Das esoterische Christentum und die
geistige Führung der Menschheit
GA 130
27 Januar 1912, Kassel
14. Die Morgenröte des neueren Okkultismus I
[ 1 ] Es wird heute meine Aufgabe sein, eine zunächst rein geschichtliche Betrachtung zu geben, welcher dann übermorgen folgen soll, was uns tiefer einführen kann in die Impulse rosenkreuzerischen Denkens, Wollens und Handelns. Dem Rosenkreuzertum von heute Verständnis entgegenbringen kann man nur, wenn man sich in die Seele schreibt, es sei das Rosenkreuzertum nicht etwas, was eine geschichtliche Norm ein für allemal hat, sondern eigentlich etwas anderes ist in jedem Jahrhundert. Das ist deshalb so, weil es stets sich den Verhältnissen der Gegenwart anpassen muss. Darüber sind wir uns ja klar, dass die eigentlichen Grundimpulse der Geisteswissenschaft sich immer mehr einleben müssen in die Kultur der Gegenwart, aber dass dies in der abendländischen Kultur, in der wir stehen, schwer ist. Nicht von heute auf morgen ist es möglich, ein anderer Mensch zu werden durch die Geisteswissenschaft, weil wir hineingeboren sind durch unser Karma in die abendländische Kultur. Wir haben es nicht so leicht wie die Vertreter irgendwelcher Menschenzusammenhänge, die von Rassen- oder religiösen Voraussetzungen ausgehen können. Denn das muss ja unser Grundprinzip sein, dass wir nicht etwa auf dem Boden eines religiösen Bekenntnisses stehen, sondern wir sehen in den verschiedenen religiösen Systemen Ausgestaltungen des einen spirituellen Lebens. Diesen spirituellen Wahrheitskern in allen religiösen Weltanschauungen soll die Geisteswissenschaft aufsuchen. Es ist selbstverständlich, dass der Theosoph als abendländischer Mensch leicht missverstanden werden kann, und dies am meisten von den verschiedenen religiösen Bekenntnissen und Weltanschauungen, die wir um uns herum vorhanden sehen.
[ 2 ] Wenn wir richtig begreifen, was wir als Geisteswissenschafter sein wollen, dann müssen wir auf einem Boden feststehen: auf dem Boden des geschichtlichen Werdens. Wir müssen begreifen, dass Geisteswissenschaft ein Ereignis innerhalb der geschichtlichen Entwicklung ist. Jeder der hier Sitzenden ist verkörpert gewesen in jeder Kulturperiode, und zwar wiederholt verkörpert in jeder einzelnen Kulturperiode. Welches ist nun aber der Sinn dieser Verkörperungen? Warum muss der Mensch alle diese verschiedenen Schulungen durch sein Leben in den verschiedenen Kulturentwicklungen erfahren? Diese Frage hat Lessing zu seinem Bekenntnisse der Reinkarnationsidee geführt. Lessing sagte sich: Die Menschen sind früher durch alle möglichen Kulturperioden hindurchgegangen, und sie müssen wiederkehren, um Neues zu lernen und das Alte mit dem Neuen zu verbinden. So etwa dachte Lessing: Es muss einen Sinn haben, dass wir durch die verschiedenen Inkarnationen gehen. Und dieser Sinn liegt eben darin, dass der Mensch in jeder neuen Inkarnation Neues zu dem Alten hinzuerlebt.
[ 3 ] Es ist ja schon oft hingewiesen worden darauf, dass die aufeinanderfolgenden Epochen ganz verschieden voneinander waren. Heute soll nun genauer auf einen außerordentlich wichtigen Zeitpunkt hingewiesen werden, auf das dreizehnte Jahrhundert. Man kann sagen, dass die zu jener Zeit inkarnierten Menschen etwas ganz Besonderes erlebten, etwas, was die zu andern Zeiten verkörperten Menschen nicht haben erleben können. Und was ich jetzt sagen werde, das sage ich in einem Sinne mit allen denen, die ein gewissermaßen erhöhtes geistiges Leben haben durchmachen dürfen und die heute wieder inkarniert sind. Die wissen das alle.
[ 4 ] Im dreizchnten Jahrhundert war für alle Menschen eine geistige Finsternis, selbst für die erleuchtetsten Geister, auch für die Eingeweihten. Alles, was damals im dreizehnten Jahrhundert gewusst wurde von geistigen Welten, das wusste man durch Überlieferung ‚oder von schon früher Eingeweihten, die ihre Erinnerung an das, was sie damals erlebt hatten, weckten. Aber für eine kurze Zeit konnten auch diese Geister nicht unmittelbar hineinblicken in die geistige Welt. Diese kurze Zeit der Verfinsterung musste damals sein, um das Charakteristische unseres jetzigen Zeitalters vorzubereiten: die heutige intellektuelle, verstandesmäßige Kultur. Das ist das Wichtige, dass wir das heute in der fünften nachatlantischen Kulturperiode haben. Das war nicht so in der griechischen Kulturperiode. Da war anstelle des jetzigen verstandesmäßigen Denkens die unmittelbare Anschauung das Dominierende. Der Mensch wuchs sozusagen zusammen mit dem, was er sah und hörte, ja auch mit dem, was er dachte, wuchs der Mensch damals zusammen. Damals wurde nicht so viel spintisiert, wie es heute geschieht und geschehen muss, denn das ist die Aufgabe der fünften nachatlantischen Kulturperiode.
[ 5 ] Damals, im dreizehnten Jahrhundert, mussten ganz besonders geeignete Persönlichkeiten für die Einweihung ausgewählt werden, und diese Einweihung selbst konnte erst geschehen nach Ablauf jener kurzen Zeit der Verfinsterung. Es ist heute noch nicht möglich, den Ort in Europa zu nennen, wo das geschehen ist, was ich jetzt sagen werde. Aber es wird in nicht ferner Zeit auch dieses geschehen können.
[ 6 ] Heute nun soll gesprochen werden über die Morgenröte des neueren Okkultismus. Es handelt sich darum, dass in jener verfinsterten Zeit zwölf Menschen lebten, zwölf hervorragende Geister, die sich vereinigten, um den Menschheitsfortschritt zu fördern. Sie konnten alle nicht unmittelbar hineinschauen in die geistige Welt, aber sie konnten rege machen in sich die Erinnerung an das, was sie durch frühere Einweihung erlebt hatten. Und das Menschheitskarma hat es so gefügt, dass in sieben dieser zwölf Menschen verkörpert war, was den Menschen geblieben war an Resten der alten atlantischen Kultur. In meiner «Geheimwissenschaft» ist es ja schon gesagt, dass in den sieben weisen Lehrern des uralt heiligen Indiens hinübergetragen wurde das, was von der atlantischen Epoche übrig geblieben war. Die sieben Männer, die im dreizehnten Jahrhundert wieder inkarniert waren, die einen Teil der Zwölf bildeten, das waren eben diejenigen, die zurückblicken konnten auf die sieben Strömungen der alten atlantischen Kultur und auf das, was als diese sieben Strömungen weiter fortlebte. Von diesen sieben Individualitäten konnte jeder immer nur eine der Strömungen fruchtbar machen für die damalige und die heutige Zeit. Zu diesen Sieben kamen vier andere, die nicht auf längst verflossene Urzeiten zurückblicken konnten wie die erstgenannten sieben Weisen, sondern diese vier Persönlichkeiten konnten zurückblicken auf das, was die Menschheit sich angeeignet hatte von okkulten Wahrheiten in den vier nachatlantischen Kulturperioden. Es konnte der Erste auf die urindische Zeit zurückblicken, der Zweite auf die urpersische, der Dritte auf die ägyptisch-chaldäisch-babylonisch-assyrische und der Vierte auf die griechisch-lateinische Zeit. Diese vier vereinigten sich mit den sieben zu dem Kollegium der weisen Männer im dreizehnten Jahrhundert. Der Zwölfte hatte gewissermaßen am wenigsten von Erinnerungen, er war der intellektuellste, der besonders die äußeren Wissenschaften zu pflegen hatte. Diese zwölf Individualitäten lebten ja nicht nur weiter in den Erlebnissen des abendländischen Okkultismus, sondern konnten auch sich inkorporieren in Persönlichkeiten, die vom Okkultismus etwas wussten. Eine ganz besondere Art, darauf hinzuweisen, finden wir bei Goethe in seinem Gedicht «Die Geheimnisse».
[ 7 ] Also von zwölf hervorragenden Individualitäten haben wir zu sprechen, und zu diesen kam ein Dreizehnter, der nach der Epoche der Verfinsterung ausgewählt werden sollte, um die in der abendländischen Kultur notwendige Einweihung zu erlangen. Die Umstände sind geheimnisvoll, und ich kann Ihnen das Folgende natürlich nur erzählen, doch für mich ist alles vollkommen objektive Wahrheit. Aber prüfen können Sie es, wenn Sie alles zusammennehmen, was schon von der Theosophie gesagt worden ist im Laufe der letzten Jahre, und dazu das nehmen, was Sie aus der äußeren Geschichte seit dem dreizehnten Jahrhundert wissen.
[ 8 ] Es war nämlich dem Kollegium der zwölf weisen Männer bekannt, dass in dieser Epoche geboren werden sollte ein Kind, das zur Zeit des Christus-Ereignisses in Palästina gelebt hatte und das bei dem Mysterium von Golgatha dabei war. Diese Individualität besaß eine ausgeprägte Herzensbildung, ja eine ganz besonders intime Liebebildung, die sie sich in entsprechenden Verhältnissen seitdem hatte erwerben können. Eine außerordentlich spirituelle Individualität war in diesem Kind verkörpert. Es musste nun etwas geschehen, was niemals wieder in derselben Form geschehen darf. Das Folgende ist nicht etwa ein Musterbeispiel einer Initiation, sondern es stellt etwas ganz ausnahmsweise Geschehenes dar. Dieses Kind musste nämlich herausgenommen werden aus der Umgebung, in die es hineingeboren war, und in die Obhut der zwölf Weisen an einen bestimmten Ort Europas gebracht werden. Nun war aber nicht dasjenige das Wichtigste, was äußerlich vorgenommen wurde von den zwölf Weisen, sondern das eben war das Bedeutungsvolle, dass das Kind in der Umgebung der zwölf Weisen aufwuchs. Dadurch strömten die Weisheiten der zwölf Männer in das Kind ein. Also zum Beispiel hatte einer dieser Zwölf die Marsweisheit in sich, und dadurch hatte jene Seele ein in ganz bestimmter Weise geartetes Leben in sich, eine besondere Seelenstimmung war ihr geworden durch die Marskultur. Diese Marskultur bestand zum Beispiel unter anderem darin, dass die Seele eine gewisse Fähigkeit bekam, mit Begeisterung die okkulten Wissenschaften zu vertreten. Ähnliche planetarische Beeinflussungen geschahen im Hinblick auf die anderen Seelen. Durch das Zusammenklingen der verschiedenen Strömungen, die von den zwölf Weisen ausgingen, wurde die Seele dieses Kindes harmonisch geformt. So wuchs das Kind heran in ständiger Obhut der Zwölfe. Dann kam eine gewisse Zeit: Das Kind war schon Jüngling geworden, nahe der Zwanzigerjahre, und konnte etwas äußern, was wie ein Reflex der zwölf Weisheitsströmungen war. Und das, was sich da äußerte, das war etwas Neues, auch für die zwölf Weisen. Die Umwandlung geschah unter starken organischen Veränderungen. Auch körperlich hat sich das Kind von andern Menschen stark unterschieden. Zeitweilig war es sehr krank, wurde ganz durchsichtig - der Körper des Jünglings wurde wie durchscheinend. Und dann kam cine Zeit, wo die Seele den Körper für einige Tage ganz verließ. Wie tot lag da der Jüngling. Und als die Seele zurückkehrte, hatte sich etwas vollzogen, was wie eine ganz neue Geburt der zwölf Weisheiten war, sodass auch die zwölf Weisen ganz Neues von dem Jüngling lernen konnten. Er konnte nun sprechen von ganz neuen Erlebnissen. Er konnte durch das Mysterium von Golgatha etwas Ähnliches erleben wie Paulus vor Damaskus. Damit war die Möglichkeit gegeben, alle Weltanschauungen, religiöse und wissenschaftliche - und es gibt im Grunde genommen nur zwölf solcher Weltanschauungen - in eine einzige zusammenzufassen, die aus diesen Zwölfen geboren ist. Die Möglichkeit war gegeben, dass die zwölf Weltanschauungen sich zusammenfinden können in einer, die diesen allen gerecht werden kann. Dasjenige, was gelehrt wurde, soll übermorgen zur Sprache kommen. Jetzt aber muss gesagt werden, dass der Jüngling bald darnach starb, sodass er nur ein kurzes Erdendasein hatte. Seine Mission bestand eben darin, denkerisch die zwölf Weisheitsströmungen zusammenzufassen, zu durchleben und das Neue zu schaffen, das er dann den zwölf Weisen hinterlassen konnte, die es verarbeiten sollten. Eine bedeutende Anregung war gegeben worden. Die Individualität, von der dieser Impuls ausgegangen war, führte den Namen Christian Rosenkreutz. Dieselbe Individualität wurde im vierzehnten Jahrhundert wiedergeboren, und dieses Mal dauerte ihr Erdenleben über hundert Jahre. In diesem Erdenleben machte sie auch äußerlich fruchtbar, was sie in jener kurzen Zeit erlebt hatte. Sie bereiste das ganze Abendland und nahezu die ganze damals bekannte Erde, um auf eine neue Weise wieder alle Weisheit aufzunehmen, von der aus im vorangegangenen Leben ihr die Anregung zu dem neuen Impuls gekommen war, der gleichsam wie eine Essenz einträufeln sollte in die ganze Kultur der damaligen Zeit.
[ 9 ] Auch in exoterischer Weise kam dieser neue Einschlag zum Ausdruck. So hat zum Beispiel in Lessings Leben die Inspiration dieser Wesenheit hineingewirkt. Dies kann man allerdings nicht äußerlich nachweisen. Aber die ganze Art des Denkens bei Lessing ist so, dass der, der mit den Dingen vertraut ist, diesen rosenkreuzerischen Impuls wahrnehmen kann. Oder zum Beispiel im neunzehnten Jahrhundert, das doch in so hohem Maße ungeeignet war für solche Ideen wie Karma, Reinkarnation und so weiter, hat dieser Impuls in exoterischer Weise gewirkt. Es ist interessant, dass gerade in jener Zeit, gegen Ende der Vierzigerjahre, eine wissenschaftliche Gesellschaft einen Preis aussetzte für die beste philosophische Arbeit über die Unsterblichkeit der Seele. Unter den eingesandten Arbeiten war auch eine Schrift von Widenmann, die dann den Preis erhielt. Sie trat ein für die Annahme von wiederholten Erdenleben der Seele. Es wurde darin natürlich nicht so von Reinkarnation gesprochen, wie das heute von Theosophen geschieht, aber das Faktum ist interessant, dass damals eine solche Schrift entstand und mit dem Preise ausgezeichnet wurde. Auch andere damalige Psychologen haben sich für wiederholte Erdenleben der Seele ausgesprochen. Also niemals ist ganz abgerissen der Faden des Glaubens an Reinkarnation und Karma. Und auch die ersten Schriften der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, der großen Persönlichkeit H.P. Blavatsky, sind nur erklärlich, wenn man die zugrunde liegende rosenkreuzerische Inspiration erkennt.
[ 10 ] Nun ist es von großer Bedeutung, dass wir wissen, dass jedes Mal, in jedem Jahrhundert, die rosenkreuzerische Inspiration so gegeben wird, dass niemals der Träger der Inspiration äußerlich bezeichnet wird. Nur die höchsten Eingeweihten wussten es. Heute zum Beispiel kann äußerlich nur von solchen Geschehnissen gesprochen werden, welche hundert Jahre zurückliegen. Denn dies ist die Zeitspanne, die nach den Ereignissen jeweils verflossen sein muss, bevor davon äußerlich gesprochen werden darf. Die Versuchung ist zu groß für die Menschen, einer solchen ins Persönliche gezogenen Autorität fanatische Heiligenverehrung entgegenzubringen, was das Schlimmste ist, das es gibt. Es liegt diese Gefahr eben zu nahe. Es ist die Verschwiegenheit aber nicht nur eine Notwendigkeit gegen die äußeren Anfechtungen des Ehrgeizes und Hochmutes, deren man sich ja vielleicht noch erwehren könnte, sondern vor allem gegen die okkulten astralen Attacken, die fortwährend gegen eine solche Individualität gerichtet sein würden. Deshalb also die Bedingung, dass erst hundert Jahre nach einem solchen Faktum davon gesprochen werden darf. Nach und nach soll durch solche Betrachtungen eine Vorstellung herausgearbeitet werden, dass der Schwerpunkt der geschichtlichen Entwicklung im Rosenkreuzertum gegeben ist.
[ 11 ] Lassen Sie mich an einem trivialen Vergleich Ihnen zeigen, was mit einem solchen Schwerpunkt gemeint ist. Denken wir uns eine Waage: Sie darf nur oben an dem Balken den einen Stützpunkt haben; hätte sie zwei solche Schwerpunkte, so könnte man nicht wiegen. Für die geschichtliche Entwicklung ist auch ein solcher Schwerpunkt notwendig. Die morgenländische Weltanschauung zum Beispiel, und auch Schopenhauer, geben einen solchen Schwerpunkt nicht zu, erkennen überhaupt eine geschichtliche Entwicklung in dem Sinne nicht an. Aber es ist die Aufgabe der abendländischen Menschheit, Geschichte anzuerkennen. Und das Rosenkreuzertum hat die Mission, eine solche Auffassung herauszuarbeiten, die einen Schwerpunkt im geschichtlichen Werden zugibt. Und nun ist es ganz gleichgültig für das, was jetzt gesagt werden soll, welchem Bekenntnisse man angehört. Denn aus der Akasha-Chronik heraus lässt sich feststellen, dass der Tag, der den Schwerpunkt innerhalb der Menschheitsentwicklung darstellt, der 3. April des Jahres 33 ist. Das müssen wir als besonders bedeutsam für das Rosenkreuzertum ansehen, dass hier der Schwerpunkt der Entwicklung der Menschen liegt.
[ 12 ] Was ist nun damals eigentlich geschehen? In jener Zeit geschah das, was man nennen kann: die Krisis der Dämonenwelt. Was ist das? Wir wissen, dass in früheren Zeiten die Menschen ein primitives Hellsehen besaßen. Das wurde dann immer schwächer und schwächer, bis es nahe zum Verlöschen kam. Die Sache ist nämlich so, dass die Menschen bis zu jenem Zeitpunkt hauptsächlich im Astralleibe lebten mit ihrem Bewusstsein und nicht so sehr im Ich. Die Krisis wurde nun dadurch herbeigeführt, dass das alte Hellsehen sich immer mchr verdunkelt hatte. Daher konnte der Mensch nur noch in den untersten Regionen der geistigen Welt wahrnehmen. Das Ich lebte noch im Astralen; aber die Mächte, die das Ich wahrnehmen konnte, waren immer schlechter und schlechter, immer unreinlicher und unreinlicher geworden. Der Mensch hatte nicht mehr einen Blick auf die guten Mächte, sondern er sah bei seinem Ausblick ins Astralische nur noch diese bösartigen Wesenheiten. Die Heilung sollte kommen durch die Ich-Kultur. Der Anfang davon war das, was in der Johannestaufe im Jordan sich abspielte. Was erlebte ein solcher Mensch, der sich taufen ließ? Zuerst erlebte er die physische Prozedur des Untergetauchtwerdens in das Wasser und damit das Getrenntwerden des astralischen und Ätherleibes vom physischen Leibe. Dadurch konnte der Mensch sehen, wie eine Krisis in der Dämonenwelt ausbrechen musste. Und die Täuflinge sagten sich: Wir müssen unsern Sinn ändern! Die Zeit muss kommen, wo der Geist unmittelbar ins Ich-Bewusstsein eindringen kann. Ein solcher Mensch fühlte: Oh, sie stecken noch alle in mir, diese grässlichen astralischen Wesen, sie dringen fortwährend in mich hinein.
[ 13 ] Es musste etwas kommen, was über das Astralische hinausgeht, und das ist das Ich. Durch das Ich wird es möglich sein, dass sich rein menschliche Gemeinschaften bilden aus der Freiheit der Seele heraus, die nicht mehr an Blutsbande geknüpft sind. Stellen Sie sich nun einen solchen Menschen vor, besessen von Dämonen schlimmster Art, die wissen, dass eine Krisis für sie bevorsteht. Denken Sie sich, dass diesem Menschen eine Wesenheit gegenübertritt, die gerade die Mission hat, den Dämonen entgegenzuarbeiten. Wie müssen diese sich fühlen? Unbehaglich im höchsten Grade müssen sie sich fühlen! Unbehaglich fühlten sich die Dämonen dem Christus Jesus gegenüber.
[ 14 ] Das Rosenkreuzertum hat in sich die Impulse, die entgegengestellt werden sollen den Dämonen. Das Ich soll durch diese Impulse wieder heraufgehoben werden. Nur ist es mit dieser Heraufhebung des Ich noch nicht weit gekommen.
[ 15 ] Zurückkommend auf den Ausgangspunkt unserer Betrachtung kann uns klar werden, wie natürlich es ist, dass wir Theosophen es schwerer haben müssen, uns in der Welt durchzusetzen, als irgendwelche andere. Die Theosophen werden verfolgt wie keine anderen Anhänger irgendeiner Weltanschauung. Denn nichts ist den Menschen unangenehmer, als wenn ihnen die wahre Gestalt des Christus geschildert wird. Aber unsere Gesinnung beruht auf den Ergebnissen echt okkult-wissenschaftlicher Forschung, und an dieser Gesinnung muss mit allen Kräften festgehalten werden.
