Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen
GA 132
5 Dezember 1911, Berlin
Fünfter Vortrag
[ 1 ] So haben wir uns denn in einer Reihe von Betrachtungen vor die Seele geführt, wie hinter alledem, was wir die Maja oder die große Illusion nennen, das Geistige steht. Wir wollen noch einmal uns die Frage stellen: In welcher Art hat sich uns denn gezeigt, daß hinter allem, was wir zunächst für unsere Sinne und für unsere sonstige an unseren Leib gebundene Weltenauffassung um uns herum haben, das Geistige zunächst von uns erkannt worden ist?
[ 2 ] Wir haben es dadurch charakterisiert, dieses Geistige, daß wir im Laufe der letzten Betrachtungen genötigt waren, gleichsam vor unserem Blick hinwegzuschaffen die nächsten äußeren Welterscheinungen und durchzudringen bis zu solchen Eigenschaften des Wirklichen, wie die waren, die wir bezeichneten als Opferwilligkeit, schenkende Tugend, Resignation oder Verzicht, also lauter Eigenschaften, die wir nur kennenlernen können, wenn wir in unsere eigene Seele blicken, die wir sinnvoll zunächst nur unserer eigenen Seele beilegen können. Wenn wir nun demjenigen, was wir als das Wirkliche, wir könnten auch sagen, als das Wahrhaftige hinter der Welt der Illusion zu denken haben, in seiner Wahrheit solche Eigenschaften beilegen müssen, wie die eben genannten, so müssen wir sagen: In dieser Welt des wahrhaftigen Daseins, in dieser Welt des Wirklichen lebt dasjenige, was wir seinen Eigenschaften nach im Grunde genommen nur vergleichen können mit Eigenschaften, die wir zunächst in unserer eigenen Seele wahrnehmen. Wenn wir zum Beispiel das, was sich äußerlich ausdrückt im Scheine der Wärme, zu charakterisieren haben in bezug auf seine Wahrheit als Opferdienst, als strömendes Opfer in der Welt, so heißt das eben, daß wir das Element der Wärme zurückgeführt haben auf ein Spirituelles, auf ein Geistiges, gleichsam also hinweggeschafft haben, was der äußere Schleier des Daseins ist, und das aufgezeigt haben, was in der Außenwelt gleich ist demjenigen, was wir als unser eigenes Spirituelles erkennen.
[ 3 ] Bevor wir nun in den Betrachtungen weitergehen, ist uns eine andere Idee notwendig. Das ist die: Verfliegt denn nun wirklich alles, was wir innerhalb der Welt der Maja oder der großen Illusion haben, in eine Art von Nichtigkeit? Ist wirklich in all dieser uns umgebenden Sinnenwelt und der Welt unserer äußeren Auffassung gar nichts, was sich sozusagen darstellt als das Wahrhaftige oder als ein Wahrhaftiges?
[ 4 ] Es wäre ja gewiß ein guter Vergleich, wenn man sagen würde: die Welt der Wahrheit, die Welt der Wirklichkeit sei zunächst verborgen, wie die inneren Kräfte eines Teiches oder selbst des Ozeans in der Wassermasse verborgen sind; und die Welt der Maja könnten wir vergleichen mit dem Wellenkräuselspiel, das sich an der Oberfläche abspielt. Der Vergleich wäre gut, aber er zeigt uns gerade, daß doch etwas herauffließt von dem, was unten im Ozean ist und was das Wellenkräuselspiel oben bewirkt, das Substantielle des Wassers und auch eine gewisse Konfiguration der Kräfte. So ist es gleichgültig, ob wir diesen oder einen anderen Vergleich wählen. Wir können wohl die Frage aufwerfen: Gibt es nicht auch im weiten Reiche unserer Maja oder Illusion etwas, was «wirklich» ist?
[ 5 ] Wir wollen es heute ebenso machen, wie wir es bei den letzten Betrachtungen gemacht haben. Wir werden uns dem, was wir uns vor die Seele führen wollen, langsam nähern, indem wir ausgehen von inneren Erlebnissen unserer Seele. Und zwar, weil wir uns durch das Saturn-, Sonnen- und Mondendasein spirituell vorwärtsbewegt haben und jetzt zum Erdendasein heranrücken, wollen wir von noch naheliegenderen, man möchte sagen, gewöhnlicheren Seelenerlebnissen ausgehen, als wir es das letzte Mal taten. Das letzte Mal gingen wir aus von den verborgenen Tiefen des Seelenlebens, von dem, was heraufragt aus dem, was wir in der Geisteswissenschaft kennengelernt haben als unseren astralischen Leib. Da haben wir heraufragen gefühlt die Sehnsucht, und wir haben gesehen, wie die Sehnsucht arbeitet in den Wesen — zunächst für uns also in dem Menschen -, und wie sie es ist, die eigentlich das Seelenleben dahin führt, Befriedigung nur in dem Entgegenkommen jener Bilderwelt zu finden, die wir als die innere Bewegung dieses Seelenlebens haben auffassen können. Und dadurch haben wir den Weg gefunden von der mikrokosmischen einzelnen Seele bis zu jenem makrokosmischen Weltenschaffen, das wir zugeschrieben haben den Geistern der Bewegung.
[ 6 ] Heute wollen wir von einem noch näherliegenden Erlebnis der Seele ausgehen, und zwar von einem Erlebnis, auf das schon aufmerksam gemacht worden ist im alten Griechenland, das aber in seiner Wahrheit noch heute ein tief bedeutsames ist, und das angedeutet wird durch die Worte: Alle Philosophie, also alles Streben nach einem gewissen menschlichen Wissen gehe aus von dem Staunen. — Das ist in der Tat richtig. Wer nur ein wenig reflektiert und achtgibt auf den ganzen Vorgang im Erleben seiner Seele, wie er sich nähert irgendeinem Wissen, der wird schon an sich selbst erfahren können, daß ein gesunder Weg zum Wissen immer seinen Ausgangspunkt findet von dem Staunen, von der Verwunderung über irgend etwas. Dieses Staunen, diese Verwunderung, von der jeder Wissensprozeß auszugehen hat, gehört geradezu zu jenen seelischen Erlebnissen, die wir bezeichnen müssen als diejenigen, welche in alles Nüchterne Hoheit und Leben hineinbringen. Denn, was wäre irgendein Wissen, das in unserer Seele Platz greift, das nicht ausginge von dem Staunen? Es wäre wahrhaftig ein Wissen, das ganz eingetaucht sein müßte in Nüchternheit, in Pedanterie. Allein jener Prozeß, der sich abspielt in der Seele, der von der Verwunderung hinführt zu der Beseligung, die wir empfangen von den gelösten Rätseln, und der sich zuerst über der Verwunderung erhoben hat, macht das Hoheitsvolle und das innerlich Lebendige des Wissensprozesses aus. Man sollte eigentlich fühlen das Trockene und Vertrocknende eines Wissens, das nicht von diesen beiden Gemütsbewegungen sozusagen eingesäumt ist. Eingerahmt von Staunen und von Beseligung über das gelöste Rätsel ist das wahre, das gesunde Wissen. Alles andere Wissen kann von außen angeeignet sein, kann von dem Menschen aus diesem oder jenem Grund herangebracht sein. Aber ein Wissen, das nicht eingerahmt ist von diesen beiden Gemütsbewegungen, ist nicht wirklich im Ernste aus der Menschenseele entsprungen. Alles Aroma des Wissens, das die Atmosphäre des Lebendigen im Wissen bildet, geht aus von diesen zwei Dingen, von Staunen und Beseligung über das erfüllte Staunen.
[ 7 ] Was für einen Ursprung hat aber das Staunen selbst? Warum tritt Staunen — also Verwunderung über irgendein Äußeres — in unserer Seele auf? Es tritt Staunen, Verwunderung aus dem Grunde auf, weil wir uns zunächst irgendeinem Wesen oder einem Ding oder einer Tatsache gegenüber, die vor uns auftritt, fremd angemutet fühlen. Die Fremdheit ist das erste Element, das zur Verwunderung, zum Staunen führt. Aber nicht allem Fremden gegenüber empfinden wir das Staunen, die Verwunderung, sondern nur einem solchen Fremden gegenüber, mit dem wir uns doch in einer gewissen Weise verwandt fühlen, so verwandt fühlen, daß wir uns sagen: Es ist etwas in dem Ding oder Wesen, das jetzt noch nicht in mir ist, das aber in mich übergehen kann. — Also zugleich verwandt und fremd fühlen wir uns einer Sache gegenüber, die wir durch Verwunderung, durch ein Staunen zunächst erfassen.
[ 8 ] Mit dem Worte «Verwunderung» hängt dann auch das Wort «Wunder» zusammen, das wir einem Ereignis beilegen, zu dem der Mensch zunächst in seiner Erkenntnis keine verwandtschaftliche Beziehung finden kann. Aber das kann ja nur an ihm liegen, oder braucht wenigstens nur an ihm zu liegen. Und er würde sich gar nicht selbst in ablehnender Weise zu dem verhalten, was er als «Wunder» bezeichnet, wenn er nicht in einer gewissen Weise doch Anspruch darauf machen würde, daß es sich ihm erschließt, also in einer gewissen Weise doch verwandt mit ihm sein sollte. Denn warum leugnen die Menschen, die von materlalistischen oder rein verstandesmäßigen Begriffen ausgehen, zum Beispiel dasjenige, was andere anerkennen als Wunder, wenn sie nicht direkte Beweise dafür haben, daß eine Lüge, eine Unwahrheit vorliegt? Das müssen heute selbst schon Philosophen zugeben, daß man aus den Erscheinungen der Welt, welche dem Menschen vorliegen, niemals beweisen könne, daß zum Beispiel der in dem Jesus von Nazareth inkarnierte Christus nicht auferstanden sei. Man kann Gründe dagegen anführen. Aber wie sind diese Gründe? Sie sind logisch nicht haltbar! Das geben heute schon aufgeklärte Philosophen zu. Denn die Gründe, welche von materialistischer Seite beigebracht werden, zum Beispiel daß alle Menschen, welche diese Leute bisher gesehen haben, zunächst nicht so auferstehen wie der Christus, diese Gründe stehen logisch auf derselben Höhe wie der, daß jemand, der bisher nur Fische gesehen hat, aus der Beschaffenheit der Fische nun nachweisen wollte, daß es keine Vögel gibt. Man kann nie aus der einen Klasse von Wesenheiten in logisch berechtigter Weise ableiten, daß andere Wesen nicht existieren. Ebensowenig kann man aus den Erfahrungen, welche man über die Menschen des physischen Planes machen kann, etwas ableiten — was als Wunder zunächst bezeichnet wird — über die Ereignisse von Golgatha. Wenn Sie aber einem Menschen etwas mitteilen, was er als Wunder bezeichnen müßte, wenn die Sache auch wahr wäre, und er sagt: Ich kann sie nicht verstehen - so widerspricht er damit nicht dem, was wir über den Begriff der Verwunderung gesagt haben; denn er zeigt in seinem Verhalten ganz klar, daß dieser Ausgangspunkt alles Wissens für ihn auch begründet ist. Er verlangt nämlich, daß das, was ihm mitgeteilt wird, ein ihm Verwandtes habe. Er will, daß es in einer gewissen Weise sein Eigentum werden kann im Geistigen, und da er glaubt, daß er das nicht haben könne, daß es nicht mit ihm verwandt ist, so lehnt er es ab. Selbst wenn wir bis an die Grenze, bis zum Wunderbegriff selbst herangehen, würden wir sehen, daß Verwundern oder Erstaunen, von dem schon im Sinne des alten Griechentums alle Philosophie ausgegangen ist, darauf beruht, daß sich der Mensch gegenüber befindet einem Fremden, es aber doch als ein Verwandtes anerkennen muß. Versuchen wir nun eine Verbindungsbrücke zu schaffen zwischen diesen Begriffen und dem, was wir das letzte Mal vor unsere Seele geführt haben.
[ 9 ] Wir haben das letzte Mal gezeigt, wie ein gewisser Fortschritt in der Evolution dadurch herbeigeführt wird, daß Wesen bereit sind zu opfern, Opfer darzubringen, daß aber diese Opfer verweigert, zurückgewiesen werden, und wir haben in den zurückgewiesenen Opfern eine der Haupttatsachen erkannt, welche während der alten Mondenentwickelung gespielt haben. Es gehört zu dem Wesentlichsten der alten Mondenentwickelung, daß damals von gewissen Wesen an höhere Wesenheiten Opfer dargebracht werden sollten, auf welche diese höheren Wesenheiten verzichteten, so daß also gleichsam der Opferrauch der alten Mondwesen hinaufdrang zu den höheren Wesenheiten, aber von ihnen nicht angenommen wurde und zurückgeleitet wurde als Substanz in die Wesenheiten, welche das Opfer darbringen wollten. Und wir haben gesehen, daß ein großer Teil der Eigentümlichkeit der Wesen des alten Mondes darin bestand, daß sie dasjenige in sich zurückgestoßen fühlen, was sie von sich selbst hinaufsenden wollten zu höheren Wesenheiten als Opfersubstanz. Ja, wir haben gesehen, daß das, was da hinauf wollte zu den höheren Wesenheiten und nicht konnte, eben zurückblieb in den betreffenden Wesenheiten, und sich dadurch in diesen Wesenheiten des zurückgewiesenen Opfers als die Kraft der Sehnsucht herausgebildet hatte. Und wir haben noch immer in alledem, was wir in unserer eigenen Seele als Sehnsucht empfinden, eine Erbschaft jener alten Mondenvorgänge, die darin bestehen, daß Wesen damals ihr Opfer nicht angenommen fanden. Der ganze Charakter der alten Mondenentwickelung, spirituell erfaßt, die ganze geistige Atmosphäre des alten Mondes läßt sich in vieler Beziehung so charakterisieren, daß Wesen auf dem alten Monde sind, die ihre Opfer darbringen wollen, aber finden, daß diese Opfer, weil die höheren Wesenheiten in bezug auf sie resignieren, nicht angenommen werden. Das ist der eigenartige melancholische Grundzug in der alten Mondenatmosphäre: das zurückgewiesene Opfer. Und das zurückgewiesene Opfer des Kain, in dem symbolisch einer der Ausgangspunkte unserer Erdenmenschheitsevolution angedeutet ist, erscheint uns wie eine Art Wiederholung des Grundzuges der alten Mondenentwickelung, der sich da abspielt in der Seele des Kain, der sein Opfer nicht angenommen sieht. Das ist etwas, was uns wie versinnbildlichen kann ein Leid, einen Schmerz, welche die Sehnsucht gebären, wie es bei den Wesen des alten Mondendaseins der Fall war.
[ 10 ] Wir haben nun das letzte Mal schon gesehen, daß zwischen diesen nicht angenommenen Opfern und zwischen der Sehnsucht, die dadurch in den Wesenheiten entstanden ist, daß das Opfer nicht angenommen worden ist, gewissermaßen ein Ausgleich geschaffen wurde, indem auf dem alten Monde die Geister der Bewegung auftraten. Dadurch wurde wenigstens die Möglichkeit geschaffen, daß die Sehnsucht, die entstanden war bei den Wesen des zurückgewiesenen Opfers, in einer gewissen Art befriedigt werden konnte. Stellen Sie sich das recht lebendig vor: Sie haben höhere Wesenheiten, denen geopfert werden soll, aber die Opfersubstanzen werden zurückgewiesen. Sehnsucht entsteht dadurch in diesen Wesen, welche opfern wollten, und die nun fühlen: Hätte ich mein Opfer jenen höheren Wesen darbringen können, so würde das Beste meines eigenen Wesens bei diesen Wesen leben, ich selber würde in diesen höheren Wesenheiten leben, so aber bin ich ausgeschlossen von diesen Wesenheiten, so stehe ich hier, und diese höheren Wesenheiten stehen dort! — Die Geister der Bewegung aber — wir können das fast wörtlich verstehen - bringen diese Wesenheiten, in denen durch das zurückgewiesene Opfer aufglimmt die Sehnsucht nach den höheren Wesenheiten, in solche Lagen, daß sie sich von den verschiedensten Seiten nähern können den höheren Wesenheiten. So daß das, was in ihnen ruht als nicht darzubringendes Opfer, wenigstens durch die Fülle der Eindrücke, die empfangen werden von den höheren Wesen, welche gleichsam umkreist werden von den Wesen des zurückgewiesenen Opfers, ausgeglichen werden kann; ausgeglichen werden kann dasjenige, was durch das Zurückweisen des Opfers nicht befriedigt wird, indem in den Positionen dieser Wesen zu den höheren Wesenheiten eine Beziehung entsteht, wie sie durch ein dargebrachtes Opfer eingetreten wäre.
[ 11 ] Wir machen uns völlig verständlich, was damit gemeint ist, wenn wir uns denken, symbolisch zusammengefaßt, die höheren Wesenheiten als Sonne, und dann in einer einzigen Position, als einen Planeten, niedrigere Wesenheiten zusammengefaßt. Nehmen wir nun an, die Wesen des niederen Planeten wollten dem höheren Planeten, also der Sonne; ihre Opfer darbringen. Aber die Sonne weist sie zurück, und die Opfersubstanzen müssen bleiben bei den Wesenheiten des nicht angenommenen Opfers, dabei fühlen sich diese Wesen voll von Sehnsucht in ihrer Einsamkeit, in ihrer Abgeschlossenheit. Nun bringen die Geister der Bewegung sie in den Umkreis der höheren Wesenheiten; dadurch ist es ihnen erst möglich, an die Stelle des unmittelbaren Hinauffließens ihrer Opfersubstanz, diese Opfersubstanz selbst in Bewegung zu bringen und sie dadurch in eine Beziehung zu bringen zu den Wesen höherer Art. Es ist das geradezu so, als wenn ein Mensch nicht in der Lage ist, durch eine einmalige große Befriedigung mit seiner Sehnsucht zurechtzukommen und dann eine Reihe Teilbefriedigungen erlebt: so daß also sein ganzes Gemüt in Bewegung kommt, wenn er so eine Reihe Teilbefriedigungen erlebt. Das haben wir das letzte Mal genauer beschrieben. Wir haben gesehen, wie durch die Eindrücke, die nun von außen kommen, weil sich das Wesen nicht innerlich in der Opferung mit den höheren Wesenheiten vereinigt fühlt, ein Ersatz entsteht; das konnte uns zeigen, wie solche Wesen dennoch zu einer gewissen Befriedigung kommen.
[ 12 ] Nun aber kann doch nicht geleugnet werden, daß das, was hätte geopfert werden sollen, in anderer Weise bei den höheren Wesen fortbestehen würde als bei den niederen Wesen. Denn die eigentlichen Daseinsbedingungen dessen, was hätte geopfert werden sollen, liegen bei den höheren Wesen. Bei den niederen Wesen müssen also andere Daseinsbedingungen dafür eintreten. - Wiederum können wir uns dazu bildlich vorstellen: Wenn von einem Planeten die ganze Substanz, die er enthält, in die Sonne fließen könnte und die Sonne sie nicht zurückweisen würde, so würden die Wesen dieses Planeten in der Sonne andere Daseinsbedingungen finden als sonst, wenn die Sonne sie zurückweist, außerhalb der Sonne, in dem Planeten. Kurz: Eine Entfremdung dessen, was wir den «Inhalt des Opfers» nennen müssen, tritt ein, eine Entfremdung dieser Opfersubstanz von ihrem Ursprung.
[ 13 ] Fassen Sie nun diesen Gedanken, daß Wesenheiten etwas in sich behalten müssen, was sie gern als Opfer darbringen würden, und wovon sie das Gefühl und die Empfindung haben, daß es erst dann seinen rechten Sinn fände, wenn es als Opfer dargebracht werden könnte. Vergegenwärtigen Sie sich die Empfindungen solcher Wesenheiten, dann werden Sie das haben, was man nennen kann: Abgeschlossenheit eines gewissen Teiles der Weltenwesenheit gegenüber seinem eigentlichen Sinn und gegenüber seinem eigentlichen großen Weltenzweck. Es haben Wesen etwas in sich, was eigentlich — wenn wir bildlich sprechen dürften — an einem anderen Orte als bei ihnen selber seinen Sinn hätte. Die Folge davon ist, daß diese Deplacierung - wenn wir wieder bildlich sprechen — des zurückgewiesenen Opferrauches, der zurückgewiesenen Opfersubstanz, ein Ausgestoßenwerden zunächst dieser Opfersubstanz von dem übrigen Weltenprozeß bewirkt.
[ 14 ] Wenn Sie diesen Gedanken nicht mit Ihrem Verstande — denn der geht nicht auf solche Dinge -, sondern wenn Sie mit ihrem Gefühl das fassen, was damit ausgesprochen ist, so werden Sie die Empfindung haben: Es ist etwas wie herausgerissen aus dem allgemeinen Weltenprozeß. Für die Wesen, die das Opfer zurückgewiesen haben, ist es nur etwas, was sie von sich abgestoßen haben. Für die anderen Wesen, in denen die Opfersubstanz geblieben ist, ist es etwas, dem der Charakter der Fremdheit seines eigenen Ursprunges aufgedrückt wird. Wir haben also dadurch Wesen, denen in ihrer Substantialität die Fremdheit von seinem Ursprunge aufgedrückt ist. Das aber ist, wenn man das gefühlsmäßig versteht, wenn man diese Idee sich gefühlsmäßig vor die Seele malt = wenn man sich vor die Seele malt etwas, dem die Fremdheit seines Ursprunges innewohnt -, das ist der Tod. Und nichts anderes ist der Tod im Weltenall als das, was notwendig eintritt mit der zurückgewiesenen Opfersubstanz bei den Wesen, die eben diese Opfersubstanz behalten müssen. So kommen wir von der Resignation, von dem Verzicht, den wir gefunden haben auf der dritten Stufe der Evolution, gegenüber dem, worauf von den höheren Wesen verzichtet worden ist, zum Tod. Und der Tod in seiner wahren Bedeutung ist nichts anderes als die Eigenschaft von Wesensinhalten, die nicht an ihrem wahren Orte sind, die ausgeschlossen von ihrem wahren Orte sind.
[ 15 ] Auch wenn der Tod im konkreten Leben beim Menschen eintritt, liegt dasselbe zugrunde. Denn wenn wir uns den Leichnam besehen, der in der Welt der Maja zurückbleibt, so ist in ihm nichts anderes enthalten als eine Substantialität, die mit dem Moment des Todes ausgeschlossen ist von Ich, Astralleib und Ätherleib, die entfremdet ist demjenigen, innerhalb dessen sie nur einen eigentlichen Sinn hat. Denn des Menschen physischer Leib hat keinen Sinn ohne Ätherleib, Astralleib und Ich, ist sinnlos, ist in diesem Moment von seinem Sinn ausgeschlossen. Was wir nicht mehr durchschauen können, wenn ein Mensch stirbt, das stellt sich uns eben dar im Makrokosmos. Dadurch, daß die Weltenwesen höherer Sphären zurückweisen, was ihnen als Opfer dargebracht werden soll, verfällt diese zurückgewiesene Opfersubstanz in den Wesenheiten, denen sie zurückgewiesen worden ist, dem Tode, denn der Tod ist Ausgeschlossenwerden irgendeiner Weltensubstanz, irgendeiner Weltenwesenheit von ihrem eigentlichen Sinn.
[ 16 ] Damit aber sind wir eingetreten in eine spirituelle Charakteristik desjenigen, was wir das vierte Element im Weltall nennen. Wenn uns das Feuer reinster Opfersinn war — und überall, wo uns Feuer oder Wärme entgegentritt, liegt spirituell dahinter Opferung -, wenn wir hinter allem, was als Luft ausgebreitet ist um unsere Erde herum, schenkende oder spendende Tugend, hinströmende Tugend in Wahrheit fanden, wenn wir charakterisieren konnten das fließende Wasser, also Flüssigkeit als Element, als spirituelle Resignation oder Verzicht, so müssen wir das Element der Erde, das allein der Träger des Todes werden kann - denn der Tod würde nicht da sein, wenn das Element der Erde nicht da wäre -, als dasjenige charakterisieren, was abgespalten worden ist von seinem Sinn durch den Verzicht. Jetzt haben Sie förmlich konkret irgend etwas, wo sich aus Flüssigem Festes bildet. Denn das spiegelt in einer gewissen Weise auch einen spirituellen Prozeß. Stellen wir uns vor, es gliedert sich ein in die Wassermasse eines Teiches Eis, das Wasser also wird fest. In Wahrheit liegt da nichts anderes zugrunde, als daß dasjenige, was das Wasser zu Eis werden läßt, es abschnürt von dem Sinn des Wassers. Da haben Sie das Spirituelle des Festwerdens, das Spirituelle des Erdewerdens. Denn in bezug auf die Charakteristik der vier Elemente ist das Eis ebenfalls «Erde» und nur das Flüssige «Wasser». — Eine Abschnürung von seinem Sinn ist das, was wir Tod nennen können, und das, worin der Tod sich darstellt, sich auslebt, das ist das Element der Erde.
[ 17 ] Wir sind ausgegangen davon, daß wir die Frage aufgeworfen haben, ob es innerhalb unserer Welt der Illusion, der Maja, gar nichts Wahrhaftiges gibt, ob es dort gar nichts von dem gibt, was sozusagen einer Wirklichkeit entspricht. Nehmen Sie einmal jetzt recht genau den Begriff, den wir eben vor unsere Seele hingestellt haben. Ich habe Ihnen von Anfang an gesagt: die Begriffe dieser unserer Betrachtungen sind einigermaßen kompliziert. Es wird also notwendig sein, daß wir sie nicht nur verstandesmäßig aufnehmen, sondern darüber meditieren, dann werden sie uns erst ganz klar werden. Aber nehmen wir jetzt diesen Begriff vom Tode, beziehungsweise den vom Erdigen; er zeigt uns ein ganz merkwürdiges Gesicht. Während wir bei allen anderen Begriffen uns sagen konnten: In bezug auf das, was da in der Welt der Maja um uns herum ist, liegt eigentlich gar nichts Wahrhaftiges vor, sondern das Wahrhaftige ist ein ihm zugrunde liegendes Spirituelles -, haben wir jetzt etwas herausbekommen, wo dasjenige, was wir innerhalb der Maja haben, eigentlich gerade deshalb, weil es getrennt ist von seinem Sinn, weil es im Spirituellen sein sollte, sich als das Tote charakterisiert. Es ist damit in die Maja hinein etwas abgeschnürt, was eigentlich nicht in der Maja sein sollte. Überall im ganzen weiten Reiche der Maja oder der großen Illusion haben wir eben lauter Täuschungen, lauter Illusionen vor uns. Aber wir bekommen etwas in die Maja hinein, was dadurch einem Wahrhaftigen entspricht, daß es abgeschnürt wird von seinem eigentlichen Sinn im Spirituellen, und in dem Augenblick, wo es hereinkommt, tritt an es die Vernichtung, der Tod heran. Das sagt uns aber nichts Geringeres als die große okkulte Wahrheit: Innerhalb der Welt der Maja ist das einzige, das sich in seiner Wirklichkeit zeigt, der Tod! Alle anderen Erscheinungen müssen wir zurückverfolgen auf ihr Wirkliches, alle anderen Erscheinungen, die in der Maja auftreten, haben hinter sich das Wahrhaftige: Nur der Tod ist innerhalb der Maja das Wahrhaftige, denn er besteht darin, daß von dem Wahrhaftigen etwas abgeschnürt und hereingenommen ist in die Maja. Daher ist der Tod innerhalb der Maja das einzig Wahrhaftige.
[ 18 ] Und wenn wir jetzt von dem, man möchte sagen, in der allgemeinen Maja sich Ausbreitenden übergehen zu den großen Prinzipien der Welt, dann stellt sich für die okkulte Wissenschaft eine sehr wichtige und wesentliche Konsequenz dieses Satzes dar, daß innerhalb unserer Welt der Maja nur der Tod eigentlich das Wahrhaftige ist. Wir können uns dem, was ich hier sagen will, noch von einer anderen Seite nähern, Wir können zunächst die Wesenheiten der anderen Reiche betrachten, die um uns herum sind.
[ 19 ] Wir können fragen: Sterben zum Beispiel Mineralien? — Für den Okkultisten hat es keinen Sinn zu sagen: Mineralien sterben. — Das wäre ungefähr ebensoviel, als wenn man sagen würde, der Fingernagel, den wir uns abschneiden, sei gestorben. Der Fingernagel ist eben nicht irgend etwas, was als Totalität Anspruch hat auf Dasein, sondern er ist nur etwas an uns, und wenn wir ihn abschneiden, so haben wir ihn von uns getrennt und ihm das mit uns zusammenhängende Leben entrissen. Er stirbt im Grunde genommen erst dann, wenn wir selber sterben. Also in demselben Sinne, sagt die okkulte Wissenschaft, sterben die Mineralien nicht. Denn die Mineralien sind nur Glieder an einem großen Organismus, wie der Fingernagel an unserem Organismus ein Glied ist; und wenn ein Mineral scheinbar zugrunde geht, so ist es nur losgerissen von diesem großen Organismus, wie das Stück Fingernagel losgerissen ist von unserem Organismus, wenn wir es.abschneiden. Die Zerstörung des Minerals ist kein Tod, denn das Mineral lebt nicht in sich selber, sondern in dem großen Organismus, von dem es ein Glied ist.
[ 20 ] Wenn Sie sich erinnern an den Vortrag über das Wesen der Pflanzen, so werden Sie wissen, daß gesagt worden ist: Die Pflanze ist als solche auch nicht selbständig, sondern sie ist ein Glied, nun nicht wie das Mineral an einem großen Organismus, sondern an dem ganzen Erdenorganismüs; und es hat für eine okkulte Betrachtung keinen Sinn, vom Leben einer einzelnen Pflanze zu sprechen, sondern man muß sprechen von dem Erdenorgänismus, an dem die Pflanzen überall Teile sind. Und wenn wir sie zu ihrem «Tode» bringen, dann ist es so, wie wenn wir uns einen Fingernagel abschneiden: Wir können nicht sagen, der Fingernagel ist gestorben. Ebensowenig können wir dies von den Pflanzen sagen, denn sie gehören einem großen Organismus an, der identisch ist mit der ganzen Erde und der ein Organismus ist, der im Frühling einschläft, die Pflanzen als seine Organe der Sonne entgegensendet und im Herbst aufwacht und das Geistige der Pflanzen wieder in sich aufnimmt, wenn er die Samen der Pflanzen in sich aufnimmt. Es hat keinen Sinn, die Pflanzen für sich allein zu betrachten, denn der Erdenorganismus stirbt nicht ab, wenn die einzelnen Pflanzen an ihm verwelken, ebenso wie wir, wenn wir graue Haare bekommen, auch nicht sterben, wenn wir die grauen Haare nicht wieder auf naturgemäße Weise in schwarze färben können. Nur sind wir da in einer anderen Lage als die Pflanzen. Aber die Erde ist da in einer solchen Lage, die sich vergleichen ließe mit dem Menschen, wenn er graue Haare wieder in schwarze zurückverwandeln könnte. Also die Erde stirbt nicht, sondern was sich da zeigt im Welken der Pflanzen, ist ein Prozeß, der sich an der Oberfläche abspielt. So können wir niemals sagen, daß die Pflanzen in Wahrheit sterben.
[ 21 ] Aber auch von den Tieren können wir zunächst nicht sagen, daß sie wie wir sterben. Denn das einzelne Tier ist in Wahrheit auch nicht vorhanden, es ist nur die Gruppenseele vorhanden, die im Übersinnlichen ist. Was das Tier im Wahrhaftigen ist, das ist nur auf dem Astralplan vorhanden als die Gruppenseele, und das einzelne Tier ist aus der Gruppenseele heraus verdichtet. Und wenn es stirbt, so ist es ein abgelegtes Glied der Gruppenseele, und diese ersetzt es durch ein anderes.
[ 22 ] Was wir also als den Tod im Mineral-, Pflanzen- und Tierreich antreffen, das ist nur scheinbar, ist nur innerhalb der Maja Tod. In Wahrheit stirbt wirklich nur der Mensch, der es mit seiner Individualität so weit bringt, daß er hinunterkommt zu seinem physischen Leibe, in dem er während des Erdendaseins real sein muß. In Wahrheit hat von «Tod» zu sprechen nur einen Sinn für das Erdendasein des Menschen.
[ 23 ] Wenn wir dies ins Auge fassen, müssen wir sagen: Nur der Mensch kann eigentlich den Tod wirklich erleben. — Beim Menschen ist also das, was wir durch die okkulte Forschung kennenlernen, ein wirkliches Überwinden des Todes, ein wirkliches Besiegen des Todes. Denn bei anderen Wesen ist der Tod nur scheinbar, ist er nicht in Realität vorhanden. Wenn wir höher hinaufkommen würden, von dem Menschen wieder zu den Wesenheiten der höheren Hierarchien, so würden wir ebenso finden, daß diese den Tod nach Menschenart nicht kennen; so daß es im Grunde genommen nur bei jenen Wesenheiten einen realen Tod, das heißt, einen Tod auf dem physischen Plan gibt, die sich auch etwas zu holen haben auf dem physischen Plan. Der Mensch aber hat sich auf dem physischen Plan sein Ich-Bewußtsein zu holen. Das könnte er ohne den Tod nicht finden. Weder bei den Wesenheiten, die unter dem Menschen stehen, noch bei den Wesenheiten, die höher stehen als der Mensch, hat es einen Sinn, von wahrhaftem Tod zu sprechen. Dann aber wird es begreiflich erscheinen, daß wir für jene Wesenheit, die wir die Christus-Wesenheit nennen, gar keine Möglichkeit haben, ihre bedeutendste Erdentat auszulöschen. Denn wir haben ja gesehen, daß bei dieser Christus-Wesenheit das Mysterium von Golgatha als das Wesentlichste in Betracht kommt: die Besiegung des Todes durch das Leben. Wo aber kann diese Besiegung des Todes nur vor sich gehen? Kann sie vor sich gehen in den höheren Welten? Nein! Denn schon bei den niederen Wesen, die wir angeführt haben, im Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, kann von Tod nicht gesprochen werden, weil sie eigentlich ihr wahres Wesen in den höheren, übersinnlichen Welten haben. Und wir werden im Laufe der Winterbetrachtungen noch weiter ausführen, daß auch bei den höheren Wesenheiten nicht von Tod gesprochen werden kann, sondern nur von Verwandlungen, von Metamorphosen, von Umgestaltung. Von einem Einschnitt in das Leben, den wir als «Tod» bezeichnen, kann nur beim Menschen gesprochen werden. Und der Mensch kann diesen Tod nur erleben auf dem physischen Plan. Wäre der Mensch niemals auf den physischen Plan gekommen, so würde er nichts wissen vom Tod, denn kein Wesen, das den physischen Plan nicht betreten hat, weiß etwas vom Tod. Es gibt in den anderen Welten nicht das, was man «Tod» nennen kann, sondern nur Verwandlungen, Metamorphosen. Sollte der Christus durch den Tod gehen, so mußte er auf den physischen Plan heruntersteigen! Denn nur dort konnte er den Tod erleben.
[ 24 ] So sehen wir, daß auch im geschichtlichen Werden des Menschen in einer merkwürdigen Weise das Wahrhaftige der höheren Welten hereinspielt in die Maja. Während wir für alle anderen geschichtlichen Ereignisse mit unserem Denken nur dann zurechtkommen, wenn wir sagen: Hier auf dem physischen Plan ist das geschichtliche Ereignis, aber die Ursache dafür liegt oben in der geistigen Welt, zu der müssen wir gehen —, können wir von dem Ereignis von Golgatha nicht sagen: Dieses Ereignis ist hier unten auf dem physischen Plan, und etwas Entsprechendes liegt in der höheren Welt. - Gewiß, der Christus selbst gehört den höheren Welten an und stieg herunter auf den physischen Plan. Aber ein Urbild, wie wir es für alle anderen geschichtlichen Ereignisse suchen müssen, gibt es nicht für das, was sich auf Golgatha vollzogen hat. Das hat sich nur auf dem physischen Plan abgespielt.
[ 25 ] Unter den vielen Beweisen, die aus der okkulten Wissenschaft für diese Tatsache gegeben werden könnten, ist zum Beispiel dieses, daß das Ereignis von Damaskus sich, wie wir dies schon öfter dargestellt haben, im Laufe der nächsten drei Jahrtausende für eine genügend große Anzahl von Menschen erneuern wird. Das heißt, es werden sich bei den Menschen solche Fähigkeiten entwickeln, daß sie den Christus auf dem astralischen Plan als Äthergestalt wahrnehmen werden, wie es bei Paulus vor Damaskus der Fall war. Dieses Ereignis des Wahrnehmens des Christus durch nach und nach bei den Menschen im Laufe der nächsten drei Jahrtausende sich entwickelnde höhere Fähigkeiten macht seinen Anfang in unserem 20. Jahrhundert. Von da ab kommen diese Fähigkeiten allmählich heraus und werden in den nächsten drei Jahrtausenden bei einer genügend großen Anzahl von Menschen sich ausbilden. Das heißt, eine genügend große Anzahl von Menschen wird wissen durch den Hineinblick in die höheren Welten, daß der Christus eine Realität ist, daß er lebt, sie werden ihn kennenlernen, wie er jetzt lebt. Und sie werden nicht nur die Art kennenlernen, wie er jetzt lebt, sondern sie werden sich genau wie Paulus die Überzeugung verschaffen, daß er gestorben und auferstanden ist. Aber die Grundlage dazu kann nicht gelegt werden in den höheren Welten, die muß auf dem physischen Plan gelegt werden.
[ 26 ] Wenn also heute schon jemand dazu kommt, diese Dinge zu verstehen und zu begreifen, wie die Entwickelung des Christus selber vorwärtsgeht und damit die Entwickelung gewisser menschlicher Fähigkeiten, wenn es jemand begreift, dadurch begreift, daß er die Geisteswissenschaft heute versteht, so hindert nichts daran, daß er, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, an diesem Ereignis teilnimmt, wenn es wirklich als ein erstes Hereinleuchten des Christus in die Welt des Menschen eintritt. Derjenige also, der heute im physischen Leibe sich auf dieses Ereignis vorbereitet, kann es auch erleben in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Diejenigen Menschen aber, die sich nicht darauf vorbereiten, die sich in dieser Inkarnation kein Verständnis dafür erwerben, sie können in dem Leben, das sich an dieses anschließt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, nichts wissen von dem, was in bezug auf den Christus von unserem Jahrhunderte ab durch die nächsten drei Jahrtausende geschieht. Sie müssen warten, bis sie wieder inkarniert sind und weiter sich die Vorbereitung dazu auf der Erde schaffen. Das also, was als die Ursache aller folgenden Christus-Entwickelung auf der Erde sich abspielen mußte, der Tod auf Golgatha und das dadurch Geschaffene, das kann auch nur innerhalb des physischen Leibes begriffen werden. Das ist unter allen Tatsachen, die uns wichtig sind für das höhere Leben, das einzige, was nur innerhalb des physischen Leibes begriffen werden kann. Dann wird es weiter verarbeitet, wird es weiter ausgebildet in den höheren Welten. Aber begriffen müssen wir es zunächst haben innerhalb des physischen Leibes. Gerade wie das Mysterium von Golgatha niemals sich hätte in den höheren Welten abspielen können, wie es auch kein Urbild hat in den höheren Welten, sondern ein Ereignis ist, das, weil es den Tod in sich schließt, abgeschlossen ist innerhalb des physischen Planes, so muß auch das Verständnis dafür auf dem physischen Plan erworben werden. Ja, es gehört sogar geradezu zu den Aufgaben des Menschen auf der Erde, in irgendeiner seiner Inkarnationen sich dieses Verständnis zu erwerben.
[ 27 ] Wir müssen also sagen, damit haben wir auch im Großen etwas gefunden, was sozusagen auf dem physischen Plan uns ein unmittelbar Reales, ein unmittelbar Wahrhaftiges zeigt. Was also ist denn real auf dem physischen Plan? Real auf dem physischen Plan so, daß wir dabei stehenbleiben können und sagen: Hier haben wir etwas Wahres! - ist der Tod in der Menschenwelt, nicht in den anderen Reichen der Natur. Und bei den geschichtlichen Ereignissen, die im Laufe der Erdenentwickelung geschehen, müssen wir, wenn wir diese geschichtlichen Ereignisse kennenlernen wollen, von jedem solchen geschichtlichen Ereignis zu einem geistigen Urbild gehen —- nur nicht bei dem Mysterium von Golgatha. In diesem haben wir etwas, was so, wie es ist, unmittelbar in die Welt des Wahrhaftigen hineingehört.
[ 28 ] Nun ist es außerordentlich interessant, daß sich gewissermaßen auch die andere Seite des eben Auseinandergesetzten zeigt. Es ist wirklich außerordentlich bedeutsam, zu sehen, wie dieses Ereignis von Golgatha heute als ein reales Ereignis überhaupt abgeleugnet wird, wie die Leute, wenn wir von äußerer Historie reden, sagen, es läßt sich im Zusammenhange der historischen Tatsachen nicht beweisen. Es gibt nun unter den historischen Tatsachen, die wesentlich sind, auch kaum eine, die sich so schlecht durch äußere, historisch-realistische Gründe beweisen läßt wie das Mysterium von Golgatha. Denken Sie, wie leicht es im Verhältnis dazu ist, in bezug auf die Existenz eines Sokrates oder Plato oder irgendeines griechischen Helden, insofern sie bedeutend sind für den Fortschritt der Menschheit in der äußeren Welt, mit historischen Gründen zu arbeiten; und wie die Menschen bis zu einem gewissen Grade mit vollem Recht kommen und sagen: Keine Historie darf behaupten, daß ein Jesus von Nazareth gelebt habe! - Äußere historische Widergründe gibt es da nicht. Wie man andere historische Tatsachen behandelt, so läßt sich diese nicht behandeln.
[ 29 ] Es ist höchst merkwürdig: diese auf dem äußeren physischen Plan geschehene Tatsache hat dies eine gemeinschaftlich mit allen übersinnlichen Tatsachen, die lassen sich auch nicht äußerlich beweisen. Und es sind so ziemlich dieselben Leute, welche die übersinnliche Welt leugnen und denen die Möglichkeit fehlt, dieses Ereignis, das gar kein übersinnliches ist, zu erfassen. Man kann es in bezug auf seine Wirkungen darstellen. Aber da machen sich die Leute den Gedanken, daß solche Wirkungen auch eintreten könnten, ohne daß das reale Ereignis in der Geschichte aufgetreten wäre, und erklären sie dann als Folge soziologischer Verhältnisse. Für den jedoch, der den inneren Gang des Weltenwerdens kennt, ist die Idee, daß Wirkungen wie die des Christentums ohne eine dahinterstehende Macht geschehen könnten, ebenso gescheit, wie wenn man sagte, daß auf einem Felde Kohlköpfe wachsen können, ohne daß vorher Samen ausgestreut wird. Ja, wir können noch weitergehen und sagen, daß für die, welche an der letzten Ausgestaltung der Evangelien beteiligt waren, keine Möglichkeit vorhanden war, das historische Ereignis des Mysteriums von Golgatha als historisches Ereignis mit historischen Gründen nachzuweisen, denn es ging wirklich ziemlich spurlos für alle äußere Beobachtung vorüber. Wissen Sie, wie die, welche an der späteren Ausgestaltung der Evangelien beteiligt waren, sich selber von diesen Ereignissen überzeugt haben — mit Ausnahme des Schreibers des Johannes-Evangeliums, der ja der unmittelbare Zeitgenosse dieser Ereignisse war? Sie haben sich überzeugt, zunächst nicht aus historischen Urkunden, denn sie haben ja auch nichts anderes gehabt als mündliche Mitteilungen und die Mysterienbücher — wie diese Verhältnisse dargestellt sind in dem «Christentum als mystische Tatsache» -, aber von dem wirklichen Dasein des Christus Jesus haben sie sich überzeugt aus der Sternkonstellation, indem sie noch große Kenner waren des Zusammenhanges des Makrokosmos mit dem Mikrokosmos. Sie haben eine Kenntnis davon gehabt, die man sich heute auch schon beschaffen kann, indem man die Sternkonstellation für den betreffenden Punkt der Weltgeschichte berechnet und sagt: Wenn die Sternkonstellation so und so ist, so muß Der auf der Erde gelebt haben, welcher als der Christus bezeichnet wird. -— So haben sich die Schreiber des Matthäus-, Markus- und Lukas-Evangeliums von dem geschichtlichen Geschehen überzeugt. Denn den Inhalt haben sie auf hellseherischem Wege gewonnen, aber die Überzeugung haben sie sich verschafft auf eine Weise, wie man sich durch die Konstellationen des Makrokosmos eine Überzeugung davon verschafft, daß auf der Erde dieses oder jenes vor sich gehen kann. Daher kann ihnen auch nur Glauben beibringen der, welcher so etwas weiß. Beweisen die Unrichtigkeit dessen, was da vorgebracht wird gegen die Historizität der Evangelien, ist eine vergebliche Aufgabe. Wir müssen uns vielmehr als Anthroposophen klar sein, daß wir uns auf einen ganz anderen Boden stellen müssen: auf den Boden desjenigen, was wir uns nur durch eine Einsicht in die okkulte Wissenschaft verschaffen können.
[ 30 ] Ich möchte gerade auch hier dieser Anschauung gegenüber auf etwas hinweisen, wodurch ich schon in diesen Tagen an einem anderen Orte zu begründen versuchte, wie man mit richtigen Einwänden, das heißt mit Einwänden, die an sich richtig sind, die Wirklichkeiten nicht treffen kann, von denen die Geisteswissenschaft redet, so daß die Menschen noch so viel Richtiges sagen können, was nach ihrem Wissen richtig ist es widerlegt die Geisteswissenschaft nicht. Ich habe in dem Vortrag: «Wie begründet man Theosophie?» ein Gleichnis gebraucht und habe gesagt: Ein kleiner Junge mußte in einem Dorfe immer die Semmeln holen zum Frühstück seiner Familie. Man bekam nun in jenem Orte für zwei Kreuzer eine Semmel, und er bekam immer zehn Kreuzer mit. Nun brachte er — und es sei hierbei bemerkt, daß er kein großer Arithmetikus war — die Anzahl der Semmeln vom Greisler — so nannte man dort den Bäcker - nach Hause und kümmerte sich nicht weiter darum. Nun wurde aber in die Familie ein Pflegesohn aufgenommen, der jetzt anstelle des anderen zum Greisler nach Semmeln geschickt wurde. Da der nun ein guter Arithmetikus war, so sagte er sich: Du gehst Semmeln holen, zehn Kreuzer hast du mitbekommen, für zwei Kreuzer gibt es eine Semmel, zehn durch zwei geteilt gibt fünf: also wirst du fünf Semmeln nach Hause bringen. Er ging fort, aber er brachte sechs Semmeln nach Hause. Da sagte er sich: Das ist falsch, so viel kannst du nicht be- kommen, und da deine Rechnung richtig ist, so wirst du morgen schon fünf Semmeln nach Hause bringen. - Am nächsten Tage bekam er wieder zehn Kreuzer mit und brachte wieder sechs Semmeln nach Hause. Die Rechnung war richtig, nur stimmte sie nicht mit der Wirklichkeit, denn in der Wirklichkeit war es anders. In der Wirklichkeit war es nämlich an jenem Orte üblich, daß jemand, der für zehn Kreuzer Semmeln kaufte, auf fünf eine drauf bekam, also statt fünf sechs. Der Einwand des Knaben war also richtig — nur stimmte er nicht mit der Wirklichkeit.
[ 31 ] So können die scharfsinnigst ausgedachten Einwände gegen die Geisteswissenschaft alle stimmen, brauchen aber nichts zu tun zu haben mit der Realität, denn die Realität kann auf ganz anderen Untergründen fußen. Es ist dieses angeführte Beispiel ganz prächtig, um sich klarzumachen, auch erkenntnistheoretisch, die Beziehung zwischen dem, was in der Berechnung richtig ist, und dem, was in dem Wahrhaftigen wahr ist.
[ 32 ] Damit haben wir in unseren Bemühungen, die Welt der Maja zurückzuführen auf das Wahrhaftige — wobei sich uns gezeigt hat, daß alles Feuer Opfer ist, alles Luftartige strömende, spendende oder schenkende Tugend, und alles Flüssige Verzichtleistung, Resignation -, heute zu diesen drei Wahrheiten diejenige hinzugefügt, daß das wahre Wesen der Erde oder des Festen der Tod ist, das Abgeschnürtsein von seinem Weltensinn bei irgendeiner Substantialität. Dadurch aber, daß diese Abgeschnürtheit eintritt, tritt der Tod selber als ein Wahrhaftiges herein in die Welt der Maja oder der Illusion. Die Götter selbst könnten den Tod nicht einmal kennenlernen, wenn sie nicht in irgendeiner Weise herunterstiegen in die physische Welt, um den Tod in der physischen Welt, in der Welt der Maja oder der Illusion, in seiner Wahrheit zu begreifen,
[ 33 ] Das ist es, was wir heute hinzufügen wollen zu den Begriffen, die wir schon aufgenommen haben. Noch einmal sei es bemerkt, daß wir zur Klarheit über diese Begriffe, die uns aber notwendig sein werden zu einem gründlichen Eingehen auf so mancherlei im Markus-Evangelium, nur kommen können durch sorgfältige Meditation, und indem wir es öfter und öfter vor die Seele ziehen lassen. Denn das MarkusEvangelium ist nur zu begreifen, wenn man die allerbedeutsamsten Weltbegriffe dem zugrunde legt.
