True Aspects of Evolution
GA 132
21 November 1911, Berlin
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True Aspects of Evolution, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Ein schwieriges Kapitel unserer Weltanschauung haben wir nun so weit gebracht, daß wir hinter den Erscheinungen der äußeren Sinneswelt zum Teil erblicken gelernt haben Geistiges. Von solchen Erscheinungen, die zunächst äußerlich wenig davon verraten, daß Geistiges in der eigentümlichen Form, wie wir dieses Geistige in unserem eigenen Seelenleben erfahren, dahintersteht, von solchen Erscheinungen haben wir erkannt, daß dennoch geistige Betätigungen, geistige Qualitäten und Eigenschaften dahinterstehen. Was uns so zum Beispiel im gewöhnlichen Leben als wärmehafte Eigenschaft erscheint, als Wärme oder Feuer, das erkannten wir als den Ausdruck des Opfers. In dem, was als Luft uns entgegentritt und wieder zunächst so wenig verrät, wenigstens für unsere Begriffe, daß es geistig ist, darin erkannten wir dasjenige, was wir die schenkende Tugend besonderer Weltenwesen nannten. Und im Wasser haben wir das erkannt, was Resignation, Verzicht genannt werden kann.
[ 1 ] We have now advanced a difficult chapter of our worldview to the point where we have learned, to some extent, to perceive the spiritual behind the phenomena of the external sensory world. We have come to recognize that behind such phenomena—which at first glance reveal little of the fact that the spiritual, in the unique form in which we experience it in our own inner life, lies behind them—there are nevertheless spiritual activities, spiritual qualities, and characteristics. What appears to us, for example, in ordinary life as a warm quality—as heat or fire—we recognized as the expression of sacrifice. In what confronts us as air and again reveals so little, at least to our understanding, of its spiritual nature, we recognized that which we called the bestowing virtue of particular world beings. And in water, we recognized what can be called resignation, renunciation.
[ 2 ] In früheren Weltanschauungen - darauf sei nur nebenbei aufmerksam gemacht — hat man natürlich schon eher in dem äußeren Stofflichen das Geistige geahnt und erkannt, wofür ein Beweis sein kann, daß man besonders flüchtige Stoffe mit dem Worte «Spiritus» bezeichnet hat, das wir heute in eigenschaftlicher Bedeutung anwenden auf das Geistige, indem wir sagen «spirituell»; und in der äußeren Welt kann es ja vorkommen, daß die Menschen dieses «spirituell» noch so wenig auf das Geistige beziehen, auf das Übersinnliche, daß einmal, wie einzelnen von Ihnen bekannt sein wird, als an einen Münchner Spiritistenverein ein Brief adressiert worden ist und man nicht wußte, was das ist, ein Spiritistenverein, man diesen Brief dem Vorsitzenden des Zentralverbandes der Spirituosenhändler aushändigte.
[ 2 ] In earlier worldviews—and this should be noted in passing—people naturally sensed and recognized the spiritual in the external material world; evidence of this can be found in the fact that particularly volatile substances were designated by the word “spiritus,” which we today apply in a specific sense to the spiritual when we say “spiritual”; and in the external world it can indeed happen that people relate this “spiritual” so little to the spiritual, to the supersensible, that once, as some of you may know, a letter was addressed to a Munich spiritualist society, and since no one knew what a spiritualist society was, the letter was handed over to the chairman of the Central Association of Spirits Dealers.
[ 3 ] Indem wir nun heute jenen bedeutungsvollen Übergang betrachten wollen, der sich in der Evolution des Erdenplaneten vollzogen hat von der alten Sonne zum alten Mond herüber, werden wir eine andere Art der Entwickelung des Geistigen ins Auge fassen müssen. Wir werden aber ausgehen müssen von dem, was uns :das letzte Mal entgegengetreten ist als der Verzicht. Da haben wir gesehen, daß dieser Verzicht im wesentlichen darin besteht, daß geistig hochstehende Wesenheiten verzichteten auf die Entgegennahme des Opfers, was ja, wie wir erkannt haben, im wesentlichen das Opfer des Willens oder der Willenssubstanz ist. Wenn wir uns dies so vorstellen, daß gewisse Wesenheiten das opfern wollen, was ihre Willenssubstanz ist, und ihnen durch den Verzicht höherer Wesenheiten sozusagen verweigert wird die Entgegennahme dieses Willens, dann werden wir uns leicht zu dem Begriff erheben können, daß dann jene Willenssubstanz, welche die betreffenden Wesenheiten eigentlich höheren geistigen Wesenheiten opfern wollten, zurückbleiben muß in den betreffenden Wesenheiten, welche opfern wollen und nicht opfern können. $o sind uns damit ohne weiteres im Weltenzusammenhange gegeben Wesenheiten, welche bereit sind, ihr Opfer darzubringen, also in einer gewissen Weise bereit sind, das, was in ihrem Inneren ruht, inbrünstig hinzugeben, aber es nicht können und daher in sich behalten müssen. Oder anders ausgedrückt bedeutet es, daß diese Wesenheiten eine gewisse Verbindung mit höheren Wesenheiten, die sich ihnen ergeben hätte, wenn sie hätten opfern dürfen, durch die Zurückweisung des Opfers nicht haben können.
[ 3 ] As we now turn our attention to that significant transition that took place in the evolution of the Earth from the old Sun to the old Moon, we must consider a different kind of spiritual development. However, we must begin with what we encountered last time as “renunciation.” There we saw that this renunciation essentially consists in spiritually advanced beings renouncing the acceptance of the sacrifice, which, as we have recognized, is essentially the sacrifice of the will or the substance of the will. If we imagine this in such a way that certain beings wish to sacrifice what constitutes their substance of will, and through the renunciation of higher beings they are, so to speak, denied the acceptance of this will, then we will easily be able to rise to the concept that the substance of will which the beings in question actually wished to sacrifice to higher spiritual beings must remain within the beings who wish to sacrifice but cannot. Thus, in the context of the cosmos, we are readily presented with beings who are ready to offer their sacrifice—that is, who are in a certain sense ready to fervently give up what lies within them—but who cannot do so and must therefore retain it within themselves. Or, to put it another way, this means that these beings, by rejecting the sacrifice, are unable to establish a certain connection with higher beings that would have been theirs had they been permitted to make the sacrifice.
[ 4 ] In personifizierter, man möchte sagen, in weltgeschichtlich symbolischer Weise tritt uns das entgegen, was wir dabei ins Auge fassen sollen — aber es ist dort verschärft - in dem Kain, der dem Abel gegenübersteht. Auch Kain will sein Opfer hinaufsenden zu seinem Gott. Sein Opfer aber ist nicht wohlgefällig, und der Gott nimmt es nicht auf. Das Opfer Abels nimmt er auf. Was wir dabei ins Auge fassen wollen, ist das innere Erlebnis, das dabei zustande kommen kann, daß Kain sein Opfer zurückgewiesen findet. Wenn wir uns zu der Höhe der Auffassung erheben wollen, die dabei in Betracht kommt, so müssen wir uns klarmachen, daß wir bei den Regionen, von denen wir hier sprechen, nicht solche Begriffe, die bloß eine Bedeutung in unserem gewöhnlichen Leben haben, hineinschleppen dürfen in die höheren Regionen. Es wäre falsch, wenn man davon sprechen würde, daß durch eine Schuld oder ein Unrecht die Zurückweisung des Opfers zustande käme. Von Schuld oder Sühne, wie wir sie in unserem jetzigen gewöhnlichen Leben kennen, darf in diesen Regionen noch nicht die Rede sein. Wir müssen diese Wesenheiten vielmehr so betrachten, daß es von seiten der höheren Wesenheiten, welche das Opfer zurückwiesen, ein Verzicht, eine Resignation ist. In dem, was wir vor acht Tagen als Seelenstimmung charakterisierten, liegt nichts, was Schuld oder Unterlassung ist, sondern es liegt darin alles Große und Bedeutungsvolle, was in einem Verzicht, in einer Resignation liegen kann. Das bleibt aber dabei doch bestehen, daß die anderen Wesenheiten, welche das Opfer haben bringen wollen, in sich eine Stimmung erzeugen müssen, von der wir fühlen können, daß damit etwas beginnt wie eine, wenn auch außerordentlich leise Gegnerschaft gegen jene Wesen, welche die Opfer zurückweisen. Deshalb ist dies in bezug auf Kain, wo es in einer späteren Zeit uns vorgeführt wird, in verschärftem Maße dargestellt. Wir werden daher nicht dieselbe Stimmung, die wir bei Kain finden, bei denjenigen Wesenheiten antreffen, die sich von der Sonne zum Mond herüberentwickeln; wir werden diese Stimmung bei ihnen in einem anderen Maße antreffen. Und wir lernen die Stimmung, die sich da geltend macht, nur kennen, wenn wir, wie wir es in den letzten Vorträgen getan haben, wieder in unsere eigene Seele blicken und uns fragen, wo wir in der eigenen Seele eine solche Stimmung finden können, welche Seelenverhältnisse uns andeuten können, wie die Stimmung ist, die sich entwickeln müßte in den Individualitäten, deren Opfergaben zurückgewiesen worden sind.
[ 4 ] In a personified, one might say, world-historically symbolic way, what we are meant to focus on here—though it is intensified there—is presented to us in the figure of Cain, who stands opposite Abel. Cain, too, wants to send his offering up to his God. But his offering is not pleasing, and God does not accept it. He accepts Abel’s offering. What we wish to focus on here is the inner experience that can arise from Cain finding his offering rejected. If we wish to rise to the level of understanding that is at stake here, we must realize that, when dealing with the realms we are discussing, we must not carry over into these higher realms concepts that have meaning only in our ordinary lives. It would be wrong to speak of the rejection of the offering as resulting from guilt or wrongdoing. There can be no question yet of guilt or atonement, as we know them in our present ordinary life, in these regions. Rather, we must view these beings in such a way that, on the part of the higher beings who rejected the sacrifice, it is a renunciation, a resignation. In what we characterized eight days ago as a soul mood, there is nothing that constitutes guilt or omission; rather, it contains all that is great and significant that can lie in a renunciation, in a resignation. It remains true, however, that the other beings who wished to offer the sacrifice must generate within themselves a mood from which we can sense that something is beginning—albeit an extraordinarily subtle opposition—against those beings who reject the sacrifices. This is why, in relation to Cain, where it is presented to us at a later time, this is depicted to a heightened degree. We will therefore not encounter the same mood that we find in Cain in those beings who are developing from the Sun toward the Moon; we will find this mood in them to a different degree. And we can only become acquainted with the mood that asserts itself there if, as we have done in the last lectures, we look again into our own souls and ask ourselves where we can find such a mood within our own souls, and what soul conditions might indicate to us what the mood is that must develop in the individualities whose offerings have been rejected.
[ 5 ] Diese Stimmung in uns — und wir kommen da immer näher und näher dem irdischen Menschenleben -, die eigentlich jede Seele schon kennt in ihrer Unbestimmtheit und zugleich in ihrer quälenden Weise in der Art, die wir voll rechnen können zu dem, was am nächsten Donnerstage im öffentlichen Vortrage «Die verborgenen Tiefen des Seelenlebens» zu besprechen sein wird - diese Stimmung, die jede Seele kennt als waltend in den verborgenen Tiefen des Seelenlebens, sie dringt zuweilen herauf an die Oberfläche unseres Seelenlebens; dann ist sie vielleicht am wenigsten quälend. Aber wir Menschen gehen mit dieser Stimmung oftmals herum, ohne daß wir uns derselben in unserem Oberbewußtsein recht klar bewußt sind, und wir haben sie doch in uns. Man möchte an das Dichterwort erinnern, um so recht das unbestimmt Quälerische, das mit der Nuance des Schmerzes Verbundene daran hervorzuheben: «Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide.» Gemeint ist die Sehnsucht als Seelenstimmung, Sehnsucht, wie sie lebt in den Seelen der Menschen - nicht nur dann, wenn sie dieses oder jenes anstreben.
[ 5 ] This mood within us—and we are drawing ever closer to earthly human life—which every soul actually already knows in its vagueness and at the same time in its tormenting nature, in the way that we can fully expect to discuss “The Hidden Depths of Soul Life”—this mood, which every soul knows as reigning in the hidden depths of soul life, sometimes rises to the surface of our soul life; then it is perhaps least agonizing. But we humans often go about with this mood without being fully aware of it in our conscious mind, and yet we have it within us. One might recall the poet’s words to emphasize all the more the vague torment, the nuance of pain associated with it: “Only those who know longing know what I suffer.” What is meant here is longing as a mood of the soul, longing as it lives in the souls of human beings—not only when they strive for this or that.
[ 6 ] Um uns hineinzuversetzen in das, was geistig in der Entwickelungsphase des alten Saturn und der Sonne vorging, war notwendig, daß wir zu besonderen Seelenzuständen unseren Blick erhoben, die sozusagen erst eintreten, wenn die menschliche Seele strebend wird, wenn sie sich hinauforganisiert zu einem höheren Streben. Das haben wir gesehen, als wir versuchten, uns die Natur des Opfers aus unserem eigenen Seelenleben heraus klarzumachen, versuchten, uns klarzumachen, was der Mensch erlangt als Weisheit, die wir hineinträufeln sehen und die entsteht aus dem, was man nennen könnte: Bereitschaft zu geben, bereit sein dazu, sich selber sozusagen hinzugeben. Indem wir so zu mehr irdischen Verhältnissen heraufkommen, die sich aus früheren entwickelt haben, treffen wir eine Seelenstimmung, die ähnlich ist manchem, was der Mensch heute noch erleben kann. Nur müssen wir uns klar sein. daß alles Leben unserer Seele, insofern unsere Seele in einen Erdenleib eingefügt ist, als eine obere Schicht liegt über einem verborgenen Seelenleben, das unten in den Tiefen abläuft. Wer sollte denn nicht wissen, daß es ein solches verborgenes Seelenleben gibt? Das Leben belehrt uns hinlänglich darüber, daß es ein solches gibt.
[ 6 ] In order to understand what was happening spiritually during the developmental phases of Old Saturn and the Sun, it was necessary for us to turn our gaze to specific states of the soul that, so to speak, only arise when the human soul begins to strive, when it organizes itself upward toward a higher aspiration. We saw this when we tried to clarify the nature of sacrifice from within our own soul life, when we tried to understand what the human being attains as wisdom—that which we see trickling in and which arises from what one might call a willingness to give, a readiness, so to speak, to surrender oneself. As we thus ascend to more earthly conditions that have developed from earlier ones, we encounter a soul mood that is similar to much of what a human being can still experience today. We must only be clear that the entire life of our soul—insofar as our soul is embedded in an earthly body—lies as an upper layer over a hidden soul life that takes place down in the depths. Who, after all, is not aware that such a hidden soul life exists? Life itself teaches us sufficiently that such a life exists.
[ 7 ] Nehmen wir nun einmal an, um uns etwas von diesem verborgenen Seelenleben klarzumachen, ein Kind habe vielleicht in seinem siebenten oder achten Jahre oder in einer anderen Lebenszeit dieses oder jenes erfahren; es habe zum Beispiel erfahren, wofür Kinder sehr häufig ganz besonders empfänglich sind, Ungerechtigkeit — Ungerechtigkeit, indem es beschuldigt wurde, dies oder jenes getan zu haben, was es in Wahrheit nicht getan hat, aber die Bequemlichkeit der Umgebung des Kindes habe, um wenigstens mit der Sache fertigzuwerden, das Kind beschuldigt, dies oder jenes getan zu haben. Kinder haben ein ganz besonders reges Empfinden dafür, wenn ihnen in dieser Weise eine Ungerechtigkeit zugefügt wird. Aber, wie das Leben nun ist, nachdem sich dieses Erlebnis tief eingefressen hat in das kindliche Leben, legt das spätere Leben die anderen Schichten des Seelendaseins darüber, und das Kind hat für alles, was das Alltagsleben betrifft, die Sache vergessen. Es könnte nun auch sein, daß eine solche Sache niemals wieder auftauchen würde. Aber nehmen wir jetzt an: im fünfzehnten, sechzehnten Jahre erfährt das Kind, sagen wir in der Schule, eine neue Ungerechtigkeit. Und jetzt wird das wirksam, was sonst tief unten in der wogenden Seele ruht. Das Kind braucht es gar nicht einmal zu wissen, kann sich ganz andere Vorstellungen und Begriffe bilden, als zu wissen, daß heraufwirkt eine Reminiszenz dessen, was es in früheren Jahren erlebt hat. Wäre das aber, was früher vorgegangen ist, nicht geschehen, so würde es, wenn zum Beispiel das Kind ein Junge ist, nach Hause gehen, ein bißchen weinen, vielleicht auch ein bißchen schimpfen, es würde aber darüber hinweggehen. So aber ist jenes frühere Ereignis geschehen — und ich betone ausdrücklich, daß das Kind nicht zu wissen braucht, was da vorgekommen ist —, und das wirkt, wirkt unter der Oberfläche des Seelenlebens, wie unter dem glatt ausschauenden Meeresspiegel die Wogen aufgerührt werden können. Und aus dem, was sonst vielleicht ein Weinen, ein Klagen oder ein Schimpfen geworden wäre, wird nun ein Schülerselbstmord! So spielen die verborgenen Tiefen des Seelenlebens herauf aus den Untergründen. Und die wichtigste Kraft, die da unten waltet, die bei jeder Seele waltet und zuweilen heraufdringt in ihrer ureigenen Gestalt, aber am bedeutsamsten ist, wenn sie so heraufdringt, daß sich der Mensch ihrer nicht bewußt ist, das ist die Sehnsucht. Wir kennen auch die Namen, welche diese Kraft für die äußere Welt hat, die aber doch nur metaphorische, unbestimmte Namen sind, weil sie Beziehungen ausdrücken, die kompliziert sind und so überhaupt nicht ins Bewußtsein heraufkommen.
[ 7 ] Let us now suppose, in order to gain some insight into this hidden inner life, that a child might have experienced this or that at the age of seven or eight, or at some other stage of life; for example, it experienced something to which children are very often particularly sensitive: injustice—injustice in the form of being accused of having done this or that, which in truth it did not do, but the people around the child, for the sake of convenience and to at least deal with the matter, accused the child of having done this or that. Children have a particularly keen sensitivity when injustice is done to them in this way. But, as life goes, once this experience has become deeply ingrained in the child’s life, later life lays the other layers of the soul’s existence over it, and the child has forgotten the matter as far as everyday life is concerned. It might well be that such a thing would never resurface. But let us now suppose: in the fifteenth or sixteenth year, the child experiences, say at school, a new injustice. And now what otherwise lies deep within the surging soul comes to the surface. The child doesn’t even need to be aware of it; they may form entirely different ideas and concepts, yet a reminiscence of what they experienced in earlier years is at work. But if what had happened earlier had not occurred, then, for example, if the child is a boy, he would go home, cry a little, perhaps even grumble a bit, but he would get over it. But since that earlier event did happen—and I emphasize explicitly that the child need not know what took place there—it has an effect, an effect beneath the surface of the soul’s life, just as waves can be stirred up beneath the smooth-looking surface of the sea. And what might otherwise have been reduced to crying, lamenting, or ranting now becomes a student’s suicide! Thus do the hidden depths of the soul’s life surge up from the depths. And the most important force that reigns down there, that reigns in every soul and sometimes surges upward in its very own form, but is most significant when it surges upward in such a way that the person is not aware of it—that is longing. We also know the names this force bears in the outer world, though these are merely metaphorical, vague names, for they express relationships that are complex and thus do not rise into consciousness at all.
[ 8 ] Nehmen Sie eine Erscheinung, die Sie alle sattsam kennen — der Stadtmensch vielleicht weniger, aber er hat sie doch bei anderen erfahren -, eine Erscheinung, die man mit «Heimweh» bezeichnet. Wenn Sie nachgehen würden, was das Heimweh in Wirklichkeit ist, so würden Sie sehen, daß es im Grunde genommen bei jedem Menschen ein anderes ist. Bald ist es so, bald so. Bald sehnt sich der Betreffende nach den traulichen Erzählungen, die er im Elternhause gehört hat; er weiß nicht, daß er sich nach Hause sehnt; was in ihm lebt, ist ein unbestimmter Drang, ein unbestimmtes Wollen. Ein anderer sehnt sich nach seinen Bergen oder nach dem Fluß, an dem er so oft gespielt hat, wenn vor ihm Wogen spielten. Was da wirkt in der Seele, dessen ist sich der Mensch oft wenig bewußt, aber wir fassen alle diese verschiedenen Eigenschaften zusammen unter dem «Heimweh», etwas ausdrückend, was unter tausendfältiger Verschiedenheit spielen kann, und was doch am besten getroffen ist, wenn wir sie als eine Art Sehnsucht kennzeichnen. Noch viel unbestimmter sind die Sehnsuchten, die vielleicht als die quälendsten im Leben hervortreten. Der Mensch ist sich nicht bewußt, daß es die Sehnsucht ist, aber sie ist es doch. Aber was ist diese Sehnsucht? Wir haben es eben ausgesprochen, daß sie eine Art von Wille ist, und überall, wo wir die Sehnsucht prüfen, können wir sehen, daß es eine Art von Wille ist. Aber was für ein Wille? Es ist ein Wille, der so, wie er zunächst ist, nicht befriedigt werden kann, denn wird er befriedigt, so hört die Sehnsucht auf. Ein sich nicht ausleben könnender Wille ist es, was wir als Sehnsucht bezeichnen.
[ 8 ] Take a phenomenon that you all know all too well—city dwellers perhaps less so, but they have experienced it through others—a phenomenon known as “homesickness.” If you were to examine what homesickness really is, you would see that, at its core, it is different for every person. Sometimes it is one way, sometimes another. Sometimes the person longs for the intimate stories they heard in their parents’ home; they do not realize that they are longing for home; what lives within them is an indefinable urge, an indefinable desire. Another longs for their mountains or for the river where they so often played as the waves lapped before them. People are often scarcely aware of what is at work in their souls, but we summarize all these various qualities under the term “homesickness,” expressing something that can manifest in a thousand different ways, and which is nevertheless best described when we characterize it as a kind of longing. Even more indefinable are the longings that perhaps stand out as the most tormenting in life. People are not aware that it is longing, but it is. But what is this longing? We have just stated that it is a kind of will, and wherever we examine longing, we can see that it is a kind of will. But what kind of will? It is a will that, as it is at first, cannot be satisfied, for if it is satisfied, the longing ceases. It is a will that cannot be lived out that we call longing.
[ 9 ] So etwas müssen wir als Stimmung bei denjenigen Wesenheiten bezeichnen, deren Opfer zurückgewiesen worden ist. Was wir in den Tiefen unseres Seelenlebens wahrnehmen können als Sehnsucht, das ist uns geblieben als ein Erbstück von jenen alten Zeiten, von denen wir jetzt sprechen. Wie wir anderes als Erbstücke der alten Entwickelungsstadien haben, so sind uns geblieben von der Entwickelungsphase, von der wir hier sprechen, alle Arten von Sehnsucht, die auf dem Grunde der Seele sich finden, alle Arten von nicht zu befriedigendem Willen, von zurückgehaltenem Willen. So haben wir uns auch zu denken, daß durch das Zurückweisen des Opfers während dieser Entwickelungsphase Wesen entstehen, die wir nennen können: Wesen mit zurückgehaltenem Willen. Dadurch, daß sie diesen zurückgehaltenen Willen in sich haben mußten, waren sie in einer ganz besonderen Lage. Und man muß sich wieder in eigene Seelenzustände versetzen — denn die Gedanken erreichen kaum diese Zustände -, wenn man diese Dinge nachfühlen, nachempfinden will.
[ 9 ] We must describe this as the mood of those beings whose sacrifice has been rejected. What we can perceive in the depths of our inner life as longing has remained with us as a legacy from those ancient times of which we are now speaking. Just as we have other things as legacies of the old stages of development, so too have we retained from the phase of development we are discussing here all kinds of longing found at the depths of the soul, all kinds of unsatisfied will, of will held back. Thus we must also consider that through the rejection of sacrifice during this phase of development, beings arise whom we may call: beings with a restrained will. Because they had to carry this restrained will within them, they were in a very special situation. And one must once again place oneself in one’s own states of soul—for thoughts can scarcely reach these states—if one wishes to feel and empathize with these things.
[ 10 ] Das Wesen, das seinen Willen hinopfern kann, geht auf in gewisser Beziehung in dem anderen Wesen. Auch das kann man fühlen im Menschenleben, wie man lebt und webt in einem Wesen, dem. man Opfer bringt, wie man sich befriedigt und glücklich fühlt, wenn man dem Wesen gegenüberstehen kann, dem man Opfer bringt. Und weil wir hier sprechen von der Opferung an höhere Wesen, an umfassendere, universelle Wesenheiten, zu denen hinaufzuschauen die opfernden Wesen als ihre höchste Seligkeit empfinden müssen, so kann, was da zurückbleibt als zurückgehaltene Willenssehnsucht, nimmermehr dasselbe sein an innerer Stimmung, an innerem Seelengehalt als das, was sie erleben könnten, wenn sie opfern dürften. Denn wenn sie opfern dürften, wäre das Opfer bei den anderen Wesen. Wir dürfen gleichsam den Vergleich gebrauchen: wenn die Erden- und die anderen Planetenwesen der Sonne opfern dürften, dann wären sie bei der Sonne. Wenn sie nicht der Sonne opfern dürften, wenn sie zurückhalten müßten, was sie sonst opfern könnten, dann sind sie bei sich selber, sind in sich’ selber zurückgedrängt.
[ 10 ] The being that can sacrifice its will merges, in a certain sense, with the other being. This, too, can be felt in human life: how one lives and interacts within a being to whom one makes sacrifices, and how one feels satisfied and happy when one can stand before the being to whom one makes sacrifices. And because we are speaking here of sacrifice to higher beings, to more comprehensive, universal entities, to whom the sacrificing beings must look up to as their highest bliss, what remains as a restrained longing of the will can never be the same in inner mood or inner soul content as what they could experience if they were allowed to sacrifice. For if they were allowed to make sacrifices, the sacrifice would be with the other beings. We may, as it were, use the comparison: if the beings of Earth and the other planets were allowed to make sacrifices to the Sun, then they would be with the Sun. If they were not allowed to make sacrifices to the Sun, if they had to withhold what they might otherwise sacrifice, then they are with themselves, are pushed back into themselves.
[ 11 ] Wenn wir das fassen, was jetzt eben mit einem Worte ausgesprochen ist, dann merken wir, daß da etwas ins Weltall hineinkommt. Fassen Sie es klar, daß es nicht anders ausgesprochen werden kann: die Wesen, die einem anderen Wesen opfern, das in ihnen allen lebt, die hingegeben wären an ein Universelles, sie sind jetzt, wenn das Opfer nicht angenommen wird, darauf angewiesen, es selbst in sich zu tragen, Spüren Sie nicht, daß da etwas hereinblitzt, was man Egoität nennt, was später als Egoismus in allen Formen herauskommt? In dieser Weise ins Auge gefaßt, muß man fühlen, was später — sozusagen in die Entwickelung hineingegossen - als ein Erbstück nachlebt in den Wesen. Mit der Sehnsucht sehen wir den Egoismus aufblitzen, zunächst in der schwächsten Gestalt, aber wir sehen ihn sich hineinschleichen in die Weltentwickelung. Und so sehen wir, wie die Wesen, die also der Sehnsucht, das heißt sich selbst, ihrer Egoität, sich hingeben, in einer gewissen Beziehung verdammt werden zur Einseitigkeit, zum bloßen Leben nur in sich selber, wenn nicht etwas anderes eintreten würde.
[ 11 ] If we grasp what has just been expressed in a single word, we realize that something is entering the universe. Understand clearly that it cannot be expressed any other way: the beings who sacrifice to another being that lives within them all, who would be devoted to a Universal, are now, if the sacrifice is not accepted, compelled to carry it within themselves. Do you not sense that something is flashing in here, what is called egotism, which later emerges as egoism in all its forms? Viewed in this way, one must feel what later—poured, so to speak, into evolution—lives on in the beings as a legacy. With longing we see egoism flash forth, at first in its weakest form, but we see it creeping into the development of the world. And so we see how beings who thus surrender to longing—that is, to themselves, to their egoity—are, in a certain sense, condemned to one-sidedness, to living merely within themselves, were it not for the intervention of something else.
[ 12 ] Stellen wir uns einmal ein Wesen vor, das opfern darf: das lebt in dem anderen Wesen, und es lebt immer in dem anderen. Ein Wesen, das nicht opfern darf, kann nur in sich selber leben. Dadurch ist es ausgeschlossen von dem, was es in den anderen und in diesem Falle in den höheren Wesen erleben dürfte. Ausgeschlossen von der Evolution würden schon an dieser Stelle die entsprechenden Wesen, in die Einseitigkeit hineinverdammt und -verbannt, wenn nicht etwas einträte, was da in die Entwickelung hineinfällt und was die Einseitigkeit hinwegbewegen will. Das ist das Eintreten neuer Wesenheiten, welche die Verdammung und Verbannung in die Einseitigkeit hintanhalten. Wie auf dem Saturn Willenswesen, wie auf der Sonne Weisheitswesen, so sehen wir auf dem Monde die Geister der Bewegung auftreten, wobei wir aber nicht räumliche Bewegung uns vorzustellen haben, sondern wobei wir «Bewegung» so fassen müssen, daß sie einen mehr gedanklichen Charakter trägt. Jeder kennt den Ausdruck «Denkbewegung», obwohl das nur der Ablauf, die Flüssigkeit der eigenen Gedanken ist; aber daraus schon werden Sie sehen, daß, wenn wir uns einen umfassenderen Begriff der Bewegung aneignen wollen, wir zur Erklärung der Bewegung zu etwas anderem als der bloßen Ortsbewegung, die nur eine einzelne Gattung der gesamten Bewegung darstellt, greifen müssen. Wenn viele Menschen einem höheren Wesen hingegeben sind, das sich gleichsam in ihnen allen ausdrückt, weil es von ihnen allen Opfer entgegennimmt, so leben alle diese Vielen in dem Einen und sind darin befriedigt. Wenn aber die Opfer zurückgewiesen werden, so leben die Vielen in sich selber und können nicht befriedigt werden. Da treten die Geister der Bewegung ein und führen gleichsam die Wesen, welche sonst nur auf sich angewiesen wären, zu allen anderen Wesenheiten in einer gewissen Weise hin, bringen sie zu den anderen in eine Beziehung. Die Geister der Bewegung sind zunächst nicht nur als ortsverändernde Wesen zu denken, sondern sie sind solche Wesen, die etwas hervorbringen, wodurch ein Wesen in immer neue Beziehungen zu anderen Wesen tritt.
[ 12 ] Let us imagine a being that is permitted to make sacrifices: it lives within another being, and it always lives within that other being. A being that is not permitted to make sacrifices can only live within itself. As a result, it is excluded from what it might otherwise experience in others—and, in this case, in higher beings. Excluded from evolution, these beings would already be condemned and banished into one-sidedness at this point, were it not for something entering into the development that seeks to overcome this one-sidedness. This is the entry of new beings who hold back the condemnation and banishment into one-sidedness. Just as there are beings of will on Saturn and beings of wisdom on the Sun, so we see the spirits of movement appearing on the Moon; however, we must not imagine spatial movement here, but rather understand “movement” in such a way that it has a more intellectual character. Everyone is familiar with the expression “thought movement,” although this is merely the flow, the fluidity of one’s own thoughts; but from this alone you will see that, if we wish to acquire a more comprehensive concept of movement, we must resort to something other than mere spatial movement—which represents only a single category of the totality of movement—to explain movement. When many people are devoted to a higher being who, as it were, expresses himself in all of them because he receives sacrifices from all of them, then all these many live in the One and are satisfied therein. But if the sacrifices are rejected, then the many live within themselves and cannot be satisfied. This is where the spirits of movement enter and, as it were, lead the beings—who would otherwise be dependent only on themselves—toward all other entities in a certain way, bringing them into a relationship with the others. The spirits of movement are not to be thought of initially merely as beings that change location, but rather as beings that bring forth something through which a being enters into ever-new relationships with other beings.
[ 13 ] Man kann sich eine Vorstellung machen von dem, was jetzt damit auf dieser Stufe im Kosmos erlangt ist, wenn man wieder auf eine entsprechende Seelenstimmung reflektiert. Wer weiß nicht, daß die Sehnsucht im Menschen, wenn sie anhält, bleibt, keine Veränderung erleben darf — wer weiß nicht, wie quälend es wird und den Menschen in einen Zustand bannt, der ihm unerträglich wird, der dann bei den flachköpfigen Menschen zu dem wird, was man «Langeweile» nennt. Aber von dieser Langeweile, die man gewöhnlich nur den flachköpfigen Menschen zuschreiben kann, gibt es alle möglichen Zwischenstufen bis zu denen, welche den großen, edlen Naturen eigen sind, in denen das lebt, was ihre eigene Natur als Sehnsucht ausdrückt, und was nicht befriedigt werden kann in der äußeren Welt. Und wodurch wird die Sehnsucht mehr befriedigt als durch Veränderung? Der Beweis dafür ist, daß die Wesen, die diese Sehnsucht fühlen, Beziehungen suchen zu immer neuen und neuen Wesenheiten. Die Qual der Sehnsucht wird oft überwunden durch das, was veränderte Beziehungen sind zu immer neuen Wesenheiten.
[ 13 ] One can get an idea of what has now been attained at this stage in the cosmos by reflecting once more on a corresponding state of mind. Who does not know that human longing, when it persists, must not undergo any change—who does not know how agonizing it becomes and traps a person in a state that becomes unbearable, which then, in the case of shallow-minded people, becomes what is called “boredom.” But from this boredom, which one can usually attribute only to shallow-minded people, there are all manner of intermediate stages up to those characteristic of the great, noble natures, in whom lives that which their own nature expresses as longing, and which cannot be satisfied in the outer world. And by what means is longing more fully satisfied than through change? The proof of this is that the beings who feel this longing seek relationships with ever new and new entities. The torment of longing is often overcome by what are changed relationships with ever new entities.
[ 14 ] Da sehen wir, als die Erde ihre Mondenphase durchmacht, wie die Geister der Bewegung in das Leben der sich sehnenden Wesen, die sonst veröden würden — und Langeweile ist auch eine Art von Verödung -, die Veränderung, die Bewegung hineinbringen, die Beziehung zu immer neuen und neuen Wesenheiten oder zu immer neuen und neuen Zuständen. Die räumliche, örtliche Bewegung ist nur eine Gattung dieser umfassenderen Bewegung, von der wir jetzt gesprochen haben. Eine Bewegung haben wir, wenn wir in der Lage sind, am Morgen einen bestimmten Gedankeninhalt in der Seele zu haben, diesen aber nicht zu behalten brauchen, sondern zu anderem übergehen können. Da überwinden wir die Einseitigkeit in der Sehnsucht durch die Mannigfaltigkeit, durch die Veränderung und die Bewegung des Erlebten. Im Raume draußen haben wir nur eine besondere Art dieser Veränderung.
[ 14 ] There we see, as the Earth goes through its lunar phase, how the spirits of movement bring change and movement into the lives of longing beings who would otherwise wither away—and boredom is also a kind of withering—and how they bring about a relationship with ever new beings or ever new states. Spatial, local movement is only one type of this more comprehensive movement we have just spoken of. We have movement when we are able to have a certain thought content in our soul in the morning, but do not need to hold onto it, instead being able to move on to something else. In this way, we overcome the one-sidedness of longing through diversity, through the change and movement of what is experienced. In the external space, we have only a particular kind of this change.
[ 15 ] Denken wir uns dazu einen Planeten, der einer Sonne gegenübersteht. Würde er immer in derselben Stellung gegenüber der Sonne sein, würde er sich nicht bewegen, so würde er bei jener Einseitigkeit bleiben, die sich nur ergeben kann, indem er eben nur immer die eine Seite der Sonne zuwendet. Da kommen die Geister der Bewegung, führen den Planeten um die Sonne herum, um Veränderung hineinzubringen in seinen Zustand. Ortsveränderung ist nur eine Art der Veränderung überhaupt. Und indem die Geister der Bewegung die Ortsveränderung hineinbringen in den Kosmos, bringen sie nur ein Spezifikum hinein in das, was die Bewegung im allgemeinen ist.
[ 15 ] Let us imagine a planet facing a sun. If it were always in the same position relative to the sun—if it did not move—it would remain in that state of one-sidedness that can only arise when it always faces just one side of the sun. Then the spirits of motion arrive, guiding the planet around the sun to bring about a change in its state. A change of position is merely one type of change among many. And by introducing this change of position into the cosmos, the spirits of motion merely introduce a specific aspect into what motion generally is.
[ 16 ] Dadurch aber, daß die Geister der Bewegung in das Weltall, wie wir es bisher kennengelernt haben, die Bewegung und die Veränderung hineinbringen, muß noch etwas anderes hineinkommen. Wir haben gesehen, daß in dieser Evolution, in der ganzen kosmischen Mannigfaltigkeit, die sich da heraufentwickelt als die Geister der Bewegung, Geister der Persönlichkeit, Geister der Weisheit, des Willens und so weiter, auch das Substantielle lebt, was wir genannt haben «schenkende Tugend», das Hinfließen desjenigen, was als Weisheit ausgestrahlt wird und als Geistiges der Luft, der Gasströmung zugrunde liegt. Das fließt nun mit dem in Sehnsucht umgestalteten Willen zusammen und wird in diesen Wesenheiten das, was der Mensch nun kennt — noch nicht als Gedanken, sondern als Bild. Am besten vergegenwärtigen wir uns das an dem Bilde, das der Mensch hat, wenn er träumt. Das flüchtige, flüssige Bild des Traumes kann eine Vorstellung hervorrufen von ‚dem, was bei einem Wesen geschieht, in dem der Wille als Sehnsucht lebt und von den Geistern der Bewegung in eine Beziehung zu anderen Wesen geführt wird. Und indem es zu dem anderen Wesen gebracht wird, kann es ja nicht ganz sich hingeben, da die eigene Egoität in ihm lebt. Aber es kann das flüchtige Bild des anderen aufnehmen, das lebt wie ein Traumbild in ihm. Daher das, was wir nennen können das Auffluten von Bildern in der Seele. Das Aufsteigen des Bilderbewußstseins sehen wir während dieser Phase der Entwickelung heraufkommen. Und indem wir Menschen selber noch ohne unser heutiges Erden-Ich-Bewußtsein diese Phase der Entwickelung durchgemacht haben, müssen wir uns vorstellen, daß wir während dieser Entwickelungsphase dasjenige, was wir heute durch unser Ich erlangen, noch nicht haben, daß wir da wesen und weben im Weltall, indem in uns etwas lebt, was wir uns heute nur vergegenwärtigen können, wenn wir die Sehnsucht kennen.
[ 16 ] But because the spirits of movement introduce motion and change into the universe as we have come to know it, something else must also enter into it. We have seen that in this evolution, in the entire cosmic diversity that develops there as the spirits of movement, spirits of personality, spirits of wisdom, of will, and so on, the substantial also lives, which we have called “giving virtue,” the outflow of that which is radiated as wisdom and underlies the spiritual aspect of the air, the flow of gas. This now merges with the will transformed into longing and becomes, within these beings, what human beings now know—not yet as thoughts, but as images. We can best visualize this through the image a person has when they dream. The fleeting, fluid image of the dream can evoke a conception of ‘what happens within a being in whom the will lives as longing and is led by the spirits of movement into a relationship with other beings. And as it is brought into contact with the other being, it cannot fully surrender itself, since its own egoity lives within it. But it can take in the fleeting image of the other, which lives within it like a dream image. Hence what we might call the surging of images in the soul. We see the rise of image-consciousness emerging during this phase of development. And since we humans ourselves went through this phase of development without our present-day earthly ego-consciousness, we must imagine that during this phase of development we did not yet possess what we attain today through our ego, that we existed and moved through the cosmos with something living within us that we can only bring to mind today if we know longing.
[ 17 ] Wir könnten in einer gewissen Weise, wenn wir nicht solche Leidenszustände ins Auge fassen, wie es die irdischen sind, uns vorstellen, daß sie gar nicht anders sein könnten als, wie das Dichterwort sagt: «Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide.» In gewisser Weise kommt Leid, Schmerz, in seiner seelischen Gestalt natürlich, in der damaligen Zeit auch in unsere Wesenheiten und in die Wesenheiten anderer Wesen hinein, die mit unserer Evolution verbunden sind. Und erfüllt wird durch die Tätigkeit der Geister der Bewegung das sonst leerbleibende Innere, das von Sehnsucht leidende Innere mit dem Balsam, der in Form von Bildern hinein sich ergießt in diese Wesenheiten. Sonst wären diese Wesenheiten leer in ihrer Seele, leer von jeglichem anderen, was nicht Sehnsucht zu nennen wäre. Aber hinein träufelt der Balsam der Bilder, welche die Öde und Leerheit mit Mannigfaltigkeit ausfüllen und die Wesen so hinwegführen über das Verbannt- und Verdammtsein.
[ 17 ] In a certain sense, if we do not consider states of suffering such as those experienced on Earth, we might imagine that they could not be any different from what the poet says: “Only those who know longing know what I suffer.” In a certain sense, suffering and pain, in their spiritual form, naturally enter our beings and the beings of others connected to our evolution during that time. And through the activity of the spirits of movement, the otherwise empty inner being—the inner being suffering from longing—is filled with the balm that pours into these beings in the form of images. Otherwise, these beings would be empty in their souls, devoid of anything other than what could be called longing. But the balm of images trickles in, filling the desolation and emptiness with diversity and thus leading the beings beyond their state of exile and damnation.
[ 18 ] Wenn wir solche Worte ernst nehmen, haben wir zu gleicher Zeit das, was geistig zugrunde liegt dem, was sich während der Mondphase unserer Erde entwickelt hat und was wir jetzt, weil sich darübergelagert hat die Erdenphase unseres Wesens, in den tiefen Untergründen unseres Bewußtseins haben. Aber wir haben es — und in einer populären Weise soll das übermorgen im öffentlichen Vortrage gezeigt werden — so in den Untergründen unserer Seele, daß es, wie das, was unten wirbelt unter der Oberfläche des Meeres und nach oben Wellen treibt, sich abspielen kann, ohne daß man weiß, was die Gründe dessen sind, was dann ins Bewußtsein eintritt. Unter der Oberfläche unseres gewöhnlichen Ich-Bewußtseins haben wir ein solches Seelenleben, das da 'heraufspielen kann. Und was sagt dieses Seelenleben dem Menschen, wenn es heraufspielt? Wenn wir ins Auge fassen den kosmischen Untergrund dieses unterbewußten Seelenlebens, so können wir sagen: Das Seelenleben, das wir so heraufkommen spüren aus seelischen Untergründen, ist ein Heraufschlagen dessen, was sich da aus der Mondenphase der Entwickelung hineinbewegt hat in das, was während der Erdenphase selbst in uns hineingekommen ist. Und wenn wir so recht ins Auge fassen das Zusammenspiel der Mondennatur mit unserer Erdennatur, dann haben wir den eigentlichen Grund dessen, was von dem alten Monde geistig herübergeführt hat zum Erdendasein.
[ 18 ] If we take such words seriously, we have at the same time that which spiritually underlies what developed during the lunar phase of our Earth and which we now have in the deepest recesses of our consciousness, because the Earth phase of our being has come to lie over it. But we have it—and this will be demonstrated in a popular way in the public lecture the day after tomorrow—so deep within the depths of our soul that, like what swirls beneath the surface of the sea and drives waves upward, it can unfold without one knowing the reasons for what then enters consciousness. Beneath the surface of our ordinary ego-consciousness, we have such a soul life that can well up there. And what does this soul life tell the human being when it wells up? If we consider the cosmic background of this subconscious soul life, we can say: The soul life that we feel rising up from the depths of the soul is a surfacing of what has moved in from the lunar phase of evolution into what has entered us during the Earth phase itself. And when we truly contemplate the interplay of the lunar nature with our earthly nature, then we have the actual reason for what has been spiritually carried over from the old Moon into earthly existence.
[ 19 ] Fassen Sie ins Auge, daß es, wie wir es charakterisiert haben, notwendig war, daß immer Bilder auftauchen mußten, die eine Öde zu befriedigen hatten. Dann kommt Ihnen ein Begriff von einem schweren Gewicht, von einer großen Bedeutung: die sehnende Menschenseele in ihrer sehnsuchtvollen, quälenden Leerheit, die diese Sehnsucht befriedigt oder harmonisiert erhält durch das Hereinspielen von Bildern, die wiederum nur an die Stelle von anderen Bildern treten können. Und wenn die Bilder da sind und eine Weile dagewesen sind, dann dämmert sie wieder auf aus den Untergründen, die alte Sehnsucht, und nach neuen Bildern führen sie die Geister der Bewegung. Und sind die neuen Bilder wieder eine Weile dagewesen, so schlägt die Sehnsucht wieder an nach neuen Bildern. Und das gewichtige Wort müssen wir aussprechen in bezug auf solches Seelenleben: Wenn die Sehnsucht nur befriedigt wird durch Bilder, welche neuen Bildern nachjagen, so ist das die fortfließende Unendlichkeit ohne Ende. Da hinein kann nur das kommen, was kommen muß, wenn an die Stelle der in die Unendlichkeit fortfließenden Bilder etwas tritt, was die Sehnsucht erlösen kann durch etwas anderes als bloß durch Bilder, nämlich durch Realitäten. Das heißt mit anderen Worten: diejenige planetarische Verkörperung unserer Erde, in der wir durchgemacht haben die Phase, daß die Bilder, die herbeigeführt werden durch die Tätigkeit der Geister der Bewegung, die Befriedigung der Sehnsucht sind, sie muß abgelöst werden von derjenigen planetarischen Phase der Erdenverkörperungen, welche wir die Phase der Erlösung nennen müssen. Und wir werden noch sehen, daß die Erde der «Planet der Erlösung» zu nennen ist, wie wir die vorherige Verkörperung der Erde, das Mondendasein, den «Planeten der Sehnsucht» nennen können, der zwar zu stillenden Sehnsucht, die aber in der Stillung in eine nie endende Unendlichkeit ausläuft. Und während wir leben im Erdenbewußtsein — das uns, wie wir gesehen haben, durch das Mysterium von Golgatha die Erlösung bringt -, steigt herauf während dieses Lebens aus den Untergründen unserer Seele das, was fortwährend nach Erlösung verlangt. Es ist, wie wenn wir oben die Wellen des gewöhnlichen Bewußtseins hätten, und unten in den Tiefen des Meeres des Seelenlebens lebt der Untergrund unserer Seele als Sehnsucht, als etwas, was da immer herauf will nach dem Vollbringen des Opfers, zu dem universellen Wesen, das auf einmal die Begierde befriedigt, nicht in der unendlichen Aufeinanderfolge der Bilder, sondern auf einmal gibt die Befriedigung.
[ 19 ] Consider that, as we have characterized it, it was necessary for images to constantly emerge that were meant to satisfy a void. Then a concept of great weight and significance comes to mind: the yearning human soul in its longing, tormenting emptiness, which satisfies or harmonizes this longing through the interplay of images, which in turn can only take the place of other images. And when the images are there and have been there for a while, then it dawns again from the depths, that old longing, and the spirits of movement lead them toward new images. And once the new images have been there for a while, the longing strikes again for new images. And we must utter this weighty word in reference to such a life of the soul: If the longing is satisfied only by images that chase after new images, then this is the endless flow into infinity. Into this can enter only what must come when, in place of the images flowing into infinity, something steps in that can redeem the longing through something other than mere images—namely, through realities. In other words: that planetary incarnation of our Earth in which we have gone through the phase where the images brought about by the activity of the spirits of movement are the satisfaction of longing—this must be replaced by that planetary phase of Earth’s incarnations which we must call the phase of redemption. And we shall yet see that the Earth is to be called the “planet of redemption,” just as we can call the Earth’s previous incarnation, its lunar existence, the “planet of longing”—a longing that is indeed to be satisfied, but which, in its satisfaction, flows into a never-ending infinity. And while we live in earthly consciousness—which, as we have seen, brings us salvation through the Mystery of Golgotha—that which continually yearns for salvation rises up during this life from the depths of our soul. It is as if we had the waves of ordinary consciousness above, and down below, in the depths of the sea of soul life, the depths of our soul live as a longing, as something that always wants to rise up toward the fulfillment of the sacrifice, toward the universal being that suddenly satisfies the desire—not in the endless succession of images, but suddenly brings satisfaction.
[ 20 ] Der Erdenmensch fühlt schon diese Stimmungen - und sie sind die allerallerbesten, wenn er sie eben fühlt. Und diejenigen Erdenmenschen, die in unserer Zeit ganz gemäß unserem besonderen Zeitalter diese Sehnsucht fühlen, sie sind im Grunde die, welche zu unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung kommen. Da lernen die Menschen erkennen im Leben draußen alles, was sie in den Einzelheiten befriedigt für ihr gewöhnliches, oberes Bewußtsein; aber da schlägt dann herauf aus dem Unterbewußtsein das, was in seinen Einzelheiten nie befriedigt werden kann, was nach dem zentralen Grunde des Lebens verlangt. Und dieser zentrale Grund kann nur dadurch gegeben werden, daß wir eine universelle Wissenschaft haben, die sich nicht nur mit den Einzelheiten, sondern mit der Gesamtheit des Lebens beschäftigt. Dem, was in den Tiefen der Seele spielt und in das Oberbewußtsein heraufgeholt werden will, muß im Sinne unserer heutigen Zeit entgegenkommen die Beschäftigung mit dem universellen Dasein, das in der Welt lebt, denn sonst spielt aus den Untergründen der Seele herauf das, was sich sehnt nach etwas, das es nie erreichen kann.
[ 20 ] Earthly human beings already sense these moods—and they are the very best indeed when they do sense them. And those earthly human beings who, in our time and in keeping with our particular age, feel this longing, are essentially the ones who come to our spiritual scientific movement. Out there in life, people learn to recognize everything that satisfies their ordinary, higher consciousness in its details; but then what surges up from the subconscious is that which can never be satisfied in its details, that which yearns for the central essence of life. And this central foundation can only be provided by having a universal science that deals not only with the details but with the totality of life. What is at work in the depths of the soul and seeks to be brought up into the higher consciousness must be met, in the spirit of our present age, by an engagement with the universal existence that lives in the world; for otherwise, what rises up from the depths of the soul is that which yearns for something it can never attain.
[ 21 ] In diesem Sinne ist die Geisteswissenschaft ein Entgegenkommen jenen Sehnsuchten, die in den Untergründen der Seele leben. Und weil alles, was später in der Welt geschieht, seine Vorspiele hat, brauchen wir uns nicht zu verwundern über einen Menschen - der, wenn er etwa im heutigen Zeitalter lebte, durch die spirituelle Wissenschaft nach Befriedigung für die Macht der Sehnsucht in seiner Seele verlangen würde —, wenn ihm zunächst gar nicht bewußte Seelenkräfte, die wie Sehnsuchten sind, ihn verzehren konnten. Da er in einem früheren Zeitalter lebte, in dem es diese spirituelle Weisheit nicht gegeben hat und er sie deshalb noch nicht haben konnte, so ist es, wie wenn er sich verzehren würde nach ihr, ein immerwährendes Verlangen haben würde nach ihr und das Leben nicht begreifen könnte — gerade weil er ein hervorragend großer Geist ist. Während heute hereinträufeln könnte in seine Seele etwas, was die Sehnsucht nach Bildern, welche nur die Ode übertönen können, stillen würde, sehnte er sich nach Aufhören dieses Bilderjagens, und er sehnte sich um so mehr danach, je mächtiger dieses Bilderjagen war! Und kann uns, so wie es jetzt ausgesprochen ist, die Stimme dieses Menschen .nicht erscheinen als eine Äußerung eines Geistes, der in einer Zeit lebt, in welcher er diese spirituelle Weisheit, die sich hineingießt wie Balsam in die Sehnsucht der Seele, noch nicht haben kann, wenn wir hören, wie er einem anderen schreibt:
[ 21 ] In this sense, spiritual science is a response to those longings that dwell in the depths of the soul. And because everything that later happens in the world has its preludes, we need not be surprised by a person—who, if he were living in the present age, would seek through spiritual science to satisfy the power of longing in his soul—if soul forces of which he was initially unaware, and which are like longings, were to consume him. Since he lived in an earlier age in which this spiritual wisdom did not exist and he therefore could not yet possess it, it is as if he were consumed by a longing for it, had an everlasting desire for it, and could not comprehend life—precisely because he is an exceptionally great spirit. While today something might trickle into his soul that would satisfy the longing for images which only the ode can drown out, he longed for this chasing of images to cease, and he longed for it all the more the more powerful this chasing of images was! And can the voice of this man, as it is now expressed, not appear to us as the utterance of a spirit living in a time when he cannot yet possess this spiritual wisdom, which pours into the soul’s longing like balm, when we hear him write to another:
[ 22 ] «Wer wollte auf dieser Welt glücklich sein. Pfui, schäme dich, möcht’ ich fast sagen, wenn du es willst! Welch eine Kurzsichtigkeit, o du edler Mensch, gehört dazu, hier, wo alles mit dem Tode endigt, nach etwas zu streben. Wir begegnen uns, drei Frühlinge lieben wir uns: und eine Ewigkeit fliehen wir wieder auseinander. Und was ist des Strebens würdig, wenn es die Liebe nicht ist! Ach, es muß noch etwas anderes geben als Liebe, Glück, Ruhm und x, y, zZ, wovon unsre Seelen nichts träumen.
[ 22 ] “Who would want to be happy in this world? Ugh, I’d almost say, ‘Shame on you,’ if that’s what you want! What short-sightedness, O noble soul, it takes to strive for something here, where everything ends in death. We meet, we love each other for three springs: and for an eternity we flee apart again. And what is worthy of striving for, if not love! Ah, there must be something else besides love, happiness, fame, and x, y, z, of which our souls dream not.
[ 23 ] Es kann kein böser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht; es ist ein bloß unbegriffener! Lächeln wir nicht auch, wenn die Kinder weinen? Denke nur, diese unendliche Fortdauer! Myriaden von Zeiträumen, jedweder ein Leben, und für jedweden eine Erscheinung wie diese Welt! Wie doch das kleine Sternchen heißen mag, das man auf dem Sirius, wenn der Himmel klar ist, sieht? Und dieses ganze ungeheure Firmament nur ein Stäubchen gegen die Unendlichkeit! O Rühle, sage mir, ist dies ein Traum? Zwischen je zwei Lindenblättern, wenn wir abends auf dem Rücken liegen, eine Aussicht, an Ahndungen reicher, als Gedanken fassen, und Worte sagen können. Komm, laß uns etwas Gutes tun und dabei sterben! Einen der Millionen Tode, die wir schon gestorben sind und noch sterben werden. Es ist, als ob wir aus einem Zimmer in das andere gehen. Sieh, die Welt kommt mir vor wie eingeschachtelt, das kleine ist dem großen ähnlich!» Aus einem Briefe Heinrich von Kleists aus dem Jahre 1806.
[ 23 ] It cannot be an evil spirit that stands at the pinnacle of the world; it is merely one we do not understand! Do we not smile, too, when children cry? Just think of this infinite continuity! Myriads of time periods, each one a life, and for each one a manifestation like this world! What, I wonder, is the name of that little star one sees on Sirius when the sky is clear? And this entire immense firmament is but a speck of dust against infinity! O Rühle, tell me, is this a dream? Between two linden leaves, when we lie on our backs in the evening, a view richer in premonitions than thoughts can grasp and words can express. Come, let us do something good and die in the process! One of the millions of deaths we have already died and will yet die. It is as if we were walking from one room into another. Behold, the world seems to me to be nested, the small resembling the great!” From a letter by Heinrich von Kleist from the year 1806.
[ 24 ] So drängt die Sehnsucht, die er in solche Worte fassen konnte, einen Geist, an einen Freund zu schreiben - ein Geist, der noch nicht eine Befriedigung dieser Sehnsucht finden konnte durch das, was, wenn sie nur mit energischem Verständnis an die Geisteswissenschaft herantritt, die moderne Seele finden kann. Denn dieser Geist ist der, welcher jetzt vor hundert Jahren seinem Leben ein Ende machte, indem er zuerst seine Freundin Henriette Vogel und dann sich selbst erschoß, und der in jenem einsamen Grabe am Wannsee ruht, das sich vor hundert Jahren über seiner Hülle geschlossen hat.
[ 24 ] Thus the longing he was able to express in such words compels a spirit to write to a friend—a spirit who has not yet been able to find satisfaction for this longing through what the modern soul can find if it approaches spiritual science with energetic understanding. For this spirit is the one who, a hundred years ago, put an end to his life by first shooting his girlfriend Henriette Vogel and then himself, and who rests in that lonely grave at Wannsee, which closed over his remains a hundred years ago.
[ 25 ] Es ist eine sonderbare Fügung, man möchte sagen des Karma, daß wir über die Stimmung, die uns am allerbesten das charakterisieren kann, was wir zu fassen versuchen, wenn wir sprechen von dem Zusammenwirken der zurückgehaltenen Willensopfer in der Sehnsucht, der Befriedigung dieser Sehnsucht, die allein kommen konnte von den Geistern der Bewegung, und dem Drange nach einer endgültigen Befriedigung, wie sie nur kommen konnte auf dem Planeten der Erlösung — es ist ein sonderbarer karmischer Zusammenschluß, daß wir nach unserem ganz gewöhnlichen Programm gerade an einem Tage hier darüber sprechen mußten, der uns erinnern kann, wie ein Geist die unbestimmte Sehnsucht in den allerhöchsten Worten zum Ausdruck bringen konnte und sie endlich umgegossen hat in die allertragischste Tat, welche die Sehnsucht verkörpern konnte. Und wie könnten wir verkennen, daß dieser Geist in seiner Ganzheit, wie er vor uns steht, eigentlich eine lebendige Verkörperung dessen ist, was unten in der Seele lebt, was wir zurückführen müssen auf ein Anderes noch als auf das Erdendasein, wenn wir es erkennen wollen? Hat uns Heinrich von Kleist nicht am bedeutsamsten geschildert, was in einem Menschen leben kann — wie Sie gleich auf den ersten Seiten von «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» geschildert finden - von dem, was über ihn selbst hinausgeht, ihn treibt, und was er erst später einsehen kann, wenn er nicht vorher seinen Lebensfaden unterbricht?
[ 25 ] It is a strange twist of fate, one might say of karma, that we are discussing the mood that best characterizes what we are trying to grasp when we speak of the interplay of the restrained sacrifices of will in longing, the satisfaction of that longing—which could come only from the spirits of the movement—and the urge toward a final satisfaction, as it could only come on the planet of redemption — it is a strange karmic coincidence that, according to our quite ordinary schedule, we had to speak here about this on a day that can remind us of how a spirit was able to express that indefinite longing in the loftiest of words and finally poured it into the most tragic of deeds that the longing could embody. And how could we fail to recognize that this spirit, in its entirety as it stands before us, is in fact a living embodiment of what lives deep within the soul—something we must trace back to something other than earthly existence if we are to recognize it? Did not Heinrich von Kleist describe to us in the most significant way what can live within a human being—as you will find described right on the first pages of “The Spiritual Guidance of Man and Humanity”—of that which transcends him, drives him, and which he can only come to understand later, if he does not first sever the thread of his life?
[ 26 ] Denken wir an seine «Penthesilea»: Wie viel mehr ist in Penthesilea, als sie mit ihrem Erdenbewußtsein umspannen kann! Wir könnten sie in.ihrer ganzen Eigenartigkeit gar nicht begreifen, wenn wir nicht annehmen würden, ihre Seele sei unendlich viel weiter als die enge kleine Seele, die sie - wenn sie auch eine große ist — mit ihrem Erdenbewußtsein umspannt. Daher muß eine Situation hineinspielen, die künstlich das Unterbewußte in das Drama hineinbringt. Ja, es muß sogar verhindert werden, daß der ganze Vorgang, wie Kleist sie an Achill heranführt, mit dem Oberbewußtsein zu überschauen wäre, sonst würden wir die ganze Tragik nicht erleben können. Penthesilea wird als Gefangene zu Achill geführt, aber es wird ihr vorgegaukelt, daß er ihr Gefangener ist. Daher ist es «ihr» Achill. - Es muß das, was im Oberbewußtsein lebt, in das Nichtbewußte hineingetaucht werden.
[ 26 ] Let us consider his *Penthesilea*: How much more there is in Penthesilea than she can encompass with her earthly consciousness! We could not possibly comprehend her in all her uniqueness if we did not assume that her soul is infinitely vaster than the narrow little soul—even if it is a great one—that she encompasses with her earthly consciousness. Therefore, a situation must come into play that artificially introduces the subconscious into the drama. Indeed, it must even be prevented that the entire process, as Kleist introduces her to Achilles, could be grasped by the conscious mind; otherwise, we would not be able to experience the full tragedy. Penthesilea is led to Achilles as a captive, but she is led to believe that he is her captive. Therefore, he is “her” Achilles. - What lives in the conscious mind must be immersed in the unconscious.
[ 27 ] Und wie spielt wieder dieses Unterbewußte hinein in eine Handlung wie zum Beispiel «Das Käthchen von Heilbronn», besonders in der merkwürdigen Beziehung zwischen dem Käthchen und dem Wetter vom Strahl, die sich nicht abspielt im Oberbewußtsein, sondern in den tieferen Schichten der Seele, wo die Kräfte sind, von denen der Mensch nichts weiß, die von einem zum anderen gehen. Wenn wir das vor uns haben, spüren wir das Geistige, das in den gewöhnlichen Gravitationsund Attraktionskräften der Welt liegt. Fühlen Sie das, was in den Kräften der Welt liegt, zum Beispiel in der Szene, wo Käthchen ihrem Angebeteten gegenübersteht, wo wir sehen, was in dem Uhnterbewußtsein lebt und wie es verwandt ist dem, was draußen in der Welt lebt, und was man mit dem nüchternen trockenen Worte «Anziehungskräfte - und so weiter - der Planeten» belegt? Doch hineintauchen in dieses Unterbewußtsein konnte auch ein durchdringender und strebender Geist vor hundert Jahren noch nicht. Heute muß es geschehen.
[ 27 ] And how does this subconscious factor play a role in a story such as “Käthchen von Heilbronn,” particularly in the strange relationship between Käthchen and the weather from the beam, which does not take place in the conscious mind but in the deeper layers of the soul, where the forces reside of which humans know nothing, forces that pass from one to another. When we have this before us, we sense the spiritual that lies within the ordinary forces of gravity and attraction in the world. Do you feel what lies in the forces of the world, for example in the scene where Käthchen stands before her beloved, where we see what lives in the subconscious and how it is related to what lives out in the world, and what is described with the sober, dry words “forces of attraction—and so on—of the planets”? Yet even a penetrating and aspiring spirit a hundred years ago could not delve into this subconscious. Today it must happen.
[ 28 ] Und in ganz anderer Weise steht daher heute die Tragik eines «Prinzen von Homburg» vor uns. Ich möchte wissen, wie die Abstraktlinge, die alles, was der Mensch vollbringt, nur ableiten wollen aus dem Verstande, eine Figur erklären wollen, wie es der Prinz von Homburg ist, der alle seine großen Taten in einer Art Traumzustand ausführt, auch die, welche zuletzt zum Siege führt. Und klar weist Kleist darauf hin, daß er aus seinem Oberbewußtsein heraus gar nicht den Sieg erlangen könnte, daß er auch nach seinem Oberbewußtsein nicht einmal ein ganz besonders großer Mensch ist, denn er wimmert nachher vor dem Tode. Und als durch einen besonderen Willensimpuls das, was in den Tiefen der Seele lebt, heraufgeholt wird, erst da ermannt er sich.
[ 28 ] And so, in a completely different way, the tragedy of a “Prince of Homburg” stands before us today. I would like to know how the abstract thinkers, who wish to derive everything that man accomplishes solely from reason, intend to explain a character such as the Prince of Homburg, who performs all his great deeds in a sort of dreamlike state, including those that ultimately lead to victory. And Kleist clearly points out that he could not achieve victory from his conscious mind alone, that even according to his conscious mind he is not even a particularly great man, for he whimpers in the face of death afterward. And only when, through a special impulse of will, that which lives in the depths of the soul is brought to the surface, only then does he summon his courage.
[ 29 ] Was als ein Erbstück dem Menschen aus dem Mondenbewußtsein geblieben ist, das ist etwas, was nicht heraufgebracht werden darf durch die abstrakte Wissenschaft, was aber heraufgebracht werden muß durch die vielseitigen, subtilen und mit allseitig weichen Konturen die geistigen Dinge angreifenden Begriffe, die die Geisteswissenschaft bringt. Das Größte bindet sich an das Mittlere und bindet sich an das Gewöhnliche.
[ 29 ] What has remained to humanity as a legacy from the lunar consciousness is something that cannot be brought to light by abstract science, but must be brought to light by the multifaceted, subtle concepts that approach spiritual matters with all-encompassing, gentle contours—concepts provided by spiritual science. The greatest connects with the middle and connects with the ordinary.
[ 30 ] So sehen wir ein, daß die Geisteswissenschaft uns zeigt, wie die Zustände, welche wir heute in der Seele erleben, sich heranbilden im Kosmos, im Weltall. Wir sehen aber auch ein, wie das, was wir in der Seele erleben, uns einzig und allein einen Begriff verschaffen kann von dem, was geistig in den Untergründen der Dinge ist. Wir sehen aber auch, wie unsere Zeit herankommen mußte, um das zu befriedigen, was ersehnt worden ist in der Zeit, die der unsrigen vorangegangen ist, wie die Menschen begehrt haben nach dem, was unsere Zeit erst geben kann. Und eine Art der Verehrung für solche Menschen, die sich nicht zurechtfinden konnten in der Vorzeit gegenüber dem, was ihr Herz begehrte und was die Welt ihnen nicht geben konnte, eine gewisse Ver‘ehrung für solche Menschen kann auch darin bestehen, daß wir uns erinnern, wie alles menschliche Leben zusammengehört und wie der heutige Mensch sein Leben widmen kann jenen geistigen Bewegungen, welche die Menschen — das zeigen uns ihre Schicksale - lange schon gebraucht hätten.
[ 30 ] Thus we come to realize that spiritual science shows us how the states we experience in our souls today take shape in the cosmos, in the universe. But we also come to realize how what we experience in our souls can give us, and only give us, a concept of what lies spiritually in the depths of things. But we also see how our time had to come to satisfy what was longed for in the era that preceded ours, how people yearned for what only our time can provide. And a kind of reverence for such people—who, in times past, could not find their way in the face of what their hearts desired and what the world could not give them—a certain reverence for such people can also consist in our remembering how all human life belongs together and how people today can dedicate their lives to those spiritual movements which —as their fates show us—have long needed.
[ 31 ] So darf gewissermaßen auf die Geisteswissenschaft als eine Bringerin der Erlösung der Menschensehnsucht hingewiesen werden an einem Tage, der als der Jahrhunderttag des tragischen Todes eines dieser sehnsüchtigsten Menschen sehr wohl daran erinnern kann, wie das, was die Geisteswissenschaft geben kann, von den Menschen stürmisch, aber auch wehmütig seit langen Zeiten schon verlangt worden ist. Das ist ein Gedanke, den wir fassen können, und der vielleicht auch anthroposophisch ist, an dem Jahrhunderttage des Todes eines der größten deutschen Dichter.
[ 31 ] Thus, on a day that marks the centenary of the tragic death of one of the most yearning of human beings, we may, in a sense, point to spiritual science as a bringer of salvation for human longing—a day that can very well remind us of how what spiritual science has to offer has been demanded by people, passionately yet wistfully, for a long time now. This is a thought we can grasp—and one that is perhaps also anthroposophical—on the centenary of the death of one of Germany’s greatest poets.
