Das esoterische Christentum und die
geistige Führung der Menschheit
GA 130
3 Dezember 1911, Nürnberg
12. Glaube, Liebe, Hoffnung Drei Stufen Des Menschheitlichen Lebens II
Meine lieben theosophischen Freunde!
[ 1 ] Wir haben uns gestern eine Vorstellung davon zu verschaffen gesucht, wie bedeutsam in das ganze menschliche Leben eingreift, was wir die übersinnliche Offenbarung unserer Zeit nennen können. Wir haben darauf hingewiesen, dass im letzten Menschheitszyklus diese Offenbarung als die dritte zu bezeichnen ist, dass wir sie geradezu in einer gewissen Weise in eine Linie stellen müssen mit der Offenbarung auf dem Sinai und mit der Offenbarung während der Zeit, in welcher sich das Mysterium von Golgatha abgespielt hat.
[ 2 ] Nun müssen wir diese Charakteristik unserer Zeit nicht so nehmen, dass wir sozusagen irgendwelche nur theoretischen oder nur wissenschaftlichen Empfindungen uns dabei aneignen, sondern wir müssen in der Tat immer mehr und mehr als Theosophen uns zu der Erkenntnis aufschwingen, dass die Menschheit in ihrer Entwicklung etwas Wesentliches versäumt, wenn sie sich fernhalten wollte von dieser unserer gegenwärtigen und zukünftigen Verkündigung. Zwar ist es ja richtig, dass zunächst alles äußere Leben in einer gewissen Weise vorübergehen würde, auch wenn diese Verkündigung einfach als Hirngespinst hingenommen würde, zwar ist es auch richtig, dass in gewisser Beziehung mancher Mensch die nachteiligen Folgen zunächst nicht merken würde, die ihm erstehen durch eine Nichtberücksichtigung dessen, was hier in Betracht kommt, aber Theosophen sollten sich klar werden darüber, dass die Seelen, die heute in Menschenleibern leben, ganz gleichgültig, was sie jetzt in sich aufnehmen, einer ganz bestimmten Zukunft entgegengehen. Und das, was ich zunächst werde zu sagen haben, das betrifft alle Seelen, denn das ist etwas, was zu dem Umschwung unserer Zeiten gehört, der sich vollzieht.
[ 3 ] Die Seelen, die heute verkörpert sind, haben im Grunde genommen erst vor sehr kurzer Zeit jenes Stadium durchgemacht, durch das der Mensch zu einer Art wirklichen Ich-Bewusstseins vorrückt. Dieses Bewusstsein hat sich allerdings im Laufe der Entwicklung vorbereitet schon seit der alten atlantischen Zeit. Aber es war immer wiederum dieses Ich-Bewusstsein für die Menschen der älteren Zeiten, für die Menschen bis zu denjenigen Zeiten, da das Mysterium von Golgatha den großen Umschwung andeutete, tagtäglich abgelöst worden von einer Art von Bewusstsein, die der gegenwärtige Mensch gar nicht mehr recht kennt. Der gegenwärtige Mensch unterscheidet im Allgemeinen nur den gewöhnlichen Wachzustand zwischen dem Aufwachen und Einschlafen und den Schlafzustand, in dem das Bewusstsein vollständig herabgedämmaert ist. Dazwischen kennt der gegenwärtige Mensch allerdings noch jenen Zwischenzustand, den wir als Traumzustand bezeichnen. Aber es weiß dieser Gegenwartsmensch, dass die Träume uns etwas sind, was wir in der Tat wie eine Art Ausnahmezustand ansehen müssen. Es treten zwar gewisse Vorgänge aus den Tiefen des Seelenlebens durch die Traumbilder in das Bewusstsein herauf, aber sie treten höchst unklar im gewöhnlichen Traumleben herauf, sodass der Mensch kaum immer in der Lage sein wird, das, was in seinem Traumleben allerdings hinweist auf tiefe, übersinnliche Vorgänge seines Lebens, seines Seelenlebens, in der richtigen Weise zu deuten.
[ 4 ] Nehmen wir, um durch solch eine Tatsache leichter auf eine Charakteristik jenes Zwischenzustandes zu kommen, von dem ich gesprochen habe, den die ältere Menschheit noch kennt, den gewöhnlichen Fall eines Traumes, eines solchen Traumes, der einem neueren Bearbeiter der Traumwissenschaft eigentlich recht viel Kopfzerbrechen gemacht hat, denn er konnte ihn nur in äußerlicher, man möchte sagen in materialistischer Weise erklären. Ein höchst bezeichnender Traum! Es ist also ein Traum, den ich der Traumwissenschaft entnehme, die ja, wie ich aufmerksam gemacht habe in der Fragenbeantwortung, heute ebenso wie Physik und Chemie da ist, wenn sie auch von den wenigsten eingesehen und geahnt wird. Da wird folgender Traum verzeichnet. Er kann hier genannt werden, weil er ein charakteristischer Traum ist. Ich könnte leicht auch ähnliche Träume, die nicht aus der Literatur entnommen sind, hier erwähnen, möchte aber gerade diesen behandeln, weil er eben in der Literatur der heutigen Zeit, die auf solche Dinge nicht eingehen kann, gewisse Schwierigkeiten gemacht hat. Dieser Fall ist der folgende.
[ 5 ] Ein Elternpaar liebt innig einen Sohn. Der Sohn wächst heran zur Freude der Eltern. Eines Tages wird der Sohn krank. In wenigen Stunden verschlimmert sich sein Zustand ganz außerordentlich und nach einem Tage geht der Sohn durch die Pforte des Todes. Also ganz unvermittelt sozusagen für die äußeren Erlebnisse des betreffenden Ehepaares wird ihnen dieser Sohn entrissen. Der Sohn selbst wird herausgerissen aus einem hoffnungsreichen Leben. Das Elternpaar trauert selbstverständlich dem Sohne nach. In den Träumen sowohl des Mannes wie der Frau zeigt sich in den Monaten, die dem Todesereignis nachgefolgt sind, so manches, was an den Sohn erinnert. Aber nach langer Zeit, nachdem viele, viele Monate verflossen waren, da träumen in einer Nacht sowohl die Mutter wie der Vater denselben Traum, genau denselben Traum, den Traum, dass ihnen erscheint ihr verstorbener Sohn und dass dieser verstorbene Sohn ihnen die Mitteilung macht, dass er lebendig begraben worden sei, in Wahrheit nur scheintot gewesen wäre, und man solle nur nachsehen, man würde sich überzeugen können, dass er lebendig begraben worden sei.
[ 6 ] Die beiden, Vater und Mutter, teilen sich das mit, was sie in derselben Nacht geträumt haben. Sie sind Leute, in deren Denkungsweise es durchaus liegt, dass sie bei den Behörden sogar die Bitte anbringen, man möge das Ausgraben des Sohnes bewerkstelligen lassen. Aber wie unser gegenwärtiges Leben ist - Behörden sind für solche Dinge heute nicht zu haben -, es wurde abgelehnt. Die beiden Eltern mussten weiter forttrauern. Aber der betreffende Traumforscher, der diesen Traum nun selber verzeichnet und nur materialistisch darüber denken kann, hat nun große Schwierigkeiten. Zunächst, nicht wahr, ist es ja sehr leicht, dass man sagt: Nun ja, das sei ganz begreiflich. Diese Eltern haben fortwährend an ihr Kind gedacht, warum solle nicht das eine einmal träumen von dem Sohn, das andere einmal träumen von dem Sohn, das ist selbstverständlich. — Aber eines machte ihm ganz besonders Kopfzerbrechen, das ist, dass die beiden Leute in derselben Nacht denselben Traum träumen. Da kommt er auf eine höchst merkwürdige Erklärung, und jeder, der nachliest, wird das ganze Geschraubte dieser Erklärung herausfühlen. Er sagt: Man kann nicht anders als voraussetzen, dass nur einer die Sache geträumt hat; er ist aufgewacht, und der andere, der nicht geträumt hat, hat die Meinung, er habe das alles auch geträumt. - Nun, diese Erklärung ist zunächst für das Gegenwartsbewusstsein recht einleuchtend, aber sehr tiefgehend ist sie nicht. Ich erwähnte ausdrücklich, dass für den, der in der Sphäre des Traumerlebnisses bewandert ist, es keine Seltenheit ist, dass derselbe Traum von mehreren Leuten zugleich geträumt wird.
[ 7 ] Nun wollen wir einmal von dem Gesichtspunkte geistiger Wissenschaft aus versuchen, in dieses Traumerlebnis uns hineinzufinden. Wir wissen ja selbstverständlich nach den Ergebnissen der Geisteswissenschaft, dass der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, als Individualität weiterlebt in der übersinnlichen Welt, ferner, dass alle Dinge und Wesen in der Welt in gewissem Zusammenhang stehen, und ferner, dass sozusagen ein Verbindungsband mit abgeschiedenen Menschen dasjenige darstellt, wenn die Menschen, die hiergeblieben sind auf dem physischen Plan, ihre intensiven, liebevollen Gedanken zu den Gestorbenen richten. Denn es handelt sich nicht darum, dass die auf dem physischen Plan gebliebenen Menschen mit den Menschen, die abgeschieden sind und in der übersinnlichen Welt sind, keine Verbindung haben - sie haben sie fortwährend, wenn sie nur irgendwie die Gedanken an sie richten, und auch in den Momenten, wo sie die Gedanken nicht an sie richten, wenn sie nur irgend einmal die Gedanken an sie richten, bleibt die Beziehung bestehen -, sondern darum handelt cs sich, dass bei der gegenwärtigen Menschheitsorganisation der auf dem physischen Plan Lebende in sein Wachbewusstsein nicht hereinbringen kann sein Wissen von den Banden. Daraus aber, dass man etwas nicht weiß, darf man nicht schließen, dass das Betreffende nicht da wäre. Das wäre ein sehr oberflächlicher Schluss. Sonst würden diejenigen, die jetzt hier in diesem Raum sitzen und Nürnberg nicht sehen, leicht beweisen können, dass es Nürnberg nicht gibt. Wir müssen uns also klar sein, dass zwar durch die Organisation des gegenwärtigen Menschen der Mensch nichts weiß von der Verbindung mit den Toten, dass diese aber vorhanden ist. Aber was in den Tiefen der Seele spielt, kann zuweilen ein abnormes Wissen heraufzaubern, auch in das Bewusstsein herein, und das geschieht eben in den Träumen.
[ 8 ] Das ist das eine, was wir in die Waagschale werfen müssen, wenn wir an diese Traumerlebnisse herangehen. Das andere ist, dass wir auch wissen, dass der Durchgang durch die Pforte des Todes nicht jener Sprung von einem in etwas ganz anderes ist, wovon gewöhnlich die Menschen träumen, die nichts wissen von diesen Dingen, sondern es ist ein allmählicher Übergang. Was eine Seele erfüllt hat hier auf der Erde, das verschwindet nicht mit einem Augenblick, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Was der Mensch auf der Erde geliebt hat, das liebt er auch noch nach dem Tode, nur dass er für alles dasjenige, zu dessen Befriedigung ein physischer Leib gehört, keine Möglichkeit hat, es zu befriedigen. Aber was die Seele als Wünsche, Begierden, als Freude und Leid, als bestimmte Neigungen hatte während einer Verkörperung im physischen Leibe, das dauert natürlich auch fort, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Und so werden wir es verstehen, dass jener junge Mann, der, ganz unvorbereitet auf den Tod, rasch hinweggestorben ist, ein lebendiges Gefühl hatte, er möchte doch eigentlich noch auf der Erde sein, dass er den lebendigen Drang hatte, von einem physischen Leib umgeben zu sein. Dieser Drang dauerte fort durch die Kamaloka-Zeit, lange, lange. Das ist eine Kraft, die in der Seele wirkt.
[ 9 ] Nun stellen Sie sich lebhaft vor das Elternpaar, mit den Gedanken eingeschlafen an den geliebten verstorbenen Sohn. Die Verbindungsglieder sind vorhanden, auch da sie im Schlafe sind. Der Sohn hat aber, sagen wir, in dem Augenblick, in dem für die beiden, für Vater und Mutter, der Traum eintritt, einen ganz besonders lebendigen Drang durch die Entwicklung seiner Seele, den wir etwa so ausdrücken dürfen: Ach, wäre ich noch jetzt auf der Erde, umgeben von meinem physischen Leib - wenn wir dies in solche Worte übersetzen dürfen. In den Tiefen der Seele der beiden Eltern drückte sich dieser Gedanke des Toten aus. Aber die Eltern hatten ja kein besonderes Verständnis für die besonderen Charaktere der Vorgänge in dem eben erwähnten Traume. Also übersetzen sie sich das, was da hinein sich drängt in das Seelenleben, in Bilder, die ihnen näherliegen, und während, wenn sie klar wahrnehmen könnten, was da der Sohn eigentlich hineingießt in ihr Seelenleben, sie das so empfinden würden, dass sie sagten: Jetzt sehnt sich unser Sohn, von einem physischen Leib umgeben zu werden, kleidet sich das Bild, das dann gegeben ist durch den Traum, in eine ihnen verständliche Sprache, und das breitet sich als Bild, er sei lebendig begraben worden, über das wahre Geschehen darüber.
[ 10 ] Wir dürfen also nicht in einem solchen Traumbild ein Abbild dessen suchen, was wirklich in den übersinnlichen Welten ist, sondern wir müssen in dem, was da geträumt wird, je nach dem Verständnis der betreffenden träumenden Leute, eine Art Umschleierung suchen dessen, was der eigentliche, objektive Vorgang ist. Das ist das Eigenartige der gegenwärtigen Traumwelt, dass wir sie nicht mehr so unmittelbar - wenn wir nicht tiefer in die Dinge eindringen können — ansehen können, so wie die Bilder auftreten, als wirkliche Abbilder dessen, was dahinterliegt, sondern wir müssen sagen: Zwar liegt immer irgendetwas, was in unsere Seele herein sich lebt, hinter dem Traumbild, aber wir dürfen das Traumbild nur als eine Art von noch größerer Maya ansehen als die äußere Welt um uns herum Maya ist, der wir im wachen Zustand gegenüberstehen.
[ 11 ] Dass der Traum so ist, das hat sich aber erst in unserer Gegenwart herausgestellt, hat sich im Grunde genommen erst herausgestellt für die Menschen, seitdem die Ereignisse von Palästina sich abgespielt haben, seitdem das Ich-Bewusstsein gerade die Form angenommen hat, die es seit jener Zeit angenommen hat. Früher waren die Bilder, die hereinkamen in den Menschen in einem dritten Zustande, den er hatte außer dem Wachsein und Schlafen, mehr ähnlich dem, was eigentlich in den übersinnlichen Welten vorging. Und auch mit den Toten lebten die Menschen viel mehr zusammen im Geiste, als sie jetzt etwa zusammenleben können. Wir brauchen gar nicht weit zurückgehen in den Jahrhunderten, die vor der christlichen Zeitrechnung liegen, so würden wir da noch zahlreiche, überzahlreiche Menschen finden, welche sich sagen konnten: Ja, die Toten sind nicht tot, die leben in der übersinnlichen Welt, ich sehe ja, was sie fühlen, sehe, was sie eigentlich jetzt sind. - Und so wie das für die Toten gilt, gilt es auch für die übrigen Wesen der übersinnlichen Welt, die wir zum Beispiel in den Reichen der Hierarchien anerkennen.
[ 12 ] So war also in gewissen Übergangszuständen zwischen Wachen und Schlafen für den Menschen das da, wovon nur ein letzter, aber jetzt im Niedergange begriffener Rest im Traume geblieben ist. Daher ist es in jener Zeit auch sehr bedeutsam für die Menschen, dass sie fühlten, uns entschwindet etwas, was wir früher hatten. Ja, in jener Übergangsepoche der Menschheitsentwicklung, da die Ereignisse von Palästina sich abspielten, war durch so mancherlei Veranlassung gegeben, zu sagen: Ändert die Seelenverfassung, denn es kommen ganz andere Zeiten an die Menschheit heran. - Eines darunter war auch dies, dass früher die Menschen hineingesehen haben in die geistigen Welten und aus der unmittelbaren Erfahrung wussten, wie es mit den Toten, mit den übersinnlichen Wesenheiten beschaffen ist. Das ging verloren. Und während uns ein lebendiger Beweis auch in der Geschichte für das Leben mit den Toten in alten Zeiten das sein kann, was als eine religiöse Form der Verehrung überall auftritt, der Ahnendienst, der sich darauf begründet, dass man den Toten als wahrhafte Realität wirksam sich denkt, während in alten Zeiten der Ahnendienst mehr oder weniger überall da ist, erleben die Menschen in der Übergangszeit, dass sie sich sagen müssen, wenn sie sich das auch nicht deutlich mit Worten sagen: Früher haben unsere Seelen hinaufgereicht in die Welt, die wir als die geistige bezeichnen. Früher haben wir mit den höheren Wesen, mit den Toten zusammenleben können, jetzt aber gehen in einem viel anderen Sinne unsere Toten fort, jetzt gehen sie aus unserem Bewusstsein fort, wir haben nicht mehr jenen lebendigen Zusammenhang.
[ 13 ] Da kommen wir auf eine Sache, von der wir sagen müssen, der Verstand wird sich nur äußerst schwer ein Verständnis davon aneignen, aber cin Verständnis kann sich aneignen das verständnisvolle Gemüt. Das machte so unendlich bedeutsam, so unendlich heilig und tief gerade die Art des Gottesdienstes der ersten Christen, dass die ersten Christen diejenigen waren, die am lebendigsten fühlten, wie ihnen der unmittelbare psychische Zusammenhang mit den Toten verloren gegangen war. Aber sie ersetzten das, was ihnen auf diese Art verloren gegangen war, durch jene heiligen Gefühle, die sie bei ihren Gottesdiensthandlungen durch ihre Seele ziehen ließen, wenn sie über den Gräbern der Toten ihre Opfer verrichteten, ihre Messen lasen, kurz, ihre gottesdienstlichen Handlungen ausübten. Und im Grunde genommen ist durch diesen Übergang herbeigeführt überhaupt die Tatsache, dass in der Zeit, in der man das Bewusstsein für die Toten ersterben fühlt, die Altäre die Form des Sarges annehmen, dass man also in dem Gefühl für die Überreste gerade in dieser Form - nicht wie bei den alten Ägyptern - den pietätvollen Gottesdienst oder Geistesdienst verrichtete. Wie gesagt, das ist eine Sache, die der Verstand wird nicht recht begreifen können. Aber man braucht sich nur die Form eines Altares anzuschauen und lebendig zu fühlen jenen Übergang des ganzen menschlichen Anschauens im Laufe der Zeit, wie er charakterisiert wurde, dann kann man auch ein Gefühl, ein Verständnis für diese Umwandlung im Anschauen der Menschenseele, für alles das, was sie im Gefolge hatte, bekommen.
[ 14 ] So sehen wir, dass langsam und allmählich der Zustand herbeigeführt wurde, in dem die Menschenseele heute ist. Und aus den gestrigen Andeutungen können wir entnehmen, dass dieser Zustand, der nun herbeigeführt worden ist, allmählich wieder durch einen anderen abgelöst wird, und dass wir jetzt vor der Tatsache stehen, dass im Menschen die Fähigkeiten erwachen für diesen anderen Zustand.
[ 15 ] Was ich gestern als ein Beispiel angeführt habe, dass der Mensch wie in einer Art von Traumbild etwas Reales sehen wird, das den karmischen Ausgleich bilden soll für eine Handlung, das wird das Wiederauftreten von Fähigkeiten sein, die wiederum die Seele hinauftragen zu den übersinnlichen Welten. Es war für die ganze Erdenentwicklung verhältnismäßig nur ein kurzer Zwischenzustand, in dem die Menschenseele abgeschlossen war von der übersinnlichen Welt, der eintreten musste, damit der Mensch in diesem Zwischenzustand die stärksten Kräfte für seine Freiheit erobern konnte. Nun ist aber etwas verbunden mit dem ganzen Fortschritt in der Entwicklung der Menschheit, von dem ich Ihnen jetzt gesprochen habe, cs ist verbunden damit, dass der Mensch zu seinem in sich selber abgeschlossenen Ich-Gefühl, zu seinem rechten Ich-Bewusstsein nur auf diese Art hat kommen können. Dieses Ich-Bewusstsein wird sich immer mehr und mehr, je mehr der Mensch der Zukunft entgegengeht, in dem menschlichen Innern befestigen, es wird immer bedeutender und bedeutender werden. Mit andern Worten: Die Kraft und Geschlossenheit der Individualität des Menschen wird immer mehr und mehr zunehmen, die Menschen werden immer mehr und mehr in die Notwendigkeit versetzt werden, einen festen Stützpunkt ihres Wesens in sich selber zu haben.
[ 16 ] So sehen wir, dass jenes eigentliche Ich-Bewusstsein, das der Mensch heute hat, gar nicht über so viele Inkarnationen reicht, als man gewöhnlich glaubt. Wir bräuchten nur zurückzugehen durch ein paar Inkarnationen, so würden wir dieses Ich-Gefühl nicht in der Weise, wie es heute charakteristisch für den Menschen ist, haben. Daher brauchen wir uns auch nicht zu verwundern, da das Ich-Gefühl in inniger Weise zusammenhängt mit dem Gedächtnis, dass heute für viele Menschen noch nicht eingetreten ist dasjenige, was man nennen kann eine Rückerinnerung an die früheren Inkarnationen. Der Mensch erinnert sich ja auch nicht dessen, was in seinen ersten Kindheitsjahren an ihn herangetreten ist, weil da sein Ich-Gefühl noch nicht ausgebildet ist. Ist es da nicht ganz erklärlich, dass der Mensch sich heute noch nicht zurückerinnern kann an seine früheren Inkarnationen, weil eben auch sein Ich-Gefühl noch nicht ausgebildet war. Aber jetzt stehen wir an dem Übergang, wo der Mensch sein Ich-Gefühl ausgebildet hat und wo sich die Kräfte ausbilden, die bewirken, dass für die nächsten Inkarnationen die Notwendigkeit eintritt, sich an die früheren Inkarnationen zu erinnern. Es nahen sich die Zeiten, wo die Menschen gar nicht anders mehr werden können, als sich zu sagen: Wir blicken ja merkwürdig zurück in Zeiten, in denen wir in anderen Lebensformen bereits auf der Erde waren, wir blicken zurück so, dass wir uns sagen müssen, wir waren eben schon da auf der Erde. - Und unter den Fähigkeiten, die immer mehr und mehr auftreten werden, wird auch die sein, die den Menschen darauf hinweisen wird: Ich kann gar nicht anders als zurückzublicken auf meine früheren Inkarnationen.
[ 17 ] Nun denken Sie sich einmal: Für die nächsten Inkarnationen, die die Menschenseelen durchmachen, welche gegenwärtig inkarniert sind, tritt sozusagen die innere Kraft ein, zurückzuschauen und sich rückschauend zu erkennen. Aber für diejenigen, die sich nicht bekannt gemacht haben mit dem Gedanken der wiederholten Erdenleben, wird diese Rückerinnerung eine furchtbare Qual sein. Sodass in der Tat Nichtkennen der Geheimnisse von den wiederholten Erdenleben qualvoll sein wird für die Menschen, in denen die Kräfte heraufwollen, ihnen etwas sagen wollen in Bezug auf frühere Zeiten, aber nicht herauf können werden, weil die Menschen es versäumt haben, mit den großen Mysterienwahrheiten der wiederholten Erdenleben sich bekannt zu machen. Nicht sich bekannt machen mit diesen Mysterienwahrheiten, wie sie jetzt verkündet werden durch die Geisteswissenschaft, bedeutet nicht etwa bloß Theorien vernachlässigen, sondern das Leben der folgenden Inkarnationen sich zur Qual zu gestalten. Daher ist insbesondere für diese Übergangszeiten, in denen wir leben, etwas der Fall. Sie können die langsame Vorbereitung dazu auch entnehmen aus unserem zweiten Mysteriendrama «Die Prüfung der Seele», wo sozusagen hingewiesen ist auf frühere Inkarnationen der dort handelnden Personen, die nur wenige Jahrhunderte zurückliegen. Das bereitet sich schon vor. Aber jetzt steht die Sache allerdings so, dass durch die weise Weltenlenkung in einer gewissen Weise den Menschen Gelegenheit gegeben wird, mit demjenigen, was die Mysterienwahrheiten sind, sich bekannt zu machen. Es sind jetzt verhältnismäßig wenig Menschen, die zur Theosophie sich finden. Nicht wahr, die Zahl der Theosophen ist im Verhältnis zu der anderer Menschen überall gering, sodass wir sagen können: Die Menschen interessieren sich noch nicht in ausgebreitetem Maße für die Theosophie. Aber das Gesetz der Reinkarnation für unsere Zeit ist so, dass in der Tat für die Menschen, welche jetzt dumpf durch die Welt gehen und sich nicht von den Erlebnissen sagen lassen, dass man den Rätseln des Daseins nachforschen muss, verhältnismäßig bald ein nächstes Leben eintritt, dass sie sich bald wieder inkarnieren, dass sie also reichlich Gelegenheit finden werden, sich mit den theosophischen Wahrheiten bekannt zu machen. Das ist der Fall. Sodass wir, wenn wir jetzt in unserer Umgebung vielleicht Leute sehen, die uns wert und teuer sind, die aber nichts von Theosophie wissen wollen, ihr sogar spinnefeind sind, dass wir jetzt noch nicht gar zu sehr unsere Herzen davon bedrücken lassen müssen. Wahr ist es durchaus, und der Theosoph sollte das einsehen: Nichtberücksichtigung der geistigen Wissenschaft oder Theosophie bedeutet den Beginn des Lebens einer Qual für die künftigen Erdeninkarnationen. Das ist wahr, und wir dürfen die Sache auch nicht leicht nehmen. Auf der anderen Seite aber kann sich derjenige, der liebe Freunde und Bekannte hat, die nichts wissen wollen von Theosophie, sagen: Nun, wenn ich nur selber ein guter Theosoph bin, ich werde schon Gelegenheit finden, mich durch die Kräfte, die mir bleiben, wenn ich durch die Pforte des Todes geschritten bin - da ja die lebendigen Bande vorhanden sind, von denen wir gesprochen haben -, mich diesen Menschenseelen hilfreich zu erweisen. Und diese Seelen selber werden Gelegenheit haben dadurch, dass jetzt die Zeit des Zwischenlebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verkürzt wird, die Mysterienwahrheiten in sich aufzunehmen, die die Menschen aufnehmen müssen, wenn ihnen die kommenden Inkarnationen nicht zur Qual werden sollen. Es ist noch nicht alles verloren.
[ 18 ] So müssen wir die Theosophie als reale Macht ansehen, auf der anderen Seite aber die Sache nicht zu verdrossen, nicht zu pessimistisch ansehen. Falsch wäre der Optimismus, der sich sagte: Nun ja, wenn die Sache so ist, dann kann ich auch warten mit der Aufnahme dieser theosophischen Wahrheiten bis zu meiner nächsten Inkarnation. Denn wenn das alle sagen würden, dann würden nach und nach die Menschen sich hinüberleben in die nächsten Inkarnationen und der Gelegenheiten würden zu wenig da sein für die nächsten Inkarnationen, als dass den Menschen wirklich geholfen werden könnte. Denn wenn auch jetzt noch durch wenig Menschen diejenigen, die zur Theosophie kommen wollen, mit ihren Wahrheiten bekannt gemacht werden können, so werden für die zahllosen Scharen derer, die nach verhältnismäßig kurzer Zeit zur Theosophie heranrücken werden, zahllose Menschen nötig sein, entweder hier auf dem physischen Plan oder, wenn sie nicht inkarniert sind, von höheren Planen aus, die Leute bekannt zu machen mit Theosophie.
[ 19 ] Das ist das eine, was wir uns sagen müssen aus dem ganzen Charakter des großen Umschwunges heraus, der jetzt stattfindet. Das andere ist aber, dass eben das Ich dieses alles durchgemacht hat, um immer mehr und mehr auf sich selber zu bauen, selbstständiger und selbstständiger zu werden. Dieses Bauen auf sich selber von Seiten des Ich ist wiederum etwas, was eintreten wird, was kommen wird für alle Seelen, was aber wiederum zum Verderben sein wird für diejenigen Seelen, welche nicht Bekanntschaft machen mit den spirituellen Weistümern. Denn diese Seelen werden das individueller und individueller Werden empfinden wie eine Vereinsamung. Diejenigen dagegen, die sich bekannt machen werden mit den großen Gcheimnissen der geistigen Welten, werden dadurch die Möglichkeit finden, im Geistigen immer mehr und mehr Bande zu schließen von Seele zu Seele. Die alten Bande werden sich immer mehr auflösen und neue werden geschlossen werden müssen. Das geschieht nun stufenweise in den nächsten Zeiten.
[ 20 ] Wir leben jetzt im fünften nachatlantischen Zeitraum, auf diesen wird folgen der sechste, dann der siebente, bis wiederum eine solche Katastrophe eintreten wird, wie eine eingetreten ist zwischen der atlantischen und der nachatlantischen Zeit. Diese Katastrophe ist ja in ihrer Ähnlichkeit und Verschiedenheit von der alten atlantischen gerade hier in Nürnberg anlässlich des Zyklus über die Apokalypse seinerzeit charakterisiert worden. Was nun der besondere Charakter unseres Zeitraumes ist, das können wir, wenn wir das Leben ringsherum betrachten, dadurch bezeichnen, dass wir sagen: In unserer Zeit ist in den Menschen insbesondere tätig dasjenige, was wir nennen können den Intellektualismus, die verstandesmäßige Auffassung der Welt. Wir leben tatsächlich in einer Zeit des Intellektualismus, in einer Zeit der verstandesmäßigen Auffassung der Welt. Diese Zeit der verstandesmäßigen Auffassung der Welt ist nun durch einen ganz besonderen Umstand herbeigeführt. Diesen Umstand werden wir verstehen lernen, wenn wir uns erinnern an die Zeit, die vorangegangen ist unserer jetzigen fünften nachatlantischen Kulturperiode. Vorangegangen ist der Zeitraum, den wir den griechisch-lateinischen nennen, jener merkwürdige Kulturzeitraum, in dem die Menschen noch nicht so, man möchte sagen, getrennt waren wie jetzt von der Natur und dem Wissen der Welt, wie sie sich äußerlich darstellt. Aber es ist das zugleich jener Zeitraum, in dem das Ich über die Menschen sozusagen hereinbrach. Daher musste in diesem Zeitraum auch das Christus-Ereignis stattfinden, weil da das Ich in besonderer Weise hereinbrach. In unserer Zeit, was erleben wir denn da? Da ist es nicht bloß das Hereinbrechen des Ich, sondern da erleben wir, dass eine der Hüllen des Menschen eine Art Spiegelung oder Reflex auf seine Seele macht. Die Hülle, die wir gestern bezeichnet haben als die Glaubenshülle, die macht eine Spiegelung oder einen Reflex auf die menschlichen Seelen jetzt in unserem fünften Zeitraum. Sodass wir in unserem Zeitraum die Eigentümlichkeit haben, dass in der Seele der Menschen etwas vorhanden ist, wie wenn sich in der Seele spiegelte der Glaubens-Charakter des astralischen Leibes. Im sechsten nachatlantischen Zeitraum wird sich spiegeln im Innern des Menschen der Liebes-Charakter des Ätherleibes und im siebenten, vor der großen Katastrophe, der Hoffnungs-Charakter des physischen Leibes.
[ 21 ] Für diejenigen, welche Vorträge, wie sie jetzt gerade gehalten worden sind, da und dort gehört haben, bemerke ich, dass ich diese stufenweisen Vorgänge von einem anderen Gesichtspunkte anders dargestellt habe, sowohl in München wie in Stuttgart. Es ist aber doch dasselbe. Es ist nur das, was jetzt dargestellt werden soll anknüpfend an die drei großen Kräfte der Menschen, Glaube, Liebe und Hoffnung, dort dargestellt worden durch unmittelbare Beziehung auf die Elemente des menschlichen Seelenlebens. Aber es ist ganz dasselbe, und ich mache es absichtlich so, damit die Theosophen sich daran gewöhnen, sich nicht an Worte zu halten, sondern an die Sache heranzutreten. Wenn wir sehen werden, dass die Dinge von den verschiedensten Seiten charakterisiert werden können, dann wird man auch nicht mehr auf die Worte schwören, sondern das Bestreben haben, an die Sache heranzutreten und sie so zu nehmen, dass man weiß, dass die Worte, die von den verschiedensten Seiten die Dinge charakterisieren, nichts anderes bedeuten sollen als eben Annäherungen an die Sache selber. Durch nichts weniger als durch Schwören auf die einmal gesprochenen Worte kommen wir der Sache näher, sondern nur, indem wir das, was in den aufeinanderfolgenden Zeiten gesagt wird, in eine Harmonie bringen, wie wir einen Baum nur dadurch kennenlernen, wenn wir ihn nicht von einer Seite nur, sondern von den verschiedensten Seiten aufnehmen.
[ 22 ] Also es ist im Wesentlichen jetzt die Glaubenskraft des astralischen Leibes, die in die Seele hereinscheint und unserer Zeit das Charakteristikum gibt. Sonderbar, könnten welche sagen, jetzt sagst du uns, dass die Glaubenskraft die wesentlichste Kraft unserer Zeit ist. Ja, vielleicht könnten wir das anerkennen von denjenigen Menschen, die sich den alten Glauben bewahrt haben, aber dann sind so viele, die heute auf den Glauben herabsehen, weil sie über ihn hinaus sind, die ihn als eine kindliche Stufe der Menschheitsentwicklung betrachten. - Es mögen diejenigen Leute, die sich Monisten nennen, glauben, dass sie nicht glauben, aber sie sind gläubiger als die andern, die sie als Gläubige bezeichnen. Denn alles das, was in den verschiedenen monistischen Bekenntnissen zutage gefördert worden ist, ist der blindeste Glaube, nur sind sich die Leute dessen nicht bewusst: Sie glauben es ist ein Wissen. Wir kommen überhaupt nicht zu einer Charakteristik dessen, was getan wird, wenn wir nicht fortwährend von Glauben sprechen. Wenn wir von dem Glauben derer absehen, die glauben, nicht zu glauben, dann finden wir, dass im Grunde genommen in unserer Zeit unendlich viel von dem, was gerade das Bedeutendste ist, beruht auf jenem Reflex, den der astralische Leib in die Seele hereinwirft und der Seele dadurch einen geradezu inbrünstigen Glaubens-Charakter verleiht. Man braucht sich nur zu erinnern an die Lebenswege der Größten unserer Zeit, sagen wir Richard Wagner, wie sein Leben selbst als Künstler ein Aufstieg ist zu einer gewissen Glaubensinbrunst und wie das das Reizvollste ist beim Betrachten gerade dieser Persönlichkeit. Überall, wo wir Umschau halten in unserer Zeit, sind die Schatten- und Lichtseiten derselben aus dem heraus zu verstehen, was wir den Reflex des Glaubens in dem Ich oder der Ich-Seele des Menschen nennen können.
[ 23 ] Und abgelöst wird unsere Zeit von derjenigen, in der das Liebebedürfnis hereinleuchten wird. In einem noch ganz anderen Sinne wird sich verwirklichen das, was auch christliche Liebe genannt werden kann in diesem sechsten Kulturzeitraum. Wir nähern uns ihm langsam immer mehr, diesem sechsten Zeitraum, und gerade dadurch, dass wir den Menschen in der theosophischen Bewegung bekannt machen mit dem, was die Geheimnisse des Weltalls sind, was das Wesen der verschiedenen Individualitäten des physischen Planes oder der höheren Plane ist, versuchen wir in ihm zu entzünden die Liebe für ein jegliches Dasein. Nicht so sehr dadurch, dass wir von dieser Liebe sprechen, als dadurch, dass wir das fühlen, was in der Seele diese Liebe entzünden kann, bereitet sich durch Theosophie der sechste Zeitraum vor. Dadurch aber werden die Liebekräfte in der ganzen Seele des Menschen besonders bloßgelegt und wird das vorbereitet, was die Menschheit braucht, um nach und nach zu einem wahren Verständnis des Mysteriums von Golgatha zu kommen. Denn dieses Mysterium von Golgatha ist zwar geschehen, zwar hat das Evangelium hervorgerufen, was gestern bezeichnet wurde als vergleichbar mit der kindlichen Sprache, aber noch ist diese tiefste Lehre von der Mission der Erdenliebe, wie sie verknüpft ist mit dem Mysterium von Golgatha, nicht begriffen. Das kann vollständig erst begriffen werden im sechsten nachatlantischen Kulturzeitraum, wenn die Menschen sich immer mehr dazu erheben werden, die Basis, die Grundlage in Wirklichkeit vollständig in sich selber zu finden und aus dem Innersten, das heißt aus der Liebe das zu tun, was geschehen soll; wenn vollständig überwunden sein wird das Angewiesensein des Menschen auf die Gebote, wenn eingetreten sein wird der Zustand: «Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt», wie Goethe sagt. Wenn in unserer Seele erwachen die Kräfte, dass wir gar nicht mehr anders können, als aus Liebe zu vollbringen, was wir tun sollen, dann haben wir so etwas in uns entdeckt, wie es immer mehr und mehr zur Verbreitung kommen muss im sechsten Kulturzeitraum. Damit werden aber ganz besondere Kräfte auch des ätherischen Leibes bloßgelegt für die menschlichen Naturen.
[ 24 ] Wenn wir begreifen wollen, was da immer mehr und mehr eintreten wird, so müssen wir das von zwei Seiten her betrachten. Die eine Seite ist diese, dass etwas kommen wird, was heute zwar von den besten Geistern erst geträumt werden kann, aber eben noch nicht da ist, das ist ein ganz bestimmtes Verhältnis zu Sittlichkeit, Moralität, Ethik und Verständigkeit, Intellektualität. Heute kann einer noch verhältnismäßig ein großer Schurke sein und zugleich ein verhältnismäßig kluger, gescheiter Mensch. Er kann vielleicht gerade seine Klugheit und Gescheitheit dazu verwenden, um möglichst viel Schurkerei zu begehen. Es ist heute noch nicht eine Notwendigkeit, dass in der Seele ein Maß von Klugheit vereint wäre mit demselben Maße von Moralität. Mit all den Dingen, die geschildert worden sind als für die Zukunft bevorstehend, wird nun auch das andere verknüpft sein, dass, indem wir in diese Zukunft hineinleben, diese beiden Dinge in der Menschenseele nicht mehr werden getrennt sein können, nicht mehr in einem verschiedenen Maße werden bestehen können, sondern dass der Mensch, der durch seine vorherige Inkarnation in seinem Lebenskonto sich etwas angeeignet hat, was ihn zu einem besonders klugen Menschen machen würde, wenn er nicht moralisch war, durch sein Lebenskonto, indem er sich hineinlebt in seine Inkarnation, seine Klugheit gelähmt erhält, sodass man in demselben Maße, in dem man klüger sein könnte als moralisch, für die nächsten Inkarnationen, im Hineinwachsen in diese Inkarnationen, durch allgemeine Weltengesetze dumm gemacht wird, sodass Dummheit und Unmoralität immer mehr und mehr zusammen auftreten müssen. Denn auslöschend, lähmend wird Unmoralität auf Klugheit wirken. Mit anderen Worten: Wir nähern uns dem Zeitalter, wo Moralität und das, was jetzt charakterisiert worden ist für den sechsten nachatlantischen Zeitraum als das Hereinscheinen der Liebekräfte des Ätherleibes in die Ich-Seele, im Wesentlichen solche Kräfte bedeutet, welche zu tun haben mit dieser Harmonisierung der Klugheitskräfte und der Moralitätskräfte.
[ 25 ] Das ist die eine Seite, die wir zu berücksichtigen haben. Die andere ist diese, dass erst durch eine solche Harmonie zwischen Moralität, Sittlichkeit und Klugheit das Mysterium von Golgatha in seinen vollen Tiefen zu begreifen ist. Und das wird dadurch geschehen, dass immer mehr derjenige Lehrer, der auch schon vorbereitet hat die Menschen auf dieses Mysterium von Golgatha, bevor der Christus Jesus auf die Erde gekommen ist, dass der immer mehr und mehr in seinen aufeinanderfolgenden Inkarnationen sich zu dem großen Lehrer des größten irdischen Ereignisses entwickelt. Diejenige Individualität, die wir den Nachfolger des Gautama Buddha nennen in Bezug auf die Bodhisattva-Würde, sie war inkarniert in jener Persönlichkeit, die etwa hundert Jahre vor unserer Zeitrechnung gelebt hat und die wir da nennen Jeshu ben Pandira. Jener Jeshu ben Pandira hatte eine Anzahl Schüler, unter diesen auch einen, der schon dazumal das Matthäus-Evangelium prophetisch vorher in gewisser Weise niedergeschrieben hat. Es brauchte dann nur erneuert zu werden, als das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hatte. Und immer wiederum ist diese Individualität verkörpert gewesen und immer wieder trat sie auf, und sie wird auftreten immer wiederum so lange, bis sie von der Bodhisattva-Würde zur Buddha-Würde aufsteigt. Das wird sein etwa fünftausend Jahre nach unserer Zeitrechnung. Da wird eine genügend große Anzahl von Menschen ausgestattet sein mit jenen Fähigkeiten, von denen wir gesprochen haben, und da wird im Verlaufe einer merkwürdigen Inkarnation, welche jene Individualität durchmachen wird, die einmal der Jeshu ben Pandira war, es wird dieser große Lehrer der Menschheit, dieser Bodhisattva dazu gekommen sein, in ganz anderer Weise noch wirken zu können als Interpret des Mysteriums von Golgatha, als das heute möglich ist. Heute kann zwar der Hellseher in den übersinnlichen Welten Vorstellungen gewinnen von dem, was da fünftausend Jahre nach unserer Zeitrechnung eintreten wird, aber die äußere physische menschliche Organisation macht heute noch keinen physischen Leib fähig, das zu tun, was jener Lehrer etwa dreitausend Jahre nach unserem jetzigen gegenwärtigen Zeitpunkte wird tun können. Keine menschliche Sprache würde noch hergeben jene magische Art, durch die Mitteilung, durch die Lehre zu wirken, wie dann jener Lehrer der Menschen wirken wird. Seine Worte werden sich unmittelbar wie Balsam hineinflößen in die menschlichen Herzen, in die menschlichen Seelen, und ein jegliches Wort wird nicht nur Theorie sein, sondern in einem Maße, das ungeheuer viel größer ist als das, was heute die Vorstellung davon aufnehmen kann, wird das, was Lehre ist, zugleich eine magische moralische Kraft haben, die Herzen und die Seelen von der urewigen bedeutungsvollen Bruderschaft von Intellektualität und von Moralität tief innerlich zu überzeugen.
[ 26 ] Der große Lehrer, der am tiefsten, wenn die Menschheit dazu reif sein wird, lehren kann das Wesen des Mysteriums von Golgatha, wird erfüllen das, was die orientalischen Prophezeiungen immer gesagt haben: dass der, welcher der wahre Nachfolger des Buddha sein wird, der größte Lehrer sein wird des Guten, der Lehrer des Guten aller Menschen. Deshalb nennt ihn die orientalische Überlieferung den Maitreya-Buddha. Dieser wird die Aufgabe haben, gerade das Mysterium von Golgatha den Menschen zu erklären, und er wird die tiefsten und bedeutungsvollsten Ideen und Worte dadurch finden können, dass seine Worte durch die besondere Sprache, in der gesprochen sein wird, die eine Sprache sein wird, von der heute noch in keiner menschlichen Sprache eine Vorstellung hervorgerufen werden kann, unmittelbar magisch in die menschliche Seele hineinprägen werden die Natur des Mysteriums von Golgatha. So nähern wir uns auch in dieser Beziehung dem, was wir nennen können das zukünftige moralische Zeitalter der Menschen. Wir könnten es geradezu in gewisser Beziehung als das herannahende goldene Zeitalter bezeichnen.
[ 27 ] Wir aber, indem wir sprechen heute auf theosophischem Boden, deuten vollbewusst an, was geschehen soll, deuten an, wie der Christus sich nach und nach offenbaren wird für immer höhere und höhere Kräfte des Menschen, deuten an, wie die Lehrer, die nur für einzelne Völker und einzelne Menschen früher gelehrt haben, die Interpreten, die Erklärer des großen Christus-Ereignisses für alle Menschen, die es hören wollen, sein werden. Wir können andeuten, wie dadurch, dass das Zeitalter der Liebe anbricht, eben die Bedingungen für dieses Zeitalter der Moralität gegeben sind.
[ 28 ] Und dann kommt der letzte große Zeitraum, in dem eine Spiegelung hereinwerfen wird in die menschliche Ich-Seele das, was wir Hoffnung nennen. Dann aber werden die Menschen, gestärkt durch die Kraft, die von dem Mysterium von Golgatha und vom moralischen Zeitalter ausgeht, in sich ihre Hoffnungskräfte hereinnehmen: das Bedeutsamste, was sie brauchen, um über die Katastrophe hinüberzukommen, um jenseits derselben in ähnlicher Weise ein neues Leben zu beginnen, wie die nachatlantische Zeit ein neues Leben gebracht hat.
[ 29 ] Da, wenn im letzten nachatlantischen Zeitalter zwar die äußere Kultur, die rein kombinatorische Kultur auf ein Höchstes gestiegen ist, aber die Menschen stark fühlen werden das Unbefriedigende dieser Kultur, wenn die Menschen dieser Kultur gegenüber so dastehen werden, dass, wenn sie nicht in sich entwickelt hätten das Spirituelle, sie wahrhaft trostlos dieser Kultur gegenüberstehen würden, da wird her die Hoffnung aufgepflanzt sein, die sich erfüllen wird in dem nächsten Zeitraum der menschlichen Entwicklung. Wenn das nicht in die Menschenseelen einziehen könnte, was ihnen die Spiritualität bringen kann und was die theosophische Bewegung will, dann könnte etwa die äußere Kultur ein wenig fortgehen, aber die Menschen würden zuletzt dahin kommen, dass sie sich sagen würden: Ja, das haben wir nun alles erlangt! Drahtlose Vorrichtungen tragen unsere Gedanken, Vorrichtungen, von denen sich unsere Vorwelt nichts hat träumen lassen, über den ganzen Erdball hin. Aber was haben wir davon? Die trivialsten, ödesten Gedanken schicken wir von einem Ort zum andern; menschliche Intelligenzkraft bis ins Höchste haben wir anspannen müssen, damit wir nun endlich mit allen möglichen vollkommenen Werkzeugen herüberbringen können von einem entfernten Ort der Erde an den andern, was wir nun essen, und angespannt haben wir unsere Kräfte der Intelligenz, um schnell, recht schnell den Erdkreis zu umspannen, aber wir haben in unserem Kopfe nichts darinnen, was wir irgendwie von einem Punkte zum andern tragen können. Denn die Gedanken, die wir tragen können, sind trostlos, und wahrhaftig, sie sind trostloser noch geworden, seit wir sie in unseren modernen Fahrzeugen tragen, gegenüber denen, die wir getragen haben in den alten schneckenartig sich fortbewegenden Fahrzeugen.
[ 30 ] Kurz, Trostlosigkeit und Öde würde durch die äußere Kultur über den Erdkreis gebreitet sein. Aber im letzten Kulturzeitraum wird die Seele wie auf den Trümmern des äußeren Kulturlebens reich geworden sein, die da aufgenommen hat das spirituelle Leben. Und dass Sie dieses spirituelle Leben nicht umsonst aufgenommen haben, dafür wird Ihnen bürgen, was als starke Kräfte der Hoffnung in Ihnen leben wird, dass nach einer großen Katastrophe ein neues Menschenalter kommen wird, in dem heraufkommen wird auch im äußeren Leben in einer neuen Menschheitsbildung dasjenige, was innerlich spirituell in den Seelen vorbereitet worden ist.
[ 31 ] So gehen wir in der nächsten Zeit, von unserem Zeitalter des Glaubens durch das Zeitalter der Liebe und der Hoffnung, in bewusster Weise, wenn wir uns theosophisch durchdringen, dem entgegen, was wir in immer mehr und mehr sich steigernder Annäherung zu den höchsten, zu den wahrsten, zu den schönsten Zielen der Menschheit hinsteuern sehen.
