The Deeper Mysteries of Human Development
in the Light of the Gospels
GA 119
23 March 1910, Vienna
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Macrocosm and Microcosm, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Mit dem gestrigen Vortrage — das möchte ich bemerken, damit kein Mißverständnis entsteht — sollte nichts nach irgendeiner Richtung hin jetzt schon bewiesen werden, sondern es sollte am Schlusse nur darauf hingedeutet werden, daß aus gewissen Wahrnehmungen heraus die Geistesforscher der verflossenen Zeiten sich veranlaßt gesehen haben, mit gleichwertigen Namen gewisse Vorgänge und Dinge des Himmelsraumes oder unseres Planetensystems zu bezeichnen und mit denselben Namen andere Vorgänge in unserem eigenen täglichen und nächtlichen Erleben. Es war also der Vortrag mehr darauf berechnet, sozusagen Begriffe herbeizuschaffen, wie wir sie brauchen werden für unsere nächsten Darstellungen. Überhaupt müssen die Vorträge, die in diesem Zyklus gehalten werden, als ein Ganzes angesehen werden, und die ersten Vorträge sind in weitestem Umfange eigentlich dazu bestimmt, erst die Ideen und Begriffe herbeizutragen für die Erkenntnisse der geistigen Welten, die dann in den folgenden Vorträgen mitgeteilt werden sollen. Auch heute werden wir in gewisser Beziehung noch an Naheliegendes anknüpfen, um allmählich aufzusteigen zu fernerliegenden geistigen Gebieten.
[ 1 ] Regarding yesterday’s lecture—I would like to note this so that there is no misunderstanding — was not intended to prove anything in any particular direction at this stage, but rather to suggest at the end that, based on certain perceptions, the spiritual researchers of bygone times felt compelled to use equivalent names to designate certain processes and phenomena in outer space or our planetary system, and to use the same names for other processes in our own daily and nocturnal experiences. The lecture was thus intended, so to speak, to introduce the concepts we will need for our subsequent presentations. In general, the lectures given in this series must be viewed as a whole, and the first lectures are, to the greatest extent, actually intended to first introduce the ideas and concepts necessary for the insights into the spiritual worlds that will then be communicated in the following lectures. Today, too, we will in a certain sense still build upon the familiar in order to gradually ascend to more distant spiritual realms.
[ 2 ] Wir haben in den ersten Vorträgen dieses Zyklus gesehen und konnten darüber auch schon einiges aus den beiden öffentlichen Vorträgen entnehmen, daß der Mensch in bezug auf seine innere Wesenheit, also in bezug auf dasjenige, was wir auseinandergelegt haben in das eigentliche Ich und den astralischen Leib des Menschen, in seinem Schlafzustand lebt in einer geistigen Welt und beim Aufwachen zurückkehrt in dasjenige, was während des Schlafzustandes im Bett liegenbleibt, in seinen physischen Leib und in seinen Äther- oder Lebensleib. Nun wird sich ja jedem, der das Leben betrachtet, bald zeigen, daß bei diesem Übergang aus dem schlafenden in den wachenden Zustand eigentlich eine vollständige Änderung des Erlebens eintritt. Dasjenige, was wir erleben im wachenden Zustande, ist ja durchaus nicht eine Anschauung oder eine Erkenntnis, die wir gewinnen von den beiden Gliedern der menschlichen Natur, in die wir beim Aufwachen untertauchen. Wir tauchen unter in unseren Äther- oder Lebensleib und in unseren physischen Leib, aber wir lernen sie während des Wachzustandes durchaus nicht so kennen, daß wir sie etwa von innen aus anschauen. Was weiß denn der Mensch im gewöhnlichen Leben davon, wie sein Äther- oder Lebensleib und sein physischer Leib von innen betrachtet aussehen. Das ist ja gerade das Wesentliche bei den Erlebnissen des Wachzustandes, daß wir unsere eigene Wesenheit, so wie sie in der physischen Welt drinnensteht, von außen betrachten und nicht von innen. Wir sehen unseren eigenen physischen Leib mit denselben Augen von außen an, mit denen wir die übrige physische Welt ansehen. Wir betrachten unser eigenes Wesen während des Wachzustandes niemals von innen, sondern immer nur von außen. Wir lernen uns also selber als Menschen im Grunde genommen nur von außen kennen, durch Anschauung, als ein Wesen der Sinneswelt. Wenn wir den Zustand genau ins Auge fassen, der sich als Übergangszustand vom Schlafen zum Wachen charakterisieren läßt, so müssen wir sagen: Wie wäre es denn, wenn wir nun wirklich beim Untertauchen in den Äther- oder Lebensleib und in den physischen Leib uns von innen betrachten würden? — Wir müßten dann etwas ganz anderes sehen. Was wir dann sehen würden, das würden die intimen Erlebnisse sein, die der Mystiker sucht und auf die wir schon ein wenig hingedeutet haben. Der Mystiker sucht die Aufmerksamkeit von der äußeren Welt abzulenken, sucht zum Schweigen zu bringen alles dasjenige, was auf sein Auge eindringt, sucht wirklich hinunterzusteigen in sein inneres Wesen. Aber wenn wir von diesen Erlebnissen des Mystikers zunächst absehen, so können wir sagen: Wir sind im Leben davor behütet, in dieses unser Inneres hineinzusehen, denn in demselben Moment, wo wir aufwachen, wird unser Blick abgelenkt auf die äußere Welt. — So daß also das Aufwachen so beschrieben werden kann, daß man sagt: Statt daß wir uns von innen anschauen, wird im Moment des Aufwachens unser Blick abgelenkt auf die äußere Welt, auf den Sinnenteppich um uns herum, und unser eigener physischer Leib gehört ja zu diesem äußeren Sinnenteppich, wenn wir ihn im Wachen betrachten. — Es entgeht uns also im wachenden Zustande die Möglichkeit, uns selber von innen aus zu betrachten. Es ist, wie wenn wir durch einen Strom geführt würden: Wenn wir schlafen, sind wir diesseits des Stromes, wenn wir aufgewacht sind, sind wir jenseits des Stromes. Würden wir diesseits des Stromes etwas wahrnehmen können, dann würden wir, wie wir später sehen werden, unseren astralischen Leib und unser Ich wahrnehmen. Aber wir sind davor behütet, dieses unser Inneres im Schlafzustand wahrzunehmen, denn wenn wir einschlafen, erlischt die Möglichkeit des Wahrnehmens, es erlischt das Bewußtsein.
[ 2 ] In the first lectures of this series, we have seen—and we were also able to glean quite a bit from the two public lectures—that, in terms of their inner being, that is, in terms of what we have distinguished as the actual ego and the astral body of the human being, lives in a spiritual world during sleep and, upon waking, returns to what remains in bed during sleep—to the physical body and the etheric or life body. Now, it will soon become clear to anyone who observes life that during this transition from the sleeping to the waking state, a complete change in experience actually takes place. What we experience in the waking state is by no means a perception or a realization that we gain from the two aspects of human nature into which we immerse ourselves upon waking. We immerse ourselves in our etheric or life body and in our physical body, but we do not come to know them during the waking state in such a way that we view them from within. What does the human being in ordinary life know about what his etheric or life body and his physical body look like when viewed from within? That is precisely the essential point of our waking experiences: that we view our own being, as it stands within the physical world, from the outside and not from the inside. We look at our own physical body from the outside with the same eyes with which we look at the rest of the physical world. We never view our own being from the inside during the waking state, but always only from the outside. So, fundamentally, we come to know ourselves as human beings only from the outside, through observation, as beings of the sensory world. If we take a close look at the state that can be characterized as a transitional state from sleeping to waking, we must ask: What if, as we sink into the etheric or life body and into the physical body, we were to observe ourselves from the inside? — We would then have to see something quite different. What we would then see would be the intimate experiences that the mystic seeks and to which we have already alluded a little. The mystic seeks to divert attention from the outer world, seeks to silence everything that intrudes upon his eye, seeks truly to descend into his inner being. But if we set aside these experiences of the mystic for the moment, we can say: We are protected in life from looking into this inner self of ours, for at the very moment we wake up, our gaze is diverted to the outer world. — So that waking up can be described in this way: Instead of looking at ourselves from within, at the moment of waking our gaze is diverted to the outer world, to the tapestry of sensory impressions around us, and our own physical body, of course, belongs to this outer tapestry of sensory impressions when we observe it while awake. — Thus, in the waking state, we lose the opportunity to look at ourselves from within. It is as if we were being carried along by a stream: when we sleep, we are on this side of the stream; when we are awake, we are on the other side of the stream. If we could perceive something on this side of the stream, then, as we shall see later, we would perceive our astral body and our I. But we are protected from perceiving this inner self while asleep, for when we fall asleep, the possibility of perception ceases, and consciousness fades.
[ 3 ] So ist tatsächlich eine scharfe Grenze gezogen zwischen unserer inneren und unserer äußeren Welt. Die überschreiten wir mit dem Einschlafen und Aufwachen, aber keine Grenzüberschreitung können wir machen, ohne daß uns eigentlich etwas entzogen wird. Wenn wir die Grenze überschreiten beim Einschlafen, so hört unser Bewußtsein auf, und wir können die geistige Welt nicht mehr beobachten. Beim Aufwachen wird unser Bewußtsein sogleich auf die äußere Welt abgelenkt, und wir können das Geistige, das uns selber zugrunde liegt, nicht mehr beobachten, denn es wird unser Bewußtsein eben in Anspruch genommen von den äußeren Erlebnissen. Dasjenige, was wir da überschreiten, was uns das Geistige verdunkelt in dem Momente, wo wir aufwachen, was uns dieses Geistige nur erkennen läßt wie durch einen Schleier, das ist nichts anderes als etwas, was sich einschiebt zwischen unsere Empfindungsseele und unseren Äther- oder Lebensleib und unseren physischen Leib. Was die letzteren zwei Glieder verdeckt, was uns sie zudeckt beim Aufwachen, das nennen wir Empfindungsleib. Dieser ist die Ursache, daß wir den äußeren Sinnesteppich sehen. In dem Augenblicke, wo wir aufwachen, wird der Empfindungsleib ganz in Anspruch genommen von dem äußeren Sinnesteppich, und wir können nicht in uns selber hineinschauen. So stellt sich dieser Empfindungsleib wie eine Grenze hin zwischen dem, was geistig der äußeren Sinneswelt zugrunde liegt, und unserem inneren Erleben.
[ 3 ] Thus, a sharp boundary is indeed drawn between our inner and outer worlds. We cross this boundary when we fall asleep and when we wake up, but we cannot cross it without something being taken away from us. When we cross the boundary as we fall asleep, our consciousness ceases, and we can no longer perceive the spiritual world. Upon waking, our consciousness is immediately diverted to the outer world, and we can no longer observe the spiritual realm that underlies our very being, for our consciousness is now occupied by external experiences. That which we cross over there, that which the spiritual obscures from us at the moment we wake up, that which allows us to perceive this spiritual realm only as through a veil—this is nothing other than something that interposes itself between our soul of feeling and our etheric or life body and our physical body. What veils the latter two members, what covers them when we wake up, we call the sensory body. This is the reason we see the outer tapestry of the senses. At the moment we wake up, the sensory body is completely occupied by the outer sensory tapestry, and we cannot look within ourselves. Thus, this sensory body stands as a boundary between what spiritually underlies the outer sensory world and our inner experience.
[ 4 ] Wir werden sehen, daß das notwendig ist für das menschliche Leben, denn dasjenige, was der Mensch sehen würde, wenn er durch diesen Strom bewußt hindurchgehen würde, das darf er im normalen Verlaufe seines Lebens zunächst nicht sehen, weil er es nicht aushalten würde, weil er sich erst vorbereiten muß, es zu sehen. Und die mystische Entwickelung besteht nicht darin, daß man mit Gewalt eindringt in die innere Welt unseres Äther- oder Lebensleibes und unseres physischen Leibes, sondern sie besteht darin, daß man sich erst vorbereitet, daß man sich erst reif macht, dasjenige zu sehen, was man dann sehen kann, wenn man bewußt durch diesen Strom hindurchgeht. Was würde mit dem Menschen geschehen, der unvorbereitet hinabtauchen wollte in sein Inneres, der also beim Aufwachen nicht eine äußere Welt sehen wollte, sondern der eindringen wollte in seine eigene innere Welt, in dasjenige, was geistig unserem Äther- oder Lebensleib und unserem physischen Leib zugrunde liegt? Nun, ein solcher Mensch würde in seiner Seele ein Gefühl mit ungeheurer Stärke erleben, das man im gewöhnlichen Leben nur in ganz geringer Abschwächung kennt. Ein Gefühl, das man im gewöhnlichen Leben nur schwach kennt, das würde den Menschen überkommen, wenn er mit voller Aufmerksamkeit beim Aufwachen in sein Inneres hineinsteigen könnte. Durch eine Art Vergleich werden Sie zunächst — und es soll wieder nichts bewiesen werden, sondern es sollen nur Begriffe gewonnen werden — den Begriff erhalten können von diesem Gefühl.
[ 4 ] We will see that this is necessary for human life, for what a person would see if they were to consciously pass through this stream is something they must not see at first in the normal course of their life, because they could not bear it; they must first prepare themselves to see it. And mystical development does not consist in forcibly penetrating the inner world of our etheric or life body and our physical body, but rather in first preparing oneself, in first ripening oneself to see what one can then see when one consciously passes through this stream. What would happen to a person who wanted to plunge unprepared into their inner self—who, upon waking, did not want to see an outer world, but rather wanted to penetrate their own inner world, that which spiritually underlies our etheric or life body and our physical body? Well, such a person would experience in their soul a feeling of immense strength, one that is known in ordinary life only in a very diluted form. A feeling that is known only faintly in ordinary life would overwhelm a person if, upon waking, they could descend into their inner self with full attention. Through a kind of comparison, you will first be able to grasp the concept of this feeling—and again, nothing is to be proven, but only concepts are to be gained.
[ 5 ] Es gibt im Menschen dasjenige, was man Schamgefühl nennt. Dieses Schamgefühl besteht ja darin, daß der Mensch, wenn er sich in seiner Seele irgendeiner Sache schämt, die Aufmerksamkeit der anderen ablenken will von dem betreffenden Dinge oder der betreffenden Eigenschaft, deren er sich schämt. Dieses Schamgefühl für etwas, was im Menschen ist und was er nicht zur Offenbarung bringen will, ist eine schwache Andeutung von jenem Gefühl, das zu ungeheuerster Stärke wachsen würde, wenn der Mensch beim Aufwachen bewußt in sein eigenes Innere hineinsehen könnte. Es würde dieses Gefühl sich mit einer solchen Gewalt der menschlichen Seele bemächtigen, daß der Mensch es über alles, was ihm entgegenrtritt, ausgegossen empfinden würde. Er würde ein Erlebnis haben, das sich vergleichen läßt mit dem Gefühl, wie wenn er in Feuer zugrunde gehen würde. Wie eine Art Verbrennen würde dieses Schamgefühl auf ihn wirken. Warum würde es so auf den Menschen wirken? Dieses Schamgefühl würde so auf den Menschen wirken, weil der Mensch in diesem Augenblick empfinden würde, wie eigentlich sein physischer Leib und sein Äther- oder Lebensleib vollkommen sind im Verhältnis zu demjenigen, was er als Seelenwesen ist. Davon, wie der physische Leib und der Äther- oder Lebensleib im Verhältnis zu demjenigen, was der Mensch als Seelenwesen ist, vollkommen sind, kann man sich auch durch gewöhnliche Logik schon einen Begriff machen. Wer rein äußerlich durch die physische Wissenschaft durchdringt den Wunderbau, sagen wir, des menschlichen Herzens oder des menschlichen Gehirns in allen Einzelheiten, ja, wer meinetwillen nur durchdringt ein Stück des menschlichen Knochensystems mit seinem wunderbaren Bau, der wird schon fühlen können, wie unendlich weise und vollkommen dieser menschliche Leib eingerichtet ist. Wenn man nur ein einzelnes Stück Knochen nimmt, zum Beispiel den Oberschenkelknochen, und beobachtet, wie unendlich weise und vollkommen in feinem Netzwerk die Balken so gefügt sind, daß mit dem geringsten Aufwand an Materie die größte Kraft und Tragfähigkeit erzeugt wird, die den Oberleib des Menschen trägt, oder wenn man den wunderbaren Bau des menschlichen Herzens und Gehirns betrachtet, dann kann man schon eine Ahnung erhalten von dem, was man erleben würde, wenn man das Ganze von innen durchschaute, wie es aus Weisheitsurgründen hervorgequollen ist. Vergleicht man damit, was der Mensch als Seelenwesen ist, was er ist in bezug auf seine Genüsse, Leidenschaften und Begierden, so sieht man, wie der Mensch eigentlich darauf aus ist, zu ruinieren den wunderbaren Bau des physischen Leibes. Er entfaltet sein ganzes Leben lang seine Begierden, Triebe und Leidenschaften und geht im Grunde genommen darauf aus, den Wunderbau des physischen Herzens und Gehirns zu ruinieren. Was man im gewöhnlichen Leben beobachten kann, wie der Mensch dadurch, daß er sich dem Genusse dieser oder jener Genußmittel hingibt, sein Herz und sein Gehirn zugrunde richtet, das sind ja sozusagen nur die trivialen Anfänge einer Zerstörungstätigkeit an dem Wunderbau des Menschenleibes. Das alles würde vor der menschlichen Seele lebendig stehen, wenn sie bewußt hinabsteigen würde in ihren Äther- oder Lebensleib und in ihren physischen Leib. Und es würde etwas ungeheuer Niederschmetterndes, etwas Auslöschendes für den Menschen haben, wenn er vergleichen könnte die Unvollkommenheit der menschlichen Seele mit dem Wunderbau des Leibes, wenn er sehen könnte, was in seiner Seele ist, und das vergleichen damit, wie die weise Weltenführung seinen physischen und seinen Ätherleib gemacht hat, in die er jeden Morgen bei dem Aufwachen hinuntertaucht. Darum wird er davor behütet, in bewußter Weise hinunterzusteigen in sein eigenes Inneres, er wird abgelenkt auf das, was sich als äußerer Sinnesteppich vor seinen Sinnen den ganzen Tag über ausbreitet. Er kann nicht hineinschauen in sein Inneres.
[ 5 ] There is something within human beings that is called a sense of shame. This sense of shame consists in the fact that when a person feels ashamed of something in his soul, he wants to divert the attention of others away from the thing or quality in question of which he is ashamed. This sense of shame for something that is within a person and that they do not wish to reveal is a faint hint of that feeling which would grow to immense strength if, upon awakening, a person could consciously look into their own inner being. This feeling would take hold of the human soul with such force that the person would feel it pouring out over everything that stands in their way. They would have an experience comparable to the feeling of being consumed by fire. This sense of shame would affect them like a kind of burning. Why would it have such an effect on a person? This sense of shame would have such an effect because, at that moment, the person would realize just how perfect their physical body and their etheric or life body actually are in relation to what they are as a soul being. One can already form a concept of how the physical body and the etheric or life body are perfect in relation to what the human being is as a soul being through ordinary logic. Anyone who, purely from the outside, penetrates through physical science the marvelous structure of, say, the human heart or the human brain in all its details—indeed, anyone who, for my sake, merely penetrates a single part of the human skeletal system with its marvelous structure—will already be able to sense how infinitely wise and perfect this human body is constructed. If one takes just a single piece of bone, for example the femur, and observes how infinitely wisely and perfectly the beams are joined in a fine network so that, with the least expenditure of matter, the greatest strength and load-bearing capacity is produced to support the human torso, or if one considers the marvelous structure of the human heart and brain, then one can already get a glimpse of what one would experience if one could see through the whole from the inside, how it has sprung forth from the depths of wisdom. If one compares this with what the human being is as a soul being, what he is in terms of his pleasures, passions, and desires, one sees how the human being is actually intent on ruining the marvelous structure of the physical body. Throughout his entire life, he gives free rein to his desires, instincts, and passions and is, in essence, intent on ruining the marvelous structure of the physical heart and brain. What one can observe in ordinary life—how human beings ruin their hearts and brains by indulging in this or that stimulant—is, so to speak, merely the trivial beginning of a destructive activity directed against the marvelous structure of the human body. All of this would stand vividly before the human soul if it were to consciously descend into its etheric or life body and into its physical body. And it would have an immensely devastating, an annihilating effect on the human being if he could compare the imperfection of the human soul with the marvelous structure of the body, if he could see what is in his soul and compare it with how the wise guidance of the world has fashioned his physical and etheric bodies, into which he descends every morning upon waking. That is why he is protected from consciously descending into his own inner being; he is distracted by what spreads out before his senses all day long as an outer tapestry of sensory impressions. He cannot look into his inner being.
[ 6 ] Der Vergleich zwischen der menschlichen Seele und demjenigen, was geistig zugrunde liegt dem physischen und Äther- oder Lebensleib, würde Schamgefühl hervorrufen, und diesem Gefühl wird vorgearbeitet durch alle jene Seelenerlebnisse, die der Mystiker durchmacht, bevor er würdig wird, hinunterzusteigen in sein Inneres. Es sind namentlich die Erlebnisse des Mystikers, die in seiner Seele hervorrufen den denkbar stärksten Vorsatz, seine Seele selber als unbedeutend, als schwach zu empfinden, als so zu empfinden, daß sie einen unendlich weiten Weg der Vervollkommnung vor sich hat. Daher muß der Mystiker namentlich die Empfindungen der Demut und der Vervollkommnungssehnsucht in seiner Seele erwecken, damit sie ihn vorbereiten, den Vergleich dadurch auszuhalten, sonst müßte er vor Scham wie im Feuer verbrennen. Der Mystiker macht sich reif dazu durch folgende Gedanken: Gewiß, wenn ich das anschaue, was ich bin, und es vergleiche mit dem, was die weise Weltenlenkung an mir gemacht hat, muß ich einsehen, wie klein, wie schlecht, wie niedrig ich noch bin. — Und das Schamgefühl, das ja äußerlich Schamröte erzeugt, würde sich so auswachsen, daß es wirklich ein versengendes, brennendes Feuer werden könnte, wenn nicht der Mystiker sich sagen könnte: Ja, jetzt fühle ich mich so gering als möglich gegenüber demjenigen, was ich werden kann, aber ich will versuchen, die starken Kräfte in mir zu entwickeln, die mich fähig machen, auch geistig dem zu entsprechen, was die weise Weltenlenkung in meine Leiblichkeit hineingebaut hat. — Dem Mystiker, der in sein Inneres hineinsteigen will, wird begreiflich gemacht von dem geistigen Lehrer, daß er zunächst fühlen muß ein Gefühl der Demut, das sozusagen bis ins Unendliche geht. Dieses Gefühl läßt sich etwa so schildern. Man kann demjenigen, der angehender Mystiker ist, sagen: Sieh dir einmal die Pflanze an. Die Pflanze wurzelt in dem Boden. Der Boden bietet ihr ein Reich dar, das niedriger ist als das Pflanzenreich. Die Pflanze kann aber nicht leben ohne dieses Reich, das zunächst für ein niedrigeres genommen werden muß. Wenn die Pflanze sich hinunterneigt zu dem mineralischen Reich, dann kann sie sagen: Diesem niedrigeren Reich, aus dem ich hervorgewachsen bin, dem verdanke ich mein Dasein. Sie müßte sich in Demut zu dem niedrigeren Reich neigen und sagen: Dir verdanke ich, daß ich bin. Ebenso verdankt das Tier dem Pflanzenreich das Dasein. Es müßte, wenn es seiner Stellung im Weltenbau sich bewußt werden würde, in Demut sich zum niedrigeren Reiche neigen. Und der Mensch, der sich umschaut in der Welt, er müßte sagen: Eigentlich könnte ich diese Stufe nicht erreicht haben, wenn nicht alles dasjenige, was unter mir ist, sich in der entsprechenden Weise entwickelt hätte. — Wenn der Mensch solche Gefühle in seiner Seele entwickelt, dann kommt in sie die Stimmung, daß er eigentlich nicht nur Grund hat, in Dankbarkeit aufzublicken zu dem, was über ihm ist, sondern auch mit Dank zu schauen auf dasjenige, was unter ihm ist. Wenn das so recht in der Seele sich verbreitet, was man die Erziehung zur Demut nennen kann, dann wird die Seele durchflossen und durchdrungen von diesem Demutsgefühl, von dieser Demutsempfindung, daß man noch einen unendlich weiten Weg vor sich hat, um vollkommen zu werden.
[ 6 ] A comparison between the human soul and that which spiritually underlies the physical and etheric—or life—bodies would evoke a sense of shame, and this feeling is prepared for by all those soul experiences the mystic undergoes before he becomes worthy of descending into his inner self. It is specifically the mystic’s experiences that evoke in his soul the strongest possible resolve to perceive his own soul as insignificant, as weak, and to perceive it as having an infinitely long path of perfection ahead of it. Therefore, the mystic must specifically awaken in his soul the feelings of humility and the longing for perfection, so that they may prepare him to endure the comparison; otherwise, he would burn with shame as if in fire. The mystic prepares himself for this through the following thoughts: Certainly, when I look at what I am and compare it with what the wise guidance of the world has made of me, I must realize how small, how bad, how low I still am. — And the feeling of shame, which outwardly produces a blush, would grow so intense that it could truly become a scorching, burning fire, were it not for the mystic’s ability to say to himself: Yes, now I feel as insignificant as possible in comparison to what I can become, but I will try to develop the strong forces within me that will enable me to correspond spiritually as well to what the wise guidance of the universe has built into my physical being. — The spiritual teacher makes it clear to the mystic who wishes to descend into his inner self that he must first feel a sense of humility that extends, so to speak, into infinity. This feeling can be described something like this. One can say to the aspiring mystic: Look at the plant. The plant is rooted in the soil. The soil offers it a realm that is lower than the plant kingdom. But the plant cannot live without this realm, which must initially be regarded as lower. When the plant bends down toward the mineral kingdom, it can say: “To this lower realm, from which I have grown, I owe my existence.” It would have to bow in humility toward the lower realm and say: “It is to you that I owe my existence.” Likewise, the animal owes its existence to the plant kingdom. If it were to become aware of its place in the structure of the world, it would have to bow in humility toward the lower realm. And the human being, looking around in the world, would have to say: Actually, I could not have reached this stage if everything that is below me had not developed in the appropriate way. — When a human being develops such feelings in their soul, a mood arises within them that they actually have reason not only to look up in gratitude to what is above them, but also to look with gratitude upon what is below them. When what might be called the education of humility truly spreads within the soul, then the soul is permeated and filled with this sense of humility, with this feeling of humility that one still has an infinitely long path ahead to become perfect.
[ 7 ] Alles, was jetzt gesagt worden ist, kann nicht erschöpft werden mit Begriffen und Ideen. Wenn man das könnte, dann wäre der Mystiker bald fertig. Aber es läßt sich nicht erschöpfen mit Begriffen und Ideen, sondern es läßt sich nur erleben. Nur derjenige, der immer wieder und wiederum solche Gefühle erlebt, der verbreitet über seine Seele die Grundstimmung, die notwendig ist für den Mystiker. Wenn der Mensch reif werden will, hinunterzusteigen in sein Inneres, dann muß er jenes Gefühl entwickeln, welches ihn befähigt, dasjenige, was sich ihm in den Weg stellen kann, wenn er vollkommener und immer vollkommener werden will, zu ertragen. Ergebenheitsgefühl muß er dem gegenüber entwickeln, was er ertragen soll, um sich einer gewissen Stufe der Vollkommenheit zu nähern. Es muß durch lange, lange Zeiten hindurch der Mystiker in sich das Gefühl ausbilden, daß man nur durch Überwindung von Leid die starken Kräfte entwickelt, die man braucht, um die Seele aus jenem Zustand herauszubringen, in dem sie sich schwach fühlen muß gegenüber demjenigen, was sich ihr in den Weg stellt. Da muß die Seele auf sich wirken lassen jene Empfindung, durch die sie sich immer wiederum sagt: Wenn auch noch so viel Schmerzen mich treffen werden, ich will aufrecht stehen ihnen gegenüber, ich will nicht wanken; denn wenn ich nur das genießen würde, was mir das Leben an Glück bringt, dann würde ich niemals die starke Kraft entwickeln können, die die menschliche Seele braucht. Kräfte werden durch Widerstand, in der Überwindung von Hindernissen erlangt, nicht dadurch, daß man einen Zustand einfach hinnimmt. Nur dadurch werden die Kräfte gestählt, daß man sie anspannt in der Überwindung von Hindernissen, daß der Mensch bereit ist, Leid und Schmerz mit Ergebung zu ertragen. Das ist etwas, was der Mystiker in seiner Seele entwickelt, wenn er sich bereit machen will, hinunterzusteigen in das eigene Innere, ohne in Schamgefühl zu verbrennen.
[ 7 ] Everything that has been said so far cannot be fully captured by concepts and ideas. If that were possible, the mystic would soon be finished. But it cannot be fully captured by concepts and ideas; rather, it can only be experienced. Only those who experience such feelings again and again can instill within their souls the fundamental disposition necessary for the mystic. If a person wishes to mature and descend into their inner self, they must develop the feeling that enables them to endure whatever may stand in their way as they strive to become more and more perfect. They must cultivate a sense of resignation toward what they must endure in order to approach a certain level of perfection. Over long, long periods of time, the mystic must cultivate within himself the feeling that it is only by overcoming suffering that one develops the strong powers needed to bring the soul out of that state in which it must feel weak in the face of whatever stands in its way. The soul must allow itself to be moved by that feeling through which it repeatedly tells itself: No matter how much pain may befall me, I will stand firm in the face of it; I will not waver; for if I were to enjoy only the happiness that life brings me, I would never be able to develop the strong power that the human soul needs. Strength is gained through resistance, in the overcoming of obstacles, not by simply accepting a state of affairs. Strength is tempered only by exerting it in the overcoming of obstacles, by the human being’s readiness to endure suffering and pain with resignation. This is something the mystic develops within his soul when he wishes to prepare himself to descend into his own inner self without being consumed by shame.
[ 8 ] Das alles, was da durchzumachen ist, muß selbstverständlich der Mensch im normalen Leben nicht durchmachen, und niemand darf glauben, daß an den gewöhnlichen Menschen das Ansinnen gestellt wird durch irgendeine Geisteswissenschaft, daß er solche Übungen durchmacht. Was hier geschildert wird, ist nicht etwas, was Forderungen aufstellt, sondern es geschieht, um zu erzählen, was diejenigen, die freiwillig eine Summe von solchen Erlebnissen auf sich nehmen, aus ihrer Seele machen können, und was der Mystiker erstrebt; er macht seine Seele fähig, hinunterzusteigen in dieses menschliche Innere. Im normalen Verlauf des Lebens stellt sich aber zwischen das, was man als Mystiker erleben kann im Innern, und das, was man in der äußeren Welt erlebt, der Empfindungsleib des Menschen hinein und behütet den Menschen davor, daß er unvorbereitet in sein Inneres hineinsteigt und sozusagen vor Schamgefühl verbrennen würde. Was es ist, das den Menschen davor behütet, unvorbereitet in sein Inneres hineinzusteigen, kann er natürlich im normalen Verlauf des Lebens nicht erfahren, denn da dringt er schon an die Grenze der geistigen Welt. Diese Grenze muß der Geistesforscher, der das menschliche Innere erforschen will, allerdings überschreiten. Der Geistesforscher muß also hindurchschreiten durch den Strom, der das gewöhnliche, normale menschliche Bewußtsein ablenkt von dem Inneren auf das Äußere. Dieses gewöhnliche, normale menschliche Bewußtsein wird behütet, in einem unreifen Zustand hineinzugelangen in das menschliche Innere, wird behütet davor, im Feuer der eigenen Scham zu verbrennen. Die Macht, welche da den Menschen jeden Morgen beim Aufwachen behütet, hineinzusteigen in das eigene Innere, kann der Mensch nicht sehen. Es ist die erste geistige Wesenheit, welcher der echte, wirkliche Geistesforscher auf dem Wege, der in sein Inneres führt, begegnet. Er muß vorbeikommen an jener Wesenheit, welche im normalen Bewußtsein ihn behütet vor dem innerlichen Verbrennen, vor dem innerlichen Brande. Er muß vorbeikommen an derjenigen Wesenheit, die ablenkt sein Nach-innen-Schauen auf die Außenwelt, auf den äußeren Sinnesteppich. Die Wirkung dieser Wesenheit verspürt das normale Bewußtsein. Sehen kann der Mensch sie nicht, denn es ist schon die erste geistige Wesenheit, an der wir vorbeikommen müssen, wenn wir in die geistige Welt eindringen wollen. Und diese geistige Wesenheit, welche jeden Morgen beim Menschen steht und ihn davor behütet, in unreifem Zustand sein eigenes Innere geistig zu schauen, nennen wir in der Geisteswissenschaft den kleinen Hüter der Schwelle. An diesem kleinen Hüter der Schwelle vorbei führt der Weg in die geistige Welt hinein.
[ 8 ] Of course, people do not have to go through all of this in their everyday lives, and no one should believe that any spiritual science expects ordinary people to undergo such exercises. What is described here is not meant to impose demands, but rather to explain what those who voluntarily undertake a series of such experiences can do with their souls, and what the mystic strives for; he enables his soul to descend into this inner human realm. In the normal course of life, however, the human emotional body interposes itself between what one can experience inwardly as a mystic and what one experiences in the outer world, protecting the person from descending unprepared into their inner self and, so to speak, burning with shame. What it is that protects a person from descending unprepared into their inner self, they cannot, of course, experience in the normal course of life, for there they are already approaching the boundary of the spiritual world. The spiritual researcher who wishes to explore the human inner self must, however, cross this boundary. The spiritual researcher must therefore pass through the current that diverts ordinary, normal human consciousness from the inner to the outer. This ordinary, normal human consciousness is protected from entering the human inner world in an immature state; it is protected from burning in the fire of its own shame. The power that protects the human being every morning upon waking from entering into their own inner self is invisible to the human being. It is the first spiritual being that the genuine, true spiritual researcher encounters on the path leading into their inner self. He must pass by that being which, in normal consciousness, protects him from inner burning, from inner conflagration. He must pass by that being which diverts his inward gaze toward the outer world, toward the outer tapestry of the senses. The effect of this being is felt by normal consciousness. Human beings cannot see it, for it is already the first spiritual being we must pass by if we wish to enter the spiritual world. And this spiritual being, which stands beside the human being every morning and protects them from spiritually gazing into their own inner being while still immature, we call in spiritual science the little guardian of the threshold. The path into the spiritual world leads past this little guardian of the threshold.
[ 9 ] So haben wir zunächst an ganz naheliegenden Erlebnissen des Tages unser Bewußtsein hingeführt bis zu der Grenze, wo wir ahnen können, was der Geistesforscher sieht als den kleinen Hüter der Schwelle. Beschreiben wollen wir diesen kleinen Hüter der Schwelle später, denn wir wollen ausgehen von Bekanntem und allmählich dem Unbekannten uns nähern. Damit also ist auch schon angedeutet, daß wir unser wahres Wesen eigentlich im Tagesbewußtsein, im Wachzustand gar nicht sehen. Und wenn wir unser eigenes Wesen im Sinne der beiden letzten Vorträge den Mikrokosmos nennen, die kleine Welt, dann können wir sagen: Wir sehen den Mikrokosmos eigentlich niemals in seiner wahren geistigen Gestalt, sondern wir sehen nur das, was sich im normalen Zustande von ihm zeigt, nur das Äußere. Es ist also wirklich etwas, was sich vergleichen läßt mit einer Art von Spiegelbild. So wie wir, wenn wir in den Spiegel sehen, unser Bild sehen und nicht uns selber, so sehen wir den Mikrokosmos, das eigentliche Wesen des Menschen, wenn wir im Tagesbewußtsein sind, nicht selber, sondern wir sehen nur sein Spiegelbild; wir sehen den Mikrokosmos im Spiegelbild.
[ 9 ] So we have first directed our consciousness toward the most immediate experiences of the day, right up to the point where we can sense what the spiritual researcher sees as the little guardian of the threshold. We will describe this little guardian of the threshold later, for we wish to start from the familiar and gradually approach the unknown. This already suggests that we do not actually see our true being in our daily consciousness, in the waking state. And if we call our own being the microcosm, the little world, in the sense of the last two lectures, then we can say: We never actually see the microcosm in its true spiritual form, but we see only what it reveals of itself in the normal state, only the outer appearance. It is therefore truly something that can be compared to a kind of mirror image. Just as when we look in the mirror we see our image and not ourselves, so too do we see the microcosm—the true essence of the human being—not as ourselves when we are in waking consciousness, but only as its mirror image; we see the microcosm in the mirror image.
[ 10 ] Sehen wir denn den Makrokosmos in seiner Wirklichkeit? Wir wollen wiederum ganz naheliegende tägliche Erlebnisse vor unsere Seele hinstellen. Was erlebt der Mensch im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden in der sinnlichen Außenwelt? In der sinnlichen Außenwelt erlebt der Mensch auch einen Wandel zwischen Tag und Nacht, wie im Mikrokosmos, nur tritt ihm dieser jetzt in der Außenwelt entgegen. Er erlebt, wie des Morgens die Sonne aufgeht, wie sie des Abends untergeht. Er erlebt, wie ihm das Sonnenlicht zunächst beleuchtet all die Gegenstände um ihn herum. Was ist es denn, was der Mensch vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang sieht? Im Grunde genommen sieht er gar nicht die Gegenstände, sondern er sieht das Sonnenlicht, das sie ihm zurück werfen. Einen Gegenstand im Finstern sehen wir nicht. Einen Gegenstand in unbeleuchtetem Zustand kann der Mensch nicht sehen. Was für das Auge gilt, können wir auch für die übrigen Sinne sagen, aber wir wollen zunächst beim Auge bleiben. Wenn man in die Sonne sieht, so werden die Augen geblendet. Man kann daher niemals die Sonne selbst wirklich wahrnehmen. Der Mensch nimmt im Grunde genommen die Sonnenstrahlen wahr, die die Außenwelt ihm zurückwirft. Er nimmt nicht die Gegenstände wahr, sondern die reflektierten Sonnenstrahlen. Das geschieht vom Morgen bis zum Abend. Aber der Mensch sieht nur in einer sehr unvollkommenen Art dasjenige, was die Ursache davon ist, daß er die äußeren Dinge sieht, denn dasjenige, dem Sie verdanken, daß Sie überhaupt bei Tag eine äußere Sinneswelt wahrnehmen können, das blendet Sie. Das ist ein Bild, ein Gleichnis. So wie wir uns zur äußeren Sinneswelt verhalten, so verhalten wir uns auch in unserem eigenen Inneren. Die Ursache, warum wir die Dinge wahrnehmen, sehen wir niemals. Wir nehmen die Dinge wahr, können uns aber nicht zu demjenigen erheben, was uns die Dinge wahrnehmbar macht. Das blendet uns wie die Sonne, wenn wir sie als den Grund der Sichtbarkeit der Gegenstände wahrnehmen wollen. So geht es uns mit der äußeren Sonne während des Tages in einer ganz ähnlichen Weise, wie es uns beim Aufwachen mit unserem eigenen Inneren geht. Wir leben in unserem eigenen Inneren. Die Kräfte, die im eigenen Inneren sind, befähigen uns, zu leben und die Außenwelt wahrzunehmen, aber sie verhindern uns auch, uns selbst wahrzunehmen. Es ist ebenso wie mit der Sonne; sie befähigt uns, die Dinge wahrzunehmen, aber sie blendet uns, wenn wir sie selber wahrnehmen wollen.
[ 10 ] Do we, then, perceive the macrocosm as it truly is? Let us once again bring to mind some very familiar everyday experiences. What does a person experience in the course of twenty-four hours in the external sensory world? In the external sensory world, a person also experiences a transition between day and night, just as in the microcosm, only now this occurs in the external world. They experience the sun rising in the morning and setting in the evening. They experience how the sunlight first illuminates all the objects around them. What, then, is it that a person sees from sunrise to sunset? Basically, they do not see the objects at all, but rather the sunlight that they reflect back to them. We do not see an object in the dark. A person cannot see an object when it is unlit. What applies to the eye also applies to the other senses, but let us stick with the eye for now. When one looks into the sun, the eyes are blinded. One can therefore never truly perceive the sun itself. People essentially perceive the sun’s rays that the external world reflects back to them. They do not perceive the objects, but rather the reflected sun’s rays. This happens from morning until evening. But humans see only in a very imperfect way that which is the cause of their seeing external things, for that very thing to which you owe your ability to perceive an external sensory world at all during the day is what blinds you. This is an image, a parable. Just as we relate to the external sensory world, so do we relate within our own inner being. We never see the cause of why we perceive things. We perceive things, but we cannot rise to that which makes things perceptible to us. This blinds us like the sun when we try to perceive it as the reason for the visibility of objects. It is just as it is with the external sun during the day in a very similar way to how it is with our own inner self when we wake up. We live within our own inner selves. The forces within our own inner selves enable us to live and perceive the external world, but they also prevent us from perceiving ourselves. It is just as with the sun; it enables us to perceive things, but it blinds us when we try to perceive it ourselves.
[ 11 ] Aber wir können auch alles, was mit der Sonne in einer gewissen Weise verbunden ist, was sonst zur Sonne gehört, während des Tages nicht wahrnehmen. Wir nehmen das wahr, was unsere Erde uns zeigt in dem reflektierten Sonnenlichte. Wenn wir in den Weltenraum hinaussehen, so sehen wir auch das nicht, was zu unserem Sonnensystem gehört. Zu unserem Sonnensystem gehört nicht bloß die Sonne, zu ihm gehören auch die Planeten. Ihr Anblick ist uns während des Tages entzogen. Die Sonne blendet uns also nicht nur für sich selbst während des Tages, sondern auch so weit, daß wir die Planeten am Tage nicht sehen können. Wir schauen in den Raum hinaus und wissen: Wenn da draußen auch die Planeten sind, die zu unserem Sonnensystem gehören, sie entziehen sich unserem Anblick. Wir können also sagen: Geradeso wie sich uns bei Tage unser eigenes Innere entzieht, wie sich uns bei Nacht die geistige Welt entzieht, wenn wir im gewöhnlichen Schlafzustand sind, so entziehen sich bei Tag, wenn wir den Blick hinausrichten und den Sinnesteppich überschauen, die Ursachen für unser sinnliches Wahrnehmen. Dasjenige, was eigentlich der Sonne zugrunde liegt, was die Sonne verbindet mit den übrigen Körpern des Sonnensystems, mit den Wesenheiten, die wir sehen in ihrem äußeren Ausdrucke, in demjenigen, was wir Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn und so weiter nennen, was da lebendiges Zusammenwirken ist zwischen der Sonne und diesen Körpern, das entzieht sich uns bei Tage. Was wir wahrnehmen, ist eine Wirkung des Sonnenlichtes. Und wenn wir jetzt diesen Zustand vergleichen mit dem Zustand, in dem die Sinneswelt um uns ist in der Nacht vom Untergang der Sonne bis zu ihrem Aufgange, so können wir dann in einer gewissen Weise wahrnehmen, was zu unserem Sonnensystem gehört. Wir können den Blick auf den wunderbar gestirnten Himmel hinausrichten, wo sich die Planeten unserem Anblick darbieten. Aber während wir die zu unserem Sonnensystem gehörenden Planeten am nächtlichen Himmel sehen können, entzieht sich uns die Sonne selber, ist für uns die Sonne unsichtbar. So daß wir sagen müssen: Dasjenige, was uns bei Tage unsere Sinneswelt sichtbar macht, das nimmt uns in der Nacht die Möglichkeit, es zu betrachten. Es entzieht sich uns, es hüllt nachts unsere ganze Sinneswelt ein in Unwahrnehmbarkeit, und wir erblicken nur dasjenige, was zu unserer Sonne gehört, wir sehen nur die planetarische Welt.
[ 11 ] But we also cannot perceive, during the day, anything that is connected to the sun in some way—anything that otherwise belongs to the sun. We perceive only what our Earth shows us in the reflected sunlight. When we look out into space, we do not see what belongs to our solar system either. Our solar system includes not only the sun, but also the planets. Their sight is hidden from us during the day. The sun therefore blinds us not only in and of itself during the day, but also to the extent that we cannot see the planets by day. We look out into space and know: even if the planets that belong to our solar system are out there, they are hidden from our sight. We can therefore say: Just as our own inner being is hidden from us during the day, just as the spiritual world is hidden from us at night when we are in the ordinary state of sleep, so too, during the day, when we direct our gaze outward and survey the tapestry of the senses, the causes of our sensory perception are hidden from us. That which actually underlies the Sun, that which connects the Sun with the other bodies of the solar system, with the beings we see in their outer expression—in what we call Mercury, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, and so on—that living interplay between the Sun and these bodies is hidden from us by day. What we perceive is an effect of sunlight. And if we now compare this state with the state in which the sensory world around us exists at night, from sunset to sunrise, then we can perceive in a certain way what belongs to our solar system. We can direct our gaze out toward the wonderfully starry sky, where the planets present themselves to our view. But while we can see the planets belonging to our solar system in the night sky, the Sun itself eludes us; the Sun is invisible to us. So that we must say: That which makes our sensory world visible to us by day takes away our ability to observe it at night. It eludes us; at night it shrouds our entire sensory world in imperceptibility, and we see only that which belongs to our Sun; we see only the planetary world.
[ 12 ] Gibt es nun eine Möglichkeit, sozusagen für den Nachtzustand etwas Ähnliches herzustellen, wie es der Zustand des Mystikers ist für das Hinabsteigen in die Innenwelt, so wie wir es beschrieben haben? Gibt es etwas Ähnliches? Die heutige Menschheit hat nicht viel Bewußtsein von diesem ähnlichen Zustand, aber es gibt so etwas. Es besteht darin, daß der Mensch, wie der Mystiker, gewisse Eigenschaften der Demut und der Ergebenheit und noch gewisse andere Eigenschaften entwickelt, die wir uns dadurch begreiflich machen können, daß wir zunächst die einfachste dieser Eigenschaften uns vor die Seele führen. Wir wollen wiederum von einer ganz einfachen Eigenschaft ausgehen. Der Mensch hat sie im normalen Leben auch, aber nur schwach, geradeso wie das Schamgefühl. Wenn der Mensch dieses Gefühl, das er im gewöhnlichen Leben nur schwach hat und das wir gleich charakterisieren werden, ins Ungeheure vergrößert, dann macht er sich in der Tat bereit, nächtlich etwas ganz anderes zu erleben als im normalen Bewußtsein. Und dieses Gefühl, das der Mensch da in sich entwickeln muß, ist das folgende. Sie wissen alle, daß wir im Frühling anders empfinden können als im Herbst. Eine gesunde Seele wird im Frühling anders empfinden als im Herbst. Es wird eine gesunde Seele anders empfinden, wenn im Frühling die Knospen an den Bäumen hervorsprießen und uns sozusagen das Versprechen geben von der Schönheit und Herrlichkeit des Sommers. Es ist etwas, was sich in unsere Seele gießt von aufwachender Hoffnung, wenn wir den Frühling herankommen sehen. Es ist dieses Gefühl schwach entwickelt bei dem gewöhnlichen normalen Menschen, aber es ist doch vorhanden. Und wenn wir dann dem Herbst zu leben, dann kann dieses Gefühl, das im Frühling da ist als Hoffnung für den Sommer, das wie ein Erwachen der Seele sich ausnimmt, sich verwandeln in ein Wehmutsgefühl, wenn wir die Bäume sich entlauben sehen, wenn wir sehen, wie an die Stelle von Bäumen und Blumen, die uns den Sommer hindurch einen wunderbaren Anblick gezeigt haben, immer mehr kahle Sträucher, besenartige Gebilde treten. Da verwandelt sich unser Seelenleben; es wird durchzogen von dem, was wir nennen können Wehmut des Herzens. Also wir können im Verlaufe des Jahres, wenn wir mitgehen mit den Erscheinungen des äußeren Lebens, einen Kreislauf der Seele im Jahr durchmachen. Und da beim Menschen diese Gefühle, die eben charakterisiert worden sind, diese Frühlings- und Herbstgefühle, im normalen Leben nur schwach entwickelt sind, so fühlt der Mensch auch die Steigerung des Frühlingsgefühles, wenn es dem Sommer zugeht, nicht in entsprechendem Maße, und er fühlt nicht das Verwandeln der Wehmut des Herbstes in ein noch anderes darüber hinaus gehendes Gefühl, wenn die Erde völlig in ihrem Winterkleid um uns herum sich ausbreitet.
[ 12 ] Is there a way, so to speak, to create something similar for the state of sleep, just as the mystic’s state serves as a means of descending into the inner world, as we have described? Is there something similar? Modern humanity is not very aware of this similar state, but such a thing does exist. It consists in the fact that the human being, like the mystic, develops certain qualities of humility and devotion, as well as certain other qualities, which we can make comprehensible to ourselves by first bringing the simplest of these qualities before our soul. Let us again start with a very simple quality. People possess it in ordinary life as well, but only weakly, just like the sense of shame. If a person magnifies this feeling—which they have only weakly in ordinary life and which we will characterize shortly—to immense proportions, then they are indeed preparing themselves to experience something entirely different at night than in normal consciousness. And this feeling that a person must develop within themselves is the following. You all know that we can feel differently in spring than in autumn. A healthy soul will feel differently in spring than in autumn. A healthy soul will feel differently when, in spring, the buds sprout on the trees and give us, so to speak, the promise of the beauty and splendor of summer. It is something that pours into our soul—a sense of awakening hope—when we see spring approaching. This feeling is only faintly developed in the ordinary, average person, but it is still present. And when we then move into autumn, this feeling that is present in spring as hope for summer, which feels like an awakening of the soul, transform into a sense of melancholy as we watch the trees shed their leaves, as we see how, in place of the trees and flowers that offered us such a wonderful sight throughout the summer, more and more bare shrubs and broom-like forms take their place. Then our inner life transforms; it is permeated by what we might call a melancholy of the heart. Thus, in the course of the year, as we go along with the phenomena of external life, we undergo a cycle of the soul. And since in human beings these feelings—the spring and autumn feelings just described—are only weakly developed in normal life, people do not feel the intensification of the spring feeling as summer approaches to the corresponding degree, and they do not feel the transformation of autumn’s melancholy into yet another feeling that goes beyond it, when the earth spreads out completely around us in its winter garb.
[ 13 ] In solchen Gefühlen wurden aber die Geistesschüler erzogen und werden noch heute erzogen —, welche den dem Mystiker entgegengesetzten Weg gehen wollen. Während der Mystiker in sein Inneres hinuntergeführt wird, wird derjenige, der den entgegengesetzten Weg gehen will, hinausgeführt in den Kreislauf der großen Natur und so erzogen, daß er miterlebt die Ereignisse der großen Natur. Seine Seele wird so behandelt, daß er dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben schwach fühlt im Frühling, lernt, allmählich in starkem Maße zu fühlen, so daß er mitzuempfinden lernt das ganze Aufsprießen der Vegetation im Frühling. Wenn er sich da ganz hineinzuversetzen vermag, sich selbst zu vergessen vermag und mit der Frühlingsnatur mitzuerleben vermag, dann wird dieses Erleben gegen den Sommer hin etwas ganz Besonderes. Es wird von der erwachenden Hoffnung im Frühling zu einem völligen inneren Aufjauchzen im Sommer. Dazu wird derjenige, der sozusagen ein umgekehrter Mystiker ist, erzogen. Und wiederum, wenn der Mensch so weit ist, daß er in Selbstvergessenheit, ins höchste gesteigert, die Wehmut des Herbstes zu erleben gelernt hat, dann kann er auch fähig werden, die Steigerung des Gefühls zu erleben von der Wehmut des Herbstes bis zum Mitempfinden des Todes der ganzen Natur in der Wintermitte.
[ 13 ] It is in such feelings, however, that spiritual students were—and still are—educated—those who wish to follow the path opposite to that of the mystic. While the mystic is led inward, the one who wishes to follow the opposite path is led out into the cycle of the great natural world and educated in such a way that he experiences the events of the great natural world firsthand. His soul is treated in such a way that he learns to feel, to a much greater degree, what one usually feels only faintly in spring, so that he learns to empathize with the entire sprouting of vegetation in spring. If he is able to immerse himself completely in this, to forget himself, and to experience spring nature alongside it, then this experience becomes something quite special as summer approaches. It evolves from the awakening hope of spring into a complete inner exultation in summer. This is how one who is, so to speak, a reverse mystic, is educated. And again, when a person has reached the point where, in self-forgetfulness heightened to the highest degree, they have learned to experience the melancholy of autumn, then they may also become capable of experiencing the intensification of feeling from the melancholy of autumn to the shared experience of the death of all nature in the middle of winter.
[ 14 ] So wurden unter anderem erzogen diejenigen Schüler, welche mitgemacht haben den Empfindungsunterricht in den alten nordischen Mysterien, die heute der Außenwelt schon nur mehr der Tradition nach, nur äußerlich bekannt sind. Da wurden die Schüler so erzogen, daß sie durch besondere Methoden lernten, den jährlichen Gang der Natur in ihrem Empfinden, in ihrer Seele mitzumachen. Und alles das, was der Schüler im Sommer zur Zeit der Johannisnacht erlebte, das bedeutete ein Mitjauchzen mit der ganzen Natur. Die Feuer der Johannisnacht waren etwas wie ein Andeuten der Steigerung des Hoffnungsgefühls im Frühling zu einem Mitjauchzen mit der Natur im Sommer, wenn man den den ganzen Kosmos durchziehenden Lebenshauch miterlebte. Und in der Wintersonnenwende empfand der Schüler in tiefster Seele mit das Hinsterben der Natur, unendlich steigernd das Wehmutsgefühl des Herbstes bis zum Mitempfinden des Todes.
[ 14 ] This is how, among others, those students were educated who participated in the sensory training of the ancient Nordic mysteries, which today are known to the outside world only in name and only superficially. There, the students were educated in such a way that, through special methods, they learned to participate in the annual cycle of nature through their senses and in their souls. And everything the student experienced in the summer at the time of Midsummer’s Eve signified a rejoicing together with all of nature. The fires of Midsummer’s Eve were something like a hint of the intensification of the feeling of hope in spring into a rejoicing with nature in summer, when one experienced the breath of life permeating the entire cosmos. And at the winter solstice, the student felt in the depths of his soul the dying of nature, infinitely intensifying the melancholy of autumn until it became a shared experience of death.
[ 15 ] So waren die Empfindungserlebnisse, die in der Tat in dieser Stärke kaum mehr von dem heutigen Menschen erlebt werden können. Denn der heutige Mensch ist durch die Fortschritte des intellektuellen Lebens der letzten Jahrhunderte im wesentlichen unfähig zu jenen großen, gewaltigen Erlebnissen, welche die Seele der ursprünglichen Naturvölker des europäischen Festlandes, namentlich der nördlichen und mittleren Gebiete Europas, durchmachten. Dann aber, wenn so etwas durchgemacht worden war, zeigte sich in der Tat für diejenigen Menschen, die so ihre inneren Seelenerlebnisse gesteigert hatten, etwas sehr Eigentümliches. Sie erlangten eine bestimmte Fähigkeit. Wie der Mystiker die Fähigkeit hat, in sein eigenes Inneres hinunterzusteigen, so erlangten sie die Fähigkeit — so sonderbar das auch klingt, es ist aber der Fall, ich schildere nur Dinge, welche unzählige Menschen erlebt haben und noch erleben können —, sie erlangten die Fähigkeit, die Materie zu durchschauen, das heißt, sie konnten nicht bloß das sehen, was man als Oberfläche wahrnimmt, sondern sie konnten durch diese hindurchschauen, vor allen Dingen vermochten sie in der Zeit von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang durch unsere Erde hindurchzuschauen, und durch die durchsichtige Erde hindurch erglänzte ihnen lebendig die Sonne. Das nannte man in den alten Mysterien das Schauen der Sonne um Mitternacht. Allerdings konnte die Sonne in ihrer größten Fülle und Herrlichkeit nur dann geschaut werden, wenn man sich mit seiner Seele in der Zeit der Wintersonnenwende jenem Zustande genähert hatte, wo der ganze äußere Sinnesteppich abgestorben war. Dann hatte man die Fähigkeit errungen, die Sonne zu schauen, jetzt nicht als eine blendende Wesenheit, wie sie bei Tag erscheint, sondern alles Blendende an der Sonne war abgeschwächt; man sah die Sonne nicht mehr als physisches Wesen draußen, sondern als geistiges Wesen. Man schaute den Sonnengeist. Was als physische Wirkung wie eine Blendung wirkte, war ausgelöscht durch die Materie der Erde. Diese war durchsichtig geworden, und sie ließ nur das Geistige der Sonne durch. Aber mit diesem Schauen der Sonne war etwas wesentlich anderes verbunden, mit diesem Schauen der Sonne zeigte sich jetzt etwas höchst Merkwürdiges. Es zeigte sich nämlich jetzt in seiner Wahrheit dasjenige, worauf wir gestern in abstrakter Weise hingedeutet haben, daß tatsächlich eine lebendige Wechselwirkung besteht zwischen all dem, was zu unserem Sonnensystem gehört als Planeten, und der Sonne selber, dadurch, daß fortdauernd Ströme gehen von den Planeten zur Sonne und von der Sonne zu den Planeten. Kurz, es zeigte sich da draußen geistig etwas, was sich vergleichen läßt mit etwas im Leben, was jeder kennt, nämlich mit dem Zirkulieren des Blutes im menschlichen Leibe. Wie das Blut von dem Herzen zu den Organen geht und von den Organen wiederum zurück zum Herzen in lebendigem Kreislauf, wie dieser lebendige Blutkreislauf, so zeigt sich die Sonne als der Mittelpunkt lebendiger Geistesströmungen, welche von der Sonne zu den Planeten und von den Planeten zurück zur Sonne fließen. Das ganze Sonnensystem zeigt sich als lebendiges geistiges System; wir erblicken in der Tat unser Sonnensystem als Geistiges, von dem das Äußere wirklich nur ein Gleichnis ist.
[ 15 ] Such were the sensory experiences, which, in truth, can hardly be experienced with such intensity by people today. For modern people, due to the advances in intellectual life over the past few centuries, are essentially incapable of those great, powerful experiences that the souls of the original indigenous peoples of the European continent—namely those of the northern and central regions of Europe—went through. But then, once such an experience had been undergone, something very peculiar indeed became apparent to those people who had thus heightened their inner soul experiences. They acquired a certain ability. Just as the mystic has the ability to descend into his own inner self, so they acquired the ability—as strange as that may sound, it is indeed the case; I am merely describing things that countless people have experienced and can still experience— they acquired the ability to see through matter; that is to say, they could not merely see what is perceived as the surface, but they could see through it; above all, during the time from sunset to sunrise, they were able to see through our Earth, and through the transparent Earth the Sun shone vividly upon them. In the ancient mysteries, this was called “beholding the sun at midnight.” However, the sun could be beheld in its greatest fullness and glory only when, at the time of the winter solstice, one had approached with one’s soul that state in which the entire outer tapestry of the senses had died away. Then one had attained the ability to behold the sun, not now as a blinding entity as it appears by day, but all that was blinding about the sun had been softened; one no longer saw the sun as a physical entity outside, but as a spiritual entity. One beheld the Sun Spirit. What had previously acted as a physical effect—like a glare—was extinguished by the matter of the Earth. This had become transparent, and it allowed only the spiritual aspect of the Sun to pass through. But something fundamentally different was connected with this beholding of the Sun; with this beholding of the Sun, something most remarkable now revealed itself. For what we alluded to yesterday in an abstract way now revealed itself in its truth: that there is indeed a living interaction between everything that belongs to our solar system as planets and the sun itself, through the fact that streams constantly flow from the planets to the sun and from the sun to the planets. In short, something spiritual was revealed out there that can be compared to something in life that everyone knows, namely the circulation of blood in the human body. Just as blood flows from the heart to the organs and from the organs back to the heart in a living cycle—just as this living blood circulation—so the Sun reveals itself as the center of living spiritual currents that flow from the Sun to the planets and from the planets back to the Sun. The entire solar system reveals itself as a living spiritual system; we indeed perceive our solar system as a spiritual entity, of which the outer form is truly only a metaphor.
[ 16 ] Alles, was der Mensch erleben lernt dadurch, daß er seine Empfindungsfähigkeit steigert, wie es jetzt geschildert worden ist, das entzieht sich als das Geistige des Weltenraumes dem gewöhnlichen Tagesanblicke. Es wird auch dem nächtlichen Anblick verdeckt. Denn was sieht der Mensch in der Nacht mit seinen gewöhnlichen Fähigkeiten, wenn er hinaufsieht in den Himmelsraum? Davon sieht er im Grunde genommen ebenso nur die Außenseite, wie von seinem eigenen Inneren, so daß dasjenige, was wir am Sternenhimmel sehen, der Leib ist eines Geistigen, das ihm zugrunde liegt. Wie wir, wenn wir auf unseren Leib mit unseren Augen sehen, den äußeren Ausdruck des Geistigen in uns sehen, so sieht der Mensch, wenn er des Nachts den gestirnten Himmel sieht, allerdings einen wunderbaren Bau, aber dieser ist der materielle Leib des kosmischen Geistes, der sich durch diesen Leib ausspricht in allen seinen Bewegungen, die uns äußerlich entgegentreten. Und wieder ist es so, daß für das gewöhnliche menschliche Bewußtsein sozusagen ein Schleier vorgezogen wird, ein Schleier sich ausbreitet vor alles das, was der Mensch sehen würde, wenn er geistig durchschauen würde, wie es jetzt geschildert worden ist, was sich ihm im Raume darbietet. Wie wir behütet werden vor unserem eigenen Innern, so werden wir im gewöhnlichen Leben behütet vor dem Schauen des Geistigen, das der äußeren materiellen Welt zugrunde liegt. Wenn wir im gewöhnlichen Leben stehen, so breitet sich das, was wir den Sinnesschleier nennen, aus vor dem, was geistig zugrunde liegt.
[ 16 ] Everything that human beings come to experience by heightening their sensory perception, as has just been described, eludes ordinary daytime vision as the spiritual aspect of the universe. It is also hidden from the night vision. For what does a person see at night with their ordinary faculties when they look up into the heavens? In essence, they see only the outer aspect of it, just as they do of their own inner being, so that what we see in the starry sky is the body of a spiritual reality that underlies it. Just as we, when we look at our body with our eyes, see the outer expression of the spiritual within us, so too does a person, when looking at the starry sky at night, see a wondrous structure—but this is the material body of the cosmic spirit, which expresses itself through this body in all its movements that meet us externally. And again, it is the case that, so to speak, a veil is drawn over ordinary human consciousness; a veil spreads out before everything that a person would see if they were to perceive spiritually, as has now been described, what presents itself to them in space. Just as we are shielded from our own inner being, so in ordinary life we are shielded from seeing the spiritual that underlies the outer material world. When we stand in ordinary life, what we call the veil of the senses spreads out before what underlies it spiritually.
[ 17 ] Warum geschieht dies? Es gibt ein Gefühl, das sofort auftreten würde, wenn die Menschen das Geistige so ohne weiteres sehen würden. Wenn der Mensch das Geistige sofort sehen würde, ohne die Vorbereitung und Reife, die er durch das Miterleben der Naturvorgänge erwirbt, so würde er ein Gefühl erleben, das man nur ausdrücken könnte mit dem Wort: verwirrender Schreck, oder schrekkenvollste Verwirrung. Denn die Erscheinungen sind so großartig und gewaltig, daß die menschlichen Begriffe, die wir uns im gewöhnlichen Leben aneignen, wenn wir noch so viel erlernen, wahrhaftig nicht hinreichen, um diesen verwirrenden Anblick zu ertragen; der Mensch würde von einem Gefühle schreckvoller Verwirrung ergriffen werden, von einer ungeheuren Steigerung des Angst- und Furchtgefühles. So wie der Mensch von Scham verbrennen würde, wenn er in sein eigenes Innere hinuntersteigen würde ohne Vorbereitung, so würde er, wenn er in das Geistige der Außenwelt hineinsehen würde ohne Vorbereitung, förmlich erstarren vor Furcht, weil er sich wie in ein Labyrinth geführt empfinden würde. Nur dann, wenn die Seele sich vorbereitet durch solche Begriffe und Vorstellungen, welche sie über das gewöhnliche Erleben hinausführen, dann kann sie nach und nach sich gewöhnen, hinter die Sinneswelt zu schauen. Heute ist es ja durch das intellektuelle Leben nicht möglich — das wurde schon angedeutet —, daß der Mensch das durchmacht, was die Menschen damals in den nordischen Mysterien erlebten. Durch sein intellektuelles Leben kann der Mensch nicht mehr diese Steigerung der Frühlings- und Herbstempfindungen erleben. Heute denken die Menschen ganz, ganz anders als damals. Das Denken war dazumal noch nicht so ausgebildet. Die Intellektualität entwickelte sich erst nach und nach. Und mit der Entwickelung der Intellektualität ging für den Menschen auch die Möglichkeit verloren, solches durchzumachen. Aber der Mensch kann es in einer gewissen Beziehung im Spiegelbilde durchmachen auf eine indirekte Weise, dadurch, daß er diese Empfindungen nicht an den äußeren Naturvorgängen selbst erlebt, sondern an den Schilderungen und Beschreibungen, welche ihm aus geistigem Schauen heraus über die geistige Welt und ihre Zusammenhänge gegeben werden.
[ ] Why does this happen? There is a feeling that would arise immediately if people were to see the spiritual realm so readily. If a person were to see the spiritual realm immediately, without the preparation and maturity gained through experiencing natural processes, they would experience a feeling that could only be expressed with the words: bewildering terror, or the most terrifying confusion. For the phenomena are so magnificent and overwhelming that the human concepts we acquire in ordinary life, no matter how much we learn, are truly insufficient to endure this bewildering sight; a person would be seized by a feeling of terrifying confusion, by an immense intensification of the feelings of anxiety and fear. Just as a person would burn with shame if they were to descend into their own inner self without preparation, so too would they, if they were to look into the spiritual realm of the outer world without preparation, literally freeze in fear, because they would feel as though they had been led into a labyrinth. Only when the soul prepares itself through such concepts and ideas that lead it beyond ordinary experience can it gradually accustom itself to looking beyond the sensory world. Today, as has already been indicated, intellectual life makes it impossible for a person to undergo what people experienced in the Nordic Mysteries back then. Through their intellectual life, people can no longer experience this intensification of spring and autumn sensations. Today, people think very, very differently than they did back then. Thinking was not yet so developed in those days. Intellectuality developed only gradually. And with the development of intellectuality, the possibility for people to go through such experiences was also lost. But in a certain sense, people can experience it indirectly, as a mirror image, not by experiencing these sensations in the external natural processes themselves, but through the depictions and descriptions of the spiritual world and its interrelationships that are given to them through spiritual vision.
[ 18 ] Deshalb müssen heute in unserer Gegenwart allmählich solche Beschreibungen für die Menschen geliefert werden, wie sie zum Beispiel — ich sage das nicht aus Unbescheidenheit, sondern weil es gefordert ist — gegeben werden in meinem eben erschienenen Buch «Die Geheimwissenschaft». Da wird etwas von der Welt geschildert, was man äußerlich nicht wahrnehmen kann, und zwar aus einer Grundlage heraus — wir werden das noch sehen —, aus der so etwas geschildert werden kann; es wird geschildert, was der Welt geistig zugrunde liegt, und was derjenige sehen kann, der sich auf jene Weise vorbereitet hat, welche eben dargestellt worden ist. Ein solches Buch darf nicht gelesen werden wie ein anderes Buch — dazu ist es nicht da —, sondern es soll so gelesen werden, daß die Begriffe und Ideen, die darin enthalten sind, Gefühle auslösen, daß man wirklich in der vollen Stärke das in der Seele empfindet, was da in Begriffen und Ideen gegeben ist. Wenn man das so liest, daß man die stärksten Empfindungserlebnisse durchmacht in der Seele, dann sind diese Empfindungserlebnisse ähnlich, wie diejenigen waren, welche in jenen nordischen Mysterien Europas erlebt worden sind.
[ ] That is why, in our present time, such descriptions must gradually be provided for people, as they are given, for example—I say this not out of immodesty, but because it is required—in my recently published book Occult Science. There, something about the world is described that cannot be perceived externally, and this is done from a foundation—we shall see this later—from which such a thing can be described; it describes what lies spiritually at the foundation of the world, and what can be seen by those who have prepared themselves in the manner just described. Such a book must not be read like any other book—that is not its purpose—but it should be read in such a way that the concepts and ideas contained within it evoke feelings, so that one truly feels in the soul, with full intensity, what is presented there in concepts and ideas. If one reads it in such a way that one undergoes the most intense emotional experiences in the soul, then these emotional experiences are similar to those that were experienced in the Nordic mysteries of Europe.
[ 19 ] Wir finden in diesem Buche eine Schilderung all der früheren Verkörperungen unserer Erde, finden geschildert einen Saturn-, einen Sonnen- und einen Mondzustand. Wenn Sie das, was als Schilderungen sich da findet, nicht lesen, wie man etwas Theoretisches liest, sondern, wenn Sie mitgehen mit dem, was da geschildert ist, wenn Sie achtgeben, wie da geschildert ist, so finden Sie da einen Unterschied des Stiles bei der Schilderung des alten Saturnzustandes und bei der Schilderung des Sonnenzustandes und bei der des Mondzustandes. Wenn Sie das, was über den Saturn gesagt wird, auf sich wirken lassen, dann können Sie etwas wiederfinden von der Frühlingsstimmung des nordischen Mysterienschülers, und in der Schilderung der Sonne haben Sie etwas, was dem Gefühl ähnlich ist, das den Mysterienschüler ergriff beim Aufjauchzen in der Johannisnacht. Es ist nicht umsonst, daß das Buch so lange hat auf sich warten lassen, denn es ist Wert darauf gelegt, daß die Schilderungen dazu angetan sind, in uns Gefühle wachzurufen, welche ähnlich sind den Stimmungen der Schüler in den nordischen Mysterien. Und wenn wir zu der Schilderung der Erdenentwickelung kommen und alles das beachten, wie dort der ganze Stil geformt ist, dann werden wir eine Stimmung haben, wie sie sein soll, wenn es gegen den Winter zu geht, gegen den 21. Dezember, die Wintersonnenwende. Sie erweckt Todeswehmut, und das geht dann über in die Weihnachtsstimmung. Das kann heute gegeben werden anstelle dessen, was der Mensch heute nicht mehr durchmachen kann, weil er eben von einem Leben in der Empfindung sich erhoben hat zur Intellektualität, zum Denken. Daher muß heute durch den Spiegel des Denkens Gefühl und Empfindung wiederum angeregt werden, die sich ursprünglich an der Natur selber entzündet haben. So müssen heute die geisteswissenschaftlichen Schriften abgefaßt sein, sie müssen abgelesen sein in bezug auf ihre Stimmung dem Jahresgang des Weltenwerdens. Wenn man nur theoretisch schildert, dann ist das ganz sinnlos, dann führt das zu nichts anderem, als daß man die geistigen Dinge sich aneignet wie die Dinge eines Kochbuches. Der Unterschied zwischen geisteswissenschaftlichen und anderen Büchern liegt nicht darin, daß man andere Dinge schildert, sondern hauptsächlich in dem Wie, in demjenigen, wie die Dinge gegeben werden. Daraus werden Sie ersehen, was geisteswissenschaftlichen Büchern zugrunde liegen muß, daß aus gewissen Tiefen heraus die Dinge geholt sind; daß, wie es die Aufgabe unserer Zeit ist, das darin sein muß, was auf dem Umwege durch die Gedanken wiederum die Gefühle entzünden kann.
[ 17 ] In this book we find a description of all the earlier incarnations of our Earth, including a Saturn, a Sun, and a Moon phase. If you do not read the descriptions found there as one would read something theoretical, but rather if you go along with what is described there, if you pay attention to how it is described, you will find a difference in style in the description of the ancient Saturn state, in the description of the Sun state, and in that of the Moon state. If you allow what is said about Saturn to sink in, you will find something of the springtime mood of the Nordic mystery student, and in the description of the Sun you will find something akin to the feeling that seized the mystery student as he rejoiced on St. John’s Night. It is not for nothing that the book has been so long in coming, for great care has been taken to ensure that the descriptions are capable of evoking in us feelings similar to the moods of the students in the Nordic Mysteries. And when we come to the description of the Earth’s evolution and take note of how the entire style is shaped there, we will have a mood as it should be as winter approaches, toward December 21, the winter solstice. It evokes a melancholy of death, and this then transitions into the Christmas mood. This can be offered today in place of what people can no longer experience, because they have risen from a life of feeling to intellectuality, to thinking. Therefore, feeling and sensation—which were originally kindled by nature itself—must be stimulated again today through the mirror of thought. Thus, spiritual scientific writings must be composed today in such a way that their mood corresponds to the annual cycle of the world’s becoming. If one describes things only theoretically, then that is completely pointless; it leads to nothing other than people appropriating spiritual matters as if they were recipes from a cookbook. The difference between spiritual science books and other books does not lie in the fact that they describe different things, but mainly in the how—in the manner in which things are presented. From this you will see what must underlie spiritual science books: that things are drawn from certain depths; that, as is the task of our time, they must contain what can, through the thoughts, kindle the feelings once again.
[ 20 ] Was müssen wir nun beachten, um auch heute eine Möglichkeit zu haben, etwas zu finden, das uns aus der Verwirrung wiederum herausbringt, in die die menschliche Seele gerät, wenn sie sich in das Labyrinth der geistigen kosmischen Ereignisse begibt? Nun, wenn der Mensch sich in dieses Labyrinth begibt, so braucht er einen Führer. Das ist etwas, auf das uns prophetisch schon das griechische Volk hingewiesen hat, das zuerst vorbereitet hat das Denken. In der nördlichen elementaren, ursprünglichen Bevölkerung waren noch lange die Fähigkeiten vorhanden, die große Schrift der Natur zu lesen, zu einer Zeit, als die Griechen sich schon zu einem höheren Standpunkt der Intellektualität entwickelt hatten. Und die Griechen mußten dasjenige vorbereiten, was wir heute in höherem Maße ausbilden müssen. Es hätte eine solche «Geheimwissenschaft» zwar in Griechenland noch nicht geschrieben werden können, aber es ist in anderer Weise demjenigen, der sich hineinwagte in das Labyrinth der geistigen kosmischen Welt, durch die Griechen ein Bild gegeben worden für die Möglichkeit, einen Faden zu haben, durch den er sich aus der Verwirrung des Labyrinths wiederum zurückfinden kann. Das wird uns in der Legende von Theseus angedeutet, der sich mit dem Faden der Ariadne in das Labyrinth begibt. Für die heutige Zeit ist dieser Ariadnefaden nichts anderes als ein Bild für die Begriffe, die wir in der Seele über die übersinnliche Welt ausbilden sollen. Es ist das geistige Wissen, das uns geboten wird durch die Geisteswissenschaft, damit wir mit Sicherheit hineingehen können in dieses Labyrinth der geistigen Welt des Makrokosmos. So soll dasjenige, was uns heute in der Geisteswissenschaft gegeben wird, was zunächst nur zur Vernunft spricht, ein Ariadnefaden sein, welcher uns über alle Verwirrung hinweghilft, in die wir kommen könnten, wenn wir unvorbereitet hineinkommen in die geistige Welt des Makrokosmos.
[ 18 ] What must we keep in mind today in order to find something that can lead us out of the confusion into which the human soul falls when it enters the labyrinth of spiritual cosmic events? Well, when a person enters this labyrinth, they need a guide. This is something to which the Greek people, who first prepared the ground for thinking, have already prophetically pointed us. Among the northern, elemental, primitive peoples, the abilities to read the great script of nature were still present for a long time, at a time when the Greeks had already developed to a higher level of intellectuality. And the Greeks had to prepare what we must now develop to a greater degree. Such a “secret science” could not yet have been written in Greece, but in another way, the Greeks provided a picture for those who ventured into the labyrinth of the spiritual cosmic world, showing the possibility of having a thread by which one can find one’s way back out of the confusion of the labyrinth. This is hinted at in the legend of Theseus, who enters the labyrinth with Ariadne’s thread. For our time, this thread of Ariadne is nothing other than an image for the concepts we are to form in our souls regarding the supersensible world. It is the spiritual knowledge offered to us by spiritual science so that we may enter with confidence into this labyrinth of the spiritual world of the macrocosm. Thus, what is given to us today in spiritual science—which at first speaks only to reason—is meant to be an Ariadne’s thread that helps us navigate past all the confusion we might encounter if we enter the spiritual world of the macrocosm unprepared.
[ 21 ] So sehen wir, daß in der Tat der Mensch, wenn er den Geist in der Außenwelt finden will, ein Gebiet durchschreiten muß, das er im normalen Leben unbewußt durchschreitet; er muß jenen Strom, der ihm das Bewußtsein nimmt, bewußt durchschreiten. Wenn dann der Mensch auf sich wirken läßt entweder das, was wir gezeigt haben als Empfindungen, die aus dem Werden der Natur selber heraus entzündet werden, oder durch Begriffe und Ideen, die wir eben charakterisiert haben, wenn der Mensch sich so entwickelt, dann erlangt er allmählich die Fähigkeit, furchtlos an jene geistige Macht heranzutreten, welche ihm sonst Furcht und Schrecken einflößen müßte. Es ist der große Hüter der Schwelle, der vor der großen geistigen Welt steht, unwahrnehmbar für das gewöhnliche Bewußtsein. Er wird nur wahrnehmbar für den, der sich in der gehörigen Weise vorbereitet. So daß derjenige, der sich vorbereitet hat, hinauszuschreiten in die große geistige Welt, in den geistigen Makrokosmos, furchtlos vor einer jeglichen Verwirrung, die ihn treffen könnte, vorüberkommt an dem großen Hüter der Schwelle, der uns auch zeigt, wie unbedeutend wir noch sind und wie wir neue Organe entwickeln müssen, wenn wir in diese große Welt, in den geistigen Makrokosmos hineinwachsen wollen. Mutlos und verzagt würde der Mensch dastehen, wenn er unvorbereitet an diesen großen Hüter der Schwelle herankäme.
[ 19 ] Thus we see that, in fact, if a person wishes to find the spirit in the external world, they must traverse a realm that they pass through unconsciously in ordinary life; they must consciously traverse that current which robs them of consciousness. When a person then allows themselves to be influenced either by what we have described as sensations kindled by the very process of nature’s becoming, or by the concepts and ideas we have just characterized—when a person develops in this way—they gradually acquire the ability to approach fearlessly that spiritual power which would otherwise instill fear and dread in them. It is the great Guardian of the Threshold who stands before the great spiritual world, imperceptible to ordinary consciousness. He becomes perceptible only to those who have prepared themselves in the proper way. So that the one who has prepared to step out into the great spiritual world, into the spiritual macrocosm, fearless of any confusion that might befall him, passes by the great Guardian of the Threshold, who also shows us how insignificant we still are and how we must develop new organs if we wish to grow into this great world, into the spiritual macrocosm. A person would stand there disheartened and despondent if they approached this great Guardian of the Threshold unprepared.
[ 22 ] Nun haben wir geschildert, wie der Mensch sozusagen eingeschlossen ist in zwei Grenzen. Aufmerksam gemacht darauf haben wir schon im letzten Vortrage; heute haben wir genauer geschildert, wie der Mensch eingeschlossen ist zwischen jene zwei Tore. Vor dem einen steht der kleine Hüter der Schwelle und an dem anderen der große Hüter der Schwelle. Das eine Tor führt in das menschliche Innere, in den Geist des Mikrokosmos, das andere in den Geist des Makrokosmos. Nun müssen wir uns aber auch klar darüber sein, daß aus diesem selben Makrokosmos, in den wir also hineingeführt werden, die Kräfte kommen, welche uns selber aufbauen. Woher ist denn das Material genommen für unseren physischen Leib und für unseren Äther- oder Lebensleib? Dasjenige, was unseren physischen Leib aufbaut, was unseren Ätherleib aufbaut, alle die Kräfte, die da zusammenströmen, um dasjenige, was so weisheitsvoll ist, aufzubauen, all das tritt uns wirklich ausgebreitet in der großen Welt entgegen. Da tritt uns, wenn wir vorbeigegangen sind an dem großen Hüter der Schwelle, nicht nur Erkenntnis über den Makrokosmos entgegen. Erkenntnisse kann man sich erwerben. Wenn man aber die Erkenntnisse der großen Welt erworben hat, dann hat man noch nicht seinen Eingang gefunden in die Welt der Wirkungen und Kräfte. Denn aus den Erkenntnissen heraus könnte unser Leib nicht aufgebaut werden; er muß aus Kräften aufgebaut werden. Wir kommen also, wenn wir an dem großen Hüter der Schwelle vorbeigekommen sind, an diesem merkwürdigen geheimnisvollen geistigen Wesen, in eine Welt unbekannter Wirkungen und Kräfte hinein. Von dieser Welt muß man sagen, daß der Mensch zunächst nichts davon weiß, weil sich der Schleier der Sinneswelt davor ausbreitet. Das sind aber die Kräfte, die in uns hineinfließen, aus denen zusammengeronnen sind unser physischer und unser Äther- oder Lebensleib. Dieses ganze Zusammenspiel, die Wechselwirkungen zwischen der großen Welt und der kleinen Welt, von Wirkungen zwischen dem, was da drinnen ist, und dem, was da draußen ist und sich durch den Sinnesschleier verbirgt, sind enthalten in dem verwirrenden Labyrinth. Da treten wir in ein lebendiges Leben hinein. Dieses lebendige Leben ist das, was wir zunächst auch schildern müssen, und wir wollen morgen damit beginnen, daß wir den ersten Einblick erhalten in das, was der Mensch zwar nicht wahrnehmen kann, was sich aber in ihm doch als Wirkungen zeigt, wie wir gesehen haben, wenn er durch das eine oder durch das andere Tor schreitet, wenn er vorbeikommt an dem kleinen Hüter der Schwelle und an dem großen Hüter der Schwelle.
[ 20 ] We have now described how human beings are, so to speak, enclosed within two boundaries. We already drew attention to this in the last lecture; today we have described in greater detail how human beings are enclosed between these two gates. Before one stands the lesser guardian of the threshold, and before the other, the greater guardian of the threshold. One gate leads into the human interior, into the spirit of the microcosm; the other into the spirit of the macrocosm. But we must also be clear that from this very same macrocosm, into which we are thus led, come the forces that build us up. Where, then, is the material taken from for our physical body and for our etheric or life body? That which builds up our physical body, that which builds up our etheric body—all the forces that flow together there to build up that which is so full of wisdom—all of this truly meets us, spread out before us, in the great world. There, once we have passed by the great Guardian of the Threshold, it is not merely knowledge of the macrocosm that meets us. Knowledge can be acquired. But even if one has acquired knowledge of the great world, one has not yet found one’s way into the world of effects and forces. For our body cannot be built up from knowledge alone; it must be built up from forces. So when we have passed by the great Guardian of the Threshold, this strange, mysterious spiritual being, we enter a world of unknown effects and forces. It must be said of this world that human beings initially know nothing of it, because the veil of the sensory world spreads out before it. Yet these are the forces that flow into us, from which our physical body and our etheric or life body are formed. This entire interplay, the interactions between the great world and the small world, the effects between what is inside and what is outside and hidden by the veil of the senses, are contained within this bewildering labyrinth. There we enter into a living life. This living life is what we must first describe, and tomorrow we shall begin by gaining a first insight into that which the human being cannot perceive, yet which manifests itself within him as effects, as we have seen, when he passes through one gate or the other, when he passes by the little guardian of the threshold and the great guardian of the threshold.
