Von Jesus zu Christus
GA 131
9 Oktober 1911, Karlsruhe
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Wenn Sie bedenken, daß aus unseren Vorträgen hervorgegangen ist, daß der Christus-Impuls als der tiefgehendste in den Entwickelungsvorgängen der Menschheit angesehen werden muß, so werden Sie es ohne Zweifel auch selbstverständlich finden, daß einige Anstrengung unserer Geisteskräfte notwendig ist, um die volle Bedeutung und den ganzen Umfang dieses Christus-Impulses zu verstehen. Es ist ja gewiß in den weitesten Kreisen die Unart vorhanden, daß man sagt, was das Höchste in der Welt sei, müsse in der allereinfachsten Weise zu begreifen sein; und wenn jemand über die Quellen des Daseins kompliziert zu sprechen gezwungen wäre, müsse man dies schon aus dem Grunde ablehnen, weil der Satz gelten müsse: die Wahrheit muß einfach sein. Zuletzt ist sie ja auch gewiß einfach. Aber wenn wir das Höchste kennenlernen wollen auf einer gewissen Stufe, so ist es unschwer einzusehen, daß wir erst einen Weg machen müssen, um das Höchste zu begreifen. Und so werden wir wieder mancherlei zusammentragen müssen, um uns von einem bestimmten Gesichtspunkte aus hineinzufinden in die ganze Größe und die ganze Bedeutung des Christus-Impulses.
[ 2 ] Wir brauchen nur die Briefe des Paulus aufzuschlagen und wir werden bald finden, daß Paulus — von dem wir ja wissen, daß er versuchte, gerade das Übersinnliche der Christus-Wesenheit der Menschenbildung einzuverleiben — daß Paulus zum Begriffe, zur Idee des Christus sozusagen die ganze Menschheitsentwickelung herangezogen hat. Allerdings ist es ja so, wenn wir die Briefe des Paulus auf uns wirken lassen, daß wir zuletzt etwas vor uns haben, was durch seine ungeheuere Einfachheit und durch das tief Eindringliche der Worte und Sätze einen allerbedeutsamsten Eindruck macht. Aber nur aus dem Grunde ist das der Fall, weil Paulus selbst durch seine eigene Initiation sich hinaufgearbeitet hat zu jener Einfachheit, die nicht der Ausgangspunkt des Wahren, sondern die Konsequenz, das Ziel des Wahren sein kann. Wenn wir nun eindringen wollen in das, was zuletzt bei Paulus von der Christus-Wesenheit mit wunderbar monumental einfachen Worten zum Ausdruck kommt, so werden wir schon in unserer geisteswissenschaftlichen Art uns nähern müssen einem Verständnis der menschlichen Natur, zu deren Fortentwickelung innerhalb der Erde der Christus-Impuls ja gekommen ist.
[ 3 ] Betrachten wir deshalb, was wir schon wissen über die menschliche Natur, wie sie uns für den okkulten Blick entgegentritt! Da teilen wir ja das menschliche Leben in jene zwei Glieder, die wir betrachten in bezug auf die zeitlichen Abläufe: die Zeit zwischen der Geburt oder der Empfängnis und dem Tod, und jene Zeit, welche abläuft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn wir zunächst den Menschen vor uns hinstellen, wie er im physischen Leben vor uns steht, so wissen wir, daß ihn der okkulte Blick als eine Vierheit sieht, aber als eine Vierheit, die in Entwickelung begriffen ist, als den physischen Leib, den Ätherleib, den astralischen Leib und das Ich. Und wir wissen, daß wir uns zum Verständnis der menschlichen Entwickelung bekanntmachen müssen mit der okkulten Wahrheit, daß dieses Ich — das wir gewahr werden in den Gefühlen und Empfindungen, wenn wir einfach von der Außenwelt absehen und in uns selber zu leben versuchen — daß dieses Ich für den okkulten Blick von Inkarnation zu Inkarnation geht. Wir wissen aber auch, daß dieses Ich gleichsam umhüllt ist — obwohl «umhüllt» kein guter Ausdruck ist, aber wir können ihn zunächst gebrauchen — von den drei andern Gliedern der menschlichen Natur, dem Astralleib, Ätherleib und physischen Leib. Von dem Astralleib wissen wir, daß er in einer gewissen Beziehung ein Begleiter des Ich durch die verschiedenen Inkarnationen hindurch ist. Wenn auch während der Kamaloka-Zeit vieles von dem Astralleib ausgeschieden werden muß, so bleibt uns doch dieser Astralleib durch die Inkarnationen hindurch als eine Art von Kraftleib, der zusammenhält, was wir in uns an moralischem, intellektuellem und ästhetischem Fortschritt innerhalb einer Inkarnation aufgespeichert haben. Was wirklicher Fortschritt ist, das wird zusammengehalten durch die Kraft des Astralleibes, von einer Inkarnation in die andere hineingetragen und gleichsam zusammengefügt mit dem Ich, das als das Grund-Ewige in uns von Inkarnation zu Inkarnation geht. Und weiter wissen wir, daß vom Ätherleib zwar sehr viel abgestreift wird unmittelbar nach dem Tode, daß aber doch ein Extrakt dieses Äther- oder ätherischen Leibes uns bleibt, den wir mitnehmen von einer Inkarnation in die andere hinein. Es ist das ja so, daß wir in den ersten Tagen unmittelbar nach dem Tode eine Art Rückschau haben, wie ein großes Tableau, auf unser bisheriges Leben, und daß wir die Zusammenfassung dieser Rückschau — den Extrakt — als ätherisches Resultat mit uns nehmen. Das Übrige des Ätherleibes wird der allgemeinen Ätherwelt übergeben in der einen oder andern Form, je nach der Entwickelung des betreffenden Menschen. Wenn wir nach dem vierten Gliede der menschlichen Wesenheit, nach dem physischen Leibe unser Auge richten, so sieht es zunächst so aus, als ob dieser physische Leib einfach in der physischen Welt verschwände. Das kann ja geradezu auch, man möchte sagen, äußerlich in der physischen Welt nachgewiesen werden; denn dieser physische Leib wird in der einen oder andern Weise seiner Auflösung, für den äußeren Anblick, zugeführt. Die Frage ist nur die — und ein jeder, der sich mit Geisteswissenschaft beschäftigt, sollte sie sich stellen: Ist vielleicht alles, was uns die äußere physische Erkenntnis auch über die Schicksale unseres physischen Leibes sagen kann, Maja? Und die Antwort liegt eigentlich nicht so fern für den, der angefangen hat die Geisteswissenschaft zu verstehen. Wenn man angefangen hat, die Geisteswissenschaft zu verstehen, so sagt man sich: Alles, was der Sinnenschein bietet, ist Maja, ist äußere Illusion. Wie kann man da noch erwarten, daß es wirklich wahr ist, wenn es sich auch noch so grob aufdrängt, daß der physische Leib, wenn er dem Grabe oder dem Feuer übergeben wird, spurlos verschwindet? Vielleicht verbirgt sich gerade hinter der äußeren Maja, die sich für den Sinnenschein aufdrängt, etwas viel Tieferes!
[ 4 ] Aber wir wollen noch etwas weiter gehen: Bedenken Sie, daß wir, um die Erdentwickelung zu verstehen, die früheren Verkörperungen unseres Planeten kennen müssen; daß wir die Saturn-, die Sonnen- und die Mondverkörperung der Erde studieren müssen. Wir müssen sagen: Wie jeder einzelne Mensch, so hat auch die Erde ihre Verkörperungen durchgemacht, und das, was unser physischer Leib ist, das ist vorbereitet worden in der menschlichen Evolution seit der Saturnzeit der Erde. Während von unserem Ätherleib, Astralleib und Ich in dem heutigen Sinne zur alten Saturnzeit noch gar nicht gesprochen werden kann, wird der Keim zum physischen Leibe schon während der Saturnzeit gelegt, wird gleichsam der Evolution einverleibt. Während der Sonnenzeit der Erde wird dieser Keim umgestaltet; ihm wird dann in der umgestalteten Form der Ätherleib einverleibt. Während der Mondenzeit der Erde wird wieder der physische Leib umgestaltet und ihm einverleibt — neben dem Ätherleib, der auch in umgeänderter Form wieder herauskommt — der Astralleib. Und während der Erdenzeit wird ihm das Ich einverleibt. Und nun müßten wir also, wenn der Sinnenschein richtig wäre, sagen, daß das, was uns während der Saturnzeit einverleibt worden ist, unser physischer Leib, einfach verwest oder verbrennt und in den äußeren Elementen aufgeht, nachdem Jahrmillionen und aber Jahrmillionen hindurch, während der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit die bedeutendsten Anstrengungen übermenschlicher, das heißt göttlich-geistiger Wesen gemacht worden sind, um diesen physischen Leib herzustellen! Wir hätten also die sehr merkwürdige Tatsache vor uns, daß durch vier, oder meinetwillen durch drei planetarische Stufen hindurch, Saturn, Sonne, Mond, eine ganze Götterschar arbeitet an der Herstellung eines Weltelementes, wie es unser physischer Leib ist, und dieses Weltelement wäre dazu bestimmt, während der Erdenzeit jedesmal zu verschwinden, wenn ein Mensch stirbt. Es wäre ein sonderbares Schauspiel, wenn Maja — und ein anderes weiß ja die äußere Beobachtung da nicht — recht hätte.
[ 5 ] Nun fragen wir uns: Kann Maja recht haben?
[ 6 ] Zunächst scheint es ja allerdings, als wenn für diesen Fall die okkulte Erkenntnis der Maja recht gäbe; denn sonderbarerweise scheint die okkulte Beobachtung in diesem Falle mit der Maja übereinzustimmen. Wenn Sie durchgehen, was uns von der Geist-Erkenntnis geschildert wird als die Entwickelung des Menschen nach dem Tode, so wird in der Tat bei dieser Schilderung zunächst auf den physischen Leib kaum Rücksicht genommen. Es wird erzählt: der physische Leib wird abgeworfen, wird übergeben den Elementen der Erde. Dann wird erzählt von dem Ätherleib, von dem Astralleib, von dem Ich, und der physische Leib wird weiter nicht berücksichtigt, und es scheint, als ob durch das Schweigen der Geist-Erkenntnis der MajaErkenntnis recht gegeben wäre. So scheint es. Und es ist in einer gewissen Weise von der Geisteswissenschaft berechtigt, so zu sprechen, aus dem einfachen Grunde, weil alles Weitere überlassen werden muß der tieferen Begründung der Christologie. Denn über das, was in bezug auf den physischen Leib über Maja hinausgeht, können wir gar nicht richtig sprechen, ohne daß vorher der Christus-Impuls und alles, was damit zusammenhängt, einmal in genügender Weise erklärt wird.
[ 7 ] Wenn wir diesen physischen Leib zunächst einmal so betrachten, wie er in einem entscheidenden Momente vor dem Bewußtsein der Menschen dagestanden hat, so ergibt sich uns etwas ganz Merkwürdiges. Und da wollen wir einmal bei drei Völkerbewußtseinsarten, bei drei verschiedenen Formen des menschlichen Bewußtseins Anfrage halten, welches Bewußtsein man gehabt hat gerade in einer entscheidenden Epoche der Menschheitsentwickelung über alles, was mit unserem physischen Leibe zusammenhängt. Fragen wir zunächst einmal bei den Griechen an!
[ 8 ] Wir wissen, daß die Griechen jenes bedeutsame Volk sind, das in der vierten nachatlantischen Kulturepoche seine richtige Entwickelungszeit hatte. Wir wissen, daß diese vierte nachatlantische Kulturepoche für uns zu beginnen hat etwa mit der Zeit des siebenten, achten, neunten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, und daß sie endet im dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, nach dem Ereignisse von Palästina. Wir können ja auch leicht aus den äußeren Mitteilungen, Überlieferungen und Urkunden gerade in bezug auf diesen Zeitraum das, was eben gesagt worden ist, durchaus rechtfertigen. Wir sehen, daß die ersten, dämmerhaft klaren Nachrichten über das Griechentum kaum hinaufreichen über das sechste, siebente Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, während sagenhafte Nachrichten herunterkommen von noch früheren Zeiten her. Wir wissen aber auch, daß das, was die Größe der historischen Zeit des Griechentums ausmacht, noch hereinreicht aus der vorhergehenden Zeit, wo man es also dann mit der dritten nachatlantischen Kulturepoche auch im Griechentum zu tun hatte. So reichen Homers Inspirationen hinein in den Zeitraum, der dem vierten nachatlantischen Zeitraum voranging; und Aeschylos, der so früh gelebt hat, daß eine Anzahl von seinen Werken ganz verlorengegangen ist, weist uns zurück auf die Mysteriendramatik, wovon er nur einen Nachklang bietet. So ragt herein die dritte nachatlantische Kulturperiode in das Griechenzeitalter; aber die vierte nachatlantische Kulturperiode kommt im Griechenzeitalter voll zum Ausdruck. Und wir müssen sagen: die wunderbare Griechenkultur ist der reinste Ausdruck des vierten nachatlantischen Kulturzeitalters. Da tönt uns denn ein merkwürdiges Wort aus diesem Griechentum herauf, ein Wort, das uns tief in die Seele desjenigen Menschen hineinschauen läßt, der ganz griechisch fühlte, das Wort des Heros: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten! — Das ist ein Wort, das tiefe, tiefe Empfindungen der Griechenseele verrät. Man möchte sagen: Alles was uns auf der einen Seite erhalten ist aus der griechischen Zeit von klassischer Schönheit und klassischer Größe, von Ausgestaltung des Menschheitsideales in der Außenwelt, das alles tönt uns in einer gewissen Weise aus diesem Worte heraus. Da gedenken wir, wenn wir des Griechentums gedenken, jener wunderbaren Ausbildung des menschlichen Leibes in der griechischen Gymnastik, in den großen griechischen Wertspielen, welche karikaturenhaft in der Gegenwart nur ein solcher Mensch nachahmt, der nichts versteht von dem, was das Griechentum wirklich war. Daß eine jegliche Zeit ihre eigenen Ideale haben muß, das muß man berücksichtigen, wenn man verstehen will, wie diese Ausbildung des äußeren physischen Leibes, so wie er dasteht in seiner Form auf dem physischen Plan, ein besonderes Privileg des griechischen Geistes war; und wie weiterhin die Ausprägung des plastischen Kunstideals des Menschen, diese Steigerung der äußeren Menschengestalt in der Plastik, wieder ein Privileg des Griechentums sein mußte. Und wenn wir dazu die Ausgestaltung des menschlichen Bewußtseins ansehen, wie es zum Beispiel einen Perikles beherrschte, wo der Mensch auf der einen Seite nach dem allgemeinen Menschlichen sah und auf der anderen Seite wieder ganz auf seinen Füßen stand und sich wie ein Herr und König auf dem Erdboden innerhalb seines Stadtgebietes fühlte, — wenn wir alles das auf uns wirken lassen, dann müssen wir sagen: Die eigentliche Liebe war zugewendet der menschlichen Form, wie sie vor uns dastand auf dem physischen Plan, und auch die Ästhetik war zugewendet der Ausgestaltung dieser Form. Wo man so liebte und so das verstand, was vom Menschen auf dem physischen Plane steht, da konnte man sich auch dem Gedanken hingeben: Wenn das, was dem Menschen diese schöne Form auf dem physischen Plane gibt, abgenommen wird der menschlichen Natur, dann bleibt ein Rest, den man nicht so hoch schätzen kann wie das, was einem im Tode genommen wird! Diese höchste Liebe zur äußeren Form führte notwendig dazu, mit einem pessimistischen Blick anzuschauen, was vom Menschen übrig bleibt, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und wir können es an der griechischen Seele voll verstehen, daß dasselbe Auge, das mit so großer Liebe auf die äußere Form blickte, sich traurig fühlte, wenn die Seele denken mußte: Diese Form wird weggenommen der menschlichen Individualität, und die menschliche Individualität lebt ohne diese Form weiter! Nehmen wir das, was so sich zugetragen hat, zunächst nur in dieser gefühlsartigen Weise, dann müssen wir sagen: Wir haben im Griechentum dasjenige Menschentum, das die äußere Form des physischen Leibes am meisten liebte und schätzte und alle Traurigkeit durchmachte, die bei seinem Untergange im Tode durchgemacht werden konnte.
[ 9 ] Und jetzt betrachten wir ein anderes Bewußtsein, das sich ungefähr zur selben Zeit entwickelte. Betrachten wir einmal das BuddhaBewußtsein, das dann von Buddha in seine Bekenner übergegangen ist. Da haben wir ungefähr das Gegenteil des Griechentums vor uns. Wir brauchen uns ja nur des einen zu erinnern: der Nerv der vier großen Wahrheiten des Buddha ist ja damit gegeben, daß gesagt wird, die menschliche Individualität wird in dieses Dasein, in dem es umschlossen ist von der äußeren physischen Form, durch die Begierde zum Dasein hereingebracht. In was für ein Dasein? In ein Dasein, dem gegenüber die Buddha-Lehre sagen muß: Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Alter ist Leiden, Tod ist Leiden! Es liegt in diesem Nerv des Buddhismus, sich zu sagen: Durch alles, wodurch wir umschlossen werden von einer äußeren körperlichen Hülle, wird unsere Individualität, die aus göttlich geistigen Höhen herabkommt mit der Geburt, und die wieder hinaufgeht in göttliche Höhen, wenn der Mensch durch die Pforte des "Todes schreitet, durch alles das wird diese Individualität dem Schmerz des Daseins, dem Leid des Daseins ausgeliefert; und es kann im Grunde genommen nur ein Heil geben für den Menschen, das in den vier großen heiligen Wahrheiten des Buddha ausgedrückt wird, um frei zu werden von dem äußeren Dasein, abzuwerfen die äußere Hülle, das heißt: soweit die Individualität umzugestalten, daß sie baldmöglichst in der Lage ist, alles abzuwerfen, was äußere Hülle ist. Wir merken also: hier ist die umgekehrte Empfindung tätig von dem, wie der Grieche empfand. Ebenso stark, wie der Grieche geliebt und geschätzt hat die äußere körperliche Hülle und traurig empfunden hat das Abwerfen dieser körperlichen Hülle, ebenso gering schätzte der Buddha-Bekenner diese körperliche Hülle und betrachtete sie als das, was so schnell als möglich abgeworfen werden muß. Und damit war verbunden, daß der Drang nach Dasein, das von einer äußeren Körperhülle umschlossen ist, bekämpft wird.
[ 10 ] Und jetzt gehen wir noch ein wenig tiefer gerade in diese BuddhaGedanken ein. Da tritt uns entgegen, was im Buddhismus als eine Art theoretischer Anschauung vorhanden ist über die aufeinanderfolgenden Inkarnationen des Menschen. Es handelt sich dabei nun weniger darum, was der einzelne denkt über die Theorie des Buddha, als um das, was in das Bewußtsein der buddhistischen Bekenner eingedrungen ist. Das habe ich auch schon öfter charakterisiert. Ich habe gesagt: Man hat vielleicht keine bessere Gelegenheit, nachzufühlen, was ein Bekenner des Buddhismus fühlen mußte gegenüber den fortlaufenden Inkarnationen des Menschen, als wenn man sich vertieft in jene Rede, welche uns überliefert ist als die Rede des Königs Milinda mit einem buddhistischen Weisen. Da wird der König Milinda von dem buddhistischen Weisen Nagasena darüber belehrt, daß, wenn er zu Wagen gekommen sei, er bedenken solle, ob der Wagen außer den Rädern, der Deichsel, dem Wagenkasten, dem Sitz und so weiter noch irgend etwas habe. «Bist du gekommen in deinem Wagen, so bedenke, o großer König», sagt der Weise Nagasena zum König, «daß alles, was du im Wagen vor dir hast, nichts anderes ist als die Räder, die Deichsel, der Wagenkasten, der Sitz — und nichts ist außerdem vorhanden als ein Wort, das zusammenfaßt die Räder, Deichsel, Wagenkasten, Sitz und so weiter. Du kannst also nicht von einer besonderen Individualität des Wagens sprechen; sondern du mußt dir klar sein, daß Wagen ein leeres Wort ist, wenn du an etwas anderes denkst als an seine Teile, seine Glieder.» Und noch ein anderes Gleichnis wählt Nagasena, der Weise, dem König Milinda gegenüber. «Betrachte die Mandelfrucht, die auf dem Baume wächst», sagte er, «und bedenke, daß aus einer anderen Frucht ein Same genommen ist, der in die Erde gelegt und verfault ist; daraus ist der Baum gewachsen und darauf die Mandelfrucht. Kannst du sagen, daß die Frucht auf dem Baume etwas anderes gemeinsam hat als Name und äußere Form mit jener Frucht, die als Same genommen, in die Erde gelegt und verfault ist?» — So viel, will Nagasena sagen, hat der Mensch gemeinsam mit dem Menschen seiner vorhergehenden Inkarnation, wie die Mandelfrucht auf dem Baume mit der Mandelfrucht, die als Same in die Erde gelegt ist; und wer da glaubt, daß das, was als Mensch vor uns steht, was mit dem Tode hinweggeweht wird, irgend etwas anderes sei als Name und Form, der glaubt etwas ebenso Falsches als der, der da glaubt, daß in dem Wagen — in dem Namen Wagen — etwas anderes enthalten ist als die Teile des Wagens: Räder, Deichsel und so weiter. Von der vorherigen Inkarnation geht in die neue Inkarnation nicht so etwas über, wie es der Mensch mit seinem Ich benennt.
[ 11 ] Das ist wichtig! Und es ist immer wieder und wieder zu betonen: es kommt nicht darauf an, wie es dem einen oder dem anderen einfällt, dieses oder jenes Wort Buddhas zu interpretieren, sondern wie der Buddhismus im Bewußtsein der Bevölkerung gewirkt hat, was er den Seelen gegeben hat! Und was er den Seelen gegeben hat, das ist eben ungeheuer klar und bedeutsam mit diesem Gleichnis ausgedrückt, das uns von dem König Milinda und dem buddhistischen Weisen überliefert ist. Was wir das Ich nennen, und wovon wir sagen, daß es gefühlt und empfunden wird zunächst vom Menschen, wenn er auf sein Inneres reflektiert, von dem sagt der Buddhist: Es ist im Grunde genommen etwas, was dahinfließt, und was der Maja angehört, ebenso wie alles andere, was nicht von einer Inkarnation in die andere geht.
[ 12 ] Ich habe schon einmal erwähnt: ein christlicher Weiser, der zu parallelisieren wäre mit dem buddhistischen Weisen, würde anders zu dem König Milinda gesprochen haben. Der buddhistische Weisesagte zu dem König: Betrachte dir den Wagen! Räder, Deichsel und so weiter, das sind die Teile des Wagens, und über diese Teile hinaus ist «Wagen» nur Name und Form. Du hast nichts Reales gegeben in dem Wagen mit dem Namen Wagen; sondern wenn du zum Realen gehen willst, mußt du die Teile nennen. — Der christliche Weise würde über denselben Fall in folgender Art gesprochen haben: O weiser König Milinda, du bist zu Wagen gekommen. Sieh dir an den Wagen: du kannst an dem Wagen nur sehen die Räder, die Deichsel, den Wagenkasten und so weiter. Aber ich frage dich einmal: Kannst du mit den bloßen Rädern hierher fahren?, kannst du mit der bloßen Deichsel hierher fahren?, kannst du mit dem bloßen Sitz hierher fahren? und so weiter. Du kannst also auf allen Teilen nicht hierher fahren! Sofern sie Teile sind, machen sie den Wagen; aber auf den Teilen kannst du nicht hierherkommen. Wenn aber die Teile zusammen den Wagen ausmachen, so ist noch etwas anderes notwendig, als daß sie Teile sind. Das ist zunächst für den Wagen der ganz bestimmte Gedanke, der Räder, Deichsel, Wagenkasten und so weiter zusammenfügt. Und der Gedanke des Wagens ist etwas ganz Notwendiges, was du zwar nicht sehen kannst, was du aber darum doch anerkennen mußt! — Und der Weise würde dann übergehen auf den Menschen und sagen: Von dem einzelnen Menschen kannst du nur sehen den äußeren Leib, die äußeren Taten und die äußeren seelischen Erlebnisse; du siehst aber an dem Menschen so wenig sein Ich, wie du den Namen Wagen an seinen einzelnen Teilen siehst. Aber wie etwas ganz anderes in den Teilen begründet ist, — nämlich das, was dich hierher fahren läßt, so ist auch beim Menschen in allen seinen Teilen etwas ganz anderes begründet, nämlich das, was das Ich ausmacht. Das Ich ist etwas Reales, was als ein Übersinnliches von Inkarnation zu Inkarnation geht.
[ 13 ] Wie müssen wir uns etwa das Schema der buddhistischen Reinkarnationslehre denken, wenn es entsprechend der bloß buddhistischen Theorie dargestellt werden soll?
[ 14 ] Mit dem Kreis wollen wir zeichnen die Erscheinung eines Menschen zwischen Geburt und 'Tod. Der Mensch stirbt. Der Zeitpunkt seines Sterbens sei mit der Linie AB angedeutet. Was bleibt nun übrig von allem, das in das gegenwärtige Dasein zwischen Geburt und Tod hineingebannt ist? Eine Summe von Ursachen, die Ergebnisse der Taten, alles was der Mensch Gutes oder Böses, Schönes oder Häßliches, Gescheites oder Dummes getan hat, bleibt übrig. Was da übrig bleibt, wirkt als Ursachen weiter und bildet einen Ursachenkern C für die nächste Inkarnation. Da herum gliedern sich in der nächsten Inkarnation D neue Leibeshüllen; die erleben neue Tatsachen, neue Erlebnisse gemäß diesem früheren Ursachenkern. Es bleibt dann von diesen Erlebnissen und so weiter wieder ein Kern von Ursachen E für die folgende Inkarnation, die das, was von der früheren Inkarnation in sie hereinragt, umschließen kann, und das dann mit dem, was als etwas ganz Selbständiges während dieser Inkarnation hinzukommt, wieder den Ursachenkern für die nächste Inkarnation bildet und so fort. Das heißt: es erschöpft sich das, was durch die Inkarnationen hindurchgeht, in Ursachen und Wirkungen, die, ohne daß ein gemeinschaftliches Ich die Inkarnationen zusammenhält, von einer Inkarnation in die andere hinüberwirken. Wenn ich mich also in dieser Inkarnation mit «Ich» nenne, ist das nicht aus dem Grunde, weil dasselbe Ich auch in der vorhergehenden Inkarnation da war, denn von der vorherigen Inkarnation ist nur das vorhanden, was die karmischen Resultate sind, und was ich mein Ich nenne, ist nur eine Maja der gegenwärtigen Reinkarnation.
[ 15 ] Wer den Buddhismus wirklich kennt, muß ihn in dieser Weise darstellen; und er muß sich klar sein, daß das, was wir das Ich nennen, gar keinen Platz hat innerhalb des Buddhismus.
[ 16 ] Nun gehen wir aber zu dem, was wir wissen aus der anthroposophischen Erkenntnis: Wodurch ist denn der Mensch überhaupt imstande geworden sein Ich auszubilden? Durch die Erdenentwickelung! Und erst im Laufe der Erdenentwickelung ist der Mensch dazu gekommen, sein Ich auszubilden. Es kam hinzu zu seinem physischen Leib, Ätherleib und Astralleib auf der Erde sein Ich. Nun wissen wir, wenn wir uns erinnern an alles, was wir zu sagen hatten über die Entwickelungsphasen des Menschen während der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, daß noch während der Mondenzeit der menschliche physische Körper eine ganz bestimmte Form nicht hatte, daß er erst auf der Erde diese Form erhalten hat. Daher sprechen wir auch von dem Erdendasein als derjenigen Epoche, in welcher die Geister der Form erst eingriffen und den physischen Leib des Menschen so umgestalteten, daß er jetzt seine Form hat. Diese Formung des menschlichen physischen Leibes war aber notwendig, damit das Ich Platz greifen konnte im Menschen, damit das, was als physischer Erdenleib geformt der physischen Erde gegenübersteht, die Grundlage bietet für die Entstehung des Ich, wie wir es kennen. Wenn wir das bedenken, wird uns das Folgende nicht mehr unbegreiflich erscheinen.
[ 17 ] Wir haben in bezug auf die Schätzung des Ich bei den Griechen davon gesprochen, daß dieses Ich seinen äußeren Ausdruck in der äußeren Menschenform findet. Gehen wir jetzt zum Buddhismus über, und erinnern wir uns, daß der Buddhismus mit seiner Erkenntnis die äußere Form des menschlichen physischen Leibes möglichst rasch abwerfen und überwinden will. Können wir uns da noch verwundern, daß wir bei ihm keine Schätzung dessen finden, was mit dieser Form des physischen Leibes zusammenhängt? So wenig, wie aus dem innersten Nerv des Buddhismus heraus die äußere Form des physischen Leibes geschätzt wird, so wenig wird die äußere Form, die das Ich braucht, um zum Dasein zu kommen, geschätzt, — ja, sogar vollständig abgelehnt. Der Buddhismus hat also die Form des Ich verloren durch die Art, wie er die Form des physischen Leibes schätzte.
[ 18 ] So sehen wir, wie diese zwei Geistesströmungen einander polarisch gegenüberstehen: das Griechentum, von dem wir fühlen, daß es die äußere Form des physischen Leibes als die äußere Form des Ich am höchsten schätzte, und der Buddhismus, der da verlangt, daß die äußere Form des physischen Leibes mit allem Drang nach Dasein möglichst bald überwunden wird, und der daher in seiner Theorie das Ich vollständig verloren hat.
[ 19 ] Zwischen diesen beiden einander entgegengesetzten Weltanschauungen steht das althebräische Altertum mitten drinnen. Dieses ist weit davon entfernt, von dem Ich so gering zu denken, wie etwa der Buddhismus. Sie brauchen sich nur zu erinnern, daß es innerhalb des Buddhismus eine Ketzerei ist, ein fortlaufendes Ich von einer Inkarnation zur nächsten Inkarnation anzuerkennen. Aber das althebräische Altertum hält es sehr stark mit dieser Ketzerei. Und es wäre keinem Bekenner des althebräischen Altertums in den Sinn gekommen, daß das, was im Menschen lebt als sein eigentlicher göttlicher Funke — womit er seinen Ich-Begriff verbindet — sich verliert, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Wenn wir uns klarmachen wollen, wie der Bekenner des althebräischen Altertums zu der Sache stand, so müssen wir sagen: Er fühlt sich in seinem Innern mit der Gottheit verbunden, innig verbunden; er weiß, daß er gleichsam mit den besten Fäden seines Seelenlebens an dem Wesen dieser Gottheit hängt. So ist der Bekenner des althebräischen Altertums in bezug auf den Ich-Begriff weit verschieden von dem buddhistischen Bekenner, aber er ist auf der anderen Seite auch weit verschieden von dem Griechen. Wenn man das ganze Altertum durchgeht: jene Schätzung der Persönlichkeit und damit auch jene Schätzung der äußeren menschlichen Form, wie sie dem Griechen eigen ist, ist im hebräischen Altertum nicht vorhanden. Für den Griechen wäre es schlechterdings ein absoluter Unsinn gewesen zu sagen: Du sollst dir von deinem Gotte kein Bild machen! Das würde er nicht verstanden haben, wenn ihm jemand gesagt hätte: Du sollst dir von deinem Zeus, von deinem Apollo und so weiter kein Bild machen! Denn er hatte das Gefühl, daß das Höchste die äußere Form ist, und daß das Höchste, was der Mensch den Göttern antun kann, das ist, sie mit dieser von ihm geschätzten menschlichen Form zu bekleiden; und nichts wäre ihm absurder vorgekommen als ein Gebot: Du sollst dir von dem Gotte kein Bild machen! Seine Menschheitsform gab der Grieche als Künstler auch seinen Göttern. Und um das wirklich zu werden, was er sich dachte — ein Ebenbild der Gottheit —, dazu führte er seine Kämpfe, übte seine Gymnastik und so weiter, um so recht ein Abbild des Gottes zu werden.
[ 20 ] Das althebräische Altertum hatte aber das Gebot: Du sollst dir kein Bild machen von dem Gotte! aus dem Grunde, weil der Bekenner des althebräischen Altertums die äußere Form nicht so schätzte wie die Griechen, weil er sie für unwürdig gehalten hätte dem Wesen der Göttlichkeit gegenüber. So weit also der Bekenner des althebräischen Altertums auf der einen Seite entfernt war von dem Anhänger des Buddhismus, der am liebsten die menschliche Form beim Durchschreiten des Todes ganz abgestreift hätte, so weit war er auf der anderen Seite entfernt von dem Griechen. Er war darauf bedacht, daß diese Form gerade zum Ausdruck brachte, was die Gebote, die Gesetze der göttlichen Wesenheit sind, und er war sich klar, daß der, welcher ein «Gerechter» war, in den folgenden Generationen durch die Geschlechter fortpflanzte, was er als Gerechtes gesammelt hatte. Nicht die Auslöschung der Form, sondern die Fortpflanzung der Form durch die Geschlechter war es, was dem Bekenner des althebräischen Altertums vor Augen stand. Als ein drittes stand also die Ansicht eines Anhängers des althebräischen Volkes mitten drinnen zwischen der Anschauung des Buddhisten, der die Wertung des Ich verloren hatte, und dem Griechen, der in der Leibesform das Höchste sah, und der es als traurig empfand, wenn die Leibesform mit dem "Tode verschwinden mußte.
[ 21 ] So standen sich die drei Anschauungen gegenüber. Und um das althebräische Altertum noch besser zu verstehen, müssen wir uns klarmachen, daß dem Bekenner des althebräischen Altertums das, was er als sein Ich schätzte, zugleich das göttliche Ich in einer gewissen Beziehung war. Der Gott lebte weiter in der Menschheit, lebte in dem Menschen drinnen. Und in der Verbindung mit dem Gotte fühlte der alte Hebräer zugleich sein Ich. So war das Ich, das er fühlte, zusammenfallend mit dem göttlichen Ich. Das göttliche Ich trug ihn; das göttliche Ich war aber auch wirksam in ihm. Sagte der Grieche: Ich schätze mein Ich so stark, daß ich nur mit Schaudern hinschaue auf das, was mit dem Ich nach dem Tode wird!, sagte der Buddhist: Es soll möglichst bald das, was die Ursache der äußeren Form des Menschen ist, abfallen von dem Menschen!, so sagte der Bekenner des althebräischen Altertums: Ich bin mit dem Gotte verbunden; es ist mein Schicksal. Und solange ich mit ihm verbunden bin, trage ich mein Schicksal. Ich kenne nichts anderes als die Identifizierung meines Ich mit dem göttlichen Ich! In dieser Denkweise des alten Judentums, weil sie in der Mitte steht zwischen Griechentum und Buddhismus, liegt nicht wie im Griechentum selbst von vornherein die Anlage zur Tragik gegenüber der Erscheinung des Todes, sondern diese Tragik liegt in einer mittelbareren Weise darin. Und wenn es echt griechisch ist, daß der Heros sagt: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt — das heißt mit der menschlichen Leibesform — als ein König im Reich der Schatten —, so hätte der Bekenner des althebräischen Altertums dies nicht ohne weiteres sagen können. Denn er weiß, wenn im Tode seine Leibesform abfällt, bleibt er mit dem Gotte verbunden. Einfach durch die Tatsache des Todes kann er nicht in tragische Stimmung verfallen. Dennoch ist — wenn auch mittelbar — die Anlage zur Tragik im althebräischen Altertum vorhanden, und sie ist ausgedrückt in der wunderbarsten dramatischen Erzählung, die im Altertum überhaupt geschrieben worden ist, in der Hiob-Erzählung.
[ 22 ] Da sehen wir, wie das Ich des Hiob sich angeknüpft fühlt an seinen Gott und in Konflikt kommt mit seinem Gott — aber auf andere Art, als das griechische Ich in Konflikt kommt. Da wird uns geschildert, wie über Hiob hereinbricht Unglück über Unglück, trotzdem er sich bewußt ist, daß er ein gerechter Mann ist und alles getan hat, was aufrechterhalten kann den Zusammenhang seines Ich mit dem göttlichen Ich. Und während es schien, daß sein Dasein gesegnet ist und gesegnet sein mußte, bricht das tragische Schicksal herein. Er ist sich keiner Sünde bewußt; er ist sich bewußt, daß er getan hat, was ein Gerechter gegenüber seinem Gotte tun muß. Da wird ihm angekündigt, daß zerstört ist all sein Hab und Gut, getötet seine ganze Familie; da wird er selbst in bezug auf seinen äußeren Leib, diese göttliche Form, mit schwerer Krankheit und Drangsal belegt. Da steht er, der sich bewußt ist: Was in mir mit meinem Gotte zusammenhängt, das hat sich bemüht, gerecht zu sein gegenüber seinem Gotte, und mein von diesem Gotte verhängtes Schicksal ist das, was mich hereingestellt hat in die Welt. Dieses Gottes Taten, sie haben mich so schwer getroffen! Und da steht sein Weib neben ihm und fordert ihn auf mit eigentümlichem Worte, seinem Gotte abzusagen. Diese Worte sind richtig überliefert. Was da sein Weib spricht, ist eines von denjenigen Worten, die unmittelbar dem entsprechen, was auch die Akasha-Chronik sagt: «Sage deinem Gotte ab, da du so leiden mußt, da er diese Leiden über dich gebracht hat, und stirb!» Wieviel Unendliches liegt in diesen Worten: Verliere das Bewußtsein des Zusammenhanges mit deinem Gotte; dann fällst du heraus aus dem göttlichen Zusammenhange, fällst ab wie ein Blatt vom Baum, und dein Gott kann dich nicht mehr strafen! — Das Verlieren des Zusammenhanges mit dem Gotte ist aber zugleich der Tod! Denn solange sich das Ich zusammenhängend fühlt mit dem Gotte, kann der "Tod es nicht erreichen. Es muß sich von dem Zusammenhange mit dem Gotte abreißen; dann kann der Tod es erst erreichen. Der äußere Schein spricht so, daß im Grunde genommen alles gegen den Gerechten Hiob ist; seine Frau sieht die Leiden, rät ihm dazu, dem Gotte abzusagen und zu sterben; seine Freunde kommen und sagen, du mußt das und das getan haben; denn Gott straft keinen Gerechten! Er ist sich aber bewußt, daß das, was sein persönliches Bewußtsein umfaßt, keine Ungerechtigkeit getan hat. Er steht so durch das, was ihm in der äußeren Welt entgegentritt, vor einer ungeheuren Tragik, vor der Tragik des Nichtverstehenkönnens der ganzen menschlichen Wesenheit, des Sichverbundenfühlens mit dem Gotte und des Nichtverstehens, wie aus dem Gotte das fließen kann, was er erlebt.
[ 23 ] Denken wir uns das in aller Stärke auf eine menschliche Seele abgelagert, und denken wir uns jetzt aus dieser Seele hervorbrechend die Worte, die uns aus der Hiob-Überlieferung erzählt sind: «Ich weiß, daß mein Erlöser lebt! Ich weiß, daß ich einmal wieder umkleidet sein werde mit meinem Gebein, mit meiner Haut — und anschauen werde den Gott, mit dem ich zusammen bin!» — Dieses Bewußtsein der Unzerstörbarkeit der menschlichen Individualität bricht hervor trotz alles Leides und aller Schmerzen aus Hiobs Seele. So stark ist das Ich-Bewußtsein als Inneres in dem althebräischen Bekenntnis enthalten. Aber etwas höchst Merkwürdiges tritt uns da entgegen. «Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!» — sagt Hiob — «Ich weiß, daß ich einstmals wieder umgeben sein werde mit meiner Haut und aus meinen Augen sehen werde die Herrlichkeit meines Gottes!» Mit dem Erlöser-Gedanken bringt Hiob in Zusammenhang den äußeren Leib, Haut und Gebein, Augen, die physisch sehen. Sonderbar: plötzlich tritt uns gerade in diesem, zwischen Griechentum und Buddhismus mitten drinnen stehenden althebräischen Bewußtsein ein Bewußtsein von der Bedeutung der physischen Leibesform entgegen im Zusammenhange mit dem Erlöser-Gedanken, der dann der Grund und Boden geworden ist für den Christus-Gedanken! Und wenn wir die Antwort des Weibes des Hiob nehmen, fällt noch mehr Licht auf die ganze Aussage des Hiob. «Sage deinem Gotte ab und stirb!», das heißt: wer also nicht seinem Gotte absagt, der stirbt nicht. Das liegt in diesen Worten. Was heißt denn aber sterben? Sterben heißt, den physischen Leib abwerfen. Die äußere Maja scheint zu sagen, daß der physische Leib in die Elemente der Erde übergeht und sozusagen verschwindet. In der Antwort der Frau des Hiob liegt also: Mache, was nötig ist, damit dein physischer Leib verschwindet. — Denn anders könnte es nicht heißen; sonst könnten die nachfolgenden Worte des Hiob keinen Sinn haben. Dann allein kann man so etwas verstehen, wenn man das, wodurch uns der Gott hineinversetzt hat in die Welt, verstehen kann: nämlich die Bedeutung des physischen Leibes. Hiob selber aber sagt — denn das liegt wieder in seinen Worten: O ich weiß ganz genau, ich brauche nicht das zu tun, was meinen physischen Leib völlig verschwinden läßt, was nur der äußere Schein darbietet. Es gibt eine Möglichkeit, daß das gerettet werden kann dadurch, daß mein Erlöser lebt — was ich nicht anders als mit den Worten zusammenfassen kann: Ich werde einmal regeneriert zusammenhaben meine Haut, mein Gebein und werde mit meinen Augen sehen die Herrlichkeit meines Gottes; ich werde erhalten können die Gesetzmäßigkeit meines physischen Leibes; aber dazu muß ich das Bewußtsein haben, daß mein Erlöser lebt!
[ 24 ] So tritt uns in dieser Hiob-Erzählung, zum ersten Male, möchte man sagen, ein Zusammenhang entgegen zwischen der physischen Leibesform — was der Buddhist abstreifen möchte, was der Grieche abfallen sieht und darüber Trauer empfindet — und dem IchBewußtsein. Es tritt uns zum ersten Male etwas entgegen wie eine Aussicht auf eine Rettung dessen, was die Schar der Götter von dem alten Saturn, Sonne und Mond bis zur Erde herein als die physische Leibesform hervorgebracht hat und was notwendig macht, wenn es erhalten werden soll, wenn man von ihm sagen soll, daß es ein Resultat hat, was uns in Knochen, Haut und Sinnesorganen gegeben ist, daß man das andere dazufügt: Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!
[ 25 ] Sonderbar, — so könnte jemand nach dem jetzt Gesagten die Frage aufwerfen — geht etwa aus der Hiob-Erzählung hervor, daß der Christus die Toten auferwecke, die Leibesform rette, von der die Griechen glaubten, daß sie verschwinden würde? Und liegt vielleicht darin etwa, daß es nicht richtig ist, im vollen Sinne des Wortes, für die Gesamtentwickelung der Menschheit, daß die äußere Leibesform ganz verschwindet? Wird sie etwa einverwoben dem ganzen Entwickelungsprozeß der Menschheit? Spielt das eine Rolle in der Zukunft, und hängt das mit der Christus-Wesenheit zusammen?
[ 26 ] Diese Frage wird uns aufgegeben. Und da kommen wir dazu, das, was wir in der Geisteswissenschaft bisher gehört haben, in einer gewissen Weise zu erweitern. Wir hören, daß, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, wir den Ätherleib wenigstens beibehalten, den physischen Leib aber ganz abstreifen, ihn äußerlich den Elementen ausgeliefert sehen. Aber seine Form, an der durch Jahrmillionen und Jahrmillionen gearbeitet worden ist, geht sie wesenlos verloren oder wird sie in einer gewissen Weise erhalten?
[ 27 ] Diese Frage betrachten wir als das Resultat der heutigen Auseinandersetzung und treten morgen an die Frage heran: In welchem Verhältnisse steht der Impuls des Christus für die Menschheitsentwickelung zu der Bedeutung des äußeren physischen Leibes, der durch die ganze Erdentwickelung dem Grabe, dem Feuer oder der Luft übergeben worden ist, und der in seiner Erhaltung in bezug auf seine Form für die Zukunft der Menschheit nötig ist?
