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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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The Gospel of John
and the Three Other Gospels
GA 117a

11 January 1910, Stockholm

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Siebter Vortrag

Seventh Lecture

[ 1 ] Ein gemeinsamer Zug aller Religionen der Vorzeit ist der Gedanke, dass ein Mensch, wenn er im Leben harmonisch wirken will, erst einen gewissen Kampf in seinem Inneren ausfechten muss. Wenn er dies nicht tun will, das heißt diesen inneren Kampf ausfechten, dann spiegelt sich das als Disharmonie und Streit in der äußeren Welt. [Diese Idee spielt sich ab in der niederen Erkenntnis. Die Erkenntniskraft sagt uns:] Wenn das individuelle menschliche Ich sich entwickeln können soll, muss der Mensch Herr über Begierden und Leidenschaften in seinem Astralleib werden. Den Kampf, der einmal zwischen dem Ich und der niederen Natur entstehen muss, muss der Mensch in seinem Inneren zu Ende führen, sonst kommt er in Streit mit der äußeren Welt. Symbolisch wird das von den alten Hebräern in der Geschichte von Kains Brudermord dargestellt. [Sehet, was der Mensch erlangt, wenn er mit seinem guten Gliede nicht ertötet die bösen Leidenschaften, den Bruder in seiner Seele. Dieser Kampf — das, was uns geschildert wird in Kain und Abel — muss sich in der Seele abspielen, sonst lebt er sich nach außen aus. Das war die eine Mahnung. Die andere bezog sich auf die tiefere Erkenntnis, die wir die okkulte hellseherische nennen. ]

[ 1 ] A common feature of all ancient religions is the idea that if a person wishes to act harmoniously in life, they must first wage a certain inner struggle. If they are unwilling to do so—that is, to wage this inner struggle—it is reflected as disharmony and conflict in the outer world. [This idea plays out in lower consciousness. The power of insight tells us:] If the individual human ego is to develop, a person must become master of the desires and passions in their astral body. The struggle that must eventually arise between the ego and the lower nature must be brought to a conclusion within the person; otherwise, they will come into conflict with the outer world. This is symbolically depicted by the ancient Hebrews in the story of Cain’s fratricide. [Behold what a person achieves when, with his good nature, he does not slay the evil passions—the brother within his soul. This struggle—what is portrayed to us in Cain and Abel—must take place within the soul; otherwise, it will play out externally. That was one warning. The other referred to the deeper insight we call occult clairvoyance.]

[ 2 ] Denn in den religiösen Urkunden verbergen sich oft tiefe Symbole in beschriebenen Ereignissen. Alles, was auf dem physischen Plan hervortritt, ist immer zuerst auf dem Astralplan Wirklichkeit gewesen. Dieselben Gedanken, die wir in der Erzählung von Kain finden, finden wir bei einem anderen Volk wieder, in anderer Form, auf die tiefere Erkenntnis aufgebaut, die das Hellsehen den anderen Völkern des Orients gab. Damit ein Mensch als Eingeweihter in einer bestimmten Richtung in der Welt wirken können soll, muss er erst durch die Einweihung zur Harmonie kommen. Und damit sind wir zu einem sehr wichtigen Kapitel in den Initiationsmythen der alten Religionen gekommen.

[ 2 ] For religious texts often conceal profound symbols within the events they describe. Everything that emerges on the physical plane has always first been a reality on the astral plane. The same ideas we find in the story of Cain are found again among another people, in a different form, built upon the deeper insight that clairvoyance gave to the other peoples of the Orient. In order for a person, as an initiate, to be able to work in a specific direction in the world, they must first attain harmony through initiation. And with that, we have arrived at a very important chapter in the initiation myths of the ancient religions.

[ 3 ] Wir wissen, dass der Mensch aus vier Leibern besteht, aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich, welche sich im Laufe der Evolution allmählich entwickelt haben. In der lemurischen Zeit, in der nur der physische und der Ätherleib sich entwickelt hatten, gab es schon die Anlage zu dem Ichleib, obwohl dieser erst nach dem Ende der atlantischen Periode beim Menschen hervortreten sollte. Zu dieser Zeit entstand ein naher Zusammenhang zwischen dem Ich und dem physischen Leib einerseits und zwischen Astralleib und Ätherleib andererseits.

[ 3 ] We know that human beings consist of four bodies: the physical body, the etheric body, the astral body, and the I, which have gradually developed over the course of evolution. In the Lemurian epoch, when only the physical and etheric bodies had developed, the rudiments of the ego body were already present, although this was not to emerge in human beings until after the end of the Atlantean period. At that time, a close connection arose between the ego and the physical body on the one hand, and between the astral body and the etheric body on the other.

[ 4 ] Der physische Leib ist aus dem Geiste des Kosmos entsprungen; gleichsam wie Eis kondensiertes Wasser ist, so ist der physische Leib zusammengepresster Geist. Wollen wir den Ursprung des Menschen finden und den physischen Leib verstehen, müssen wir den Geist im Kosmos suchen.

[ 4 ] The physical body has sprung from the spirit of the cosmos; just as ice is condensed water, so the physical body is compressed spirit. If we wish to discover the origin of humanity and understand the physical body, we must seek the spirit within the cosmos.

[ 5 ] In dem physischen Leibe ist das Vaterprinzip des Kosmos kristallisiert. Aufgrund dieser Tatsache erbt der Mensch alles, was im Zusammenhang mit dem physischen Leibe steht, vom Vater her, von den Großeltern väterlicherseits.

[ 5 ] The father principle of the cosmos is crystallized in the physical body. Because of this, humans inherit everything related to the physical body from their father, from their paternal grandparents.

[ 6 ] Das Ich ist nahe verbunden mit dem physischen Leib, daher [erbt] der Mensch seine ganze Struktur vonseiten des Vaters. Das Ich ist nämlich abhängig von bestimmten Eigenschaften des physischen Leibes und wird in seiner Wirksamkeit gehemmt, wenn die physischen Anlagen schwach sind. Nur durch den physischen Leib kann sich das Ich hier [auf der Erde] zum Ausdruck bringen.

[ 6 ] The ego is closely connected to the physical body; therefore, a person inherits his or her entire constitution from the father. For the ego is dependent on certain characteristics of the physical body and is hindered in its activity when the physical constitution is weak. It is only through the physical body that the ego can express itself here [on Earth].

[ 7 ] Der Ätherleib wiederum ist aus dem Mutterprinzip des Kosmos herauskristallisiert, die Eigenschaften, die damit im Zusammenhang stehen, werden daher mütterlicherseits vererbt, von den Großeltern mütterlicherseits. Dasselbe ist der Fall mit den astralen Fähigkeiten, aufgrund des nahen Zusammenhanges mit dem Ätherleib werden auch diese von der Mutterseite her vererbt.

[ 7 ] The etheric body, in turn, has crystallized from the maternal principle of the cosmos; the characteristics associated with it are therefore inherited through the maternal line, from the maternal grandparents. The same is true of astral abilities; due to their close connection with the etheric body, these too are inherited from the maternal side.

[ 8 ] [Das ist das Geheimnis der Vererbung: Das Gestaltende, Formende kommt vom Mütterlichen, weil das Ätherische sich kristallisiert aus dem Mutterprinzip des Kosmos. Weil das Ich enger verbunden ist mit dem Physischen, erbt die Ich-Struktur der Mensch aus der Vaterlinie; das Astralische dagegen mit dem Ätherischen mehr aus dem Mutterprinzip. Das Ich selbst nun kommt aus vorhergehenden Inkarnationen, aber es ist angewiesen auf die besondere Eigentümlichkeit des physischen Leibes, um sich auszuleben. Wenn unser physischer Leib schwach ist, wird sich zum Beispiel das Ich weniger Mut-voll zeigen.]

[ 8 ] [This is the secret of heredity: the formative, shaping aspect comes from the maternal, because the etheric crystallizes from the cosmic mother principle. Because the ego is more closely connected to the physical, the human ego structure is inherited through the paternal line; the astral aspect, on the other hand, along with the etheric, derives more from the maternal principle. The ego itself comes from previous incarnations, but it depends on the particular characteristics of the physical body to express itself fully. If our physical body is weak, for example, the ego will show less courage.]

[ 9 ] Menschen, die Einblick in die Gesetze der geistigen Welt hatten, haben dieses betont, wenn sie es auch nicht auf dieselbe Weise ausgedrückt haben. So sagt unter anderem Goethe: «Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur, die Lust zum Fabulieren.» Wenn wir diese Regel recht anwenden, werden wir viel verstehen, was uns in Bezug auf das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern begegnet. Künstler und Dichter, deren Eigenschaften ihre Wurzeln im Astralen haben, erben ihre Begabung meistens von der Mutterseite her.

[ 9 ] People who had insight into the laws of the spiritual world have emphasized this, even if they did not express it in exactly the same way. Goethe, for example, says: “From my father I have my stature and a serious approach to life; from my mother, my cheerful nature and a love of storytelling.” If we apply this rule correctly, we will understand much of what we encounter regarding the relationship between children and parents. Artists and poets, whose qualities have their roots in the astral realm, usually inherit their talent from their mother’s side.

[ 10 ] Wenn der Mensch als Eingeweihter in der Welt wirken will, tritt bei ihm ein neues Verhalten ein, eine Veränderung in Bezug auf das Verhältnis der Leiber zueinander tritt ein. Der physische Leib muss vor allem seine Gewalt über den Menschen verlieren. Sei es, dass der Eingeweihte sich zum Seher, zum Magier oder etwas anderem entwickeln will, so muss er in erster Linie mit allen Kräften den physischen Leib in sich bekämpfen, den physischen Leib in sich töten. In der alten Weltanschauung wird das symbolisch ausgedrückt mit den Worten: Ertöte in dir das Vaterprinzip — das heißt den physischen Leib — und vereine dich mit dem Mutterprinzip. Erst, wenn wir das Physische überwunden haben, können wir uns mit dem ätherischen Prinzip vereinen, das heißt mit dem Mutterprinzip. Wenn wir das physische Leben in uns besiegt haben, fangen wir an, mit den Organen des Ätherleibes zu leben, beginnen wir mit geistigen Augen und Ohren zu sehen und zu hören. Der Mensch, der das Vaterprinzip tötet, vereint sich mit dem Mutterprinzip.

[ 10 ] When a person wishes to work in the world as an initiate, a new way of behaving emerges within them; a change occurs in the relationship between the bodies. Above all, the physical body must lose its power over the person. Whether the initiate wishes to develop into a seer, a magician, or something else, he must first and foremost fight the physical body within himself with all his strength, kill the physical body within himself. In the ancient worldview, this is symbolically expressed with the words: Kill the father principle within yourself—that is, the physical body—and unite yourself with the mother principle. Only when we have overcome the physical can we unite with the etheric principle, that is, with the mother principle. When we have conquered the physical life within us, we begin to live with the organs of the etheric body; we begin to see and hear with spiritual eyes and ears. The human being who kills the father principle unites with the mother principle.

[ 11 ] Bei der Einweihung lag in dieser Tatsache eine furchtbare Gefahr, besonders in den Zeiten, in denen man es nicht so genau mit den alten strengen Regeln nahm. Der hellseherische Mensch in der Vorzeit musste wissen, womit er es zu tun hatte. Denn wenn ein unreifer Mensch, dessen Ich nicht entwickelt war oder dessen Astralleib nicht rein war, das Physische überwunden und sich mit dem Mutterprinzip vereint hatte, so wurde sein Geschick in der Welt wahrhaft tragisch. Die Disharmonie, die er in seinem eigenen Inneren bekämpft und überwunden haben sollte, zeigt sich jetzt in der äußeren Welt, wo seine Gedanken wirkliche Bilder werden.

[ 11 ] In the context of initiation, this fact posed a terrible danger, especially in times when the old, strict rules were not strictly observed. The clairvoyant person of antiquity had to know what he was dealing with. For if an immature person, whose ego was undeveloped or whose astral body was impure, had overcome the physical and united with the mother principle, his fate in the world became truly tragic. The disharmony that he should have fought and overcome within himself now manifests in the outer world, where his thoughts become real images.

[ 12 ] An Ödipus haben wir ein Beispiel eines Menschen, der mit nicht so ganz reinen Mitteln astral hellsichtig wurde. Das Astrale war bei ihm verdunkelt, sodass er nicht schauen, nicht zu dem Geistigen vordringen konnte. Das Wort des Orakels, dass er ein Eingeweihter werden sollte, aber dass er erst seinen Vater töten und seine Mutter ehelichen sollte, hatte Ödipus nicht durchschaut, weil er in seinem Inneren nicht rein genug war, er verstand nicht, was mit einem Eingeweihten gemeint war. In seinem Drama hat der Dichter die Erlebnisse im Innern als Ereignisse in der physischen Welt dargestellt.

[ 12 ] In Oedipus, we have an example of a person who attained astral clairvoyance through means that were not entirely pure. His astral body was clouded, so that he could not see or penetrate into the spiritual realm. Oedipus did not understand the oracle’s words—that he was to become an initiate, but that he must first kill his father and marry his mother—because he was not pure enough within; he did not understand what was meant by an initiate. In his drama, the poet has portrayed the inner experiences as events in the physical world.

[ 13 ] Die Folgen einer degenerierten unvollkommenen Einweihung spiegeln sich im Ödipus-Drama ebenso wie in Kains Brudermord. Ödipus beraubt sich selbst des Gesichts — ein Symbol dafür, dass die alte Einweihung sich ihrem Ende naht. Derselbe Gedanke drückt sich symbolisch aus in der Erzählung vom «Blindgeborenem. Durch die alte Einweihung waren die Menschen für die äußere Welt blind geworden, mit der alten Hellseherkunst konnten die Menschen sich nicht mehr zur Geisteswelt erheben. Statt zu Klarheit und Entwicklung führte der alte Weg nunmehr nur zu Dunkel und Verwirrung. In Ödipus, der sich selbst des Augenlichtes beraubte, sehen wir, wie das alte, degenerierte Einweihungsschicksal erfüllt wird.

[ 13 ] The consequences of a degenerate, imperfect initiation are reflected in the Oedipus drama as well as in Cain’s fratricide. Oedipus blinds himself—a symbol that the old initiation is drawing to a close. The same idea is symbolically expressed in the story of the “man born blind.” Through the old initiation, people had become blind to the outer world; with the old art of clairvoyance, people could no longer rise to the spiritual world. Instead of leading to clarity and development, the old path now led only to darkness and confusion. In Oedipus, who deprived himself of his sight, we see how the old, degenerate destiny of initiation is fulfilled.

[ 14 ] Mit Jesus sollte ein neues Licht über der Menschheit aufgehen, und die Einweihung sollte eine neue Form bekommen. Die Menschen waren blind für die physische Welt geworden und für die Kräfte, die dieser zugrunde liegen. Aber die Einweihung sollte eine neue Form bekommen, und ein neues Licht sollte über der Menschheit aufgehen. Mit dem Ich sollte ein neuer Impuls gegeben werden, und dieser Impuls sollte die Augen für das neue Licht öffnen, das in die Welt gekommen war. In Jesus sollte die zurückgehende alte Welt mit der aufsteigenden neuen vereint werden. Wie das alte Dunkel, die alte Geistigkeit vor dem aufgehenden Licht, vor Jesus verschwanden und wie sie an diesem aufsteigenden Licht ihre letzte Tat vollbrachten, wird in den Evangelien nicht erzählt, aber ist immer in den esoterisch-christlichen Einweihungsschulen geschildert worden.

[ 14 ] With Jesus, a new light was to dawn upon humanity, and initiation was to take on a new form. People had become blind to the physical world and to the forces underlying it. But initiation was to take on a new form, and a new light was to dawn upon humanity. With the I, a new impulse was to be given, and this impulse was to open the eyes to the new light that had come into the world. In Jesus, the declining old world was to be united with the rising new one. How the old darkness, the old spirituality, vanished before the rising light, before Jesus, and how they performed their final act in the presence of this rising light, is not recounted in the Gospels, but has always been described in the esoteric Christian schools of initiation.

[ 15 ] [Wie sich in Kains Brudermord der nicht geschlichtete Kampf zwischen Astralleib und Ich auslebt, so im Drama von Laios und Jokaste: die ungeläuterte Initiation.] Diese Legende, in der eine tiefe Wahrheit verborgen liegt, lautet folgendermaßen: Es war einmal in Asien ein Ehepaar, das keine Kinder hatte. Da verkündete ihnen das Orakel, dass sie einen Sohn bekommen würden, aber dass sie gezwungen werden würden, ihn zu begraben, denn er würde seinen Vater töten und seine Mutter ehelichen, nachdem er erst auch seinen Bruder getötet haben würde. Er würde nämlich alle Geistigkeit, die in der Welt war, besitzen, aber in Disharmonie mit allem und allen in der äußeren Welt stehen. Die Eltern wollten natürlich dieses Kind nicht haben, das so viel Unglück über sie und sich selbst bringen würde, aber zufolge ihrer eigenen Schwachheit bekamen sie es doch. Da setzten sie das Kind auf der Insel Skarioth aus, wo die Königin es fand und zu sich nahm, weil sie selbst keine Kinder hatte. Später bekam sie indessen einen Sohn, da fühlte sich das angenommene Kind beiseitegeschoben und tötete seinen Bruder. So musste er fliehen und wurde bei Pilatus aufgenommen. Dort kam er in Streit mit einem Nachbarn, einem alten Mann, tötete diesen und verheiratete sich mit dessen Frau. Später erfuhr er, dass er seinen Vater getötet habe und sich mit seiner Mutter verheiratet habe. Da floh er auch von dort und wurde von ihm aufgenommen, der voller Erbarmen ist, von dem Christus Jesus. Dieser Mann war Judas Iskariot.

[ 15 ] [Just as Cain’s fratricide embodies the unresolved struggle between the astral body and the ego, so does the drama of Laius and Jocasta: the unpurified initiation.] This legend, in which a profound truth lies hidden, goes as follows: Once upon a time in Asia, there was a couple who had no children. Then the oracle announced to them that they would have a son, but that they would be forced to bury him, for he would kill his father and marry his mother after first having killed his brother as well. For he would possess all the spirituality that existed in the world, yet be in disharmony with everything and everyone in the outer world. Naturally, the parents did not want this child, who would bring so much misfortune upon them and himself, but due to their own weakness, they had him anyway. So they abandoned the child on the island of Skarioth, where the queen found him and took him in, since she herself had no children. Later, however, she gave birth to a son, and the adopted child felt cast aside and killed his brother. So he had to flee and was taken in by Pilate. There he got into a quarrel with a neighbor, an old man, killed him, and married his wife. Later he learned that he had killed his father and married his mother. So he fled from there as well and was taken in by the One who is full of mercy, by Christ Jesus. This man was Judas Iscariot.

[ 16 ] Diese Legende ist ein Ausdruck der ganzen alten Weltanschauung; das Vaterprinzip oder das Besiegen des physischen Leibes und die Vereinigung mit dem Mutterprinzip sind in der Vergangenheit eine innere Wirklichkeit gewesen.

[ 16 ] This legend is an expression of the entire ancient worldview; the father principle—or the overcoming of the physical body—and union with the mother principle were once an inner reality.

[ 17 ] Die Seele war dabei gereift, aber je nachdem das Ich sich entwickelte, war das Hellsehen allmählich geschwunden, und Dunkel und Verwirrung im Verhältnis zur äußeren Welt waren an seine Stelle getreten, und dieses Dunkel wirkte mit am Tode des neuen aufgehenden Lichtes. Wie die alte Weltanschauung das neue Licht töten konnte, und wie dieses dennoch im Streite siegen konnte und die äußere Disharmonie in Harmonie verwandeln konnte durch Vergeistigung alles dessen — alles dies wird im Johannes-Evangelium dargestellt.

[ 17 ] The soul had matured in the process, but as the ego developed, clairvoyance gradually faded away, and darkness and confusion regarding the external world took its place; this darkness contributed to the death of the new light that was dawning. How the old worldview was able to kill the new light, and how this light was nevertheless able to prevail in the struggle and transform external disharmony into harmony through the spiritualization of all of it—all of this is depicted in the Gospel of John.

[ 18 ] Dieses Evangelium ist schon in rein äußerlicher, technischer Hinsicht eine wunderbare Komposition. Als wäre es von einem wirklichen Künstler geschrieben, zeigt es in einer einzigen fortlaufenden Steigerung von der Hochzeit zu Kana bis zur Auferweckung des Lazarus, wie die seelischen und geistigen Kräfte Jesu in demselben Maße wuchsen, wie der physische Körper Zoll für Zoll abstarb, und wie das Ersterben des Körpers, das schon bei der Taufe anfing, in intimem Zusammenhang mit den sogenannten Wundern stand, die Jesus vollbrachte. Denn das Besiegen der niederen Natur musste auf dem physischen Plane wie ein Sterben erscheinen. Das war ein symbolischer Ausdruck dafür, dass das Vaterprinzip, das physische Leben, überwunden war.

[ 18 ] Even from a purely external, technical standpoint, this Gospel is a marvelous composition. As if written by a true artist, it demonstrates, in a single, continuous crescendo from the wedding at Cana to the raising of Lazarus, how Jesus’s soul and spiritual powers grew in direct proportion to the physical body’s gradual decay, and how the dying of the body, which had already begun at the baptism, was intimately connected with the so-called miracles that Jesus performed. For the overcoming of the lower nature had to appear on the physical plane as a kind of dying. This was a symbolic expression of the fact that the Father principle, physical life, had been overcome.

[ 19 ] Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass der physische Vater Jesu tot war. Die Vereinigung mit dem Mutterprinzip wird symbolisch im Verhältnis zwischen Jesus und seiner Stiefmutter dargestellt, die bei der Taufe Jesu eine neue Geburt erlebte, indem der reine, vergeistigte Äther- und Astralleib seiner eigenen Mutter sich da mit ihr einverleibte. Aus Jesu Worten an sie bei der Hochzeit von Kana geht deutlich hervor, dass er das Band zwischen ihnen fühlte: Was geht hier vor zwischen dir und mir? Wie herrlich fühle ich die mütterlichen Kräfte in mir, wie herrlich verbinden sich meine Kräfte mit deinen, das heißt mit den Kräften der Allmutter! Auf rein geistige Weise macht sich hier das alte Initiationsprinzip geltend. Der physische Körper ist im Absterben. Durch das Seelenband, das ihn mit der Mutter verbindet, verbindet er sich mit den ätherischen Kräften, und so wird der physische [Leib] eine Quelle von heilenden Wirkungen. Dass dieses bei einer Hochzeit geschah, hat auch seine große symbolische Bedeutung.

[ 19 ] This is also suggested by the fact that Jesus’s biological father was dead. The union with the mother principle is symbolically represented in the relationship between Jesus and his stepmother, who experienced a new birth at Jesus’ baptism when the pure, spiritualized etheric and astral bodies of his own mother were incorporated into her there. It is clear from Jesus’ words to her at the wedding at Cana that he felt the bond between them: “What is happening here between you and me? How wonderfully I feel the maternal forces within me, how wonderfully my forces unite with yours—that is, with the forces of the Universal Mother!” Here the ancient principle of initiation asserts itself in a purely spiritual way. The physical body is in the process of dying. Through the soul bond that connects him to his mother, he connects with the etheric forces, and thus the physical [body] becomes a source of healing effects. That this took place at a wedding also has great symbolic significance.

[ 20 ] Das Zeichen, das Jesus in Kana tat, war im Zusammenhang mit dem alten Initiationsprinzip, wenn auch in einer neuen Form. Es war eine direkte Wirkung von Seele zu Seele durch eine auf das Höchste gesteigerte Liebeskraft, die von seiner eigenen Seele auf die anderen überführt wurde und auf sie einwirkte, sodass sogar ihre Geschmacksorgane verändert wurden und das Wasser in ihrem Munde wie Wein schmeckte. Und dies war keine Illusion, sondern das Wasser hatte auf die Gäste denselben Effekt, als wäre es Wein. Der Materialist, der an nichts anderes als an die Materie glaubt, würde vor allem eine chemische Analyse fordern, aber für den geistig entwickelten Menschen wiederum ist die chemische Reaktion bloß Maya und eine Folge nur von überführter geistiger Kraft. Hier war die Frage nicht von bloßer Suggestion, sondern die Wirkung von dem, was getrunken wurde, war in allem gleich der des Weines.

[ 20 ] The miracle Jesus performed at Cana was connected to the ancient principle of initiation, albeit in a new form. It was a direct effect from soul to soul through a power of love heightened to the highest degree, which was transferred from his own soul to the others and acted upon them, so that even their taste buds were altered and the water in their mouths tasted like wine. And this was no illusion; rather, the water had the same effect on the guests as if it were wine. The materialist, who believes in nothing but matter, would first and foremost demand a chemical analysis, but for the spiritually developed person, the chemical reaction is merely Maya and merely a consequence of transmitted spiritual power. Here the question was not one of mere suggestion, but the effect of what was drunk was in every respect the same as that of wine.

[ 21 ] Aber sollte denn Jesus durch dieses Zeichen die Menschen dazu ermuntert haben wollen, den Wein als bloßes Genussmittel zu verwenden? Einige Bibelforscher glauben das und bezeichnen das Verwandeln des Wassers in Wein als symbolisch für Jesu Mission, das geschmacklose, fade Wasser des Alten Testaments in den frischen Wein des Neuen Testaments zu verwandeln. Aber wenn sie diese Stelle deuten, haben sie ein wichtiges Wort nicht verstanden. Als Jesu Mutter ihn darauf aufmerksam macht, dass kein Wein da war, antwortet er: «Meine Stunde ist noch nicht gekommen», das heißt die Stunde, in der Christus eigentlich wirken sollte.

[ 21 ] But did Jesus intend, through this miracle, to encourage people to use wine merely as a beverage for pleasure? Some Bible scholars believe so and describe the turning of water into wine as symbolic of Jesus’ mission to transform the tasteless, insipid water of the Old Testament into the fresh wine of the New Testament. But in interpreting this passage, they have failed to grasp a crucial point. When Jesus’ mother points out to him that there is no wine, he replies, “My hour has not yet come”—that is, the hour when Christ was actually to begin his work.

[ 22 ] Wie alle großen Führer und Vorbilder musste auch der Christus seine Zeit abwarten, eine Übergangszeit müssen die Menschen haben, wenn sie etwas Neues entgegennehmen können sollen. In aller Materie sind geistige Kräfte wirksam, so hat auch der Wein seine Mission zu erfüllen gehabt.

[ 22 ] Like all great leaders and role models, Christ too had to wait for his time; people need a period of transition before they are ready to embrace something new. Spiritual forces are at work in all matter, and so wine, too, had its mission to fulfill.

[ 23 ] Einige Völker trinken niemals Wein, andere wieder benützen ihn als Opfergabe beim Gottesdienst. In den alten Mysterien wurde kein Wein gebraucht, aber von einem bestimmten Zeitpunkt ab wurde er bei den Opfergaben des Dionysoskultes verwendet und dann mit diesem Kultus über die ganze Welt verbreitet.

[ 23 ] Some peoples never drink wine, while others use it as an offering in religious ceremonies. Wine was not used in the ancient mysteries, but from a certain point onward it was incorporated into the offerings of the cult of Dionysus and subsequently spread throughout the world along with that cult.

[ 24 ] In ältesten Zeiten war das Blutsband das Einzige, was die Menschen miteinander vereinte, und dieses war da viel stärker als jetzt. Aber als die Ich-Kraft sich entwickeln sollte, wurde ein physisches Mittel gebraucht, um die Lebensgeister zu lieben und die Menschen, die nicht durch Blutsbande vereint waren, zusammenzuführen. Zu diesem Zweck war der Wein zu gebrauchen, und darin lag seine Mission in der Vergangenheit. Aber auf dem Plan der Maya gibt es nichts, was absolut gut ist, alles hat nur eine Aufgabe zu erfüllen, entweder auf dem physischen oder dem psychischen Gebiet. Was einmal für die Entwicklung notwendig war und da ein Gutes war, wird schädlich, wenn diese Zeit vorbei ist und es nicht länger gebraucht wird. Zur Zeit Jesu war diese Mission des Weines erfüllt. Das Ich war entwickelt, und durch den Gebrauch des Weines war das alte Hellsehen allmählich unmöglich gemacht worden. Jesu Zeichen in Kana drückt diese Wahrheit symbolisch aus. Aber diese Mission des Weines, die Menschen zusammenzuführen und die Lebensgeister zu erhöhen, sodass der physische Leib ein Instrument für geistige Kräfte wird, sollte hernach durch rein geistige Mittel ausgeführt werden. Jesus trinkt selbst Wasser und gibt auch den Gästen Wasser, aber verleiht diesem eine solche Kraft, dass es auf sie wie Wein wirkt. Damit war dem alten Dionysoskult eine neue Form, eine neue Kraft gegeben. Das Zeichen in Kana weist auch auf kommende Zeiten hin. In unseren Tagen ist der Gebrauch von Wein schädlich. Wenn wir auf diese Weise den Dionysoskult betrachten, finden wir auch da den tiefen Inhalt der Evangelien. Denn die Evangelien sprechen nicht nur zu den Naiven und Unwissenden, sondern auch zu dem hochentwickelten Menschen.

[ 24 ] In ancient times, the bond of blood was the only thing that united people, and this bond was much stronger then than it is now. But when the power of the self was to develop, a physical means was needed to nurture the life spirits and bring together people who were not united by blood ties. Wine was to be used for this purpose, and therein lay its mission in the past. But in the plan of Maya, there is nothing that is absolutely good; everything has only one task to fulfill, either in the physical or the psychic realm. What was once necessary for development and was therefore a good thing becomes harmful when that time is over and it is no longer needed. By the time of Jesus, this mission of wine had been fulfilled. The ego had developed, and through the use of wine, the old clairvoyance had gradually been rendered impossible. Jesus’ miracle at Cana symbolically expresses this truth. But this mission of wine—to bring people together and elevate the life spirits so that the physical body becomes an instrument for spiritual powers—was henceforth to be carried out through purely spiritual means. Jesus himself drinks water and also gives water to the guests, but imbues it with such power that it acts upon them like wine. Thus, the old Dionysian cult was given a new form, a new power. The miracle at Cana also points to times to come. In our day, the use of wine is harmful. When we view the Dionysian cult in this way, we find there, too, the profound meaning of the Gospels. For the Gospels speak not only to the naive and the ignorant, but also to the highly developed human being.

[ 25 ] Je tiefer man in sie eindringt, desto mehr wird man dort finden, und noch kommende Generationen werden in ihnen eine nie versiegende Quelle der Erkenntnis und Entwicklung finden. Und je tiefer die Menschen in die geistige Welt eindringen, desto besser werden sie diese Urkunden verstehen, die aus der Welt der Engel zu uns herniedergekommen sind. In den sieben Zeichen, die im Anfang des Johannes-Evangeliums berichtet werden, finden wir, wie die Individualität Jesu Schritt für Schritt wächst und sich vergeistigt. Und in dem späteren Teil finden wir eine praktische Anleitung für unsere eigene Entwicklung.

[ 25 ] The deeper one delves into them, the more one will find there, and future generations will find in them an inexhaustible source of knowledge and development. And the deeper people penetrate into the spiritual world, the better they will understand these documents that have come down to us from the world of the angels. In the seven signs recounted at the beginning of the Gospel of John, we see how the individuality of Jesus grows and becomes spiritualized step by step. And in the later part, we find practical guidance for our own development.