From Jesus to Christ
GA 131
8 October 1911, Karlsruhe
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From Jesus to Christ, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Wenn Sie sich erinnern, womit wir gestern unsere Betrachtung geschlossen haben, so können Sie das Resultat dieser Betrachtung vielleicht in die Worte zusammenfassen: von den Ereignissen in Palästina, von dem Mysterium von Golgatha an bis zum Anbruch derjenigen Epoche, die ja genügend charakterisiert worden ist und an deren Eingangstor wir gewissermaßen in unserem Zeitalter stehen, war das Christus-Ereignis ein solches, daß der Mensch exoterisch auf verschiedenen Wegen zu einer Art von Erleben des Christus-Impulses kommen konnte, — einem Erleben vor der eigentlichen Initiation. Wir haben gesagt, der eine dieser exoterischen Wege sei der durch die Evangelien, durch das Neue Testament. Denn wir können ja aus alledem, was gesagt worden ist, entnehmen, daß der Inhalt der Evangelien, wenn wir ihn in entsprechender Weise in unsere Seele aufnehmen und auf uns wirken lassen, tatsächlich für jeden einzelnen ein inneres Erlebnis zutage fördert. Und dieses innere Erlebnis kann eben als das Christus-Erlebnis bezeichnet werden. Wir haben dann gesagt, daß der andere Weg für den Exoteriker der war, einzugehen auf das, was der Esoteriker, der in gewissem Sinne Initiierte, aus den geistigen Welten verkünden konnte, so daß auch der noch vor der Pforte der Einweihung Stehende, nicht durch das überlieferte Evangelium, sondern durch die fortdauernden Offenbarungen aus den geistigen Welten, zu dem Christus-Ereignis kommen konnte. Dann haben wir gestern den dritten Weg genannt, den der innerlichen Gemütsvertiefung, und haben darauf hingewiesen, daß dieser Weg in unserer Seele ausgehen muß von den Empfindungen, wie der Mensch, wenn er in seinem Innern nur den göttlichen Funken empfindet, zu Stolz und Hochmut getrieben werden kann, und wie er auf der andern Seite, wenn er sich des Zusammenhanges mit dem Gotte nicht bewußt wird, dadurch zur Verzweiflung getrieben werden kann. Und wir haben dann gesehen, wie in der Tat das Wanken zwischen der Verzweiflung auf der einen Seite, und Stolz und Hochmut auf der andern Seite, seit den Ereignissen in Palästina, im Hinblick darauf, das Christus-Ereignis in uns geboren werden läßt. Darauf ist auch hingewiesen worden, wie das alles in den nächsten drei Jahrtausenden von dem Beginn unseres Zeitalters an für die Menschheitsentwickelung anders werden wird. Und wir haben auf das bedeutsame Ereignis, das ein Nachfolger des Mysteriums von Golgatha ist, hingewiesen, das aber nur in den übersinnlichen Welten zu schauen sein wird. Wir haben aber auch darauf hingewiesen, daß die Fähigkeiten der Menschen erhöht werden, und daß von unserem Zeitalter angefangen eine genügend große Anzahl von Menschen heranwachsen wird, um den Christus zu schauen, so daß, was bisher als Glaube in berechtigter Weise in der Welt existiert hat, abgelöst werden wird von dem, was man das Schauen des Christus nennen kann.
[ 1 ] If you recall how we concluded our discussion yesterday, you might be able to summarize the outcome of that discussion in the following words: From the events in Palestine, from the Mystery of Golgotha onward to the dawn of that epoch—which has been sufficiently characterized and at whose threshold we stand, so to speak, in our own age—the Christ event was such that human beings could, exoterically, arrive at a kind of experience of the Christ impulse through various paths—an experience prior to actual initiation. We have said that one of these exoteric paths is that through the Gospels, through the New Testament. For we can indeed gather from all that has been said that the content of the Gospels, when we take it into our souls in the appropriate way and allow it to work upon us, actually brings forth an inner experience for each individual. And this inner experience can indeed be described as the Christ experience. We then said that the other path for the exotericist was to respond to what the esotericist—who is, in a certain sense, an initiate—could proclaim from the spiritual worlds, so that even those still standing at the threshold of initiation could come to the Christ event, not through the traditional Gospel, but through the ongoing revelations from the spiritual worlds. Then yesterday we mentioned the third path, that of inner spiritual deepening, and pointed out that this path must begin in our soul with the realization of how a person, when they perceive only the divine spark within themselves, can be driven to pride and arrogance, and how, on the other hand, if they do not become aware of their connection with God, can thereby be driven to despair. And we then saw how, in fact, the wavering between despair on the one hand, and pride and arrogance on the other, since the events in Palestine, has been aimed at allowing the Christ event to be born within us. It has also been pointed out how all this will change for human development over the next three millennia, beginning with our era. And we have pointed to the significant event that is a successor to the Mystery of Golgotha, but which will be visible only in the supersensible worlds. We have also pointed out, however, that human capacities will be elevated, and that beginning with our era, a sufficiently large number of people will grow up to behold the Christ, so that what has hitherto rightly existed in the world as faith will be superseded by what may be called the beholding of the Christ.
[ 2 ] Nun wird es unsere Aufgabe sein, im Verlaufe der Vorträge weiter zu charakterisieren, wie aus der gewöhnlichen Art des ChristusErlebnisses als einem Gemüts-Erlebnis, sich ganz sachgemäß der Weg eröffnet zu dem, was man die christliche Initiation, die christliche Einweihung nennen kann. Wir werden nun in den nächsten 'Tagen ' genauer zu sprechen haben von der Ausgestaltung der christlichen Einweihung, wie wir auch die Aufgabe haben werden, die Natur des Christus-Ereignisses näher zu charakterisieren. Es soll uns also ein Bild der christlichen Einweihung, wie des Christus-Ereignisses von der Johannes-Taufe bis zur Vollbringung des Mysterium von Golgatha, in diesen Tagen vor die Seele treten.
[ 2 ] It will now be our task, in the course of these lectures, to further describe how the ordinary form of the Christ experience—as an emotional experience—properly opens the way to what can be called Christian initiation. In the coming ‘days,’ we will speak more specifically about the form of Christian initiation, just as we will also have the task of characterizing the nature of the Christ event in greater detail. Thus, a picture of Christian initiation—as well as of the Christ event from the baptism of John to the fulfillment of the Mystery of Golgotha—is to come before our souls in these days.
[ 3 ] Wenn Sie das Résumé der bisherigen Betrachtungen ins Auge fassen, kann Ihnen die Frage entstehen, und sie ist ganz berechtigt: Wie steht es denn eigentlich nun mit dem Verhältnis des äußeren Christentums, der christlichen Entwickelung, wie sie in der Weltgeschichte zutage tritt, zu dem Christus-Ereignis selber? Jedem Menschen, der mit seinem Bewußtsein in der Gegenwart steht, der nicht irgendwelche besonderen Gefühlserlebnisse mystischer Art durchgemacht hat oder vielleicht die Anfangsstadien der Esoterik hinter sich hat, muß es ja merkwürdig erscheinen, daß eine ganz bestimmte Art seelischen Erlebens bei jedem Menschen so abhängig sein soll von einer historischen Tatsache, von den Ereignissen in Palästina, auf Golgatha, und daß vorher für diese Seele des Menschen etwas nicht möglich war, was nachher durch diese Ereignisse möglich geworden sein soll, nämlich das innere Christus-Erlebnis.
[ 3 ] If you consider the summary of our reflections so far, a question may arise—and it is entirely justified: What, then, is the actual relationship between external Christianity—that is, Christian development as it manifests itself in world history—and the Christ event itself? To anyone living in the present with a clear consciousness—who has not undergone any particular mystical experiences or perhaps completed the initial stages of esotericism—it must surely seem strange that a very specific kind of spiritual experience in every human being should be so dependent on a historical fact, on the events in Palestine, on Golgotha, and that something was previously impossible for the human soul which is said to have become possible afterwards through these events, namely the inner experience of Christ.
[ 4 ] Von dieser Tatsache hatten die Anführer der ersten Christen und auch die ersten Christen selbst ein sehr deutliches Bewußtsein, und es wird zur Vorbereitung für die nächsten Tage ganz gut sein, wenn wir heute auch ein wenig darauf hinweisen, wie es ausgesehen hat in den Gemütern der ersten Christen.
[ 4 ] The leaders of the early Christians, as well as the early Christians themselves, were very clearly aware of this fact, and in preparation for the coming days, it would be quite helpful if we were to touch briefly today on what was going on in the minds of the early Christians.
[ 5 ] Man könnte sehr leicht glauben, was ja später immer mehr und mehr zu einer Art von orthodoxer, sehr einseitiger Anschauung geworden ist, daß die Menschen der vorchristlichen Zeit radikal verschieden waren von denen der nachchristlichen Zeit. Daß diese Anschauung eine einseitige ist, können Sie schon aus den Worten des Augustinus entnehmen: «Was man gegenwärtig die christliche Religion nennt, bestand schon bei den Alten und fehlte nicht in den Anfängen des Menschengeschlechtes; und als Christus im Fleische erschien, erhielt die wahre Religion, die schon vorher vorhanden war, den Namen der christlichen.» Man war sich also zur Zeit des Augustinus wohl dessen bewußt, daß nicht ein solcher radikaler Unterschied zwischen den vorchristlichen und den nachchristlichen Zeiten besteht, wie Orthodoxie und Zelotismus es annehmen. Auch Justinus der Märtyrer hat eine ganz merkwürdige Ausführung in seinen Schriften. Justinus, der ja auch von der Kirche anerkannt ist als Märtyrer und Kirchenvater, er ergeht sich über das Verhältnis des Sokrates und des Heraklit zu dem Christus. Justinus sieht wirklich noch in einer gewissen Reinheit das in dem Christus, was wir gestern dargestellt haben in dem Verhältnis des Christus zu dem Jesus von Nazareth und er führt auch seine Idee von der Christus-Wesenheit demgemäß aus. Er sagt im Sinne seiner Zeit, was wir ja auch heute noch mit denselben Worten wiederholen können: Der Christus oder der Logos war in dem Menschen Jesus von Nazareth verkörpert. Nun fragt er sich: Ja, war der Logos in den ausgezeichneten Persönlichkeiten der vorchristlichen Zeit nicht vorhanden, war der Mensch in der vorchristlichen Zeit dem Logos ganz fremd? Diese Frage beantwortet Justinus der Märtyrer mit «Nein». Das ist keineswegs so, meint er; Sokrates und Heraklit waren auch Menschen, in denen der Logos gelebt hat. Nur haben sie ihn nicht ganz besessen; und durch das Christus-Ereignis ist es möglich geworden, daß der Mensch den Logos ganz in sich erlebt, in seiner ursprünglichen vollendeten Gestalt.
[ 5 ] It would be very easy to believe—and indeed this view later became more and more of a kind of orthodox, very one-sided perspective—that people in pre-Christian times were radically different from those in post-Christian times. That this view is one-sided can already be seen from the words of Augustine: “What is now called the Christian religion already existed among the ancients and was not absent in the beginnings of the human race; and when Christ appeared in the flesh, the true religion, which had already existed, received the name of Christian.” People were thus well aware in Augustine’s time that there is not such a radical difference between pre-Christian and post-Christian times as Orthodoxy and Zealotism assume. Justin the Martyr also makes a quite remarkable statement in his writings. Justin, who is indeed recognized by the Church as a martyr and Church Father, reflects on the relationship of Socrates and Heraclitus to Christ. Justin truly still perceives, in a certain purity, in Christ what we described yesterday regarding the relationship of Christ to Jesus of Nazareth, and he also elaborates his idea of the Christ-essence accordingly. He says, in the spirit of his time, what we can still repeat today in the same words: Christ or the Logos was incarnated in the man Jesus of Nazareth. Now he asks himself: Was the Logos not present in the outstanding personalities of pre-Christian times? Was humanity in pre-Christian times entirely alien to the Logos? Justin the Martyr answers this question with “No.” That is by no means the case, he says; Socrates and Heraclitus were also human beings in whom the Logos lived. Only they did not possess it fully; and through the Christ event, it has become possible for human beings to experience the Logos fully within themselves, in its original, perfected form.
[ 6 ] Aus einer solchen Stelle einer durchaus als Kirchenvater anerkannten Persönlichkeit entnehmen wir erstens, daß die ersten Christen bekannt waren mit dem, was immer da war, wie Augustinus sagt, und was nur in einer erhöhteren Gestalt durch das Mysterium von Golgatha in die Erdentwickelung eingezogen ist. Das andere ist eine Antwort aus den ersten christlichen Jahrhunderten auf die Frage, die wir selbst heute aufwerfen mußten. Auch die Menschen, die noch nahe standen dem Ereignisse von Golgatha wie Justinus der Märtyrer, die auch viel mehr noch wußten über die Natur jener Menschen, die nur wenige Jahrhunderte von ihnen entfernt waren wie Heraklit und Sokrates, solche Menschen dachten in der damaligen Zeit: wenn auch ein ausgezeichneter Mensch wie Sokrates gelebt hat, so hat er, trotzdem er den Logos in sich erlebte, ihn doch nicht ganz in sich erleben können, nicht vollständig in seiner intensivsten Gestalt. Und das ist wichtig. Das ist sozusagen ein Zeugnis aus der früheren Zeit dafür, wie man empfunden hat, daß wirklich, sehen wir selbst ab von dem Ereignis von Golgatha, zwischen den vorchristlichen und den nachchristlichen Jahrhunderten etwas liegt, wodurch sich die vorchristlichen Menschen von den nachchristlichen unterscheiden. Und es ist auch gewissermaßen, andere Dinge würden uns zahlreiche Beweise dafür liefern können, im Bewußtsein der früheren Jahrhunderte historisch nachzuweisen, daß man sich sagte: Die menschliche Natur hat sich eben verändert, hat eine andere Beschaffenheit angenommen. Es war einfach so, daß wenn man im dritten nachchristlichen Jahrhundert lebte und man zurückblickte auf die Menschen des dritten Jahrhunderts der vorchristlichen Zeit, man sich sagen konnte: Wenn sie noch so tief in ihrer Art in die Geheimnisse des Daseins eindringen konnten — was in den nachchristlichen Menschen vorgehen kann, das konnte in ihnen nicht vorgehen! Was also Johannes der Täufer sagte: Andert eure Anschauung von der Welt, eure Auffassung von der Welt, denn die Zeiten sind andere geworden!, und was die Geheimwissenschaft bestätigt, das ist auch in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten stark und intensiv vorhanden gewesen. Das müssen wir ganz besonders deutlich erfassen, daß, wenn man die Menschheitsentwickelung verstehen will, man ablassen muß von der ganz falschen Meinung, daß der Mensch immer so gewesen ist, wie er heute ist. Denn abgesehen davon, daß man in bezug auf die Reinkarnation keinen Sinn damit verbinden könnte, muß man doch aus allem, was uns überliefert ist, und was uns die Geheimwissenschaft zeigt, sich sagen, daß die Menschen der früheren Zeiten das, was heute nur im Unterbewußtsein ist, nämlich ein gewisses Hellsehen, wirklich besessen haben; daß sie dann von dieser Höhe des Hellsehens herabgestiegen sind, und daß der tiefste Punkt in dieser Herabentwickelung, wo sie diejenigen Kräfte entwickelten, welche die alten Hellseherkräfte zudeckten, in der Zeit liegt, in welcher das Mysterium von Golgatha stattfand.
[ 6 ] From such a passage by a figure widely recognized as a Church Father, we learn, first of all, that the early Christians were familiar with what has always existed, as Augustine says, and which was introduced into the development of the Earth only in a higher form through the Mystery of Golgotha. The other is an answer from the early Christian centuries to the question we ourselves had to raise today. Even people who were still close to the events of Golgotha, such as Justin the Martyr, who also knew much more about the nature of those people who were only a few centuries removed from them—such as Heraclitus and Socrates—such people thought at that time: even though an outstanding person like Socrates lived, he—despite having experienced the Logos within himself—was nevertheless unable to experience it fully within himself, not completely in its most intense form. And that is important. This is, so to speak, a testimony from earlier times to how people felt that, even if we set aside the event of Golgotha, there lies something between the pre-Christian and post-Christian centuries that distinguishes pre-Christian people from post-Christian ones. And it is also, in a sense—other things could provide us with numerous proofs of this—possible to demonstrate historically, in the consciousness of earlier centuries, that people said to themselves: Human nature has simply changed; it has taken on a different character. It was simply the case that if one lived in the third century A.D. and looked back at the people of the third century B.C., one could say to oneself: “No matter how deeply they were able to penetrate the mysteries of existence in their own way—what can take place in people of the post-Christian era could not take place in them!” So what John the Baptist said: Change your view of the world, your conception of the world, for times have changed!, and what esoteric science confirms was also strongly and intensely present in the first centuries after Christ. We must grasp this very clearly: if one wishes to understand human development, one must abandon the entirely false notion that human beings have always been as they are today. For apart from the fact that one could not attribute any meaning to this in relation to reincarnation, one must nevertheless conclude from all that has been handed down to us and from what esoteric science reveals that the people of earlier times truly possessed what today exists only in the subconscious, namely a certain clairvoyance; that they subsequently descended from this height of clairvoyance, and that the lowest point in this downward development—where they developed the forces that obscured the ancient clairvoyant powers—lies in the time when the Mystery of Golgotha took place.
[ 7 ] Auf materiellem Gebiete glauben ja die Menschen, daß durch eine äußerst geringe Menge einer Substanz eine große Menge Flüssigkeit beeinflußt werden kann. Wenn Sie zum Beispiel einen Tropfen einer bestimmten Substanz in eine gewisse Flüssigkeit hineinversetzen, so verbreitet er sich innerhalb der Materie dieser Flüssigkeit und färbt die ganze Flüssigkeit. Das wird auf materiellem Gebiete jeder einsehen. Es ist aber unmöglich, das geistige Leben zu verstehen, wenn man dasselbe, was man so leicht auf materiellem Gebiet einsehen kann, nicht einsieht auf geistigem Gebiete. Unsere Erde ist nicht bloß der materielle Körper, als den sie unsere Augen sehen, sondern unsere Erde hat eine geistige Hülle. Wie wir selbst einen Ätherleib und einen Astralleib haben, so hat auch unsere Erde solche höheren Leiber. Und wie sich eine kleine Menge Substanz ausdehnt in einer Flüssigkeit, so dehnte sich das, was geistig ausstrahlte von der Tat auf Golgatha, in die geistige Atmosphäre der Erde aus, durchdrang sie und ist seit jener Zeit darinnen. Es ist also seit jener Zeit unserer Erde etwas mitgeteilt, was sie früher nicht hatte. Und da die Seelen nicht bloß überall umschlossen von dem Materiellen leben, sondern da Seelen wie Tropfen sind, die im Meere des irdisch Geistigen leben, so sind eben die Menschen seit jener Zeit eingebettet in die geistige Atmosphäre unserer Erde, die durchdrungen ist von dem Christus-Impuls. Das war vor dem Mysterium von Golgatha nicht der Fall; und das ist der große Unterschied zwischen dem vorchristlichen und dem nachchristlichen Leben. Wenn man sich nicht vorstellen kann, daß so etwas im geistigen Leben stattfindet, dann ist man noch nicht so weit, das Christentum wirklich als eine mystische Tatsache aufzufassen, deren volle Bedeutung nur in der geistigen Welt erkannt und anerkannt werden kann.
[ 7 ] In the material realm, people believe that an extremely small amount of a substance can affect a large volume of liquid. For example, if you add a drop of a certain substance to a particular liquid, it spreads throughout the substance of that liquid and colors the entire liquid. Everyone can understand this in the material realm. However, it is impossible to understand spiritual life if one fails to grasp in the spiritual realm what is so easily understood in the material realm. Our Earth is not merely the material body that our eyes see, but our Earth also has a spiritual envelope. Just as we ourselves have an etheric body and an astral body, so too does our Earth have such higher bodies. And just as a small amount of substance expands in a liquid, so did that which radiated spiritually from the event on Golgotha expand into the spiritual atmosphere of the Earth, permeate it, and has been within it ever since. So since that time, something has been imparted to our Earth that it did not have before. And since souls do not merely live everywhere surrounded by the material, but since souls are like drops living in the sea of the earthly spiritual, human beings have been embedded since that time in the spiritual atmosphere of our Earth, which is permeated by the Christ impulse. This was not the case before the Mystery of Golgotha; and this is the great difference between pre-Christian and post-Christian life. If one cannot imagine that such a thing takes place in spiritual life, then one is not yet ready to truly grasp Christianity as a mystical fact, the full significance of which can only be recognized and acknowledged in the spiritual world.
[ 8 ] Wer zurückgeht auf die in einer gewissen Beziehung ja unerquicklichen Streitigkeiten über das Wesen und die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth und über das Wesen und die Individualität des Christus, der wird aber doch in den profan gnostischen und mystischen Anschauungen der ersten christlichen Jahrhunderte überall durchfühlen können, wie die Besten, die dazumal für die Verbreitung des Christentums sorgten, tatsächlich mit scheuer Ehrfurcht vor dieser mystischen Tatsache des Christentums standen. Und gerade bei den ersten christlichen Lehrern, wenn sie auch in ihren Worten und Sätzen manchmal recht abstrakt sind, ist doch deutlich zu bemerken, wie sie in scheuer Ehrfurcht vor alledem dastehen, was eigentlich durch das Christentum für die Weltentwickelung geschehen ist. Wie sie sich in einer gewissen Weise immer wieder und wieder sagen: Eigentlich ist doch der schwache menschliche Verstand, sind die schwachen menschlichen Gefühls- und Empfindungskräfte nicht hinreichend, um das ungeheuer Bedeutungsvolle und Tiefe dessen, was mit dem Mysterium von Golgatha geschehen ist, wirklich auszudrücken. — Dieses Unvermögen, die höchsten Wahrheiten, an die man rühren muß, wirklich auszudrücken, das ist es, was wie ein Zauberhauch durch die ersten christlichen Lehren geht. Und das ist es, was durch die Lektüre solcher Schriften eine gute Lehre einem selbst werden kann, auch in unserer Zeit. Man kann da lernen, in bezug auf die höchsten Wahrheiten eine gewisse Bescheidenheit zu pflegen, und man kommt dann dazu sich zu sagen, wenn man die nötige Demut und Bescheidenheit in unserer Zeit gegenüber dem hat, was ja an der Pforte einer neuen christlichen Epoche mehr zu erkennen ist als in den ersten christlichen Jahrhunderten: Gewiß, es wird mehr zu erkennen möglich sein, aber keiner, der es wagen will, heute über die Mysterien des Christentums zu sprechen, sollte unbewußt bleiben über die Tatsache, daß das, was wir heute zu sagen vermögen über die tiefsten Wahrheiten der Menschheitsentwickelung, in verhältnismäßig kurzer Zeit schon unvollkommen sein wird. Und weil wir nach und nach übergehen wollen zu einer tieferen Charakteristik des Christentums, so ist es notwendig, schon heute hervorzuheben, wie sich der Mensch in seinem Innern gegenüber der geistigen Welt zu benehmen hat, wenn er die Wahrheiten, die seit dem neunzehnten und dem Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts uns zuströmen können, in sich aufnimmt oder gar verbreiten will.
[ 8 ] Anyone who looks back at the, in a certain sense, rather unedifying disputes regarding the nature and personality of Jesus of Nazareth and the nature and individuality of Christ will nevertheless be able to sense throughout the profane Gnostic and mystical views of the early Christian centuries how the best among those who at that time worked to spread Christianity actually stood in timid reverence before this mystical fact of Christianity. And especially in the case of the early Christian teachers, even if their words and phrases are sometimes quite abstract, one can clearly perceive how they stand in timid reverence before all that Christianity has actually accomplished for the development of the world. How they, in a certain way, say to themselves again and again: Actually, the weak human intellect, the weak human powers of feeling and perception, are not sufficient to truly express the immense significance and depth of what happened with the Mystery of Golgotha. — This inability to truly express the highest truths that one must touch upon—that is what runs like a magical breath through the early Christian teachings. And that is what can become a valuable lesson for oneself through reading such writings, even in our time. One can learn there to cultivate a certain modesty with regard to the highest truths, and one then comes to say to oneself, if one possesses the necessary humility and modesty in our time toward what is, after all, more recognizable at the threshold of a new Christian epoch than it was in the first Christian centuries: Certainly, it will be possible to recognize more, but no one who dares to speak today about the mysteries of Christianity should remain unaware of the fact that what we are able to say today about the deepest truths of human development will already be incomplete in a relatively short time. And because we wish to gradually move on to a deeper characterization of Christianity, it is necessary to emphasize even today how a person must conduct themselves inwardly toward the spiritual world if they wish to absorb or even disseminate the truths that have been flowing to us since the nineteenth and early twentieth centuries.
[ 9 ] Da ist es notwendig, daß, wenn man auch nicht viel redet über den Begriff der Gnade, man ihn praktisch aber sehr übt. Und jeder Okkultist ist sich heute darüber klar, daß dieser Begriff der Gnade zu seiner inneren Lebenspraxis in einem ganz besonderen Grade gehören muß. Wie ist das gemeint?
[ 9 ] It is therefore necessary that, even if one does not speak much about the concept of grace, one should nevertheless put it into practice to a great extent. And every occultist today is aware that this concept of grace must be an integral part of their inner spiritual practice to a very special degree. What is meant by this?
[ 10 ] Das ist so gemeint, daß man heute, ganz unabhängig von den Evangelien und jeder Überlieferung, über die tiefsten Wahrheiten, insofern sie mit dem Christentum zusammenhängen, forschen kann. Daß aber alles, was mit einer gewissen Erkenntnisbegierde verbunden ist, mit einer Sucht, so schnell als möglich zu einer gewissen Summe von Begriffen zu kommen, daß alles das, wenn auch nicht in vollständigen Irrtum, so doch ganz sicher in eine Entstellung der Wahrheit hineinführen wird. Wer sich also sagen würde: Ich muß, da ich doch einmal okkultistisch vorbereitet bin, mir Aufklärung verschaffen, wie zum Beispiel die Paulus-Briefe oder das Matthäus-Evangelium in ihrem Inhalt zu erkennen sind, — wer das unternehmen wollte und glauben würde, er könne in einem gewissen Zeitpunkt damit fertig werden, der wird sich ganz gewiß täuschen. Man kann diese Dokumente ja menschlich durchdringen, aber alles was gewußt werden kann, das kann heute nicht bekannt werden. Denn da gibt es ein goldenes Wort gerade für den okkult Forschenden: Geduld haben und warten, bis nicht wir die Wahrheiten erfassen wollen durch uns, sondern bis sie zu uns kommen. So wird denn mancher an die Paulus-Briefe herantreten können und wird sich bereit fühlen, dieses oder jenes zu erkennen, weil es ihm in der geistigen Welt durch sein geöffnetes Auge hereinfällt; würde er aber eine andere Stelle, vielleicht daneben, in demselben Zeitpunkt gleich ergreifen wollen, so würde er es nicht können. Diese Begierde des Erkennens zu unterdrücken, ist notwendig für die heutige Zeit. Man soll sich vielmehr sagen: Die Gnade hat mir eine gewisse Anzahl von Wahrheiten gebracht, und ich werde geduldig warten, bis weitere Wahrheiten mir zuströmen. Es ist heute wirklich ein gewisses passives Verhalten gegenüber den Wahrheiten mehr notwendig als vielleicht vor zwanzig Jahren. Das ist aber nötig, weil unsere Geistsinne erst ganz heranreifen müssen, um die Wahrheiten in ihrer richtigen Gestalt in uns hereinzulassen. Das ist eine praktische Lehre in bezug auf die Erforschung der geistigen Welten, besonders in ihrem Verhältnis zu dem Christus-Ereignis. Es ist grundfalsch, wenn die Menschen glauben, ergreifen zu können, was ihnen in einer gewissen passiven Weise zuströmen soll. Denn dessen müssen wir uns bewußt sein, daß wir das, was wir sein sollen, doch nur sein können, insofern wir von den geistigen Mächten gewürdigt werden, dies oder jenes zu sein. Und alles, was wir tun können an Meditationen, Kontemplationen und so weiter, ist im Grunde genommen nur dazu da, um unsere Augen zu öffnen, nicht, um die Wahrheiten zu ergreifen, die zu uns kommen müssen, denen wir nicht nachlaufen dürfen.
[ 10 ] What is meant by this is that today, quite independently of the Gospels and any tradition, one can investigate the deepest truths, insofar as they are connected with Christianity. But that everything connected with a certain thirst for knowledge, with an addiction to arriving as quickly as possible at a certain set of concepts—that all of this, even if not leading to complete error, will certainly lead to a distortion of the truth. So anyone who were to say to themselves: Since I am, after all, occultistically prepared, I must seek to understand, for example, how the letters of Paul or the Gospel of Matthew are to be interpreted in their content—anyone who were to undertake this and believe they could complete it at some point in time would certainly be mistaken. One can indeed penetrate these documents on a human level, but everything that can be known cannot be known today. For there is a golden rule especially for the occult researcher: to have patience and wait, not until we seek to grasp the truths through ourselves, but until they come to us. Thus, many will be able to approach the Epistles of Paul and will feel ready to recognize this or that, because it falls into view in the spiritual world through their open eye; but if they were to want to grasp another passage, perhaps right next to it, at the very same moment, they would not be able to do so. It is necessary in the present time to suppress this desire for knowledge. Rather, one should say to oneself: Grace has brought me a certain number of truths, and I will wait patiently until further truths flow to me. Today, a certain passive attitude toward the truths is truly more necessary than perhaps twenty years ago. But this is necessary because our spiritual senses must first fully mature in order to allow the truths to enter us in their proper form. This is a practical lesson regarding the exploration of the spiritual worlds, especially in their relation to the Christ event. It is fundamentally wrong for people to believe they can grasp what is meant to flow to them in a certain passive way. For we must be aware that we can only be what we are meant to be to the extent that we are deemed worthy by the spiritual powers to be this or that. And everything we can do in the way of meditation, contemplation, and so on, is essentially there only to open our eyes, not to grasp the truths that must come to us, which we must not chase after.
[ 11 ] Unsere Zeit ist in einer gewissen Weise reif dafür, daß diejenigen, die durch Passivität in ihrer Seelenentwickelung in dem charakterisierten Sinne eine hingebungsvolle Stimmung entwickeln — und mit einer anderen Stimmung kommt man nicht in die geistigen Welten hinein —, das vorhin Gesagte einsehen, das, was heute an die Spitze unserer Ausführungen gestellt ist: daß von der Tat auf Golgatha etwas ausgeflossen ist wie eine geistige Tropfensubstanz. Das einzusehen, sind heute die Seelen reif. Und wir hätten manches, was die neueren Zeiten gebracht haben, nicht, wenn nicht in dieser Art die Seelen heranreifen wollten. Ich brauche da nur auf eines aufmerksam zu machen: Wenn Richard Wagners Seele nicht herangereift wäre in einer gewissen passiven Weise, wenn er das Mysterium von Golgatha, das Herausfließen dessen, was heruntertropfte in die geistige Atmosphäre der Erdenmenschheit, nicht in einer gewissen Weise geahnt hätte, so hätten wir nicht von ihm den «Parsifal» haben können. Man kann es lesen bei Richard Wagner da, wo er über die Bedeutung des Blutes Christi spricht. Und man kann viele solcher Geister in unserer Zeit finden, die uns zeigen, wie das, was in der Atmosphäre schwebt, ergriffen wird von den Seelen, in die es hereindringt.
[ 11 ] In a certain sense, our time is ripe for those who, through passivity in their soul development in the sense described, cultivate a spirit of devotion—and one cannot enter the spiritual worlds with any other spirit—to grasp what was said earlier, that which stands at the forefront of our remarks today: that something flowed forth from the event on Golgotha like a spiritual, drop-like substance. Souls today are ready to grasp this. And we would not have many of the things that recent times have brought about if souls had not sought to mature in this way. I need only draw attention to one thing here: If Richard Wagner’s soul had not matured in a certain passive way, if he had not in a certain way sensed the Mystery of Golgotha, the outflow of that which dripped down into the spiritual atmosphere of humanity on Earth, we would not have been able to have “Parsifal” from him. One can read this in Richard Wagner where he speaks of the significance of the blood of Christ. And one can find many such spirits in our time who show us how that which hovers in the atmosphere is grasped by the souls into which it penetrates.
[ 12 ] Und Geisteswissenschaft ist aus dem Grunde da, weil in der Tat viele Seelen, mehr als sie selbst es wissen, heute die Möglichkeit haben, aus der geistigen Welt solche Einflüsse, wie sie geschildert worden sind, erlangen zu können; aber solche Seelen brauchen eine Erleichterung dazu durch das Verständnis der geistigen Welt. Und im Grunde genommen findet sich niemand mit unreifem Herzen in die Geisteswissenschaft hinein, niemand, der nicht eine mehr oder weniger aufrichtige Sehnsucht hat, etwas von dem zu erkennen, was eben ausgeführt worden ist. Es kann ja sein, daß manche auch durch Neugierde oder dergleichen in die geisteswissenschaftliche Bewegung hineingetrieben werden. Die aber, die mit aufrichtigem Herzen hineingetrieben werden, die fühlen die Sehnsucht, ihre Seele zu öffnen gegenüber dem, was sich, von unserer Zeit angefangen, vorbereitet gegen die künftige Epoche der Menschheitsentwickelung zu. Geisteswissenschaft brauchen heute die Menschen aus dem Grunde, weil die Seelen wieder andere werden, als sie noch vor kurzem waren. So wie die Seelen eine große Umänderung erlitten haben in der Zeit, in die das Ereignis von Golgatha fiel, so werden sie wieder eine große Umänderung erleben in unserem Jahrtausend und in den späteren. Und das Entstehen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft hängt damit zusammen, daß die Seelen, wenn sie sich auch nicht darüber klar bewußt sind, doch das dunkle Gefühl haben, daß so etwas in unserer Zeit vorgeht. Aus diesem Grunde ist das notwendig geworden, womit gerade auf dem Boden anthroposophischer Entwickelung begonnen worden ist: eine gewisse Auseinandersetzung der Grundlagen der Evangelien. Und wenn Sie sich davon überzeugen können durch eine innerlich ehrliche Empfindung, daß etwas Wahres an dem Christus-Ereignis ist, so wie es gestern dargestellt worden ist, so werden Sie begreiflich finden, was geschehen ist bei der Auseinandersetzung der Evangelien: Sie werden nämlich dann verstehen, daß mit unserer anthroposophischen Interpretation der Evangelien etwas getan worden ist, was sich sehr unterscheidet von allen anderen Evangelien-Auslegungen, wie sie in den verflossenen Jahrhunderten bis jetzt gepflogen worden sind. Denn wenn jemand die gedruckt vorliegenden Vortragszyklen in die Hand nimmt oder sich an die Vorträge erinnert, die an die Evangelien anknüpfen, dann wird er sehen, daß überall zurückgegangen wurde auf wahre Bedeutungen, die nicht mehr herauskommen können, wenn man nur den heutigen Evangelientext zugrunde legt.
[ 12 ] And spiritual science exists for the very reason that, in fact, many souls—more than they themselves realize—have the opportunity today to receive from the spiritual world the kinds of influences that have been described; but such souls need guidance in this through an understanding of the spiritual world. And fundamentally, no one with an immature heart finds their way into spiritual science; no one who does not have a more or less sincere longing to recognize something of what has just been described. It may well be that some are driven into the spiritual science movement by curiosity or the like. But those who are drawn in with a sincere heart feel the longing to open their souls to what is being prepared, beginning in our time, for the future epoch of human development. People need spiritual science today because souls are becoming different from what they were just a short time ago. Just as souls underwent a great transformation in the time of the Golgotha event, so will they undergo another great transformation in our millennium and in those to come. And the emergence of anthroposophically oriented spiritual science is connected to the fact that souls, even if they are not clearly conscious of it, nevertheless have a vague sense that something of this nature is taking place in our time. For this reason, what has been initiated specifically on the basis of anthroposophical development has become necessary: a certain examination of the foundations of the Gospels. And if you can convince yourselves through an inner, honest feeling that there is something true about the Christ event, as it was presented yesterday, then you will find it understandable what has happened in the examination of the Gospels: You will then understand that with our anthroposophical interpretation of the Gospels, something has been done that is very different from all other interpretations of the Gospels as they have been practiced over the past centuries up to the present. For if anyone picks up the published lecture series or recalls the lectures that build upon the Gospels, they will see that throughout, we have returned to true meanings that can no longer be brought to light if one relies solely on today’s Gospel text.
[ 13 ] Trivial gesprochen, heißt das nichts anderes als: Aus den heute bestehenden Übersetzungen der Evangelien kann der Mensch nicht mehr zu dem kommen, auf was die Evangelien eigentlich hinweisen wollen; denn sie sind in einer gewissen Weise, so wie sie heute bestehen, nicht mehr durchaus zu brauchen. Was ist denn daher geschehen zu einer Erklärung des Christus-Ereignisses, und was muß geschehen?
[ 13 ] Put simply, this means nothing other than: From the existing translations of the Gospels, people can no longer arrive at what the Gospels actually intend to point to; for, in a certain sense, as they exist today, they are no longer entirely useful. What, then, has been done to explain the Christ event, and what must be done?
[ 14 ] Denen, die sich auf dem Wege der Geisteswissenschaft dem Verständnisse des Christus-Ereignisses nähern, muß klar werden, daß diese Evangelien von Leuten geschrieben worden sind, welche geistig, mit geistigem Auge nach dem Christus-Ereignis hinschauen konnten; die also nicht eine äußerliche Biographie schreiben wollten, sondern die da die alten Einweihungsschriften nahmen — ausführlicher sind diese Zusammenhänge in meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» dargestellt — und darauf hinwiesen, wie das, was in den Tiefen der Mysterien stattgefunden hatte, in dem ChristusEreignis sich auf dem Plan der Geschichte durch den göttlichen Gang der Menschheitsentwickelung zugetragen hat. Was also im kleinen innerhalb der Mysterien geschehen ist mit dem Einzuweihenden, mit dem zu Initiierenden, das ist geschehen mit jener Wesenheit die wir den Christus nennen, ohne das, was für die Menschen als Vorbereitung dazu notwendig war, und ohne die Verborgenheit der Mysterien, auf dem großen Plan der Weltgeschichte. Es hat sich abgespielt vor aller Augen, was nur für die Augen der Mysterienschüler im tiefsten Heiligtum der Mysterien vorher zu erkennen war.
[ 14 ] Those who approach an understanding of the Christ event through spiritual science must realize that these Gospels were written by people who were spiritually able to look upon the Christ event with the spiritual eye; who, therefore, did not wish to write an external biography, but who drew upon the ancient initiation writings—these connections are described in greater detail in my work *Christianity as a Mystical Fact*—and pointed out how what had taken place in the depths of the Mysteries occurred in the Christ event on the plane of history through the divine course of human development. What thus took place on a small scale within the Mysteries with the one to be initiated, with the initiate, that is what took place with that Being we call Christ, without what was necessary for human beings as preparation for it, and without the secrecy of the Mysteries, on the grand stage of world history. What had previously been discernible only to the eyes of the mystery students in the innermost sanctuary of the mysteries has now unfolded before everyone’s eyes.
[ 15 ] Das ist wiederum etwas, was die ersten christlichen Lehrer mit scheuer Ehrfurcht empfunden haben. Wenn sie sich dann hinwandten zu dem, was die Evangelien sein sollten, o, dann entstand in den wahren, in den echten christlichen Lehrern das Gefühl ihrer Unwürdigkeit, um den wahren Kern und Sinn der Evangelien zu erfassen.
[ 15 ] This, too, is something that the early Christian teachers viewed with a sense of awe and reverence. When they then turned their attention to what the Gospels were meant to be, oh, then a sense of unworthiness arose in the true, authentic Christian teachers as they sought to grasp the true essence and meaning of the Gospels.
[ 16 ] Aber dieselbe Tatsache hat auch etwas anderes herbeigeführt, was zusammenhängt mit der Notwendigkeit, heute die Evangelien so zu interpretieren, wie es innerhalb der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft geschieht. Wenn Sie die Evangelienerklärungen verfolgt haben, wie sie hier gepflogen worden sind, so werden Sie bemerkt haben, daß das, was die überlieferten Bücher der Evangelien geben, zunächst nicht zugrunde gelegt worden ist. Denn das, was die überlieferten Evangelienbücher geben, wird zunächst als etwas durchaus Unzuverlässiges hingestellt. Dagegen wird zurückgegriffen durch das Lesen der Akasha-Chronik auf die geistige Schrift, wie sie dargestellt ist von denen, die selber geistig lesen konnten. Und wenn dann auf irgendeine Stelle hingedeutet ist, dann erst wird in der betreffenden Erklärung der Satz der Überlieferung betrachtet, wie er in den Büchern steht; und jetzt wird untersucht, ob und inwiefern er übereinstimmt mit der Gestalt, die aus der AkashaChronik wiederhergestellt werden kann. So muß das MatthäusEvangelium, das Markus-, das Lukas-Evangelium wiederhergestellt werden aus der Akasha-Chronik. Und erst das Abmessen der Überlieferung an den ursprünglichen Gestalten zeigt uns, daß dieses oder jenes so oder so gelesen werden muß; und es muß jede Überlieferung, die sich nur auf den Buchstaben stützen kann, fehlgehen und in Irrtum verfallen. Die Evangelien müssen in Zukunft nicht nur erklärt werden, sondern erst wieder in ihrer wahren, ursprünglichen Gestalt hergestellt werden. Wenn dann jemand den Blick wendet auf das, was da hergestellt wird, dann kann er nicht mehr sagen: das kann nun wahr sein oder nicht wahr sein — denn wenn nun die Übereinstimmung gezeigt wird, so wird dadurch klar, wie uns das Lesen in der Akasha-Chronik erst wieder den richtigen Text der Evangelien gewährleisten kann. Und dann werden die Evangelien wieder ein Beweis dafür, daß das richtig ist, was da dem Buchstaben nach angeführt ist. Das wurde an zahlreichen Stellen bereits gezeigt. Ein Beispiel dafür:
[ 16 ] But this same fact has also brought about something else, which is connected with the necessity today of interpreting the Gospels in the manner practiced within anthroposophically oriented spiritual science. If you have followed the explanations of the Gospels as they have been presented here, you will have noticed that what the traditional Gospel books provide has not been taken as a starting point. For what the traditional Gospel books provide is initially presented as something thoroughly unreliable. Instead, by reading the Akashic Records, we draw upon the spiritual writings as they are presented by those who were themselves able to read spiritually. And only when a specific passage is referred to is the traditional text considered in the relevant explanation, as it appears in the books; and now it is examined whether and to what extent it corresponds to the form that can be reconstructed from the Akashic Records. Thus the Gospel of Matthew, the Gospel of Mark, and the Gospel of Luke must be reconstructed from the Akashic Records. And only by measuring the tradition against the original forms can we see that this or that must be read in such and such a way; and any tradition that can rely only on the letter must go astray and fall into error. In the future, the Gospels must not only be explained, but first restored to their true, original form. When someone then turns their gaze to what has been restored, they can no longer say: this may or may not be true—for once the correspondence is demonstrated, it becomes clear how reading the Akashic Records can once again guarantee us the correct text of the Gospels. And then the Gospels will once again serve as proof that what is stated there to the letter is correct. This has already been demonstrated in numerous places. An example of this:
[ 17 ] Nehmen wir an, bei der Verurteilung des Christus Jesus wurde eine Frage an den Christus Jesus gestellt, zum Beispiel ob er ein König von Gott gesandt sei — oder was immer, und er antwortete dem Fragenden: «Du sagst es!» Nun wird jeder sagen müssen, wenn er ehrlich nachdenkt und nicht nach der Professorenmethode der Gegenwart die Evangelien erklären will: eigentlich kann man mit dieser Antwort des Christus Jesus «Du sagst es!» keinen rechten Sinn verbinden, weder einen Gefühlssinn noch einen Verstandessinn. Denn nehmen wir die Sache von der Gefühlsseite, so müssen wir fragen, warum redet er so unbestimmt, daß man gar nicht erkennen kann, was er damit andeuten will? «Du sagst es!» Will er sagen: «das ist richtig», so hat es gar keinen Sinn; denn die Worte des Fragenden wollen keine Behauptung aussprechen, sondern eine Frage. Wie kann also das eine sinnvolle Antwort sein? Und wenn man die Sache von der Verstandesseite aus nimmt — wie kann man denken, daß der, der da vorgestellt werden muß im Besitze umfassender Weisheit, eine solche Formulierung seiner Antworten wählt? Wenn aber diese Worte so hingestellt werden, wie sie in der Akasha-Chronik stehen, geben sie einen ganz anderen Sinn. Denn in der Akasha-Chronik steht nicht «Du sagst es», sondern dort heißt es: «Dies dürftest nur du als Antwort geben!», das heißt, wenn wir es richtig verstehen: Auf deine Frage müßte ich eine Antwort geben, die niemals der Mensch in bezug auf sich geben darf, sondern die nur der, welcher ihm gegenübersteht, als Antwort geben kann. Ob es wahr ist oder nicht wahr ist, darüber kann ich nicht sprechen; die Anerkennung dieser Wahrheit liegt nicht an mir, sondern an dir. Du mußt es sagen; dann hätte es einzig und allein eine Bedeutung!
[ 17 ] Let us suppose that, at the trial of Christ Jesus, a question was put to him—for example, whether he was a king sent by God, or whatever—and he replied to the questioner: “You say so!” Now, anyone who thinks honestly and does not wish to explain the Gospels according to the modern scholarly method will have to admit: in truth, one cannot attach any real meaning to this answer of Christ Jesus, “You say so!”—neither an emotional meaning nor an intellectual one. For if we approach the matter from the emotional side, we must ask: why does he speak so vaguely that one cannot at all discern what he means by it? “You say it!” If he means to say, “That is correct,” it makes no sense at all; for the questioner’s words are not intended to make a statement, but to pose a question. So how can that be a meaningful answer? And if one approaches the matter from the intellectual side—how can one imagine that the one who is to be presented here as possessing comprehensive wisdom would choose such a formulation for his answers? But if these words are presented as they appear in the Akashic Records, they take on a completely different meaning. For the Akashic Records do not say “You say it,” but rather: “Only you may give this as an answer!” That is to say, if we understand it correctly: To your question, I must give an answer that no human being may ever give regarding themselves, but which only the one standing opposite them can give as an answer. Whether it is true or not, I cannot speak to that; the recognition of this truth does not lie with me, but with you. You must say it; only then would it have any meaning at all!
[ 18 ] Nun können Sie sagen: Das kann wahr sein oder nicht wahr sein. — Gewiß, wenn man abstrakt urteilen will, hätte man recht. Wenn man sich aber die ganze Szene ansieht und sich fragt: Kann ich das, was da steht, besser verstehen, wenn ich die Wiedergabe aus der Akasha-Chronik nehme?, so wird jeder einsehen, daß er diese Szene überhaupt nur so verstehen kann. Und er wird sich dann auch sagen können, daß nur der letzte Hinschreiber oder Übersetzer dieser Stelle die Sache nicht mehr verstanden hatte, weil sie schwierig ist, und daher eine Ungenauigkeit hingeschrieben hat. Und wer da weiß, wie viele Dinge in der Welt ungenau hingeschrieben werden, wird dann gar nicht mehr verwundert sein, daß wir es hier mit einer ungenauen Wiedergabe zu tun haben. Wie sollten wir also kein Recht haben, da, wo eine neue Epoche der Menschheit beginnt, die Evangelien wieder zurückzuführen auf die aus der Akasha-Chronik nachweisbare ursprüngliche Gestalt?
[ 18 ] Now you might say: That may or may not be true. — Certainly, if one were to judge abstractly, one would be right. But if one looks at the whole scene and asks oneself: Can I understand what is written there better if I take the account from the Akashic Records?, then everyone will realize that this is the only way to understand this scene at all. And one will then also be able to conclude that it was only the last scribe or translator of this passage who no longer understood the matter, because it is difficult, and therefore wrote down an inaccuracy. And anyone who knows how many things in the world are written down inaccurately will then no longer be surprised that we are dealing here with an inaccurate rendering. How, then, could we not be justified, at the dawn of a new epoch of humanity, in tracing the Gospels back to their original form, as verifiable in the Akashic Records?
[ 19 ] Wie es mit der ganzen Sache war, zeigt sich deutlich — und das läßt sich sogar äußerlich historisch nachweisen —, wenn wir in dieser Beziehung das Matthäus-Evangelium*) betrachten. Wir brauchen uns dazu nur auf die Geschichte zu besinnen. Sie können das Beste, was über die Entstehung des Matthäus-Evangeliums gesagt ist, schon im dritten Bande der «Geheimlehre» von H. P. Blavatsky lesen, die man nur richtig zu beurteilen und zu bewerten verstehen muß.
[ 19 ] How the whole matter actually stood becomes clear—and this can even be historically verified from external evidence—when we examine the Gospel of Matthew*) in this regard. We need only reflect on history. You can read the best accounts of the origins of the Gospel of Matthew in the third volume of H. P. Blavatsky’s *The Secret Doctrine*, which one must simply know how to judge and evaluate correctly.
[ 20 ] Es gibt einen gewissen Kirchenvater Hieronymus, der gegen das Ende der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts geschrieben hat. Aus dem, was er schreibt, erfahren wir, was durchaus durch die geheimwissenschaftliche Forschung zu bestätigen ist: daß das MatthäusEvangelium ursprünglich hebräisch geschrieben war, und daß eigentlich dieser Kirchenvater das Matthäus-Evangelium so bekommen hat, daß er in der Vorlage, die er noch zu sehen bekam, wir würden vielleicht heute sagen in seiner Ausgabe, die ursprüngliche Sprache dieses Evangeliums mit den noch zugänglichen hebräischen Lettern, aber nicht in der Sprache vor sich hatte, die als die hebräische damals üblich war. Also etwa, wie wenn wir zum Beispiel ein Schillersches Gedicht mit griechischen Buchstaben schreiben würden, so würde das, was diesem Kirchenvater Hieronymus vorgelegen hat aus einer Sprache, in der das Matthäus-Evangelium ursprünglich verfaßt war, geschrieben gewesen sein — nicht mit den Buchstabenformen dieser Sprache, sondern mit anderen Buchstaben. Es hatte aber dieser. Kirchenvater Hieronymus von seinem Bischof die Aufgabe bekommen, das, was ihm als Matthäus-Evangelium vorlag, für seine Christen zu übersetzen. Bei dieser Übersetzung hat er sich nun höchst merkwürdig benommen. Erstens meinte er, es wäre gefährlich, dieses Matthäus-Evangelium so zu übersetzen, wie es war; denn es stünden Dinge darin, welche diejenigen, die es bisher als ihre heilige Schrift besessen hatten, vor der profanen Welt verbergen wollten. Und weiter meinte er, daß dieses Evangelium, wenn er es so übersetzen würde, statt Erbauung nur Zerstörung anrichten würde. Was tat also der Kirchenvater Hieronymus? Er ließ die Dinge, die nach seiner und nach der Kirchenanschauung der damaligen Zeit zerstörend wirken konnten, fort und ersetzte sie durch andere. Aber wir entnehmen noch mehr aus seinen Schriften, und das ist nun das, was das Bedenklichste an dem ganzen Vorgang ist: daß nämlich Hieronymus wußte, daß nur der das Matthäus-Evangelium verstehen kann, der in gewisse geheime Dinge eingeweiht ist — und er bekannte auch, daß er nicht zu solchen gehörte. Das heißt also, daß er zugab, das MatthäusEvangelium nicht zu verstehen! Aber er übersetzte es doch. So liegt uns also das Matthäus-Evangelium heute vor in der Zurichtung eines Menschen, der es nicht verstanden hat, der sich aber dann an diese Gestalt so gewöhnt hat, daß er nachher selber alles für Ketzerei erklärt hat, was man über das Matthäus-Evangelium behauptete, wenn es nicht bei ihm stand! Das sind alles durchaus wahre Tatsachen.
[ 20 ] There is a certain Church Father named Jerome who wrote toward the end of the second half of the fourth century. From what he writes, we learn something that can certainly be confirmed by esoteric research: that the Gospel of Matthew was originally written in Hebrew, and that this Church Father actually received the Gospel of Matthew in such a way that, in the manuscript he was still able to see, we might say today, in its edition, the original language of this Gospel with the Hebrew letters still accessible, but not in the language that was customary as Hebrew at that time. So, for example, just as if we were to write a poem by Schiller using Greek letters, what was presented to this Church Father, Jerome, would have been written in a language in which the Gospel of Matthew was originally composed—not with the letter forms of that language, but with other letters. However, this Church Father Jerome had been given the task by his bishop to translate what he had before him as the Gospel of Matthew for his Christians. In this translation, he behaved in a most peculiar manner. First, he believed it would be dangerous to translate this Gospel of Matthew as it was; for it contained things that those who had hitherto possessed it as their Holy Scripture wished to conceal from the profane world. And furthermore, he believed that if he were to translate this Gospel in that manner, it would cause destruction rather than edification. So what did the Church Father Jerome do? He omitted the passages that, according to his own and the Church’s view at that time, could have a destructive effect, and replaced them with others. But we glean even more from his writings, and this is what is most troubling about the whole affair: namely, that Jerome knew that only those initiated into certain secret matters could understand the Gospel of Matthew—and he also admitted that he was not among them. This means, then, that he admitted to not understanding the Gospel of Matthew! Yet he translated it nonetheless. Thus, the Gospel of Matthew is presented to us today in the form prepared by a man who did not understand it, but who then became so accustomed to this form that he subsequently declared everything said about the Gospel of Matthew to be heresy if it did not agree with his own interpretation! These are all absolutely true facts.
[ 21 ] Nun ist das, was uns zunächst interessiert, und was wir hervorheben müssen, das Folgende: Warum haben denn eigentlich die, welche sich vorzugsweise an das Matthäus-Evangelium gehalten haben in den allerersten Zeiten des Christentums, dieses MatthäusEvangelium nur solchen Menschen mitgeteilt, die in den geheimen Sinn gewisser Dinge eingeweiht waren?
[ 21 ] Now, what interests us first and foremost—and what we must emphasize—is the following: Why, in fact, did those who adhered primarily to the Gospel of Matthew in the very earliest days of Christianity share this Gospel of Matthew only with people who were initiated into the secret meaning of certain things?
[ 22 ] Zu verstehen, warum das geschehen ist, ist nur möglich, wenn man sich geisteswissenschaftlich ein wenig hineingefunden hat in den Charakter der Einweihung überhaupt. Diese Dinge sind ja auch öfter in diesem oder jenem Zusammenhange vor Ihnen besprochen worden, und namentlich das ist gesagt worden, daß die Einweihung — das heißt, wenn der Mensch durch sie zur Erlangung der hellseherischen Kraft kommt — den Menschen dazu führt, gewisse Grundwahrheiten über die Welt in seinen Besitz zu bekommen. Diese Grundwahrheiten über die Welt sind so, daß sie für das gewöhnliche Bewußtsein zunächst absurd erscheinen. Mit dem, was der Mensch im Alltag einsehen kann, verhält es sich so, daß den höchsten Wahrheiten gegenüber dieses gewöhnliche Bewußtsein nur sagen kann: Das ist paradox! Aber nicht nur das. Wenn die höchsten Wahrheiten, das heißt, jene Wahrheiten, die dem Eingeweihten zugänglich sind, dem einzelnen Menschen unvorbereitet bekannt würden, entweder indem er sie erraten würde, was sogar in einem gewissen Falle möglich wäre, oder wenn sie ihm im unvollkommenen Zustande mitgeteilt würden, so würden sie, selbst wenn es die elementarsten Wahrheiten wären, für den Unvorbereiteten im höchsten Grade gefährlich werden. Selbst wenn man das Reinste, das Höchste darstellen würde über die Welt, würde es zerstörend für ihn selbst und für seine Umgebung wirken. Und wer heute im Besitz der höchsten Wahrheiten ist, der weiß deshalb auch, daß es nicht der Weg sein kann, zum Beispiel jemanden zu sich zu rufen und ihm die höchsten Geheimnisse der Welt mitzuteilen. Was wirklich die höchsten Wahrheiten sind, kann nicht so mitgeteilt werden, daß ein Mund es ausspricht und ein Ohr es hört, sondern der Weg, wie die höchsten Wahrheiten mitgeteilt werden könnten, ist der, daß der Mensch, der ein Schüler sein will, langsam und allmählich vorbereitet wird, und daß diese Vorbereitung so geschieht, daß der letzte Abschluß, die Mitteilung der Geheimnisse, nicht von Mund zu Ohr geschehen kann, sondern daß in einem bestimmten Zeitpunkt der Schüler durch die Vorbereitung da anlangt, daß vor ihm aufsteigt das Geheimnis — das Mysterium. So daß es nicht ausgesprochen zu werden braucht von einem Munde, nicht gehört zu werden braucht von einem Ohr. Geboren werden muß es in der Seele durch das, was zwischen Lehrer und Schüler vorgegangen ist. Und ein Mittel, um einem Eingeweihten die letzten Dinge der Geheimnisse abzuringen, kann es nicht geben; denn niemand kann gezwungen werden — durch keine Mittel des physischen Planes — etwas von den höheren Geheimnissen mit seinem Munde zu verraten. So sind eben die höheren Geheimnisse. Und es wäre auch so, daß, wenn jemand das, was eben von der Seele geboren werden muß als höhere Geheimnisse, in einem unreifen Zustande mitgeteilt erhielte durch den Mund des andern, daß es verhängnisvoll werden müßte auch für den andern; denn der Mitteiler würde für den Rest seiner Inkarnation ganz in die Gewalt des Hörers gegeben sein. Das ist aber etwas, was nie eintreten kann, wenn der Lehrer nur vorbereitet, und der Schüler die Wahrheiten aus der Seele heraus gebären läßt.
[ 22 ] Understanding why this happened is only possible if one has gained some insight, through the study of the spiritual sciences, into the nature of initiation in general. These matters have, of course, been discussed before in one context or another, and it has been said in particular that initiation—that is, when a person attains clairvoyant powers through it—leads the individual to grasp certain fundamental truths about the world. These fundamental truths about the world are such that they initially appear absurd to ordinary consciousness. As for what a person can perceive in everyday life, the situation is such that, when confronted with the highest truths, this ordinary consciousness can only say: That is paradoxical! But not only that. If the highest truths—that is, those truths accessible to the initiate—were to become known to the individual human being unprepared, either by his guessing them, which would even be possible in a certain case, or if they were communicated to him in an imperfect state, then they would, even if they were the most elementary truths, become extremely dangerous for the unprepared. Even if one were to present the purest, the highest truths about the world, it would have a destructive effect on him and his surroundings. And whoever is in possession of the highest truths today therefore also knows that it cannot be the way, for example, to call someone to him and impart to him the highest secrets of the world. What the highest truths truly are cannot be communicated in such a way that a mouth speaks it and an ear hears it; rather, the way in which the highest truths could be communicated is that the person who wishes to be a student is slowly and gradually prepared, and that this preparation takes place in such a way that the final conclusion—the communication of the secrets—cannot occur from mouth to ear, but rather that at a certain point, through the preparation, the student arrives at a state where the secret—the mystery—arises before him. So that it need not be spoken by a mouth, nor heard by an ear. It must be born in the soul through what has taken place between teacher and student. And there can be no means of wringing the final aspects of the mysteries from an initiate; for no one can be compelled—by any means of the physical plane—to reveal anything of the higher mysteries with his mouth. Such are the higher mysteries. And it would also be the case that if someone were to receive, in an immature state, what must be born from the soul as higher mysteries, communicated through the mouth of another, it would be disastrous for the other as well; for the communicator would be placed entirely under the power of the listener for the remainder of his incarnation. But this is something that can never happen if the teacher merely prepares the way, and the student allows the truths to be born from the soul.
[ 23 ] Wenn man das weiß, begreift man auch, wo der Grund liegt, daß das ursprüngliche Matthäus-Evangelium nicht so ohne weiteres mitgeteilt werden konnte: weil die Menschen nicht reif waren für das, was darinnen stand. Denn wenn nicht einmal Hieronymus, der Kirchenvater, reif dafür war, so waren es die anderen erst recht nicht. Diejenigen, welche ursprünglich im Besitze dieser Mitteilungen waren, die Ebioniten, haben deshalb diese Dinge nicht einfach mitgeteilt; weil, von Unreifen aufgenommen, diese Dinge so verkehrt worden wären, daß sie eben zu dem hätten führen müssen, was der Kirchenvater Hieronymus nennt: es diene nicht zur Erbauung, sondern zur Zerstörung. Nun hat es Hieronymus eingesehen, hat sich aber doch herbeigelassen, in einer gewissen Weise das MatthäusEvangelium der Welt mitzuteilen. Das heißt also: diese Schrift ist in einer gewissen Weise doch mitgeteilt worden, und sie hat in der Welt gewirkt. Wenn wir uns jetzt umschauen, wie sie gewirkt hat, so müssen wir aus den okkulten Wahrheiten heraus manches verständlich finden. Wer möchte denn, wenn er auf dem Boden des Okkultismus steht, irgendwie zugeben wollen, daß alle die Verfolgungen und so weiter in der christlichen Welt zusammenhängen könnten mit dem Prinzip des Christus Jesus selber? Wer müßte denn, der auf dem Boden des Okkultismus steht, sich nicht sagen: da muß etwas eingeflossen sein in die äußere Entwickelung, was nicht im Sinne der christlichen Entwickelung liegen konnte? Kurz: da muß ein gewaltiges Mißverständnis vorliegen.
[ 23 ] Once you know this, you also understand why the original Gospel of Matthew could not simply be shared: because people were not ready for what it contained. For if not even Jerome, the Church Father, was ready for it, then the others certainly were not. Those who originally possessed these teachings, the Ebionites, therefore did not simply share these things; because, if received by the immature, these things would have been so distorted that they would have led precisely to what the Church Father Jerome calls: it serves not for edification, but for destruction. Now Jerome recognized this, yet he nevertheless deigned to communicate the Gospel of Matthew to the world in a certain way. This means, then, that this writing was communicated in a certain way after all, and it has had an effect in the world. If we now look around to see how it has worked, we must find much of it understandable from the perspective of occult truths. Who, standing on the ground of occultism, would want to admit in any way that all the persecutions and so on in the Christian world could be connected with the principle of Christ Jesus himself? Who, standing on the ground of occultism, would not have to say to themselves: something must have flowed into the outer development that could not have been in the spirit of Christian development? In short: there must be a tremendous misunderstanding.
[ 24 ] Wir haben gestern davon gesprochen, wie man auf dem Boden des Christentums sprechen muß zum Beispiel von Apollonius von Tyana, haben uns vorgestellt die Größe und die Bedeutung des Apollonius von Tyana und haben ihn sogar einen Adepten genannt. Und wir haben dagegen, wenn wir die ursprüngliche christliche Literatur durchblättern, überall die Anklage gegen Apollonius von Tyana, als wenn er alles, was er getan hat, was er vollbracht hat, nur unter dem Einfluß des Teufels vollbracht hätte. Da haben wir etwas, was man eine Entstellung, nicht nur ein Mißverständnis der Persönlichkeit und der Taten des Apollonius von Tyana nennen muß, Das ist nur eines unter dem Vielen. Wir begreifen das nur, wenn wir einsehen, daß die Evangelien in einer Weise überliefert worden sind, die zu Mißverständnissen hat führen müssen, und daß wir gegenwärtig auf dem Boden des Okkultismus die Aufgabe haben, zurückzugehen zu dem wahren Sinn des Christentums, wogegen die erste Lehrzeit viele Fehler gemacht hat; und es wird uns begreiflich erscheinen, daß das Christentum seine nächste Epoche in einer andern Weise wird erleben müssen als seine früheren Epochen. Auf der andern Seite ist gesagt worden, daß manches, was hier von diesem Ort gesprochen wird, eigentlich nur deshalb gesprochen werden kann, weil Menschen da sind, die mitgemacht haben unsere geisteswissenschaftliche Entwickelung der letzten Jahre, oder die den guten Willen haben, auf unsere geisteswissenschaftliche Entwickelung einzugehen, die die entsprechenden Gefühls- und Gemütswerte in ihrer Seele haben, um das Mitgeteilte auf ihre Seele wirken zu lassen. Weil im Grunde genommen die Seelen zwischen dem Mysterium von Golgatha und der heutigen Zeit eine Inkarnation — mindestens eine — der Lehrzeit durchgemacht haben, deshalb kann heute über die Evangelien schon gesprochen werden, ohne daß die Furcht besteht, daß Unheil dadurch hervorgerufen wird.
[ 24 ] Yesterday we discussed how, from a Christian perspective, one must speak of Apollonius of Tyana, for example; we considered the greatness and significance of Apollonius of Tyana and even called him an adept. And yet, when we leaf through the original Christian literature, we find accusations against Apollonius of Tyana everywhere, as if everything he did, everything he accomplished, had been done solely under the influence of the devil. Here we have something that must be called a distortion, not merely a misunderstanding, of the personality and deeds of Apollonius of Tyana. This is just one example among many. We can only understand this if we realize that the Gospels have been handed down in a way that was bound to lead to misunderstandings, and that we now have the task, on the basis of occultism, of returning to the true meaning of Christianity, whereas the early church made many mistakes; and it will seem understandable to us that Christianity will have to experience its next epoch in a different way than its earlier epochs. On the other hand, it has been said that much of what is spoken here from this place can actually be spoken only because there are people who have participated in our spiritual-scientific development of recent years, or who have the good will to engage with our spiritual-scientific development, who possess the corresponding emotional and spiritual values in their souls to allow what is shared to take effect upon their souls. Because, fundamentally speaking, souls have undergone at least one incarnation—one—of the period of initiation between the Mystery of Golgotha and the present day, it is therefore possible to speak of the Gospels today without fear that harm will be caused thereby.
[ 25 ] So sehen wir die eigentümliche Tatsache, daß die Evangelien mitgeteilt werden mußten, aber daß das Christentum nur in seiner unvollkommensten Gestalt begriffen werden konnte, und daß die Evangelien eine Methode der Forschung herausgefordert haben, durch die sich die Forschung nicht mehr auskennt in dem, was historisch ist oder nicht, und wodurch schließlich auch alles abgeleugnet werden kann. Da wird das, was als die ursprüngliche Gestalt zu schauen ist, in die Herzen und Seelen eintreten müssen; und das wird eine neue Kraft bilden müssen, damit das, was den Menschen jetzt entgegentreten wird, aufgenommen werden kann von denen, die die Geschehnisse von der Taufe des Johannes bis zum Ereignis von Golgatha würdig haben empfinden können.
[ 25 ] Thus we see the peculiar fact that the Gospels had to be communicated, but that Christianity could only be understood in its most imperfect form, and that the Gospels have called for a method of research through which research is no longer able to distinguish between what is historical and what is not, and through which, ultimately, everything can be denied. Then what is to be seen as the original form will have to enter into hearts and souls; and this will have to form a new power so that what now confronts humanity can be received by those who have been able to feel the events from the baptism of John to the event at Golgotha with dignity.
[ 26 ] So ist eine Interpretation des Christus-Ereignisses vom okkulten Standpunkte aus eine notwendige Vorbereitung für die Seelen, die in der nächsten Zukunft Neues erleben sollen, die mit neuen Fähigkeiten in die Welt hineinschauen sollen. Und die alte Gestalt der Evangelien wird ihren vollen Wert erst dadurch erhalten, daß man sie lesen lernt durch das, was ihnen den vollen Wert erst gibt: an der Hand der Akasha-Chronik. Insbesondere wird die volle Bedeutung des Ereignisses von Golgatha nur durch die okkulte Forschung vollständig dargelegt werden können. Was für die Menschenseelen aus diesem Ereignis folgen kann, das wird nur erkannt werden können, wenn man die ursprüngliche Bedeutung dieses Ereignisses aus der okkulten Forschung heraus wird einsehen können. Dies steht uns, soweit es in einem kurzen Vortragszyklus geschehen kann, für die nächsten Tage bevor: hineinzuleuchten in alles, was die Menschenseele erleben kann unter dem Einflusse des Christus-Impulses in sich selber, um von da aus aufzusteigen zu einer Erkenntnis dessen, was in Palästina und auf Golgatha in einem tieferen Sinne noch, als wir es bisher sagen konnten, geschehen ist.
[ 26 ] Thus, an interpretation of the Christ event from an occult perspective is a necessary preparation for souls who are to experience new things in the near future, who are to look upon the world with new abilities. And the ancient form of the Gospels will only attain its full value when one learns to read them through that which gives them their full value in the first place: by means of the Akashic Records. In particular, the full significance of the event of Golgotha can only be fully elucidated through occult research. What may follow from this event for human souls can only be recognized if one is able to grasp the original meaning of this event through occult research. This is what lies ahead for us over the next few days, as far as is possible within a short series of lectures: to shed light on everything the human soul can experience under the influence of the Christ impulse within itself, in order to ascend from there to a realization of what happened in Palestine and on Golgotha in a deeper sense than we have been able to express so far.
