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Von Jesus zu Christus
GA 131

10 Oktober 1911, Karlsruhe

Sechster Vortrag

[ 1 ] Von denjenigen Dingen, die gestern besprochen worden sind, ausgehend, werden wir uns den bedeutsamsten Kernfragen des Christentums nähern können und in das eigentliche Wesen des Christentums einzudringen versuchen. Wir werden sehen, wie wir eigentlich nur auf diesem Wege durchschauen können, was der Christus-Impuls für die Menschheitsentwickelung geworden ist, und was er in Zukunft werden soll.

[ 2 ] Wenn die Menschen immer wieder und wieder betonen, daß die Antworten auf die höchsten Fragen nicht so kompliziert sein sollen, sondern daß die Wahrheit im Grunde genommen in einfachster Art an jeden Menschen unmittelbar herangebracht werden müsse, und wenn bei einer solchen Gelegenheit gesagt wird, daß zum Beispiel der Apostel Johannes in seinem höchsten Alter den Extrakt des Christentums in die Wahrheitsworte zusammengefaßt habe: Kinder, liebet euch!, so darf daraus niemand den Schluß ziehen: Ich kenne das Wesen des Christentums, kenne das Wesen aller Wahrheit für die Menschen, indem ich einfach die Worte ausspreche: Kinder, liebet euch! Denn daß der Apostel Johannes diese Worte einfach aussprechen durfte, dazu hatte er sich mehrere Vorbedingungen erworben. Erstens wissen wir, daß er am Ende eines langen Lebens im fünfundneunzigsten Lebensjahre eigentlich erst zu einem solchen Ausspruche übergegangen ist, daß er sich also in seiner damaligen Inkarnation erst das Recht erworben hatte, solches Wort auszusprechen; so daß er damit wohl als ein Zeuge dasteht, daß dieses Wort, von jedem beliebigen Menschen ausgesprochen, nicht dieselbe Kraft habe wie bei dem Apostel Johannes. Aber noch etwas anderes hat er sich errungen. Er ist — wenn es auch die Kritik bestreitet — der Verfasser des Johannes-Evangeliums, der Apokalypse und der Briefe des Johannes. Er hat also nicht immer sein Leben lang gesagt: Kinder, liebet euch!, sondern er hat zum Beispiel ein Werk geschrieben, das zu den schwersten Werken der Menschheit gehört: die Apokalypse — und ein Werk, das zu den intimsten und am tiefsten in die menschliche Seele eindringenden Werken gehört: das JohannesEvangelium. Er hat sich das Recht, solche Worte zu sagen, erst durch ein langes Leben und durch das, was er geleistet hat, erworben. Und wenn ihm jemand dieses Leben nachlebt und tut, was er getan hat, und dann ihm nachspricht: Kinder, liebet euch!, dann kann man im Grunde genommen gegen ein solches Vorgehen nichts einwenden. Aber wir müssen uns darüber klar sein, daß Dinge, die in wenig Worte zusammengefaßt werden können, dadurch, daß wir sie mit so wenigen Worten ausdrücken, ja recht viel bedeuten können, daß sie aber auch nichtssagend sein können. Und gar mancher, der ein Weisheitswort, das vielleicht bei gehörigen Voraussetzungen etwas sehr Tiefes bedeutet, nur so ausspricht und damit unendlich viel gesagt zu haben glaubt, erinnert an eine Erzählung von einem Herrscher, der einmal ein Gefängnis besuchte und dem ein Bewohner dieses Gefängnisses, ein Dieb, vorgeführt wurde. Da richtete der Herrscher an den Dieb die Frage, warum er denn gestohlen habe, und der Dieb sagte, weil er hungrig gewesen sei. Nun, die Frage, wie dem Hunger abzuhelfen sei, ist eine Frage, mit der sich schon viele Menschen beschäftigt haben. Der betreffende Herrscher aber meinte zu dem Dieb, er habe noch nie gehört, daß man stehle, wenn man hungrig ist, sondern daß man esse! Zweifellos ist das eine richtige Antwort, daß man esse und nicht stehle, wenn man hungrig ist. Aber es handelt sich darum, ob die betreffende Antwort auch in die entsprechende Situation hineinpaßt. Denn damit, daß die Antwort wahr ist, ist noch nicht gesagt, daß sie auch etwas aussprechen kann, was eine Bedeutung oder einen Wert hat zur Entscheidung der entsprechenden Angelegenheit. So kann auch aus dem Munde des Schreibers der Apokalypse und des Johannes-Evangeliums im höchsten Alter das Wort: Kinder, liebet euch! als aus dem Wesen des Christentums heraus gesprochen sein — dasselbe Wort, das aus dem Munde eines andern eine bloße Phrase sein kann. Deshalb müssen wir uns schon einmal damit bekanntmachen, daß wir die Dinge zum Verständnis des Christentums weit herholen müssen, gerade damit wir sie dann auf die einfachsten Wahrheiten des alltäglichen Lebens anwenden können. Wir mußten gestern an die für das moderne Denken verhängnisvolle Frage gehen, wie es mit dem steht, was wir in der viergliedrigen Wesenheit des Menschen den physischen Leib nennen. Wir werden sehen, wie das, was gestern berührt worden ist im Hinblick auf die dreifache Anschauung des Griechentums, des Judentums und des Buddhismus, uns weiterführen wird zum Verständnis des Wesens des Christentums. Zunächst aber werden wir hingelenkt auf eine Frage, die tatsächlich im Mittelpunkte der ganzen christlichen Weltanschauung steht, wenn wir uns über die Frage nach dem Schicksal des physischen Leibes unterrichten; denn wir werden damit zu nichts Geringerem hingeführt als zu jener Wesenskernfrage des Christentums: Wie steht es mit der Auferstehung Christi? Dürfen wir annehmen, daß es wichtig ist für das Verständnis des Christentums, ein Verständnis zu haben über die Auferstehungsfrage?

[ 3 ] Daß dies wichtig ist, dazu brauchen wir uns nur dessen zu erinnern, was im ersten Korintherbriefe des Paulus steht (Kapitel 15, 14-20):

[ 4 ] «Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, so ist unsere Predigt nichtig, nichtig aber auch euer Glaube. Dann würden wir aber auch erfunden als falsche Zeugen Gottes, weil wir wider Gott zeugten, daß er Christus auferweckt hätte, während er ihn doch nicht auferweckt hat, wenn wirklich keine Toten auferstehen. Denn werden keine Toten auferweckt, so ist auch Christus nicht auferweckt. Ist aber Christus nicht auferweckt, so ist euer Glaube eitel, so seid ihr noch in euren Sünden; dann sind auch verloren, die in Christus entschlafen sind. Wenn wir nur solche sind, die in diesem Leben nichts als ihre Hoffnung auf Christus haben, so sind wir die beklagenswertesten aller Menschen. Nun aber ist Christus auf erweckt von den Toten als der Erstling der Entschlafenen.»

[ 5 ] Wir müssen dabei darauf hinweisen, daß das Christentum, wie es sich über die Welt verbreitet hat, zunächst von Paulus ausgegangen ist. Und wenn wir uns einen Sinn dafür angeeignet haben, die Worte ernst zu nehmen, so dürfen wir nicht an den wichtigsten Worten des Paulus einfach vorübergehen und etwa sagen: Wir lassen die Frage der Auferstehung ungeklärt. Denn was ist es, was Paulus sagt? Daß überhaupt das ganze Christentum keine Berechtigung und der ganze Christenglaube keinen Sinn habe, wenn die Auferstehung keine Tatsache sei! Das sagt Paulus, von dem das Christentum als historische Tatsache seinen Ausgangspunkt genommen hat. Und damit ist im Grunde genommen nichts Geringeres gesagt als: Wer die Auferstehung aufgeben will, muß aufgeben das Christentum im Sinne des Paulus.

[ 6 ] Und jetzt wenden wir unseren Blick über fast zwei Jahrtausende und fragen einmal an bei den Menschen der Gegenwart, wie sie sich nach den Vorbedingungen der gegenwärtigen Zeitbildung zu der Auferstehungsfrage verhalten müssen. Ich will jetzt noch nicht auf diejenigen Rücksicht nehmen, die etwa den ganzen Jesus wegleugnen; dann ist es natürlich außerordentlich leicht, sich über die Auferstehungsfrage klar zu werden; und sie ist im Grunde genommen am leichtesten damit zu beantworten, daß man sagt: Jesus hat überhaupt nicht gelebt, also braucht man sich nicht über die Auferstehungsfrage die Köpfe zu zerbrechen. Wenn wir also von solchen Leuten absehen, so wollen wir uns einmal an diejenigen Menschen wenden, die zum Beispiel um die Mitte oder im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts übergegangen sind zu den gebräuchlichen Vorstellungen unserer Zeit, in denen wir ja noch selber stecken; und bei ihnen wollen wir einmal Anfrage halten, wie sie vermöge ihrer ganzen Zeitbildung über die Auferstehungsfrage denken müssen. Wenn wir uns da an einen Mann wenden, der großen Einfluß gewonnen hat auf die Denkweise derjenigen, die sich für die aufgeklärtesten Menschen halten, an David Friedrich Strauß, so lesen wir bei ihm in seiner Schrift über den Denker Reimarus des achtzehnten Jahrhunderts folgendes: «Die Auferstehung Jesu ist recht ein Schibboleth, an dem sich nicht nur die verschiedenen Auffassungen des Christentums, sondern verschiedene Weltanschauungen und geistige Entwickelungsstufen voneinander scheiden.» Und fast zur selben Zeit lesen wir in einer schweizerischen Zeitschrift die Worte: «Sobald ich mich von der Wirklichkeit der Auferstehung Christi, dieses absoluten Wunders, überzeugen kann, zerreiße ich die moderne Weltanschauung. Dieser Riß durch die, wie ich glaube, unverbrüchliche Naturordnung wäre ein unheilbarer Riß durch mein System, durch meine ganze Gedankenwelt.»

[ 7 ] Fragen wir uns, wie viele Menschen unserer Gegenwart, die nach den gegenwärtigen Standpunkten diese Worte unterschreiben müssen und auch unterschreiben werden, sagen werden: Wenn ich genötigt sein sollte, die Auferstehung als eine historische Tatsache anzuerkennen, so zerreiße ich mein ganzes philosophisches oder sonstiges System. Fragen wir: Wie sollte auch in die Weltanschauung des modernen Menschen die Auferstehung als eine historische Tatsache hineinpassen?

[ 8 ] Erinnern wir uns daran, daß wir schon in dem ersten öffentlichen Vortrage darauf hingedeutet haben, wie in erster Linie die Evangelien genommen sein wollen: nämlich als Einweihungsschriften. Was als die größten Tatsachen in den Evangelien geschildert ist, sind im Grunde genommen Einweihungstatsachen, Vorgänge, welche sich zunächst im Innern des Tempelgeheimnisses der Mysterien abgespielt haben, wenn dieser oder jener Mensch, der dafür würdig erachtet worden war, durch die Hierophanten eingeweiht wurde. Da hat ein solcher Mensch, nachdem er lange Zeit hindurch dazu vorbereitet worden war, eine Art Tod und eine Art Auferstehung durchgemacht; und auch gewisse Lebensverhältnisse mußte er durchmachen, welche uns in den Evangelien wiedererscheinen — zum Beispiel als die Versuchungsgeschichte, als die Geschichte auf dem Ölberg und dergleichen. Weil sich das so verhält, erscheinen auch die Beschreibungen der alten Eingeweihten, die nicht Biographien im gewöhnlichen Sinne des Wortes sein wollen, so ähnlich den Evangeliengeschichten von dem Christus Jesus. Und wenn wir die Geschichte des Apollonius von Tyana, ja selbst die Buddha-Geschichte oder die Zarathustra-Geschichte lesen, das Leben des Osiris, des Orpheus, wenn wir gerade das Leben der größten Eingeweihten lesen, dann ist es oft, als wenn uns dieselben wichtigen Lebenszüge da entgegentreten, wie sie in den Evangelien geschildert werden vom Christus Jesus. Aber wenn wir auch zugeben müssen, daß wir auf diese Art für wichtige Vorgänge, die uns in den Evangelien dargestellt werden, die Vorbilder zu suchen haben in den Einweihungszeremonien der alten Mysterien, so sehen wir doch auf der anderen Seite handgreiflich, daß die großen Lehren des ChristusJesus-Lebens überall durchtränkt sind in den Evangelien mit Einzelangaben, die nun nicht eine bloße Wiederholung der Einweihungszeremonien sein wollen, sondern die uns recht sehr darauf hinweisen, daß unmittelbar Tatsächliches geschildert wird. Oder müssen wir nicht sagen, daß es in einer merkwürdigen Weise einen tatsächlichen Eindruck macht, wenn uns im Johannes-Evangelium folgendes geschildert wird (Kapitel 20, 1-17):

[ 9 ] «Am ersten Wochentage aber kommt Maria, die von Magdala, morgens frühe, da es noch dunkel war, zu dem Grabe, und sieht den Stein vom Grabe weggenommen. Da läuft sie und geht zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, welchen Jesus lieb hatte, und sagt zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grabe genommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Da ging Petrus hinaus und der andere Jünger, und gingen zum Grabe. Es liefen aber die beiden miteinander und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst an das Grab, und beugte sich vor und sieht die Leintücher da liegen, hinein ging er jedoch nicht. Da kommt Simon Petrus hinter ihm drein, und er trat in das Grab hinein und sieht die Leintücher liegen, und das Schweißtuch, das auf seinem Kopf gelegen war, nicht bei den Leintüchern liegen, sondern für sich zusammengewickelt an einem besonderen Ort. Hierauf ging denn auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah es und glaubte. Denn noch hatten sie die Schrift nicht verstanden, daß er von den Toten auferstehen müsse. Da gingen die Jünger wieder heim. Maria aber stand außen am Grabe weinend. Indem sie so weinte, beugte sie sich vor in das Grab, und schaut zwei Engel in weißen Gewändern da sitzend, einen zu Häupten und einen zu Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen war. Dieselben sagen zu ihr: Weib, was weinst du? Sagt sie zu ihnen: weil sie meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Als sie dies gesagt hatte, kehrte sie sich um und schaut Jesus dastehend, und erkannte ihn nicht. Sagt Jesus zu ihr: Weib, was weinst du? Wen suchst du? Sie, in der Meinung, es sei der Gartenhüter, sagt zu ihm: Herr, wenn du ihn fortgetragen, sage mir, wo du ihn hingelegt, so werde ich ihn holen. Sagt Jesus zu ihr: Maria! Da wendet sie sich und sagt zu ihm hebräisch: Rabbuni! das heißt: Meister. Sagt Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an; denn noch bin ich nicht aufgestiegen zu dem Vater!»

[ 10 ] Da haben wir eine Situation so mit Einzelheiten geschildert, daß wir kaum etwas vermissen, wenn wir uns in unserer Imagination ein Bild machen wollen, so, wenn zum Beispiel gesagt wird, daß der eine Jünger schneller läuft als der andere, daß das Schweißtuch, das den Kopf bedeckt hatte, fortgelegt ist an eine andere Stelle und so weiter. In allen Einzelheiten sehen wir etwas geschildert, was keinen Sinn hätte, wenn es sich nicht auf Tatsachen beziehen würde. Auf eins wurde auch schon bei anderer Gelegenheit aufmerksam gemacht, daß uns erzählt wird: Maria erkannte den Christus Jesus nicht. Und es wurde darauf aufmerksam gemacht, wie es möglich wäre, daß man jemanden, den man vorher gekannt hat, nach drei Tagen nicht in derselben Gestalt wiedererkennen würde? Daß der Christus also in einer veränderten Gestalt der Maria erschienen ist, das muß auch berücksichtigt werden; denn sonst hätten diese Worte auch keinen Sinn.

[ 11 ] Zweierlei können wir daher sagen: Die Auferstehung müssen wir tatsächlich auffassen als das Historischwerden der Auferweckung in den heiligen Mysterien zu allen Zeiten — nur mit dem Unterschiede, daß wir sagen müssen: Der, welcher die einzelnen Mysterienschüler auferweckt hat, war in den Mysterien der Hierophant; in den Evangelien wird aber darauf hingewiesen, wie der, der den Christus auferweckt hat, die Wesenheit ist, die wir mit dem Vater bezeichnen, daß der Vater selber den Christus auferweckt hat. Wir werden damit auch darauf hingewiesen, daß das, was sich sonst in einem kleineren Maßstabe in den Tiefen der Mysterien zugetragen hat, von den göttlichen Geistern hingestellt worden ist für die Menschheit einmal auf Golgatha, und daß die Wesenheit, die als der Vater bezeichnet wird, selber als Hierophant aufgetreten ist zur Erweckung des Christus Jesus. So haben wir also ins höchste gesteigert, was sonst im kleineren in den Mysterien aufgetreten ist. Das ist das eine. Das andere ist, daß mit den Dingen, die auf die Mysterien zurückführen, verwoben sind Beschreibungen von solchen Einzelheiten, daß wir uns die Situationen auch heute noch an den Evangelien bis in die Einzelheiten — wie wir an dem angeführten Bilde gesehen haben — rekonstruieren können. Eins ist es, was als noch wichtiger in Betracht kommt. Jene Worte müssen einen Sinn haben: «Denn noch hatten sie die Schrift nicht verstanden, daß er von den Toten auferstehen müsse. Da gingen die Jünger wieder heim.» Fragen wir also: Wovon hatten sich bis dahin die Jünger überzeugen können? So klar, wie nur irgend etwas klar sein kann, wird uns geschildert, daß die Leintücher da sind, daß der Leichnam nicht da ist; nicht mehr im Grabe ist. Von nichts anderem hatten sich die Jünger überzeugen können, und nichts anderes verstanden sie, als sie jetzt wieder heim gingen. Sonst hätten die Worte keinen Sinn. Je tiefer Sie eindringen in den Text, desto mehr müssen Sie sich sagen: Die Jünger, die am Grabe standen, überzeugten sich davon, daß die Leintücher da waren, daß aber der Leichnam nicht mehr im Grabe war; und sie gingen heim mit dem Gedanken: wo ist nun der Leichnam hin? Wer hat ihn aus dem Grabe gebracht?

[ 12 ] Und jetzt führen uns von der Überzeugung, daß der Leichnam nicht da ist, die Evangelien langsam zu den Dingen, durch welche die Jünger eigentlich von der Auferstehung überzeugt werden. Wodurch werden sie überzeugt? Dadurch, daß, wie die Evangelien erzählen, ihnen nach und nach der Christus erschienen ist, daß sie sich sagen konnten: Er ist da! was sogar so weit ging, daß Thomas, der der Ungläubige genannt wird, seine Finger in die Wundmale legen konnte. Kurz, aus den Evangelien können wir sehen, daß sich die Jünger von der Auferstehung erst dadurch haben überzeugen lassen, daß ihnen der Christus nachher als Auferstandener entgegengetreten ist. Daß er da war, das war für die Jünger der Beweis. Und hätte man diese Jünger, so wie sie sich nach und nach die Überzeugung verschafft hatten, daß der Christus lebt, trotzdem er gestorben war, — hätte man sie gefragt um den eigentlichen Inhalt ihres Glaubens, so würden sie gesagt haben: Wir haben die Beweise, daß der Christus lebt! Aber sie würden durchaus nicht so gesprochen haben, wie später Paulus gesprochen hat, als er das Ereignis von Damaskus erlebt hatte.

[ 13 ] Wer das Evangelium und die Paulus-Briefe auf sich wirken läßt, wird merken, welch tiefgehender Unterschied in bezug auf die Auffassung der Auferstehung zwischen dem Grundton der Evangelien und der paulinischen Auffassung ist. Zwar parallelisiert Paulus seine Auferstehungsüberzeugung mit der der Evangelien; denn indem er sagt, Christus sei erstanden, weist er darauf hin, daß der Christus als ein Lebendiger, nachdem er gekreuzigt worden war, dem Kephas, den Zwölfen, dann fünfhundert Brüdern auf einmal und zuletzt ihm auch, als einer unzeitigen Geburt, erschienen ist aus dem Feuerschein des Geistigen. So ist er auch den Jüngern erschienen; darauf weist Paulus hin. Und die Erlebnisse mit dem Auferstandenen waren für Paulus keine anderen als für die Jünger. Was er aber gleich daran anknüpfl, was für ihn das Ereignis von Damaskus ist, das ist seine wunderbare und leicht zu begreifende Theorie von der Wesenheit des Christus. Denn was wird vom Ereignis von Damaskus an für ihn die Wesenheit des Christus? Sie wird für ihn der zweite Adam. Und Paulus unterscheidet sogleich den ersten Adam und den zweiten Adam: den Christus. Den ersten Adam nennt er den Stammvater der Menschen auf der Erde. Aber in welcher Weise? Wir brauchen nicht weit zu gehen, um uns die Antwort auf diese Frage zu verschaffen. Er nennt ihn den Stammvater der Menschen auf Erden, indem er in ihm den ersten Menschen sieht, von dem alle übrigen Menschen abstammen — das heißt für Paulus: derjenige, der den Menschen vererbt hat den Leib, den sie als einen physischen an sich tragen. So hatten alle Menschen von Adam ihren physischen Leib vererbt. Das ist der Leib, der uns zunächst in der äußeren Maja entgegentritt, und der sterblich ist; es ist der von Adam vererbte, verwesliche Leib, der dem Tode verfallende physische Leib des Menschen. Mit diesem Leib — wir können den Ausdruck, denn er ist nicht schlecht, geradezu gebrauchen — sind die Menschen «angezogen». Und den zweiten Adam, den Christus, betrachtet Paulus im Gegensatz dazu als innehabend den unverweslichen, den unsterblichen Leib. Und durch die christliche Entwickelung setzt Paulus voraus, daß die Menschen allmählich in die Lage kommen, an die Stelle des ersten Adam den zweiten Adam zu setzen, an die Stelle des verweslichen Leibes des ersten Adam den unverweslichen Leib des zweiten Adam, des Christus, anzuziehen. Nichts Geringeres also, als was alle alte Weltanschauung zu durchlöchern scheint, nichts Geringeres scheint Paulus von denen zu fordern, die sich echte Christen nennen. Wie der erste, verwesliche Leib abstammt von Adam, so muß von dem zweiten Adam, von Christus, stammen der unverwesliche Leib. So daß jeder Christ sich sagen müßte, weil ich von Adam abstamme, habe ich einen verweslichen Leib, wie ihn Adam hatte; und indem ich mich in das rechte Verhältnis zu dem Christus setze, bekomme ich von Christus — dem zweiten Adam — einen unverweslichen Leib. Diese Anschauung leuchtet für Paulus unmittelbar hervor aus dem Damaskus-Ereignis. Mit anderen Worten: was will Paulus sagen? Wir kön nen es vielleicht mit einer einfachen schematischen Zeichnung ausdrücken.

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[ 14 ] Wenn wir eine Anzahl von Menschen zu einer bestimmten Zeit haben (X), so wird Paulus alle stammbaumgemäß zurückführen zu dem ersten Adam, von dem sie alle abstammen, und der ihnen den verweslichen Leib gegeben hat. Ebenso muß nach der Vorstellung des Paulus ein anderes möglich sein. Wie die Menschen in bezug auf ihre Menschlichkeit sich sagen können: wir sind verwandt, weil wir von dem einen Urmenschen, von Adam, abstammen, so müssen sie sich auch im Sinne des Paulus sagen: wie wir ohne unser Zutun durch die Verhältnisse, die in der physischen Menschheitsfortpflanzung gegeben sind, diese Linien zu Adam hinaufführen können, so muß es möglich sein, daß wir in uns etwas entstehen lassen können, was uns ein anderes möglich macht. Wie die natürlichen Linien zu Adam hinaufführen, so muß es möglich sein, Linien zu ziehen, die uns — zwar nicht zu dem fleischlichen Adam hinaufführen mit dem verweslichen Leib, die uns aber ebenso hinführen zu dem Leib, der unverweslich ist, und den wir durch unsere Beziehung zu dem Christus ebenso in uns tragen können, nach Paulinischer Auffassung, wie wir den verweslichen Leib durch Adam in uns tragen.

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[ 15 ] Nichts Unbequemeres gibt es für das moderne Bewußtsein, als diese Vorstellung. Denn ganz nüchtern besehen: was fordert das von uns? Es fordert etwas, was für das moderne Denken geradezu ungeheuerlich ist. Das moderne Denken hat lange darüber gestritten, ob alle Menschen von einem einzigen Urmenschen abstammen; aber das läßt es sich noch gefallen, daß alle Menschen von einem einzigen Menschen abstammen, der einmal auf der Erde da war für das physische Bewußtsein. Paulus aber fordert folgendes. Er sagt: Wenn du im rechten Sinne ein Christ werden willst, mußt du dir vorstellen, daß in dir etwas entstehen kann, was in dir leben kann, und von dem du sagen mußt, du kannst ebenso geistige Linien ziehen von diesem in dir Lebenden zu einem zweiten Adam, zu Christus, und zwar zu jenem Christus, der am dritten Tage sich aus dem Grabe erhoben hat, wie alle Menschen Linien hinziehen können zu dem physischen Leib des ersten Adam. — So verlangt Paulus von allen, die sich Christen nennen, daß sie in sich etwas entstehen lassen, was wirklich in ihnen ist, und was so, wie der verwesliche Leib zurückführt auf Adam, zu dem hinführt, was sich am dritten Tage erhoben hat aus dem Grabe, in das der Leib des Christus Jesus hineingelegt worden ist. Wer das nicht zugibt, kann kein Verhältnis zu Paulus gewinnen, kann nicht sagen: er verstehe Paulus. Stammt man ab in bezug auf seinen verweslichen Leib vom ersten Adam, so hat man die Möglichkeit, indem man die Wesenheit des Christus zu seinem eigenen Wesen macht, einen zweiten Stammvater zu haben. Das ist aber der, der sich am dritten Tage, nachdem der Leichnam des Christus Jesus in die Erde gelegt worden war, aus dem Grabe erhoben hat.

[ 16 ] So sei uns zunächst klar, daß dies eine Forderung des Paulus ist, so unbequem es auch dem modernen Denken ist. Wir werden uns schon von dieser Paulinischen Aufstellung dem modernen Denken nähern; nur soll man keine andere Meinung haben über das, was uns aus Paulus so klar entgegentritt, soll nicht herumdeuteln an dem, was gerade bei Paulus so klar ausgesprochen ist. Es ist freilich bequem, etwas allegorisch auszulegen und zu sagen, er habe es so und so gemeint; aber alle diese Deutungen haben keinen Sinn. Und es bleibt uns nichts übrig, wenn wir einen Sinn damit verbinden wollen — selbst wenn das moderne Bewußtsein es als einen Aberglauben auffassen wollte — als daß nach Paulinischer Darstellung der Christus nach drei Tagen auferstanden ist. Gehen wir aber weiter.

[ 17 ] Ich möchte hier nun auch noch die Bemerkung einfügen, daß eine solche Behauptung, wie sie Paulus getan hat, nachdem er selber den Gipfel seiner Initiation durch das Ereignis von Damaskus erlangt hatte, die Behauptung über den zweiten Adam und seine Auferstehung aus dem Grabe, nur einer machen konnte, der seiner ganzen Denkweise und seiner ganzen Anschauung nach aus dem Griechentum hervorgegangen war; der eben in dem Griechentum wurzelte, wenn auch als ein Angehöriger des hebräischen Volkes; der aber all seinen Hebräismus in gewisser Beziehung der griechischen Auffassung zum Opfer gebracht hatte. Denn was behauptet eigentlich Paulus, wenn wir der Sache nähertreten? Was die Griechen geliebt und geschätzt haben, die äußere Form des Menschenleibes, wovon sie die tragische Empfindung hatten: das endet, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet!, von dem sagt Paulus aus seiner Anschauung heraus: Es hat sich triumphierend aus dem Grabe erhoben mit der Auferstehung des Christus! — Und ziehen wir eine Brücke zwischen den zwei Weltanschauungen, so können wir sie am besten so ziehen:

[ 18 ] Der griechische Heros sagte aus seiner griechischen Empfindung heraus: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten! Und er sagte es, weil er aus seiner griechischen Empfindung heraus davon überzeugt war, daß das, was der Grieche liebte, die äußere Form des physischen Leibes, mit dem Durchgehen durch die Pforte des 'Iodes ein für allemal verloren sei. Auf denselben Boden, auf dem diese schönheitstrunkene tragische Stimmung erwachsen war, trat Paulus, der Verbreiter des Evangeliums zunächst unter den Griechen. Und wir weichen nicht von seinen Worten ab, wenn wir sie in folgender Weise übersetzen: «Nicht geht in der Zukunft das, was ihr am meisten schätzt, die menschliche Leibesform, zugrunde; sondern der Christus ist erstanden als der Erste von denen, die auferweckt werden von den Toten! Die physische Leibesform ist nicht verloren — sondern zurückgegeben der Menschheit durch die Auferstehung des Christus!» Was die Griechen am meisten schätzten, das gab der durch und durch griechisch gebildete Jude Paulus den Griechen mit der Auferstehung wieder zurück. Nur ein Grieche konnte so denken und so sprechen, aber nur ein Grieche, der es geworden war mit all den Voraussetzungen, die zugleich die Abstammung aus dem Judentum ergab. Nur ein zum Griechen gewordener Jude konnte so sprechen, nimmermehr ein anderer.

[ 19 ] Wie können wir uns aber diesen Dingen vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus nähern? Denn vorerst sind wir erst so weit, daß wir wissen, Paulus habe etwas gefordert, was dem modernen Denken einen gründlichen Strich durch die Rechnung macht. Jetzt wollen wir einmal versuchen, uns vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus dem, was Paulus fordert, zu nähern.

[ 20 ] Nehmen wir einmal die Dinge, die wir aus der Geisteswissenschaft wissen, zusammen, um aus dem, was wir selber sagen, eine Vorstellung zu bekommen gegenüber den Behauptungen des Paulus. Da wissen wir, wenn wir uns die allereinfachsten geisteswissenschaftlichen Wahrheiten noch einmal vor die Seele führen: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Wenn Sie nun jemanden fragen, der sich ein wenig mit Geisteswissenschaft beschäftigt hat, aber nicht sehr gründlich, ob er den physischen Leib des Menschen kenne, so wird er Ihnen ganz gewiß sagen: Den kenne ich sehr gut; denn ich sehe ihn ja, wenn ein Mensch mir vor Augen tritt. Das andere sind die übrigen unsinnlichen, unsichtbaren Glieder, die kann man nicht sehen; aber den physischen Menschenleib kenne ich sehr gut. — Tritt uns wirklich der physische Leib des Menschen vor Augen, wenn wir mit unserer gewöhnlichen physischen Anschauung und unserem physischen Verstande dem Menschen entgegentreten? Ich frage Sie: Wer hat ohne hellseherische Anschauung jemals einen physischen Menschenleib gesehen? Was haben die Menschen vor Augen, wenn sie nur mit physischen Augen schauen und mit dem physischen Verstande begreifen? Ein Menschenwesen, das aber besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich! Und wenn ein Mensch vor uns steht, steht ein organisierter Zusammenhang aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich vor uns. Und es hat sowenig Sinn, zu sagen, es stünde ein physischer Leib vor uns, wie es keinen Sinn hätte, zu sagen, wenn wir jemandem ein Glas Wasser vorhalten: da ist Wasserstoff drinnen! Wasser besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff, wie der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Was physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich zusammen ausmachen, das ist äußerlich in der physischen Welt zu sehen, wie das Wasser in dem Glase Wasser. Wasserstoff und Sauerstoff aber wird nicht gesehen, und der irrt sich gewaltig, der da sagen wollte, er würde den Wasserstoff im Wasser sehen. So irrt sich aber auch der, der da meint, er sehe den physischen Leib, wenn er einen Menschen in der äußeren Welt sieht. Nicht einen physischen Menschenleib sieht der mit physischen Sinnen und mit physischem Verstande begabte Beschauer, sondern ein viergliedriges Wesen — und den physischen Leib nur insofern, als er durchdrungen ist von den übrigen menschlichen Wesensgliedern. Da ist er aber so verändert, wie der Wasserstoff im Wasser, indem er vom Sauerstoff durchdrungen ist. Denn Wasserstoff ist ein Gas, und Sauerstoff ist auch eins. Wir haben also zwei Gase; beide zusammengefügt geben eine Flüssigkeit. Warum sollte es also unbegreiflich sein, daß der Mensch, der uns in der physischen Welt entgegentritt, sehr unähnlich ist seinen einzelnen Gliedern — dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich, wie ja auch das Wasser dem Wasserstoff sehr unähnlich ist? Und so ist es auch! Deshalb müssen wir sagen: Auf jene Maja, als die ihm der physische Leib zunächst erscheint, darf sich der Mensch nicht verlassen. Wir müssen uns den physischen Leib in einer ganz anderen Weise denken, wenn wir uns dem Wesen dieses physischen Menschenleibes nähern wollen.

[ 21 ] Da handelt es sich darum, daß die Betrachtung des physischen Menschenleibes an sich zu den schwierigsten hellseherischen Problemen gehört, zu den allerschwierigsten! Denn nehmen wir an, wir lassen von der Außenwelt dasjenige Experiment mit dem Menschen vollziehen, das ähnlich ist dem Zerlegen des Wassers in Wasserstoff und Sauerstoff. Nun, im Tode wird ja dieses Experiment von der großen Welt vollzogen. Da sehen wir, wie der Mensch seinen physischen Leib ablegt. Legt er wirklich seinen physischen Leib ab? Die Frage scheint eigentlich lächerlich zu sein. Denn was scheint klarer zu sein, als daß der Mensch mit dem ’Iode seinen physischen Leib ablegt! Aber was der Mensch mit dem Tode ablegt — was ist denn das? Das ist etwas, von dem man zum mindesten sich sagen muß, daß es das Wichtigste, was der physische Leib im Leben hat, nicht mehr besitzt: nämlich die Form, die von dem Momente des Todes an zerstört zu werden beginnt an dem Abgelegten. Wir haben zerfallende Stoffe vor uns, und die Form ist nicht mehr eigentümlich. Was da abgelegt wird, sind im Grunde genommen die Stoffe und Elemente, die wir sonst auch in der Natur verfolgen; das ist nicht das, was sich naturgemäß eine menschliche Form geben würde. Zum physischen Menschenleib gehört aber diese Form ganz wesentlich. Für den gewöhnlichen hellseherischen Blick ist es zunächst tatsächlich so, als ob einfach der Mensch diese Stoffe ablege, die dann der Verwesung oder Verbrennung zugeführt werden, und sonst nichts von seinem physischen Leibe bliebe. Dann sieht das gewöhnliche Hellsehen nach dem Tode in jenen Zusammenhang hinein, der da besteht aus Ich, astralischem Leib und Ätherleib während der Zeit, während welcher der Mensch seinen Rückblik zum verflossenen Leben hat. Dann sieht der Hellseher durch das fortschreitende Experiment den Ätherleib sich abtrennen, sieht einen Extrakt dieses Ätherleibes mitgehen und das Übrige sich auflösen in dem allgemeinen Weltenäther in der einen oder anderen Weise. Und so scheint es in der 'Tat, als ob der Mensch den physischen Leib mit den physischen Stoffen und Kräften abgelegt hätte mit dem Tode und den Ärherleib nach ein paar Tagen. Und wenn der Hellseher den Menschen dann weiter verfolgt während der KamalokaZeit, so sieht er, wie wieder von dem Astralleib ein Extrakt durch das weitere Leben zwischen Tod und neuer Geburt mitgenommen, und wie das andere des Astralleibes der allgemeinen Astralität übergeben wird.

[ 22 ] Wir sehen also: Physischer Leib, Ätherleib und Astralleib werden abgelegt, und der physische Leib scheint erschöpft zu sein in dem, was wir vor uns haben in den Stoffen und Kräften, die der Verwesung oder Verbrennung oder auf eine andere Weise der Auflösung in die Elemente entgegengehen. Je mehr sich aber in unserer Zeit des Menschen Hellsichtigkeit entwickelt, desto mehr wird er sich über eines klar werden: daß das, was mit dem physischen Leibe abgelegt wird als die physischen Stoffe und Kräfte, doch nicht der ganze physische Leib ist, daß das gar nicht einmal die ganze Gestalt des physischen Leibes gäbe. Sondern zu diesen Stoffen und Kräften gehört noch etwas anderes, das wir nennen müssen, wenn wir sachgemäß sprechen, das «Phantom» des Menschen. Dieses Phantom ist die Formgestalt des Menschen, welche als ein Geistgewebe die physischen Stoffe und Kräfte verarbeitet, so daß sie in die Form hineinkommen, die uns als der Mensch auf dem physischen Plane entgegentritt. Wie der plastische Künstler keine Statue zustande bringt, wenn er Marmor oder irgend etwas anderes nimmt und wüst darauf losschlägt, daß einzelne Stücke abspringen, wie sie der Stoff eben abspringen läßt; sondern wie der plastische Künstler den Gedanken haben muß, den er dem Stoffe einprägt, so ist auch für den Menschenleib der Gedanke vorhanden; aber nicht so vorhanden, da das Material des Menschenleibes kein Marmor oder Gips ist, wie derjenige des Künstlers, sondern als der reale Gedanke in der Außenwelt: als Phantom. Was der plastische Künstler einprägt seinem Stoffe, das wird den Stoffen der Erde, die wir nach dem 'Iode dem Grabe oder dem Feuer übergeben sehen, eingeprägt als Phantom des physischen Leibes. Das Phantom gehört zum physischen Leibe dazu, es ist der übrige Teil des physischen Leibes, ist wichtiger als die äußeren Stoffe; denn die äußeren Stoffe sind im Grunde genommen nichts anderes als etwas, was hineingeladen wird in das Netz der menschlichen Form, wie man Äpfel auf einen Wagen lädt. Das Phantom ist etwas Wichtiges! Die Stoffe, die da zerfallen nach dem Tode, sind im wesentlichen das, was wir in der Natur draußen auch antreffen, nur daß es aufgefangen wird von der menschlichen Form.

[ 23 ] Wenn Sie tiefer nachdenken: glauben Sie, daß alle die Arbeit, die getan worden ist von großen göttlichen Geistern durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch, nur das geschaffen hat, was mit dem ’Iode den Elementen der Erde übergeben wird? Nein! das ist es gar nicht, was da durch Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch entwickelt worden ist. Das Phantom ist es, die Form des physischen Leibes! Das ist es also, worüber wir uns klar sein müssen, daß das Verständnis dieses physischen Leibes nicht so leicht ist. Vor allen Dingen darf das Verständnis des physischen Leibes nicht in der Welt der Illusion, nicht in der Welt der Maja gesucht werden. Wir wissen, daß den Grundstein, sozusagen den Keim zu diesem Phantom des physischen Leibes, die Throne während der Saturnzeit gelegt haben, daß dann weiter daran gearbeitet haben die Geister der Weisheit während der Sonnenzeit, die Geister der Bewegung während der Mondenzeit und die Geister der Form während der Erdenzeit. Und dadurch erst ist das, was der physische Leib ist, zum Phantom geworden. Daher nennen wir sie die Geister der Form, weil sie eigentlich in dem leben, was wir das Phantom des physischen Leibes nennen. So müssen wir schon, um den physischen Leib zu verstehen, zum Phantom desselben zurückgehen.

[ 24 ] Nun würden wir also sagen können, wenn wir an den Beginn unseres Erdendaseins uns versetzen: Die Scharen aus den Reihen der höheren Hierarchien, welche über die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit bis zur Erdenzeit den menschlichen physischen Leib in seiner Form bereitet haben, sie haben dieses Phantom zunächst innerhalb der Erdenevolution hereingestellt. In der Tat war als erstes von dem physischen Leib des Menschen das Phantom da, das man nicht mit physischen Augen sehen kann. Das ist ein Kraftleib, der ganz durchsichtig ist. Was das physische Auge sieht, sind die physischen Stoffe, die der Mensch ißt, die er aufnimmt, und die dieses Unsichtbare ausfüllen. Schaut das physische Auge einen physischen Leib an, so sieht es in Wahrheit das Mineralische, das den physischen Leib ausfüllt, gar nicht den physischen Leib. Wodurch ist denn aber das Mineralische gerade so, wie es ist, hineingekommen in dieses Phantom des physischen Leibes des Menschen? — Um uns diese Frage zu beantworten, vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Entstehung, das erste Werden des Menschen auf unserer Erde.

[ 25 ] Herübergekommen ist von Saturn, Sonne und Mond jener Kraftzusammenhang, der uns im unsichtbaren Phantom des physischen Leibes in seiner wahren Gestalt entgegentritt, und der gerade für ein höheres Hellsehen erst als Phantom erscheinen wird, wenn wir absehen von alledem, was als äußere Stoffe dieses Phantom ausfüllt. Also dieses Phantom ist es, was am Ausgangspunkte steht. Unsichtbar wäre also der Mensch am Ausgangspunkte seines Erdenwerdens auch als physischer Leib. Nehmen wir jetzt an, es würde zu diesem Phantom des physischen Leibes der Ätherleib noch hinzugefügt werden, würde dadurch der physische Leib nun sichtbar werden als Phantom? Ganz gewiß nicht. Denn der Ätherleib ist sowieso unsichtbar für das gewöhnliche Anschauen. Also physischer Leib plus Ätherleib sind noch immer nicht sichtbar im äußeren physischen Sinne. Und der Astralleib erst recht nicht; so daß physischer Leib als Phantom und Ätherleib und Astralleib zusammen noch immer unsichtbar sind. Und das Ich, hinzugefügt, würde zwar innerlich wahrnehmbar sein, aber nicht äußerlich sichtbar. Also der Mensch bliebe uns, wie er aus der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit herübergekommen ist, etwas Unsichtbares, und würde nur für ein Hellsehen sichtbar sein. Wodurch wurde er sichtbar? — Er würde überhaupt nicht sichtbar geworden sein, wenn nicht das eingetreten wäre, was uns die Bibel symbolisch und was uns wirklich die Geheimwissen schaft schildert: der luziferische Einfluß. Was ist damit geschehen?

[ 26 ] Lesen Sie nach in der «Geheimwissenschaft»: Aus jener Entwickelungsbahn, in welcher der Mensch dadurch war, daß sein physischer Leib, Ätherleib und Astralleib bis zum Unsichtbaren gebracht worden sind, ist er heruntergeworfen worden in die dichtere Materie und hat die dichtere Materie so aufgenommen, wie er sie eben aufnehmen mußte unter dem Einflusse des Luzifer. Wäre also in unserem astralischen Leibe und in unserem Ich nicht das, was wir die luziferische Kraft nennen, so würde die dichte Materialität nicht so sichtbar geworden sein, wie sie sichtbar geworden ist. Daher müssen wir sagen: Wir müssen den Menschen als einen unsichtbaren hinstellen; und erst mit den Einflüssen des Luzifer sind Kräfte in den Menschen eingezogen, die ihn für die Materie sichtbar machen. Durch die luziferischen Einflüsse geraten in das Gebiet des Phantoms die äußeren Stoffe und Kräfte und durchdringen dieses Phantom. Wie wenn wir in ein durchsichtig erscheinendes Glas eine farbige Flüssigkeit hineingießen, so daß uns dasselbe gefärbt erscheint, während es sonst für unser Auge durchsichtig war, so müssen wir uns denken, daß der luziferische Einfluß Kräfte hineingegossen hat in die menschliche Phantomform, wodurch der Mensch geeignet wurde, auf der Erde die entsprechenden Stoffe und Kräfte aufzunehmen, die seine sonst unsichtbare Form sichtbar werden lassen.

[ 27 ] Was also macht den Menschen sichtbar? Die luziferischen Kräfte in seinem Innern machen den Menschen so sichtbar, wie er uns auf dem physischen Plane entgegentritt; sonst wäre sein physischer Leib immer unsichtbar geblieben. Daher haben die Alchimisten immer betont, daß der menschliche Leib in Wahrheit besteht aus derselben Substanz, aus welcher der ganz durchsichtige, kristallhelle Stein der Weisen besteht. Der physische Leib besteht wirklich aus absoluter Durchsichtigkeit, und die luziferischen Kräfte im Menschen sind es, welche ihn zur Undurchsichtigkeit gebracht haben und ihn so vor uns hinstellen, daß er undurchsichtig und greifbar wird. Daraus werden Sie ersehen, daß der Mensch zu dem Wesen, das die äußeren Stoffe und Kräfte der Erde aufnimmt, die mit dem Tode wieder weggegeben werden, nur dadurch geworden ist, daß er von Luzifer verführt worden ist, und daß gewisse Kräfte in seinen Astralleib hineingegossen worden sind. Was aber wird denn notwendigerweise daraus folgen? Daraus muß folgen, daß, indem das Ich unter dem Einfluß des Luzifer auf der Erde in den Zusammenhang von physischem Leib, Ätherleib und Astralleib eingezogen ist, der Mensch erst das geworden ist, was er auf der Erde ist. Dadurch ist er erst zum Träger der irdischen Gestalt geworden, sonst wäre er es nicht geworden.

[ 28 ] Und jetzt nehmen wir einmal an, daß von einem menschlichen Zusammenhange, der da besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, in einem bestimmten Zeitpunkte des Lebens das Ich herausgeht, daß also dann vor uns stehen würde: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib — nicht aber das Ich dazu. Nehmen wir einmal an, das würde eintreten, das heißt, es würde eintreten, was eingetreten ist mit Bezug auf den Jesus von Nazareth im dreißigsten Jahre seines Lebens: da hat das menschliche Ich diesen Zusammenhang von physischem Leib, Ätherleib und Astralleib verlassen. Und in dies, was geblieben ist — eben der Zusammenhang von physischem Leib, Ätherleib und Astralleib — zieht die Christus-Wesenheit ein mit der Johannes-Taufe im Jordan. Daher haben wir jetzt physischen Leib, Ätherleib und Astralleib eines Menschen — und die ChristusWesenheit. Wie sonst das Ich, so sitzt jetzt in einem menschlichen Zusammenhange die Christus-Wesenheit. Was also unterscheidet jetzt diesen Christus Jesus von allen anderen Menschen der Erde? Das unterscheidet ihn, daß alle anderen Menschen jenes Ich in sich tragen, das einmal in der Versuchung des Luzifer unterlegen ist, und daß der Christus Jesus dieses Ich nicht mehr in sich trägt, sondern statt dessen die Christus-Wesenheit. So daß er nunmehr von dem, was von Luzifer kommt, den Rest in sich trägt — ohne daß ein menschliches Ich weiter in diesen Leib, von der Johannes-Taufe im Jordan angefangen, die luziferischen Einflüsse hineinkommen lassen könnte. Ein physischer Leib, ein Ätherleib, ein astralischer Leib, in denen die Reste der luziferischen Einflüsse von früher drinnen sind, aber in die keine neuen Einflüsse hineinkommen können in den nächsten drei Jahren, und die Christus-Wesenheit: das macht den Christus Jesus aus.

[ 29 ] Fassen wir ganz genau ins Auge, was jetzt der Christus von der Johannes-Taufe im Jordan bis zum Mysterium von Golgatha ist: ein physischer Leib, ein ätherischer Leib und ein astralischer Leib, der diesen physischen Leib und Ätherleib sichtbar macht, weil er die Reste des luziferischen Einflusses noch enthält. Denn dadurch, daß die Christus-Wesenheit die Reste des astralischen Leibes hat, die der Jesus von Nazareth gehabt hat von der Geburt bis zum dreißigsten Jahre, dadurch ist der physische Leib sichtbar als der Christus-Träger. Seit der Johannes-Taufe im Jordan haben wir also vor uns einen physischen Leib, der als solcher nicht sichtbar wäre auf dem physischen Plan, einen Ätherleib, der als solcher nicht wahrnehmbar wäre, die Reste des Astralleibes, der die beiden anderen Leiber sichtbar macht, der den Jesus-von-Nazareth-Leib zu einem sichtbaren Leib macht von der Johannes-Taufe im Jordan bis zum Mysterium von Golgatha — und die Christus-Wesenheit drinnen. Diese viergliedrige Wesenheit des Christus Jesus wollen wir uns einmal recht gut in die Seele schreiben, wollen uns sagen: Ein jeder Mensch, der auf dem physischen Plane vor uns steht, besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich; aber dieses Ich ist ein solches, das immer in den astralischen Leib hineinwirkt bis zum "Tode. Die Christus- JesusWesenheit aber steht als solche vor uns, die an sich hat auch physischen Leib, Ätherleib, Astralleib — aber jetzt kein menschliches Ich, so daß da die drei Jahre bis zum Tode nicht dasselbe hineingewirkt wird, was sonst in die menschliche Wesenheit hineingewirkt wird, sondern eben die Christus-Wesenheit.

[ 30 ] Das wollen wir uns klar vor die Seele schreiben und morgen von diesem Ausgangspunkte an die Sache weiter betrachten.