vorstellungen zu verknüpfen, die es von außen hereinnimmt. Das ist der Moment, wo das menschliche Ich beginnt, sich vor seine Vorstellungen zu stellen und diese hinter sich zu setzen. Sie können das fast handgreiflich erfassen: Vorher war das Ich sozusagen in seinem ganzen Vorstellungsleben darinnen; dann tritt es heraus und stellt sich so, daß es nunmehr frei der Zukunft entgegengeht und sozusagen gewappnet ist, alles das, was aus der Zukunft herankommt, aufzunehmen, aber hinter sich stellt die vergangenen Vorstellungen.

[ 20 ] Wenn wir das, was wir jetzt gesagt haben, festhalten, was muß denn dann geschehen in dem Moment, wo das Ich anfängt, alle Vorstellungen sozusagen in sich hereinzunehmen, wo das Ich bewußt wird? Da muß das Ich sich verbinden mit dem fortfließenden Strom, mit dem, was wir den Ätherleib genannt haben. Und in der Tat, in dem Moment, wo das Kind anfängt, sein Ich-Bewußtsein zu entwickeln, da hat der Strom des Seelenlebens einen Eigeneindruck auf den Ätherleib gemacht. Dadurch entsteht aber auch die Ich-Vorstellung. Denn bedenken Sie einmal, daß die Ich-Vorstellung Ihnen niemals von außen gegeben werden kann. Alle andern Vorstellungen, die sich auf die physische Welt beziehen, sind Ihnen von außen gegeben. Die IchVorstellung, schon die Ich-Wahrnehmung kann Ihnen niemals von außen zufließen. Das wird Ihnen erst erklärlich, wenn Sie sich jetzt vorstellen, daß das Kind, bevor es die Ich-Vorstellung hat, unfähig ist, den eigenen Ätherleib zu verspüren; in dem Augenblick, wo es anfängt, das Ich-Bewußtsein zu entwickeln, verspürt es seinen Ätherleib, und es spiegelt zurück in das Ich das Wesen des eigenen Ätherleibes. Da hat es den «Spiegel». Während also alle andern Vorstellungen, die sich auf den physischen Raum und auf das Leben im physischen Raum beziehen, durch den physischen Leib des Menschen aufgenommen werden, nämlich durch die Sinnesorgane, entsteht überhaupt das Ich-Bewußtsein dadurch, daß das Ich den Ätherleib ausfüllt und sich gleichsam an seinen Innenwänden spiegelt. Das ist das Wesentliche des Ich-Bewußtseins, daß es der nach innen sich spiegelnde Ätherleib ist.

[ 21 ] Durch was kann das Ich denn nur veranlaßt werden, sich so im Innern zu spiegeln? Dadurch allein kann es dazu veranlaßt werden, daß der Ätherleib einen gewissen inneren Abschluß erlangt. Wir sahen ja, daß dem Ätherleib entgegenkommt der Astralleib. Es ist also sozusagen das Ich, welches den Ätherleib ausfüllt und sich dieses Ätherleibes als solchem, wie durch innere Spiegelung, bewußt wird.

[ 22 ] Aber eines hat diese Ich-Vorstellung, dieses Ich-Bewußtsein: es wird mächtig ergriffen von aller Interessiertheit und von allen Begehrungen. Denn die setzen sich gehörig fest in dem Ich. Aber trotzdem sich die Interessiertheit, die Begehrungen so in dem Ich festsetzen was wir als die verschiedenen Egoismen bezeichnen -, müssen wir sagen: Diese Ich-Wahrnehmung hat wieder etwas sehr Eigentümliches. Sie hat in gewisser Beziehung doch wieder etwas Unabhängiges von den Begehrungen. Es gibt nämlich eine gewisse Forderung in der Menschenseele, die sie sich selbst stellt und die ja sehr leicht für die Seele selber beglaubigt werden kann. Es wird sich jede Seele sagen: Durch das bloße Begehren kann ich unmöglich mein Ich hervorrufen. Wenn ich noch so sehr mein Ich wünsche: dadurch ist es nicht da, daß ich es wünsche. - Ebensowenig wie das Ich etwa nur besteht aus dem fortfließenden Strom der Vorstellungen, ebensowenig besteht es aus dem andern Strom, der aus der Zukunft in die Vergangenheit geht, dem Strom der Begehrungen. Es ist ein von beiden Strömen grundverschiedenes Element, das aber beide Ströme in sich aufnimmt.

[ 23 ] Das können wir uns graphisch darstellen — und die graphische Darstellung entspricht in diesem Falle vollständig dem Tatbestand -, indem wir den Strom des Ich senkrecht auf den Strom der Zeit [auffallen] lassen. So muß man es nämlich tun, wenn man alle Seelenerscheinungen richtig in Betracht zieht. Sie kommen zurecht mit den Seelenerscheinungen, wenn Sie außer den beiden Strömen — dem aus der Vergangenheit in die Zukunft und dem aus der Zukunft in die Vergangenheit [Pfeil C-D] — noch eine solche Strömung in der menschlichen Seele annehmen, welche senkrecht auf den beiden andern steht [Pfeil E-F]. Das ist die, welche dem menschlichen Ich-Einschlag selber entspricht.

[ 24 ] Nun ist aber mit dem Ich etwas verbunden, was Sie auch wieder durch eine bloße Beobachtung des Seelenlebens leicht finden können, nämlich die Urteilsfähigkeit. Mit dem Ich schlägt die Urteilsfähigkeit herein. Sie können das an einer solchen Erscheinung wie der der Überraschung ganz leicht jetzt begreifen. Wenn das Ich - seitlich allerdings - wirkt, kann ein Ereignis an Sie herantreten, das Ihnen entgegenbringen wird eine Fülle von Interessiertheit. Aber wenn nicht seitlich zugleich einschlagen kann die urteilende Tätigkeit des Ich, dann ist es unmöglich, daß sich das Ereignis mit dem Urteil begegnet. Aber was geschieht denn, wenn das Ich seitlich einschlägt? Wir haben gesehen, es ist die Ich-Wahrnehmung wie eine innere Spiegelung in der Seele. Die Spiegelung müßte so geschehen, daß das Ich förmlich die Vorstellungen hinter sich hätte, die da unbewußt fließen. Das würde dann der Fall sein, wenn die Ich-Strömung so einströmte, daß sie tatsächlich in ihrem eigenen Einströmen die Richtung hat, die ich mit dem Pfeil E-F bezeichnet habe, im Leben aber die Richtung hätte, die ich mit dem Pfeil G-H bezeichne, nämlich der Zukunft entgegen.

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[ 25 ] Nun nehmen Sie an, das Ich wäre, insofern es in den Ätherleib eingeschlagen hat, selber ein Spiegel geworden. Die Sache stimmt in ganz auffälliger Weise. Wenn das Ich die Vorstellungen, die unbewußt weiterfließen, hinter sich hat, was hat es denn dann vor sich, wenn es nach der Zukunft schaut, wie es ja die Natur des Ich ist, der Zukunft entgegenzuleben? Was müßte da sein?

[ 26 ] Denken Sie sich: Sie stehen vor einem Spiegel und sehen hinein. Wenn auf der Rückseite des Spiegels kein Spiegelbelag ist, sehen Sie überhaupt nichts; dann sehen Sie in die unendliche Ferne hinein. Das ist zunächst der Blick des Menschen in die Zukunft. So sieht der Mensch in der Tat in den Strom hinein, der von der Zukunft hereinkommt. Der fließt seelisch auf ihn zu: er sieht nichts. Wann nur sieht er etwas? Wenn er dadrinnen - im Spiegel — etwas sieht von der Vergangenheit. Dann sieht er natürlich nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit! Sie sehen nicht die Gegenstände, welche vor Ihnen sind, wenn Sie in den Spiegel schauen, sondern die, welche hinter Ihnen sind. Wenn das Ich - in dem Augenblick, wo das Kind zum Selbstbewußtsein kommt, das dadurch entsteht, daß das Ich einschlägt in den Ätherleib - sich innerlich spiegelt, so bedeutet alles seelische Leben von da ab ein Mitspiegeln der Erlebnisse, ein Mitspiegeln der Eindrücke. Daher können Sie sich an nichts erinnern, bevor sich das Ich zum Spiegelapparat gemacht hat. Die allerersten Kindheitseindrücke bleiben außer der Erinnerung. Das Wesentliche ist nämlich, daß das menschliche Ich, insofern es in den Ätherleib hineinschlägt, das heißt, aufnimmt die Vorstellungen aus der Vergangenheit, dadurch selber zu einem Seelen-Spiegelungsapparat wird. Und für alles, was es von da ab hereinnimmt in seinen Spiegelungsapparat, ist es zugänglich. Was muß denn also geschehen, damit nun das Ich sozusagen Vergangenes wirklich widerspiegeln kann?

[ 27 ] Man könnte sagen: Wenn Sie einen äußeren Eindruck haben, wie ich ihn vorhin geschildert habe - wenn Sie ein Bild neuerdings sehen, das Sie schon gesehen haben -, so wird dadurch die Spiegelung bewirkt in bezug auf die alte Seelenvorstellung, die früher unbewußt war; die wird dadurch von der andern Seite so in ihrer Strahlung zurückgehalten, daß sie in den inneren Seelenspiegel hereinfällt. Wenn aber kein neuer Eindruck, keine Wiederholung irgendeines alten Eindruckes geschieht, so muß das Ich selbst herbeiziehen, was als Spiegelung auftreten soll; da muß es von der andern Seite wirken und Ersatz schaffen für das, was sonst der äußere Eindruck bewirkt hat. Was ist denn aber dieses Ich zunächst, wie es sich im physischen menschlichen Leben auslebt? Es ist die innere Erfüllung des Ätherleibes. Also es muß innerlich diesen Ätherleib, damit es sich an seinen Innenwänden spiegeln kann, zum Spiegeln gebracht haben. Das kann nur dadurch - geschehen, daß der Ätherleib wirklich abgeschlossen wird. Für die äußeren Sinneseindrücke wird er abgeschlossen, indem Sie im physischen Leibe sind, denn dadurch sind Sie mit Augen, Ohren und so weiter umgeben, und was innerhalb des Ätherleibes lebt, kann dadurch zurückgeworfen werden. Für das aber, dessen Sie sich frei erinnern sollen, müssen Sie eine andere Kraft haben, denn wenn der Ätherleib spiegeln soll, muß er einen Spiegelbelag haben. Diesen Spiegelbelag geben für die neuen Eindrücke die Sinnesorgane, das heißt der physische Leib. Wenn aber der physische Leib nicht wirkt, wie das bei einer freien Erinnerung ist, wenn wir keine neuen Eindrücke zur Auffrischung haben, so muß der Belag von der andern Seite hergenommen werden. Das kann nur dadurch geschehen, daß wir das, was entgegenschlägt dem Ich, wir könnten sagen, seitlich entgegenschlägt dem Ich, als eine Hauptkraft verwenden, indem wir das Begehren heranziehen, den uns entgegenkommenden Strom hereinschieben und ihn zum Spiegelbelag machen. Das heißt, nur durch eine entsprechende Stärkung unseres Astralleibes können wir bewirken, daß wir die Strebenskräfte, die Begehrungskräfte entwickeln können, die uns fähig machen, eine Vorstellung, die sich weigert zur Spiegelung zu kommen, in die Erinnerung heraufrufen. Nur dadurch, daß wir unser Ich, wie es sich in der physischen Welt auslebt, stärker machen, sind wir allein imstande, diesen Strom, der sonst nicht von uns ergriffen wird, der von der Zukunft kommt, tatsächlich hereinzuziehen und ihn zum Spiegelbelag zu machen. Also nur durch eine Stärkung unseres Ich, nur durch den Umstand, daß wir das Ich zum Meister des Astralleibes, des Stromes aus der Zukunft machen, können wir das Ich zur Erinnerungsfähigkeit bringen von Vorstellungen, die sich nicht spiegeln wollen, die sich weigern, sich uns zu ergeben. Es ist da ein Kampf, den wir kämpfen mit den unbewußten Vorstellungen. Das Ich ist nicht stark genug, sie herbeizuholen, und da müssen wir eine Anleihe machen bei dem, was uns entgegenkommt.

[ 28 ] Um das zu verdeutlichen, will ich ein Beispiel nehmen aus der Lebenspraxis, um zu zeigen, wodurch es geschehen kann, daß Sie tatsächlich eine Stärkung Ihres Ich herbeiführen. Gewöhnlich erleben Sie die Lebensereignisse so, daß Sie einfach dem fortlaufenden Strom des Erlebens folgen. Wenn eine Glocke tönt, einmal, ein zweites, ein drittes Mal anschlägt, so hören Sie zuerst den ersten, dann den zweiten und dann den dritten Ton. Dann sind Sie aber fertig. Wenn Sie ein Drama anhören, hören Sie die einzelnen Teile hintereinander; dann sind Sie fertig. Das heißt, Sie leben in dem Ätherleibe mit dem fortlaufenden Strom. Nehmen wir aber an, Sie betreiben es systematisch, den umgekehrten Strom sich anzueignen, Sie gewöhnten sich daran, Dinge, die Sie sonst nur in der einen Richtung verfolgen, auch umgekehrt zu verfolgen. Zum Beispiel, Sie nehmen sich vor, einige Ereignisse des Tages in umgekehrter Reihenfolge zu erinnern. Wenn Sie so das Tagesleben rückwärts betrachten, dann folgen Sie nicht dem gewöhnlichen Ich-Strom, der dadurch zustande kommt, daß das Ich im Ätherleibe lebt, sondern Sie folgen dann dem entgegengesetzten Strom, dem Strom des Astralleibes. Wenn Sie zum Beispiel das Vaterunser statt, wie Sie gewohnt sind, es vorwärts zu beten, es Jetzt rückwärts beten, dann folgen Sie einem dem gewöhnlichen Strom der Ereignisse entgegengesetzten Strom. Das ist nicht der gewöhnliche Strom, der dadurch zustande kommt, daß das Ich den Ätherleib ausfüllt. Und die Folge ist, daß Sie Ihrem Ich dadurch eine Kraftzufuhr bereiten aus dem astralischen Strom heraus. Dann tritt in der Tat eine Erinnerungsfähigkeit ein in ganz gewaltigem Maße. Ich selbst habe in meiner Erziehertätigkeit bei meinen Schülern dahin gewirkt, damit sie eine Stärkung des Gedächtnisses für später haben sollten, daß sie gewisse Dinge, die man sonst nur in einer Richtung lernt, auch in der umgekehrten Richtung lernten und immer wieder und wieder üben mußten. So wird die Härteskala der Mineralien gewöhnlich in der folgenden Reihenfolge gelernt: 1. Talk, 2. Steinsalz, 3. Kalkspat, 4. Flußspat, 5. Apatit, 6. Orthoklas oder Kalifeldspat, 7. Quarz, 8. Topas, 9. Korund, 10. Diamant. Da habe ich nun die Schüler neben dieser Aufzählung auch immer wieder die umgekehrte Reihenfolge üben lassen: Diamant, Korund, Topas, Quarz, Orthoklas, Apatit, Flußspat, Kalkspat, Steinsalz, Talk. Das ist eine außerordentlich gute Übung besonders wenn sie zu guter Zeit im Kindheitsalter vorgenommen wird - für die Stärkung der Gedächtniskraft.

[ 29 ] Eine andere Übung gibt es dafür noch, eine Übung, die wieder mit . alledem zusammenhängt, was wir in den verflossenen Tagen und auch heute betrachtet haben, und die besteht in folgendem. Nehmen wir an, jemand leide an auffallendem Gedächtnisschwund, und er gibt sich die Mühe, irgendeine Beschäftigung, die er in der Jugend vorgenommen hat, mit voller Hingabe wieder vorzunehmen. Denken Sie, der Betreffende stände jetzt im siebenundvierzigsten Lebensjahr, und er habe sich mit fünfzehn Jahren besonders befaßt mit einem Buche, das ihm damals sehr große Freude gemacht hat, und er nimmt dieses Buch jetzt wieder vor und versucht es von neuem durchzugehen. Wenn Sie in einem solchen Falle dieselben Tatsachen wieder vor Ihre Seele rufen, kommt Ihnen der neue Strom entgegen, und Sie stärken sich aus dem astralischen Strom, der Ihnen aus der Zukunft entgegenkommt. Wenn das ausgeführt wird von einem Menschen, wenn er zum Beispiel als ein Greis wieder an Beschäftigungen geht, die er zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre getrieben hat, dann ist das eine ganz besondere Hilfe zur Aufbesserung des Gedächtnisses.

[ 30 ] Diese Dinge können Ihnen also zeigen, daß tatsächlich unser Ich sich stärken muß aus dem dem Strom des Ätherleibes entgegenkommenden astralischen Strom, wenn es die Erinnerungsfähigkeit fördern will. Das alles sind außerordentlich wichtige Dinge für die Lebenspraxis. Und wenn zum Beispiel beim Unterricht mehr Aufmerksamkeit auf solche Dinge verwendet würde, so könnte man dadurch ungeheuer segensreich wirken. So könnte man zum Beispiel segensreich wirken, wenn man die aufeinanderfolgenden Schulklassen in einer siebenklassigen Schule so einteilen würde, daß man sozusagen eine Mittelklasse einrichtete, die gewissermaßen für sich dann bestünde, und daß dann in der fünften Klasse - verändert - sich das wiederholen würde, was in der dritten durchgenommen worden ist, und ebenso in der sechsten Klasse sich wiederholen würde, was in der zweiten, und in der siebenten, was in der ersten Klasse behandelt worden ist. Das würde eine vorzügliche Stärkung des Gedächtnisses bedeuten, und die Menschen würden schon sehen, wenn sie dies in die Praxis einführten, wie segensreich sich diese Dinge auswirken würden, einfach aus dem Grunde, weil sie den Gesetzen des wirklichen Lebens entstammen.

[ 31 ] Daraus sehen wir zugleich, daß der Mensch in seiner Ich-Vorstellung, in seinem Ich-Bewußtsein überhaupt etwas hat, was erst entsteht. Es entsteht ja erst im kindlichen Alter. Und wir haben auch hingewiesen darauf, wodurch es entsteht: nämlich dadurch, daß sich der Ätherleib nach innen spiegelt. Kein Wunder daher - für denjenigen, der die Geisteswissenschaft kennt, gewiß nicht, da er weiß, daß der Mensch in der Nacht außer dem physischen Leib und Ätherleib ist —, daß das Ich-Bewußtsein in der Nacht nicht da sein kann, weil sich das Ich nicht im Ätherleibe spiegeln kann. Wir sind also gar nicht überrascht, wenn wir hören, daß die Ich-Vorstellung während des Schlafzustandes auch in die Unbewußtheit hinuntergehen muß, denn der Ätherleib ist der fortlaufende Strom der Zeit; er enthält die Vorstellungen, die erst von der andern Seite beleuchtet werden müssen, das heißt vom Astralleib. Dann kann das, was im Ätherleib sozusagen vorwärtsschwimmt, beleuchtet werden vom Seelenleben. Was der Mensch als Ich-Vorstellung hat, ist selbst nur im Ätherleibe; das ist selbst nur der gesamte Ätherleib von innen gesehen. Die Ich-Vorstellung ist selbst nur im Ätherleibe wirksam, nicht aber das Ich selber, denn - haben wir gesagt — das Ich ist die seitlich einfallende Urteilskraft. In dem Augenblick, wo Sie das Ich begreifen wollen, dürfen Sie nicht zum Ich-Bewußtsein gehen, sondern da müssen Sie zum Urteil gehen. Und merkwürdigerweise erklärt sich das Urteil ziemlich souverän gegenüber dem Ich-Bewußtsein. Wir haben ganz genau unterschieden zwischen dem, was vom Urteilen ergriffen ist, und dem, was noch nicht davon ergriffen ist. Wenn wir den Eindruck der roten Farbe haben, so ist noch kein Urteil gefällt vom Seelenleben. Da steht die Urteilsfähigkeit still. Es brandet von außen herein, was entscheidet über den Eindruck. In dem Augenblick, wo wir das einfachste Urteil fällen: «Rot ist», wenn wir dem Rot das Sein zuschreiben, findet schon eine Urteilsfällung des Seelenlebens statt. In dem Augenblick, wo wir Urteile fällen, regt sich das Ich. Wenn nun das Ich seine Urteile fällt auf Grund der Ergebnisse der äußeren Eindrücke, so kommen die äußeren Eindrücke ins Urteil herein, dann sind die äußeren Eindrücke Gegenstand des Urteilens, zum Beispiel «Rot ist». Was muß denn aber möglich sein, wenn das Ich eine Wesenheit ist, verschieden von allen Vorstellungen und auch von seiner eigenen Wahrnehmung? Wenn das Ich der Veranlasser ist der Ich-Wahrnehmung, was muß da sein? Dann muß eine Urteilsmöglichkeit sein. Unter den verschiedenen Urteilen in unserem Seelenleben muß es eines geben, dem gegenüber sich das Ich souverän fühlt, nicht angewiesen auf einen äußeren Eindruck. Das tritt in der Tat ein, wenn Sie das Urteil fällen: «Ich ist». «Ich bin» ist ja nur ein anderer Ausdruck dafür. Da haben Sie das, was sonst im Ich lebt, was Sie aber noch nicht zum Bewußtsein gebracht haben, mit Urteilsfähigkeit ausgefüllt im «Ich ist» oder «Ich bin». Was vorher eine leere Blase war, die wie Schaum zerfließt, wenn das Seelenleben unbewußt wird, das haben Sie ausgefüllt mit Urteilskraft.

[ 32 ] Wenn das so ist, wenn das Ich sich selber ausfüllt, was geschieht dann? Urteilen ist eine Seelentätigkeit. Seelentätigkeiten entstehen im Seelenbinnenleben, innerlich. Sie führen zu Vorstellungen. Im Bereiche dieser Vorstellungen taucht auch auf die Ich-Vorstellung. Aus der Ich-Vorstellung haben wir aber nichts über das Ich selbst lernen können. Aber eines zeigt sich jetzt: Nichts von äußeren Eindrücken kann uns zur Ich-Vorstellung bringen. Mit andern Worten: Die Ich-Vorstellung stammt nicht aus der physischen Welt. Da sie also nicht aus der physischen Welt stammt, sonst aber ganz den Charakter hat wie Vorstellungen, die aus der physischen Welt stammen, und da doch das Urteilen in der Seele, das eben zu den elementaren Inhalten des Seelenlebens gehört, auf das Ich angewendet wird, so muß das Ich von woanders her in das Seelenleben hereinkommen. Das heißt, wir haben damit zur Evidenz gezeigt, daß geradeso wie die Vorstellung «Rot» von der äußeren Welt in die Seele hereinkommt und vom Ich durch das Urteil umspannt wird, so von der andern Seite her etwas in die Seele hereinkommt, das vom Urteil umspannt wird. Nehmen wir den Eindruck «Rot» und umspannen ihn mit einem Urteil, so haben wir «Rot ist». Nehmen wir in ähnlicher Weise das Ich und sagen «Ich ist», so nehmen wir einen Eindruck aus derjenigen Außenwelt, die wir die geistige Welt nennen, auf und umspannen ihn mit einem Urteil. «Rot» als solches entspricht den Daseinsformen der physischen Welt. «Rot ist» ist ein Urteil und kann nur innerhalb des Seelenlebens zustande kommen. «Ich» ist eine Tatsache, wie «Rot» eine Tatsache ist, und es kann nur in das Seelenleben eintreten, das heißt, von einem Urteil umspannt werden, wenn das Urteil von der andern Seite der Seele entgegenkommt und das Ich umspannt mit dem Urteil und sagt «Ich bin» oder «Ich ist». «Ich ist» ist nur die Umkehrung des «Ich bin» nach der andern Seite. Der Sprachgenius ist eben sehr gescheit und drückt die Dinge sehr prägnant aus.

[ 33 ] Wenn ich nun die vierte Richtung zeichne, von unten nach oben, so würde ich die dem Ich entgegengesetzt laufende Richtung als die Richtung der physischen Welt bezeichnen müssen [siehe Zeichnung I-K]. Darin hätten wir das, was dem physischen Leib entspricht.

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[ 34 ] Die Eindrücke der physischen Welt gehen also, graphisch dargestellt, von unten nach oben und offenbaren sich in der Seele als Sinneseindrücke. Auf der einen Seite sind entgegengesetzt das Ich und seine physisch-leiblichen Sinnesorgane, auf der andern Seite stehen sich entgegen die Strömung des Ätherleibes und die des Astralleibes. Wenn nun das Ich aufstößt an das, was der physische Leib ist, wenn es gerade hinströmt gegen sein Auge, gegen sein Ohr, so bekommt es die Eindrücke der physischen Welt. Die werden in der Seele weitergebracht dadurch, daß die Seele ein Bewußtsein hat durch das Gegenströmen von astralischer und ätherischer Welt. Und aus dem ganzen Bilde können Sie sich klarmachen, daß man verhältnismäßig eine gute graphische Darstellung bekommt von dem Verhältnis der verschieden zusammen wirkenden Welten in der menschlichen Seele, wenn man sich sagt: Auf der einen Seite ist entgegengesetzt Ich und der physische Leib mit seinen Sinnesorganen; die stehen sich direkt gegenüber. Dann stehen sich direkt gegenüber, indem sie gleichsam zu den beiden andern Strömungen einen rechten Winkel bilden, Ätherleib und Astralleib.

[ 35 ] Nun kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß sich Ihnen unzählige Rätsel der Seele lösen werden, wenn Sie dieses Schema zugrunde legen. Sie werden dann schon begreifen, daß in diesem Kreuz, das von einem Kreis durchzogen ist, ein sehr gutes Schema des Seelenlebens gegeben ist, wie es angrenzt an das Geistige nach oben, an das Physische nach unten, an das Ätherische nach links und an das Astralische nach rechts. Nur müssen Sie sich dabei zu der Vorstellung aufschwingen, daß der Strom der Zeit nicht nur etwas ruhig DahinflieRendes ist, sondern daß ihm etwas entgegenkommt, daß aber das IchLeben und das Sinnesleben nur begriffen werden können, wenn sie wieder im rechten Winkel auf die Zeitströmung auftretend verstanden werden. Wenn Sie dies ins Auge fassen, werden Sie wohl verstehen, daß in unserer Seele wirklich recht verschiedene Kräfte sich treffen. Unsere Seele ist gewissermaßen der Schauplatz, auf dem sich Kräfte treffen der verschiedensten Richtungen.

[ 36 ] Nehmen wir einmal an - da ja diese Kräfte gerade bei der Mannigfaltigkeit der Menschen sich auch in der mannigfaltigsten Weise geltend machen werden -, bei einem Menschen sei das urteilende Ich vorherrschend. Dann wird es seiner Seele außerordentlich schwer sein, die abstrakten Begriffe so vollsaftig zu machen, daß sie unmittelbar die Gefühle ansprechen. Daher werden wir erwarten können, daß bei einem Menschen, dessen Hauptgeschäft das Urteilen ist, sich nicht so leicht aus dem, was in seinen Worten liegt, Vollsaftiges ergeben wird, was zu unserem Gefühlsleben spricht. Ein Mensch dagegen, dessen Seelenleben so veranlagt ist, daß schon in seinen Anlagen reiches astralisches Leben fließt, reiche Interessen fließen, die entgegenströmen dem fortlaufenden Strom des physischen Lebens, der wird hereinbringen in das Leben die Anlagen für vollsaftige Begriffe. Der wird sozusagen nicht als ein Gedankenmensch auf den physischen Plan treten, sondern so, daß er zeigt, wie leicht es ihm wird, was er innerlich erlebt, in solche Worte zu kleiden, die zu unserem Interesse sprechen. Und da nun der Mensch in verschiedenen Inkarnationen lebt und sich mitbringt in seinen Anlagen die Disposition für den einen oder den andern Strom, so müssen Sie sich denken in die Goethe-Seele hereingebracht die Disposition für den aus der Zukunft entgegenkommenden Strom. Und wenn er sich dem überläßt, dann bringt er von vornherein die in der Zukunft liegenden Ideen als vollsaftige Begriffe in das Leben. Wenn er aber einmal dieses Element, was sein eigenes Leben ist, in Kampf treten läßt mit dem, was da unter der Schwelle des Bewußtseins die in seinem Ätherleib fortschwebenden Vorstellungen sind, kurz, was er aufgenommen hat aus der Umgebung, dann kommt etwas heraus, was nicht zusammenstimmt, so wie die beiden Dinge, welche wir als die nichtsnutzigen in dem Gedicht vom «Ewigen Juden» bezeichnet haben, und diejenigen, die wir davon herausgehoben haben. Und bei einem Menschen wie Hegel, der sich die Urteilsdisposition mitgebracht hat, ist es so, daß er ringt mit alledem, was jener Strom ihm entgegenströmen läßt, der von der Zukunft in die Vergangenheit fließt. In der Tat ist es so, daß sich der Mensch mit seinem Ich fortwährend so stellt, daß der fortlaufende Strom von der Vergangenheit in die Zukunft in jeder Gegenwart zugedeckt ist. Das Ich deckt ihn zu, und es läßt sich entgegenkommen den Strom des Begehrungsvermögens. Es sieht in die unendliche Zukunft hinein wie in einen Spiegel, der keinen Belag hat. Und in dem Augenblick, wo der Spiegel den Belag bekommt, werden die vergangenen Dinge sichtbar.

[ 37 ] Ich konnte nur einiges in diesen Vorträgen aus dem unendlich reichen Gebiet der Psychosophie Ihnen vor die Seele stellen. Sie werden aber aus dem Gesagten, wenn Sie die Dinge wirken lassen, mancherlei Schlüsse ziehen können. Besonders wird Ihnen manches aufgehen, wenn Sie sich klarmachen, daß der von der Vergangenheit in die Zukunft fortlaufende Strom im Seelenleben, der Ätherleib, die unbewußten Vorstellungen enthält, die da sind, auch wenn sie nicht ins Bewußtsein hereintreten. Wenn Sie aber aus der Geisteswissenschaft wissen, daß der Ätherleib der Architekt des physischen Leibes ist, dann werden Sie sich sagen können: Wenn die Vorstellungen auch nicht im Bewußtsein sind, vorhanden sind sie doch; der Ätherleib trägt sie. Und solche im Ätherleib vorhandenen Vorstellungen können - gerade wenn sie nicht bewußt sind - eine rege Tätigkeit nach der andern Seite entwickeln. Und wer Leibes- und Seelenkenner ist, der weiß, wie unendlich zerstörend Vorstellungen sein können, die das Bewußtsein nicht herauflocken kann aus dem unbewußten Seelenleben, und die dennoch in dem unbewußten Seelenleben fortschwimmen mit dem ätherischen Strom. Sie entwickeln dann alle Kräfte in die Leiblichkeit hinein.

[ 38 ] Es gibt eine diesbezügliche Tatsache im Leben. Denken Sie, der Mensch habe im zehnten bis zwölften Jahre seines Lebens etwas erfahren oder erlebt, was ganz und gar von ihm vergessen worden ist. Es kann nicht ins Bewußtsein heraufgerufen werden. Es wirkt aber doch im Ätherleibe weiter und kann ihn krank machen. Da unten in der Unbewußtheit wirken gar manche Vorstellungen, die wirklich als Vorstellungen Krankheitsursachen sind. Wer das weiß, der weiß aber auch, daß es in einer gewissen Weise eine Hilfe dafür gibt. Sie besteht darin, daß man diesen Vorstellungen ihre Kräfte nimmt, das heißt, daß man sie nach andern Richtungen hinleitet, indem man versucht, dem betreffenden Menschen, der selbst dazu nicht stark genug ist, Anhaltspunkte zu geben, daß seine Vorstellungen ihm ins Bewußtsein hinaufkommen können. Damit hat man recht viel bewirkt. Wenn man jemandem bei Vorstellungen, denen gegenüber er machtlos ist und die im Ätherleibe weiterwirken, dazu verhilft, daß sie ins Bewußtsein heraufkommen, so wirkt man ungeheuer gesundend im Leben.

[ 39 ] Vielleicht sagen jetzt einige von Ihnen: Das versucht man auch schon! Es gibt sogar schon eine Schule, die Freudsche Psychiaterschule, die sich damit befaßt, Vorstellungen von dem früher Getanen und Erlebten heraufzurufen in das Bewußtsein. Aber:ich kann diese Schule nicht auffassen als irgend etwas, was mit dem zusammenhängt, was ich jetzt gesagt habe, weil diese Schule gerade dort dieses Mittel versucht, wo es nicht wirksam ist: nämlich gerade für die Vorstellungsmassen des sexuellen Lebens gilt es nicht. Bei allem übrigen gilt es. Und gerade mit Vorliebe wird dieses Mittel auf die Vorstellungen des sexuellen Lebens ausgedehnt. Aber da fruchtet es nicht. Und das muß ins Auge gefaßt werden. Also es handelt sich nicht darum, daß man unter dem Einfluß der materialistischen Vorstellungen hintappt auf etwas, worauf die Tatsachen schon stoßen, sondern daß man die Tatsachen ganz genau kennt.

[ 40 ] So werden Sie vielleicht außer den einzelnen Bemerkungen, die Sie mit nach Hause tragen können, noch eines gewonnen haben. Wenn man gewissenhaft und mit Urteilskraft zu Werke geht in der Beobachtung des gewöhnlichen Lebens auf dem physischen Plan, so bietet sich durch solche Beobachtung überall das, was man Belege nennen kann für die Geisteswissenschaft. Und Sie werden gerade durch solche Vorträge eine gewisse Sicherheit gewinnen können für das, was Ihnen an Mitteilungen, die auf hellseherischer Forschung beruhen, zukommen kann. Hellseherische Forschung sucht allerdings nicht durch solche Dinge im physischen Leben die Tatsachen auf. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß der Hellseher selbst oft überrascht ist, wenn er, nachdem er etwas auf dem hellseherischen Wege gefunden hat, daran geht, die Dinge im physischen Leben zu prüfen und dann eine wunderbare Harmonie findet. Umgekehrt würde vielleicht der Weg nicht gelungen sein. Wenn man versucht, bloß auf dem physischen Plan zu bleiben, gruppiert man die Dinge falsch; da bekommt man gar nicht die richtigen Gruppierungen heraus und schlägt fortwährend den Tatsachen ins Gesicht.

[ 41 ] Also das Grundgefühl, das Sie haben gewinnen können, und das sein kann eine gewisse Sicherheit auch gegenüber den geisteswissenschaftlichen Forschungen, das ist etwas, was Sie mitnehmen können auch als Sicherheit für die psychosophische Forschung. Daher bemühe ich mich auch, Ihnen da, wo ich Ihnen erzähle aus höheren Welten, ab und zu mit Nüchternheit, mit Trockenheit zu kommen, entsprechend einer streng wissenschaftlichen Betrachtung des physischen Planes. Das entspricht der Pflicht: zu beobachten, daß der Mensch auf den physischen Plan gestellt ist, damit er den physischen Plan verstehen lernt. Unsere Zeit hat ein Zweifaches notwendig. Das eine ist, wirklich in entsagungsvollem Denken den physischen Plan zu studieren, auf den wir nicht umsonst durch die großen Weltgesetze gestellt sind. Auf der andern Seite sind wir heute schon in jenem Stadium, wo wir nicht mehr mit den gewöhnlichen Mitteln den physischen Plan bewältigen können, wenn uns nicht die okkulte Forschung zu Hilfe kommt. Mag heute noch so viel Scharfsinn aufgewendet werden von der gewöhnlichen Wissenschaft auf die Dinge: sie wird notwendig irren, wenn sie nicht zum Führer hat die okkulte Wissenschaft, die ihr die Richtung geben kann. Nachdem die Menschheit an der Wende des 15., 16., 17. Jahrhunderts an einem Punkt gestanden hat, wo die physische Forschung im heutigen Sinne geboren worden ist und daher das Hauptaugenmerk darauf gewendet werden konnte, sind wir heute schon wieder so weit, daß neben diese physische Forschung jetzt eine andere, die okkulte Forschung treten muß, die der physischen Forschung die Richtlinien geben kann. Damit aber, daß er dies nicht nur weiß, sondern es in seine Pflichten aufnimmt, erfüllt der Okkultist etwas, was unsere Zeit als ein Zweifaches in sich aufnehmen muß: ein Gefühl dafür, daß wir fest stehen sollen auf dem physischen Plan, nicht davor zurückscheuen, uns auch in entsagungsvoller Weise dem Denken hinzugeben, und gerade die physischen Tatsachen erfordern ein entsagungsvolles Denken. Ein Gefühl dafür hervorrufen sollen diese Vorträge, wo ich Ihnen mit Nüchternheit komme. Und ganz gewiß wird andererseits derjenige, der den Gedanken aufnimmt des Hereinspielens des astralischen Stromes von der Zukunft her, ungeheuer viel für das Leben gewinnen können.

[ 42 ] Ich muß gestehen - ich könnte es Ihnen fast ad oculos beweisen, daß es so ist; ich habe die entsprechende Tatsache an einem andern Orte einmal erwähnt -, unter allen Psychologen der Gegenwart, die, ohne von Okkultismus etwas wissen zu wollen, mit einer feinen Schulung an die Seelenphänomene herangegangen sind und daher, wenn auch in schiefer Weise, für die allerelementarsten Dinge das Richtige auch gefühlt haben, von diesen ist eigentlich nur zu nennen der Name Franz Brentano. Franz Brentano hat sich an die psychologischen Probleme herangemacht in den sechziger, siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Und obwohl eigentlich das, was in seiner Psychologie steht, ein scholastisches Spintisieren ist, so lebt doch darin etwas, was einem so vorkommt wie die ersten kindlichen Schritte, die wir jetzt weitergehen sollen. So ist zum Beispiel die Lehre vom Begehren und vom Fühlen und auch was er über das Urteilen sagt, schief; aber die Tendenz ist eine solche, die merkwürdig richtige Linien hätte nehmen können, wenn nicht eine absolute Ignoranz in bezug auf alle okkulten Einschläge dagewesen wäre. Da ist sozusagen der fähigste Psychologe auf den physischen Plan getreten. Er hat auch den ersten Band seiner «Psychologie» erscheinen lassen im Frühjahr 1874, mit dem Versprechen, daß im Herbst der zweite Band folgen werde. Aber dieser zweite Band ist bis heute noch nicht erschienen. Es gibt nur den ersten Band. Warum ist das? In den psychosophischen Vorträgen können Sie sich die Antwort suchen: Franz Brentano mußte steckenbleiben, konnte überhaupt nicht weiter. Er hat in einer ganz netten Weise abgegrenzt, was die nächsten Abschnitte hätten bringen sollen. Er hat sogar einen . Ausblick geben wollen von dem Ich aus auf das Geistesleben und von da in die Unsterblichkeit. Das ist alles abgesteckt. Aber er ist steckengeblieben! Denn es hätte ausgeführt werden müssen, indem von der andern Seite eingezogen wäre der Strom des okkulten Forschens, so daß beobachtet worden wäre der Strom der Seelenphänomene von der Seite der okkulten Forschung aus.

[ 43 ] Da haben Sie den Tatsachenbeweis: Franz Brentano lebte als ein Kind unserer Zeit. Er fing an, die Tatsachen zu gruppieren, die Sie auf dem physischen Plan finden. Aber er blieb stecken, konnte nicht weiter. Er lebt heute als ein alter Herr in Florenz. So wird alles in unserer Zeit steckenbleiben müssen, wenn es auf die Wirklichkeit losgehen will. Selbstverständlich kann man Psychologien schreiben, wie zum Beispiel Lipps und Wundt; aber das sind alles vorgefaßte Begriffe und keine Vorgänge, welche im Seelenleben wirklich geschehen, sondern die nur existieren in den vorgefaßten Meinungen der betreffenden Autoren. Gerade da, wo sie auf das psychologische Gebiet gehen, da dreschen sie - es ist nicht so böse gemeint, es soll nur deutlich ausgedrückt sein - nur leeres Stroh, selbst in der Völkerpsychologie oder Sprachenpsychologie. Und so würden alle Wissenschaften steckenbleiben, wenn nicht das, was von der andern Seite kommt, ihnen entgegenkommt.

[ 44 ] Fassen Sie daher von dieser Seite das Gefühl auf, daß Sie sich durch Ihre eigenen Interessen hineingestellt haben in eine Bewegung, wo zu verstehen gesucht wird, was so recht die Mission der Zeit ist, und daß Ihr Vertrauen, Ihr Wissen und Glauben wachsen kann, wenn Sie dies so als eine karmische Tatsache auffassen, daß Sie sich sagen: Mein Karma hat mich dazugeführt, teilzunehmen an einem Kreuzungspunkt einer Zeitenströmung, und ich muß gerade aus dieser Erkenntnis Mut, Kraft und Zuversicht gewinnen, um energisch mitzuarbeiten auf diesem Gebiet! Und fruchtbar muß diese Arbeit sein, weil sie von der Notwendigkeit des Menschheitsfortschrittes gefördert wird. Und wenn ich selber mitwirken kann, so werde ich selbst Gelegenheit nehmen, eine so selbstlose Arbeit jetzt oder in einem späteren Leben in der Zukunft zu wirken, welche der Weiterentwickelung der ganzen Menschheit dienen kann. — Und damit kommen wir zu dem größten Ideal, das derjenige fühlen kann, der an den Geist glaubt. Dieses Ideal fassen Sie nicht bloß als ein abstraktes Ideal auf, sondern gewinnen Sie es durch das immer wieder stetige Zurückkehren zu unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit, wozu ja in unseren Versammlungen hinreichend Gelegenheit geboten ist. Und versuchen Sie mitzunehmen das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu dieser Arbeit. Habe ich etwas dazu getan, was dieses Gefühl Ihnen in die Seele geben kann, dann habe ich Ihnen den Gruß mitgegeben in die Heimat, denen, die sich jetzt an die einzelnen Orte ihrer Heimat zerstreuen. Nehmen Sie diesen Gruß mit als einen Ausfluß der Kraft des Zusammenhaltes, der bestehen soll zwischen allen Gliedern unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung. Fühlen Sie dies, auch wenn wir nicht räumlich zusammen sind, und versuchen Sie aus unserem räumlichen Zusammensein, wenn wir uns wieder in die Welt zerstreuen, Mut, Zuversicht und Energie zu schöpfen, so wie sie jetzt charakterisiert worden sind.