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Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen
GA 132

21 November 1911, Berlin

Vierter Vortrag

[ 1 ] Ein schwieriges Kapitel unserer Weltanschauung haben wir nun so weit gebracht, daß wir hinter den Erscheinungen der äußeren Sinneswelt zum Teil erblicken gelernt haben Geistiges. Von solchen Erscheinungen, die zunächst äußerlich wenig davon verraten, daß Geistiges in der eigentümlichen Form, wie wir dieses Geistige in unserem eigenen Seelenleben erfahren, dahintersteht, von solchen Erscheinungen haben wir erkannt, daß dennoch geistige Betätigungen, geistige Qualitäten und Eigenschaften dahinterstehen. Was uns so zum Beispiel im gewöhnlichen Leben als wärmehafte Eigenschaft erscheint, als Wärme oder Feuer, das erkannten wir als den Ausdruck des Opfers. In dem, was als Luft uns entgegentritt und wieder zunächst so wenig verrät, wenigstens für unsere Begriffe, daß es geistig ist, darin erkannten wir dasjenige, was wir die schenkende Tugend besonderer Weltenwesen nannten. Und im Wasser haben wir das erkannt, was Resignation, Verzicht genannt werden kann.

[ 2 ] In früheren Weltanschauungen - darauf sei nur nebenbei aufmerksam gemacht — hat man natürlich schon eher in dem äußeren Stofflichen das Geistige geahnt und erkannt, wofür ein Beweis sein kann, daß man besonders flüchtige Stoffe mit dem Worte «Spiritus» bezeichnet hat, das wir heute in eigenschaftlicher Bedeutung anwenden auf das Geistige, indem wir sagen «spirituell»; und in der äußeren Welt kann es ja vorkommen, daß die Menschen dieses «spirituell» noch so wenig auf das Geistige beziehen, auf das Übersinnliche, daß einmal, wie einzelnen von Ihnen bekannt sein wird, als an einen Münchner Spiritistenverein ein Brief adressiert worden ist und man nicht wußte, was das ist, ein Spiritistenverein, man diesen Brief dem Vorsitzenden des Zentralverbandes der Spirituosenhändler aushändigte.

[ 3 ] Indem wir nun heute jenen bedeutungsvollen Übergang betrachten wollen, der sich in der Evolution des Erdenplaneten vollzogen hat von der alten Sonne zum alten Mond herüber, werden wir eine andere Art der Entwickelung des Geistigen ins Auge fassen müssen. Wir werden aber ausgehen müssen von dem, was uns :das letzte Mal entgegengetreten ist als der Verzicht. Da haben wir gesehen, daß dieser Verzicht im wesentlichen darin besteht, daß geistig hochstehende Wesenheiten verzichteten auf die Entgegennahme des Opfers, was ja, wie wir erkannt haben, im wesentlichen das Opfer des Willens oder der Willenssubstanz ist. Wenn wir uns dies so vorstellen, daß gewisse Wesenheiten das opfern wollen, was ihre Willenssubstanz ist, und ihnen durch den Verzicht höherer Wesenheiten sozusagen verweigert wird die Entgegennahme dieses Willens, dann werden wir uns leicht zu dem Begriff erheben können, daß dann jene Willenssubstanz, welche die betreffenden Wesenheiten eigentlich höheren geistigen Wesenheiten opfern wollten, zurückbleiben muß in den betreffenden Wesenheiten, welche opfern wollen und nicht opfern können. $o sind uns damit ohne weiteres im Weltenzusammenhange gegeben Wesenheiten, welche bereit sind, ihr Opfer darzubringen, also in einer gewissen Weise bereit sind, das, was in ihrem Inneren ruht, inbrünstig hinzugeben, aber es nicht können und daher in sich behalten müssen. Oder anders ausgedrückt bedeutet es, daß diese Wesenheiten eine gewisse Verbindung mit höheren Wesenheiten, die sich ihnen ergeben hätte, wenn sie hätten opfern dürfen, durch die Zurückweisung des Opfers nicht haben können.

[ 4 ] In personifizierter, man möchte sagen, in weltgeschichtlich symbolischer Weise tritt uns das entgegen, was wir dabei ins Auge fassen sollen — aber es ist dort verschärft - in dem Kain, der dem Abel gegenübersteht. Auch Kain will sein Opfer hinaufsenden zu seinem Gott. Sein Opfer aber ist nicht wohlgefällig, und der Gott nimmt es nicht auf. Das Opfer Abels nimmt er auf. Was wir dabei ins Auge fassen wollen, ist das innere Erlebnis, das dabei zustande kommen kann, daß Kain sein Opfer zurückgewiesen findet. Wenn wir uns zu der Höhe der Auffassung erheben wollen, die dabei in Betracht kommt, so müssen wir uns klarmachen, daß wir bei den Regionen, von denen wir hier sprechen, nicht solche Begriffe, die bloß eine Bedeutung in unserem gewöhnlichen Leben haben, hineinschleppen dürfen in die höheren Regionen. Es wäre falsch, wenn man davon sprechen würde, daß durch eine Schuld oder ein Unrecht die Zurückweisung des Opfers zustande käme. Von Schuld oder Sühne, wie wir sie in unserem jetzigen gewöhnlichen Leben kennen, darf in diesen Regionen noch nicht die Rede sein. Wir müssen diese Wesenheiten vielmehr so betrachten, daß es von seiten der höheren Wesenheiten, welche das Opfer zurückwiesen, ein Verzicht, eine Resignation ist. In dem, was wir vor acht Tagen als Seelenstimmung charakterisierten, liegt nichts, was Schuld oder Unterlassung ist, sondern es liegt darin alles Große und Bedeutungsvolle, was in einem Verzicht, in einer Resignation liegen kann. Das bleibt aber dabei doch bestehen, daß die anderen Wesenheiten, welche das Opfer haben bringen wollen, in sich eine Stimmung erzeugen müssen, von der wir fühlen können, daß damit etwas beginnt wie eine, wenn auch außerordentlich leise Gegnerschaft gegen jene Wesen, welche die Opfer zurückweisen. Deshalb ist dies in bezug auf Kain, wo es in einer späteren Zeit uns vorgeführt wird, in verschärftem Maße dargestellt. Wir werden daher nicht dieselbe Stimmung, die wir bei Kain finden, bei denjenigen Wesenheiten antreffen, die sich von der Sonne zum Mond herüberentwickeln; wir werden diese Stimmung bei ihnen in einem anderen Maße antreffen. Und wir lernen die Stimmung, die sich da geltend macht, nur kennen, wenn wir, wie wir es in den letzten Vorträgen getan haben, wieder in unsere eigene Seele blicken und uns fragen, wo wir in der eigenen Seele eine solche Stimmung finden können, welche Seelenverhältnisse uns andeuten können, wie die Stimmung ist, die sich entwickeln müßte in den Individualitäten, deren Opfergaben zurückgewiesen worden sind.

[ 5 ] Diese Stimmung in uns — und wir kommen da immer näher und näher dem irdischen Menschenleben -, die eigentlich jede Seele schon kennt in ihrer Unbestimmtheit und zugleich in ihrer quälenden Weise in der Art, die wir voll rechnen können zu dem, was am nächsten Donnerstage im öffentlichen Vortrage «Die verborgenen Tiefen des Seelenlebens» zu besprechen sein wird - diese Stimmung, die jede Seele kennt als waltend in den verborgenen Tiefen des Seelenlebens, sie dringt zuweilen herauf an die Oberfläche unseres Seelenlebens; dann ist sie vielleicht am wenigsten quälend. Aber wir Menschen gehen mit dieser Stimmung oftmals herum, ohne daß wir uns derselben in unserem Oberbewußtsein recht klar bewußt sind, und wir haben sie doch in uns. Man möchte an das Dichterwort erinnern, um so recht das unbestimmt Quälerische, das mit der Nuance des Schmerzes Verbundene daran hervorzuheben: «Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide.» Gemeint ist die Sehnsucht als Seelenstimmung, Sehnsucht, wie sie lebt in den Seelen der Menschen - nicht nur dann, wenn sie dieses oder jenes anstreben.

[ 6 ] Um uns hineinzuversetzen in das, was geistig in der Entwickelungsphase des alten Saturn und der Sonne vorging, war notwendig, daß wir zu besonderen Seelenzuständen unseren Blick erhoben, die sozusagen erst eintreten, wenn die menschliche Seele strebend wird, wenn sie sich hinauforganisiert zu einem höheren Streben. Das haben wir gesehen, als wir versuchten, uns die Natur des Opfers aus unserem eigenen Seelenleben heraus klarzumachen, versuchten, uns klarzumachen, was der Mensch erlangt als Weisheit, die wir hineinträufeln sehen und die entsteht aus dem, was man nennen könnte: Bereitschaft zu geben, bereit sein dazu, sich selber sozusagen hinzugeben. Indem wir so zu mehr irdischen Verhältnissen heraufkommen, die sich aus früheren entwickelt haben, treffen wir eine Seelenstimmung, die ähnlich ist manchem, was der Mensch heute noch erleben kann. Nur müssen wir uns klar sein. daß alles Leben unserer Seele, insofern unsere Seele in einen Erdenleib eingefügt ist, als eine obere Schicht liegt über einem verborgenen Seelenleben, das unten in den Tiefen abläuft. Wer sollte denn nicht wissen, daß es ein solches verborgenes Seelenleben gibt? Das Leben belehrt uns hinlänglich darüber, daß es ein solches gibt.

[ 7 ] Nehmen wir nun einmal an, um uns etwas von diesem verborgenen Seelenleben klarzumachen, ein Kind habe vielleicht in seinem siebenten oder achten Jahre oder in einer anderen Lebenszeit dieses oder jenes erfahren; es habe zum Beispiel erfahren, wofür Kinder sehr häufig ganz besonders empfänglich sind, Ungerechtigkeit — Ungerechtigkeit, indem es beschuldigt wurde, dies oder jenes getan zu haben, was es in Wahrheit nicht getan hat, aber die Bequemlichkeit der Umgebung des Kindes habe, um wenigstens mit der Sache fertigzuwerden, das Kind beschuldigt, dies oder jenes getan zu haben. Kinder haben ein ganz besonders reges Empfinden dafür, wenn ihnen in dieser Weise eine Ungerechtigkeit zugefügt wird. Aber, wie das Leben nun ist, nachdem sich dieses Erlebnis tief eingefressen hat in das kindliche Leben, legt das spätere Leben die anderen Schichten des Seelendaseins darüber, und das Kind hat für alles, was das Alltagsleben betrifft, die Sache vergessen. Es könnte nun auch sein, daß eine solche Sache niemals wieder auftauchen würde. Aber nehmen wir jetzt an: im fünfzehnten, sechzehnten Jahre erfährt das Kind, sagen wir in der Schule, eine neue Ungerechtigkeit. Und jetzt wird das wirksam, was sonst tief unten in der wogenden Seele ruht. Das Kind braucht es gar nicht einmal zu wissen, kann sich ganz andere Vorstellungen und Begriffe bilden, als zu wissen, daß heraufwirkt eine Reminiszenz dessen, was es in früheren Jahren erlebt hat. Wäre das aber, was früher vorgegangen ist, nicht geschehen, so würde es, wenn zum Beispiel das Kind ein Junge ist, nach Hause gehen, ein bißchen weinen, vielleicht auch ein bißchen schimpfen, es würde aber darüber hinweggehen. So aber ist jenes frühere Ereignis geschehen — und ich betone ausdrücklich, daß das Kind nicht zu wissen braucht, was da vorgekommen ist —, und das wirkt, wirkt unter der Oberfläche des Seelenlebens, wie unter dem glatt ausschauenden Meeresspiegel die Wogen aufgerührt werden können. Und aus dem, was sonst vielleicht ein Weinen, ein Klagen oder ein Schimpfen geworden wäre, wird nun ein Schülerselbstmord! So spielen die verborgenen Tiefen des Seelenlebens herauf aus den Untergründen. Und die wichtigste Kraft, die da unten waltet, die bei jeder Seele waltet und zuweilen heraufdringt in ihrer ureigenen Gestalt, aber am bedeutsamsten ist, wenn sie so heraufdringt, daß sich der Mensch ihrer nicht bewußt ist, das ist die Sehnsucht. Wir kennen auch die Namen, welche diese Kraft für die äußere Welt hat, die aber doch nur metaphorische, unbestimmte Namen sind, weil sie Beziehungen ausdrücken, die kompliziert sind und so überhaupt nicht ins Bewußtsein heraufkommen.

[ 8 ] Nehmen Sie eine Erscheinung, die Sie alle sattsam kennen — der Stadtmensch vielleicht weniger, aber er hat sie doch bei anderen erfahren -, eine Erscheinung, die man mit «Heimweh» bezeichnet. Wenn Sie nachgehen würden, was das Heimweh in Wirklichkeit ist, so würden Sie sehen, daß es im Grunde genommen bei jedem Menschen ein anderes ist. Bald ist es so, bald so. Bald sehnt sich der Betreffende nach den traulichen Erzählungen, die er im Elternhause gehört hat; er weiß nicht, daß er sich nach Hause sehnt; was in ihm lebt, ist ein unbestimmter Drang, ein unbestimmtes Wollen. Ein anderer sehnt sich nach seinen Bergen oder nach dem Fluß, an dem er so oft gespielt hat, wenn vor ihm Wogen spielten. Was da wirkt in der Seele, dessen ist sich der Mensch oft wenig bewußt, aber wir fassen alle diese verschiedenen Eigenschaften zusammen unter dem «Heimweh», etwas ausdrückend, was unter tausendfältiger Verschiedenheit spielen kann, und was doch am besten getroffen ist, wenn wir sie als eine Art Sehnsucht kennzeichnen. Noch viel unbestimmter sind die Sehnsuchten, die vielleicht als die quälendsten im Leben hervortreten. Der Mensch ist sich nicht bewußt, daß es die Sehnsucht ist, aber sie ist es doch. Aber was ist diese Sehnsucht? Wir haben es eben ausgesprochen, daß sie eine Art von Wille ist, und überall, wo wir die Sehnsucht prüfen, können wir sehen, daß es eine Art von Wille ist. Aber was für ein Wille? Es ist ein Wille, der so, wie er zunächst ist, nicht befriedigt werden kann, denn wird er befriedigt, so hört die Sehnsucht auf. Ein sich nicht ausleben könnender Wille ist es, was wir als Sehnsucht bezeichnen.

[ 9 ] So etwas müssen wir als Stimmung bei denjenigen Wesenheiten bezeichnen, deren Opfer zurückgewiesen worden ist. Was wir in den Tiefen unseres Seelenlebens wahrnehmen können als Sehnsucht, das ist uns geblieben als ein Erbstück von jenen alten Zeiten, von denen wir jetzt sprechen. Wie wir anderes als Erbstücke der alten Entwickelungsstadien haben, so sind uns geblieben von der Entwickelungsphase, von der wir hier sprechen, alle Arten von Sehnsucht, die auf dem Grunde der Seele sich finden, alle Arten von nicht zu befriedigendem Willen, von zurückgehaltenem Willen. So haben wir uns auch zu denken, daß durch das Zurückweisen des Opfers während dieser Entwickelungsphase Wesen entstehen, die wir nennen können: Wesen mit zurückgehaltenem Willen. Dadurch, daß sie diesen zurückgehaltenen Willen in sich haben mußten, waren sie in einer ganz besonderen Lage. Und man muß sich wieder in eigene Seelenzustände versetzen — denn die Gedanken erreichen kaum diese Zustände -, wenn man diese Dinge nachfühlen, nachempfinden will.

[ 10 ] Das Wesen, das seinen Willen hinopfern kann, geht auf in gewisser Beziehung in dem anderen Wesen. Auch das kann man fühlen im Menschenleben, wie man lebt und webt in einem Wesen, dem. man Opfer bringt, wie man sich befriedigt und glücklich fühlt, wenn man dem Wesen gegenüberstehen kann, dem man Opfer bringt. Und weil wir hier sprechen von der Opferung an höhere Wesen, an umfassendere, universelle Wesenheiten, zu denen hinaufzuschauen die opfernden Wesen als ihre höchste Seligkeit empfinden müssen, so kann, was da zurückbleibt als zurückgehaltene Willenssehnsucht, nimmermehr dasselbe sein an innerer Stimmung, an innerem Seelengehalt als das, was sie erleben könnten, wenn sie opfern dürften. Denn wenn sie opfern dürften, wäre das Opfer bei den anderen Wesen. Wir dürfen gleichsam den Vergleich gebrauchen: wenn die Erden- und die anderen Planetenwesen der Sonne opfern dürften, dann wären sie bei der Sonne. Wenn sie nicht der Sonne opfern dürften, wenn sie zurückhalten müßten, was sie sonst opfern könnten, dann sind sie bei sich selber, sind in sich’ selber zurückgedrängt.

[ 11 ] Wenn wir das fassen, was jetzt eben mit einem Worte ausgesprochen ist, dann merken wir, daß da etwas ins Weltall hineinkommt. Fassen Sie es klar, daß es nicht anders ausgesprochen werden kann: die Wesen, die einem anderen Wesen opfern, das in ihnen allen lebt, die hingegeben wären an ein Universelles, sie sind jetzt, wenn das Opfer nicht angenommen wird, darauf angewiesen, es selbst in sich zu tragen, Spüren Sie nicht, daß da etwas hereinblitzt, was man Egoität nennt, was später als Egoismus in allen Formen herauskommt? In dieser Weise ins Auge gefaßt, muß man fühlen, was später — sozusagen in die Entwickelung hineingegossen - als ein Erbstück nachlebt in den Wesen. Mit der Sehnsucht sehen wir den Egoismus aufblitzen, zunächst in der schwächsten Gestalt, aber wir sehen ihn sich hineinschleichen in die Weltentwickelung. Und so sehen wir, wie die Wesen, die also der Sehnsucht, das heißt sich selbst, ihrer Egoität, sich hingeben, in einer gewissen Beziehung verdammt werden zur Einseitigkeit, zum bloßen Leben nur in sich selber, wenn nicht etwas anderes eintreten würde.

[ 12 ] Stellen wir uns einmal ein Wesen vor, das opfern darf: das lebt in dem anderen Wesen, und es lebt immer in dem anderen. Ein Wesen, das nicht opfern darf, kann nur in sich selber leben. Dadurch ist es ausgeschlossen von dem, was es in den anderen und in diesem Falle in den höheren Wesen erleben dürfte. Ausgeschlossen von der Evolution würden schon an dieser Stelle die entsprechenden Wesen, in die Einseitigkeit hineinverdammt und -verbannt, wenn nicht etwas einträte, was da in die Entwickelung hineinfällt und was die Einseitigkeit hinwegbewegen will. Das ist das Eintreten neuer Wesenheiten, welche die Verdammung und Verbannung in die Einseitigkeit hintanhalten. Wie auf dem Saturn Willenswesen, wie auf der Sonne Weisheitswesen, so sehen wir auf dem Monde die Geister der Bewegung auftreten, wobei wir aber nicht räumliche Bewegung uns vorzustellen haben, sondern wobei wir «Bewegung» so fassen müssen, daß sie einen mehr gedanklichen Charakter trägt. Jeder kennt den Ausdruck «Denkbewegung», obwohl das nur der Ablauf, die Flüssigkeit der eigenen Gedanken ist; aber daraus schon werden Sie sehen, daß, wenn wir uns einen umfassenderen Begriff der Bewegung aneignen wollen, wir zur Erklärung der Bewegung zu etwas anderem als der bloßen Ortsbewegung, die nur eine einzelne Gattung der gesamten Bewegung darstellt, greifen müssen. Wenn viele Menschen einem höheren Wesen hingegeben sind, das sich gleichsam in ihnen allen ausdrückt, weil es von ihnen allen Opfer entgegennimmt, so leben alle diese Vielen in dem Einen und sind darin befriedigt. Wenn aber die Opfer zurückgewiesen werden, so leben die Vielen in sich selber und können nicht befriedigt werden. Da treten die Geister der Bewegung ein und führen gleichsam die Wesen, welche sonst nur auf sich angewiesen wären, zu allen anderen Wesenheiten in einer gewissen Weise hin, bringen sie zu den anderen in eine Beziehung. Die Geister der Bewegung sind zunächst nicht nur als ortsverändernde Wesen zu denken, sondern sie sind solche Wesen, die etwas hervorbringen, wodurch ein Wesen in immer neue Beziehungen zu anderen Wesen tritt.

[ 13 ] Man kann sich eine Vorstellung machen von dem, was jetzt damit auf dieser Stufe im Kosmos erlangt ist, wenn man wieder auf eine entsprechende Seelenstimmung reflektiert. Wer weiß nicht, daß die Sehnsucht im Menschen, wenn sie anhält, bleibt, keine Veränderung erleben darf — wer weiß nicht, wie quälend es wird und den Menschen in einen Zustand bannt, der ihm unerträglich wird, der dann bei den flachköpfigen Menschen zu dem wird, was man «Langeweile» nennt. Aber von dieser Langeweile, die man gewöhnlich nur den flachköpfigen Menschen zuschreiben kann, gibt es alle möglichen Zwischenstufen bis zu denen, welche den großen, edlen Naturen eigen sind, in denen das lebt, was ihre eigene Natur als Sehnsucht ausdrückt, und was nicht befriedigt werden kann in der äußeren Welt. Und wodurch wird die Sehnsucht mehr befriedigt als durch Veränderung? Der Beweis dafür ist, daß die Wesen, die diese Sehnsucht fühlen, Beziehungen suchen zu immer neuen und neuen Wesenheiten. Die Qual der Sehnsucht wird oft überwunden durch das, was veränderte Beziehungen sind zu immer neuen Wesenheiten.

[ 14 ] Da sehen wir, als die Erde ihre Mondenphase durchmacht, wie die Geister der Bewegung in das Leben der sich sehnenden Wesen, die sonst veröden würden — und Langeweile ist auch eine Art von Verödung -, die Veränderung, die Bewegung hineinbringen, die Beziehung zu immer neuen und neuen Wesenheiten oder zu immer neuen und neuen Zuständen. Die räumliche, örtliche Bewegung ist nur eine Gattung dieser umfassenderen Bewegung, von der wir jetzt gesprochen haben. Eine Bewegung haben wir, wenn wir in der Lage sind, am Morgen einen bestimmten Gedankeninhalt in der Seele zu haben, diesen aber nicht zu behalten brauchen, sondern zu anderem übergehen können. Da überwinden wir die Einseitigkeit in der Sehnsucht durch die Mannigfaltigkeit, durch die Veränderung und die Bewegung des Erlebten. Im Raume draußen haben wir nur eine besondere Art dieser Veränderung.

[ 15 ] Denken wir uns dazu einen Planeten, der einer Sonne gegenübersteht. Würde er immer in derselben Stellung gegenüber der Sonne sein, würde er sich nicht bewegen, so würde er bei jener Einseitigkeit bleiben, die sich nur ergeben kann, indem er eben nur immer die eine Seite der Sonne zuwendet. Da kommen die Geister der Bewegung, führen den Planeten um die Sonne herum, um Veränderung hineinzubringen in seinen Zustand. Ortsveränderung ist nur eine Art der Veränderung überhaupt. Und indem die Geister der Bewegung die Ortsveränderung hineinbringen in den Kosmos, bringen sie nur ein Spezifikum hinein in das, was die Bewegung im allgemeinen ist.

[ 16 ] Dadurch aber, daß die Geister der Bewegung in das Weltall, wie wir es bisher kennengelernt haben, die Bewegung und die Veränderung hineinbringen, muß noch etwas anderes hineinkommen. Wir haben gesehen, daß in dieser Evolution, in der ganzen kosmischen Mannigfaltigkeit, die sich da heraufentwickelt als die Geister der Bewegung, Geister der Persönlichkeit, Geister der Weisheit, des Willens und so weiter, auch das Substantielle lebt, was wir genannt haben «schenkende Tugend», das Hinfließen desjenigen, was als Weisheit ausgestrahlt wird und als Geistiges der Luft, der Gasströmung zugrunde liegt. Das fließt nun mit dem in Sehnsucht umgestalteten Willen zusammen und wird in diesen Wesenheiten das, was der Mensch nun kennt — noch nicht als Gedanken, sondern als Bild. Am besten vergegenwärtigen wir uns das an dem Bilde, das der Mensch hat, wenn er träumt. Das flüchtige, flüssige Bild des Traumes kann eine Vorstellung hervorrufen von ‚dem, was bei einem Wesen geschieht, in dem der Wille als Sehnsucht lebt und von den Geistern der Bewegung in eine Beziehung zu anderen Wesen geführt wird. Und indem es zu dem anderen Wesen gebracht wird, kann es ja nicht ganz sich hingeben, da die eigene Egoität in ihm lebt. Aber es kann das flüchtige Bild des anderen aufnehmen, das lebt wie ein Traumbild in ihm. Daher das, was wir nennen können das Auffluten von Bildern in der Seele. Das Aufsteigen des Bilderbewußstseins sehen wir während dieser Phase der Entwickelung heraufkommen. Und indem wir Menschen selber noch ohne unser heutiges Erden-Ich-Bewußtsein diese Phase der Entwickelung durchgemacht haben, müssen wir uns vorstellen, daß wir während dieser Entwickelungsphase dasjenige, was wir heute durch unser Ich erlangen, noch nicht haben, daß wir da wesen und weben im Weltall, indem in uns etwas lebt, was wir uns heute nur vergegenwärtigen können, wenn wir die Sehnsucht kennen.

[ 17 ] Wir könnten in einer gewissen Weise, wenn wir nicht solche Leidenszustände ins Auge fassen, wie es die irdischen sind, uns vorstellen, daß sie gar nicht anders sein könnten als, wie das Dichterwort sagt: «Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide.» In gewisser Weise kommt Leid, Schmerz, in seiner seelischen Gestalt natürlich, in der damaligen Zeit auch in unsere Wesenheiten und in die Wesenheiten anderer Wesen hinein, die mit unserer Evolution verbunden sind. Und erfüllt wird durch die Tätigkeit der Geister der Bewegung das sonst leerbleibende Innere, das von Sehnsucht leidende Innere mit dem Balsam, der in Form von Bildern hinein sich ergießt in diese Wesenheiten. Sonst wären diese Wesenheiten leer in ihrer Seele, leer von jeglichem anderen, was nicht Sehnsucht zu nennen wäre. Aber hinein träufelt der Balsam der Bilder, welche die Öde und Leerheit mit Mannigfaltigkeit ausfüllen und die Wesen so hinwegführen über das Verbannt- und Verdammtsein.

[ 18 ] Wenn wir solche Worte ernst nehmen, haben wir zu gleicher Zeit das, was geistig zugrunde liegt dem, was sich während der Mondphase unserer Erde entwickelt hat und was wir jetzt, weil sich darübergelagert hat die Erdenphase unseres Wesens, in den tiefen Untergründen unseres Bewußtseins haben. Aber wir haben es — und in einer populären Weise soll das übermorgen im öffentlichen Vortrage gezeigt werden — so in den Untergründen unserer Seele, daß es, wie das, was unten wirbelt unter der Oberfläche des Meeres und nach oben Wellen treibt, sich abspielen kann, ohne daß man weiß, was die Gründe dessen sind, was dann ins Bewußtsein eintritt. Unter der Oberfläche unseres gewöhnlichen Ich-Bewußtseins haben wir ein solches Seelenleben, das da 'heraufspielen kann. Und was sagt dieses Seelenleben dem Menschen, wenn es heraufspielt? Wenn wir ins Auge fassen den kosmischen Untergrund dieses unterbewußten Seelenlebens, so können wir sagen: Das Seelenleben, das wir so heraufkommen spüren aus seelischen Untergründen, ist ein Heraufschlagen dessen, was sich da aus der Mondenphase der Entwickelung hineinbewegt hat in das, was während der Erdenphase selbst in uns hineingekommen ist. Und wenn wir so recht ins Auge fassen das Zusammenspiel der Mondennatur mit unserer Erdennatur, dann haben wir den eigentlichen Grund dessen, was von dem alten Monde geistig herübergeführt hat zum Erdendasein.

[ 19 ] Fassen Sie ins Auge, daß es, wie wir es charakterisiert haben, notwendig war, daß immer Bilder auftauchen mußten, die eine Öde zu befriedigen hatten. Dann kommt Ihnen ein Begriff von einem schweren Gewicht, von einer großen Bedeutung: die sehnende Menschenseele in ihrer sehnsuchtvollen, quälenden Leerheit, die diese Sehnsucht befriedigt oder harmonisiert erhält durch das Hereinspielen von Bildern, die wiederum nur an die Stelle von anderen Bildern treten können. Und wenn die Bilder da sind und eine Weile dagewesen sind, dann dämmert sie wieder auf aus den Untergründen, die alte Sehnsucht, und nach neuen Bildern führen sie die Geister der Bewegung. Und sind die neuen Bilder wieder eine Weile dagewesen, so schlägt die Sehnsucht wieder an nach neuen Bildern. Und das gewichtige Wort müssen wir aussprechen in bezug auf solches Seelenleben: Wenn die Sehnsucht nur befriedigt wird durch Bilder, welche neuen Bildern nachjagen, so ist das die fortfließende Unendlichkeit ohne Ende. Da hinein kann nur das kommen, was kommen muß, wenn an die Stelle der in die Unendlichkeit fortfließenden Bilder etwas tritt, was die Sehnsucht erlösen kann durch etwas anderes als bloß durch Bilder, nämlich durch Realitäten. Das heißt mit anderen Worten: diejenige planetarische Verkörperung unserer Erde, in der wir durchgemacht haben die Phase, daß die Bilder, die herbeigeführt werden durch die Tätigkeit der Geister der Bewegung, die Befriedigung der Sehnsucht sind, sie muß abgelöst werden von derjenigen planetarischen Phase der Erdenverkörperungen, welche wir die Phase der Erlösung nennen müssen. Und wir werden noch sehen, daß die Erde der «Planet der Erlösung» zu nennen ist, wie wir die vorherige Verkörperung der Erde, das Mondendasein, den «Planeten der Sehnsucht» nennen können, der zwar zu stillenden Sehnsucht, die aber in der Stillung in eine nie endende Unendlichkeit ausläuft. Und während wir leben im Erdenbewußtsein — das uns, wie wir gesehen haben, durch das Mysterium von Golgatha die Erlösung bringt -, steigt herauf während dieses Lebens aus den Untergründen unserer Seele das, was fortwährend nach Erlösung verlangt. Es ist, wie wenn wir oben die Wellen des gewöhnlichen Bewußtseins hätten, und unten in den Tiefen des Meeres des Seelenlebens lebt der Untergrund unserer Seele als Sehnsucht, als etwas, was da immer herauf will nach dem Vollbringen des Opfers, zu dem universellen Wesen, das auf einmal die Begierde befriedigt, nicht in der unendlichen Aufeinanderfolge der Bilder, sondern auf einmal gibt die Befriedigung.

[ 20 ] Der Erdenmensch fühlt schon diese Stimmungen - und sie sind die allerallerbesten, wenn er sie eben fühlt. Und diejenigen Erdenmenschen, die in unserer Zeit ganz gemäß unserem besonderen Zeitalter diese Sehnsucht fühlen, sie sind im Grunde die, welche zu unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung kommen. Da lernen die Menschen erkennen im Leben draußen alles, was sie in den Einzelheiten befriedigt für ihr gewöhnliches, oberes Bewußtsein; aber da schlägt dann herauf aus dem Unterbewußtsein das, was in seinen Einzelheiten nie befriedigt werden kann, was nach dem zentralen Grunde des Lebens verlangt. Und dieser zentrale Grund kann nur dadurch gegeben werden, daß wir eine universelle Wissenschaft haben, die sich nicht nur mit den Einzelheiten, sondern mit der Gesamtheit des Lebens beschäftigt. Dem, was in den Tiefen der Seele spielt und in das Oberbewußtsein heraufgeholt werden will, muß im Sinne unserer heutigen Zeit entgegenkommen die Beschäftigung mit dem universellen Dasein, das in der Welt lebt, denn sonst spielt aus den Untergründen der Seele herauf das, was sich sehnt nach etwas, das es nie erreichen kann.

[ 21 ] In diesem Sinne ist die Geisteswissenschaft ein Entgegenkommen jenen Sehnsuchten, die in den Untergründen der Seele leben. Und weil alles, was später in der Welt geschieht, seine Vorspiele hat, brauchen wir uns nicht zu verwundern über einen Menschen - der, wenn er etwa im heutigen Zeitalter lebte, durch die spirituelle Wissenschaft nach Befriedigung für die Macht der Sehnsucht in seiner Seele verlangen würde —, wenn ihm zunächst gar nicht bewußte Seelenkräfte, die wie Sehnsuchten sind, ihn verzehren konnten. Da er in einem früheren Zeitalter lebte, in dem es diese spirituelle Weisheit nicht gegeben hat und er sie deshalb noch nicht haben konnte, so ist es, wie wenn er sich verzehren würde nach ihr, ein immerwährendes Verlangen haben würde nach ihr und das Leben nicht begreifen könnte — gerade weil er ein hervorragend großer Geist ist. Während heute hereinträufeln könnte in seine Seele etwas, was die Sehnsucht nach Bildern, welche nur die Ode übertönen können, stillen würde, sehnte er sich nach Aufhören dieses Bilderjagens, und er sehnte sich um so mehr danach, je mächtiger dieses Bilderjagen war! Und kann uns, so wie es jetzt ausgesprochen ist, die Stimme dieses Menschen .nicht erscheinen als eine Äußerung eines Geistes, der in einer Zeit lebt, in welcher er diese spirituelle Weisheit, die sich hineingießt wie Balsam in die Sehnsucht der Seele, noch nicht haben kann, wenn wir hören, wie er einem anderen schreibt:

[ 22 ] «Wer wollte auf dieser Welt glücklich sein. Pfui, schäme dich, möcht’ ich fast sagen, wenn du es willst! Welch eine Kurzsichtigkeit, o du edler Mensch, gehört dazu, hier, wo alles mit dem Tode endigt, nach etwas zu streben. Wir begegnen uns, drei Frühlinge lieben wir uns: und eine Ewigkeit fliehen wir wieder auseinander. Und was ist des Strebens würdig, wenn es die Liebe nicht ist! Ach, es muß noch etwas anderes geben als Liebe, Glück, Ruhm und x, y, zZ, wovon unsre Seelen nichts träumen.

[ 23 ] Es kann kein böser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht; es ist ein bloß unbegriffener! Lächeln wir nicht auch, wenn die Kinder weinen? Denke nur, diese unendliche Fortdauer! Myriaden von Zeiträumen, jedweder ein Leben, und für jedweden eine Erscheinung wie diese Welt! Wie doch das kleine Sternchen heißen mag, das man auf dem Sirius, wenn der Himmel klar ist, sieht? Und dieses ganze ungeheure Firmament nur ein Stäubchen gegen die Unendlichkeit! O Rühle, sage mir, ist dies ein Traum? Zwischen je zwei Lindenblättern, wenn wir abends auf dem Rücken liegen, eine Aussicht, an Ahndungen reicher, als Gedanken fassen, und Worte sagen können. Komm, laß uns etwas Gutes tun und dabei sterben! Einen der Millionen Tode, die wir schon gestorben sind und noch sterben werden. Es ist, als ob wir aus einem Zimmer in das andere gehen. Sieh, die Welt kommt mir vor wie eingeschachtelt, das kleine ist dem großen ähnlich!» Aus einem Briefe Heinrich von Kleists aus dem Jahre 1806.

[ 24 ] So drängt die Sehnsucht, die er in solche Worte fassen konnte, einen Geist, an einen Freund zu schreiben - ein Geist, der noch nicht eine Befriedigung dieser Sehnsucht finden konnte durch das, was, wenn sie nur mit energischem Verständnis an die Geisteswissenschaft herantritt, die moderne Seele finden kann. Denn dieser Geist ist der, welcher jetzt vor hundert Jahren seinem Leben ein Ende machte, indem er zuerst seine Freundin Henriette Vogel und dann sich selbst erschoß, und der in jenem einsamen Grabe am Wannsee ruht, das sich vor hundert Jahren über seiner Hülle geschlossen hat.

[ 25 ] Es ist eine sonderbare Fügung, man möchte sagen des Karma, daß wir über die Stimmung, die uns am allerbesten das charakterisieren kann, was wir zu fassen versuchen, wenn wir sprechen von dem Zusammenwirken der zurückgehaltenen Willensopfer in der Sehnsucht, der Befriedigung dieser Sehnsucht, die allein kommen konnte von den Geistern der Bewegung, und dem Drange nach einer endgültigen Befriedigung, wie sie nur kommen konnte auf dem Planeten der Erlösung — es ist ein sonderbarer karmischer Zusammenschluß, daß wir nach unserem ganz gewöhnlichen Programm gerade an einem Tage hier darüber sprechen mußten, der uns erinnern kann, wie ein Geist die unbestimmte Sehnsucht in den allerhöchsten Worten zum Ausdruck bringen konnte und sie endlich umgegossen hat in die allertragischste Tat, welche die Sehnsucht verkörpern konnte. Und wie könnten wir verkennen, daß dieser Geist in seiner Ganzheit, wie er vor uns steht, eigentlich eine lebendige Verkörperung dessen ist, was unten in der Seele lebt, was wir zurückführen müssen auf ein Anderes noch als auf das Erdendasein, wenn wir es erkennen wollen? Hat uns Heinrich von Kleist nicht am bedeutsamsten geschildert, was in einem Menschen leben kann — wie Sie gleich auf den ersten Seiten von «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» geschildert finden - von dem, was über ihn selbst hinausgeht, ihn treibt, und was er erst später einsehen kann, wenn er nicht vorher seinen Lebensfaden unterbricht?

[ 26 ] Denken wir an seine «Penthesilea»: Wie viel mehr ist in Penthesilea, als sie mit ihrem Erdenbewußtsein umspannen kann! Wir könnten sie in.ihrer ganzen Eigenartigkeit gar nicht begreifen, wenn wir nicht annehmen würden, ihre Seele sei unendlich viel weiter als die enge kleine Seele, die sie - wenn sie auch eine große ist — mit ihrem Erdenbewußtsein umspannt. Daher muß eine Situation hineinspielen, die künstlich das Unterbewußte in das Drama hineinbringt. Ja, es muß sogar verhindert werden, daß der ganze Vorgang, wie Kleist sie an Achill heranführt, mit dem Oberbewußtsein zu überschauen wäre, sonst würden wir die ganze Tragik nicht erleben können. Penthesilea wird als Gefangene zu Achill geführt, aber es wird ihr vorgegaukelt, daß er ihr Gefangener ist. Daher ist es «ihr» Achill. - Es muß das, was im Oberbewußtsein lebt, in das Nichtbewußte hineingetaucht werden.

[ 27 ] Und wie spielt wieder dieses Unterbewußte hinein in eine Handlung wie zum Beispiel «Das Käthchen von Heilbronn», besonders in der merkwürdigen Beziehung zwischen dem Käthchen und dem Wetter vom Strahl, die sich nicht abspielt im Oberbewußtsein, sondern in den tieferen Schichten der Seele, wo die Kräfte sind, von denen der Mensch nichts weiß, die von einem zum anderen gehen. Wenn wir das vor uns haben, spüren wir das Geistige, das in den gewöhnlichen Gravitationsund Attraktionskräften der Welt liegt. Fühlen Sie das, was in den Kräften der Welt liegt, zum Beispiel in der Szene, wo Käthchen ihrem Angebeteten gegenübersteht, wo wir sehen, was in dem Uhnterbewußtsein lebt und wie es verwandt ist dem, was draußen in der Welt lebt, und was man mit dem nüchternen trockenen Worte «Anziehungskräfte - und so weiter - der Planeten» belegt? Doch hineintauchen in dieses Unterbewußtsein konnte auch ein durchdringender und strebender Geist vor hundert Jahren noch nicht. Heute muß es geschehen.

[ 28 ] Und in ganz anderer Weise steht daher heute die Tragik eines «Prinzen von Homburg» vor uns. Ich möchte wissen, wie die Abstraktlinge, die alles, was der Mensch vollbringt, nur ableiten wollen aus dem Verstande, eine Figur erklären wollen, wie es der Prinz von Homburg ist, der alle seine großen Taten in einer Art Traumzustand ausführt, auch die, welche zuletzt zum Siege führt. Und klar weist Kleist darauf hin, daß er aus seinem Oberbewußtsein heraus gar nicht den Sieg erlangen könnte, daß er auch nach seinem Oberbewußtsein nicht einmal ein ganz besonders großer Mensch ist, denn er wimmert nachher vor dem Tode. Und als durch einen besonderen Willensimpuls das, was in den Tiefen der Seele lebt, heraufgeholt wird, erst da ermannt er sich.

[ 29 ] Was als ein Erbstück dem Menschen aus dem Mondenbewußtsein geblieben ist, das ist etwas, was nicht heraufgebracht werden darf durch die abstrakte Wissenschaft, was aber heraufgebracht werden muß durch die vielseitigen, subtilen und mit allseitig weichen Konturen die geistigen Dinge angreifenden Begriffe, die die Geisteswissenschaft bringt. Das Größte bindet sich an das Mittlere und bindet sich an das Gewöhnliche.

[ 30 ] So sehen wir ein, daß die Geisteswissenschaft uns zeigt, wie die Zustände, welche wir heute in der Seele erleben, sich heranbilden im Kosmos, im Weltall. Wir sehen aber auch ein, wie das, was wir in der Seele erleben, uns einzig und allein einen Begriff verschaffen kann von dem, was geistig in den Untergründen der Dinge ist. Wir sehen aber auch, wie unsere Zeit herankommen mußte, um das zu befriedigen, was ersehnt worden ist in der Zeit, die der unsrigen vorangegangen ist, wie die Menschen begehrt haben nach dem, was unsere Zeit erst geben kann. Und eine Art der Verehrung für solche Menschen, die sich nicht zurechtfinden konnten in der Vorzeit gegenüber dem, was ihr Herz begehrte und was die Welt ihnen nicht geben konnte, eine gewisse Ver‘ehrung für solche Menschen kann auch darin bestehen, daß wir uns erinnern, wie alles menschliche Leben zusammengehört und wie der heutige Mensch sein Leben widmen kann jenen geistigen Bewegungen, welche die Menschen — das zeigen uns ihre Schicksale - lange schon gebraucht hätten.

[ 31 ] So darf gewissermaßen auf die Geisteswissenschaft als eine Bringerin der Erlösung der Menschensehnsucht hingewiesen werden an einem Tage, der als der Jahrhunderttag des tragischen Todes eines dieser sehnsüchtigsten Menschen sehr wohl daran erinnern kann, wie das, was die Geisteswissenschaft geben kann, von den Menschen stürmisch, aber auch wehmütig seit langen Zeiten schon verlangt worden ist. Das ist ein Gedanke, den wir fassen können, und der vielleicht auch anthroposophisch ist, an dem Jahrhunderttage des Todes eines der größten deutschen Dichter.