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The Rudolf Steiner Archive

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Die Mission der neuen Geistesoffenbarung
Das Christus-Ereignis
als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution
GA 127

8 Januar 1911, Frankfurt

3. Einiges über das Innere der menschlichen Seele und ihr Verhältnis zur Welt

[ 1 ] Wir werden heute und morgen abend, in Anlehnung an Goethe, über so mancherlei zu sprechen haben, das den Schüler der Geisteswissenschaft interessieren kann in bezug auf die inneren Angelegenheiten der menschlichen Seele, ihre Entwickelung und ihr Verhältnis zur Welt. Da es an diesen beiden Vorträgen unsere Aufgabe sein wird, die genannten Fragen nur in Anlehnung an Goethe zu betrachten, scheint es mir zweckmäßig, wenn wir jetzt unabhängig von Goethe, so wie wir es gewohnt sind, aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus, einiges über das Innere der menschlichen Seele, über ihre Entwickelung, über ihr Verhältnis zur Welt sprechen. Es wird notwendig sein, daß ich bei Ihnen eine gewisse Bekanntschaft voraussetze mit den Grundelementen des menschlichen Seelenlebens.

[ 2 ] Wenn wir die menschliche Seele in ihrer Entwickelung betrachten, dann müssen wir sachlich unterscheiden zwischen der Empfindungsseele, der Verstandesseele und der Bewußtseinsseele. Wenn wir zunächst von der Empfindungsseele sprechen, so meinen wir nicht nur dasjenige in unserer Seele, was sich durch Wahrnehmung, durch Sinneseindrücke in Verbindung zu setzen vermag mit der äußeren Welt, sondern wir meinen auch den Sitz von allem, was wir nennen können Triebe, Begierden, Leidenschaften, auch den Sitz von allem, was Willensimpulse in der menschlichen Seele sind. Am zweckmäßigsten ist es sogar, will man sich eine Vorstellung verschaffen von dem, was eigentlich innerhalb unseres seelischen Lebens die Empfindungsseele ist, daß man sich vorstellt, wie alles Willensartige, alles was uns von innen heraus Anstöße gibt, ein Verhältnis zur Außenwelt zu suchen, das Wesentliche in der Empfindungsseele ist, und wie esan der Empfindungsseele hängt, daß sie die wichtigste Vermittlerin ist auch des Empfangens von äußeren Eindrücken des Wahrnehmens. Deshalb wird sie Empfindungsseele genannt. Wenn der Mensch einen Ton- oder einen Farbeneindruck empfängt, waltet die Empfindungsseele. Auch wenn die Leidenschaften aufsteigen, bei Affekten, Zorn, Furcht, Angst, waltet im wesentlichen die Empfindungsseele.

[ 3 ] Was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, arbeitet sich erst heraus aus der Empfindungsseele, ist schon in gewisser Beziehung etwas Abgeklärteres als die Empfindungsseele. In der Verstandesseele sitzen schon die Fähigkeiten, dasjenige in Vorstellungen zu kleiden, was in der Empfindungsseele empfunden ist, dasjenige, was als Instinkte, als Affekte erlebt wird, zu einer menschlicheren Form des Seelenlebens abzuklären. Wenn zum Beispiel Affekte, die sonst nur auf Selbsterhaltung gehen, abgeklärt werden zum Wohlwollen, ja sogar zum liebevollen Verhalten zur Umwelt, haben wir es schon zu tun mit der Verstandes- oder Gemütsseele. In der Verstandesseele geht uns das Ich auf, der eigentliche Mittelpunkt unseres Seelenlebens.

[ 4 ] In der weiteren Entwickelung des Ich, wo wir uns so recht als innerliche, im Mittelpunkt sich behauptende Menschen fühlen, formen wir unsere Vorstellungen und Gedanken zu großen Ideen, mit denen wir die Natur begreifen, oder zu Pflichtideen oder moralischen Ideen. Bei allem, mit dem wir uns so in Beziehung setzen, sprechen wir von der Bewußtseinsseele. Es sind nicht Scheidewände zwischen den einzelnen Seelengliedern, aber es ist notwendig, daß diese drei Glieder unterschieden werden, weil ein jedes auf eine andere Art zur Außenwelt in Beziehung steht.

[ 5 ] Wenn Sie zunächst die Bewußtseinsseele nehmen, so ist das für uns Menschen vorerst das höchste Seelenglied, aber zugleich das Seelenglied, das in gewisser Weise sich am meisten von der ganzen übrigen Welt abgesondert hat. Es ist das selbständigste Seelenglied.

[ 6 ] Wenn der Mensch sich in die Bewußtseinsseele versenkt, kann er in seinem Seelenleben am meisten einsam sein, sich absperren gegen die äußere Welt. Es ist das Seelenglied, welches seiner Natur nach am meisten Grenzen aufgerichtet hat gegenüber der Umwelt, so daß es am stärksten dazu veranlagt ist, in Irrtum und Fehler zu verfallen. Es ist am meisten aus dem Universum losgelöst. Aber dieses Seelenglied kann doch nur in beschränktem Maße in Irrtum verfallen. Das ist das Wichtigste in dem, was wir Bewußtseinsseele nennen. Sie äußert sich vor allem als logisches Denken, als Begriffszergliederung, geht auch als rechnerisches Denken vor, als alles das, was der Mensch in gewisser Beziehung als eine ihm eigene Fähigkeit hat, und was sich nicht bei den Tieren findet.

[ 7 ] Die Kräfte der Empfindungs- und Verstandesseele spielen herauf bis in die Bewußtseinsseele. Die Triebe, Begierden und Leidenschaften, die Willensimpulse der Empfindungsseele, die Gefühle und intellektuellen Urteile der Verstandesseele dringen da hinein. Aber in der Bewußtseinsseele wird das alles verarbeitet durch das logische Denken. Daher ist es vorzüglich in der Bewußtseinsseele, daß wir uns die Meinungen bilden. Und weil die Bewußtseinsseele das Isolierteste ist, sind die Menschen in bezug auf die Meinungen so sehr voneinander getrennt. Sprechen wir von dem, was wir gemeinsam einhalten, weil es innerhalb unserer Volksgemeinschaft, unseres Familienkreises ausgebildet ist, weil es gang und gäbe ist in der Umgebung, so sprechen wir von solchen Dingen, die in der Verstandes- oder Gemütsseele sitzen. Aber auch die Dinge, die erst in der Bewußtseinsseele sitzen, wandern in die Verstandesseele herein, zum Beispiel eine von uns einmal gebildete Meinung kann eine gewohnte Meinung werden. Oder eine Fähigkeit kann sich in Geschicklichkeit, in Gewohnheit umwandeln. Dann sind sie in die Verstandesseele herabgestiegen.

[ 8 ] Die Bewußtseinsseele ist auch deshalb das Isolierteste, weil der Mensch durch die Bewußtseinsseele unmittelbar die Fühlhörner in die Umgebung streckt. Wenn wir überlegen, was wir tun wollen, leben wir in der Verstandesseele. Wenn wir anschauen, was um uns herum ist, strecken wir durch die Sinne direkt die Fühlhörner der Bewußtseinsseele heraus und kommen wieder zu dem, was uns zu dem isoliertesten Wesen macht. Denn durch das, was uns unsere Sinne bieten, werden wir die isoliertesten Wesen. So isoliert sich der Mensch gerade deshalb, weil er durch die Bewußtseinsseele ganz lokal und temporär sich in Beziehung setzen muß zur Außenwelt. Aber Meinungen haften am intensivsten in der Bewußtseinsseele. Es macht sich zuerst eine Meinung geltend und setzt sich fest in der Bewußtseinsseele. Deshalb ist der Mensch in bezug auf Meinungen ein isoliertes Wesen. In bezug auf Gewohnheiten verstehen sich die Menschen schon besser. Der Mensch ist am selbständigsten, aber auch am isoliertesten in der Bewußtseinsseele, daher können wir auch nicht bei einem anderen Menschen so recht Zugang finden zu dem, was Inhalt der Bewußtseinsseele des anderen Menschen ist. Wir wissen ja nicht einmal, ob jeder die Farbe Rot oder Blau in derselben Weise sieht, wie wir selbst.

[ 9 ] Aber abgesehen davon, nehmen wir jetzt nur einmal den Inhalt der Bewußtseinsseele an, der in Meinungen besteht. Nehmen wir etwas, was ungeheuer logisch erscheinen mag, wovon wir uns einbilden können, daß wir diese Meinungen am denkbar logischsten begründen, so kann man mit diesen logischen Gründen bei den Mitmenschen doch nicht viel anfangen. Logische Begründungen wirken eigentlich zunächst im äußeren Leben nicht, und es ist sogar das Normale, daß sie nicht wirken. Daher ist es leicht, Menschen im jugendlichen Alter, im Kindesalter zu unseren Meinungen zu bekehren. Später ist das immer weniger der Fall. Denn das Kind stellt uns nicht nur seine Bewußtseinsseele entgegen, sondern auch die Verstandesseele und die Empfindungsseele. Es stellt uns seine ganze Persönlichkeit entgegen. Und das, wodurch wir überzeugen, hängt an allem anderen mehr als an der Bewußtseinsseele. Da wirkt der Wille, das Gefühl hinauf. Wenn die Willensrichtung, die Gefühle, verschieden sind beim Menschen, dann lassen sich die verschiedensten Standpunkte in der logischsten Weise begründen. Dennoch sind die Menschen im gegenwärtigen Menschheitszyklus so recht selbständig nur in bezug auf die Bewußtseinsseele, weniger in bezug auf die anderen Seelenglieder. Fühlen Sie einmal, wie sich Meinungen bilden: der Mensch ist ganz frei, sich diesen oder jenen Begriffszusammenhang als seine Meinung zu bilden. Weniger frei ist er, wenn der Inhalt der Verstandesseele in Betracht kommt. Da fühlt sich der Mensch gar nicht frei, sonst könnten ihm seine Gefühle und Empfindungen nicht so manchen Streich spielen. Wir können in unseren Meinungen ganz einig sein mit uns, daß dieses oder jenes uns eigentlich mißfallen müßte, aber das Gemüt spricht anders, läßt uns doch Gefallen finden an der Sache. Der Umstand, daß das Gemüt in Zwiespalt sein kann mit den Meinungen, kann uns zeigen, daß der Mensch nicht so frei ist in bezug auf das Gefühl wie in bezug auf die Meinungen. Am stärksten unfrei fühlt sich der Mensch bei alledem, was den Willen und so weiter anbetrifft, bei allem, was in der Empfindungsseele ist. Der Zwiespalt ist zuweilen gar sehr groß zwischen den herrlichsten Vorsätzen, zwischen der Meinung, daß dies oder jenes nicht gut ist, und dem Trieb, dem Affekt zu jenem. Ein drastisches Beispiel ist folgendes: Ein Lehrer, der ein zorniges Kind hat, sieht in der Verstandesseele ein, daß der Zorn ausgetrieben werden muß. Da es ihm auf gutem Wege nicht gelingt, wirft er ihm das Tintenfaß an den Kopf, er wird selbst zornig. Da haben wir den schönsten Zwiespalt.

[ 10 ] Was ist nun im Seelenleben der Fall, was geht da vor sich, daß dieser Zwiespalt zustande kommen kann? Es ist das der Fall, daß wir eigentlich nur im jetzigen Zustand der Entwickelung in bezug auf die Bewußtseinsseele selbständig, isoliert sind, daß aber zwischen der Bewußtseinsseele, an der Grenze zu der Verstandes- oder Gemütsseele hin, ein Einfluß auf die Seele stattfindet, ein Einfluß höherer übermenschlicher Wesenheiten. Und wiederum haben wir an der Grenze zwischen Verstandes- und Empfindungsseele einen solchen Einfluß äußerer Kräfte übermenschlicher Wesenheiten, ebenso zwischen Empfindungsseele und Empfindungsleib.

[ 11 ] Ich schildere jetzt den Zustand, der gerade in unserer Zeit, in unserem Jahrhundert sich darbietet. Für andere Zeiten ist es anders. Der Mensch kann sich auch sehr leicht überzeugen, daß andere Kräfte hineinspielen, wo der Wille in Betracht kommt. Wenn wir denken, sind wir mit uns selber. Wir können uns in eine Ecke setzen und sind im Denken mit uns selber. Wenn der Mensch einen Willensimpuls auszuüben hat, muß er Hände und Füße bewegen, muß er eine physische Aktion, eine Tat hervorrufen. Gehen Sie von einem Gedanken zum anderen über, so bleibt Ihr Bewußtsein vorhanden. Von dem Übergang, der da vorgeht, hat der Mensch heute zunächst gar keine Ahnung, wenn er zum Beispiel den Gedanken faßt: Ich will die Uhr ergreifen — und wenn er dann diesen Gedanken ausführt. Da haben wir einen ganz anderen Zusammenhang, als beim Übergang von einem Gedanken zum anderen, wo die ganze Folge von dem Bewußtsein verfolgt werden kann. Das ist ein Beispiel dafür, daß andere Kräfte eingreifen, um uns zu Hilfe zu kommen. An der Grenze zwischen Verstandes- und Bewußtseinsseele greifen Wesenheiten ein, die wir Engel oder Angeloi nennen. Sie sind es, die das verdichten, was sonst nur in Meinungen, in Begriffen bewußt erfolgt, die das verdichten zu dem, was man Empfindungen und was man Gefühle nennen kann. Der Ausdruck «Empfindung» schwankt etwas. Das, was innerlich gefühlt, empfunden wird, ist schon eine Verdichtung des Gedankens. Da sind hinter uns Kräfte, die uns helfen.

[ 12 ] Gehen wir nun zu der anderen Grenze zwischen Verstandes- und Empfindungsseele. Da haben wir noch höhere Wesenheiten, die eingreifen. Sie sind es, die den Willen in uns rege machen, die den Gedanken zum Willen durchkraften: es sind die Erzengel oder Archangeloi. Wenn wir aber von uns aus zur Umwelt in Beziehung treten, dann sind es die Geister der Persönlichkeit; da spüren wir schon den Widerstand der Welt, wenn wir in ihr Gefüge eingreifen. So sitzen in den Zwischenreichen zwischen den einzelnen Seelenkräften uns führende, uns durchkraftende, geistige Wesenheiten, welche die Aufgabe haben, das in Taten, in Kräfte umzusetzen, was der Mensch, sich selbst überlassen, nur als Gedanken in sich erleben kann.

[ 13 ] Nun besteht in der Tat sofort, wenn wir in diese unterbewußten Regionen des Seelenlebens eintauchen, die Möglichkeit, daß die Kämpfe, die innerhalb der geistigen Welt stattfinden und stattfinden müssen, auch auf den Schauplatz unseres Bewußtseins einziehen. Da wo die Engelwesen eingreifen, sind auch gleich die luziferischen Wesen, welche die Gegner der Engel sind. Würden nur die Engel eingreifen, so würde unser Gemüt zu dem hingreifen, was das Schöne ist, nur zu dem unserer Menschenwürde Entsprechenden. Die luziferischen Wesen führen uns hin zu dem, womit wir in ruhigem Nachdenken selber nicht einverstanden sind, was uns aber hinreißt. Da wo die Erzengel eingreifen, können auch eingreifen die ahrimanischen Wesenheiten, die uns dazu bringen, daß unser Urteil in Irrtum, unser Wahrheitssuchen in Lüge umgewandelt werden kann. Das logische Meinen ist uns als Menschen frei gegeben. In dem Augenblick aber, wo wir zu Gefühlen, zu Willensimpulsen kommen, wirken andere Wesenheiten hinein, auch solche, die den aufsteigenden Wesen entgegenwirken. Das ist der Punkt, über den sich im Grunde jeder unterrichten sollte, der sich irgendwie mit okkulten Forschungen bekannt macht.

[ 14 ] Da wo der Mensch heute im normalen Leben steht, ist es schon so eingerichtet, daß die den Engeln und Erzengeln entgegenwirkenden Kräfte der luziferischen und ahrimanischen Wesenheiten bei all ihren Wirkungen doch zum Guten gelenkt werden. Man braucht nicht klüger sein zu wollen als die Weltenlenkung und fragen: Wozu braucht der Mensch die luziferischen und ahrimanischen Wesenheiten? — Der Mensch könnte nicht so frei sein, wenn ihm in diesen beiden Kräften nicht ein Gegengewicht gegeben wäre zu den Engeln und Erzengeln. Der Mensch muß die Möglichkeit zur Lüge haben, damit er selbständig zur Wahrheit kommen kann. Er soll als selbständiges Wesen sich Wahrheit erringen, deshalb muß Ahriman da sein. Der Mensch soll Ahriman widerstehen und den Weg zur Wahrheit einschlagen. Dadurch ist der Mensch zu einem selbständigen Wesen geworden, dem der Sinn für Wahrheit innewohnt. Die höchsten Weltenlenker haben die Sache schon so eingerichtet, daß ihren Gegnern Luzifer und Ahriman der Hafer nicht zu hoch wächst. Wohl sind sie da, um den Menschen seiner Freiheit und Bewußtseinsentwickelung wegen bis zu einem starken Maße von unreinen Trieben, Begierden und auch unrichtigen Urteilen zu treiben, die sich aber im Laufe des Karma ausgleichen lassen und die Erdenmission nicht stören können. Das gehört zu den schönsten und tiefsten Einsichten, zu denen es der Mensch durch okkulte Studien und Esoterik allmählich bringt, daß er einsieht: Es wird alles Unwahre und Schlimme zuletzt doch ins Gute umgewandelt werden können.

[ 15 ] Es ist nun die Frage sehr naheliegend, die eigentlich jeder stellen muß: Gibt es abgesehen von diesem Umstand einen Grund, weshalb der Mensch durch alle Inkarnationen durchgehen und erst durch jedweden Irrtum zur Vollkommenheit gelangen muß? Ja, es gibt einen Grund. Es würde zu weit führen, zu zeigen, daß der Mensch durch die früheren Erdenleben so geworden ist, daß er nur allmählich heranreifen kann. Jetzt ist er nur selbständig in bezug auf die Bewußstseinsseele. Es wird aber eine Zeit kommen, wo der Mensch trotz allen Hanges zum Irrtum eine feste Richtung im Handeln und Wirken haben wird. Wenn die Menschen das heute noch gar nicht hätten, so würden sie sich in fortwährendem Zwist und Hader befinden. So wie die Menschheit jetzt ist, ist sie reif, sich gerade die Freiheit für die Bewußtseinsseele anzueignen, aber die Menschen sind noch nicht reif, in bezug auf die Verstandesseele und Empfindungsseele frei zu werden. Der Fortschritt entsteht dadurch, daß niemals die Entwickelung vollständig gradlinig stattfinden kann. Wir können in allen Kulturen sehen, wie einige Seelen vorauseilen, die Führerschaft übernehmen, das, was andere Seelen sich erstin späteren Zeiten aneignen können, vorausnehmen. Die Menschenseelen sind heute nur in bezug auf die Bewußtseinsseele dazu reif, frei zu werden. Aber die spirituelle Weisheit führt nach und nach dazu, auch die Verstandes- und die Empfindungsseele frei zu bekommen und zu isolieren, so daß der Mensch nicht mehr auf Überliefertes und Gewohntes hinschauen muß, um das Gute zu finden, sondern daß der Impuls zum Guten aus der eigenen Seele strömt. Es ist dies auch eine notwendige Interpretation des Pauluswortes: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Wenn der Christus in den Menschen lebt, werden sie auch in bezug auf Verstandes- und Empfindungsseele frei sein dürfen. Die Menschen haben es ja schon zu einer gewissen Leidenschaftslosigkeit gebracht: in bezug auf die trivialsten logischen Dinge, in bezug auf das Mathematisch-Rechnerische. Da ist Leidenschaft schon so weit heraus aus dem Menschenherzen, daß die Menschen für sich die Wahrheit finden können. Aber für das, was innerhalb der Verstandes- und Empfindungsseele ist, stimmen die Menschen sehr wohl noch ab, betrachten sogar das Abstimmen als das Wesentliche, weil da überall luziferische und ahrimanische Kräfte hineinspielen.

[ 16 ] Sie werden verstehen, daß mit einer solchen Bewegung, die auf der Grundlage der spirituellen Weisheit aufgebaut ist, und wo die tieferen Kräfte der Menschenseele zur Isolation wachgerufen werden sollen, nicht nur verbunden werden darf die Neugierde nach den spirituellen Welten — das darf im Grunde genommen gar nicht der Impuls sein zur Geistesforschung -, sondern das Gefühl der Verantwortlichkeit. Durch diese Bewegung wird jede Zukunftsfähigkeit der Menschen in unsere Zeit hineingeholt, es wird ein Zukunftskeim aufgerufen, der jetzt im allgemeinen noch nicht reif ist. Das müssen wir uns vor Augen halten und uns klar sein, wie wir sorgsam darauf zu achten haben, daß, auch wenn die Seele schön und sympathisch sein mag innerhalb der spirituellen Bewegung, wir demgegenüber doch wachsam zu sein haben auf ihr drohende Gefahren und das Gefühl der Verantwortung wachrufen müssen. Wenn die Seele unreif an spirituelle Dinge herantritt, ist doch Gefahr vorhanden. Diese Gefahr merkt nicht ein jeder. Wer etwas tiefer in der Bewegung steht, der weiß und muß wissen — wenn er nicht zusammenbrechen will unter dem Unerträglichen —, wie er immer auf der Hut sein muß, nur das zu sagen, was nicht einmal oder zehnmal, sondern was hundertmal durch seine Seele gezogen ist! Es ist schwer, in bezug auf Spirituelles die Worte so zu prägen, daß sie adäquat sind. Es muß sich im ganzen Kreise der Anthroposophen eine bestimmte Meinung bilden: die Meinung, daß sie verlangen von denen, welche die Bewegung vertreten, daß sie die Wahrheit in diesem Sinne ernst nehmen. Man darf nicht glauben, daß man als Redner jeden Abend sich nur so einfach hinstellen könne, ohne immer wieder und wieder diese Wahrheiten durch seine Seele ziehen zu lassen, damit sie richtig geprägt sind bis auf das Wort. Die Schwierigkeit, die darin liegt, nur den Mund aufmachen zu können für spirituelle Wahrheiten, ist das eine. Das andere ist, daß diejenigen, die in einer solchen Bewegung stehen, in gewisser Weise sogar darauf zu achten haben, daß dieses Gefühl vorhanden sei bei den Vertretern der Bewegung. Aber auch der, welcher noch nicht tief darinnensteht, hat darauf zu achten, daß seiner Seele nicht dieses oder jenes passiert, und es sollte sich der Mensch immer und immer wieder fragen: Bin ich auch reif, eine spirituelle Bewegung zu vertreten? Muß ich mich nicht so hereinstellen in die Bewegung, daß die Dinge der spirituellen Welt überhaupt noch stärker auf mich wirken? - Es soll niemand entmutigt werden, aber jeder soll das Gefühl in sich wachrufen: Wenn ich auch durch den Zwang der Überlieferung und Erziehung das getan habe, was das Gute und Richtige ist, so ist da eine Grenze vorhanden, an der bei Vertretung des Richtigen nicht nur die Engel, Erzengel und Geister der Persönlichkeit stehen, sondern wo auch Luzifer und Ahriman stehen. Immer wieder kann man beobachten, daß Menschen, die wahrheitsliebend waren, anfangen zu lügen, wenn geisteswissenschaftliche Wahrheiten auf sie einwirken, weil sie nicht genügend sich gesagt haben: Vor allen Dingen mußt du dich reif machen, mußt du die spirituellen Wahrheiten auf dich wirken lassen, mußt nicht dich sprechen lassen! — Solcher Verantwortung muß man sich bewußt sein. Aber es wäre feige zu sagen: Dann will ich mich nicht hineinstellen in die spirituelle Bewegung. Nicht dadurch, daß man der Pflicht ausweicht, die Vorsicht zu beachten, verhält man sich in richtiger Weise, sondern dadurch, daß man diese Pflicht richtig beachtet. Mit dem Gesagten hängt vieles, vieles von dem zusammen, was zu allen Zeiten ein Kennzeichen der fortschreitenden geistigen Bewegung war.

[ 17 ] Es gibt ja die großen Lichter, welche die Menschen vorwärtsbringen sollen. Aber wo starke Lichter sind, sind oftmals auch ganz starke Schatten. Daher die nicht immer unberechtigten Anklagen gegen diejenigen, die .herunterbringen sollen die Wahrheiten von der geistigen Welt auf den physischen Plan. Es haben sich in jeder solchen Bewegung zu denen, die nichts wollten, als die spirituellen Wahrheiten hinunterfließen lassen in die physische Welt, solche gefunden, die nicht gewollt haben Selbstkritik üben, die nicht gewollt haben Hochmut und Eitelkeit zähmen. Das sind solche geworden, wie wir sie so reichlich sehen innerhalb der spirituellen Bewegungen, und denen gegenüber man sagen muß: Leider kann die Außenwelt zwischen solchen Trägern und denen, welche die wahren Träger sind, nicht immer richtig unterscheiden. — Auch das Umgekehrte findet manchmal statt. Gerade unsere geisteswissenschaftliche Bewegung sollte dieMenschen zu freiem Urteilen aufrufen, sollte hinwegfegen alles, was bloß auf äußeren Autoritätsglauben hin herrscht. Solange in der Gesellschaft noch das Gefühl herrscht, es käme auf den Mund an, durch den gesprochen wird, solange ist noch nicht unser Ideal erreicht. Wir sollen nur hören auf das, was dieser Mund spricht, weil die Dinge uns einleuchten, wenn wir mit Wahrheitssinn und unbefangener Logik ihm zuhören. Es ist unsere Bewegung im höchsten Maße geeignet, das freie Urteil des Menschen keimen zu lassen und zu entwickeln; aber es geht durch unsere Zeit ein starker Zug, den man nennen kann: Bequemlichkeit in bezug auf den Glauben. Durch die Bequemlichkeit des Glaubens werden der geisteswissenschaftlichen Bewegung große Hindernisse geschaffen. Dadurch, daß man etwas glaubt, weil es dieser oder jener gesagt hat, wird das freie Urteilen verzögert, das freie menschliche Seelenleben, die Verselbständigung auch in bezug auf die Verstandesseele. Es ist so bequem, nicht denken zu brauchen, und irgendeine Wahrheit nur anzunehmen, weil sie dieser oder jener gesagt hat; es ist viel bequemer, der Person glauben zu können, als zu prüfen, was die Person sagt.

[ 18 ] Ich habe öfter ausgesprochen: Es ist zunächst nur möglich, innerhalb der spirituellen Bewegung Anregungen zu geben. Aber, nehmt alles, was wir in der Geschichte zum Beispiel über Zarathustra finden können: es wird nichts von dem widerlegt werden, was hier über Zarathustra gesagt wird, wenn man nur wirklich alles nimmt. Geprüft kann werden, und je strenger man prüft, desto angenehmer ist es dem, der in objektiver Weise die spirituelle Bewegung vertreten will. Der Wille zur Prüfung ist das, was er will. Aber es ist unendlich bequemer, zu glauben, einfach sich darauf zu berufen: das hat dieser oder jener Hellseher gesagt. — Das ist eine Gefahr für den wirklichen oder sogenannten Hellseher, wenn er noch nicht wirklich fest steht. Da ist schon eine Versuchung, das zu sagen, was die Leute glauben. Er gleitet leicht hinein in dasjenige, in das man überhaupt leicht gleiten kann, wenn es sich um den Aufstieg in die übersinnliche Welt handelt. Man steigt hinauf in eine Welt, in der wirklich nicht so leicht wie in der physischen Welt kontrolliert werden kann. Wenn man kontrollieren will mit dem Verstand, daß an den Grenzgebieten Engel und Erzengel eingreifen, so gehört ziemlich viel dazu, um das zu prüfen. Beim Glauben hängt es oft nur von dem Eindruck ab, den man von dem Menschen bekommen hat. Wie leicht die Menschen zu beeinflussen sind in bezug auf den Glauben, ist zu sehen an der Massensuggestion.

[ 19 ] Massensuggestion ist etwas, worüber die wunderbarsten Entdeckungen erst in der Zukunft gemacht werden können. In früheren Zeiten war das etwas ganz anderes, weil die Bewußtseinsseele noch nicht so frei war. Heute steht der Mensch in der Befreiung der Bewußtseinsseele, steckt aber in der Unfreiheit der Verstandesseele noch ganz drinnen. Wodurch wird suggeriert? Nicht nur durch das, was sympathisch oder unsympathisch ist an einer Persönlichkeit; auch dadurch, daß zum Beispiel jemand in ein Amt getreten ist, daß er für fünf Kinder zu sorgen hat und nun sich gezwungen glaubt, im Amt bleiben zu müssen. Es ist dem Menschen heute oft lieber zu hören auf alles das, was auf scharlatanhafte Weise aus der übersinnlichen Welt herausgeholt wird, als auf das, was auf gediegener Forschung beruht. Denn das erstere hat zweierlei Eigenschaften. Zunächst ist es ungeheuer trivial. Das zum Beispiel, was Schreibmedien niederschreiben, ist meistens so, daß man sich das Betreffende ebensogut selber denken könnte, nur wird es dem Menschen glaubhaft gemacht durch die Art, wie es ihm beigebracht wird. Der Mensch glaubt dann, es spiele etwas hinein aus der geistigen Welt. Gerade durch ihre Trivialität werden diese Dinge dem Menschen angenehm. Oder sie haben die andere Eigenschaft, daß sie so unverständlich sind, daß überhaupt niemand etwas davon verstehen kann. Die Dinge, die besonders unverständlich sind, gelten dann oft als besonders mystisch. An den Grenzgebieten von Übersinnlichem und Sinnlichem kann das Scharlatanhafte verquickt werden mit dem, was auf ernster Forschung beruht. Das muß betont werden, daß nur derjenige seine Pflicht erfüllt, der wachsam ist in bezug auf die eigene Seele, der namentlich achtgibt auf alles das, was die Instinkte trüben kann, so daß wir die Angelegenheiten der Menschheit zu fördern glauben, während wir nur die eigenen fördern, oder, daß sich unvermerkt in das, was wir sprechen, das Unwahre hineinmischt, die Lüge, die Versuchung Ahrimans.

[ 20 ] Nur wer fortwährend wachsam ist in bezug auf all dieses, nur wer sich immer sagt: Trittst du in eine spirituelle Bewegung ein, so ist große Gefahr vorhanden, daß du eitel und hochmütig wirst — nur der kann weiterkommen. Das ist selbstverständlich. Einen Vorwurf darf man dem Menschen deshalb noch nicht machen, nur dann, wenn der Betreffende gar nichts tut, um diese Eigenschaften herunterzudrängen. Eine ungeheure Versuchung liegt vor, nicht so ganz bei der Wahrheit zu bleiben, wenn man es zu tun hat mit Menschen, die einem glauben. Man kann den Menschen alles mögliche aufbinden, wenn sie auf Autorität hin glauben. Dann hat man es leicht. - Man darf auch niemandem Vorwürfe machen darüber, daß bei Annäherung an die spirituelle Welt in ihm das Lügenhafte auftritt, aber das soll ihn nicht vor sich selbst entschuldigen, sondern er soll alle Anstalten treffen, das herauszuwerfen aus seiner Seele. Das ist der Sinn des: Erkenne dich selbst. Man muß die einsamen Stunden suchen, wo man dazu kommt, sich zu sagen: Da droht wieder eine Gefahr, also sei auf deiner Hut. - Wenn man sie nicht hat, diese einsamen Stunden, wenn es einem unangenehm ist, sich etwas nicht Gutes gestehen zu können, wenn sie nicht der Ausgangspunkt sind, um die Fehler zu bekämpfen mit aller Gewalt, dann ist man auf der schiefen Ebene, dann rollt man hinunter, anstatt hinaufzusteigen.

[ 21 ] Das sind solche Dinge, die wir ins Auge fassen müssen, wenn wir unsere Stellung zur okkulten Forschung erkennen wollen, zu der Forschung, die das höchste Gnadengeschenk ist, welches in die physische Welt hineinfließt aus den spirituellen Welten, denen gegenüber wir das größte Verantwortungsgefühl haben sollen.

[ 22 ] Die Pflicht, mit einem Teile der Menschheit in die spirituelle Welt hineinzugehen, weil nur dadurch der Fortschritt möglich ist, und zusleich das Gefühl der Verantwortlichkeit sollen in uns wach werden, das Gefühl: es ist eine Pflicht, wenn ich einmal die Sache kennengelernt habe, daran teilzunehmen. Es wird oft den Vertretern der Geisteswissenschaft vorgeworfen, daß sie nicht genug Rücksicht auf moralische Betrachtungen nehmen. Sie werden oft gemacht, so wie auch heute, damit im Fortgang unserer spirituellen Bewegung, durch welche zu den geistigen Quellen geführt werden soll, auch von den Impulsen, die aus jenen geistigen Quellen kommen, gehört werde.