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The Rudolf Steiner Archive

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Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
Das Christus-Ereignis
als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution
GA 127

7 Januar 1911, Wiesbaden

2. Auswirkung moralischer Eigenschaften auf das Karma

[ 1 ] Es ist im Laufe der geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, die uns ja oftmals in ganz besondere Höhen des Daseins führen, vielleicht auch manchmal gut, von unseren geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten aus einige Blicke zu werfen auf das alltägliche Leben, auf das Leben, das uns fortwährend umgibt. Denn wenn man dabei einigen guten Willen und richtigen Blick mitbringt, so kann man gerade von einer Anwendung der Geisteswissenschaft auf das alltägliche Leben die wichtigsten Einblicke tun in die Wahrheit und in die Beweiskraft dessen, was eben auf diesem Felde gesucht wird.

[ 2 ] Unter den bedeutsamsten Lehren, die uns auf geisteswissenschaftlichem Felde entgegenkommen, ist zweifellos diejenige von der Verursachung des späteren Erdenlebens durch das vorhergehende, das, was wir Karma nennen. Nun denkt gewiß der 'Theosoph in den meisten Fällen, wo von Karma die Rede ist, an die Ursachen, die für ein Leben in den vorhergehenden Lebensläufen liegen. Da kann dann leicht von den Leuten, die dem geisteswissenschaftlichen Streben noch ganz ferne stehen, der Einwand erhoben werden: Wie sollen solche Dinge bewiesen werden? — Natürlich wissen wir, wie unmöglich, wie kindlich im Grunde genommen ein solcher Einwand ist. Wenn sich der Mensch nämlich die Mühe nimmt, tiefer einzudringen in das, was durch die Geisteswissenschaft gegeben wird, so merkt er, wie wohl begründet alles ist, was über das Karma gesagt werden kann. Aber es ist immerhin auch gut, wenn man hinweist auf die Erfahrungen, Beobachtungen, die schon für den Menschen zugänglich sind, der noch weit entfernt ist von Hellsichtigkeit oder von theosophischen Beobachtungsmethoden sonst. Karma wirkt nämlich nicht bloß, wenn wir es richtig verstehen, von einem Leben ins andere hinüber, sondern durchaus schon in einem Leben, das wir durchmachen zwischen Geburt und Tod. Nur ist natürlich das, was die Menschen gewöhnlich vom Leben beobachten, tatsächlich eine so kurze Zeit des Menschenlebens, daß sich da nicht viel ergeben kann vom Herüberwirken früherer Ursachen in spätere Wirkungen. Überblicken wir fünf oder sechs Jahre, so kommt allerdings nicht viel heraus. Aber wenn wir längere Zeiträume auch zwischen Geburt und Tod betrachten, soweit das nur immer möglich ist, so kann sich uns schon vieles von Bewahrheitung des Karma ergeben. Das erweist sich auch an ganz äußeren Dingen.

[ 3 ] Ich möchte dies Einleitende nicht als etwas besonders Theosophisches vorbringen, sondern nur zeigen, daß auch für die allergewöhnlichsten Dinge schon größere Zeiträume nötig sind, um auf einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu kommen. Für den, der es sich angelegen sein läßt, das Leben zu beobachten, darf ich wohl darauf hinweisen, daß ich viel Gelegenheit gehabt habe, Kinder zu beobachten. Das ist jetzt lange her, daß ich Kinder unterrichtet habe. Aber wenn man vier Buben einer Familie durch viele Jahre hindurch unterrichtet hat, so hat man nicht nur Gelegenheit, diese vier Kinder zu beobachten, sondern auch die Kinder der Bekannten und so weiter. Man hat immer viel Gelegenheit, das, was diese oder jene Kinder tun, oder was mit ihnen getan werden kann, zu registrieren. Nun war dazumal eine ganz besondere medizinische Note vorhanden, die ja jetzt, Gott sei Dank, stark im Schwinden ist: man hielt es für nötig, den kleinen Knirpsen, wenn sie recht stark werden sollten, ein Gläschen Rotwein hinzustellen, nicht nur zu einer Mahlzeit, sondern zu mehreren sogar. Man hielt das für etwas ganz Vortreffliches. Ich konnte viele Kinder beobachten, die so mit Rotwein aufgezogen wurden, und andere Kinder, deren Eltern sich geweigert hatten, dieses mitzumachen. Heute sind diese Kinder, die damals zweieinhalb bis vier Jahre alt waren, Menschen, die über dreißig oder gegen vierzig Jahre alt sind. An den Kleinen, die damals zu ihrer Stärkung mit Rotwein traktiert wurden, ist zu beobachten, was für zapplige, nervöse Menschen sie geworden sind. Sie unterscheiden sich sehr deutlich für den, der beobachten will, von denen, die nicht Rotwein getrunken haben als Kind. Da kommt also schon fast ein Vierteljahrhundert in Betracht, um das beobachten zu können.

[ 4 ] So ist es insbesondere wichtig, für die moralischen, ethischen Eigenschaften des Menschen in bezug auf karmische Auswirkungen längere Zeiträume ins Auge zu fassen. Heute möchte ich auf mehrere Eigenschaften hinweisen, die man verfolgen kann, wie sie auf die Seele, auf das Gemüt einwirken und wie sich schon in einem Leben das Auswirken des Karma recht tätig zeigt. Ich möchte einige gute und einige böse Eigenschaften aufzählen: Neid, Neidhaftigkeit, Lügenhaftigkeit, dann Wohlwollen und das, was wir so häufig finden bei jüngeren Leuten, das Staunen, die Verwunderung, und ähnliche Dinge. Nehmen wir zuerst die schlechten Eigenschaften, Neid und Lügenhaftigkeit. Nehmen wir an, wir können im Kindesalter Neid, Neidhaftigkeit beobachten. Wir wissen aus geisteswissenschaftlichen Beobachtungen, daß bei dem Menschen in den Gliedern seiner Wesenheit, die ihm gewöhnlich nicht bewußt sind, im Astralleib und Atherleib tätig sind besondere Mächte, im Astralleib die luziferischen Mächte, im Ätherleib die ahrimanischen Mächte, die Gegner der menschlichen Entwickelung sind. Alles, was mit dem Astralleib zu tun hat, wie Neid, kommt von den Versuchungen des Luzifer. Alles, was mit dem Ätherleib zu tun hat, wie Lügenhaftigkeit, sind Versuchungen des Ahriman. Bei einem neidischen Kinde ist der Astralleib von Luzifer in einer gewissen Weise erfaßt, da haben die luziferischen Wesenheiten ihre Angriffspunkte. Für Neid und Lüge gilt etwas sehr Bezeichnendes: Von den primitivsten Menschen an bis zu den entwickeltsten Führern der Menschheit gelten Neid und Lügenhaftigkeit für sehr verwerfliche Eigenschaften. Sobald der Mensch einsieht, er sei neidisch oder lügenhaft, dann taucht in der Seele auf ein Empfinden von dem Verwerflichen dieser Eigenschaften. Man will sie sich mit aller Macht abgewöhnen. Gerade Neid und Lügenhaftigkeit werden ganz instinktiv als verwerflich erscheinen. Goethe sagt, er müsse sich vieler Fehler zeihen, aber Neid finde er nicht auf dem Boden seiner Seele. Dasselbe sagt Benvenuto Cellini von der Lügenhaftigkeit. - Merkt jemand: Ich bin ein neidischer Mensch, so arbeitet er ganz instinktiv daran, sich diese Eigenschaft abzugewöhnen. Aber sie kann sehr tief sitzen, so tief, daß er wohl streben kann, sich den Neid abzugewöhnen, aber er ist nicht stark genug, moralisch nicht stark genug. Da tritt etwas sehr Eigentümliches ein. Neid ist eine luziferische Eigenschaft. Wenn der Mensch merkt, er hat Anlagen zum Neid und daran arbeitet, sich ihn abzugewöhnen, so sagt sich Luzifer: Da ist Gefahr vorhanden, daß dieser Mensch mir entgeht. Luzifer und Ahriman sind dem Menschen gleich feindlich, aber untereinander sind sie gute Freunde. Da ruft Luzifer den Ahriman zu Hilfe, und der wandelt den Neid um in eine andere Eigenschaft. Der Neid erlebt eine Metamorphose, die so hervortrittin der menschlichen Seele, daß der Mensch, während er früher bei einem anderen Menschen das nicht wollte, jetzt zum Kritikaster wird, der alles mögliche aufsucht bei seinen Mitmenschen, um tadeln zu können. Diese Sucht, zu tadeln, ist nichts anderes als der umgewandelte Neid. Ist dies der Fall, dann hat einen Ahriman in den Klauen. Dieser verwandelte Neid ist sehr weit verbreitet. Wäre er nicht vorhanden in der Form der Kritikasterei und der Sucht, allerlei Übles über die Menschen zu sagen, so hätten manche Morgen- und Abendschoppen, manche Kaffeegesellschaften gar keinen Stoff.

[ 5 ] Karmisch kommt eigentümlicherweise dasselbe heraus, ob man den Neid ursprünglich oder in umgewandelter Form als Kritikasterei auftauchen läßt. Verfolgt man einen in der Jugend neidischen Menschen oder einen Kritikaster bis ins spätere Alter, so wird man sehen, daß Menschen, die in der Jugend zerfressen waren von Neid, dazu kommen, Unsicherheit im Alter zu haben. Sie gewinnen keinen festen Boden, können in kein Verhältnis zu anderen Menschen kommen, können sich nicht selber raten, sind froh, wenn sie sagen können: Dies hat mir der oder jener geraten. Dies ist noch in demselben Leben eine karmische Folge des Neides oder des umgewandelten Neides.

[ 6 ] Lügenhaftigkeit ist eine Eigenschaft des Ätherleibes und rührt von Ahriman her. Wenn der Mensch in einem gewissen Alter gewohnheitsmäßig Lügenhaftigkeit an sich hat, oder wenn er durch schlechte Erziehung überhaupt viel lügt, so zeigt sich immer im späteren Lebensalter eine gewisse Scheuheit, eine Unmöglichkeit, die Augen aufzuschlagen vor den Leuten. Gewisse sprichwörtliche Regeln auf moralischem Gebiete treffen hier schr gut das Rechte. Wenn man sagt: Dieser Mensch kann mir nicht in die Augen schauen -, so wirkt sich da Lügenhaftigkeit aus. Scheu und Unselbständigkeit treten als seelische Eigenschaften in demselben Leben auf. Wenn man das Leben ebenso beobachten will, wie der Physiker den äußeren Verlauf der Welt betrachtet, so kann man solche Sachen beobachten. Das Leben wird dadurch lichtvoll.

[ 7 ] Was aus einer solchen Eigenschaft folgt, bleibt in dem einen Leben seelisch; seelisch bleibt es. Nehmen wir an, wir verfolgen geisteswissenschaftlich das eine Leben bis in das nächste hinüber. Was als karmische Wirkung seelisch in einem Leben auftrat, gewinnt eine größere Kraft in dem nächsten Leben. So können wir nachweisen, daß die Unselbständigkeit, die zunächst als seelische Wirkung von Neid in einem Leben auftritt und die Scheuheit als Wirkung von Lügenhaftigkeit, daß diese organisierend beim Aufbau des Leibes im nächsten Leben werden. Da greifen sie in das Leibliche hinüber.

[ 8 ] Jemand, der in einem früheren Leben viel Neid entwickelt hat, wird wiedergeboren als ein Mensch, der schon in der äußeren Leibesorganisation das hat, was ihn zum hilflosen Menschen macht. Wer lügenhaft war, tritt so wieder auf, daß er kein rechtes Verhältnis zur Umwelt hat. Er kann nicht geliebt werden von den Menschen seiner Umgebung, er fühlt sich abgestoßen von ihnen, die Liebe stellt sich schwer ein. Geisteswissenschaft ist als Lebenspraxis aufzufassen. Was jetzt gesagt ist, wird unmittelbar Lebenspraxis.

[ 9 ] Nehmen wir an, ein solches Kind wird in unserer Umgebung geboren. Merken wir an diesem Kinde, daß es nicht in ein Verhältnis zu uns kommen kann, daß es sich scheu zurückzieht, oder daß dieses Kind schwach, blaß ist, so wird sich ein Theosoph sagen: Die Blässe, die Disposition zu allerhand Krankheiten muß zurückgeführt werden auf neidhafte Veranlagung in der vorhergehenden Inkarnation, die Scheu auf Lügenhaftigkeit. Es ist nicht zufällig, daß dieses Kind gerade in unserem Kreis geboren ist, denn eine Individualität kann nur dahin versetzt werden, wo sie hingehört. Es wird gar nicht lange dauern, bis die Menschen das Karmagesetz als Selbstverständlichkeit einsehen werden. Die Menschen werden hereingeboren in die Verhältnisse, in die sie gehören. Schwäche und Hilflosigkeit sind die Folge früheren Neides, und wir kommen mit diesem Kinde zusammen, weil es uns beneidet hat. Und mit seinem scheuen Wesen kommt es zu uns, weil wir es sind, die so oft angelogen wurden durch das Wesen in einer früheren Inkarnation. Wie sollen wir uns nun verhalten in einem solchen Falle? Da braucht nicht lange nachgedacht zu werden, sondern wir sollen uns so verhalten, wie es am moralischsten, am sittlichsten ist auch im gewöhnlichen Leben.

[ 10 ] Ein Mensch, der uns beneidet oder in allen Dingen kritisiert, wird am besten behandelt, wenn wir ihm Wohlwollen, Liebe entgegenbringen. Das ist das beste Verhalten. Das kann natürlich in unserer unnatürlichen materialistischen Zeit nicht überall durchgeführt werden. Aber es ist das beste Verhalten gegenüber einem Kinde, das mit diesen bestimmten Dispositionen in das Leben hineingeboren wird. Wir sagen uns nicht nur: Das Kind hat uns beneidet, hat uns angelogen in einer früheren Inkarnation, sondern wir fassen den festen Entschluß, diesem Kinde besonders viel Wohlwollen entgegenzubringen. Tauchen wir das ein in ein warmes Gefühl. Versuchen Sie, das zu beobachten, und Sie werden finden, daß bei einem solchen Kinde die Wangen sich röten können, daß es stark und kräftig werden kann. Es muß nur ein solches Verhalten immer wiederholt werden. Ebenso ist es mit Lügenhaftigkeit. Einen Menschen, der uns alle Augenblicke anlügt, bekehren wir am besten, wenn wir alles tun, um ihm möglichst viel Empfinden davon beizubringen, was Wahrheitsliebe ist. Verhalten wir uns so einem scheuen Kinde gegenüber, so werden wir finden, daß wir da alles tun, was der Vergrößerung des Konfliktes entgegenwirkt.

[ 11 ] So sehen wir, daß wir dem Leben in ungeheuer starkem Maße dienen können. Das ist ein Beispiel, wie Geisteswissenschaft Lebenspraxis werden kann. Wir sollen bei so etwas nie außer acht lassen, daß wir die Beweise für Karma fortwährend in den Händen haben können. Aber wir sollen auch nicht außer acht lassen, besonders wenn wir solche Menschen zu erziehen haben, daß wir es in der Hand haben, zu beweisen: Geisteswissenschaft ist uns in Fleisch und Blut übergegangen.

[ 12 ] Wir können auch noch andere Eigenschaften im Lichte der Geisteswissenschaft betrachten, zum Beispiel das Staunen, die Verwunderung. Aus einem schönen Instinkte heraus haben die alten griechischen Philosophen schon gesagt: Die Philosophie nimmt ihren Ausgangspunkt vom Staunen, von der Verwunderung. — Was ist dieses Staunen, diese Verwunderung? Es gibt ein solches Verhältnis gegenüber den Erscheinungen, die uns entgegentreten, daß wir in Verwunderung, in Staunen hineinkommen. Dann kommt manchmal anstelle des Staunens etwas anderes, in das sich nicht mehr Staunen und Verwunderung hineinmischt. Das ist nämlich dann der Fall, wenn wir anfangen, die betreffenden Tatsachen zu verstehen. Wir wollen jetzt die Frage aufwerfen: Wie ist es eigentlich mit diesem Staunen, mit dieser Verwunderung? Wir treten einer Erscheinung gegenüber, sie ringt uns Verwunderung ab. Es kann kein Verhältnis sein zum Verstande, zur Intelligenz, denn diese suchen Verständnis, leben sich nicht in Verwunderung aus. Es ist ein viel unmittelbareres Verhältnis. Das Verständnis muß sich mit den einzelnen Teilen befassen; die Verwunderung tritt unmittelbar auf, der ganzen Sache gegenüber. Das kommt daher, daß beim Verständnis das Ich zur Sache in Beziehung steht, beim Erstaunen aber steht der Astralleib der Sache gegenüber. Der hat nicht das volle Bewußtsein, sondern eine Art von Unterbewußtsein. Wenn der Astralleib eine Beziehung hat zur Sache und diese Beziehung sich noch nicht heraufhebt zum Ich, so tritt Verwunderung ein. Dadurch, daß der Mensch erstaunen kann über eine Sache, ist es möglich, eine unter der Schwelle des Bewußtseins liegende Verbindung mit dem Gegenstand einzugehen. Dies ist in vielen Fällen sehr wichtig, diese unterbewußte Verbindung, wie es für die Philosophie nach der Auffassung der alten Griechen wichtig ist, daß erst Verwunderung da ist.

[ 13 ] Es ist gut für die Menschen, daß sie, bevor sie ihre Intelligenz auf eine Sache anwenden, erst ihren Astralleib über die Sache ausbreiten. Dadurch wird eine Gefühls- und Gemütsbasis geschaffen, und in diese wird dann das Verständnis eingetaucht. Das ist etwas ganz anderes, als wenn wir gleich mit dem Verstande abstrakt an die Sache herangehen. Das bewirkt, daß wir auf einer viel breiteren Basis des Verständnisses arbeiten. Ein vollsaftigeres Verständnis ist die Folge. Deshalb ist es so wichtig für den Erzieher, daß er erst das heilige Staunen entwickle gegenüber dem Kinde, gegenüber der einzelnen Individualität, die wie aus dem Dunkel herauftaucht; wenn wir uns offenhalten das, was wir mit der Intelligenz gar nicht überschauen können: die Unendlichkeit einer Individualität. Wir versetzen uns künstlich dieser Individualität gegenüber in die Verwunderung. Sie wird schon kommen, denn es gibt reichlich Gelegenheit zur Verwunderung und zum Staunen einer jeden Individualität gegenüber. Diese Gefühle sind nicht verdorben durch unseren engeren Intellekt, sie sind manchmal viel sicherer, reicher, richtiger als das durch den engen Intellekt Erkannte. Die Grundlagen für die auf das praktische Leben anwendbaren Erkenntnisse sind durch Staunen, durch das Gemütsleben zu gewinnen. Etwas sehr Wichtiges beruht hierauf: das Vertrauen, welches ein Mensch zum anderen Menschen hat. Wie oft kommt es vor im Leben, daß ein Mensch zum anderen Vertrauen oder auch Mißtrauen hat — denn das Negative gilt wie das Positive —, bevor er dem Menschen erst in Begriffen, im Alltagsverstande entgegengetreten ist. Vertrauen und Mißtrauen treten manchmal ganz unmittelbar auf. Wieviele Menschen gibt es, die oft in eine Art Klage ausbrechen: Hätte ich doch meinem ersten Eindrucke getraut! Den wahren Eindruck, den ich vorher geahnt habe, habe ich mir verdorben. — Solche Menschen haben manchmal sehr recht. Aus dem Gemütsleben sollte unser soziales Verhältnis, unsere Beziehung zum Leben herauswachsen. Es gibt Menschen, die nicht viel Anlage dazu haben, dieses Unbestimmte, Ahnungsvolle an den Menschen zu empfinden. Es gibt Menschen, die stundenlang den Blick staunend zum Sternenhimmel richten können, ohne viel Astronomie zu verstehen, und es gibt andere, die wie ein Stock dem Sternenhimmel gegenüber bleiben, bis sie Bücher in die Hand bekommen, durch die sie sich das alles zergliedern können. Das sind die Menschen, welche diese Gemütsgrundlage nicht haben können. Solche Menschen gehen auch wie Stöcke oft an den Menschen vorbei, bis sie genügend Zeit gehabt haben, sich den Menschen zu zergliedern.

[ 14 ] Das zeigt sich auch im Verhalten der Geisteswissenschaft gegenüber. Zum Verstande kann man eigentlich nur in der allerersten Jugend sprechen. Später ist es aus dem Grunde unmöglich, den Goethe angibt: Man könnte die Menschen nicht von der Unwahrheit ihrer Behauptung überzeugen, weil ihre Ansicht darauf beruhte, daß sie eben das Unwahre für wahr hielten. - Fühlt jemand, in der Geisteswissenschaft liegt etwas, durch das mein ganzes Sehnen erfüllt wird, so findet er immer die logischen Belege, die überall gefunden werden können. Die Dinge liegen im Grunde ungemein klar, sie müssen nur im Lichte einer spirituellen Weltanschauung gesehen werden. Nehmen wir an, ein Mensch tritt in der Jugend einem Älteren gegenüber mit einer heiligen Scheu, von der er vielleicht gar nicht sagen kann, warum sie sich einstellt. Bemerken wir eine derartige breite Gemütsanlage bei einem Menschen, so finden wir, daß solche Menschen lange jung bleiben, überhaupt jung bleiben, daß in ihnen ein junges Herz schlägt, auch wenn die Haare längst grau geworden sind. Sie behalten eine gewisse Beweglichkeit im Leben. Namentlich behalten sie das ganze Leben hindurch die Fähigkeit, rasch sich hineinzufinden in Situationen, geschickt zu sein in allen Verhältnissen. Wer sich in der Jugend so dem Leben aufschließt, vor dem schließt sich in späteren Epochen das Leben immer mehr auf. Er ist immer mehr imstande, in die Dinge hineinzuschauen, erreicht auf leichtere Weise die Möglichkeit, das Geistige zu fühlen hinter den Dingen; er wird immer spiritueller. Anders ein Mensch, der die Verstandesseite in der Jugend besonders entwickelt hat. Solche Menschen neigen sehr zu frühzeitiger Greisenhaftigkeit. Das ist nicht Schuld des Einzelnen, sondern das Karma der Gemeinschaft. Derjenige, der ein Verstandesmensch ist, sondert sich immer mehr von der Welt ab, sie wird ihm immer unverständlicher. Daher das Kritisieren vieler Menschen über alles, was in ihrer Umgebung ist. In meiner Jugend - sagen sie — war alles schön, jetzt ist alles verdorben. — Dieses Mürrische, dieses mit nichts Zufriedensein, dieses Sich-Zurückziehen, nur in den Kindheitserinnerungen leben, ist etwas, was zusammenhängt mit der Verstandeshaftigkeit der Seele in der Jugend. Daher können wir nicht genug tun, auf der breiten Basis des Gemütes, namentlich auf der Bildhaftigkeit die Erziehung aufzubauen.

[ 15 ] In unserer Zeit segelt die Menschheit im allgemeinen nach der entgegengesetzten Seite. Die Kinder werden zum Beispiel nicht angelogen durch das Storchenmärchen. Es ist da nur ein Bild gebraucht, das wahrer ist als das, was die heutigen Menschen den Kindern beibringen wollen, daß nämlich das Kind nur von Vater und Mutter stammt. Das Storchenbild — oder irgendein anderes — weist darauf hin, daß im Kinde etwas ist, was aus Wolkenhöhen herabkommt. Das Kind schaut da in Regionen, die jenseits der Trivialität sind, und baut sich das auf, woraus künftig erst das herauswachsen soll, was spätere Wahrheit ist. Das Storchenbild für etwas Unwahres zu halten, ist nur eine Phantasielosigkeit, eine Ohnmacht, für den Vorgang, der als Reinkarnation den Kindern nicht zu schildern ist, ein passendes Bild zu finden, diesen Vorgang in ein entsprechendes Bild zu kleiden. Aber — wird eingewendet - die Kinder glauben heute nicht daran. - Das kommt daher, weil die Menschen, die den Kindern so etwas sagen, selbst nicht daran glauben. Sobald man selber nicht an das glaubt, was das Bild ausdrückt, können auch die Kinder nicht daran glauben. Ist es uns selber aber ein Bild für das Reale, Wahre, das dahintersteht, wenn wir Phantasie genug haben, die Wahrheit umzusetzen in ein Bild, so werden die Kinder es auch glauben. Und es ist eigentlich schön, dem Kinde zu sagen: Da wird gegeben ein Teil vom Vater und ein Teil von der Mutter, ein Drittes aber tragen aus Himmelshöhen andere Wesenheiten herunter, die in ihren Schwingen es tragen, es Vater und Mutter zutragend. - Wenn wir das sagen, so ist das Bild sehr zutreffend, und wir reden von einer Wahrheit. Ein Kind, dem wir reiche, bildhafte Vorstellungen beibringen, wird in bezug auf die Verhältnisse des astralischen Lebens gefördert, und wir geben ihm den Segen einer weit in das Alter reichenden Jugendlichkeit mit. Dieses Bildhafte in der Erziehungstätigkeit, das vor allen Dingen auch dem Spiel zugrunde liegt, ist so unendlich wichtig. Auch hier ist schon in einem Leben zu sehen, wie Karma wirkt.

[ 16 ] So wird Geisteswissenschaft, wenn sie eingreift in die Kultur, in der Art und Weise, wie das Leben gedeiht, heranblüht, ihre Wahrheit zeigen, während der Materialismus seine Unwahrheit daran zeigt, daß das Leben verödet, frühzeitig greisenhaft wird.