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Eine okkulte Physiologie
GA 128

23 März 1911, Prague

Vierter Vortrag

[ 1 ] Die gestrige Auseinandersetzung über die Bedeutung zunächst eines derjenigen Organe, welche gleichsam ein inneres Weltsystem des Menschen darstellen, soll heute fortgesetzt werden. Dann soll der Übergang gefunden werden zur Beschreibung der Aufgaben anderer Organe und Organsysteme des Menschen.

[ 2 ] Es ist mir gestern in Anknüpfung an das, was hier über das Organ der Milz vorgetragen wurde, gesagt worden, daß sich doch ein scheinbarer Widerspruch ergeben könnte gegenüber jener wichtigen Aufgabe, die dem Organ der Milz im Gesamtwesen des Menschen gestern zugeschrieben worden ist. Dieser Widerspruch könnte sich ergeben, wenn man bedenkt, daß es ja möglich ist, die Milz aus dem Körper herauszunehmen, sie also aus dem Körper zu entfernen, ohne durch diese Entfernung der Milz den Menschen lebensunfähig zu machen.

[ 3 ] Ein solcher Einwand ist natürlich einer derjenigen, die von unserem gegenwärtigen zeitgenössischen Standpunkte aus voll berechtigt sind und die gerade denjenigen gewisse Schwierigkeiten bieten, welche in ganz ehrlich suchender Art an die geisteswissenschaftliche Weltanschauung herankommen. Nur im allgemeinen konnte ja in dem ersten öffentlichen Vortrage darauf hingewiesen werden, wie unsere heutigen Zeitgenossen — namentlich dann, wenn sie ein durch die wissenschaftlichen Methoden geschultes Gewissen haben Schwierigkeiten zu überwinden haben, wenn sie sich auf den Weg begeben, dasjenige zu verstehen, was aus den okkulten Untergründen des Weltwesens dargestellt wird. Nun werden wir ja im Laufe der Vorträge im Prinzip von selber sehen, wie sich ein solcher Einwand beheben läßt. Ich will aber doch heute schon vorbemerkend darauf aufmerksam machen, daß die Entfernung der Milz aus dem menschlichen Organismus durchaus vereinbar ist mit dem, was gestern auseinandergesetzt worden ist. Wenn Sie wirklich aufsteigen wollen zu den geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, müssen Sie sich ja allmählich dareinfinden, daß dasjenige, was wir den menschlichen Organismus nennen, was wir durch unsere äußeren Sinne wahrnehmen, was wir substantiell, materiell an diesem menschlichen Organismus sehen, daß dies nicht der ganze Mensch ist, sondern daß dem physischen Organismus — das werden wir noch weiter auszuführen haben — zugrundeliegen höhere, übersinnliche Organisationen: der Ätherleib oder Lebensleib, der astralische Leib und das Ich, und daß wir im physischen Organismus nur den äußeren, den physischen Ausdruck haben für die entsprechende Gestaltung, für die entsprechenden Vorgänge des Ätherleibes, des Astralleibes und des Ich. Wenn wir auf ein solches Organ hinweisen wie die Milz, so meinen wir es im geisteswissenschaftlichen Sinne so, daß im Grunde genommen nicht nur in der äußeren physischen Milz etwas vor sich geht, sondern daß das, was in der physischen Milz vorgeht, nur der physische Ausdruck ist für entsprechende Vorgänge im Ätherleibe oder im Astralleibe. Und man könnte sagen: Je mehr ein Organ der unmittelbare physische Ausdruck eines Geistigen ist, desto weniger ist die physische Form des Organs, also das, was wir physisch-substantiell vor uns haben, das eigentlich Maßgebende. Wenn wir ein Pendel ansehen, so ist die Pendelbewegung nur der physische Ausdruck für die Schwerkraft. Ebenso ist ein physisches Organ nur der physische Ausdruck für übersinnliche Kraft- und Formwirkungen. Nun ist allerdings ein Unterschied zwischen den Folgen der Schwerkraft, welche sich in der Pendelbewegung zeigen, und den Folgen, welche entstehen durch die Wirkungen des Äther- und Astralleibes auf die Milz. Nimmt man das Pendel weg, so ist kein Objekt mehr vorhanden, an welchem sich der durch die Schwerkraft bewirkte Rhythmus zeigen kann. So ist es bei der unbelebten, anorganischen Natur, beim belebten Organismus ist es anders. Wenn nicht Gründe vorliegen, von denen wir noch sprechen werden, so hören mit der Wegnahme des physischen Organs nicht notwendigerweise auch die geistigen Wirkungen der höheren Organisationen auf.

[ 4 ] Wenn wir also den Menschen in bezug auf seine Milz ansehen, so haben wir es zunächst zu tun mit der physischen Milz, und dann mit einem System von Kraftwirkungen, die in der Milz nur ihren physischen Ausdruck haben. Wenn man die Milz wegnimmt, dann sind diese Kraftwirkungen, die einmal dem menschlichen Organismus eingegliedert wurden, noch da, sie hören nicht auf. Es kann unter Umständen sogar sein, daß durch die Anwesenheit eines erkrankten physischen Organs ein viel größeres Hindernis eintritt für die Fortdauer der geistigen Wirkungen als durch die Herausnahme des betreffenden Organs. Das kann zum Beispiel bei einer schweren Erkrankung der Milz der Fall sein. Wenn es bei einer schweren Erkrankung eines Organs möglich ist, das Organ zu entfernen, so ist unter Umständen das Fehlen dieses Organs ein geringeres Hindernis für die Entfaltung der geistigen Wirkungen als die Anwesenheit des erkrankten Organs, das ein fortwährender Störenfried ist für die Entwickelung der geistigen Kraftwirkungen. Daher gehört ein solcher Einwand, wie der angeführte, zu denjenigen, welche man gewiß macht, wenn man noch nicht tiefer in das eigentliche Wesen des geisteswissenschaftlichen Erkennens eingedrungen ist. Ein ganz begreiflicher Einwand ist es, aber zu gleicher Zeit einer derjenigen, die ganz von selbst verschwinden, wenn man sich Zeit läßt und Geduld hat, um tiefer in die Sache einzudringen. Diese Erfahrung werden Sie überhaupt machen: Wenn man mit einem gewissen Wissen, das aus den Anschauungen der heutigen materialistischen Wissenschaft geschöpft ist, an das Studium der Geisteswissenschaft herantritt, da kann sich Widerspruch auf Widerspruch ergeben, so daß man gar nicht zurechtkommen kann. Und wenn man da schnell fertig ist mit dem Urteilen, so wird man ja allerdings zu keinem anderen Ergebnis kommen können als zu dem, daß Geisteswissenschaft etwas Hirnverbranntes sei, das nicht im geringsten übereinstimme mit den Ergebnissen der äußeren Wissenschaft. - Wenn man aber sich mit Geduld und Zeit auf die Sache einläßt, dann wird man sehen, daß es keinen Widerspruch, auch nicht geringfügigster Art, gibt zwischen dem, was aus der Geisteswissenschaft kommt, und dem, was sich aus der äußeren wissenschaftlichen Forschung ergibt. Die Schwierigkeit, die da vorliegt, ist die, daß das Gesamtgebiet des anthroposophischen oder geisteswissenschaftlichen Erkennens ein so weites ist, daß man immer nur Teile geben kann. Und wenn die Leute an diese Teile herantreten, können sie leicht solche Widersprüche fühlen wie diesen charakterisierten.

[ 5 ] Aber das darf uns nicht zurückschrecken, man würde ja sonst gar nicht anfangen können mit dem notwendigen Hereinbringen anthroposophischer Weltanschauung in die Gesamtbildung und in das Gesamtwissen unserer Zeit.

[ 6 ] Gestern versuchte ich Ihnen darzulegen jene Umrhythmisierung, welche durch die Milz bewirkt wird gegenüber dem äußeren rhythmuslosen Ernähren des Menschen. Ich bin davon ausgegangen, weil es von allen Funktionen, welche die Milz hat, die am leichtesten verständliche ist. Aber obzwar es die am leichtesten verständliche ist, ist sie nicht die allerwichtigste und auch nicht die, welche die Hauptsache bildet. Denn man könnte ja sagen: Nun ja, wenn der Mensch sich bemühen würde, den richtigen Rhythmus für seine Ernährung zu erkennen, so würde in dieser Hinsicht die Tätigkeit der Milz nach und nach eine unnötige werden müssen. — Schon daraus ersieht man, daß diese Funktion, von der wir gestern gesprochen haben, die geringfügigste ist. Weit wichtiger ist die Tatsache, daß wir bei unserer Ernährung den Nahrungsmitteln als äußeren Stoffen, in der Art und Weise ihrer Zusammensetzung, wie sie sich in unserer Umgebung vorfinden, gegenüberstehen. Solange man freilich die Anschauung hat, daß diese Nahrungsmittel tote Stoffe seien oder höchstens von dem Leben erfüllt, das man in den Pflanzen voraussetzt, solange man dies annimmt, könnte es allerdings scheinen, als ob der äußere Stoff, der da als Nahrung aufgenommen wird in den Organismus, durch das verarbeitet wird, was man im weitesten Sinne die Verdauung nennt. Gewiß stellen sich ja auch viele Menschen die Sache so vor, daß man es mit einem bestimmungslosen Stoff zu tun hat, den wir als unsere Nahrung aufnehmen, mit einem Stoff, der ganz gleichgültig ist gegen uns selbst und der nur darauf wartet, wenn wir ihn aufgenommen haben, daß wir ihn auch verarbeiten können. So ist es aber nicht. Die Nahrungsstoffe sind doch nicht wie Ziegelsteine, die es sich gefallen lassen müssen, in jeder Art als Bausteine an einem Bau zu dienen, der eben aufgeführt werden soll. Die Ziegelsteine lassen es sich gefallen, in beliebiger Weise nach dem Plan des Architekten einem Bau eingefügt zu werden, weil sie eine in sich ungefügte, leblose Masse darstellen, wenigstens in bezug auf den Bau. So ist es aber nicht bei den Nahrungsmitteln in bezug auf den Menschen. Denn ein jedes Substantielle, das wir in unserer Umgebung haben, hat gewisse innere Kräfte, hat eine innere Gesetzmäßigkeit. Und das ist das Wesentliche eines Stoffes, daß er innere Gesetzmäßigkeiten, innere Regsamkeiten hat. Wenn wir also die äußeren Nahrungsstoffe in unseren Organismus hineinbringen, sie sozusagen unserer eigenen inneren Regsamkeit einfügen wollen, so lassen sie sich das nicht ohne weiteres gefallen, sondern legen es zunächst darauf an, ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen Rhythmen und ihre eigenen inneren Bewegungsformen zu behalten. Und will der menschliche Organismus sie für seine Zwecke gebrauchen, so muß er zunächst die eigene Regsamkeit dieser Stoffe vernichten, er muß sie aufheben. Er muß nicht bloß ein gleichgültiges Material verarbeiten, sondern er muß der eigenen Gesetzmäßigkeit der Stoffe entgegenarbeiten. Daß diese Stoffe eine Eigengesetzmäßigkeit haben, das kann der Mensch zum Beispiel bald spüren, wenn er ein starkes Gift zu sich nimmt. Da wird er bald sehen, daß die Eigengesetzmäßigkeit des Giftes sich geltend macht und Herr über ihn wird. So wie aber ein Gift eine innere GesetzmäRigkeit hat, durch die es eine Attacke auf den Organismus ausführt, so ist es mit jedem Nahrungsstoff, den wir zu uns nehmen. Er ist nicht etwas Gleichgültiges, sondern er macht sich in seiner eigenen Natur, in seiner eigenen Wesenheit geltend; er hat seinen eigenen Rhythmus. Und diesem Rhythmus muß vom Menschen entgegengearbeitet werden, so daß nicht nur gleichgültige Baumaterialien zu verarbeiten sind in der inneren Organisation des Menschen, sondern es muß zuerst die eigene Natur dieser Baumaterialien überwunden werden.

[ 7 ] So können wir sagen, daß wir in den Organen, denen unsere Nahrungsstoffe im Inneren des Menschen zuerst entgegentreten, die Werkzeuge haben, um demjenigen entgegenzuarbeiten, was Eigenleben der Nahrungsstoffe ist — jetzt «Leben» im weitesten Sinne aufgefaßt. Nicht nur das, was wir durch unregelmäßigen Rhythmus in der Ernährung selber bewirken, sondern auch das, was die Nahrungsstoffe an eigenem Rhythmus in sich haben, welcher dem menschlichen Rhythmus widerspricht, das muß umrhythmisiert werden. Von den Organen, die dies bewirken, ist die Milz das äußerste Organ. Aber an diesem Umrhythmisieren, an diesem Umgestalten und Abwehren arbeiten die anderen genannten Organe wesentlich mit, so daß wir in Milz, Leber und Galle ein zusammenwirkendes Organsystem haben, welches im wesentlichen dazu bestimmt ist, bei der Aufnahme der Nahrungsmittel in den Organismus dasjenige zurückzuschieben, was Eigennatur dieser Nahrungsmittel ist. Alle Tätigkeit, welche im Magen entfaltet wird, oder auch schon, bevor die Speise in den Magen gelangt, ferner das, was dann bewirkt wird durch die Absonderung der Galle, was dann weiter durch die Tätigkeit von Leber und Milz geschieht, das alles gibt eben diese Abwehr der Eigennatur der äußeren Nahrungsstoffe. Daher sind also unsere Nahrungsmittel erst dann dem inneren Rhythmus des menschlichen Organismus angepaßt, wenn ihnen die Wirksamkeiten dieser Organe entgegengetreten sind. Und erst dann, wenn wir die in uns aufgenommenen Nahrungsmittel den Wirksamkeiten dieser Organe ausgesetzt und sie umgewandelt haben, haben wir dasjenige in uns, was fähig ist, in jenes Organsystem aufgenommen zu werden, das der Träger, das Werkzeug unseres Ich ist, in das Blut. Bevor irgendein äußerer Nahrungsstoff in unser Blut aufgenommen werden kann, so daß dieses unser Blut die Fähigkeit erhält, Werkzeug zu sein für unser Ich, müssen all die Eigengesetzlichkeiten der Außenwelt abgestreift sein, und das Blut muß die Nahrungsstoffe in einer solchen Gestalt empfangen, die der eigenen Natur des menschlichen Organismus entspricht. Daher können wir sagen: In Milz, Leber und Galle und in ihrem Zurückwirken auf den Magen haben wir diejenigen Organe, welche die Gesetze der äußeren Welt, aus der wir unsere Nahrung entnehmen, anpassen der inneren Organisation, dem inneren Rhythmus des Menschen.

[ 8 ] Nun steht aber diese menschliche Natur, wie sie als Ganzes wirkt, mit allen ihren Gliedern nicht bloß der inneren Welt gegenüber, sondern diese innere menschliche Natur muß in einer fortwährenden Korrespondenz, in einem fortwährenden lebendigen Wechselwirken mit der Außenwelt sein. Dieses lebendige Wechselwirken mit der Außenwelt wird ja gerade dadurch abgeschnitten, daß den Gesetzen der Außenwelt, insofern wir mit ihr in Beziehung treten durch die Nahrungsstoffe, entgegengestellt werden die drei Organsysteme Leber, Galle, Milz. Durch diese wird die äußere Gesetzmäßigkeit weggenommen von innen her. Und es würde der menschliche Organismus, wenn er nur diesen Organsystemen ausgesetzt wäre, sich von der Außenwelt vollständig abschließen, er würde ein vollkommen in sich isoliertes Wesen sein. Daher ist ein anderes ebenso notwendig. Wie der Mensch auf der einen Seite solche Organsysteme braucht, durch welche die Außenwelt so umgestaltet wird, daß sie seiner Innenwelt gemäß wird, so muß er auf der anderen Seite auch in der Lage sein, unmittelbar mit dem Werkzeug seines Ich der Außenwelt entgegenzutreten, unmittelbar also seinen Organismus, der sonst eine in sich isolierte Wesenheit wäre, mit der Außenwelt in Beziehung zu setzen. Während das Blut auf der einen Seite mit der Außenwelt nur so in Beziehung tritt, daß es von dieser Außenwelt nur das erhält, dem alle Eigengesetzmäßigkeit abgestreift ist, tritt es auf der anderen Seite mit der Außenwelt so in Beziehung, daß es unmittelbar an sie herantreten kann. Das geschieht, wenn das Blut durch die Lungen fließt und mit der äußeren Luft in Berührung kommt. Da wird es durch den Sauerstoff der äußeren Luft aufgefrischt und in einer solchen Weise gestaltet, daß jetzt dieser Gestaltung nichts abschwächend gegenübertritt, so daß in der Tat der Sauerstoff der Luft so herantritt an das Werkzeug des menschlichen Ich, wie es dessen eigenster Natur und Wesenheit entspricht. So sehen wir jene ganz merkwürdige Tatsache vor unser Auge treten, daß das edelste Werkzeug, das der Mensch hat, das Blut, das Werkzeug seines Ich, wie ein Wesen dasteht, welches alle Nahrung sorgfältig filtriert erhält durch die früher charakterisierten Organsysteme. Dadurch ist das Blut in die Fähigkeit versetzt, ganz und gar ein Ausdruck der inneren Organisation des Menschen zu werden, des inneren Rhythmus des Menschen. Dadurch aber, daß das Blut unmittelbar in Berührung tritt mit denjenigen Stoffen der Außenwelt, die in seine innere Gesetzmäßigkeit und Regsamkeit aufgenommen werden dürfen, ohne daß sie unmittelbar bekämpft zu werden brauchen, dadurch ist diese menschliche Organisation nichts in sich Abgeschlossenes, sondern mit der Außenwelt voll in Berührung.

[ 9 ] So haben wir im menschlichen Blutorganismus auch von diesem Gesichtspunkte aus etwas ganz Wunderbares vor uns. Wir haben in ihm ein wirkliches, echtes Ausdrucksmittel des menschlichen Ich, das ja in der Tat auf der einen Seite der Außenwelt zugekehrt ist, auf der anderen Seite dem eigenen Innenleben zugekehrt ist. So wie wir gesehen haben, daß der Mensch durch sein Nervensystem den Impressionen der Außenwelt zugewendet ist, also die Außenwelt sozusagen auf dem Umwege durch die Nerven in sich aufnimmt, so kommt er in eine unmittelbare Berührung mit der Außenwelt durch sein Blut, indem das Blut den Sauerstoff der Luft durch die Lungen aufnimmt. Daher können wir also sagen: In dem, was uns gegeben ist auf der einen Seite in dem Milz-Leber-Gallesystem und auf der anderen Seite in dem Lungensystem, haben wir zwei einander entgegenwirkende Systeme, die sich gleichsam berühren in dem Blut. Außenwelt und Innenwelt berühren sich durch das Blut ganz unmittelbar im menschlichen Organismus, indem das Blut von der einen Seite her mit der äußeren Luft in Berührung kommt und von der anderen Seite her mit den Nahrungsmitteln, denen ihre eigene Natur genommen ist. Es stoßen also, möchte man sagen, wie positive und negative Elektrizität, hier zwei Weltenwirkungen im Menschen zusammen. Und wir können uns sehr leicht vorstellen, wo das Organsystem liegt, welches bestimmt und geeignet ist, das Aufeinanderprallen dieser beiden Weltenkraftsysteme auf sich wirken zu lassen. Bis zum Herzen herauf, insofern das Blut durch das Herz strömt, wirken die umgewandelten Nahrungssäfte. Bis zum Herzen herein, insofern es vom Blute durchflossen wird, wirkt der Sauerstoff der Luft, der unmittelbar aus der Außenwelt in unser Blut tritt, so daß wir im Herzen dasjenige Organ haben, in dem sich diese zwei Systeme begegnen, in die der Mensch hineinverwoben ist, an denen er nach zwei Seiten hängt. Es ist mit diesem menschlichen Herzen so, daß wir sagen könnten: An ihm hängt auf der einen Seite der ganze menschliche innere Organismus, und auf der anderen Seite ist der Mensch durch das Herz unmittelbar angeknüpft an den Rhythmus, an die Regsamkeit der äußeren Welt.

[ 10 ] Wenn nun zwei solche Systeme zusammenstoßen, so könnte es ja sein, daß ihr Zusammenwirken eine unmittelbare Harmonie ergäbe. Wir könnten uns vorstellen, daß diese zwei Systeme - das System der großen Welt, das durch den aufgenommenen Sauerstoff oder die Luft überhaupt in uns hineinwirkt, und das System der kleinen Welt, unseres eigenen inneren Organismus, das uns die Nahrungsmittel umwandelt -, daß sich diese Systeme im Blute, indem es das Herz durchströmt, einen harmonischen Ausgleich schaffen. Wenn es so wäre, dann wäre der Mensch eingespannt in zwei Welten, die sozusagen sein inneres Gleichgewicht schüfen. Nun werden wir im Laufe dieser Vorträge noch sehen, daß es sich mit der Beziehung der Welt zur menschlichen Wesenheit nicht so verhält. Es ist vielmehr so, daß die Welt sich sozusagen ganz passiv verhält, daß sie nur ihre Kräfte aussendet und es dem Menschen überläßt, durch eigene innere Tätigkeit den Ausgleich zu schaffen zwischen den zweierlei Systemen, in deren Wirkungen wir eingespannt sind. Wir werden es immer mehr und mehr als das Wesentliche erkennen lernen, daß dem Menschen zuletzt immer ein Rest bleibt für seine innere Tätigkeit, daß es ihm — bis in seine Organe hinein — überlassen ist, den Ausgleich, das innere Gleichgewicht selber zu schaffen. So müssen wir auch im menschlichen Organismus selber den Ausgleich, die Harmonisierung dieser beiden Weltsysteme suchen. Wir müssen uns von vornherein sagen: Durch die Gesetzmäßigkeiten der Außenwelt, die direkt in den Menschen hineintreten, und durch die eigenen inneren Gesetzmäßigkeiten des Menschen, in die er die Gesetzmäßigkeiten der Außenwelt umwandelt, welche er aufnimmt durch die Nahrung, ist noch nicht ohne weiteres die Harmonisierung der beiden Systeme gegeben. Die Harmonisierung muß sich erst durch ein besonderes eigenes Organsystem vollziehen. Der Mensch muß in sich selber die Harmonisierung herbeiführen. Das geschieht nicht in bewußten Vorgängen, sondern durch Vorgänge, die sich ganz unbewußt innerhalb des menschlichen Organismus abspielen. Dieser Ausgleich zwischen diesen beiden Systemen wird dadurch herbeigeführt, daß zwischen dem Milz-Leber-Gallesystem auf der einen Seite und dem Lungensystem auf der anderen Seite, die sich in dem das Herz durchströmenden Blute gegenüberstehen, eingeschaltet ist dasjenige, was wir das Nierensystem nennen, das auch in inniger Verbindung steht mit dem Blutkreislauf.

[ 11 ] Im Nierensystem haben wir dasjenige, was sozusagen harmonisiert jene äußeren Wirkungen, die von dem unmittelbaren Berühren des Blutes mit der Luft herrühren, mit den Wirkungen, die von denjenigen inneren Organen des Menschen ausgehen, durch die die Nahrungsstoffe erst zubereitet werden müssen, damit ihre Eigennatur abgestreift wird. In dem Nierensystem haben wir also ein solches ausgleichendes System, durch das der Organismus in die Lage kommt, den Überschuß abzugeben, der sich ergeben würde durch ein unharmonisches Zusammenwirken der beiden anderen Systeme.

[ 12 ] Damit haben wir der ganzen inneren Organisation — den Organen des Verdauungsapparates einschließlich derjenigen Organe, die wir dazurechnen müssen, wie Leber, Galle und Milz — dasjenige gegenübergestellt, wofür diese Organe zunächst ihre vorbereitende Tätigkeit entwickelt haben, das Blutsystem. Und wir haben auf der anderen Seite diesem Blutsystem diejenigen Organe gegenübergestellt, durch welche der einseitigen Isolierung entgegengearbeitet und damit der Ausgleich geschaffen wird zwischen dem genannten inneren System und dem, was von außen her kommt. Wenn wir also — und wir werden noch sehen, wie sehr das berechtigt ist — das Blutsystem mit seinem Mittelpunkt, dem Herzen, uns in die Mitte des Organismus hineingestellt denken, so haben wir, sich angliedernd an dieses Blut-Herzsystem, auf der einen Seite das Leber-Galle-Milzsystem, auf der anderen Seite — und auf andere Weise mit dem Herzen in Verbindung stehend — das Lungensystem. Dazwischen ist das Nierensystem angeordnet. Wir werden später noch sehen, wie ungemein interessant der Zusammenhang ist zwischen dem Lungensystem und dem Nierensystem. Jetzt wollen wir darauf zunächst nicht näher eingehen, sondern das Ganze im Zusammenhang betrachten. Wenn wir die Systeme einfach ganz schematisch nebeneinander zeichnen (Zeichnung Seite 78 links), dann erkennen wir schon aus dieser schematischen Darstellung, wie die menschliche innere Organisation in einem gewissen Zusammenhange steht, und wir haben diesen Zusammenhang so dargestellt, daß wir in dem Herzen mit dem dazugehörigen Blutsystem das Allerwichtigste zu sehen haben.

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[ 13 ] Nun habe ich schon darauf hingewiesen - und wir werden noch im genaueren sehen, inwiefern eine solche Namengebung gerechtfertigt ist — daß im Okkultismus die Milzwirkung als eine saturnische Wirkung bezeichnet wird, die Leberwirkung als eine Jupiter- und die der Galle als eine Marswirkung. Aus demselben Grunde sieht nun die okkulte Erkenntnis in dem Herzen und dem dazugehörigen Blutsystem dasjenige, was den Namen «Sonne» im menschlichen Organismus ebenso verdient wie die Sonne draußen innerhalb des Planetensystems. Das Lungensystem bezeichnet der Okkultist nach demselben Prinzip als «Merkur» und das Nierensystem mit dem Namen «Venus». So haben wir schon in der Benennung dieser Systeme des menschlichen Organismus — wenn wir jetzt auch gar nicht eingehen auf eine Rechtfertigung dieser Namen — etwas angedeutet wie ein inneres Weltsystem, was wir noch dadurch ergänzt haben, daß wir uns in die Lage versetzten, auch den Zusammenhang der beiden Organsysteme zu betrachten, die zum Blutsystem in Beziehung stehen. Erst wenn wir die Zusammenhänge in diesem Sinne betrachten, tritt uns das in einer Vollständigkeit entgegen, was wir die eigentliche menschliche innere Welt nennen können. Ich werde Ihnen nun in den folgenden Vorträgen auch noch zu zeigen haben, daß tatsächlich der Okkultist Gründe hat, das Verhältnis der Sonne zu Merkur und Venus in einer ähnlichen Weise sich vorzustellen, wie im menschlichen Organismus das Verhältnis zwischen Herz, Lungen und Nieren gedacht werden muß.

[ 14 ] Wir sehen daraus, daß in dem Werkzeug unseres Ich, in unserem Blutsystem, das seinen Rhythmus im Herzen zum Ausdruck bringt, etwas gegeben ist, was gewissermaßen in seiner ganzen Gestaltung, in seiner inneren Natur und Wesenheit durch das innere Weltsystem des Menschen bestimmt wird, und daß es in ein solches [makrokosmisches] Gesamtsystem eingebettet sein muß, damit es so leben kann, wie es eben lebt. In diesem menschlichen Blutsystem — das habe ich schon öfter erwähnt — haben wir zu sehen das physische Werkzeug unseres Ich. Wir wissen ja, daß unser Ich, so wie wir es haben, nur dadurch möglich ist, daß dieses Ich aufgebaut ist auf Grundlage eines physischen Leibes, eines Ätherleibes und eines Astralleibes. Ein frei in der Welt herumfliegendes menschliches Ich ist innerhalb der Welt, die unsere Welt ist, nicht denkbar. Ein menschliches Ich setzt voraus als Grundlage einen Astralleib, einen Ätherleib und einen physischen Leib. Wie nun dieses Ich in geistiger Beziehung die drei genannten Wesensglieder des Menschen voraussetzt, so setzt sein physisches Organ, das Blutsystem, auch physisch solche Abbilder des astralischen und des ätherischen Leibes voraus. Das Blutsystem kann sich also nur auf der Grundlage von etwas anderem entwickeln. Während die Pflanze sich einfach entwickelt auf der Grundlage der sie umgebenden unorganischen Natur, indem sie gleichsam aus derselben herauswächst, müssen wir sagen, daß für den menschlichen Blutorganismus als Grundlage nicht ohne weiteres bloß die äußere Natur als Unterlage nötig ist, sondern es muß diese äußere Natur erst noch eine Umgestaltung erfahren. Wie der physische Leib des Menschen erst einen Ätherleib und einen Astralleib haben muß, so muß das, was an Nahrungsstoffen einströmt, erst umgestaltet werden, damit es dem menschlichen Ich als Werkzeug dienen kann.

[ 15 ] Wenn wir nun auch sagen können, daß dieses physische Werkzeug des menschlichen Ich, das Blut, durch die Lunge von außen bestimmt wird, so ist die Lunge selber doch ein Organ der physischen Leibesorganisation, das heißt, es ist nicht dieses Organ, sondern die durch dasselbe eingeatmete Luft, welche es möglich macht, mit einem äußeren Rhythmus auf das Blut einzuwirken. Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was von außen an den Menschen herankommt in Form der Luft, die eingeatmet wird und die es dem Menschen möglich macht, mit einem äußeren Rhythmus unmittelbar sein Blutsystem zu durchdringen, und dem, was nicht unmittelbar an das lebendige Werkzeug des Ich im Organismus, an das Blut, herantritt, sondern was herantritt - in der Art, wie es schon charakterisiert worden ist - auf dem Umwege durch die Seele, was der Mensch also dadurch aufnimmt, daß er die Eindrücke der Außenwelt durch die Sinne empfängt und diese Sinne dann ihre Eindrücke auch vermitteln bis zur Bluttafel hin. Deshalb werden wir sagen können: Der Mensch tritt nicht bloß mit der Außenwelt unmittelbar stofflich in Berührung durch die Atmungsluft, indem diese Berührung hereinwirkt bis auf sein Blut, sondern er tritt durch die Sinnesorgane mit der Außenwelt auch so in Berührung, daß diese Berührung eine nichtstoffliche ist, wie sie in dem Prozeß der Wahrnehmung stattfindet, den die Seele entfaltet, wenn sie zur Umwelt in Beziehung tritt. Da haben wir etwas, was sich als ein höherer Prozeß hinzufügt zum Atmungsprozeß, wir haben etwas wie einen vergeistigten Atmungsprozeß. Während wir durch den Atmungsprozeß die Außenwelt stofflich aufnehmen, nehmen wir im Wahrnehmungsprozeß — und ich meine jetzt mit «Wahrnehmung» alles, was der Mensch an äußeren Impressionen verarbeitet — etwas durch einen vergeistigten Atmungsprozeß in unseren Organismus auf. Und es entsteht jetzt die Frage: Wie wirken diese beiden Prozesse zusammen? Denn im menschlichen Organismus muß alles aufeinander einwirken.

[ 16 ] Legen wir uns einmal diese Frage genauer vor — denn es wird Wesentliches davon abhängen, daß wir sie uns genau vorlegen -, um uns die heute zunächst hypothetisch zu gebende Antwort vor unsere Seele führen zu können. Wir müssen uns darüber klar werden, wie ein Zusammenwirken, ein Wechselwirken stattfinden kann zwischen alle dem, was durch das Blut wirkt und was es geworden ist dadurch, daß alle diese inneren Organprozesse stattgefunden haben, und dem, was das Blut wird, indem wir äußere Wahrnehmungsprozesse vollziehen. Wir müssen sehen, daß da eine Wechselwirkung stattfinden kann. Das Blut ist, trotzdem es so eingehend und so vielseitig filtriert ist, trotzdem so vieles dafür gesorgt hat, daß es ein so wunderbar organisierter Stoff ist, der Werkzeug unseres Ich sein kann, das Blut ist trotzdem eine physische Substanz und gehört als solche zum physischen Leibe. Daher können wir sagen: Zunächst erscheint uns ein weiter, weiter Abstand zwischen dem, was im menschlichen Blute an physischen Prozessen wirkt, und dem, was wir als unsere Wahrnehmungsprozesse kennen, die die Seele vollzieht. Das ist eine nicht abzuleugnende Realität; denn der Mensch müßte ja auf sonderbare Weise nicht zu denken verstehen, der ableugnen wollte, daß Wahrnehmungen, Begriffe, Ideen, Gefühle, Willensimpulse ebenso etwas Reales sind wie Blutsubstanz, Nervensubstanz, Lebersubstanz, Gallensubstanz und so weiter. Wie diese Dinge zusammenhängen, darüber können sich die Weltanschauungen streiten; sie können sich darüber streiten, ob die Gedanken bloß irgendwelche Wirkungen, sagen wir, der Nervensubstanz oder dergleichen seien. Da kann vielleicht ein Streiten der Weltanschauungen beginnen. Aber keinen Streit kann es darüber geben, weil es eine selbstverständliche Sache ist, daß unser Seeleninnenleben, unser Gedankenleben, unser Gefühlsleben, alles was sich aufbaut auf Grund der äußeren Wahrnehmungen und Eindrücke, eine Realität für sich darstellt. Wohlgemerkt, ich sage nicht: eine abgesonderte Realität —, sondern: eine Realität für sich, denn nichts ist in der Welt abgesondert. Mit «Realität für sich» soll nur angedeutet werden, was real beobachtet werden kann, und dazu gehören Gedanken, Gefühle und so weiter ebenso wie Magen, Leber, Galle und Milz.

[ 17 ] Aber ein anderes kann uns auffallen, wenn wir diese zwei Realitäten nebeneinanderstellen: Auf der einen Seite alles, was ein selbst noch so stark filtriertes Materielles, Physisches ist wie das Blut, und auf der anderen Seite das, was ja mit einem Physischen gar nichts zu tun zu haben scheint zunächst, nämlich die Inhalte der Seele, die Gefühle, Gedanken und so weiter. In der Tat bietet der Anblick dieser zweierlei Arten von Realitäten für den Menschen solche Schwierigkeiten, daß sich an diesen Anblick angegliedert haben die allermannigfaltigsten Antworten aus den verschiedensten Weltanschauungen heraus. Da gibt es Weltanschauungen, welche eine unmittelbare Einwirkung des Seelischen, des Gedanklichen, des Gefühlsmäßigen auf die physische Substanz annehmen, wie wenn der Gedanke unmittelbar auf die physische Substanz wirken könnte. Denen stehen andere gegenüber, die materialistischen, die annehmen, daß Gedanken, Gefühle und so weiter einfach produziert werden aus den Vorgängen des Physisch-Substantiellen heraus. Der Streit dieser beiden Weltanschauungen hat ja in der äußeren Welt - nicht für den Okkultisten, für den dieser Streit ein Streit mit leeren Worten ist — durch lange Zeiten hindurch eine große Rolle gespielt. Und als man endlich gar nicht mehr zurechtgekommen ist, da ist in der neueren Zeit noch etwas anderes aufgetreten, was den sonderbaren Namen «psychophysischer Parallelismus» führt. Weil man sich gar nicht mehr zu helfen wußte, welcher nun von den beiden Gedanken der richtige ist — entweder wirkt der Geist auf die leiblichen Prozesse, oder es wirken die leiblichen Prozesse auf den Geist —, so sagte man eben einfach, das seien zwei Vorgänge, die parallel ablaufen. Man sagte sich: Während der Mensch denkt, fühlt und so weiter, laufen parallel in seinen physischen Organsystemen ganz bestimmte Vorgänge ab. - Die Wahrnehmung «Ich sehe Rot» würde also entsprechen irgendeinem materiellen Vorgang innerhalb des Nervensystems. Was wirempfinden beieinem roten Eindruck, was wir fühlen an Freude oder Schmerz bei ihm, entspricht einem materiellen Vorgang. Aber weiter geht man nicht, als zu sagen, daß er eben «entspricht». Diese Theorie hebt in der Tat die ganzen Schwierigkeiten auf, indem sie diese einfach wegexpliziert. Nun, alle Streitereien, die sich auf diesem Boden entsponnen haben und auch die Hilflosigkeit des psychophysischen Parallelismus ergeben sich daraus, daß man diese Fragen entscheiden will auf einem Boden, auf dem sie gar nicht ausgetragen werden können. Wir haben es mit nichtmateriellen Vorgängen zu tun, wenn wir die Tätigkeiten unseres inneren Seelenlebens ins Auge fassen, und wir haben es mit materiellen Vorgängen zu tun, wenn wir, selbst über etwas so fein organisiertes wie es das Blut ist, unsere Betrachtungen anstellen. Wenn man diese zwei Dinge einfach gegenüberstellt - physische Betätigung und seelische Betätigung — und jetzt durch Nachdenken herausbekommen will, wie diese beiden aufeinander wirken, so ergibt dieses Nachdenken eben gar nichts. Durch Nachdenken kann man alle willkürlichen Lösungen oder Nichtlösungen finden. Erst dadurch wird über diese Fragen etwas entschieden werden können, daß wir uns wirklich eine höhere Erkenntnis aneignen, die weder stehenbleibt bei dem physischen Anschauen der Außenwelt noch bei dem an die bloße physische Außenwelt gebundenen Denken. Wir müssen eine Form der Erkenntnis finden, die sich erhebt zu dem, was über das Physische hinaus in die überphysische Welt führt. Wir müssen auf der einen Seite von dem Materiellen hinaufsteigen zu dem Übermateriellen, zu dem Überphysischen, wir müssen aber auf der anderen Seite auch von dem Seelenleben, das sich in der physischen Welt abspielt, hinaufsteigen zu dem, was unserem Seelenleben zugrundeliegt in der überphysischen Welt, denn mit unserem Seelenleben, mit allen unseren Gefühlen und so weiter leben wir ja auch in der physischen Welt. Wir müssen also von zwei Seiten her aufsteigen zu einer überphysischen Welt.

[ 18 ] Um von der materiellen Seite her in die überphysische Welt aufzusteigen, dazu sind jene Seelenübungen notwendig, welche es dem Menschen möglich machen, hinter das äußere Sinnliche zu schauen, hinter den Schleier, von dem ich gesprochen habe, in welchen unsere Sinneseindrücke hineinverwoben sind. Solche Sinneseindrücke haben wir ja auch dann vor uns, wenn wir den äußeren menschlichen Organismus betrachten, auch bei dem am feinsten Organisierten des menschlichen Organismus, dem Blute, haben wir es mit einem Physisch-Sinnlichen zu tun. Es sind Seelenübungen notwendig, um den Menschen in die übersinnliche Welt hineinzuführen. Zunächst muß er eine Stufe tiefersteigen als dort, wo er war, als er die Seeleneindrücke in sich aufnehmen konnte, unter den Plan des Physischen. In den Untergründen der physisch-sinnlichen Welt, da tritt ihm als das Übersinnliche der menschlichen Organisation der Ätherleib entgegen. Dieser Ätherleib - wir werden ihn noch genauer besprechen gerade vom okkult-physiologischen Standpunkte aus - ist eine übersinnliche Organisation, die wir uns zunächst einfach denken als die übersinnliche Grundsubstanz, aus der sich der sinnliche Organismus des Menschen herausgliedert und von dem er ein Abbild, ein Abdruck ist. Von diesem Ätherleibe ist selbstverständlich auch das Blut ein Abdruck. Wir haben also jetzt hier, indem wir um eine Stufe hinter den physisch-sinnlichen Organismus getreten sind, ein übersinnliches Glied in dem menschlichen Ätherleibe gefunden. Und es fragt sich nun: Können wir an dieses Übersinnliche, an diesen Ätherleib, nun auch herankommen von der anderen Seite her, von der Seite des Seelischen her, von unseren Empfindungen, Gedanken, Gefühlen her, die wir uns aufbauen aus Eindrücken der Außenwelt?

[ 19 ] Da stellt sich nun allerdings heraus: So unmittelbar, wie wir unser Seelenleben haben, kommen wir nicht gleich an den Ätherorganismus heran. Aber - und damit lassen Sie mich die heutige Betrachtung ausklingen — wenn wir in unserer Seele arbeiten, so geschieht das ja so, daß wir zunächst die äußeren Eindrücke bekommen, auf die Sinne wirkt die äußere Welt, dann verarbeiten wir in unserer Seele die äußeren Eindrücke; aber wir tun noch mehr, wir speichern gleichsam diese empfangenen Eindrücke in uns selber auf. Denken Sie nur einmal nach über die einfache Erscheinung des Gedächtnisses, der Erinnerung. Wenn Sie sich an etwas erinnern, woran Sie vor Jahren auf Grundlage äußerer Wahrnehmungen Eindrücke gewonnen haben, sich Vorstellungen gebildet haben, die Sie heute aus den Untergründen Ihrer Seele heraufholen, und es kommt Ihnen die Erinnerung, sagen wir an etwas ganz einfaches, einen Baum oder einen Geruch, da müssen Sie sagen, Sie haben in Ihrer Seele etwas aufgespeichert, was Ihnen hat bleiben können von dem äußeren Eindruck. Nun zeigt uns aber eine wiederum nur durch Übungen der Seele zu gewinnende Betrachtung des Seelenlebens selber, daß in dem Augenblick, wo wir unser Seelenleben soweit haben, daß wir aufgespeicherte Eindrücke als Erinnerungsvorstellungen zurückrufen können, wir mit unseren seelischen Erlebnissen nicht nur in unserem Ich wirken. Zunächst tun wir das ja, indem wir mit unserem Ich der Außenwelt gegenübertreten, Eindrücke aus ihr aufnehmen und sie verarbeiten im Astralleibe. Würden wir aber nur das tun, so würden wir alles gleich wieder vergessen. Wenn wir Schlüsse ziehen, arbeiten wir im Astralleib. Wenn wir aber die Eindrücke in uns so fest machen, daß wir sie nach einiger Zeit — ja, oder auch nur nach Minuten — wieder heraufholen können, dann prägen wir die Eindrücke, die wir durch unser Ich gewonnen und durch unseren Astralleib verarbeitet haben, in unseren Ätherleib ein; so daß wir also in den Gedächtnisvorstellungen vom Ich aus hineingepreßt haben in den Ätherleib dasjenige, was wir als seelische Betätigung in der Berührung mit der Außenwelt gewonnen haben. Wenn wir nun die Fähigkeit haben, von unserer Seele her in den Ätherleib hineinzupressen unsere Erinnerungsvorstellungen, und wenn wir den Ätherleib auf der anderen Seite anerkennen als den nächsten übersinnlichen Ausdruck unseres Organismus, so fragt es sich nun: Wie geschieht dieses Hineinpressen? Wie geht das vor sich, daß der Mensch tatsächlich das, was vom Astralleibe verarbeitet ist, jetzt wirklich in den Ätherleib hineinbringt? Wie kann er es in den Ätherleib überleiten? Diese Überleitung geschieht auf eine sehr merkwürdige Weise. Wenn wir zunächst ganz schematisch den Verlauf des Blutes durch den ganzen menschlichen Körper betrachten und dieses Blut als den äußeren physischen Ausdruck des menschlichen Ich fassen, so sehen wir — wenn wir das jetzt so betrachten, als ob wir im Ätherleibe drinnen stünden -, wie das Ich arbeitet in Korrespondenz mit der Außenwelt, wie es Impressionen empfängt und diese zu Vorstellungen verdichtet, und wir sehen, wie dabei in der Tat unser Blut nicht nur tätig ist, sondern wie unser Blut im ganzen Verlauf, namentlich nach oben zu - nach unten weniger —, überall den Ätherleib erregt, so daß wir überall im Ätherleibe Strömungen sich entwickeln sehen, die einen ganz bestimmten Verlauf nehmen. Sie erscheinen so, als ob sie sich an das Blut anschließen würden, vom Herzen nach dem Kopfe gehen und sich im Kopfe sammeln würden. Sie sammeln sich ungefähr so — wenn ich jetzt einen äußeren Vergleich gebrauchen darf -, wie etwa Ströme von Elektrizität einer Spitze zugehen, der eine andere Spitze entgegengestellt ist, und so zum Ausgleich von positiver und negativer Elektrizität hinstreben.

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[ 20 ] Wenn wir diesen Vorgang okkult betrachten mit entsprechend geübter Seele, so sehen wir, wie in einem Punkte sich jene Ätherkräfte unter einer gewaltigen Spannung zusammendrängen, welche hervorgerufen sind durch die Eindrücke, die jetzt gewisse Vorstellungen werden wollen, Gedächtnisvorstellungen, die sich in den Ätherleib einprägen wollen. Man sieht es den Ätherkräften an, daß sie Gedächtniskräfte werden wollen. Ich will die letzten Ausläufer dieser Ätherströmungen nach dem Gehirn herauf und das Sichzusammendrängen so zeichnen, wie es sich etwa wirklich darstellen würde. Wir sehen da eine mächtige Spannung, die sich an einer Stelle sammelt und gleichsam sagt: Ich will in den Ätherleib hinein! — Wir sehen nun, wie dieser Ätherströmung des Kopfes andere Strömungen entgegenkommen, die ausgehen namentlich von den Lymphgefäßen und die sich so sammeln, daß sie sich der ersten Strömung entgegenstellen. So haben wir im Gehirn, wenn sich eine Gedächtnisvorstellung bilden will, einander gegenüberstehen zwei Ätherströmungen, die sich mit größtmöglicher Kraft konzentrieren, etwa so wie positive und negative Elektrizität sich an ihren Polen mit größter Spannung konzentrieren und nach Ausgleich streben. Ein Ausgleich zwischen den beiden Ätherströmungen geschieht in der Tat, und wenn er vollzogen ist, dann ist eine Vorstellung Gedächtnisvorstellung geworden und hat sich dem Ätherleibe einverleibt.

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[ 21 ] Solche übersinnlichen Realitäten, solche übersinnlichen Strömungen im menschlichen Organismus drücken sich dadurch aus, daß sie sich auch ein physisch-sinnliches Organ schaffen, welches wir wie eine Versinnlichung solcher Strömungen anzusehen haben. So haben wir ein Organ, welches sich im mittleren Gehirn befindet, das der physisch-sinnliche Ausdruck ist für das, was als Gedächtnisvorstellung sich bilden will. Dem stellt sich gegenüber ein anderes Organ im Gehirn, das der Ausdruck ist für diejenigen Strömungen im Ätherleib, die von den unteren Organen kommen. Diese beiden Organe im menschlichen Gehirn sind der physisch-sinnliche Ausdruck für diese beiden Strömungen im menschlichen Ätherleibe, sie sind etwas wie letzte Anzeichen dafür, daß solche Strömungen im Ätherleibe stattfinden. Es verdichten sich gleichsam diese Strömungen so stark, daß sie die menschliche Leibessubstanz ergreifen und zu diesen Organen verdichten, so daß wir in der Tat den Eindruck haben, wie wenn von dem einen Organ helle Lichtströmungen ausstrahlen, die zu dem anderen Organ überfließen. Das physische Organ, das die Gedächtnisvorstellung bilden will, ist die Zirbeldrüse, der aufnehmende Teil ist der Gehirnanhang, Hypophysis.

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[ 22 ] Hier haben Sie an einer ganz bestimmten Stelle des physischen Organismus den äußeren physischen Ausdruck für das Zusammenwirken des Seelischen mit dem Leiblichen!

[ 23 ] Es soll das zunächst nur wie eine prinzipielle Darstellung sein, womit wir unsere heutige Betrachtung ausklingen lassen wollen, die wir morgen weiter ausführen wollen und an die wir Genaueres und Beweisbares anknüpfen wollen. Es ist wichtig, daß wir den Gedanken genau festhalten, daß wir im Übersinnlichen forschen können, und uns dann fragen können, ob der zu erwartende physische Ausdruck für das Übersinnliche auch vorhanden ist. Wir sahen hier, daß das der Fall ist. Da es sich aber hier um die Eingangspforte vom Sinnlichen zum Übersinnlichen handelt, so werden Sie es begreifen, daß diese Organe für die physische Wissenschaft höchst zweifelhafte Organe sind, und daß Sie über diese Organe von der äußeren Wissenschaft nur außerordentlich unzureichende und ungenügende Auskunft erhalten können.