From Jesus to Christ
GA 131
9 October 1911, Karlsruhe
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From Jesus to Christ, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Wenn Sie bedenken, daß aus unseren Vorträgen hervorgegangen ist, daß der Christus-Impuls als der tiefgehendste in den Entwickelungsvorgängen der Menschheit angesehen werden muß, so werden Sie es ohne Zweifel auch selbstverständlich finden, daß einige Anstrengung unserer Geisteskräfte notwendig ist, um die volle Bedeutung und den ganzen Umfang dieses Christus-Impulses zu verstehen. Es ist ja gewiß in den weitesten Kreisen die Unart vorhanden, daß man sagt, was das Höchste in der Welt sei, müsse in der allereinfachsten Weise zu begreifen sein; und wenn jemand über die Quellen des Daseins kompliziert zu sprechen gezwungen wäre, müsse man dies schon aus dem Grunde ablehnen, weil der Satz gelten müsse: die Wahrheit muß einfach sein. Zuletzt ist sie ja auch gewiß einfach. Aber wenn wir das Höchste kennenlernen wollen auf einer gewissen Stufe, so ist es unschwer einzusehen, daß wir erst einen Weg machen müssen, um das Höchste zu begreifen. Und so werden wir wieder mancherlei zusammentragen müssen, um uns von einem bestimmten Gesichtspunkte aus hineinzufinden in die ganze Größe und die ganze Bedeutung des Christus-Impulses.
[ 1 ] If you consider that our lectures have shown that the Christ impulse must be regarded as the most profound in the processes of human development, you will undoubtedly find it self-evident that some exertion of our mental faculties is necessary to understand the full significance and the entire scope of this Christ impulse. It is certainly a common misconception in the widest circles that whatever is the highest in the world must be comprehensible in the simplest possible way; and if someone were compelled to speak in complicated terms about the sources of existence, one would have to reject this for the very reason that the maxim must apply: truth must be simple. Ultimately, it is certainly simple. But if we wish to come to know the highest at a certain level, it is not difficult to see that we must first clear a path in order to comprehend the highest. And so we will again have to gather various elements together in order to find our way, from a certain point of view, into the full grandeur and significance of the Christ impulse.
[ 2 ] Wir brauchen nur die Briefe des Paulus aufzuschlagen und wir werden bald finden, daß Paulus — von dem wir ja wissen, daß er versuchte, gerade das Übersinnliche der Christus-Wesenheit der Menschenbildung einzuverleiben — daß Paulus zum Begriffe, zur Idee des Christus sozusagen die ganze Menschheitsentwickelung herangezogen hat. Allerdings ist es ja so, wenn wir die Briefe des Paulus auf uns wirken lassen, daß wir zuletzt etwas vor uns haben, was durch seine ungeheuere Einfachheit und durch das tief Eindringliche der Worte und Sätze einen allerbedeutsamsten Eindruck macht. Aber nur aus dem Grunde ist das der Fall, weil Paulus selbst durch seine eigene Initiation sich hinaufgearbeitet hat zu jener Einfachheit, die nicht der Ausgangspunkt des Wahren, sondern die Konsequenz, das Ziel des Wahren sein kann. Wenn wir nun eindringen wollen in das, was zuletzt bei Paulus von der Christus-Wesenheit mit wunderbar monumental einfachen Worten zum Ausdruck kommt, so werden wir schon in unserer geisteswissenschaftlichen Art uns nähern müssen einem Verständnis der menschlichen Natur, zu deren Fortentwickelung innerhalb der Erde der Christus-Impuls ja gekommen ist.
[ 2 ] We need only open Paul’s letters and we will soon find that Paul—whom we know tried to incorporate precisely the transcendent aspect of the Christ-being into human development—that Paul, so to speak, drew upon the entire history of human development to arrive at the concept, the idea of the Christ. However, when we allow Paul’s letters to take effect upon us, we ultimately find ourselves faced with something that makes a most profound impression through its immense simplicity and the deep penetrating power of its words and sentences. But this is the case solely because Paul, through his own initiation, worked his way up to that simplicity which cannot be the starting point of the Truth, but rather the consequence, the goal of the Truth. If we now wish to penetrate what is ultimately expressed in Paul regarding the Christ-essence in wonderfully monumental yet simple words, we will have to approach, in our spiritual-scientific manner, an understanding of human nature, for the further development of which within the Earth the Christ-impulse has indeed come.
[ 3 ] Betrachten wir deshalb, was wir schon wissen über die menschliche Natur, wie sie uns für den okkulten Blick entgegentritt! Da teilen wir ja das menschliche Leben in jene zwei Glieder, die wir betrachten in bezug auf die zeitlichen Abläufe: die Zeit zwischen der Geburt oder der Empfängnis und dem Tod, und jene Zeit, welche abläuft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn wir zunächst den Menschen vor uns hinstellen, wie er im physischen Leben vor uns steht, so wissen wir, daß ihn der okkulte Blick als eine Vierheit sieht, aber als eine Vierheit, die in Entwickelung begriffen ist, als den physischen Leib, den Ätherleib, den astralischen Leib und das Ich. Und wir wissen, daß wir uns zum Verständnis der menschlichen Entwickelung bekanntmachen müssen mit der okkulten Wahrheit, daß dieses Ich — das wir gewahr werden in den Gefühlen und Empfindungen, wenn wir einfach von der Außenwelt absehen und in uns selber zu leben versuchen — daß dieses Ich für den okkulten Blick von Inkarnation zu Inkarnation geht. Wir wissen aber auch, daß dieses Ich gleichsam umhüllt ist — obwohl «umhüllt» kein guter Ausdruck ist, aber wir können ihn zunächst gebrauchen — von den drei andern Gliedern der menschlichen Natur, dem Astralleib, Ätherleib und physischen Leib. Von dem Astralleib wissen wir, daß er in einer gewissen Beziehung ein Begleiter des Ich durch die verschiedenen Inkarnationen hindurch ist. Wenn auch während der Kamaloka-Zeit vieles von dem Astralleib ausgeschieden werden muß, so bleibt uns doch dieser Astralleib durch die Inkarnationen hindurch als eine Art von Kraftleib, der zusammenhält, was wir in uns an moralischem, intellektuellem und ästhetischem Fortschritt innerhalb einer Inkarnation aufgespeichert haben. Was wirklicher Fortschritt ist, das wird zusammengehalten durch die Kraft des Astralleibes, von einer Inkarnation in die andere hineingetragen und gleichsam zusammengefügt mit dem Ich, das als das Grund-Ewige in uns von Inkarnation zu Inkarnation geht. Und weiter wissen wir, daß vom Ätherleib zwar sehr viel abgestreift wird unmittelbar nach dem Tode, daß aber doch ein Extrakt dieses Äther- oder ätherischen Leibes uns bleibt, den wir mitnehmen von einer Inkarnation in die andere hinein. Es ist das ja so, daß wir in den ersten Tagen unmittelbar nach dem Tode eine Art Rückschau haben, wie ein großes Tableau, auf unser bisheriges Leben, und daß wir die Zusammenfassung dieser Rückschau — den Extrakt — als ätherisches Resultat mit uns nehmen. Das Übrige des Ätherleibes wird der allgemeinen Ätherwelt übergeben in der einen oder andern Form, je nach der Entwickelung des betreffenden Menschen. Wenn wir nach dem vierten Gliede der menschlichen Wesenheit, nach dem physischen Leibe unser Auge richten, so sieht es zunächst so aus, als ob dieser physische Leib einfach in der physischen Welt verschwände. Das kann ja geradezu auch, man möchte sagen, äußerlich in der physischen Welt nachgewiesen werden; denn dieser physische Leib wird in der einen oder andern Weise seiner Auflösung, für den äußeren Anblick, zugeführt. Die Frage ist nur die — und ein jeder, der sich mit Geisteswissenschaft beschäftigt, sollte sie sich stellen: Ist vielleicht alles, was uns die äußere physische Erkenntnis auch über die Schicksale unseres physischen Leibes sagen kann, Maja? Und die Antwort liegt eigentlich nicht so fern für den, der angefangen hat die Geisteswissenschaft zu verstehen. Wenn man angefangen hat, die Geisteswissenschaft zu verstehen, so sagt man sich: Alles, was der Sinnenschein bietet, ist Maja, ist äußere Illusion. Wie kann man da noch erwarten, daß es wirklich wahr ist, wenn es sich auch noch so grob aufdrängt, daß der physische Leib, wenn er dem Grabe oder dem Feuer übergeben wird, spurlos verschwindet? Vielleicht verbirgt sich gerade hinter der äußeren Maja, die sich für den Sinnenschein aufdrängt, etwas viel Tieferes!
[ 3 ] Let us therefore consider what we already know about human nature, as it presents itself to the occult gaze! We divide human life into those two phases that we consider in relation to the passage of time: the period between birth or conception and death, and the period that elapses between death and a new birth. If we first place the human being before us as he stands before us in physical life, we know that the occult gaze sees him as a fourfold being, but as a fourfold being in the process of development: the physical body, the etheric body, the astral body, and the I. And we know that to understand human development, we must familiarize ourselves with the occult truth that this I—which we become aware of in our feelings and sensations when we simply turn away from the external world and try to live within ourselves—that this I, to the occult eye, passes from incarnation to incarnation. But we also know that this I is, as it were, enveloped—although “enveloped” is not a good term, but we can use it for now—by the three other members of human nature: the astral body, the etheric body, and the physical body. We know of the astral body that, in a certain sense, it is a companion to the I through the various incarnations. Even though much of the astral body must be shed during the Kamaloka period, this astral body nevertheless remains with us through the incarnations as a kind of force-body that holds together what we have stored within ourselves in terms of moral, intellectual, and aesthetic progress within a single incarnation. What constitutes true progress is held together by the power of the astral body, carried from one incarnation into the next, and, as it were, fused with the I, which, as the fundamental eternal within us, passes from incarnation to incarnation. And furthermore, we know that although much is shed from the etheric body immediately after death, an extract of this etheric body nevertheless remains with us, which we carry with us from one incarnation into the next. It is indeed the case that in the first days immediately following death we have a kind of retrospective view, like a great tableau, of our life up to that point, and that we take the summary of this retrospective view—the essence—with us as an ethereal result. The remainder of the etheric body is surrendered to the general etheric world in one form or another, depending on the development of the individual in question. When we turn our gaze to the fourth member of the human being, the physical body, it initially appears as though this physical body simply vanishes into the physical world. Indeed, one might say this can be demonstrated outwardly in the physical world; for this physical body is, in one way or another, led to its dissolution, as far as the external eye can see. The question is simply this—and everyone who engages in spiritual science should ask it: Is perhaps everything that external physical knowledge can tell us about the fate of our physical body merely Maya? And the answer is actually not so far off for those who have begun to understand spiritual science. Once one has begun to understand spiritual science, one says to oneself: Everything that sensory appearance offers is Maya, is external illusion. How can one still expect it to be truly real, even if it imposes itself so crudely, that the physical body, when consigned to the grave or the fire, vanishes without a trace? Perhaps something much deeper lies hidden precisely behind the external Maya that imposes itself upon sensory perception!
[ 4 ] Aber wir wollen noch etwas weiter gehen: Bedenken Sie, daß wir, um die Erdentwickelung zu verstehen, die früheren Verkörperungen unseres Planeten kennen müssen; daß wir die Saturn-, die Sonnen- und die Mondverkörperung der Erde studieren müssen. Wir müssen sagen: Wie jeder einzelne Mensch, so hat auch die Erde ihre Verkörperungen durchgemacht, und das, was unser physischer Leib ist, das ist vorbereitet worden in der menschlichen Evolution seit der Saturnzeit der Erde. Während von unserem Ätherleib, Astralleib und Ich in dem heutigen Sinne zur alten Saturnzeit noch gar nicht gesprochen werden kann, wird der Keim zum physischen Leibe schon während der Saturnzeit gelegt, wird gleichsam der Evolution einverleibt. Während der Sonnenzeit der Erde wird dieser Keim umgestaltet; ihm wird dann in der umgestalteten Form der Ätherleib einverleibt. Während der Mondenzeit der Erde wird wieder der physische Leib umgestaltet und ihm einverleibt — neben dem Ätherleib, der auch in umgeänderter Form wieder herauskommt — der Astralleib. Und während der Erdenzeit wird ihm das Ich einverleibt. Und nun müßten wir also, wenn der Sinnenschein richtig wäre, sagen, daß das, was uns während der Saturnzeit einverleibt worden ist, unser physischer Leib, einfach verwest oder verbrennt und in den äußeren Elementen aufgeht, nachdem Jahrmillionen und aber Jahrmillionen hindurch, während der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit die bedeutendsten Anstrengungen übermenschlicher, das heißt göttlich-geistiger Wesen gemacht worden sind, um diesen physischen Leib herzustellen! Wir hätten also die sehr merkwürdige Tatsache vor uns, daß durch vier, oder meinetwillen durch drei planetarische Stufen hindurch, Saturn, Sonne, Mond, eine ganze Götterschar arbeitet an der Herstellung eines Weltelementes, wie es unser physischer Leib ist, und dieses Weltelement wäre dazu bestimmt, während der Erdenzeit jedesmal zu verschwinden, wenn ein Mensch stirbt. Es wäre ein sonderbares Schauspiel, wenn Maja — und ein anderes weiß ja die äußere Beobachtung da nicht — recht hätte.
[ 4 ] But let us go a step further: Consider that, in order to understand the Earth’s evolution, we must be familiar with our planet’s earlier incarnations; that we must study the Earth’s Saturn, Sun, and Moon incarnations. We must say: Just as every single human being has gone through incarnations, so too has the Earth, and what constitutes our physical body has been prepared through human evolution since the Earth’s Saturn period. While we cannot yet speak of our etheric body, astral body, and I in the modern sense during the ancient Saturn era, the seed of the physical body is already laid during the Saturn era, incorporated, as it were, into evolution. During the Sun era of the Earth, this seed is transformed; the etheric body is then incorporated into it in its transformed form. During the Earth’s Lunar period, the physical body is transformed again, and the astral body is incorporated into it—alongside the etheric body, which also emerges again in a transformed form. And during the Earth period, the ego is incorporated into it. And so, if the apparent meaning were correct, we would have to say that what was incorporated into us during the Saturn era—our physical body—simply decays or burns up and dissolves into the outer elements, after millions and millions of years, during the Saturn, Sun, and Moon periods, the most significant efforts of superhuman—that is, divine-spiritual—beings were made to create this physical body! We would thus be faced with the very strange fact that through four, or for my part through three, planetary stages—Saturn, Sun, Moon—a whole host of gods works on the creation of a world element such as our physical body, and this world element would be destined to disappear during the Earth era every time a human being dies. It would be a strange spectacle if Maya—and external observation knows no other—were right.
[ 5 ] Nun fragen wir uns: Kann Maja recht haben?
[ 5 ] Now let's ask ourselves: Could Maja be right?
[ 6 ] Zunächst scheint es ja allerdings, als wenn für diesen Fall die okkulte Erkenntnis der Maja recht gäbe; denn sonderbarerweise scheint die okkulte Beobachtung in diesem Falle mit der Maja übereinzustimmen. Wenn Sie durchgehen, was uns von der Geist-Erkenntnis geschildert wird als die Entwickelung des Menschen nach dem Tode, so wird in der Tat bei dieser Schilderung zunächst auf den physischen Leib kaum Rücksicht genommen. Es wird erzählt: der physische Leib wird abgeworfen, wird übergeben den Elementen der Erde. Dann wird erzählt von dem Ätherleib, von dem Astralleib, von dem Ich, und der physische Leib wird weiter nicht berücksichtigt, und es scheint, als ob durch das Schweigen der Geist-Erkenntnis der MajaErkenntnis recht gegeben wäre. So scheint es. Und es ist in einer gewissen Weise von der Geisteswissenschaft berechtigt, so zu sprechen, aus dem einfachen Grunde, weil alles Weitere überlassen werden muß der tieferen Begründung der Christologie. Denn über das, was in bezug auf den physischen Leib über Maja hinausgeht, können wir gar nicht richtig sprechen, ohne daß vorher der Christus-Impuls und alles, was damit zusammenhängt, einmal in genügender Weise erklärt wird.
[ 6 ] At first glance, however, it does indeed seem as if the occult understanding of Maya were correct in this case; for, strangely enough, occult observation appears to coincide with Maya in this instance. If you go through what is described to us by spiritual knowledge as the development of the human being after death, this description does indeed initially take scarcely any account of the physical body. It is said: the physical body is cast off, is handed over to the elements of the earth. Then there is talk of the etheric body, of the astral body, of the I, and the physical body is no longer taken into account, and it seems as though the silence of spiritual knowledge were to validate the knowledge of Maya. So it seems. And in a certain sense, spiritual science is justified in speaking this way, for the simple reason that everything else must be left to the deeper foundations of Christology. For we cannot speak properly about what, in relation to the physical body, goes beyond Maya without first explaining the Christ impulse and everything connected with it in a sufficient manner.
[ 7 ] Wenn wir diesen physischen Leib zunächst einmal so betrachten, wie er in einem entscheidenden Momente vor dem Bewußtsein der Menschen dagestanden hat, so ergibt sich uns etwas ganz Merkwürdiges. Und da wollen wir einmal bei drei Völkerbewußtseinsarten, bei drei verschiedenen Formen des menschlichen Bewußtseins Anfrage halten, welches Bewußtsein man gehabt hat gerade in einer entscheidenden Epoche der Menschheitsentwickelung über alles, was mit unserem physischen Leibe zusammenhängt. Fragen wir zunächst einmal bei den Griechen an!
[ 7 ] If we first consider this physical body as it appeared before human consciousness at a decisive moment, something quite remarkable becomes apparent. And so let us examine three types of national consciousness—three different forms of human consciousness—to determine what kind of consciousness people had, particularly during a decisive epoch in human development, regarding everything connected with our physical body. Let us begin by looking at the Greeks!
[ 8 ] Wir wissen, daß die Griechen jenes bedeutsame Volk sind, das in der vierten nachatlantischen Kulturepoche seine richtige Entwickelungszeit hatte. Wir wissen, daß diese vierte nachatlantische Kulturepoche für uns zu beginnen hat etwa mit der Zeit des siebenten, achten, neunten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, und daß sie endet im dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, nach dem Ereignisse von Palästina. Wir können ja auch leicht aus den äußeren Mitteilungen, Überlieferungen und Urkunden gerade in bezug auf diesen Zeitraum das, was eben gesagt worden ist, durchaus rechtfertigen. Wir sehen, daß die ersten, dämmerhaft klaren Nachrichten über das Griechentum kaum hinaufreichen über das sechste, siebente Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, während sagenhafte Nachrichten herunterkommen von noch früheren Zeiten her. Wir wissen aber auch, daß das, was die Größe der historischen Zeit des Griechentums ausmacht, noch hereinreicht aus der vorhergehenden Zeit, wo man es also dann mit der dritten nachatlantischen Kulturepoche auch im Griechentum zu tun hatte. So reichen Homers Inspirationen hinein in den Zeitraum, der dem vierten nachatlantischen Zeitraum voranging; und Aeschylos, der so früh gelebt hat, daß eine Anzahl von seinen Werken ganz verlorengegangen ist, weist uns zurück auf die Mysteriendramatik, wovon er nur einen Nachklang bietet. So ragt herein die dritte nachatlantische Kulturperiode in das Griechenzeitalter; aber die vierte nachatlantische Kulturperiode kommt im Griechenzeitalter voll zum Ausdruck. Und wir müssen sagen: die wunderbare Griechenkultur ist der reinste Ausdruck des vierten nachatlantischen Kulturzeitalters. Da tönt uns denn ein merkwürdiges Wort aus diesem Griechentum herauf, ein Wort, das uns tief in die Seele desjenigen Menschen hineinschauen läßt, der ganz griechisch fühlte, das Wort des Heros: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten! — Das ist ein Wort, das tiefe, tiefe Empfindungen der Griechenseele verrät. Man möchte sagen: Alles was uns auf der einen Seite erhalten ist aus der griechischen Zeit von klassischer Schönheit und klassischer Größe, von Ausgestaltung des Menschheitsideales in der Außenwelt, das alles tönt uns in einer gewissen Weise aus diesem Worte heraus. Da gedenken wir, wenn wir des Griechentums gedenken, jener wunderbaren Ausbildung des menschlichen Leibes in der griechischen Gymnastik, in den großen griechischen Wertspielen, welche karikaturenhaft in der Gegenwart nur ein solcher Mensch nachahmt, der nichts versteht von dem, was das Griechentum wirklich war. Daß eine jegliche Zeit ihre eigenen Ideale haben muß, das muß man berücksichtigen, wenn man verstehen will, wie diese Ausbildung des äußeren physischen Leibes, so wie er dasteht in seiner Form auf dem physischen Plan, ein besonderes Privileg des griechischen Geistes war; und wie weiterhin die Ausprägung des plastischen Kunstideals des Menschen, diese Steigerung der äußeren Menschengestalt in der Plastik, wieder ein Privileg des Griechentums sein mußte. Und wenn wir dazu die Ausgestaltung des menschlichen Bewußtseins ansehen, wie es zum Beispiel einen Perikles beherrschte, wo der Mensch auf der einen Seite nach dem allgemeinen Menschlichen sah und auf der anderen Seite wieder ganz auf seinen Füßen stand und sich wie ein Herr und König auf dem Erdboden innerhalb seines Stadtgebietes fühlte, — wenn wir alles das auf uns wirken lassen, dann müssen wir sagen: Die eigentliche Liebe war zugewendet der menschlichen Form, wie sie vor uns dastand auf dem physischen Plan, und auch die Ästhetik war zugewendet der Ausgestaltung dieser Form. Wo man so liebte und so das verstand, was vom Menschen auf dem physischen Plane steht, da konnte man sich auch dem Gedanken hingeben: Wenn das, was dem Menschen diese schöne Form auf dem physischen Plane gibt, abgenommen wird der menschlichen Natur, dann bleibt ein Rest, den man nicht so hoch schätzen kann wie das, was einem im Tode genommen wird! Diese höchste Liebe zur äußeren Form führte notwendig dazu, mit einem pessimistischen Blick anzuschauen, was vom Menschen übrig bleibt, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und wir können es an der griechischen Seele voll verstehen, daß dasselbe Auge, das mit so großer Liebe auf die äußere Form blickte, sich traurig fühlte, wenn die Seele denken mußte: Diese Form wird weggenommen der menschlichen Individualität, und die menschliche Individualität lebt ohne diese Form weiter! Nehmen wir das, was so sich zugetragen hat, zunächst nur in dieser gefühlsartigen Weise, dann müssen wir sagen: Wir haben im Griechentum dasjenige Menschentum, das die äußere Form des physischen Leibes am meisten liebte und schätzte und alle Traurigkeit durchmachte, die bei seinem Untergange im Tode durchgemacht werden konnte.
[ 8 ] We know that the Greeks are that significant people who reached their true period of development during the fourth post-Atlantean cultural epoch. We know that this fourth post-Atlantean cultural epoch began for us around the time of the seventh, eighth, and ninth centuries B.C.E., and that it ended in the thirteenth, fourteenth, and fifteenth centuries C.E., following the events in Palestine. We can, of course, easily justify what has just been said based on external reports, traditions, and documents specifically regarding this period. We see that the first, dimly clear accounts of Greek civilization barely extend beyond the sixth and seventh centuries B.C.E., while legendary accounts come down to us from even earlier times. But we also know that what constitutes the greatness of the historical era of Greek civilization extends back into the preceding period, when one was thus dealing with the third post-Atlantean cultural epoch in Greek civilization as well. Thus, Homer’s inspirations extend into the period preceding the fourth post-Atlantean epoch; and Aeschylus, who lived so early that a number of his works have been completely lost, points us back to the mystery dramas, of which he offers only an echo. Thus, the third post-Atlantean cultural epoch extends into the Greek era; but the fourth post-Atlantean cultural epoch finds its full expression in the Greek era. And we must say: the wondrous Greek culture is the purest expression of the fourth post-Atlantean cultural epoch. From this Greek world, then, a remarkable saying resounds to us, a saying that allows us to look deep into the soul of the person who felt entirely Greek, the saying of the hero: Better to be a beggar in the upper world than a king in the realm of shadows! — This is a saying that reveals the deep, deep feelings of the Greek soul. One might say: Everything that has been preserved for us from the Greek era—of classical beauty and classical grandeur, of the embodiment of the human ideal in the outer world—all of that resonates with us in a certain way through this saying. Thus, when we think of Greek civilization, we recall that marvelous training of the human body in Greek gymnastics, in the great Greek athletic games, which in the present day are imitated in a caricatured manner only by those who understand nothing of what Greek civilization truly was. That every age must have its own ideals—this must be taken into account if one wishes to understand how this training of the outer physical body, as it stands in its form on the physical plane, was a special privilege of the Greek spirit; and how, furthermore, the expression of the plastic artistic ideal of the human being—this elevation of the outer human form in sculpture—must again have been a privilege of Greek civilization. And if we consider, in addition, the development of human consciousness as it governed, for example, a Pericles—where the human being, on the one hand, looked toward the universal human, and on the other hand stood firmly on his own two feet and felt like a lord and king on the earth within his city limits—if we allow all this to sink in, then we must say: True love was directed toward the human form as it stood before us on the physical plane, and aesthetics, too, were directed toward the shaping of this form. Where one loved in this way and understood what stands before us of the human being on the physical plane, there one could also surrender to the thought: If that which gives human beings this beautiful form on the physical plane is taken away from human nature, then a remnant remains that cannot be valued as highly as that which is taken from one in death! This highest love for the outer form necessarily led to viewing with a pessimistic eye what remains of a human being once they have passed through the gate of death. And we can fully understand, in the Greek soul, that the same eye that gazed with such great love upon the outer form felt sorrow when the soul had to think: This form is taken away from human individuality, and human individuality lives on without this form! If we take what has happened in this way, at first only in this emotional sense, then we must say: In Greek culture we have that humanity which loved and valued the outer form of the physical body most of all and experienced all the sorrow that could be experienced at its passing in death.
[ 9 ] Und jetzt betrachten wir ein anderes Bewußtsein, das sich ungefähr zur selben Zeit entwickelte. Betrachten wir einmal das BuddhaBewußtsein, das dann von Buddha in seine Bekenner übergegangen ist. Da haben wir ungefähr das Gegenteil des Griechentums vor uns. Wir brauchen uns ja nur des einen zu erinnern: der Nerv der vier großen Wahrheiten des Buddha ist ja damit gegeben, daß gesagt wird, die menschliche Individualität wird in dieses Dasein, in dem es umschlossen ist von der äußeren physischen Form, durch die Begierde zum Dasein hereingebracht. In was für ein Dasein? In ein Dasein, dem gegenüber die Buddha-Lehre sagen muß: Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Alter ist Leiden, Tod ist Leiden! Es liegt in diesem Nerv des Buddhismus, sich zu sagen: Durch alles, wodurch wir umschlossen werden von einer äußeren körperlichen Hülle, wird unsere Individualität, die aus göttlich geistigen Höhen herabkommt mit der Geburt, und die wieder hinaufgeht in göttliche Höhen, wenn der Mensch durch die Pforte des "Todes schreitet, durch alles das wird diese Individualität dem Schmerz des Daseins, dem Leid des Daseins ausgeliefert; und es kann im Grunde genommen nur ein Heil geben für den Menschen, das in den vier großen heiligen Wahrheiten des Buddha ausgedrückt wird, um frei zu werden von dem äußeren Dasein, abzuwerfen die äußere Hülle, das heißt: soweit die Individualität umzugestalten, daß sie baldmöglichst in der Lage ist, alles abzuwerfen, was äußere Hülle ist. Wir merken also: hier ist die umgekehrte Empfindung tätig von dem, wie der Grieche empfand. Ebenso stark, wie der Grieche geliebt und geschätzt hat die äußere körperliche Hülle und traurig empfunden hat das Abwerfen dieser körperlichen Hülle, ebenso gering schätzte der Buddha-Bekenner diese körperliche Hülle und betrachtete sie als das, was so schnell als möglich abgeworfen werden muß. Und damit war verbunden, daß der Drang nach Dasein, das von einer äußeren Körperhülle umschlossen ist, bekämpft wird.
[ 9 ] And now let us consider another consciousness that developed around the same time. Let us consider the Buddha-consciousness, which was then passed on by the Buddha to his followers. Here we have something that is roughly the opposite of Hellenism. We need only remember one thing: the essence of the Buddha’s Four Noble Truths lies in the assertion that human individuality is brought into this existence—in which it is enclosed by the outer physical form—through the desire for existence. Into what kind of existence? Into an existence in response to which the Buddha’s teaching must say: Birth is suffering, sickness is suffering, old age is suffering, death is suffering! It lies at the heart of Buddhism to say to oneself: Through everything by which we are enclosed in an outer physical shell—our individuality, which descends from divine spiritual heights at birth and ascends again to divine heights when the human being passes through the gate of “death”—through all of this, this individuality is subjected to the pain of existence, to the suffering of existence; and, in essence, there can be only one salvation for humanity, expressed in the Buddha’s Four Noble Truths: to become free from external existence, to cast off the outer shell—that is, to transform the individuality to such an extent that it is soon able to cast off everything that constitutes the outer shell. We thus observe: here the opposite sentiment is at work compared to how the Greeks felt. Just as strongly as the Greeks loved and valued the outer physical shell and felt sorrow at shedding this physical shell, so too did the follower of the Buddha value this physical shell very little and regard it as something that must be shed as quickly as possible. And connected to this was the fact that the urge toward existence, which is enclosed by an outer physical shell, is fought against.
[ 10 ] Und jetzt gehen wir noch ein wenig tiefer gerade in diese BuddhaGedanken ein. Da tritt uns entgegen, was im Buddhismus als eine Art theoretischer Anschauung vorhanden ist über die aufeinanderfolgenden Inkarnationen des Menschen. Es handelt sich dabei nun weniger darum, was der einzelne denkt über die Theorie des Buddha, als um das, was in das Bewußtsein der buddhistischen Bekenner eingedrungen ist. Das habe ich auch schon öfter charakterisiert. Ich habe gesagt: Man hat vielleicht keine bessere Gelegenheit, nachzufühlen, was ein Bekenner des Buddhismus fühlen mußte gegenüber den fortlaufenden Inkarnationen des Menschen, als wenn man sich vertieft in jene Rede, welche uns überliefert ist als die Rede des Königs Milinda mit einem buddhistischen Weisen. Da wird der König Milinda von dem buddhistischen Weisen Nagasena darüber belehrt, daß, wenn er zu Wagen gekommen sei, er bedenken solle, ob der Wagen außer den Rädern, der Deichsel, dem Wagenkasten, dem Sitz und so weiter noch irgend etwas habe. «Bist du gekommen in deinem Wagen, so bedenke, o großer König», sagt der Weise Nagasena zum König, «daß alles, was du im Wagen vor dir hast, nichts anderes ist als die Räder, die Deichsel, der Wagenkasten, der Sitz — und nichts ist außerdem vorhanden als ein Wort, das zusammenfaßt die Räder, Deichsel, Wagenkasten, Sitz und so weiter. Du kannst also nicht von einer besonderen Individualität des Wagens sprechen; sondern du mußt dir klar sein, daß Wagen ein leeres Wort ist, wenn du an etwas anderes denkst als an seine Teile, seine Glieder.» Und noch ein anderes Gleichnis wählt Nagasena, der Weise, dem König Milinda gegenüber. «Betrachte die Mandelfrucht, die auf dem Baume wächst», sagte er, «und bedenke, daß aus einer anderen Frucht ein Same genommen ist, der in die Erde gelegt und verfault ist; daraus ist der Baum gewachsen und darauf die Mandelfrucht. Kannst du sagen, daß die Frucht auf dem Baume etwas anderes gemeinsam hat als Name und äußere Form mit jener Frucht, die als Same genommen, in die Erde gelegt und verfault ist?» — So viel, will Nagasena sagen, hat der Mensch gemeinsam mit dem Menschen seiner vorhergehenden Inkarnation, wie die Mandelfrucht auf dem Baume mit der Mandelfrucht, die als Same in die Erde gelegt ist; und wer da glaubt, daß das, was als Mensch vor uns steht, was mit dem Tode hinweggeweht wird, irgend etwas anderes sei als Name und Form, der glaubt etwas ebenso Falsches als der, der da glaubt, daß in dem Wagen — in dem Namen Wagen — etwas anderes enthalten ist als die Teile des Wagens: Räder, Deichsel und so weiter. Von der vorherigen Inkarnation geht in die neue Inkarnation nicht so etwas über, wie es der Mensch mit seinem Ich benennt.
[ 10 ] And now let us delve a little deeper into these very thoughts of the Buddha. Here we encounter what exists in Buddhism as a kind of theoretical view regarding the successive incarnations of human beings. The point here is less what the individual thinks about the Buddha’s theory, and more what has entered the consciousness of Buddhist adherents. I have characterized this on several occasions. I have said: There is perhaps no better opportunity to appreciate what a follower of Buddhism must have felt regarding the successive incarnations of human beings than by immersing oneself in that discourse which has been handed down to us as the dialogue between King Milinda and a Buddhist sage. There, King Milinda is instructed by the Buddhist sage Nagasena that, if he has come by chariot, he should consider whether the chariot has anything besides the wheels, the drawbar, the body of the chariot, the seat, and so on. “If you have come in your chariot, consider, O great king,” says the sage Nagasena to the king, “that everything you have before you in the chariot is nothing other than the wheels, the shaft, the body of the chariot, the seat—and nothing else exists besides a word that sums up the wheels, shaft, body of the chariot, seat, and so on. You cannot, therefore, speak of a particular individuality of the chariot; rather, you must realize that ‘chariot’ is an empty word if you think of anything other than its parts, its components.” And Nagasena, the sage, offers yet another parable to King Milinda. “Consider the almond fruit growing on the tree,” he said, “and consider that a seed was taken from another fruit, placed in the earth, and rotted; from this the tree grew, and upon it the almond fruit. Can you say that the fruit on the tree has anything in common with that fruit—which was taken as a seed, placed in the earth, and decayed—other than its name and outward form?” —That, Nagasena means to say, is how much a person has in common with the person of his previous incarnation, just as the almond fruit on the tree has in common with the almond fruit that was placed in the earth as a seed; and whoever believes that what stands before us as a human being—what is swept away with death—is anything other than name and form believes something just as false as the one who believes that the cart—in the name “cart”—contains something other than the parts of the cart: wheels, drawbar, and so on. Nothing of what the human being designates as the “I” passes over from the previous incarnation into the new incarnation.
[ 11 ] Das ist wichtig! Und es ist immer wieder und wieder zu betonen: es kommt nicht darauf an, wie es dem einen oder dem anderen einfällt, dieses oder jenes Wort Buddhas zu interpretieren, sondern wie der Buddhismus im Bewußtsein der Bevölkerung gewirkt hat, was er den Seelen gegeben hat! Und was er den Seelen gegeben hat, das ist eben ungeheuer klar und bedeutsam mit diesem Gleichnis ausgedrückt, das uns von dem König Milinda und dem buddhistischen Weisen überliefert ist. Was wir das Ich nennen, und wovon wir sagen, daß es gefühlt und empfunden wird zunächst vom Menschen, wenn er auf sein Inneres reflektiert, von dem sagt der Buddhist: Es ist im Grunde genommen etwas, was dahinfließt, und was der Maja angehört, ebenso wie alles andere, was nicht von einer Inkarnation in die andere geht.
[ 11 ] This is important! And it cannot be emphasized enough: what matters is not how one person or another chooses to interpret this or that saying of the Buddha, but how Buddhism has influenced the consciousness of the people, what it has given to their souls! And what it has given to the souls is expressed with tremendous clarity and significance in this parable handed down to us by King Milinda and the Buddhist sage. What we call the “I,” and of which we say that it is felt and perceived first and foremost by the human being when he reflects on his inner self—of this the Buddhist says: It is, in essence, something that flows away and belongs to Maya, just like everything else that does not pass from one incarnation to the next.
[ 12 ] Ich habe schon einmal erwähnt: ein christlicher Weiser, der zu parallelisieren wäre mit dem buddhistischen Weisen, würde anders zu dem König Milinda gesprochen haben. Der buddhistische Weisesagte zu dem König: Betrachte dir den Wagen! Räder, Deichsel und so weiter, das sind die Teile des Wagens, und über diese Teile hinaus ist «Wagen» nur Name und Form. Du hast nichts Reales gegeben in dem Wagen mit dem Namen Wagen; sondern wenn du zum Realen gehen willst, mußt du die Teile nennen. — Der christliche Weise würde über denselben Fall in folgender Art gesprochen haben: O weiser König Milinda, du bist zu Wagen gekommen. Sieh dir an den Wagen: du kannst an dem Wagen nur sehen die Räder, die Deichsel, den Wagenkasten und so weiter. Aber ich frage dich einmal: Kannst du mit den bloßen Rädern hierher fahren?, kannst du mit der bloßen Deichsel hierher fahren?, kannst du mit dem bloßen Sitz hierher fahren? und so weiter. Du kannst also auf allen Teilen nicht hierher fahren! Sofern sie Teile sind, machen sie den Wagen; aber auf den Teilen kannst du nicht hierherkommen. Wenn aber die Teile zusammen den Wagen ausmachen, so ist noch etwas anderes notwendig, als daß sie Teile sind. Das ist zunächst für den Wagen der ganz bestimmte Gedanke, der Räder, Deichsel, Wagenkasten und so weiter zusammenfügt. Und der Gedanke des Wagens ist etwas ganz Notwendiges, was du zwar nicht sehen kannst, was du aber darum doch anerkennen mußt! — Und der Weise würde dann übergehen auf den Menschen und sagen: Von dem einzelnen Menschen kannst du nur sehen den äußeren Leib, die äußeren Taten und die äußeren seelischen Erlebnisse; du siehst aber an dem Menschen so wenig sein Ich, wie du den Namen Wagen an seinen einzelnen Teilen siehst. Aber wie etwas ganz anderes in den Teilen begründet ist, — nämlich das, was dich hierher fahren läßt, so ist auch beim Menschen in allen seinen Teilen etwas ganz anderes begründet, nämlich das, was das Ich ausmacht. Das Ich ist etwas Reales, was als ein Übersinnliches von Inkarnation zu Inkarnation geht.
[ 12 ] I have mentioned this before: a Christian sage, who could be compared to the Buddhist sage, would have spoken differently to King Milinda. The Buddhist sage said to the king: “Consider the chariot! Wheels, the drawbar, and so on—these are the parts of the chariot, and beyond these parts, “chariot” is merely a name and a form. There is nothing real in the chariot that bears the name “chariot”; rather, if you wish to grasp the reality, you must name the parts.” — The Christian sage would have spoken of the same case in the following manner: “O wise King Milinda, you have come to the chariot. Look at the chariot: you can see only the wheels, the shaft, the body of the chariot, and so on. But let me ask you this: Can you drive here with just the wheels? Can you drive here with just the shaft? Can you drive here with just the seat? And so on. So you cannot drive here on any of the parts! Insofar as they are parts, they make up the cart; but you cannot come here on the parts. But if the parts together make up the cart, then something else is necessary besides their being parts. For the cart, this is first and foremost the very specific idea that brings the wheels, the drawbar, the body, and so on together. And the idea of the carriage is something absolutely necessary, which you cannot see, but which you must nevertheless acknowledge! — And the sage would then turn to the human being and say: Of the individual human being, you can see only the outer body, the outer deeds, and the outer experiences of the soul; but you see as little of the human being’s I as you see the name “carriage” in its individual parts. But just as something entirely different is grounded in the parts—namely, that which causes you to be driven here—so too is something entirely different grounded in all the parts of the human being, namely, that which constitutes the I. The I is something real, which, as a supersensible entity, passes from incarnation to incarnation.
[ 13 ] Wie müssen wir uns etwa das Schema der buddhistischen Reinkarnationslehre denken, wenn es entsprechend der bloß buddhistischen Theorie dargestellt werden soll?
[ 13 ] How, for example, should we conceptualize the framework of the Buddhist doctrine of reincarnation if it is to be presented strictly in accordance with Buddhist theory?


[ 14 ] Mit dem Kreis wollen wir zeichnen die Erscheinung eines Menschen zwischen Geburt und 'Tod. Der Mensch stirbt. Der Zeitpunkt seines Sterbens sei mit der Linie AB angedeutet. Was bleibt nun übrig von allem, das in das gegenwärtige Dasein zwischen Geburt und Tod hineingebannt ist? Eine Summe von Ursachen, die Ergebnisse der Taten, alles was der Mensch Gutes oder Böses, Schönes oder Häßliches, Gescheites oder Dummes getan hat, bleibt übrig. Was da übrig bleibt, wirkt als Ursachen weiter und bildet einen Ursachenkern C für die nächste Inkarnation. Da herum gliedern sich in der nächsten Inkarnation D neue Leibeshüllen; die erleben neue Tatsachen, neue Erlebnisse gemäß diesem früheren Ursachenkern. Es bleibt dann von diesen Erlebnissen und so weiter wieder ein Kern von Ursachen E für die folgende Inkarnation, die das, was von der früheren Inkarnation in sie hereinragt, umschließen kann, und das dann mit dem, was als etwas ganz Selbständiges während dieser Inkarnation hinzukommt, wieder den Ursachenkern für die nächste Inkarnation bildet und so fort. Das heißt: es erschöpft sich das, was durch die Inkarnationen hindurchgeht, in Ursachen und Wirkungen, die, ohne daß ein gemeinschaftliches Ich die Inkarnationen zusammenhält, von einer Inkarnation in die andere hinüberwirken. Wenn ich mich also in dieser Inkarnation mit «Ich» nenne, ist das nicht aus dem Grunde, weil dasselbe Ich auch in der vorhergehenden Inkarnation da war, denn von der vorherigen Inkarnation ist nur das vorhanden, was die karmischen Resultate sind, und was ich mein Ich nenne, ist nur eine Maja der gegenwärtigen Reinkarnation.
[ 14 ] With the circle, we wish to depict the existence of a human being between birth and ‘death.’ The human being dies. Let the line AB indicate the moment of death. What, then, remains of everything that is bound up in the present existence between birth and death? A sum of causes—the results of actions, everything a person has done that is good or evil, beautiful or ugly, wise or foolish—remains. What remains there continues to act as causes and forms a causal core C for the next incarnation. Around this, new physical bodies D are formed in the next incarnation; these experience new facts and new experiences in accordance with this earlier causal core. From these experiences and so on, a core of causes E remains for the following incarnation, which can encompass what extends into it from the previous incarnation, and which then, together with what is added as something entirely independent during this incarnation, again forms the causal core for the next incarnation, and so on. That is to say: what passes through the incarnations is exhausted in causes and effects that, without a common “I” holding the incarnations together, carry over from one incarnation to the next. So when I call myself “I” in this incarnation, it is not because the same “I” was also present in the previous incarnation, for all that remains from the previous incarnation are the karmic results, and what I call my “I” is merely a maya of the present reincarnation.


[ 15 ] Wer den Buddhismus wirklich kennt, muß ihn in dieser Weise darstellen; und er muß sich klar sein, daß das, was wir das Ich nennen, gar keinen Platz hat innerhalb des Buddhismus.
[ 15 ] Anyone who truly understands Buddhism must present it in this way; and they must realize that what we call the “self” has no place at all within Buddhism.
[ 16 ] Nun gehen wir aber zu dem, was wir wissen aus der anthroposophischen Erkenntnis: Wodurch ist denn der Mensch überhaupt imstande geworden sein Ich auszubilden? Durch die Erdenentwickelung! Und erst im Laufe der Erdenentwickelung ist der Mensch dazu gekommen, sein Ich auszubilden. Es kam hinzu zu seinem physischen Leib, Ätherleib und Astralleib auf der Erde sein Ich. Nun wissen wir, wenn wir uns erinnern an alles, was wir zu sagen hatten über die Entwickelungsphasen des Menschen während der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, daß noch während der Mondenzeit der menschliche physische Körper eine ganz bestimmte Form nicht hatte, daß er erst auf der Erde diese Form erhalten hat. Daher sprechen wir auch von dem Erdendasein als derjenigen Epoche, in welcher die Geister der Form erst eingriffen und den physischen Leib des Menschen so umgestalteten, daß er jetzt seine Form hat. Diese Formung des menschlichen physischen Leibes war aber notwendig, damit das Ich Platz greifen konnte im Menschen, damit das, was als physischer Erdenleib geformt der physischen Erde gegenübersteht, die Grundlage bietet für die Entstehung des Ich, wie wir es kennen. Wenn wir das bedenken, wird uns das Folgende nicht mehr unbegreiflich erscheinen.
[ 16 ] But let us now turn to what we know from anthroposophical insight: How did human beings come to be able to develop their I in the first place? Through the evolution of the Earth! And it was only in the course of the Earth’s evolution that human beings came to develop their I. His ‘I’ was added to his physical body, etheric body, and astral body on Earth. Now, if we recall everything we have said about the stages of human development during the Saturn, Sun, and Moon epochs, we know that even during the Moon epoch the human physical body did not yet have a specific form; it was only on Earth that it acquired this form. That is why we also speak of the Earth existence as the epoch in which the spirits of form first intervened and reshaped the human physical body so that it now has its form. This shaping of the human physical body was necessary, however, so that the I could take hold within the human being, so that what stands before the physical Earth as a formed physical body provides the foundation for the emergence of the I as we know it. When we consider this, what follows will no longer seem incomprehensible to us.
[ 17 ] Wir haben in bezug auf die Schätzung des Ich bei den Griechen davon gesprochen, daß dieses Ich seinen äußeren Ausdruck in der äußeren Menschenform findet. Gehen wir jetzt zum Buddhismus über, und erinnern wir uns, daß der Buddhismus mit seiner Erkenntnis die äußere Form des menschlichen physischen Leibes möglichst rasch abwerfen und überwinden will. Können wir uns da noch verwundern, daß wir bei ihm keine Schätzung dessen finden, was mit dieser Form des physischen Leibes zusammenhängt? So wenig, wie aus dem innersten Nerv des Buddhismus heraus die äußere Form des physischen Leibes geschätzt wird, so wenig wird die äußere Form, die das Ich braucht, um zum Dasein zu kommen, geschätzt, — ja, sogar vollständig abgelehnt. Der Buddhismus hat also die Form des Ich verloren durch die Art, wie er die Form des physischen Leibes schätzte.
[ 17 ] In discussing the Greeks’ conception of the self, we have noted that this self finds its outward expression in the physical form of the human being. Let us now turn to Buddhism, and remember that Buddhism, through its insight, seeks to shed and transcend the outer form of the human physical body as quickly as possible. Can we then be surprised that we find no appreciation in it for what is connected with this form of the physical body? Just as the outer form of the physical body is not valued from the innermost core of Buddhism, so too is the outer form that the ego needs to come into being not valued—indeed, it is even completely rejected. Buddhism has thus lost the form of the ego through the way it valued the form of the physical body.
[ 18 ] So sehen wir, wie diese zwei Geistesströmungen einander polarisch gegenüberstehen: das Griechentum, von dem wir fühlen, daß es die äußere Form des physischen Leibes als die äußere Form des Ich am höchsten schätzte, und der Buddhismus, der da verlangt, daß die äußere Form des physischen Leibes mit allem Drang nach Dasein möglichst bald überwunden wird, und der daher in seiner Theorie das Ich vollständig verloren hat.
[ 18 ] Thus we see how these two spiritual currents stand in polar opposition to one another: Hellenism, which we feel valued the outer form of the physical body as the outer form of the ego above all else, and Buddhism, which demands that the outer form of the physical body, along with all the urge to exist, be overcome as soon as possible, and which has therefore completely lost the ego in its theory.
[ 19 ] Zwischen diesen beiden einander entgegengesetzten Weltanschauungen steht das althebräische Altertum mitten drinnen. Dieses ist weit davon entfernt, von dem Ich so gering zu denken, wie etwa der Buddhismus. Sie brauchen sich nur zu erinnern, daß es innerhalb des Buddhismus eine Ketzerei ist, ein fortlaufendes Ich von einer Inkarnation zur nächsten Inkarnation anzuerkennen. Aber das althebräische Altertum hält es sehr stark mit dieser Ketzerei. Und es wäre keinem Bekenner des althebräischen Altertums in den Sinn gekommen, daß das, was im Menschen lebt als sein eigentlicher göttlicher Funke — womit er seinen Ich-Begriff verbindet — sich verliert, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Wenn wir uns klarmachen wollen, wie der Bekenner des althebräischen Altertums zu der Sache stand, so müssen wir sagen: Er fühlt sich in seinem Innern mit der Gottheit verbunden, innig verbunden; er weiß, daß er gleichsam mit den besten Fäden seines Seelenlebens an dem Wesen dieser Gottheit hängt. So ist der Bekenner des althebräischen Altertums in bezug auf den Ich-Begriff weit verschieden von dem buddhistischen Bekenner, aber er ist auf der anderen Seite auch weit verschieden von dem Griechen. Wenn man das ganze Altertum durchgeht: jene Schätzung der Persönlichkeit und damit auch jene Schätzung der äußeren menschlichen Form, wie sie dem Griechen eigen ist, ist im hebräischen Altertum nicht vorhanden. Für den Griechen wäre es schlechterdings ein absoluter Unsinn gewesen zu sagen: Du sollst dir von deinem Gotte kein Bild machen! Das würde er nicht verstanden haben, wenn ihm jemand gesagt hätte: Du sollst dir von deinem Zeus, von deinem Apollo und so weiter kein Bild machen! Denn er hatte das Gefühl, daß das Höchste die äußere Form ist, und daß das Höchste, was der Mensch den Göttern antun kann, das ist, sie mit dieser von ihm geschätzten menschlichen Form zu bekleiden; und nichts wäre ihm absurder vorgekommen als ein Gebot: Du sollst dir von dem Gotte kein Bild machen! Seine Menschheitsform gab der Grieche als Künstler auch seinen Göttern. Und um das wirklich zu werden, was er sich dachte — ein Ebenbild der Gottheit —, dazu führte er seine Kämpfe, übte seine Gymnastik und so weiter, um so recht ein Abbild des Gottes zu werden.
[ 19 ] Ancient Hebrew culture stands right in the middle between these two opposing worldviews. This is far from thinking so little of the self as, for example, Buddhism does. You need only recall that within Buddhism it is heresy to acknowledge a continuous self from one incarnation to the next. But ancient Hebrew tradition adheres very strongly to this heresy. And it would never have occurred to any adherent of ancient Hebrew tradition that what lives within the human being as his actual divine spark—with which he associates his concept of the self—is lost when the human being passes through the gate of death. If we wish to understand clearly how the adherent of ancient Hebrew tradition viewed the matter, we must say: He feels inwardly connected to the deity, intimately connected; he knows that he is, as it were, attached to the essence of this deity by the finest threads of his soul life. Thus, the adherent of ancient Hebrew antiquity differs greatly from the Buddhist adherent with regard to the concept of the “I,” but on the other hand, he also differs greatly from the Greek. If one surveys the whole of antiquity: that esteem for the personality—and thus also that esteem for the external human form—which is characteristic of the Greek, is absent in ancient Hebrew times. For the Greek, it would have been utter nonsense to say: “You shall not make for yourself an image of your God!” He would not have understood it if someone had told him: ‘You shall not make for yourself an image of your Zeus, of your Apollo, and so on!’ For he felt that the highest reality is the external form, and that the greatest thing a human being can do for the gods is to clothe them in this human form that he values; and nothing would have seemed more absurd to him than a commandment: ‘You shall not make for yourself an image of God!’ As an artist, the Greek also gave his gods this human form. And in order to truly become what he envisioned—a likeness of the deity—he waged his battles, practiced his gymnastics, and so on, so as to become a true image of the god.
[ 20 ] Das althebräische Altertum hatte aber das Gebot: Du sollst dir kein Bild machen von dem Gotte! aus dem Grunde, weil der Bekenner des althebräischen Altertums die äußere Form nicht so schätzte wie die Griechen, weil er sie für unwürdig gehalten hätte dem Wesen der Göttlichkeit gegenüber. So weit also der Bekenner des althebräischen Altertums auf der einen Seite entfernt war von dem Anhänger des Buddhismus, der am liebsten die menschliche Form beim Durchschreiten des Todes ganz abgestreift hätte, so weit war er auf der anderen Seite entfernt von dem Griechen. Er war darauf bedacht, daß diese Form gerade zum Ausdruck brachte, was die Gebote, die Gesetze der göttlichen Wesenheit sind, und er war sich klar, daß der, welcher ein «Gerechter» war, in den folgenden Generationen durch die Geschlechter fortpflanzte, was er als Gerechtes gesammelt hatte. Nicht die Auslöschung der Form, sondern die Fortpflanzung der Form durch die Geschlechter war es, was dem Bekenner des althebräischen Altertums vor Augen stand. Als ein drittes stand also die Ansicht eines Anhängers des althebräischen Volkes mitten drinnen zwischen der Anschauung des Buddhisten, der die Wertung des Ich verloren hatte, und dem Griechen, der in der Leibesform das Höchste sah, und der es als traurig empfand, wenn die Leibesform mit dem "Tode verschwinden mußte.
[ 20 ] Ancient Hebrew tradition, however, had the commandment: “You shall not make for yourself an image of God!” The reason for this was that the adherents of ancient Hebrew tradition did not value outward form as highly as the Greeks did, because they considered it unworthy of the divine essence. Thus, just as the adherent of ancient Hebrew tradition was, on the one hand, far removed from the follower of Buddhism, who would have preferred to shed the human form entirely upon passing through death, so too was he, on the other hand, far removed from the Greek. He was concerned that this form should precisely express what the commandments, the laws of the divine essence, are, and he was clear that the one who was a “righteous person” would, through the generations, pass on to posterity what he had gathered as righteousness. It was not the extinction of the form, but the propagation of the form through the generations that was before the eyes of the adherent of ancient Hebrew antiquity. Thus, a third view stood in the midst: that of a follower of the ancient Hebrew people, situated between the perspective of the Buddhist, who had lost the value of the ego, and that of the Greek, who saw the physical form as the highest good and who found it sad when the physical form had to “disappear with death.”
[ 21 ] So standen sich die drei Anschauungen gegenüber. Und um das althebräische Altertum noch besser zu verstehen, müssen wir uns klarmachen, daß dem Bekenner des althebräischen Altertums das, was er als sein Ich schätzte, zugleich das göttliche Ich in einer gewissen Beziehung war. Der Gott lebte weiter in der Menschheit, lebte in dem Menschen drinnen. Und in der Verbindung mit dem Gotte fühlte der alte Hebräer zugleich sein Ich. So war das Ich, das er fühlte, zusammenfallend mit dem göttlichen Ich. Das göttliche Ich trug ihn; das göttliche Ich war aber auch wirksam in ihm. Sagte der Grieche: Ich schätze mein Ich so stark, daß ich nur mit Schaudern hinschaue auf das, was mit dem Ich nach dem Tode wird!, sagte der Buddhist: Es soll möglichst bald das, was die Ursache der äußeren Form des Menschen ist, abfallen von dem Menschen!, so sagte der Bekenner des althebräischen Altertums: Ich bin mit dem Gotte verbunden; es ist mein Schicksal. Und solange ich mit ihm verbunden bin, trage ich mein Schicksal. Ich kenne nichts anderes als die Identifizierung meines Ich mit dem göttlichen Ich! In dieser Denkweise des alten Judentums, weil sie in der Mitte steht zwischen Griechentum und Buddhismus, liegt nicht wie im Griechentum selbst von vornherein die Anlage zur Tragik gegenüber der Erscheinung des Todes, sondern diese Tragik liegt in einer mittelbareren Weise darin. Und wenn es echt griechisch ist, daß der Heros sagt: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt — das heißt mit der menschlichen Leibesform — als ein König im Reich der Schatten —, so hätte der Bekenner des althebräischen Altertums dies nicht ohne weiteres sagen können. Denn er weiß, wenn im Tode seine Leibesform abfällt, bleibt er mit dem Gotte verbunden. Einfach durch die Tatsache des Todes kann er nicht in tragische Stimmung verfallen. Dennoch ist — wenn auch mittelbar — die Anlage zur Tragik im althebräischen Altertum vorhanden, und sie ist ausgedrückt in der wunderbarsten dramatischen Erzählung, die im Altertum überhaupt geschrieben worden ist, in der Hiob-Erzählung.
[ 21 ] Thus, these three perspectives stood in opposition to one another. And in order to understand ancient Hebrew culture even better, we must realize that for the adherent of ancient Hebrew culture, what he valued as his own self was, in a certain sense, also the divine self. God lived on in humanity, lived within the human being. And in union with God, the ancient Hebrew simultaneously felt his own self. Thus, the self he felt coincided with the divine self. The divine self sustained him; but the divine self was also active within him. While the Greek said: “I value my self so highly that I can only look with dread upon what becomes of the self after death!” and the Buddhist said: “What is the cause of the human being’s outer form must fall away from the human being as soon as possible!”—the adherent of ancient Hebrew tradition said: “I am united with God; it is my destiny. And as long as I am united with him, I bear my destiny. I know nothing other than the identification of my self with the divine Self! In this way of thinking of ancient Judaism—because it stands midway between Hellenism and Buddhism—the predisposition to tragedy in the face of death does not lie, as in Hellenism itself, from the outset; rather, this tragedy lies therein in a more indirect way. And if it is truly Greek for the hero to say: “Better to be a beggar in the upper world—that is, in human bodily form—than a king in the realm of shadows,” the adherent of ancient Hebrew antiquity could not have said this without further ado. For he knows that when his bodily form falls away in death, he remains connected to God. Simply by virtue of the fact of death, he cannot fall into a tragic mood. Nevertheless, the predisposition to tragedy is present—albeit indirectly—in ancient Hebrew antiquity, and it is expressed in the most marvelous dramatic narrative ever written in antiquity: the Book of Job.
[ 22 ] Da sehen wir, wie das Ich des Hiob sich angeknüpft fühlt an seinen Gott und in Konflikt kommt mit seinem Gott — aber auf andere Art, als das griechische Ich in Konflikt kommt. Da wird uns geschildert, wie über Hiob hereinbricht Unglück über Unglück, trotzdem er sich bewußt ist, daß er ein gerechter Mann ist und alles getan hat, was aufrechterhalten kann den Zusammenhang seines Ich mit dem göttlichen Ich. Und während es schien, daß sein Dasein gesegnet ist und gesegnet sein mußte, bricht das tragische Schicksal herein. Er ist sich keiner Sünde bewußt; er ist sich bewußt, daß er getan hat, was ein Gerechter gegenüber seinem Gotte tun muß. Da wird ihm angekündigt, daß zerstört ist all sein Hab und Gut, getötet seine ganze Familie; da wird er selbst in bezug auf seinen äußeren Leib, diese göttliche Form, mit schwerer Krankheit und Drangsal belegt. Da steht er, der sich bewußt ist: Was in mir mit meinem Gotte zusammenhängt, das hat sich bemüht, gerecht zu sein gegenüber seinem Gotte, und mein von diesem Gotte verhängtes Schicksal ist das, was mich hereingestellt hat in die Welt. Dieses Gottes Taten, sie haben mich so schwer getroffen! Und da steht sein Weib neben ihm und fordert ihn auf mit eigentümlichem Worte, seinem Gotte abzusagen. Diese Worte sind richtig überliefert. Was da sein Weib spricht, ist eines von denjenigen Worten, die unmittelbar dem entsprechen, was auch die Akasha-Chronik sagt: «Sage deinem Gotte ab, da du so leiden mußt, da er diese Leiden über dich gebracht hat, und stirb!» Wieviel Unendliches liegt in diesen Worten: Verliere das Bewußtsein des Zusammenhanges mit deinem Gotte; dann fällst du heraus aus dem göttlichen Zusammenhange, fällst ab wie ein Blatt vom Baum, und dein Gott kann dich nicht mehr strafen! — Das Verlieren des Zusammenhanges mit dem Gotte ist aber zugleich der Tod! Denn solange sich das Ich zusammenhängend fühlt mit dem Gotte, kann der "Tod es nicht erreichen. Es muß sich von dem Zusammenhange mit dem Gotte abreißen; dann kann der Tod es erst erreichen. Der äußere Schein spricht so, daß im Grunde genommen alles gegen den Gerechten Hiob ist; seine Frau sieht die Leiden, rät ihm dazu, dem Gotte abzusagen und zu sterben; seine Freunde kommen und sagen, du mußt das und das getan haben; denn Gott straft keinen Gerechten! Er ist sich aber bewußt, daß das, was sein persönliches Bewußtsein umfaßt, keine Ungerechtigkeit getan hat. Er steht so durch das, was ihm in der äußeren Welt entgegentritt, vor einer ungeheuren Tragik, vor der Tragik des Nichtverstehenkönnens der ganzen menschlichen Wesenheit, des Sichverbundenfühlens mit dem Gotte und des Nichtverstehens, wie aus dem Gotte das fließen kann, was er erlebt.
[ 22 ] Here we see how Job’s self feels bound to his God and comes into conflict with him—but in a different way than the Greek self does. We are shown how misfortune upon misfortune befalls Job, even though he is aware that he is a righteous man and has done everything that can maintain the connection between his self and the divine Self. And while it seemed that his existence was blessed and had to be blessed, tragic fate strikes. He is conscious of no sin; he is conscious that he has done what a righteous man must do toward his God. Then he is told that all his possessions have been destroyed, his entire family killed; then he himself, in regard to his outer body, this divine form, is afflicted with severe illness and tribulation. There he stands, conscious of this: That which in me is connected to my God has striven to be righteous toward his God, and the fate decreed upon me by this God is that which has brought me into the world. These deeds of God—they have struck me so hard! And there stands his wife beside him, urging him with peculiar words to renounce his God. These words have been accurately handed down. What his wife speaks there is one of those words that directly correspond to what the Akashic Records also say: “Renounce your God, since you must suffer so, since He has brought these sufferings upon you, and die!” How much infinity lies in these words: Lose the awareness of your connection with your God; then you will fall out of the divine connection, fall away like a leaf from a tree, and your God can no longer punish you! — But losing the connection with God is at the same time death! For as long as the self feels connected to God, “death” cannot reach it. It must tear itself away from the connection with God; only then can death reach it. Outward appearances suggest that, fundamentally, everything is against the righteous Job; his wife sees his suffering, advises him to renounce God and die; his friends come and say, “You must have done this or that,” for God does not punish the righteous! But he is aware that, as far as his personal consciousness is concerned, he has committed no injustice. Thus, through what confronts him in the external world, he stands before an immense tragedy—the tragedy of the inability to comprehend the whole of human existence, of feeling connected to God, and of not understanding how what he is experiencing can flow from God.
[ 23 ] Denken wir uns das in aller Stärke auf eine menschliche Seele abgelagert, und denken wir uns jetzt aus dieser Seele hervorbrechend die Worte, die uns aus der Hiob-Überlieferung erzählt sind: «Ich weiß, daß mein Erlöser lebt! Ich weiß, daß ich einmal wieder umkleidet sein werde mit meinem Gebein, mit meiner Haut — und anschauen werde den Gott, mit dem ich zusammen bin!» — Dieses Bewußtsein der Unzerstörbarkeit der menschlichen Individualität bricht hervor trotz alles Leides und aller Schmerzen aus Hiobs Seele. So stark ist das Ich-Bewußtsein als Inneres in dem althebräischen Bekenntnis enthalten. Aber etwas höchst Merkwürdiges tritt uns da entgegen. «Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!» — sagt Hiob — «Ich weiß, daß ich einstmals wieder umgeben sein werde mit meiner Haut und aus meinen Augen sehen werde die Herrlichkeit meines Gottes!» Mit dem Erlöser-Gedanken bringt Hiob in Zusammenhang den äußeren Leib, Haut und Gebein, Augen, die physisch sehen. Sonderbar: plötzlich tritt uns gerade in diesem, zwischen Griechentum und Buddhismus mitten drinnen stehenden althebräischen Bewußtsein ein Bewußtsein von der Bedeutung der physischen Leibesform entgegen im Zusammenhange mit dem Erlöser-Gedanken, der dann der Grund und Boden geworden ist für den Christus-Gedanken! Und wenn wir die Antwort des Weibes des Hiob nehmen, fällt noch mehr Licht auf die ganze Aussage des Hiob. «Sage deinem Gotte ab und stirb!», das heißt: wer also nicht seinem Gotte absagt, der stirbt nicht. Das liegt in diesen Worten. Was heißt denn aber sterben? Sterben heißt, den physischen Leib abwerfen. Die äußere Maja scheint zu sagen, daß der physische Leib in die Elemente der Erde übergeht und sozusagen verschwindet. In der Antwort der Frau des Hiob liegt also: Mache, was nötig ist, damit dein physischer Leib verschwindet. — Denn anders könnte es nicht heißen; sonst könnten die nachfolgenden Worte des Hiob keinen Sinn haben. Dann allein kann man so etwas verstehen, wenn man das, wodurch uns der Gott hineinversetzt hat in die Welt, verstehen kann: nämlich die Bedeutung des physischen Leibes. Hiob selber aber sagt — denn das liegt wieder in seinen Worten: O ich weiß ganz genau, ich brauche nicht das zu tun, was meinen physischen Leib völlig verschwinden läßt, was nur der äußere Schein darbietet. Es gibt eine Möglichkeit, daß das gerettet werden kann dadurch, daß mein Erlöser lebt — was ich nicht anders als mit den Worten zusammenfassen kann: Ich werde einmal regeneriert zusammenhaben meine Haut, mein Gebein und werde mit meinen Augen sehen die Herrlichkeit meines Gottes; ich werde erhalten können die Gesetzmäßigkeit meines physischen Leibes; aber dazu muß ich das Bewußtsein haben, daß mein Erlöser lebt!
[ 23 ] Let us imagine this imprinted with all its power upon a human soul, and let us now imagine the words that have been handed down to us from the Book of Job bursting forth from that soul: “I know that my Redeemer lives! I know that I shall once again be clothed with my bones, with my skin—and shall behold the God with whom I am!”—This awareness of the indestructibility of human individuality bursts forth from Job’s soul despite all suffering and pain. So strong is the sense of self contained as an inner essence in the ancient Hebrew confession. But something most remarkable confronts us here. “I know that my Redeemer lives!”—says Job—“I know that I shall once again be clothed with my skin and see with my own eyes the glory of my God!” Job connects the idea of the Redeemer with the outer body—skin and bones, eyes that see physically. Strange: suddenly, precisely in this ancient Hebrew consciousness—standing right in the middle between Hellenism and Buddhism—we encounter an awareness of the significance of the physical bodily form in connection with the idea of the Redeemer, which then became the very foundation for the idea of Christ! And when we consider the response of Job’s wife, even more light is shed on Job’s entire statement. “Renounce your God and die!”—that is to say: whoever does not renounce his God does not die. That is what these words imply. But what does it mean to die? To die means to shed the physical body. Outward Maya seems to say that the physical body passes into the elements of the earth and, so to speak, disappears. So the meaning of Job’s wife’s reply is: Do whatever is necessary so that your physical body disappears. — For it could not mean anything else; otherwise, Job’s subsequent words would make no sense. Only then can one understand such a thing, if one can understand that through which God has placed us in the world: namely, the significance of the physical body. But Job himself says—for this, too, lies in his words: “Oh, I know full well, I need not do what causes my physical body to vanish completely, which is merely what outward appearance suggests.” There is a possibility that this can be saved through the fact that my Redeemer lives—which I can summarize only with these words: I shall one day be regenerated, having my skin and my bones together, and I shall see with my own eyes the glory of my God; I shall be able to retain the natural order of my physical body; but for this I must have the awareness that my Redeemer lives!
[ 24 ] So tritt uns in dieser Hiob-Erzählung, zum ersten Male, möchte man sagen, ein Zusammenhang entgegen zwischen der physischen Leibesform — was der Buddhist abstreifen möchte, was der Grieche abfallen sieht und darüber Trauer empfindet — und dem IchBewußtsein. Es tritt uns zum ersten Male etwas entgegen wie eine Aussicht auf eine Rettung dessen, was die Schar der Götter von dem alten Saturn, Sonne und Mond bis zur Erde herein als die physische Leibesform hervorgebracht hat und was notwendig macht, wenn es erhalten werden soll, wenn man von ihm sagen soll, daß es ein Resultat hat, was uns in Knochen, Haut und Sinnesorganen gegeben ist, daß man das andere dazufügt: Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!
[ 24 ] Thus, in this account of Job, we encounter—for the first time, one might say—a connection between the physical body—which the Buddhist seeks to shed, which the Greek sees as falling away and mourns—and self-consciousness. For the first time, we are confronted with something like a prospect of salvation for that which the host of gods, from ancient Saturn, the Sun, and the Moon down to the Earth, has brought forth as the physical body—and which, if it is to be preserved, if one is to say that it has a result, that which is given to us in bones, skin, and sense organs, requires that the following be added: I know that my Redeemer lives!
[ 25 ] Sonderbar, — so könnte jemand nach dem jetzt Gesagten die Frage aufwerfen — geht etwa aus der Hiob-Erzählung hervor, daß der Christus die Toten auferwecke, die Leibesform rette, von der die Griechen glaubten, daß sie verschwinden würde? Und liegt vielleicht darin etwa, daß es nicht richtig ist, im vollen Sinne des Wortes, für die Gesamtentwickelung der Menschheit, daß die äußere Leibesform ganz verschwindet? Wird sie etwa einverwoben dem ganzen Entwickelungsprozeß der Menschheit? Spielt das eine Rolle in der Zukunft, und hängt das mit der Christus-Wesenheit zusammen?
[ 25 ] Strange, — one might ask in light of what has just been said — does the story of Job really suggest that Christ raises the dead and preserves the physical form that the Greeks believed would vanish? And does this perhaps imply that it is not right, in the full sense of the word, for the overall development of humanity, for the outer physical form to disappear entirely? Is it perhaps interwoven with the entire process of human development? Does this play a role in the future, and is it connected to the Christ Being?
[ 26 ] Diese Frage wird uns aufgegeben. Und da kommen wir dazu, das, was wir in der Geisteswissenschaft bisher gehört haben, in einer gewissen Weise zu erweitern. Wir hören, daß, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, wir den Ätherleib wenigstens beibehalten, den physischen Leib aber ganz abstreifen, ihn äußerlich den Elementen ausgeliefert sehen. Aber seine Form, an der durch Jahrmillionen und Jahrmillionen gearbeitet worden ist, geht sie wesenlos verloren oder wird sie in einer gewissen Weise erhalten?
[ 26 ] This question is posed to us. And this brings us to the point where we must, in a certain sense, expand upon what we have heard so far in spiritual science. We hear that when we pass through the gate of death, we retain at least the etheric body, but shed the physical body entirely, seeing it outwardly cast to the elements. But does its form—at which work has been done for millions and millions of years—vanish without a trace, or is it preserved in a certain way?
[ 27 ] Diese Frage betrachten wir als das Resultat der heutigen Auseinandersetzung und treten morgen an die Frage heran: In welchem Verhältnisse steht der Impuls des Christus für die Menschheitsentwickelung zu der Bedeutung des äußeren physischen Leibes, der durch die ganze Erdentwickelung dem Grabe, dem Feuer oder der Luft übergeben worden ist, und der in seiner Erhaltung in bezug auf seine Form für die Zukunft der Menschheit nötig ist?
[ 27 ] We consider this question to be the result of today’s discussion and will address the following question tomorrow: What is the relationship between the Christ impulse for human development and the significance of the outer physical body, which throughout the entire development of the Earth has been consigned to the grave, fire, or the air, and which, in terms of its form, must be preserved for the future of humanity?
