Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
Das Christus-Ereignis
als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution
GA 127
5 Januar 1911, Mannheim
1. Die verschiedenen Zeitalter der Menschheitsentwickelung und ihre Einwirkung auf die menschlichen Wesensglieder
[ 1 ] Es ist schon einige Zeit her, daß es möglich war, auch hier in Mannheim eine Zweigversammlung zu haben, und heute dürfen wir wiederum einer solchen Aufgabe genügen. Nun haben Sie, meine lieben Freunde, hier in den letzten Zeiten aufmerksam, eifrig dasjenige an Wissen sich angeeignet, was man die wichtigeren Ideen, Einsichten unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung nennen kann. Deshalb ist es vielleicht nicht unangemessen, wenn wir heute über etwas sprechen, das auf der einen Seite unseren Blick auf das Ganze unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung wendet und auf der anderen Seite uns auch Gelegenheit gibt, das, was wir uns angeeignet haben an spirituellem Wissen, namentlich über den Menschen und seine Entwickelung, ein wenig zu verwerten, zu verwerten sozusagen in dem Dienste, dem jeder Mensch ergeben sein soll, und der gerade für Anthroposophen durch ihre Einsichten, durch dasjenige, was sie an Empfindungen aus der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung heraus gewinnen können, eine besondere Gestalt annehmen soll. Sie wissen, meine lieben Freunde, daß die Entwickelung der Menschheit vorwärtsschreitet, daß Epoche nach Epoche, Zeitalter nach Zeitalter folgt, und ein jedes Zeitalter hat seine besondere Aufgabe. Wir können in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit größere und kleinere Zeitalter unterscheiden, und es gibt in jedem Zeitalter wiederum ganz besondere Zeitpunkte, in denen es notwendig ist, nicht zu versäumen, die eigentliche Aufgabe, die eigentliche Mission dieses Zeitalters zu durchdringen. Wir dürfen bemerken, daß den Menschen in den aufeinanderfolgenden Zeiträumen aus den geistigen Welten heraus Aufgaben gestellt werden, Aufgaben, die für dieses oder jenes Zeitalter ganz besondere sind, und für uns Menschen handelt es sich dann darum, das Rechte zu tun, um etwas zu wissen von diesen Aufgaben, um in unsere Seele eine Erkenntnis dieser Aufgaben aufzunehmen. Wir leben wirklich in einem Zeitalter, wo es dringend notwendig ist, daß eine Anzahl von Menschen sich wiederum ein Wissen verschafft von dem, was vorzugsweise auf dem geistigen Gebiete heute oder in unserer Gegenwart zu tun ist. Ich möchte zunächst nur zwei Zeiträume, die uns ganz naheliegen, vor Ihre Seele hinrücken, zwei Zeiträume, die uns deshalb naheliegen, weil der eine der Vergangenheit angehört und vieles von ihm an geistigen Gütern und geistigen Erzeugnissen noch in unsere Gegenwart hereinreicht; der zweite Zeitraum aber ist kaum im Anlaufen. Wir stehen an dem Beginn eines neuen Zeitraumes, eines kleineren Zyklus oder Zeitraumes der Menschheit, stehen sozusagen an der Grenzscheide. Deshalb ist es von ganz besonderer Wichtigkeit, diese zwei Zeiträume ein wenig zu durchschauen. Der eine Zeitraum umfaßt ungefähr jene Epoche, die mit Augustinus begann und etwa mit dem Herannahen des 16. Jahrhunderts endete. In der okkulten Wissenschaft sagt man: Dieser Zeitraum umfaßt die Zeit von Augustinus bis Calvin. Dann haben wir auf diesen einen anderen Zeitraum folgend, der die Zeit umfaßt von Calvin bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts. Und wir stehen wieder am Ausgangspunkt eines Zeitraumes mit neuen Aufgaben, deren Einhaltung außerordentlich wichtig ist für die nächste Zukunft der Menschheit. Nun wollen wir uns zunächst ein kleines Bild davon machen, was an solchen Ausgangspunkten von neuen Zeiträumen ganz besonders geschieht. Da wird, wenn ein Zeitraum in den anderen eingeht, etwas alt, und etwas ist jung. Etwas geht seinem Verfall entgegen, und anderes ist wieder keimhaft, wie wurzelhaft vorhanden, gleichsam wie eine neue Morgenröte für einen Sonnenschein, der sich vorbereitet als der Sonnenschein eines neuen Zeitalters. Und das Eigentümliche eines solchen Übergangszeitalters — Sie wissen, man spricht in verschiedenem Sinn von Übergangszeitaltern, aber wir haben es wirklich in ganz bedeutungsvollem Sinne mit einem Übergangszeitalter heute zu tun — zeigt sich, daß neue Kräfte der Kultur der Menschheit zugefügt werden müssen.
[ 2 ] Ich will, um dies zu charakterisieren, eine große Aufgabe für die Gesamtmenschheit ins Auge fassen; das ist das Aufkommen des Christentums. Wenn wir uns ein Bild verschaffen von der Art, wie das Christentum aufkam, müssen wir sagen: Eigentlich haben es gerade diejenigen abgelehnt, die an der Spitze der Kultur waren. Aber es waren zugleich die, welche an der Spitze der Kultur waren, bei einem Verfall angelangt. Man versuche sich ein Bild zu machen von der römischen Kultur, wie sie im Verfall begriffen war, und man versuche sich ein Bild zu machen, wie die Gemeinden beschaffen waren, denen Paulus predigte. Das waren Leute, die sozusagen naiv, aber mit frischen Kräften der Kultur gegenüberstanden, mit einer lebendigen Empfindung für das, was da kommen sollte, die man nicht so eigentlich zur höchsten Blüte der damaligen Kultur rechnete. Das waren die neuen Kräfte, aber zuweilen sogar aus den untersten Schichten des Volkes geboren. Weil das komplizierte soziale Leben der oberen tonangebenden Kreise, wenn es sich eine Zeitlang entwickelt hat, niedergehen muß, namentlich aber die Wissenschaft mit ihren Begriffen, Ideen und so weiter an einem Rand ankommt, wo sie sich nicht weiterentwickeln kann, muß etwas Neues, das Volkstümliche, eingreifen. Da haben wir einen großen Umschwung vor uns hingestellt. In gewisser Beziehung stehen wir heute wieder vor einem Umschwung. Dasjenige, was mit großer Hingabe errungen ist als wissenschaftlicheGedanken und Ideen, das ist tatsächlich an einem Punkte angekommen, dem gegenüber sich jeder Einsichtige sagen muß: es geht wirklich nicht weiter -- die wissenschaftlichen Begriffe und Ideen, die heute in offiziellen Strömungen getrieben werden, stehen vor einem Verfall. Und überhaupt die ganze Art, wie das geistige Leben angefaßt wird da, wo die großen Strömungen dieses geistigen Lebens fließen, ist in einem vollen Verfall. Ich möchte mit einigen krassen Worten schildern, wie dieser Verfall wirklich mit verhältnismäßig schnellen Schritten beobachtet werden konnte von denjenigen, die überhaupt so etwas beobachten.
[ 3 ] Wenn man teilgenommen hat an dem Leben, wie es sich auslebte in der Literatur, durch Bücher und dergleichen, in der Wissenschaft, dann wuchs man dazu mit einem Ernst heran, mit einem gewissen, heute schon als altväterisch angesehenem Ernst, den man gar nicht mehr versteht. Der ganze Ton von Wochenschriften zum Beispiel war in den siebziger Jahren wesentlich anders, als er heute ist. Er war, wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen, viel, viel gediegener. Es gab dazumal ganz bestimmte Ansichten innerhalb dieser geistigen Strömung, wie man sich verhält zum Drama, zur Lyrik und so weiter. Das ist abgekommen, wie man damals gedacht hat. Dazumal gab es auch eine bestimmte Art zu dichten, indem man weniger strengen Anforderungen genügte, zum Beispiel Dramen zu schreiben bei kleinen festlichen Gelegenheiten, mehr zum Spaß, zum Scherz. Da war manchmal ganz gutes Talent darinnen. Insbesondere die Studenten bei ihren Versammlungen führten Dramen auf, in denen ganz gutes Talent darin war. Nun wurde man etwas älter und konnte Umschau halten über die literarischen Strömungen, und man fand darunter geschätzte Produkte, die aber ganz genau dasselbe waren, was man früher nur für den Tag reif gehalten hatte. Das wurde literaturreif für die geistige Bewegung. Um nicht gar zu sehr Anstoß zu erregen, möchte ich keinen Namen nennen. Heute stehen wir bereits vor dem Punkte, daß wir im weitesten Umkreis überall — ganze Buchhändlerläden sind damit ausgefüllt — nichts anderes haben als gedruckte Trivialitäten. Noch vor dreißig bis vierzig Jahren wäre es einem um die Tinte leid gewesen, um sie aufzuschreiben. Wenn der Mensch in einem solchen Umschwung darinnensteht, beurteilt er die Dinge nicht kraß genug, aber so wird die Kulturgeschichte einmal unser Ende des 19. Jahrhunderts zu charakterisieren haben. So stehen wir in der Tat vor einem Verfall des hergebrachten geistigen Lebens, und leicht könnte man das nachweisen an dem Verfall der wissenschaftlichen Theorien. Daher dürfen wir uns nicht verwundern, wenn dasjenige, was auftreten soll als eine neue geistige Bewegung, was zuführen soll der menschlichen Entwickelung etwas Neues, wenig Zuspruch findet bei dem, was man heute offizielles geistiges Leben nennt; wenn die Angehörigen dieser Kreise sagen: Da gibt es solche Vereinigungen von halben Narren, die sich Theosophen nennen, das sind im Grunde recht ungebildete Leute meist — und so weiter. — Das sind Notwendigkeiten, die in jedem Übergangszeitalter vorhanden sind. Es müssen von unten auf frische Kräfte kommen, und was so aufsprießt, das wird dann für das spätere Zeitalter dasjenige, was notwendig ist, um wirklich eine aufsteigende Bewegung herzustellen. Nun sagte ich Ihnen: zwei Zeitalter haben wir hingehen sehen. Das Zeitalter von Augustinus bis Calvin etwa war ein Zeitalter, welches vorzugsweise alle Seelenkräfte des Menschen, alle Kräfte des Menschen zu verinnerlichen suchte. Verinnerlichung war auf allen Gebieten in dieser Zeit zu sehen; äußere Naturwissenschaft wurde weniger getrieben, der Blick des Menschen war weniger auf die äußeren Naturgesetze und -erscheinungen gerichtet. Im Ausgangspunkt des Augustinus selber, in dem wir in gewisser Art vorgebildet sehen unsere geisteswissenschaftliche Gliederung des Menschen, in dem finden wir den Gedanken eines Hereinwirkens übersinnlicher Mächte, die sich des Menschen als Werkzeug bedienen. Im weiteren Verlaufe dieser Epoche — was begegnen uns da für merkwürdige Erscheinungen, die Mystik Meister Eckharts, Susos, Johannes Taulers und vieler anderer. Wenn auch die äußere Wissenschaft in dieser Epoche in den Hintergrund trat, so finden wir in ihr eine andere merkwürdige Art, die Natur mit genialischem intuitivem Blick zu umspannen. Wir sehen, wie sich das erhöht in solchen Menschen wie zum Beispiel Agrippa von Nettesheim. Solche Erscheinungen wie Paracelsus, Jakob Böhme treten uns entgegen als die Früchte dieser Vertiefung der menschlichen Seele in jenen Jahrhunderten. Solch eine Strömung kann immer nur eine bestimmte Zeit hindurch dauern. Sie hat eine aufsteigende Richtung, eine Kulmination, einen Höhepunkt und eine absteigende Linie. Abgelöst wird in der Regel eine solche Richtung von etwas, was in bestimmter Weise sich wie ein Gegenbild ausnimmt.
[ 4 ] In der Tat sind die nächstfolgenden Jahrhunderte wie ein Gegenbild zu dieser Strömung. Das verinnerlichte menschliche Seelenbild wird nach und nach vergessen. Es treten die Zeiten auf, in denen die Naturwissenschaft so unendliche Triumphe errungen hat. Die großen Erscheinungen eines Kopernikus, Kepler, Galilei treten auf bis zu denjenigen des 19. Jahrhunderts wie Julius Robert Mayer, Darwin und so weiter. Eine Unsumme von äußeren Tatsachen wird heraufgefördert.
[ 5 ] Und doch unterschieden sich die Menschen zu Beginn der neuen Epoche von den späteren. Ein Mensch wie Kepler zum Beispiel, der so bedeutende Wirkungen auf die physikalische Naturwissenschaft gehabt hat, war ein frommer Mann, ein Mann, der tief, tief in seinem Inneren sich mit dem Christentum verbunden fühlte. Und Kepler, der Entdecker der drei Keplerschen Gesetze, die im Grunde nichts weiter sind als in mathematische Formeln gekleidete Zeit- und Raumgesetze, also etwas ganz Mechanisches, oh, dieser Kepler — er verwendete viel mehr Zeit als auf solche Entdeckungen darauf, zu erklären, wie es in der großen Welt damals zugegangen ist, als auf der Erde sich das Mysterium von Palästina abgespielt hat; wie Saturn, Jupiter und Mars zueinander gestanden haben, als der Christus Jesus geboren worden ist. Darauf waren des großen Kepler Gedanken gerichtet. Er konnte dasjenige, was er über die Wissenschaft des Sternenraumes rein mathematisch zu sagen hatte, der Menschheit geben. Das, was er in seinem Herzen, in seinem tiefsten Herzen trug, blieb sein Eigentum in einem Zeitalter, das dem äußeren Leben nur gedient hat.
[ 6 ] Oder nehmen Sie Newton. Wo beriefe man sich nicht auf Newton als den Entdecker der Gravitationsgesetze? Wo würde dann aber auch betont - wenn Haeckel zum Beispiel über die epochemachende Erscheinung des Newton spricht -, wo würde dann betont, daß Newton so christlich war, daß er in seinen stillsten und heiligsten Stunden in seiner Art einen Kommentar zur Apokalypse geschrieben hat? Den konnte er aber der Menschheit nicht geben. Das rein mechanische Gesetz der Schwere hat er der Menschheit in dem Zeitalter geben können, das gewidmet ist dem äußeren Zusammenfassen der Naturerscheinungen. Und dieses Zeitalter, das ist eben mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts abgelaufen.
[ 7 ] Nun beginnt ein Zeitalter, das notwendigerweise wieder ein Gegenbild zu dem vorigen darstellen muß. Und die Aufgabe, dieses Gegenbild vorzubereiten, das da weiter wirken soll in einem solchen Sinne, daß das alles kommen kann, wovon wir oftmals gesprochen haben, das ist die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, die wiederum eine Vertiefung der menschlichen Seele bringen muß. Aber es muß jedes Zeitalter anders wirken als die vorhergehenden. Es wäre falsch, einfach so zu studieren, wie das von Augustinus bis Calvin richtig war. Wir mögen solche Erscheinungen auf uns wirken lassen, wir müssen aber wissen, daß wir heute, nachdem ein solches Zeitalter der Naturwissenschaft da war, anders die spirituelle Welt suchen müssen als dazumal. Gibt es denn außer dem, was sich der Mensch im Abstrakten denken kann, noch etwas anderes, woraus man erkennen kann, daß der Mensch wirklich in die Notwendigkeit versetzt ist, daß der Mensch gezwungen ist, die Welt in jedem Zeitalter neu zu erfassen?
[ 8 ] Wenn man sich heute zum Beispiel in Paracelsus vertieft, ist er wirklich für die heutige so triviale äußere Forschung ein unergründlicher Geist, ein Geist, der insbesondere tief hineingeschaut hat in dasjenige, was die Geheimnisse des Heilens, der Medizin sind. Und wer sich vertieft in dasjenige, was er zu sagen hatte über die Heilung dieser oder jener Krankheitsform, der wird ganz Gewaltiges, Grandioses aus Paracelsus lernen können. Nehmen wir an, es würde sich ein auf der Höhe, auf der wirklichen Höhe des geistigen Lebens unserer Zeit stehender Arzt so vertiefen, daß er diese Vertiefung praktisch machen wollte, anwenden wollte, was sich aus den Anweisungen des Paracelsus ergeben würde - für gewisse große Dinge würden sich da noch ganz richtige Sachen ergeben; aber manches könnte sich der Arzt der Gegenwart nicht mehr aneignen. Denn wenn er manche Mittel, die dort angegeben sind, anwenden würde, so würde das nichts helfen, weil schon seit dem 16. Jahrhundert die menschliche Natur eine andere geworden ist, weil sich alles in der Welt ändert und alles fortschreitet. Die Dinge draußen gehorchen unserem willkürlichen, in Schritten sich bewegenden Wissen nicht. Sie schreiten vorwärts, und wir haben die Aufgabe, nachzuforschen mit unserem Wissen, unserer Erkenntnis. Wir müssen neu lernen, so wie Paracelsus gelernt hat. Und wenn wir am treuesten so tun, wie er getan hat, so werden wir für mancherlei in gewisser Beziehung etwas ganz anderes finden. So haben wir in unserer Zeit ganz besondere spirituelle Aufgaben.
[ 9 ] Nun möchte ich in einigen großen Zügen charakterisieren, wie es in den Sternen geschrieben ist, daß die Kultur der Menschheit für die nächste Zukunft fortschreiten muß. Nicht in der Hand der Menschen liegt es allein, dieser Kultur eine Richtung zu geben. Die alten Ansichten würden zu dem Umschwung in den wirklichen Verhältnissen eben nicht passen. Die Dinge nehmen ihren Gang, und Geisteswissenschaft hat die Aufgabe, sich zu sagen, welchen Gang die Dinge nehmen, sie gibt uns die Anleitung, unsere Zeit zu verstehen.
[ 10 ] Wir stehen in der Morgenröte eines ganz neuen menschlichen Lebens und Denkens. Drei Dinge sind im menschlichen Geistesleben von besonderer Bedeutung und Wichtigkeit, und diese sind: erstens die Religion, zweitens die Wissenschaft und drittens das Zusammenleben der Menschen überhaupt, die Gefühle und Empfindungen, welche die Menschen füreinander entwickeln, das, was sich in sozialer Beziehung abspielt. Diese drei sind die allerwichtigsten, so daß es von ganz besonderer Wichtigkeit ist, in den aufeinanderfolgenden Epochen zu verfolgen, welche Gestalten diese drei annehmen müssen, dasjenige, was als Religion, als Wissenschaft oder soziales Leben in Betracht kommt. Und da gibt es gewisse Forderungen, die der Mensch einfach verstehen muß, die nicht in seiner Hand liegen.
[ 11 ] Warum müssen sich denn von Epoche zu Epoche Religion, Wissenschaft und soziales Zusammenleben ändern? Einfach deshalb, weil sich die menschliche Natur ändert. Wir lernen nicht umsonst, daß die menschliche Natur aus verschiedenen Gliedern besteht. Zu einem bloß theoretischen Aufzählen lernen wir nicht, daß der Mensch besteht aus physischem Leib, Lebensleib und Astralleib mit Empfindungs-, Verstandes- und Bewußstseinsseele, damit da ein paar Leute etwas zu tun haben und sich diese Einteilungen aneignen können. Wir lernen diese Einteilungen, weil sie eine durchgreifende Bedeutung haben für das menschliche Leben. Und ahnen können Sie diese durchgreifende Bedeutung, wenn Sie zurückdenken, wie zum Beispiel in derjenigen Kultur, welche die ägyptisch-chaldäische war, es vorzugsweise ankam auf die Empfindungsseele. Da wirkten die höheren Wesenheiten vor allem auf diese. Und in der griechisch-lateinischen Zeit, in der Zeit, in welche die Entstehung des Christentums fällt, wirkte alles dasjenige, was von den göttlich-geistigen Höhen hereinwirkte in die Menschheit, auf die Verstandesseele. Und heute wirkt das auf die Bewußtseinsseele. Wir verstehen gar nichts von den Beziehungen des Menschen zu den großen Kräften der Welt, wenn wir nicht wissen, wie diese Menschennatur gegliedert ist. Was bereiten wir denn vor, indem wir uns heute der geisteswissenschaftlichen Einsicht hingeben? In unserer Zeit ist es besonders die Bewußtseinsseele, welche kultiviert wird. Alles äußere Denken und Wissen, alles nützliche Denken, dieses Denken nach dem Nützlichkeitsprinzip, beruht in gewisser Beziehung auf der Ausbildung der Bewußtseinsseele. Aber in diese drängt sich schon etwas wie ein eigenes Licht des Geistselbstes hinein. Nun ist das Merkwürdige, daß wir in unserer Zeit zwei nebeneinanderlaufende Strömungen haben, eine, die hinuntersaust in den Verfall, und eine solche, die aufsteigt zu künftiger Blüte. Diejenige, die hinuntersaust in den Verfall, ist noch nicht angekommen in dem Verfall. Sie ist es zugleich, aus der herauswachsen die großen Entdeckungen, die noch eine ungeheure Zukunft haben. Auch das hat seine segensreichen Wirkungen. Gewiß, noch lange wird die Menschheit Segen haben von dem, was doch dem Verfall entgegengeht. Aber die Art des Denkens, welche Luftballone erfindet, ist die des Verfallsdenkens. Und dasjenige Denken, das sich befaßt mit der Menschheitsgliederung, ist das Denken der Menschheitszukunft.
[ 12 ] Aber einen gemeinsamen Übergang zeigen diese zwei doch. Das können wir auf allen Gebieten sehen. Ich möchte Ihnen jetzt zuallererst ein recht praktisches Beispiel anführen: das Gebiet des Geldverkehrs. Das hat sich im 19. Jahrhundert ganz beträchtlich geändert. Da ist ein ungeheurer Umschwung geschehen. Wenn Sie verfolgen die unmittelbar vorhergehende Zeit vor dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, so war das in bezug auf alle Geldspekulation an der Individualität, an der Persönlichkeit haftend. Die rein finanziell-spekulative Genialität der Rothschilds war es, die das Geld überall hineingeführt und wieder zurückgeführt hat nach und von den Geldzentren. Und wenn wir die Geschichte der großen Bankhäuser verfolgen, so haben wir damals überall Musterbilder, wie der Geldverkehr ganz aus der Art des Menschen heraus vor sich ging, die auf der Bewußtseinsseele, auf dem einzelnen Menschen fußte. Das ist anders geworden. Nur redet man noch nicht viel darüber, weil das erst im Anfange ist. Heute herrscht nicht mehr ausschließlich die Bewußtseinsseele im Geldverkehr, heute herrscht etwas von einer Art Zusammenfassung: das Aktienkapital, die Gesellschaft, die Assoziation, dasjenige, was überpersönlich ist.
[ 13 ] Versuchen Sie einmal zu verfolgen, was sich heute erst im Anfange zeigt, und was immer mehr kommen wird. Es ist heute fast gleichgültig, wer als Persönlichkeit da oder dort steht. Was die Menschen hineingearbeitet haben in die Geldzirkulation, das arbeitet schon persönlichkeitslos, das arbeitet schon von selber. Da haben Sie in einer herabsteigenden Strömung das Übergreifen von der Bewußtseinsseele nach dem Geistselbst.
[ 14 ] Hier haben wir es in der Verfallsströmung; und wir haben es in der Strömung des aufsteigenden Lebens da, wo wir dasjenige suchen, was die einzelne tüchtige Persönlichkeit geleistet hat, wo wir suchen, durch Inspiration die Hilfe jener Mächte zu erringen, die aus der geistigen Welt uns die Inspirationen wieder geben werden. Auch da gehen wir hinauf von dem Persönlichen zu dem Überpersönlichen. So gibt es sowohl in bezug auf die Verfalls- wie auch in bezug auf die aufsteigenden Strömungen für die Zeitalter gemeinsame Charakteristiken. Besonders muß man sich aber hüten, in irgendeinem Zeitalter darauf Rücksicht zu nehmen, was in dem Zeitalter gerade als Autorität auftritt. Solange man nicht spirituelle Einsicht hat, wird man da sehr fehlgehen können.
[ 15 ] Das ist insbesondere auf einem Gebiete der Menschheitskultur der Fall, auf dem Gebiete der materialistischen Medizin, wo wir sehen, wie eben das maßgebend ist, was die Autorität in der Hand hat und immer mehr und mehr darauf Anspruch macht, wo das auf etwas hinauslaufen will, was viel, viel furchtbarer, schrecklicher ist als jemals irgendeine Autoritätsherrschaft des so viel angeklagten Mittelalters. Wir stehen schon heute darinnen, und das wird noch immer stärker und stärker werden, Wenn die Leute so furchtbar spotten über die Gespenster des mittelalterlichen Aberglaubens, dann möchte man wohl sagen: Ja, hat sich denn in bezug darauf etwas besonders geändert? Ist denn diese Gespensterfurcht etwa abgekommen? Fürchten die Leute nicht heute viel mehr Gespenster als dazumal? - Es ist viel schrecklicher, als man allgemein meint, was da vorgeht in der menschlichen Seele, wenn ihr vorgerechnet wird: Da auf der Handfläche sind 60 000 Bazillenherde. In Amerika ist ausgerechnet worden, wie viele solcher Bazillen in einem einzigen männlichen Schnurrbart sind. Müßte man sich also nicht doch entschließen zu sagen: Diese mittelalterlichen Gespenster waren wenigstens anständige Gespenster, aber die heutigen Bazillengespenster sind zu knirpshaft, zu unanständige Gespenster, als daß sie die Furcht begründen sollten, die zudem erst im Anfange ist, und die da macht, daß die Menschen gerade hier, auf gesundheitlichem Gebiet, in einen Autoritätsglauben geraten werden, der furchtbar ist. Da müssen wir sagen, wir sehen überall den Charakter der Übergangsepoche. Man muß nur die Erscheinungen in der richtigen Weise anschauen, überall sehen wir diesen Charakter.
[ 16 ] Nun fragen wir uns: Was sagen uns über die weitere Entwickelung auf diesen drei hauptsächlichsten Lebensgebieten die Sterne, die Lehren und Offenbarungen der Theosophie? Wie muß es in der Zukunft werden und wie müssen wir arbeiten, damit in die Bewußtseinsseele das schöpferische, fruchtbare Geistselbst im spirituellen Sinne in der rechten Art hinübergeleitet werden kann? Da sagen uns über diese zukünftige Gestalt die prophetischen Sterne, das heißt die Lehren der Geisteswissenschaft, etwa das Folgende: Religion ist nach der ganzen Art und Weise, wie man versucht hat, Religion in die Menschheitsströmungen hineinzubringen, in den verflossenen Jahrhunderten eine Verquickung von zwei Dingen, von denen das eine im strengen Sinne des Wortes nicht eigentlich Religion genannt werden darf; das andere ist Religion.
[ 17 ] Was ist denn in Wirklichkeit Religion? Das ist doch etwas, was wir charakterisieren müssen als eine Stimmung der Menschenseele: die Stimmung für das Geistige, für das Unendliche. Im Grunde können wir sie gut charakterisieren, wenn wir anfangen bei dem Einmaleins dieser Stimmungen, die dann nur bis zum Höchsten hinauf gesteigert werden müssen. Wenn wir über die Wiese gehen und eine offene Seele haben für das, was da grünt und blüht, so werden wir etwas Freudiges empfinden für die Herrlichkeiten, die sich offenbaren durch die Blumen und Gräser, durch dasjenige, was sich in der Landschaft spiegelt, was in der Tauperle glänzt. Wenn wir eine solche Stimmung aufbringen, wenn dabei unser Herz aufgeht, dann ist das noch nicht Religion. Das kann erst dann Religion werden, wenn sich dieses Gefühl steigert für das Unendliche, das hinter dem Endlichen ist, für das Geistige, das hinter dem Sinnlichen ist. Wenn unsere Seele so fühlt, daß sie die Gemeinschaft mit dem Geistigen empfindet, dann entspricht diese Stimmung demjenigen, was in der Religion lebt. Je mehr wir in uns diese Stimmung für das Ewige steigern können, desto mehr fördern wir die Religion in uns oder anderen Menschen.
[ 18 ] Nun aber hat es die notwendige Entwickelung der Zeit dahin gebracht, daß dasjenige, was so im Grunde genommen Impulse sein sollen, die das menschliche Empfinden und Fühlen von dem Vergänglichen auf das Unvergängliche hinlenken, verquickt worden ist mit gewissen Ideen und Anschauungen, wie es in dem Reiche des Übersinnlichen ausschaut, wie es da darinnen beschaffen ist. Dadurch aber ist Religion in gewissem Sinne verknüpft worden mit dem, was eigentlich Geisteswissenschaft ist, mit dem, was eigentlich als Wissenschaft angesehen werden muß. Und wir sehen heute, wie in diesem Kirchenglauben dann Religion in dieser oder jener Form nur aufrechtzuerhalten ist, wenn gleichzeitig ganz bestimmte Lehrsätze aufrechterhalten bleiben. Dadurch wird aber das erzeugt, was man nennen kann das starre dogmatische Festhalten an gewissen Vorstellungen über die geistige Welt. Derartige Vorstellungen müßten natürlich fortschreiten, weil der menschliche Geist fortschreitet. Über ein solches Fortschreiten sollte sich das eigentlich richtige religiöse Gefühl am meisten freuen, weil dieses Fortschreiten die Herrlichkeiten der göttlich-geistigen Welt um so größer, bedeutungsvoller zeigt.
[ 19 ] Wahres religiöses Gefühl würde nicht Giordano Bruno dem Scheiterhaufen überliefert haben, sondern es würde gesagt haben: Oh, es ist Gott groß, daß er Menschen dieser Art auf die Erde herunterschickt und durch sie solche Dinge offenbart. - Damit wäre neben dem religiösen notwendigerweise das Gebiet des wissenschaftlichen Forschens anerkannt worden, das sich sowohl auf die äußere Welt wie auf die geistige Welt erstreckt. Das muß fortschreiten, das muß von Epoche zu Epoche dem Menschengeist, der fortschreitet, angepaßt sein. In bezug auf dieses wissenschaftliche Forschen trat ein großer Umschwung ein, als das 16. Jahrhundert herankam. Vor dem Zeitalter des Kopernikus, Kepler und Galilei schaute es auf den Lehranstalten und Universitäten ganz sonderbar aus. Aristoteles ist gewiß ein großer Weiser, aber was er getan hat, war das Größte für seine Zeit. Was das Mittelalter mit ihm gemacht hat, war ein sehr starkes Verkennen seines Geistes, und am Schluß hat man es gar nicht mehr verstanden, keine Ahnung mehr gehabt für das, was er gemeint hat. Dennoch hat man immer nach ihm gelehrt.
[ 20 ] Damit Sie sehen, wie sich das Wissen von Epoche zu Epoche nach dem Fortschreiten des Menschengeistes ändern muß, damit nicht Mißverständnisse entstehen, will ich auf ein mit Aristoteles zusammenhängendes Geschehnis näher eingehen. Aristoteles wirkte aus einer Zeit heraus, in der man noch ein Bewußtsein davon hatte, daß auch ein Atherleib in der menschlichen Natur vorhanden ist, nicht nur Blut, Nervenstränge und so weiter. Wenn man nun den Ätherleib etwa aufzeichnen würde, so würde man eine ganz andere Zeichnung bekommen, als wie die heutigen Anatomen diesen Menschen finden und ihn aufzeichnen. Wie man ihn heute aufzeichnet, darauf hat man in der Zeit, in der Aristoteles geschaffen hat, keinen großen Wert gelegt, denn man kannte noch den ätherischen Menschen. Wollte man den aufzeichnen, da müßte man ein Zentrum hier sehen, wo das Herz ist, und Strahlen zeichnen, die von da ausgehen, wichtige Strahlen, die aber dann zum Gehirn gehen und zu tun haben mit der ganzen Art und Weise, wie der Mensch denkt. Das Denken wird reguliert, wenn wir auf den Atherleib sehen, von einem Mittelpunkt aus, der in der Nähe des physischen Herzens ist. Und das hat Aristoteles dargestellt, um das Eigentümliche des Denkens zu veranschaulichen. Später verstand man nicht mehr, was Aristoteles wollte, und man fing an bei dem Worte, das unserem Worte «Nerv» entspricht, das, was im Organismus das Maßgebende für den Organismus des Denkens ist, zu verwechseln mit dem materiellen Nerv. Man glaubte, daß Aristoteles die physischen Nervenstränge meinte mit dem, was er als die ätherischen Strömungen beschrieb. Beim Übergang in die materialistische Zeit verstand man nicht mehr den Aristoteles. So können Sie sehen, daß man etwas ganz Falsches lernte. Man sagte, die Hauptnerven gehen vom Herzen aus. Nun kam die wissenschaftliche materialistische Forschung, wie Kopernikus, Galilei sie inaugurierten, und da kamen die Menschen darauf, daß dieNerven vom Gehirn ausgingen, nämlich die physischen Stränge. Und da fingen sie an zu sagen: Aristoteles hat unrecht. So waren Gegner des Aristoteles Kopernikus, Galilei und Giordano Bruno. Die mittelalterlichen Aristoteliker hielten nicht etwa an der Lehre des Aristoteles fest, sondern an dem, was sie sich träumten von Aristoteles. So konnte es kommen, daß, als Galilei einem Freunde, der Aristoteliker war,an einer Leiche zeigte, wie die Nerven nach dem Gehirn verlaufen, dieser Freund doch lieber dem Aristoteles als seinem eigenen Schauen vertraute. Er glaubte an das, was er sich einbildete von der Lehre des Aristoteles. Wir sehen also, wie dazumal übergeleitet wurde der Strom der spirituellen Wissenschaft bei Aristoteles, der Wissenschaft vom ätherischen Leibe, in die materielle Wissenschaft, deren Verdienste nicht geleugnet werden sollen, die zum Segen und Heile der Menschheit gewirkt hat und noch wirkt. Jetzt aber sind wir in einer Zeit, wo wir herauf müssen ins Spirituelle.
[ 21 ] Wir stehen unmittelbar vor einer Zeit, wo die Wissenschaft wiederum wird verstehen lernen müssen das eigentlich Geistige, wo die Wissenschaft das wird werden müssen, was man im Okkultismus Pneumatologie nennt, das heißt Geistlehre. Was war die Wissenschaft im verflossenen Jahrhundert? Die Lehre von abstrakten Ideen und Naturgesetzen, die keinen Zusammenhang mehr mit dem wirklichen geistigen Leben hatte. Die Wissenschaft steht vor dem Punkte, wo sie Pneumatologie werden muß, wo sie zum Geiste zurückkehren muß. Das steht in den Sternen der Theosophie geschrieben. Und da Religion immer die Stimmung bringen muß für das Geistige, so können eigentlich im Grunde genommen nur in denjenigen Zeitaltern Wissenschaft und Religion in Einklang arbeiten, wo die Wissenschaft in der Pneumatologie den Geist hineinarbeitet. Da kann die Wissenschaft die richtige Erklärerin des geistigen Lebens sein und die Stimmung unterstützen, die wiederum in der Religion leben sollte.
[ 22 ] Was beginnt, steht so in vollem Gegensatz zu dem, was abgelaufen ist. Nehmen wir zum Beispiel das, was abgelaufen ist in den verschiedenen evangelischen Religionsbekenntnissen: Wie hat man sich bemüht, ja nichts von wissenschaftlichem Denken hereinzulassen in das Gebiet, das dem Glauben gewidmet sein soll. Man denke an Luther und an Kant. Kant sagt, er müsse das Wissen aufheben, damit er für den Glauben an Freiheit, Unsterblichkeit und Gott freie Bahn habe.
[ 23 ] Da war die Wissenschaft auf das äußere, sinnlich Physische gerichtet, da kannte sie kein Interpretieren eines Übersinnlichen, Geistigen. Daher mußte man möglichst unverfälscht bewahren, was überliefert war an heiligen Urkunden. Das hatte seine gute Berechtigung. Jetzt stehen wir vor einem anderen Zeitalter, wo uns Theosophie hineinleitet in die geistige Welt, und jetzt werden wir sehen, wie nach und nach eine Zeit herannaht, wo dasjenige, was sich herausbildet, erreicht werden soll dadurch, daß gerade durch Theosophie Wissenschaft unterstützt und erleuchtet wird. Religion und Wissenschaft werden wiederum zusammenarbeiten im nächsten Zeitalter. Wissenschaft wird etwas werden, was für alle Menschen nach und nach gelten muß. Für jeden Menschen wird es verständlich werden. Daher wird dasjenige, was sich anbahnt als paralleler Verlauf von Religion und Wissenschaft, im umfassendsten Sinn erzeugen, was man nennen könnte Individualismus in der Religion: Jedes einzelne Herz wird seinen Weg auf individuelle religiöse Art in die geistige Welt hinein finden. Das ist unserem Zeitalter vorgezeichnet, daß in individuellster, persönlichster Art dasjenige, was gemeinsame Wissenschaft im Geistigen sein kann, als Erklärer, als Führer auf religiösem Gebiet dienen wird.
[ 24 ] Wiederum zeigt sich auf merkwürdige Weise, wie auch hier im Verfall das persönliche Moment auf etwas Überpersönliches hinweist. Auch die Verfallserscheinungen zeigen das. Und wie zeigt sich dieses Hinweisen auf ein Überpersönliches in gewissen kirchlichen Verhältnissen? Was war es denn im Grunde, als man in einer gewissen Kirche durch diejenigen, die ihre Hüter sind, appellierte an die Inspiration? [... Lücke] Die Dinge müssen durchaus in bezug auf ihren spirituellen Charakter gesehen werden. Manches, was heute insbesondere auf dem Gebiete des religiösen Lebens der verschiedenen Konfessionen sich zeigt, deutet auf dieses Hereinleuchten des Geistselbst in das, was wir Bewußtseinsseele nennen, im aufsteigenden wie im absteigenden Sinne.
[ 25 ] Insbesondere zeigt sich das im dritten der drei Gebiete des menschlichen Geisteslebens. Da wird sich eine Erkenntnis verbreiten, eine Erkenntnis, von der die heutige Lebenspraxis eigentlich noch gar keine Ahnung hat. Ein Grundsatz dieser Erkenntnis wird sein, daß das Glück eines einzelnen Menschen niemals wird erkauft werden können auf Kosten des minderen Glückes der anderen. Es wird in der Zukunft das persönliche Moment übergeleitet werden in das überpersönliche, und das egoistische in das überegoistische, in dasjenige, was die Menschen verbindet. Nach und nach wird ein Mensch nicht glücklich sein wollen, ohne daß er die anderen in dem gleichen Maße glücklich weiß. Diese Stimmung, von der heute das Gegenteil Lebenspraxis ist, bereitet sich vor. Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Stimmung zu erzeugen, und das ist die Erkenntnis des wirklichen menschlichen Wesenskernes und seiner Zusammensetzung, wie die Geisteswissenschaft sie uns gibt. Man muß den Menschen kennen, wenn man Mensch sein will.
[ 26 ] Diese drei Dinge sehen wir im Ausgangspunkt ihrer Entwickelung. Was soll Geisteswissenschaft? Sie soll uns verstehen lehren alles, was kommen muß. Nun will ich radikal sagen, wie sich die Menschen dazu stellen können. Ich will eine Weile hypothetisch annehmen, daß dasjenige, was heute Theosophie ist und noch eine ganz kleine Strömung darstellt, von denjenigen, die damit in Berührung kommen, als eine Phantasterei und Träumerei angesehen würde, und daß sie niedergedrückt würde. Es würden diejenigen, die auf dem Standpunkt der Antisophie stehen, einfach unmöglich machen das Gedeihen der Theosophie, denn die Wissenschaft steuert der Antisophie zu. Dann würde man kein Verständnis gewinnen können für dasjenige, was Ihnen geschildert worden ist als die notwendige, in den Sternen geschriebene Entwickelung von Wissenschaft, Religion und menschlicher Lebenspraxis. Dann würden die Menschen sich ausschließen von dem Verständnis dieser Dinge. In welchem Falle wären dann die Menschen? Die Menschen wären dann auf der Erde wie eine Herde irgendeiner Tierart, welche in ganz fremde klimatische Verhältnisse geraten wäre, in die sie sich nicht hineinversetzen kann. Die Folge davon wäre, daß die Tiere verkümmern, nach und nach zugrunde gehen. So würden die Menschen alle dem Verfall, der Dekadenz, dem frühzeitigen Untergang anheimfallen. Nicht durch Aussterben etwa. Sie würden vertieren, was viel schlimmer wäre als das Aussterben, so daß nur die niedrigen Leidenschaften und Triebe und Begierden wirklich noch leben würden; daß die Menschen nur verlangen würden, dies oder jenes zu essen, und allihr Denken würden die Menschen verwenden, um eben dieses Essen herstellen zu können. Sie würden Fabriken bauen, um das beste Mehl, das beste Brot herzustellen, Schiffe und Luftballone, um von den fernsten Gegenden her die Früchte zu bringen und diejenigen Produkte zu liefern, die sie genießen wollen. Sie würden ungeheuren Scharfsinn verwenden für das «Steigen der Kultur» — das würden sie nämlich Kultur nennen. Unendliche Intelligenz, Geisteskraft würden sie dazu verwenden, aber doch nur, um zuletzt den Tisch zu decken. Man soll das nur überdenken von diesem Gesichtspunkt aus, was die Phrase von der steigenden Kultur bedeutet! Ist nicht das das Wesentliche davon, daß unendliche Geisteskraft darauf verwendet wird? Wenn wir sie nur dazu verwenden, um zu telegraphieren: Ich brauche so und so viele Mehlsäcke -, dann ist große Geisteskraft darauf verwendet, um irgend etwas herzustellen, was zuletzt doch nur dem dient, was man das Tier im Menschen nennen kann, Spiritualität und Intelligenz sind zwei total verschiedene Dinge. Das materialistische Zeitalter führt zu einem Höhepunkt der Intelligenz und intelligenter Kultur. Das hat aber nichts zu tun mit Spiritualität. Nehmen wir an, die Menschen würden so ausgeschaltet sein. Was würden die Götter tun müssen? Sie würden sich sagen: Nun haben wir ein Geschlecht gehabt, das nicht verstanden hat, was Erdenmission ist. Da müssen wir ein anderes Geschlecht hinuntersenden, ein Geschlecht von Seelen, die dann die Erdenmission zustande bringen werden.
[ 27 ] Kleine Kreise werden aber schon Verständnis finden für dasjenige, was spirituelles Leben der Zukunft sein muß, und daher wird die Erdenmission durch die Menschen zu Ende geführt werden, und dasjenige, was unsere fünfte nachatlantische, der Bewußtseinsseele gewidmete Kultur, als sechste ablösen wird, das wird schon von einem kleinen Kreise von Menschen, die sich verteilen werden in die ganze übrige Menschheit, geleistet. Aber das kann nur dann geleistet werden, wenn doch der freie Wille der Menschen eingreift. Denn nachdem einmal das Ich eingeschlagen hat in die Menschennatur, muß der Mensch auch den freien Willen für die Entfaltung des Ich entwickeln. Also das hängt ab von jedem Einzelnen, ob er Verständnis entgegenbringen will dem Spirituellwerden, oder ob er dem Abstieg, den heute die Menschheit nimmt, zusteuern will.
[ 28 ] Lebenspraxis muß entwickelt werden in bezug auf ein Erreichen des Grundsatzes, daß dasGlück des Einzelnen nicht auf Kosten des Glückes des anderen erlangt werden kann. Will es der Mensch nicht verstehen, so fördert er die abwärtsgehende, verdorrende, vertierende Entwickelung der Menschheit. Heute stehen wir in gewisser Beziehung als Menschen vor diesem Entschluß: Geisteswissenschaft zu wollen oder nicht zu wollen, und das heißt, entweder den Aufgang oder den Niedergang der Menschheit zu wollen. Das sollen wir bei allem fühlen, was wir treiben im einzelnen, sollen fühlen, daß wir durch unser Karma hingestellt worden sind wie ein neues Material in die Entwickelung der Menschheit, wie diejenigen, die hergeben sollen ihre Kräfte als elementare Kräfte, die sich hinaufarbeiten müssen.
[ 29 ] Wenn wir so fühlen, wird schon in uns Theosophie praktisches Empfinden, praktisches Fühlen, und es legt sich in unser Herz das Bewußtsein dessen, was wir eigentlich tun, wenn wir die scheinbar unbedeutende Tätigkeit entwickeln, welche wir in solchen anthroposophischen Zweigen entwickeln. Nicht wie eine Liebhaberei, eine Schrulle einzelner, sondern wie das Verständnis für die tiefsten Bedürfnisse eines neu aufgehenden Zeitalters.
[ 30 ] Zeigen wollte ich Ihnen, wie die Dinge ineinandergreifen, damit wir den Fortgang der Menschheit wirklich verstehen können. Denken Sie einmal nach über den Satz, daß der Mensch ein selbstbewußtes Wesen ist, daß er also wissen muß, was er ist, und nur dadurch, daß er sich kennt in seiner Wesenheit, seine Bestimmung in der Welt ausfüllen kann; daß also alle diejenigen, die nichts wissen wollen über das Wesen des Menschen, nicht den Willen haben, sich in die Welt in der rechten Art hineinzustellen. Erinnern Sie sich, wie ein Geist gesprochen hat, der vieles von dem geahnt hat, was als Theosophie heute aufgeht. Johann Gottlieb Fichte hat einmal gesprochen von seinen hohen Ideen in den Vorlesungen «Über die Bestimmung des Gelehrten». Als er eine Vorrede zu diesen Vorlesungen schreiben wollte, fiel ihm ein, jetzt wird das hinausgehen zu den Menschen, die aber doch nur sagen werden: Ja, recht schöne Ideen, aber unpraktisch. Wie kann man einführen ins Leben dasjenige, was da gesagt wird? - Doch Fichte war sich durchaus dessen bewußt, daß das Leben fortwährend von Ideen geleitet wird.
[ 31 ] Es sei hier auf ein Beispiel hingewiesen. Wer hat den Simplontunnel gebaut? Kein Ingenieur kann heute arbeiten ohne Differential- und Integralrechnung. Leibniz, der die Differential- und Integralrechnung erfunden hat, baut im Grunde alle Tunnels und Brücken in unserer Zeit. Das Geistige ist überall das Leitende in allem im Leben, und wir können lernen aus dem, was Fichte geschrieben hat, lernen, uns zu kräftigen in unserem theosophischen Bewußtsein, wenn die Leute sagen: Ach, das sind so verschrobene Ideen, nichts Praktisches. — Fichte sagt dazu: Daß Ideen nicht sich so unmittelbar ins Leben umsetzen lassen, das wissen wir anderen auch, ebenso wie diejenigen, die uns das entgegenhalten. Vielleicht wissen wir das sogar besser. Daß aber deshalb die anderen überhaupt nichts wissen wollen von Ideen, das beweist bloß, daß die weise Weltenlenkung, die göttliche Weltregierung nicht wird auf sie zählen können. Möge ihnen daher eine gütige Natur, an die sie glauben, zur rechten Zeit Regen und Sonnenschein, eine gute Verdauung und, wenn möglich, auch einige gute Gedanken verleihen. In gewisser Beziehung können wir uns kräftigen, indem wir uns sagen: wir wissen doch, daß wir pflegen müssen als Theosophen das Verständnis für das, was da kommen muß. Möge den anderen eine gütige Natur das geben, was Fichte sagte, dasjenige aber auch, was sie im Geiste brauchen, dasjenige, wovon sie glauben, daß sie es nicht brauchen. Möge ihnen der Geist immer klügere und klügere Gedanken geben, so daß auch sie Geisteswissenschaft nicht als eine Träumerei ansehen, sondern als wichtigen Impuls für die Menschheit erkennen werden!
