Eine okkulte Physiologie
GA 128
24 März 1911, Prague
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Es wird heute meine Aufgabe sein, bevor wir in unseren Betrachtungen weiterschreiten, einige Begriffe herbeizutragen, die wir in der weiteren Folge unserer Darstellungen notwendig brauchen werden. Da wird es insbesondere wichtig sein, daß wir uns verständigen über die Bedeutung dessen, was wir im geisteswissenschaftlichen, anthroposophischen Sinne ein physisches Organ nennen oder vielmehr den physischen Ausdruck eines Organs. Denn Sie haben ja schon gesehen, daß wir zum Beispiel über die Milz so reden können, daß die physische Milz sogar materiell entfernt werden kann oder unbrauchbar werden kann, ohne daß dasjenige, was wir im anthroposophischen Sinne die «Milz» nennen, von seiner Tätigkeit ausgeschaltet wird. Es bleibt dennoch, wenn wir ein solches physisches Organ ausgeschaltet, entfernt haben, im Organismus die Tätigkeit, die innere Regsamkeit, die durch das Organ ausgeübt worden war, immer noch übrig. Daraus sehen wir — und ich bitte Sie recht sehr, sich einen solchen Begriff für das folgende anzueignen —, daß wir alles, was physisch anschaubar, was physisch wahrnehmbar ist bei einem solchen Organ, uns wegdenken können - natürlich kann man das nicht von jedem Organ sagen -, und es bleibt doch die bestimmungsgemäße Funktion des Organs; und das, was dann bleibt, was die Funktion weiter fortführt, das müssen wir zu dem Übersinnlichen des menschlichen Organismus rechnen.
[ 2 ] Nun sprechen wir aber überhaupt, wenn wir im Sinne unserer Geisteswissenschaft von solchen Organen sprechen wie Milz, Leber, Galle, Nieren, Lungen und so weiter, indem wir diese Namen aussprechen, zunächst gar nicht von dem, was man physisch sehen kann, sondern wir bezeichnen damit die in diesen Organen wirkenden Kraftsysteme, die übersinnlicher Natur sind. Daher werden wir, und das ist in besonderem Grade bei der Milz der Fall, wenn wir geisteswissenschaftlich davon sprechen, zunächst ein äußerlich physisch nicht sichtbares Kraftsystem uns denken müssen. Denken wir also in dem, was ich hier zeichne, ein physisch nicht sichtbares Kraftsystem, das nur anschaubar werden könnte für ein übersinnliches Schauen.
[ 3 ] Ein solches wäre also zum Beispiel in der Gegend unserer Milz nur als übersinnliches Kraftsystem sichtbar. Wenn wir nun ins Auge fassen, daß ja im wirklichen uns vorliegenden menschlichen Organismus dieses übersinnliche Kraftsystem ausgefüllt ist mit sinnlicher Materie, so müssen wir uns fragen: Wie haben wir uns nun das Verhältnis dieses übersinnlichen Kraftsystems zu dem, was sinnliche Materie ist, zu denken?
[ 4 ] Ich glaube, es wird Ihnen nicht schwierig werden, zu denken, daß Kräfte durch den Raum gehen können, welche zunächst nicht sinnlich anschaubar sind. Man braucht sich nur an folgendes zu erinnern: Wer zum Beispiel niemals etwas von der Realität der Luft in einer von Wasser entleerten Flasche gehört hat, der wird der Meinung sein, die Flasche sei ganz leer. Ein solcher physikalisch Unkundiger wird einigermaßen erstaunt sein zu sehen, daß, wenn wir eine leere Wasserflasche auf den Tisch stellen, einen gut anschließenden enghalsigen Trichter aufsetzen und rasch Wasser in den Trichter eingießen, wir das Wasser im Trichter behalten und es nicht in die Flasche hineinfließen kann, weil es durch den Gegendruck der Luft verhindert wird, in die Flasche einzudringen. Ein solcher Mensch wird dann gewahr, daß doch ein für ihn Unsichtbares in der Flasche darinnen ist, welches das Wasser zurückhält. Denken Sie sich diesen Begriff etwas erweitert, so wird es auch nicht schwierig sein, sich vorzustellen, daß der Raum von Kraftsystemen durchdrungen sein kann, welche zunächst übersinnlicher Natur sind, so daß wir sie nicht mit dem Messer durchschneiden können und daß sie auch nicht angegriffen werden können, wenn ein physisches Organ, das ihr materieller Ausdruck ist, zum Beispiel die Milz, erkranken sollte. Wir haben uns zu denken, daß ein übersinnliches Kraftsystem zu dem, was wir als physisch-sinnliches Organ sehen, in einem solchen Verhältnis steht, daß physische Materie sich in dieses Kraftsystem einlagert, angezogen von den Kraftpunkten und Kraftlinien, und dadurch zu einem physischen Organ wird. Wir können sagen: Der Grund, warum zum Beispiel an der Stelle der Milz ein physisch-sinnliches Organ sichtbar ist, ist also der, daß dort in einer ganz bestimmten Weise Kraftsysteme den Raum ausfüllen, welche die Materie so heranziehen, daß sie sich in einer solchen Weise einlagert, wie wir es an dem äußeren Organ der Milz sehen, wenn wir es anatomisch betrachten.
[ 5 ] So können Sie sich die verschiedensten Organe im menschlichen Organismus denken. Sie sind zuerst übersinnlich veranlagt und dann ausgefüllt unter dem Einfluß der verschiedensten übersinnlichen Kraftsysteme von physischer Materie. Daher müssen wir in diesen Kraftsystemen zunächst einen übersinnlichen Organismus sehen, der in sich differenziert ist, der in den verschiedensten Weisen die physische Materie sich eingliedert und dessen Kompliziertheit das physische, ihm eingegliederte Organ nur unvollständig zu folgen vermag. Damit haben wir nicht nur den Begriff des Verhältnisses der übersinnlichen Kraftsysteme zu den eingelagerten physisch-materiellen Organen gewonnen, sondern zugleich auch einen anderen Begriff, den der Ernährung des Gesamtorganismus. Worin besteht denn diese Ernährung des Gesamtorganismus? Sie besteht in nichts anderem als darin, daß die aufgenommenen Nahrungsstoffe so vorbereitet werden, daß es möglich ist, sie hinzuleiten nach den verschiedenen Organen, und diese sich dann die Stoffe eingliedern. Wir werden in den folgenden Vorträgen noch sehen, wie dieser allgemeine Begriff der Ernährung, der sich zeigt als eine Anziehungskraft der verschiedenen Organsysteme für die Nahrungsstoffe, sich verhält zur Entstehung des einzelnen Menschen, zur Keimesgeschichte des einzelnen Menschen, die vor der Geburt liegt. Der umfassendste Begriff der Ernährung ist also der, daß durch übersinnliche Kraftsysteme, durch einen übersinnlichen Organismus die einzelnen Nahrungsstoffe eingesogen und in der verschiedensten Weise dem physischen Organismus eingegliedert werden.
[ 6 ] Nun müssen wir uns klar sein, daß der Ätherleib des Menschen, der das nächste übersinnliche Glied in der menschlichen Organisation ist nach dem physischen Leibe, daß dieser Ätherleib, wenn er auch das gröbste der übersinnlichen Glieder ist, wie ein übersinnliches Urbild dem gesamten Organismus zugrundeliegt, daß er in sich gegliedert, differenziert ist und die mannigfaltigsten Kraftsysteme enthält, um sich die durch die Ernährung aufgenommenen Stoffe einzugliedern. Wir haben nun aber nach diesem ätherischen Leib, den wir als das Urbild des menschlichen Organismus betrachten können, als das nächsthöhere Glied der menschlichen Wesenheit den sogenannten Astralleib. Wie sich diese beiden zusammenschließen, werden uns die nächsten Vorträge noch zeigen. Der Astralleib ist das, was sich erst eingliedern kann, wenn sowohl der physische Organismus als auch der ätherische Organismus ihrer Anlage nach schon vorbereitet sind; er setzt die beiden anderen Organismen voraus. Ferner haben wir das, was wir das menschliche Ich nennen, so daß die gesamte menschliche Wesenheit sich zusammenschließt aus diesen vier Gliedern. Wir können uns nun vorstellen, daß schon im Ätherleib selbst gewisse Kraftsysteme sind, die die Nahrungsstoffe an sich ziehen und sie dann im physischen Organismus in einer ganz bestimmten Weise gestalten. Wir können uns aber auch vorstellen, daß ein solches Kraftsystem nicht nur durch den Ätherleib bestimmt ist, sondern auch durch den Astralleib und daß dieser seine Kräfte da hineinsendet, so daß, wenn wir uns das physische Organ wegdenken, wir zunächst das ätherische Kraftsystem haben würden, dann das astralische Kraftsystem, welches das ätherische Kraftsystem in einer ganz bestimmten Weise durchdringt, und wir können uns vorstellen, daß da auch noch Strahlungen vom Ich hineindringen.
[ 7 ] Es kann nun Organe geben, welche so in den Organismus eingegliedert sind, daß ihr Wesentlichstes darauf beruht, daß die ätherischen Strömungen in ihrer Eigenart noch sehr wenig bestimmend gewirkt haben, so daß, wenn wir den Raum okkult untersuchen, in dem ein betreffendes Organ sich befindet, wir finden würden, daß der ätherische Teil dieses Organs recht wenig durch sich selber differenziert ist, nur wenig von diesen Kraftsystemen enthält, daß aber dafür dieser Teil des Ätherleibes durch starke astralische Kräfte beeinflußt wird. Dann wird, wenn die physische Materie sich einem solchen Organ eingliedert, der Ätherleib nur eine geringe Anziehungskraft auf die einzugliedernden Stoffe ausüben, die hauptsächlichste Anziehungskraft wird dann vom Astralleib auf das betreffende Organ ausgeübt, und zwar so, als ob die betreffenden Stoffe direkt von dem Astralleibe hereingeholt würden in das betreffende Organ. Daraus sehen Sie, daß die Organe des Menschen von ganz verschiedener Wertigkeit sind. Es gibt solche Organe, von denen man sagen muß, daß sie hauptsächlich bestimmt sind durch Kraftsysteme des Ätherleibes, andere, die mehr bestimmt sind durch Strömungen oder Kräfte des Astralleibes, während noch andere mehr bestimmt sind durch Strömungen des Ich. Aus den Ausführungen, die in den Vorträgen gemacht worden sind, können Sie sich schon sagen, daß insbesondere das Organsystem, das unser Blut führt, im wesentlichen von solchen Strahlungen abhängt, die von unserem Ich ausgehen, daß also das menschliche Blut im wesentlichen mit Strömungen und Strahlungen des menschlichen Ich zusammenhängt. Die anderen Organsysteme und ihre Inhalte sind in den verschiedensten Abstufungen von den übersinnlichen Gliedern der menschlichen Natur bestimmt.
[ 8 ] Aber es kann auch der umgekehrte Fall eintreten, wenn wir nämlich den physischen Leib an sich nehmen, der ja - jetzt abgesehen von seinen höheren Gliedern — auch ein Kraftsystem darstellt. Er stellt zunächst das dar, was man sich zusammengesetzt denken kann aus Stoffen der äußeren Welt, die auch ihre inneren Gesetze haben, die aber umgewandelt dem physischen Leibe eingefügt sind. Der physische Leib ist also auch ein Kraftsystem. So daß Sie sich auch den Fall denken können, daß der physische Organismus wieder zurückwirkt auf das ätherische oder bis auf das astralische Kraftsystem oder sogar bis ins Ich-System hinein. Wir müssen uns denken, daß das ätherische Kraftsystem nicht nur eingefangen wird von dem astralischen oder vom Ich-System, sondern daß es auch Organe gibt, bei denen die ätherischen Kräfte von der Seite des physischen Kraftsystems derart eingespannt werden, daß das physische Kraftsystem überwiegt. Solche Organe, bei denen der physische Leib das Überwiegende ist, die also nur in geringerem Maße beeinflußt werden von den höheren Gliedern der menschlichen Organisation, das sind hauptsächlich diejenigen Organe, welche im weitesten Sinne als Absonderungsorgane zu bezeichnen sind, alle drüsigen Organe, alle Absonderungsorgane überhaupt. Alle Absonderungsorgane, alle Organe, welche direkt Stoffe absondern, werden zu diesen Stoffabsonderungen — also zu einem Vorgang, der innerhalb der rein physischen Welt seine wesentliche Bedeutung hat — hauptsächlich durch die Kräfte des physischen Organismus veranlaßt. Wo immer im menschlichen Organismus solche Organe sind, wenn sie vorzugsweise zum Absondern des Stofflichen bestimmt sind, müssen wir uns klar sein, daß solche Organe, die hauptsächlich Werkzeuge der physischen Kraftsysteme sind, durch Erkrankung, durch Unbrauchbarwerden oder durch ihre Entfernung den Organismus unfehlbar zum Verfall bringen, so daß er dann nicht mehr in entsprechender Weise sich entwikkeln und zuletzt nicht mehr leben kann. Sie sehen an einem solchen Organ, wie es die Milz ist, von der wir gestern gesprochen haben, daß deren Erkranken, deren sonstiges Unbrauchbarwerden oder operative Entfernung den physischen Körper in seinen Funktionen weit weniger stört, als dies bei anderen Organen der Fall ist, weil sie in besonders starker Weise beeinflußt wird von den übersinnlichen Teilen der menschlichen Natur, vom Ätherleibe, namentlich aber vom Astralleibe. Anders ist es bei den Organen, wo das physische Kraftsystem überwiegt. Eine Erkrankung der Schilddrüse zum Beispiel, die sich bei bestimmten Erkrankungen manchmal vergrößert zur sogenannten Kropfbildung, kann auf den ganzen Organismus sehr schädlich wirken. Sie darf aber nicht vollständig unbrauchbar werden oder vollständig entfernt werden, und zwar deshalb nicht, weil sie ihre Wirkungen so zu äußern hat, daß das, was als physischer Vorgang durch sie bewirkt wird, im Gesamthaushalt des menschlichen Organismus ganz wesentlich ist.
[ 9 ] Nun kann es solche Organe geben, die in hohem Maße abhängen von den übersinnlichen Kraftsystemen der menschlichen Organisation, die aber doch eingespannt sind in den physischen Organismus und durch dessen Kräfte veranlaßt werden, Stoffliches abzusondern. Ein solches Organ ist zum Beispiel die Leber, ebenso sind es die Nieren. Das sind Organe, die, geradeso wie die Milz, abhängig sind von den übersinnlichen Gliedern der menschlichen Organisation, vom Ätherleibe und Astralleibe, die aber sozusagen eingefangen sind von den Kräften des physischen Organismus, heruntergezogen sind in ihren Wirkungen bis zu den Kräften des Physischen. Daher kommt es bei ihnen in einem viel höheren Grade darauf an, daß sie als physische Organe in gesundem Zustande sind, als zum Beispiel bei der Milz, bei welcher die Sache so liegt, daß das Physische sehr wenig in Betracht kommt und weit überwogen wird von dem, was von den übersinnlichen Gliedern der menschlichen Organisation herkommt. Wir können von der Milz sagen, daß sie ein sehr geistiges Organ ist, denn der physische Teil dieses Organs macht den geringsten Teil seiner Bedeutung aus. Aus diesem Grunde wurde die Milz zu allen Zeiten in der okkulten Literatur, die entsprungen ist aus Kreisen, wo man wirklich etwas über diese Sachen gewußt hat, immer als ein besonders geistiges Organ angesehen und geschildert.
[ 10 ] So also haben wir jetzt gewissermaßen den Begriff des Gesamtorganismus gewonnen, dessen einzelnes Organ angesehen werden kann als ein übersinnliches Kraftsystem, in das gleichsam die stoffliche Materie durch den gesamten Ernährungsprozeß hineingelagert wird. Ein anderer Begriff, den wir uns aneignen müssen, ist der: Was bedeutet überhaupt für den Menschen die Aufnahme - sei es eines Stoffes oder sei es die Aufnahme eines Geistigen, die durch unsere Seelentätigkeit bewirkt wird, zum Beispiel bei der Wahrnehmung? Und was bedeutet die Absonderung, die Abgabe eines Stoffes?
[ 11 ] Gehen wir da zunächst aus von dem Absonderungsprozeß im weitesten Umfange. Wir wissen ja, daß von den aufgenommenen Nahrungsmitteln schon ein großer Teil des Stofflichen vom Verdauungskanal abgesondert wird. Wir wissen ferner, daß durch die Lungen aus dem menschlichen Organismus die Kohlensäure ausgeschieden wird. Dann haben wir einen Absonderungsprozeß durch die Nieren, ein weiterer Absonderungsprozeß geschieht durch die Haut. In diesem letzteren, der zunächst in der Schweißbildung verläuft, aber auch in allem, was im umfänglichen Sinne als Absonderungsprozeß durch die Haut zu gelten hat, haben wir jene Absonderung zu sehen — und ich bitte, darauf zu achten -, die beim Menschen an dem äußersten Umfange, an der äußersten Peripherie seines Leibes erfolgt. Nun fragen wir uns zunächst einmal: Was bedeutet denn überhaupt ein Absonderungsprozeß für den Menschen?
[ 12 ] Wir werden uns die Bedeutung eines Absonderungsprozesses nur klarmachen können auf folgende Weise. Sie werden sehen, daß wir ohne die Begriffe, die wir heute entwickelt haben, überhaupt nicht weiterkommen können in der Betrachtung des menschlichen Organismus. Ich möchte Ihnen, um unsere Gedanken allmählich hinüberzuführen zu der wesentlichen Natur eines Absonderungsprozesses, zunächst einen anderen Begriff vorführen, der allerdings nur eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Absonderungsprozesse hat, der uns aber dazu hinüberführen kann, nämlich den Begriff des Gewahrwerdens unseres Selbst. Bedenken Sie einmal, wie Sie im Grunde genommen doch sagen können, daß es eine Art Gewahrwerden Ihres Selbstes ist, wenn Sie in einem Raume gehen und sich unvorsichtigerweise an einem harten Gegenstande stoßen. Dieses Anstoßen ist im Grunde genommen ein Gewahrwerden des eigenen Selbstes. Es ist ein Gewahrwerden des eigenen Selbstes auf die Art, daß Ihnen das Freignis, das sich durch den Stoß vollzogen hat, zu einem inneren Ereignis geworden ist. Denn was ist für Sie der Zusammenstoß mit einem fremden Gegenstande? Er ist die Ursache eines Wehetuns, eines Schmerzes. Der Schmerzvorgang spielt sich rein in Ihrem Inneren ab. Also ein innerer Vorgang wird dadurch hervorgerufen, daß Sie sich in Berührung bringen mit einem fremden Gegenstand, der Ihnen als Hindernis im Weg liegt. Das Gewahrwerden dieses Hindernisses ist das, was den inneren Prozeß hervorruft, der als Schmerz beim Sichstoßen auftritt. Im Grunde genommen können Sie sich leicht vorstellen, daß Sie überhaupt nichts anderes zu wissen brauchen, um das Gewahrwerden Ihres eigenen Selbstes zu erleben, als den inneren Schmerz, der durch das Anstoßen an einen äußeren Gegenstand bewirkt wird. Denken Sie sich, daß Sie im Finstern an einen Gegenstand stoßen, von dem Sie gar nicht wissen, was er ist, und nehmen Sie an, Sie stoßen sich so stark, daß Sie auch gar nicht darauf schließen können, wie der Gegenstand beschaffen sein könnte, sondern Sie spüren nur die Wirkung des Stoßes als Schmerz. Sie haben den Stoß in seiner Wirkung so empfunden, daß Sie den Vorgang in sich selbst erlebten. Sie erleben gar nichts anderes als einen inneren Vorgang, und das ist das Wesentliche. Wenn Sie allerdings auch sagen: Ich habe mich an einem äußeren Gegenstand gestoßen -, so ist das mehr oder weniger ein unbewußter Schluß von einem inneren Erlebnis auf ein äußeres Hindernis.
[ 13 ] Daraus können Sie sehen, daß der Mensch seines Inneren gewahr wird durch das Finden eines Widerstandes. Diesen Begriff müssen wir haben: das Gewahrwerden des Selbstes, das Erleben des Inneren, das Ausgefülltsein mit realen Erlebnissen im Inneren durch das Finden eines Widerstandes. Dies ist ein Begriff, den ich, ich möchte sagen, in aller Grobheit entwickelt habe, um von ihm den Übergang machen zu können zu einem anderen Begriffe, dem der Absonderungen im menschlichen Organismus. Denken wir uns einmal, der menschliche Organismus nehme in sich selber in irgendein Organsystem, meinetwegen in den Magen, eine gewisse Stofflichkeit auf und das Organsystem sei so eingerichtet, daß es durch seine Tätigkeit aus diesem Stoffe, der da aufgenommen ist, etwas aussondert, etwas gleichsam separiert, wegnimmt von dem Gesamtstoff, so daß durch diese Tätigkeit des Organs der Gesamtstoff zerfällt in einen feineren, gleichsam filtrierten Teil und in einen gröberen Teil, der ausgesondert wird. Es wird also eine Differenzierung des Stoffes vorgenommen in einen solchen, der in einen weiter brauchbaren, für andere Organe aufzunehmenden Stoff umgewandelt wird und in einen solchen, der erst abgesondert und dann ausgeschieden wird.
[ 14 ] Hier an dieser Stelle, wo die unbrauchbaren Teile der Stofflichkeit abgestoßen werden gegenüber den brauchbaren Stoffen, hier haben Sie in modifizierter Form etwas wie ein Sichanstoßen an einen äußeren Gegenstand, wie ich es eben dargestellt habe. Es stößt der aufgenommene Stoffstrom, indem er an ein Organ herankommt, sozusagen auf einen Widerstand; er kann nicht so bleiben, wie er ist, er muß sich ändern. Es wird ihm gleichsam durch das Organ gesagt: So kannst du nicht bleiben, wie du bist, du mußt dich ändern. — Es wird also dem Stoff ein Widerstand entgegengestellt, er muß als ein anderer Stoff weiterverbraucht werden, und er muß gewisse Teile abstoßen. In unserem Innern stellt sich das Organ dem Stofflauf so entgegen, wie sich der äußere Gegenstand uns entgegenstellt, an dem wir uns stoßen. Solche Widerstände finden sich innerhalb des Gesamtorganismus in den mannigfachsten Organen. Und erst dadurch, daß überhaupt in unserem Organismus abgesondert wird, erst dadurch, daß wir Absonderungsorgane haben, dadurch ist die Möglichkeit gegeben, daß unser Organismus eine in sich abgeschlossene, sich selbst erlebende Wesenheit ist. Denn Erleben kann sich eine Wesenheit nur dadurch, daß sie auf Widerstand stößt. So haben wir in den Absonderungsprozessen wichtige Prozesse des menschlichen Lebens, nämlich diejenigen Prozesse, wodurch sich der lebendige Organismus in sich selber abschließt. Der Mensch wäre kein in sich abgeschlossenes Wesen, wenn solche Absonderungsprozesse nicht vorhanden wären.
[ 15 ] Denken Sie sich einmal, der aufgenommene Nahrungsstrom oder der Sauerstoffstrrom würden durch den menschlichen Organismus wie durch einen Schlauch glatt hindurchgehen und es gäbe keinen Widerstand durch die Organe. Die Folge davon wäre,, daß der menschliche Organismus sich nicht in sich selbst erleben könnte, sondern er würde sich nur erleben als angehörig der gesamten großen Welt. Wir könnten uns ja allerdings auch vorstellen, daß innerhalb des menschlichen Organismus die gröbste Art dieses Widerstandbietens eintreten würde, daß der Stoffstrom sich an einer festen Wandung stoßen und reflektieren, zurückkehren würde. Das würde aber das innere Erleben des menschlichen Organismus nicht berühren, denn ob der Nahrungsstrom oder der Sauerstoffstrom durch den menschlichen Organismus wie durch einen Schlauch hindurchginge, auf der einen Seite hinein, auf der anderen wieder hinaus, oder ob er reflektiert würde, das würde für das innere Erleben nichts ausmachen. Daß das so ist, können Sie schon daraus entnehmen, daß — wie wir schon gesagt haben -, wenn wir es in unserem Nervensystem dazu bringen, daß eine Vorstellung in sich selbst zurückkehrt, wir dann geradezu unser Nervensystem herausheben aus dem Erleben des inneren Organismus. Es macht also keinen Unterschied, ob völlige Reflexion oder bloßes Hindurchgleiten der von außen hineingehenden Ströme durch den menschlichen Organismus vorliegt. Was den menschlichen Organismus in sich selbst erlebbar macht, das sind die Absonderungen.
[ 16 ] Wenn Sie dasjenige Organ betrachten, welches wir als das Mittelpunktsorgan für den menschlichen Organismus ansehen müssen, das Blutsystem, wenn Sie sehen, wie auf der einen Seite das Blut immerfort durch Aufnehmen von Sauerstoff sich auffrischt, und wenn Sie auf der anderen Seite das Blutsystem als das Werkzeug des menschlichen Ich betrachten, so können wir sagen: Wenn das Blut unverändert durch den menschlichen Organismus hindurchgehen würde, so könnte es nicht das Organ des menschlichen Ich sein, das im eminentesten Sinne das Organ ist, welches den Menschen sich innerlich erlebbar macht. Nur dadurch, daß das Blut in sich selber Veränderungen durchmacht und als ein anderes wieder zurückkehrt, daß also Absonderungen geschehen von verändertem Blut, nur dadurch ist es möglich, daß der Mensch das Ich nicht nur hat, sondern es auch erleben kann mit Hilfe seines sinnlich-physischen Werkzeuges, des Blutes.
[ 17 ] Daraus hat sich uns nun dieser Begriff der Absonderung ergeben. Und jetzt werden wir uns zu fragen haben: Wie steht es nun mit jener Absonderung, welche wir vorhin bezeichnet haben als der äußersten Peripherie des menschlichen Organismus angehörig? — Es wird uns ja unschwer sein, uns vorzustellen, wie der Gesamtorganismus des Menschen wirken muß, damit diese Absonderung an der Peripherie geschehen kann. Dazu ist es notwendig, daß den gesamten Strömungen des menschlichen Organismus entgegengestellt werde ein Organ, welches in Zusammenhang steht gerade mit diesem umfänglichsten Absonderungsprozeß. Und dieses Organ, das ja, wie Sie sich leicht denken können, die Haut ist, mit allem, was zu ihr gehört im umfänglichsten Sinne, das ist zugleich dasjenige, was schon für den unmittelbaren äußeren Anblick als das Wesentliche der menschlichen Gestalt, der menschlichen Form sich darbietet. Wenn wir uns also vorstellen, daß der menschliche Organismus, der sich selbst erleben kann an seinem äußeren Umfange, dies nur dadurch kann, daß er das Organ der Haut seinen gesamten Strömungen entgegenstellt, so müssen wir in der eigenartigen Formung der Haut einen der Ausdrücke sehen für die innersten Kräfte des menschlichen Organismus.
[ 18 ] Wir werden uns nun zu fragen haben: Wie haben wir uns denn dieses Hautorgan zu denken? Wie haben wir uns die Haut mit allem, was dazugehört, zu denken? Wir werden schon sehen, was im einzelnen dazugehört, wir wollen es aber heute nur im großen und ganzen charakterisieren. Da müssen wir uns zunächst darüber klar sein, daß in dem, was zu unserem bewußten Erleben gehört, wovon wir eine Erkenntnis haben können durch irgendeine Selbstbeobachtung, jene Gestaltung nicht einbegriffen ist, welche in der Formung unserer Haut zum Ausdruck kommt. Selbst wenn wir in begrenztem Umfange mittätig sind an der Gestaltung unserer äußeren Körperoberfläche, so ist sie doch etwas, das sich der unmittelbaren Willkür in vollkommenster Weise entzieht. Nur in bezug auf die Beweglichkeit unserer Haut, in bezug auf Mienenspiel, Gesten und so weiter, haben wir ja einen Einfluß, der noch an das heranreicht, was wir bewußte Tätigkeit nennen können; aber auf die Gestalt, auf die Form unserer Körperoberfläche haben wir keinen Einfluß mehr. Es muß freilich zugegeben werden, daß der Mensch zwischen Geburt und Tod einen gewissen Einfluß auf seine äußere Leibesform in engeren Grenzen hat. Davon kann sich jeder überzeugen, der einen Menschen kennengelernt hat in einem bestimmten Lebensalter und ihn vielleicht nach zehn oder zwanzig Jahren wiedersieht, insbesondere wenn dieser Mensch in diesen Jahren durchgegangen ist durch tiefere innere Erlebnisse, namentlich durch Erkenntniserlebnisse, die nicht Gegenstand der äußeren Wissenschaft sind, sondern durch solche, die «Blut kosten», die zusammenhängen mit unserem ganzen Lebensschicksal. Dann sehen wir allerdings innerhalb enger Grenzen, wie die Physiognomie sich ändert, wie also der Mensch innerhalb dieser Grenzen einen Finfluß hat auf die Gestaltung seines Leibes. Aber er hat ihn nur in geringem Maße, und das wird jeder zugeben müssen; denn das Hauptsächlichste in der menschlichen Gestalt ist durchaus nicht in unsere Willkür gegeben und nicht durch unser Bewußtsein bestimmt. Dennoch müssen wir sagen: Die ganze menschliche Gestalt ist angepaßt der menschlichen Wesenheit; und wer auf die Dinge eingeht, wird sich niemals vorstellen können, daß dasjenige, was wir den ganzen Umfang der menschlichen Fähigkeiten nennen, sich entwickeln könnte in einem Wesen von einer anderen Gestalt, als es die heutige Menschengestalt ist. Alles, was an Fähigkeiten im Menschen ist, hängt zusammen mit dieser Menschengestalt. Denken Sie sich nur einmal, daß erwa das Stirnbein in einer irgendwie anderen Lage wäre zu dem Gesamtorganismus, als es ist, so würde diese Gestaltänderung ganz andere Fähigkeiten und Kräfte im Menschen voraussetzen. Darüber könnten ja Studien gemacht werden, indem man sich klarmacht, wie andere Fähigkeiten vorhanden wären bei Menschen mit verschiedener äußerer Gestaltung des Kopfes, des Schädelbaus und so weiter. So müssen wir uns einen Begriff verschaffen von dem Angepaßtsein der menschlichen Gestalt an die gesamte innere menschliche Wesenheit, ja, von einem völligen Sichentsprechen der äußeren Gestalt und der inneren Wesenheit des Menschen. Was in den Kräften dieser Anpassung liegt, hat nichts zu tun mit dem, was in die eigene, vom Bewußtsein umspannte Tätigkeit des Menschen hereingehört. Da aber die Gestalt des Menschen zusammenhängt mit seiner geistigen Betätigung und auch mit seinem seelischen Leben, so können Sie es sich leicht vorstellen, daß in den Kräften, welche die physische Gestalt des Menschen zustande bringen, solche Kräfte liegen, die gleichsam von einer anderen Seite entgegenkommen denjenigen Kräften, die der Mensch in sich selbst entwickelt. Kräfte der Intelligenz, Gefühlskräfte, Gemütskräfte und so weiter, die kann der Mensch nur entwickeln in der physischen Welt unter der Voraussetzung seiner besonderen Gestalt. Diese Gestalt muß ihm gegeben sein. Er muß also diese Gestalt für seine Fähigkeiten zubereitet erhalten — wenn ich mich so ausdrücken darf von Kräften entsprechend ähnlicher Art wie die, die von der anderen Seite her diese Gestalt erst aufbauen, damit sie dann zu dem gebraucht werden kann, wozu sie verwendet werden soll. Es ist unschwer, sich diesen Begriff zu verschaffen, denn man braucht nur daran zu denken, daß eine Maschine, die wir zu einer Tätigkeit verwenden wollen, für diese Tätigkeit intelligent und zweckmäßig eingerichtet sein muß. Damit eine solche Maschine zustande komme, ist es notwendig, daß zuerst ähnliche Verrichtungen vollführt werden, wie sie dann von der Maschine ausgeführt werden sollen, und danach die Teile der Maschine herzustellen und zusammenzugliedern, welche der Maschine ihre Form geben. Wenn wir eine fertige Maschine vor uns haben, so ist sie für uns ganz mechanisch erklärbar, wenn wir ihre Wirksamkeit sehen und verstehen. Als denkende Beobachter werden wir uns aber fragen: Wer ist es, der sie gebaut hat? — Denn ihre Zusammensetzung weist auf eine zielbewußte geistige Tätigkeit hin, welche diese Maschine zu einem bestimmten Zwecke hergestellt hat. Diese geistige Tätigkeit braucht nicht mehr da zu sein, wenn wir die Maschine mechanisch erklären wollen, aber sie steht hinter der Maschine, sie hat sie erst zustande gebracht.
[ 19 ] Ebenso können wir sagen: Alles, was an Formsystemen in der Gestaltung unseres Organismus liegt, das ist uns in erster Linie gegeben, damit wir unsere Fähigkeiten und Kräfte als Menschen entwickeln. Aber es muß hinter dieser Gestaltung des Menschen gestaltunggebende, formgebende Kräfte geben, die wir ebensowenig in der fertigen Gestalt finden, wie wir in der Maschine den Maschiinenbauer finden.
[ 20 ] Mit dieser Idee wird Ihnen zugleich etwas anderes völlig einleuchtend sein. Ein materialistischer Denker könnte sagen: Wozu braucht man intelligente Kräfte und bewußt schaffende Wesenheiten anzunehmen hinter unserer physischen Welt? Wir können ja die physische Welt aus sich selbst, aus ihren eigenen Gesetzen erklären. Eine Uhr, eine Maschine kann aus ihren eigenen Gesetzen heraus erklärt werden. — Hier stehen wir an einem Punkte, wo hüben und drüben die schlimmsten Fehler gemacht werden, sowohl bei solchen, die auf dem Boden einer spirituellen Weltanschauung stehen, wie auch auf der Seite der Materialisten. Wenn zum Beispiel von einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung bestritten würde, daß der menschliche Organismus, wie er seiner Form nach vorliegt, nicht rein mechanisch oder mechanistisch durch seine eigenen Gesetze erklärbar wäre, so würde das selbstverständlich zu weit gehen und ganz unberechtigt sein. Der menschliche Organismus ist ganz und gar aus seinen eigenen Gesetzen heraus erklärbar, wie die Uhr auch. Aber daraus, daß die Uhr aus ihren eigenen Gesetzen erklärbar ist, folgt nicht, daß hinter der Uhr nicht der Erfinder der Uhr stand, der Uhrmacher und seine geistige Tätigkeit. Dieser Einwand, der von materialistischer Seite aus gemacht werden kann, erledigt sich dadurch. Aber der Geistesforscher muß auch zugeben, daß der menschliche Organismus, so wie er vor uns steht, aus seinen eigenen Gesetzen erklärt werden kann. Aber wenn wir wirklich geisteswissenschaftlich denken, haben wir hinter der Gesamtgestaltung des menschlichen Organismus zu suchen die gestaltenden Wesenheiten, dasjenige also, was der gesamten Form der menschlichen Wesenheit zugrundeliegt. Wenn wir uns nun einen Begriff davon bilden wollen, wie überhaupt die menschliche Form zustande kommt, so müssen wir uns denken, daß sie auf der einen Seite dadurch bewirkt wird, daß die formgebenden Kräfte sich entfalten und daß sie den Menschen dadurch aufbauen, daß sie sich an den Grenzen der menschlichen Form selbst abschließen. Wir haben in der Hautbildung das am reinsten gegeben, was das räumliche Sichabschließen der formgebenden Kräfte im Menschen bedeutet. Wenn wir das schematisch zeichnen, können wir uns denken, daß die formgebenden Kräfte zur Peripherie dahinfließen und sich da abschließen in der äußeren Form, die in der Linie A-B nur angedeutet werden soll.
[ 21 ] Wir werden nun sehen, wie wir diesen Begriff wiederum brauchen, um alles das erkennen zu können, was innerhalb der Haut geschieht. Weiter aber werden wir uns darüber klar werden müssen, daß wir nun nicht bloß in der menschlichen Haut solche Abschlüsse vor uns haben, sondern daß wir auch innerhalb des menschlichen Organismus selber solches Abschließen der von außen wirkenden Tätigkeit und Wesenhaftigkeit finden. Sie brauchen sich nur zu überlegen, was bisher gesagt worden ist, dann werden Sie darauf kommen, daß wir auch im Inneren des Menschen solche sich abschließenden Tätigkeiten vor uns haben, an denen wir ebenso unbeteiligt sind wie an unserer Oberflächengestaltung, und das sind gerade diejenigen Betätigungen, die zustande kommen in den Organen Leber, Galle, Milz und so weiter. Da wird das aufgehalten, was durch die Kräfte, die in den Nahrungsmitteln sitzen, in den Organismus einströmt, dem wird etwas entgegengeschoben, wird ein Widerstand entgegengesetzt, das heißt, es wird in diesen Organen die äußere, die eigene Regsamkeit der Stoffe umgeändert. Während also bei den formgebenden Kräften die Sache so ist, daß wir uns diese formenden Kräfte wirksam zu denken haben bis zur Haut hin und außerhalb der Haut nichts mehr von formgebenden Kräften haben, müssen wir uns vorstellen, daß bei denjenigen Kräften, die mit dem Nahrungs- oder Luftstrom nach unserem Inneren gehen, nicht ein vollständiges Abschließen dessen vorhanden ist, was als Strömungen von außen eindringt, sondern es tritt da eine Umgestaltung ein. Diese Organe müssen wir uns so denken, daß sie nicht, wie es bei der Haut ist, sich abschließen, so daß außerhalb nichts mehr ist, sondern so, daß die Regsamkeit der Stoffe umgeändert wird durch sie derart, daß der Nahrungsstrom, der von der Seite dieser Organe her aufgenommen ist (siehe Zeichnung, a), in einer anderen Weise weitergeleitet wird (b), nachdem ihm ein Widerstand entgegengesetzt worden ist. Hier haben wir es also mit einer Umänderung zu tun, und das betrifft vor allem diejenigen Organe, welche wir als ein inneres Weltsystem- des Menschen bezeichnet haben. Die ändern die äußere Regsamkeit der Stoffe um. Es sind Kräfte, die wir im Gegensatz zu den Formkräften, die den gesamten Organismus bilden, Bewegungskräfte nennen können. In unserem inneren Weltsystem werden diese Kräfte, welche die innere Regsamkeit der Nahrungsstoffe umgestalten, dann Bewegung, so daß wir hier von Bewegungskräften in den Organen sprechen können.
[ 22 ] Wir sind jetzt so weit vorgeschritten in den Betrachtungen des menschlichen Organismus, daß wir sagen können: In den menschlichen Organismus wirken von außen Kräfte herein, deren Tätigkeit wir mit unserem Bewußtsein nicht wahrnehmen. Das alles geht unterhalb unseres Bewußtseinshorizontes vor sich, was wir da als Tätigkeit ausführen; niemand kann im normalen Bewußtsein die Tätigkeit seiner Leber, Galle, Milz und so weiter beobachten. Nun entsteht die Frage: Wodurch werden wir denn verhindert, etwas zu wissen von den Form- und Bewegungskräften, die sich in unseren inneren Organen abspielen, da doch unser Seelenleben dem Organismus eingegliedert ist? Da gehen ja in unserem Innern gewaltige Tätigkeiten vor sich. Woher kommt es, daß wir davon nichts wissen?
[ 23 ] Nun, genau ebenso wie unser Gehirn-Rückenmark-Nervensystem dazu bestimmt ist, die äußeren Eindrücke, die wir durch unsere Sinne erhalten, bis zum Blute hinzuleiten, das heißt, die Impressionen von äußeren Vorgängen in unser Blut, in das Werkzeug des Ich, aufzunehmen, ebenso wie also das Gehirn-Rückenmark-Nervensystem dazu bestimmt ist, im normalen Bewußtsein dem Ich zu dienen, gerade so ist das sympathische Nervensystem, das sich mit seinen Knoten und Verzweigungen dem inneren Weltsystem gleichsam vorlagert, dazu ausersehen, die Vorgänge, die sich im Innern des Organismus abspielen, nicht an das Blut, das Werkzeug des Ich, heranzulassen, sondern sie vom Blut zurückzuhalten.
[ 24 ] So sehen Sie, daß das sympathische Nervensystem eine entgegengesetzte Aufgabe hat wie das Gehirn-Rückenmark-Nervensystem, und hier haben wir eine Erklärung für den Unterschied in Bau und Beschaffenheit dieser beiden Systeme. Während das Gehirn-Rückenmark-Nervensystem sich anstrengen muß, um möglichst gut die äußeren Eindrücke zum Blut überzuleiten, muß durch das entgegengesetzt wirkende sympathische Nervensystem vom Blut — als dem Werkzeug des Ich - fortwährend zurückgestaut werden die Eigenregsamkeit der aufgenommenen Stoffe. Wenn wir den Verdauungsprozeß betrachten, so haben wir zuerst das Aufnehmen der äußeren Nahrungsstoffe, dann das Zurückstauen der Eigenregsamkeit der Nahrungsstoffe und dann die Umwandlung dieser Regsamkeiten durch das innere Weltsystem des Menschen. Damit wir nicht fortwährend, wie wir so dastehen in der Welt, alles das wahrnehmen, was in unseren inneren Organen bewirkt wird, muß der ganze Strom der Vorgänge durch das sympathische Nervensystem zurückgestaut werden vom Blut, geradeso wie durch das Gehirn-Rückenmark-Nervensystem das zum Blute hingetragen wird, was von außen aufgenommen wird. Da haben Sie die Aufgabe des sympathischen Nervensystems, unsere inneren Vorgänge in uns zu halten, sie nicht bis zum Blut, dem Werkzeug des Ich, hinaufdringen zu lassen, um das Eintreten dieser inneren Vorgänge in das Ichbewußtsein zu verhindern.
[ 25 ] Ich habe schon gestern darauf hingewiesen, daß das Außenleben und das Innenleben des Menschen, wie es sich im Ätherleibe auslebt, in einem Gegensatz zueinander stehen und daß dieser Gegensatz von Außenleben und Innenleben in Spannungen zum Ausdruck kommt, die, wie wir gesehen haben, am stärksten werden in den Organen des Gehirnes, die wir als Zirbeldrüse und Gehirnanhang bezeichnen.
[ 26 ] Wenn Sie nun die heutige und die gestrige Ausführung zusammennehmen, so werden Sie sich leicht denken können, daß alles, was von außen hereinströmt, um in möglichst engen Kontakt mit der Blutzirkulation zu treten, darnach strebt, sich zu vereinigen mit seinem Gegensatze, mit dem, was von innen kommt und zurückgehalten wird durch das sympathische Nervensystem. In der Zirbeldrüse haben wir die Stelle, wo das durch das Gehirn-Rückenmark-Nervensystem an das Blut von außen Herangebrachte sich vereinigen will mit dem, was von der anderen Seite kommt, und der Hirnanhang ist gleichsam der letzte Vorposten, um das nicht heranzulassen an das Blut, was menschliches Innenleben ist. Es stehen sich an dieser Stelle im Gehirn zwei wichtige Organe gegenüber. Das gesamte innere Erleben bleibt unter unserem Bewußtsein; es würde uns ja auch in einer furchtbaren Weise stören, wenn wir bewußt mitmachen würden unsere ganzen Ernährungsprozesse; das wird zurückgehalten durch das sympathische Nervensystem. Nur wenn dieses gegenseitige Verhältnis zwischen den beiden Nervensystemen, wie es sich ausdrückt in dem Spannungsverhältnis zwischen Zirbeldrüse und Hirnanhang, nicht in Ordnung ist, stellt sich das heraus, was wir nennen können ein Durchschimmern der einen Seite in die andere hinein, ein Gestörtwerden der einen Seite von der anderen Seite her. Das tritt zum Beispiel schon dann ein, wenn eine unregelmäßige Tätigkeit unserer Verdauungsorgane uns in unbehaglichen Gefühlen zum Bewußtsein kommt. Da haben wir ein — allerdings noch sehr unbestimmtes — Hereinstrahlen des sonst unbewußten menschlichen Innenlebens in das Bewußtsein, das sich aber auf diesem Wege bedeutend umgewandelt hat, also im Bewußtsein nicht so erscheint, wie es sich abgespielt hat. Oder wir haben in besonderen Affekten, Zorn, Wut, Schrecken und dergleichen, die ihren Ursprung im Bewußtsein haben, ein besonders starkes Hereinstrahlen von der Seite des inneren menschlichen Organismus; da haben wir den Fall, daß Affekte, besondere innere Erregungen der Seele, die Verdauung, das Atmungssystem und dadurch auch die Blutzirkulation und alles, was unterhalb des Bewußtseins liegt, in besonders schädigender Weise beeinflussen können. So können diese zwei Seiten der menschlichen Natur dennoch aufeinander wirken.
[ 27 ] So stehen wir als Menschen in der Tat als eine Zweiheit in der Welt, und wir haben heute diese Zweiheit gesehen: Auf der einen Seite bewußtes Erleben der Außenwelt durch das Gehirn-Rückenmark-Nervensystem, welches die äußeren Eindrücke bis zum Blut, dem Werkzeuge des Ich, bringt; auf der anderen Seite unbewußtes Erleben der Innenwelt, unbewußt, weil es durch das sympathische Nervensystem vom Blute zurückgehalten wird. Diese beiden Gegensätze stehen sich auf der ganzen Linie gegenüber. Aber wir finden ihren besonderen Ausdruck in der Spannung zwischen diesen beiden Organen, von denen wir gesprochen haben: der Zirbeldrüse und dem Hirnanhang.
[ 28 ] Von diesem Punkte aus wollen wir das nächste Mal unsere Betrachtungen fortsetzen.
