Das esoterische Christentum und die
geistige Führung der Menschheit
GA 130
18 November 1911, München
9. Der Christus-Impuls als reales Leben I
[ 1 ] Theosophie beruht ja, wie wir oft betont haben, auf okkulter Wissenschaft, die uns in ihren Forschungsresultaten mit den Kräften der verschiedenen Zeitepochen bekannt macht; sie lässt uns diese Kräfte auch in unseren engeren Kulturepochen erkennen. So muss denn, wo wir nur immer versammelt sind, auch von diesen inneren Kräften unserer eigenen Zeit gesprochen werden, damit die Aufgaben der Theosophie so ersichtlich werden, wie sie aus den Untergründen unseres Lebens zu verstehen sind und wir aufgrund der okkulten Forschung unser Leben in seinen großen Zielen einrichten können.
[ 2 ] Um über okkulte Zeitrichtungen zu sprechen, wird es gut sein, wenn wir an dasjenige anknüpfen, was aus den Quellen hoher, okkulter Forschung heraus uns herüberführen kann zu dem, was auch in unserer Zeit in der übersinnlichen Welt vorgeht. Einleitend müssen wir uns außerdem orientieren über das, was wir selbst in der Gegenwart hier vor uns haben, wobei keine Einzelheit, sondern nur allgemein Charakteristisches skizzenhaft gegeben werden kann. Über vieles kann man ja unbefangen nur in theosophischen Versammlungen sprechen, denn unsere Zeit ist eine solche der Dogmatik, der Abstraktion. Merkwürdig ist dabei, dass man diesen ihren Grundcharakter im exoterischen Leben missversteht und allgemein glaubt, dogmenfrei zu denken und zu handeln, obgleich man tief in Dogmen steckt. Man glaubt, auf Realitäten loszugehen, trotzdem man sich tief hinein in die wüstesten Abstraktionen verirrt. Daher ist es nützlich, die Theosophie mit ihren realen Dingen an größere Kreise heranzubringen, um ein Verständnis unserer Epoche zu ermöglichen, aber es wird voraussichtlich noch eine längere Zeit hingehen, bis sich die Außenwelt zu einem tieferen Verständnis wird entwickeln wollen. Wie sehr unsere Zivilisation in Dogmen und Abstraktionen befangen ist, erkennt man erst, wenn man sie nicht von solchen abstrakten Gesichtspunkten aus, sondern in wirklich lebensvoller Art betrachtet. Man findet dann eine Denkrichtung, deren Charakter darin besteht, fertige Dogmen aufzustellen und zu verlangen, dass ein aufgeklärter Mensch sich daran halte, dabei aber glaube, sich rein kritisch zu verhalten. Etwas Derartiges zeigt die sogenannte monistische Bewegung, die sich aber mit Unrecht als monistisch bezeichnet. Sie bezieht ihre hauptsächlichsten Bekenntnisse aus der modernen Naturwissenschaft, und zwar aus jener, die in engerem Sinne aus rein äußeren sinnenfälligen Methoden ihre Erkenntnisse schöpfen will. Würde diese Naturwissenschaft auf ihrem eigenen Arbeitsfelde bleiben, so könnte sie sehr Bedeutungsvolles leisten; stattdessen führt sie zur Bildung einer neuen Religion. Man nimmt die Tatsachen der materialistischen Naturwissenschaft und braut daraus abstrakte Dogmen. Und jeder, der auf der Höhe zu stehen meint, weil er auf diese Dogmen schwört, glaubt dann, die anderen seien weit hinter ihm zurückgeblieben. Man lässt völlig außer acht das ganze Leben der menschlichen Individuen und strebt nur darnach, den Kopf anzufüllen mit dem, was die äußere Weltanschauung als Dogmen betrachtet, und das für das Wesentlichste zu halten, was aus dem Abstrakten folgt. Daraus entstehen dann Sekten aus Anhängern von Lehrmeinungen, Leitsätzen, Prinzipien, Dogmen, was sie dann als Hauptsache vertreten.
[ 3 ] Im Gegensatz dazu soll stehen, was unter der theosophischen Bewegung zu verstehen ist. Bei dieser handelt es sich nicht darum, eine Summe von Glaubenssätzen anzuerkennen, sondern den Wert des menschlichen Individuums in den Vordergrund zu stellen.
[ 4 ] Die Theosophie führt zu einem sozialen Leben, das auf der menschlichen Gegenseitigkeit beruht, die gegründet ist auf das Vertrauen, welches die eine Persönlichkeit in die andere setzt. Es sollen und werden sich da die Menschen zusammenfinden, die einander vertrauen. Und bei gemeinsamen Angelegenheiten soll man sagen: Du bist der rechte Mann, nicht weil du diesen oder jenen Grundsätzen folgst, sondern weil du dieses und jenes vollbringen kannst und durch die eigene Tätigkeit nicht die Kreise der andern störst. - Nichts würde schlimmer sein, als wenn die Unarten der modernen Sektenbildung sich im theosophischen Leben verbreiten würden. Man soll dem andern nicht nur folgen, wenn man völlig mit ihm übereinstimmt, sondern man soll sich und den andern im andern Falle auch noch Freiheit und Beweglichkeit vorbehalten und so mit dieser Auffassung der Individuen in der theosophischen Bewegung erzieherisch wirken. Dafür hat unsere Zeit ein sehr geringes Verständnis. Sie strebt nach dem, was allgemein festgestellt ist. Dem einen gilt etwas als richtig, wofür der andre als Dummkopf und rückständig angesehen wird. Damit muss aber in der theosophischen Bewegung aufgeräumt werden. Wäre eine solche Gesinnung nicht außen in der materialistischen Welt verbreitet, so würde man von selbst dazu drängen, die menschlichen Individuen in unserem Sinne zu begreifen, und dann würde sich bald eine wissenschaftliche Spiritualität zeigen, die zu einer geistgemäßen Weltauffassung führen müsste. Aber die Menschen erstarren in Dogmen und können daher nicht hierzu gelangen.
[ 5 ] Wer sich in monistischen Versammlungen auf die Leitsätze einlässt, die dort vertreten werden, der könnte bei genauerem Eingehen auf die Sachlage bald einsehen, dass alle dort vorgetragenen Grundsätze und Dogmen keineswegs auf den Anschauungen und Ergebnissen der Wissenschaft von heute fußen, sondern auf denen von vor fünfzehn bis zwanzig Jahren. So sagte zum Beispiel eine in der modernen wissenschaftlichen Richtung angesehene Persönlichkeit an der Naturforscher-Versammlung in Königsberg vor Kurzem: Die physikalischen Tatsachen drängen heute auf eine ganz bestimmte Richtung hin. Man hat früher immer von Äther gesprochen, der in unserer Materie und außen verbreitet sein soll, und man hat ihn ohne die sonst bekannten materiellen Wissenschaften vorausgesetzt. Das ist aber allmählich doch auf berechtigte Zweifel gestoßen, und man muss daher jetzt fragen, was denn der Physiker an Stelle dieses Äthers annehmen soll. - Die Antwort lautete: Rein mathematische Gebilde, Hertz’sche und Maxwell’sche Gleichungen, Begriffs- und Ideenformeln. Es pflanzt sich demnach das Licht im Raume nicht durch Ätherschwingungen fort, sondern es überwindet ohne deren Annahme den nicht materiellen Raum als Vakuum im Sinne der angedeuteten Gleichungen, sodass demgemäß die Fortpflanzung des Lichtes an Begriffe und Ideen gebunden erscheint. - Es könnte recht wohl vorkommen, dass man jemanden, der in einer monistischen Versammlung auf solche Hypothesen der neuesten Wissenschaft hinweisen würde, für einen verdrehten Theosophen halten würde, der den Unsinn vorbrächte, Gedanken als Träger des Lichtes anzunehmen. Aber solches hat ein ernst zu nehmender Vertreter der Naturwissenschaft, Max Planck aus Berlin, als seine wissenschaftliche Meinung vorgetragen. Wollten also die Monisten mit der Wissenschaft fortschreiten, so müssten sie auch diese, von führenden Männern vertretene Meinung annehmen. Da dieses aber nicht der Fall ist, so wird eine monistische Religion nur möglich, wenn deren Anhänger glauben, auf wissenschaftlichem Boden zu stehen, aber nicht wissen, dass ihre Annahmen schon längst überholt sind. Nur die Resultate sogenannter intellektueller Forschung und deren Weltanschauung oder daraus abgeleitete vorurteilsvolle Dogmen halten die monistisch denkenden Menschen zusammen. Dagegen hält der Theosoph sich an Tatsachen, denen gegenüber niemand unfrei werden kann, wodurch es nicht zur Sektenbildung kommen und jede Individualität frei bleiben kann.
[ 6 ] Die theosophische Bewegung ist eine wichtige Entwicklung auf die Selbsterziehung hin, wie kaum eine gleiche in der Gegenwart aufgetreten ist. Sie muss sich nur selbst richtig verstehen und wissen, dass diese Bewegung auf Untergründen fußt, die nur in ihr selbst, aber niemals außer ihr gefunden werden können.
[ 7 ] Das lässt sich aus den Tatsachen des Lebens erkennen. Da sind viele der Meinung, man solle dasjenige, was die Theosophie zu bieten hat, in philosophische Formen ausgießen in der Art jener der offiziellen Wissenschaft, um dadurch die Theosophie selbst den offiziellen Vertretern und Anhängern näherzubringen. Das ist aber nicht einzuhalten, weil es unmöglich ist, irgendwelche Kompromisse zwischen der okkulten Strömung der Theosophie und einer anderen Bewegung zu schließen, welche, wie zum Beispiel die monistische, aus den charakteristischen Grundanschauungen unserer Zeit hervorgeht, also auf ganz anderem Boden wurzelt. Zwischen beiden auch nur der Form nach Kompromisse zustande zu bringen, ist unmöglich. Es muss vielmehr ein neuer Einschlag in die Zeitbildung versucht werden. Die anderen können ja ihre eigenen Grundtatsachen nicht verstehen, nicht erklären, nicht einen Tag weiter beurteilen, es fehlt ihnen der Mut, die Konsequenzen aus dem zu ziehen, was innerhalb dieser Tatsachen auftritt. In allen, auch in wissenschaftlichen Sektenbildungen sehen wir bei näherer Prüfung Halbheiten, welche die Theosophie durchschauen muss, denn sie weiß, dass eine halbe oder eine Viertelwahrheit schlimmer ist als ein voller Irrtum, weil sie die äußere nicht genügend urteilsfähige Welt blendet. Der Theosoph aber muss auf den Nerv der theosophischen Bewegung eingehen, um die äußere materialistische, tonangebende Bewegung zu verstehen, weil in ihr auch manchmal Tatsachen zum Ausleben in spiritueller Wahrheit drängen, dann aber nur unvollkommen entwickelt werden.
[ 8 ] Eine ärztliche naturwissenschaftliche Richtung, die ernstlich auf die leibliche Forschung ausgeht, kann an den Gebieten und Begriffen und Resultaten der okkulten theosophischen Forschung nicht vorbeigehen. Ein lehrreiches Beispiel für die dabei auftretenden Schwierigkeiten bietet die Psychoanalyse von Sigmund Freud in Wien, die eine große und sich immer noch steigernde Verbreitung gefunden hat. Sie beschäftigte sich anfangs mit dem Seelenleben, indem versucht wurde, bei seelisch und leiblich Kranken nach gewissen seelischen Ursachen im Seelenleben, zum Beispiel im längst vergessenen Jugendalter, zu forschen, weil man recht wohl fühlte, dass auch das Unbewusste, das so geblieben war, seine nachhaltige Wichtigkeit für das spätere Leben habe. Ein geistvoller Mediziner dieser Schule, Dr. Breuer, versuchte, die Heilung Suchenden in einen Zustand von Hypnose zu versetzen, in denen er ihnen dann eine Art Beichte abnahm, um so die Tiefen ihrer Seelen zu erforschen. Sie alle wissen, dass es schon eine große Linderung ist, sich über das auszusprechen, was einen drückt. Durch solche hypnotischen Bekenntnisse trat oft schon Heilung ein oder wurde wesentlich vorbereitet. Auch ohne Hypnose erreichte Freud nun durch geschickt angelegte Fragen häufig die gleichen Ergebnisse. Er fand außerdem, dass solche vielfach unbewussten Vorkommnisse sich im Traumleben verraten, und daraus entstand dann eine Art Traumdeutung der psychoanalytischen Schule. Wenn nun jemand sagen wollte, hier sei eine günstige Gelegenheit vorhanden, einen Kompromiss herzustellen zwischen der Theosophie und dem, was sich in diesen Bestrebungen ergeben hat, so kann eine solche Meinung nur wiederum als trügerisch bezeichnet werden, da man trotz ihrer hier vorgefundenen Viertelwahrheit bald innewerden wird, dass die geschilderte Richtung in die wüstesten Irrungen führt, und besser tun würde, bei den rein materialistischen Deutungen zu bleiben. Die richtig aufgefasste Theosophie muss Derartiges ablehnen. Das hat seine tiefe Bedeutung darin, dass die Anschauungen vom Traumleben der Seele und die daraus abgeleitete Theorie in ein grobes, sinnenfälliges Vorstellen eingetaucht sind und daher die Möglichkeit fehlt, sie auf dieser Unterlage zur spirituellen Wahrheit heranzuschulen. Denn dazu braucht man das, was die Theosophie an spirituellen Grundlagen bietet, sonst tappt man in finsteren Hypothesen und Theorien herum und legt diese materialistisch aus. Das hat sich auch bei der Freud’schen Schule gezeigt. Sie kam wohl zur Symbolik des Traumes, arbeitete aber dann in diese hinein die Vorstellungen des materialistischen Zeitalters, während die richtige Auffassung von Schubert und Volkelt in Leipzig wohl angebahnt, aber nicht fortgesetzt werden konnte. Man fasste den Traum auf als eine Symbolisierung des sexuellen Lebens, weil unsere Zeit unfähig ist, einzusehen, dass dieses Gebiet die unterste Offenbarung von unzähligen Welten ist, die sich in ihrer geistigen Bedeutung weit über die unsrige erheben. Man macht es dadurch zu einer Sache, die einem ganzen Forschungsfelde ein nicht zuständiges Aroma gibt und demnach zu den schwersten Irrtümern verleitet. Die Theosophie kann daher von der Freud’schen Schule nur sagen: Die Resultate ihrer Forschung muss sie ablehnen, weil sie dilettantisch sind, sie möge sich doch erst gründlich mit der Theosophie bekanntmachen, dann werden deren Wahrheiten ganz andere Forschungsergebnisse zeitigen. Man wird dann beginnen einzusehen, dass unsere Zeit eine Zeit der Intellektualität ist, eine Zeit der Dogmen, die zu einem wüsten Chaos von Trieben und Leidenschaften treibt und sich nur im Intellektuellen und Abstrakten gefällt.
[ 9 ] So sehen wir an dem Beispiel der Freud’schen Schule, wie durch den wüstesten Materialismus uns ein Gebiet des Seelenlebens in ein falsches Licht gesetzt und heruntergezogen wird, indem sie alle dort auftretenden Erscheinungen auf das Sexualgebiet zurückführen will, ein Vorgehen, von dem man auch sagen könnte, dass es aus einer persönlichen Vorliebe der Forscher selbst entstünde, deren sie sich nur selbst nicht bewusst sind, die sich aber dazu noch professionell dilettantisch gibt.
[ 10 ] Wir müssen die Notwendigkeit in uns fühlen, dass die Theosophie halbe und Viertelswahrheiten ablehnen muss und nur solche annehmen darf, die sie aus ihren Grundlagen heraus vertreten kann, denn wir sehen, dass die Theosophie heute Kraft geben kann, aus sich selbst heraus zu arbeiten. Ich möchte Wert darauf legen, zu betonen, dass meine ersten Bücher nicht aus der Theosophie heraus gewachsen sind, aber die Fernstehenden finden den Umstand seltsam, dass ich trotzdem später Theosoph geworden bin. Das ist aber eine kurzsichtige, engherzige Meinung. Das eine haben doch diese Bücher: dass sie sich, trotz ihrer streng wissenschaftlichen Haltung, nicht einlassen auf dasjenige, was man sonst als offizielle Wissenschaft ansieht, dass sie nicht in die Art verfallen, aus der heraus man glaubt, alles umfassend, universell definieren zu können.
[ 11 ] Die Theosophie soll ein reiches Leben aus den Untergründen okkulter Quellen schöpfen, keine Kompromisse eingehen und einen Mut zeigen, der auf den außer ihr liegenden Gebieten fehlt. Wer in diesem Sinne überhaupt keine Kompromisse zulassen will, kommt in den Ruf der Unzulänglichkeit bei denen, die stets verlangen, dass man nachgebe, es aber selbst nicht tun. Demgegenüber steht aber die Theosophie in der Welt als eine auf sich selbst fest gegründete spirituelle Bewegung, und ihre Anhänger müssen sich stets einer solchen Tatsache bewusst sein und darin einen Lebensnerv der theosophischen Bewegung erkennen. Es kommt zuweilen vor, dass Menschen mit Spezialinteressen zur Theosophie kommen, aber es handelt sich im theosophischen Interesse und bei den theosophischen Forschungen nicht um Spezialinteressen. Diese möge ein jeder für sich selbst verfolgen und nicht verlangen, dass die Theosophie ihm darin folge. Diese muss in unsere gesamten Kulturverhältnisse eindringen und muss den Mut haben, ihre Lebensaufgabe in konsequenter Art durchzuführen in einem Zeitalter, das mit Recht intellektualistisch genannt wird.
[ 12 ] Glauben wir nun aber nicht, dass diese Intellektualität auch in gleicher Art in das theosophische Leben hineinspielen müsse, hier müssen wir ausgehen von Tatsachen, die auf hellseherischem Wege festgestellt wurden. Wir finden dann drei Grundelemente des Seelenlebens. Erstens das Vorstellungs- und Begriffsleben, die Intellektualität, die sich anfangs nur in der Wahrnehmung äußert. Wenn wir diese Intellektualität für sich betrachten, so zeigt sich, dass sie im weitesten Sinne an die sinnliche Welt gebunden ist, von welcher der Mensch seine Vorstellungen abstrahiert. Diese Vorstellungen selbst sind allerdings übersinnlich. Schon aus dem Zusammenhang des Vorstellung- sund Wahrnehmungslebens geht hervor, dass Ersteres [nicht] mit dem physischen Plan zusammenhängt. Wenn wir uns in schwierige Vorstellungen einlassen, viel nachdenken und davon müde werden, so schlafen wir auch gut, vorausgesetzt, dass nur das Vorstellungs-, nicht aber das Gemütsleben an unserer Tätigkeit beteiligt war. Daher begreifen wir, dass gesagt worden ist, das Vorstellungsleben sei ein übersinnlicher Vorgang, es hängt also mit dem nächsten Element, mit der astralen Welt zusammen. Von dem Astralplan also fließen die Kräfte her, die in der menschlichen Seele das Vorstellungsleben erwecken und unterhalten.
[ 13 ] Das zweite Element bilden die Gemütsbewegungen, die unsere Seele durchziehen als Lust, Unlust, Freude, Schmerz, Sorge, Liebe, Abneigung und so weiter. Eng und intim hängen sie mit unserem Ich zusammen als Vorstellungs- und Gemütsbewegungen und rauben uns den Schlaf, weil sie uns mit dieser gemüthaften Unruhe nicht hereindringen lassen in den Astralplan. So begreifen wir auch, dass wir dadurch in Zusammenhang stehen mit dem niederen Devachan, welches unsere Gemütsbewegungen nicht aufnimmt, wenn sie nicht rein sind, sie also zurückweist von jenem Teil der astralen Welt aus, der zum niederen Devachan zu rechnen ist.
[ 14 ] Das dritte Element finden wir im Moralischen, in den Willensimpulsen. Beim Einschlafen genießt derjenige einen seligen Augenblick, der bei seiner Tagesschau auf gute Taten zurückblicken kann. Er genießt einen Zustand, von dem er sagen kann: Wenn es doch möglich wäre, ihn zu verlängern, ihn als belebendes Element zu genießen, das sich ausbreiten möge als befruchtende Kraft über unser Seelenleben! - Wir werden daraus verstehen, dass die okkulte Forschung aussagt: Die Willensimpulse weisen hin auf das höhere Devachan, von dem sie nur eingelassen werden, wenn sie von einem reinen Willen ausgehen und hineinpassen in diese geistige Welt. Es steht also das Vorstellungs- und Begriffsleben, unsere Intellektualität, in enger Beziehung zur Astralwelt, unser Gemütsleben zum niederen Devachan und unser Willensleben zum höheren Devachan.
[ 15 ] Hinzu tritt noch unser sinnliches Wahrnehmungsleben auf dem physischen Plan. Diese vier Elemente entwickeln sich ungleichmäßig in der menschlichen Inkarnation der verschiedensten Kulturepochen.
[ 16 ] Wenn man auf solche okkulten Untergründe eingeht, so sieht man, wie sich im griechisch-lateinischen Zeitalter das Wahrnehmungsleben auslebt, wie der Grieche und Römer ganz eingestellt war auf die von ihm so hoch geschätzte physische Welt. Unser Zeitalter als fünfte Kulturepoche ist das des Denkens, der Intellektualität. Es blühen daher die abstrakten Wissenschaften. Das kommende sechste Zeitalter behält das intellektuelle Leben bei, wie wir im fünften das Wahrnehmungsleben beibehalten haben, und wird hauptsächlich im seelischen Leben der Gemütsbewegungen sich zeigen. Die Umwelt wird den Menschen besonders von der Seite berühren, die ihm Lust und Leid, Freude und Schmerz, Sympathie und Antipathie verursacht in dem Sinne, wie es heute nur der Okkultist bereits empfinden kann, der imstande ist, die bloße Intellektualität zu überwinden, indem er gewisse Zusammenhänge des Lebens ohne lang dauernde logische Begründung mit richtigem Gefühl begreift und durchschaut. Der Okkultist fühlt Unlust beim Unlogischen, Freude und Seelenfrieden beim Logischen. Vertritt er aber etwas, das er ohne Weiteres richtig überblickt, so muss er dies heute erst in längerer Darlegung begründen, um sich verständlich zu machen. So fühlt besonders beim Zeitungslesen der Okkultist lebhaften Schmerz, denn gerade in den Tagesblättern findet man häufig die verkörperte Unlogik. Trotzdem muss man sie — möglichst mit Auswahl - lesen, um mit der Umwelt in Beziehung zu bleiben. Man muss es nicht so machen wie jener Professor der chinesischen Sprache, der eines Tages ganz erregt zu seinen Kollegen sagte: Soeben erfahre ich - es war im Jahre 1870/71 -, dass Deutschland seit einem halben Jahre in einen Krieg mit Frankreich verwickelt ist, ich lese ja nur die chinesischen Zeitungen.
[ 17 ] Im letzten nachatlantischen, also im siebenten Zeitalter, wird sich der moralische Sinn ausbilden, also der Sinn für die Willensimpulse. Dadurch geschieht ein bemerkenswerter Fortschritt. Die okkulten Forschungen, ja schon die Forschungen von heute zeigen uns, dass jemand sehr klug und intellektuell sein kann, ohne moralisch zu sein. Intellektualität und Moralität gehen heute nebeneinander her. Allmählich aber wird sich die eigenartige Tatsache einstellen, dass die Gescheitheit eines klugen Menschen durch seine Unmoralität getötet wird, sodass in der Tat in ferner Zukunft der Unmoralische gleichzeitig dumm sein oder werden muss. Wir gehen also einem moralischen Zeitalter dadurch entgegen, dass die Moralität in allem unserem Seelenleben und die spätere Intellektualität eins sein werden.
[ 18 ] Der Mensch hat zwar alle die eben genannten vier Elemente in seiner Seele, in vorherrschender Form aber machte sich vor allem andern geltend die sinnliche Wahrnehmung in der griechisch-lateinischen Zeit, die Intellektualität tritt hinzu in verstärktem Grade in der Gegenwart; in der vorletzten, der sechsten Periode, wird die Gemütsbewegung, und in der siebenten, der letzten Kulturepoche, die Moralität vorherrschen, und zwar in einer Art, von der man heute nur erst träumen kann. Ihr Auftreten kann man sich noch nicht vorstellen in der Art wie es Sokrates tat, der die Tugend für lehr- und lernbar hielt. Alles das wird aber bis zur siebenten Epoche zur Wirklichkeit werden, denn die im Okkultismus bereits deutlich bemerkbaren Tendenzen sagen es uns prophetisch voraus.
[ 19 ] So ist denn der geistige Gesamtcharakter unseres Zeitalters die Intellektualität, aber es ist ein Unterschied darin, wie sie sich äußert in der materialistisch denkenden Umwelt und in der Theosophie. Der Mensch hängt durch seine Intellektualität mit dem astralen Plan zusammen, aber es ist ihm das nur bewusst — und er kann auch dann nur den rechten Gebrauch davon machen -, wenn er hellsichtig entwickelt sein wird. Das wird im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts bei einer immer mehr zunehmenden Anzahl von Menschen beginnen. Der Fortschritt liegt dann nur darin, dass die Menschen eine erhöhte Intellektualität nicht nur für sich entwickeln, sondern dieselbe auch hinauftragen in die astrale Welt. Durch ein solches intellektuelles Hellsichtigwerden kann und wird den in solchem Sinne vorgeschrittenen Menschen der ätherisch sichtbare Christus immer mehr und deutlicher im Verlaufe der nächsten drei Jahrtausende entgegentreten. In der verflossenen Zeit aber, in welcher der Mensch in vorwiegendem Maße mit dem physischen Plane verbunden war, konnte Christus nicht anders als physisch verkörpert erscheinen. Im gegenwärtigen Zeitalter der Intellektualität kann er nur in Äthergestalt erscheinen. Hierzu will die Theosophie die Menschen so vorbereiten, dass sie die zum Schauen später in natürlicher Entwicklung langsam hervortretenden hellsichtigen Kräfte richtig erkennen und anwenden, sodass dann die kommende Hälfte unseres intellektuellen Zeitalters ohne Zweifel hellblickend den Christus in seiner Äthergestalt schauen wird.
[ 20 ] Das Zeitalter der Gemütsbewegungen wird dann die Seele in anderer Beziehung weiterbilden, um ihr zu ermöglichen, in bewusster Weise in die niedere devachanische Welt hineinzukommen. Christus wird sich da einer Anzahl von Menschen in der niederen Devachanwelt in einer Lichtgestalt als tönendes Wort offenbaren, einsprechend in die empfänglichen Gemüter der Menschen aus seinem astralen Lichtleibe jenes Wort, das schon im Urbeginn in astraler Gestalt wirkte, wie es Johannes in den Anfangsworten seines Evangeliums darlegt.
[ 21 ] Das moralische Zeitalter wird in einer Anzahl von Menschen den Christus so wahrnehmen, wie er sich aus dem höheren Devachan in seinem wahren Ich offenbart, das alles menschliche Ich in unfassbarer Höhe überragt, und im Glanze alles dessen, was für den Menschen auch dann die höchstmöglichen moralischen Impulse abgeben kann. So hängt also das Hereinwirken der einzelnen Kulturepochen mit der Seele zusammen. Von hohen und immer höheren Welten aus werden die Kräfte in den Menschen einfließen und wirksam werden. Wunderbar ist doch schon die Wahrnehmung in der physischen Welt, mehr noch die sich als vorherrschend entwickelnde Intellektualität und der dadurch gebildete Zusammenhang mit der astralen Welt und im höheren Sinne die Gemütsbewegung und Moralität im Zusammenhang mit der Devachan-Welt.
[ 22 ] Bei logischem Durchdenken wird man die so dargelegte Entwicklung auch logisch empfinden, da das Leben ja hierfür immer und überall Bestätigungen liefert. Der Theosoph geht solchen Entwicklungen bewusst entgegen, nicht nur in großen Zügen und allgemeinen Wahrheiten, sondern auch in den einzelnen Besonderheiten der Menschenentwicklung. In den Auswüchsen der Umwelt tritt das intellektuelle Element in seinem Streben nach Dogmenbildung stark hervor, aber in der Theosophie soll die Intellektualität sich zur Spiritualität vergeistigen, um die höheren Ergebnisse der okkulten Forschung verstehen zu können. Es lässt sich das dadurch näher bezeichnen, dass uns in der griechisch-lateinischen Zeit dasjenige als Mysterium von Golgatha in physischer Form entgegentritt, was sich dann weiter entfaltete, um in seiner Einwirkung auf die Menschenseele als Impuls die Menschheit höher hinaufzuführen. Notwendig ist vor allem, dass der Mensch verstehen lerne, was dieser Christus-Impuls für unsere Welt bedeutet. Es muss darauf hingewiesen werden, dass dieser Christus-Impuls reales Leben ist, das auf die Menschheit einströmt, dass Christus der Welt keine Lehre, keine Theorie gebracht hat, sondern den Impuls eines neuen Lebens. Fassen wir das einmal ernstlich ins Auge.
[ 23 ] Der Mensch hat sich seit der Saturnzeit durch die Sonnen- und Mondenzeit in seinem physischen, ätherischen und astralen Leib entwickelt. Das Ich konnte erst auf der Erde in die genügend vorbereiteten Körper eintreten und sich dort weiter entfalten unter den fördernden Einflüssen des Christus-Impulses, weil Christus makrokosmisch das ist, was unser Ich mikrokosmisch ist und für uns Menschen bedeutet. Die vier Prinzipien des Makrokosmos stehen in vielfacher Beziehung zu unseren vier unteren Prinzipien einschließlich des bedeutendsten derselben, des Ich. In unserer Zeitepoche leuchten auch schon die höheren menschlichen Prinzipien in unsere Entwicklung hinein. Lebensgeist, Geistselbst und Geistesmensch werden aus den höheren geistigen Welten durch die makrokosmischen Prinzipien in uns entwickelt, aber nicht durch das vierte makrokosmische Prinzip, sondern dadurch, dass Wesenheiten, die selbst für sich keine makrokosmische, sondern nur eine mikrokosmische Bedeutung haben, in der Menschheit förmlich als Lehrer wirken, da sie schon um eines oder mehrere Prinzipien weitergeschritten sind als die Menschen selbst. Dagegen ist Christus eine makrokosmische Wesenheit, die auf der vierten Stufe ihrer makrokosmischen Entwicklung steht wie der Mensch mikrokosmisch auf der vierten Stufe.
[ 24 ] So muss man also makrokosmische und mikrokosmische Prinzipien auseinanderhalten, aber sich darüber klar sein, dass die makrokosmischen ersten vier Prinzipien die mikrokosmischen Prinzipien höherer Art natürlich sämtlich in sich enthalten. Die mikrokosmischen Wesenheiten wirken also als Lehrer und suchen den Menschen vorwärtszutreiben durch ihre Lehre. Christus dagegen, der als makrokosmische Realität wirkt, ist kein Lehrer wie die andern Lehrer, sondern er hat sich mit der Erde als eine Realität, als Kraft, als Leben verbunden.
[ 25 ] Die höchsten Lehrer der aufeinanderfolgenden Zeitenräume sind die sogenannten Bodhisattvas, die schon in vorchristlicher Zeit auf Christus als auf eine Realität hinwiesen und diesen selben Christus in der nachchristlichen Zeit als eine ebensolche Realität wiederum bezeichnen, welche sich nun mit der Erde verbunden hat. Vor und nach dem irdisch-physischen Leben des Christus wirken also die Bodhisattvas. So zum Beispiel jener, der 550 Jahre vor Christus als ein Königssohn in Indien geboren wurde, neunundzwanzig Jahre lang als Bodhisattva lebte und lehrte und dann zur Buddha-Würde emporstieg. Er wurde dadurch eine solche Individualität, die nicht mehr im Fleisch auf Erden erscheinen sollte, sondern von der geistigen Welt herunterwirkte. Dieser Bodhisattva hatte einen Nachfolger in derselben Minute, da er zum Buddha geworden war, und dieser neue Bodhisattva hat die Menschheit einzuführen in das Verständnis des Wesens des Christus-Impulses. Dies geschah schon vor dem Erscheinen des Christus auf der Erde, denn etwa 105 Jahre vor Christi Geburt lebte in Palästina ein Mann, von der rabbinischen Literatur bis heute verleumdet, Jeshu ben Pandira, den wir als diesen Bodhisattva anzusehen haben. Jesus von Nazareth unterscheidet sich wesentlich von ihm dadurch, dass er im dreißigsten Lebensjahr in der Jordantaufe der Träger der Christus-Wesenheit geworden ist.
[ 26 ] Jeshu ben Pandira hat besonders die Essäerlehre verbreitet. Als einer seiner Schüler wurde namentlich ein Mathai genannt, der gleich ihm auf das Mysterium von Golgatha hinwies. Jeshu ben Pandira wurde von seinen Gegnern gesteinigt und dann, um ihn recht verächtlich zu machen, tot ans Kreuz gehängt. Es ist eine Persönlichkeit, zu deren Feststellung man nicht einmal auf okkulte Forschung einzugehen braucht, da er genugsam in der rabbinischen Literatur geschildert wird, obgleich in missverstandener oder absichtlich verstellter Art. Er trug in sich die Individualität des neuen Bodhisattva und wurde der Nachfolger des Gautama Buddha. Der Schülername Mathai übertrug sich auf spätere Schüler, und das Matthäus-Evangelium war gewissermaßen seit dem ersten Matthäus schon da als eine Beschreibung der Ritualien der alten Mysterien-Bücher. Ihr wesentlicher Inhalt spielte sich später mit Christus Jesus auf dem physischen Plan ab als eine Wirklichkeit von früheren Bildern der Mysterien, den Keimen der späteren Realitäten. So war das Christus-Mysterium schon prophetisch vorausgenommen und hatte sich bildlich in den alten Mysterien-Zeremonien abgespielt, bis es später auf dem physischen Plan als Realität des Weltgeschehens sich einmalig ereignete.
[ 27 ] Der Bodhisattva, der einst als Jeshu ben Pandira lebte, kommt immer wieder im menschlichen Leibe auf unsere Erde herab und wird auch fernerhin immer wiederkommen, um seine übrige Aufgabe, seine besondere Mission zu erfüllen, die heute noch nicht ausführbar ist. Wenn sie in ihrer Vollendung auch schon hellseherisch vorausgesehen werden kann, so kann doch noch kein Kehlkopf die Laute jener Sprache hervorbringen, die gesprochen werden wird, wenn dieser Bodhisattva zum Buddha aufsteigt. Man kann daher im Einverständnis mit dem orientalischen Okkultismus sagen: Fünftausend Jahre nach Gautama Buddha steigt der nachfolgende Bodhisattva zur BuddhaWürde auf, also gegen Ablauf der nächsten drei Jahrtausende. Da er aber die Menschen besonders auf das moralische Zeitalter vorbereiten soll, so muss er dazu später eine Sprache reden, die so zu fassen ist, dass alles, was der zum Buddha Gewordene dann aussprechen wird, von einer magischen Kraft des Guten durchdrungen ist. Daher sagte auch die orientalische Überlieferung seit Jahrtausenden voraus: Dieser kommende Buddha, der Maitreya-Buddha, werde ein Bringer des Guten durch das Wort sein. Er wird dann den Menschen die Lehre geben können von dem, was der Christus-Impuls ist, und in diesem Zeitalter werden die Strömungen des Buddha und des Christus zusammenfließen, und das Christus-Mysterium wird dadurch erst recht verständlich werden.
