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Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen
GA 132

14 November 1911, Berlin

Dritter Vortrag

[ 1 ] In unseren beiden letzten Betrachtungen hier haben wir versucht, den Hinweis darauf zu erbringen, wie hinter allem Materiell-Stofflichen unserer Welterscheinungen Geistiges zu suchen ist. Wir haben versucht, zunächst das Geistige, das sich hinter den Wärmeerscheinungen, dann hinter den Erscheinungen der strömenden Luft findet, zu charakterisieren. Wir mußten, da wir ja, um solche Charakteristiken geben zu können, in sehr frühe, urferne Vergangenheiten unserer Entwickelung zurückzugreifen hatten, wir mußten bei unserer Schilderung jener geistigen Verhältnisse, die dem Materiellen zugrunde liegen, in unser eigenes Seelenleben blicken. Denn es ist selbstverständlich notwendig, daß man irgendwoher die Vorstellungen nimmt, mit denen man etwas charakterisiert. Worte allein tun es nicht, sondern wir müssen ganz bestimmte Vorstellungen haben. Wir haben gesehen, daß die geistigen Verhältnisse, auf die wir uns dabei beziehen müssen, zum Teil so ferne liegend alledem sind, was der Mensch gegenwärtig erlebt, wovon der Mensch gegenwärtig wissen kann, daß wir selbst in unserem Seelenleben, in unserem eigenen Geistesleben an seltene Zustände, an gar nicht allgemeine Verhältnisse appellieren mußten. Wir haben gesehen, daß wir das tiefste Wesen aller Wärme- und Feuerverhältnisse ganz weit abseits von dem suchen mußten, was äußerlich physikalisch Feuer oder Wärme ist. Gewiß muß es dem Menschen der Gegenwart recht grotesk erscheinen, wenn als das Wesen aller Feuer- und Wärmeverhältnisse der Welt das Opfer erkannt worden ist, das Opfer ganz bestimmter Wesenheiten, die wir auf dem alten Saturnzustand der Erde in einem gewissen Entwickelungszustand angetroffen haben, der Throne, die ihr Opfer den Cherubim damals darbrachten. Und in Wahrheit, mußten wir sagen, besteht ein solches Opfer, wie es damals seinen Ausgangspunkt. genommen hat in der Weltentwickelung, in allem, was uns äußerlich, in Maja oder Illusion, in den Wärme- oder Feuerverhältnissen erscheint.

[ 2 ] Ebenso haben wir das letzte Mal erkannt, daß hinter allem, was wir nennen können strömende Luft oder strömende Gase, wiederum etwas sehr, sehr Fernes liegt, dasjenige, was wir «schenkende Tugend» genannt haben, das hingebungsvolle Ausgießen des eigenen Wesens geistiger Wesenheiten. Das liegt in jedem Windhauch, in aller strömenden Luft. Was also äußerlich physisch wahrgenommen wird, ist wirklich nur eine Illusion, eine Maja; und wir haben erst die richtige Vorstellung, wenn wir von der Maja vorschreiten zu dem Geistigen, zu dem Spirituellen. Im Wahrhaftigen der Welt ist Feuer oder Wärme oder Luft ebensowenig vorhanden, wie im Spiegelbild der Mensch, der sich im Spiegel sieht, vorhanden ist. Denn wie ein Spiegelbild im Grunde genommen eine Illusion im Verhältnis zum Menschen ist, so sind Feuer oder Wärme oder Luft Illusionen, und die Wahrheiten dahinter verhalten sich in Wirklichkeit so wie der wahrhaftige Mensch zu seinem Spiegelbilde. Nicht Feuer oder Luft haben wir zu suchen in der Welt des Wahrhaftigen, sondern Opfer und schenkende Tugend.

[ 3 ] Dabei sind wir aufgestiegen, indem wir zu dem Opfer sozusagen hinzutreten sahen die schenkende Tugend, von dem alten Saturnleben zu dem alten Sonnenleben. Innerhalb des letzteren, das heißt der zweiten kosmischen Verkörperung unserer Erde, finden wir etwas, was uns wieder einen Schritt näher führen wird den wahrhaftigen Verhältnissen unserer Entwickelung. Und wir müssen heute wieder einen Begriff einführen, der der Welt des Wahrhaftigen angehört gegenüber der Welt der Illusion. Bevor wir also zu den eigentlichen Verhältnissen der Entwickelung übergehen, wollen wir uns einen bestimmten Begriff aneignen. Wir gehen dabei von folgendem aus.

[ 4 ] Wenn der Mensch im äußeren Leben irgend etwas tut, irgend etwas vollzieht, so liegt dem in der Regel sein Willensimpuls zugrunde. Was der Mensch tut, sei es nun eine Handbewegung oder sei es die größte Tat, überall liegt ein Willensimpuls zugrunde. Von diesem geht dann alles übrige aus, was zu einer Tat, zu einer Verrichtung des Menschen führt. Der Mensch wird nun zunächst sagen: zu einer starken, kräftigen Tat, die, sagen wir, viel Heil und Segen bringen soll, gehöre ein starker Willensimpuls, und zu einer weniger bedeutsamen Tat gehöre ein schwacher Willensimpuls. Und im allgemeinen wird der Mensch zu der Annahme geneigt sein, daß von der Stärke des Willensimpulses die Größe der Tat abhängt.

[ 5 ] Nun ist das aber nur bis zu einem gewissen Grade richtig, daß wir, wenn wir unseren Willen verstärken, Großes in der Welt erreichen. Von einem gewissen Punkt an ist das nämlich nicht mehr der Fall. Gewisse Taten, die der Mensch tun kann, Taten, die sich vor allen Dingen auf die geistige Welt beziehen, hängen nun nicht ab von der Verstärkung unserer Willensimpulse, sonderbarerweise. Gewiß, in der physischen Welt, in der wir zunächst leben, wird die Größe der Tat abhängen von der Größe des Willensimpulses, denn wir müssen uns stärker anstrengen, wenn wir mehr erreichen wollen. Aber in der geistigen Welt ist das gar nicht so, sondern da tritt das Gegenteil von dem ein. Da ist es so, daß zu den größten Taten, zu den größten Wirkungen, können wir besser noch sagen, nicht eine Verstärkung des positiven Willensimpulses notwendig ist, sondern vielmehr eine gewisse Resignation, ein Verzicht. Wir können da schon von den kleinsten, rein geistigen Tatsachen ausgehen. Wir erreichen eine gewisse geistige Wirkung nicht dadurch, daß wir möglichst unsere Begehrlichkeit in Szene setzen, oder möglichst geschäftig sind, sondern in der geistigen Welt erreichen wir gewisse Wirkungen dadurch, daß wir unsere Wünsche und Begierden bezähmen und auf deren Befriedigung verzichten.

[ 6 ] Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe es darauf abgesehen, durch innere geistige Wirkungen etwas in der Welt zu erreichen. Dann muß er sich dazu dadurch vorbereiten, daß er vor allen Dingen seine Wünsche, seine Begierden unterdrücken lernt. Und während man in der Welt des Physischen kräftiger wird, sagen wir, wenn man gut ißt, wenn man sich gut ernährt und dadurch mehr Kräfte hat, wird man - es ist das jetzt nur eine Schilderung, kein Rat! - in der geistigen Welt Bedeutsames in einer gewissen Weise gerade dann erreichen, wenn man fastet oder in einer anderen Weise etwas tut, um die Wünsche und Begierden zu unterdrücken, zu bezähmen. Und zu den größten geistigen Wirkungen, sagen wir zu magischen Wirkungen, gehört immer eine solche Vorbereitung, die zusammenhängt mit Verzicht auf Wünsche, Begierden, Willensimpulse, die in uns auftreten. Je weniger wir «wollen», je mehr wir uns sagen: Wir lassen das Leben an uns vorüberströmen und begehren nicht dies und begehren nicht jenes, sondern nehmen die Dinge, wie sie uns Karma zuwirft —, je mehr wir so Karma und seine Wirkungen hinnehmen und ruhig uns verhalten in einem Verzicht in bezug auf alles, was wir sonst im Leben erreichen wollen für dieses Leben, desto kräftiger werden wir zum Beispiel in bezug auf Gedankenwirkungen.

[ 7 ] Bei einem Menschen, der ein sehr begierdenvoller Mensch ist, der es vor allen Dingen liebt, recht gut zu essen und zu trinken und auch sonst begierdenvoll ist, bei dem wird sich herausstellen, wenn er zum Beispiel Lehrer oder Erzieher ist, daß seine Worte, die er an seine Zöglinge richtet, nicht viel erreichen; das geht bei den Zöglingen zum einen Ohr hinein, zum anderen heraus. Er wird dann der Meinung sein, daß dies die Schuld der Zöglinge wäre. Das ist aber nicht immer der Fall. Der Mensch, der eine höhere Lebensauffassung hat, der mäßig lebt, der nur so viel ißt, als nötig ist, um das Leben zu unterhalten, der vorzugsweise darauf bedacht ist, die Dinge, die das Schicksal gibt, hinzunehmen, der wird allmählich merken, daß seine Worte eine größere Kraft haben; ja, sein Blick kann dann schon eine große Kraft haben, und es braucht nicht einmal zum Blick zu kommen, er braucht nur neben dem Zögling zu sein, braucht nur einen aufmunternden Gedanken zu haben, den er gar nicht äußert: das wird auf den Zögling übergehen. Das alles hängt ab von dem Grade des Verzichtes, der Resignation gegenüber dem, was der Mensch sonst verlangt.

[ 8 ] Nun ist für geistige Betätigungen, um geistige Wirkungen in den höheren Welten zu erzielen, der richtige Weg der, welcher durch den Verzicht geht. In dieser Beziehung bestehen viele Täuschungen; und Täuschungen führen nicht - deshalb, weil sie auch im Äußeren so ähnlich aussehen - zu den richtigen Wirkungen. Sie alle kennen das, was man im gewöhnlichen Leben die Askese, die Selbstpeinigung nennt. Diese Selbstpeinigung kann in vielen Fällen geradezu eine Wollust sein, die der Betreffende aus der Begierde heraus wählt, zum Beispiel, um viel zu erreichen, oder sei es auch aus einem anderen Begierdequell, um der Wollust willen. Dann wirkt die Askese nichts; denn sie hat nur dann eine Bedeutung, wenn sie als Begleiterscheinung des schon im Geistigen wurzelnden Verzichts auftritt. Diesen Begriff wollen wir uns eben aneignen: den Begriff des schöpferischen Verzichtes, der schöpferischen Resignation. Es ist ungeheuer wichtig, daß wir diesen Verzicht, diese schöpferische Resignation, die wir ja in der Seele erleben können, wieder als eine dem alltäglichen Leben fernliegende Vorstellung aufnehmen: dann werden wir einen Schritt tiefer in die Menschheitsevolution hineingeführt werden können. Denn so etwas geschieht im Verlaufe der Evolution, zum Beispiel beim Herübergang der Entwickelung von den Sonnenverhältnissen zu den Mondverhältnissen. So etwas wie Resignieren geschieht im Bereiche der Wesenheiten der höheren Welten, von denen wir ja wissen, daß sie mit dem Fortgang der Erdentwickelung zusammenhängen. Und zwar wollen wir da noch einmal die alte Sonnenentwickelung ins Auge fassen. Aber machen wir zunächst noch auf etwas aufmerksam, was wir schon wissen, was uns aber bis jetzt noch in mancher Hinsicht rätselhaft erscheinen kann.

[ 9 ] Wir haben wiederholt aufmerksam gemacht auf solche Vorgänge in der Entwickelung, die wir zurückzuführen haben auf Wesenheiten, die im Laufe der Entwickelung zurückgeblieben sind. So wissen wir, daß eingreifen in unsere Erdenmenschheit die luziferischen Wesenheiten. Wir haben wiederholt darauf aufmerksam machen müssen, daß diese luziferischen Wesenheiten deshalb in unseren astralischen Leib während der Erdentwickelung eingreifen, weil sie die Entwickelungsstufe, die sie während der alten Mondenentwickelung hätten erreichen können, nicht erreicht haben. Wir haben oftmals den trivialen Vergleich gebraucht, daß nicht nur in unseren Schulen die Schüler sitzenbleiben, sondern daß auch die Weltenwesen in der großen kosmischen Evolution sitzenbleiben auf ihren Entwickelungsstufen und später eingreifen in die Entwickelungsstufen von Wesenheiten und dann ähnliches bewirken wie die luziferischen Wesenheiten, die auf dem alten Monde zurückgeblieben sind, an dem Menschen auf der Erde.

[ 10 ] Demgegenüber könnte man nun sehr leicht den Gedanken aufwerfen: Eigentlich sind diese Wesenheiten fehlerhafte Wesenheiten, Schwächlinge der Weltentwickelung; denn warum sind sie sitzengeblieben? Das ist der eine Gedanke, der uns kommen kann. Aber der andere Gedanke, den wir auch fassen können, ist der: daß der Mensch nie zu seiner Freiheit, zur selbsteigenen Entschließungsfähigkeit gekommen wäre, wenn die luziferischen Wesenheiten nicht auf dem Monde zurückgeblieben wären. So daß der Mensch den luziferischen Wesenheiten auf der einen Seite im Üblen das verdankt, daß er Begierden, Triebe, Leidenschaften in seinem Astralleib hat, die ihn fortwährend in der Entwickelung von einer gewissen Höhe herabdrängen, ihn nach niederen Regionen seines Seins hinziehen. Andererseits aber, wenn dies nicht der Fall wäre, daß der Mensch böse werden kann, daß er abirren kann von dem Guten durch die Kraft der luziferischen Wesenheiten in seinem Astralleib, könnte er auch nicht frei handeln, könnte er nicht das haben, was wir Freiheit des Willens, Willkür nennen. Wir müssen also sagen, auch unsere Freiheit verdanken wir den luziferischen Wesen. Daraus geht also schon hervor, daß die einseitige Auffassung, als ob die luziferischen Wesenheiten nur den Menschen herabbrächten, nicht zutrifft, sondern daß der Mensch ihr Zurückbleiben als etwas Gutes ansehen muß, als etwas, ohne das er gar nicht hätte seine Menschenwürde im wahren Sinne des Wortes erringen können.

[ 11 ] Nun liegt alledem, was wir für die luziferischen und ahrimanischen Wesenheiten ein solches Zurückbleiben nennen, etwas viel Tieferes zugrunde, was uns zwar schon auf dem alten Saturn entgegentritt, aber dort so schwer erkennbar, daß wir kaum in irgendeiner Sprache Worte finden könnten, um das, was da zugrunde liegt auf dem alten Saturn, zu charakterisieren. Wenn wir dagegen zum alten Sonnendasein vorschreiten, können wir es ganz deutlich charakterisieren, wenn wir den heute zuerst beschriebenen Begriff der Resignation, des Verzichts ins Auge fassen. Denn allem solchen Zurückbleiben von Wesenheiten, allem solchen Hereinwirken durch das Zurückbleiben liegt zugrunde Resignation oder Verzicht höherer Wesenheiten. So können wir sehen, daß folgendes auf der Sonne auftritt. Wir haben gesagt, daß die Throne, die Geister des Willens, Opfer darbringen den Cherubim. Diese Opfer bringen sie — wie wir das letzte Mal gesehen haben - nicht nur während der Saturnzeit dar, sondern sie setzen sie fort während der Sonnenzeit. So daß wir auch da im Bilde bekommen haben: die Throne, die Geister des Willens, opfernd den Cherubim. Und in der Opferung liegt das eigentliche Wesen aller in der Welt existierenden Wärme- oder Feuerverhältnisse.. Während der Sonnenzeit können wir nun deutlich das folgende bemerken, wenn wir in der Akasha-Chronik zurückschauen: die Throne opfern, verbleiben bei ihrer Opfertätigkeit; so daß wir die opfernden Throne haben, haben auch eine Anzahl von Cherubim, zu denen wir das Opfer aufsteigen sehen, indem sie das, was aus dem Opfer fließt, die Wärme, in sich aufnehmen. Aber eine Anzahl von Cherubim vollzieht etwas anderes: sie verzichten auf das Opfer, nehmen nicht an die Opferung. Daher müssen wir das Bild, das wir das letzte Mal vor unsere Seele treten ließen, noch etwas ergänzen.

[ 12 ] Wir haben in diesem Bilde die opfernden Throne und die das Opfer annehmenden Cherubim; wir haben aber auch solche Cherubim, die das Opfer nicht annehmen, sondern wieder zurückgeben, was als Opfer zu ihnen dringt. Das ist außerordentlich interessant in der AkashaChronik zu verfolgen. Denn dadurch, daß nun sozusagen die schenkende Tugend der Geister der Weisheit einfließt in die Opferwärme, dadurch sehen wir wie aufsteigend den Opferrauch während der alten Sonne, von dem wir gesagt haben, daß er dann durch die Erzengel in Form von Licht zurückgeworfen wird von dem äußersten Umfange der Sonne. Aber nun sehen wir etwas anderes noch, wie wenn innerhalb des alten Sonnenraumes noch etwas ganz anderes vorhanden wäre: Opferrauch, der aber jetzt nicht bloß durch die Erzengel im Licht zurückgeworfen wird, sondern der von den Cherubim nicht angenommen wird, so daß er wie zurückfließt, sich zurückstaut, so daß wir sich stauende Opferwolken im Sonnenraume haben: Opfer, das aufsteigt, Opfer, das absteigt; Opfer, das angenommen wird, Opfer, auf das verzichtet wird, das in sich zurückkehrt. Dieses Sich-Begegnen der eigentlichen spirituellen Wolkengebilde im alten Sonnenraum finden wir gleichsam zwischen dem, was wir das letzte Mal das Äußere und das Innere, diese beiden Dimensionen auf der Sonne, genannt haben, wie eine Trennungsschicht; so daß wir in der Mitte haben die opfernden Throne, dann die Cherubim in der Höhe, die das Opfer annehmen, dann solche Cherubim, die das Opfer nicht annehmen, sondern es zurückstauen. Durch dieses Zurückstauen entsteht gleichsam eine Ringwolke; und ganz außen haben wir die zurückgeworfenen Lichtmassen.

[ 13 ] Stellen Sie sich dieses Bild ganz lebendig vor: daß wir also diesen alten Sonnenraum haben, diese alte Sonnenmasse, gleichsam eine kosmische Kugel, außerhalb welcher nichts vorzustellen ist, so daß wir nur den Raum uns zu denken haben bis zu den Erzengeln hin. Stellen wir uns weiter vor, daß wir in der Mitte diese Ringbildung aus den sich begegnenden angenommenen und zurückgewiesenen Opfern haben. Aus diesen angenommenen und zurückgewiesenen Opfern entsteht innerhalb der alten Sonne etwas, was wir nennen können eine Verdoppelung der ganzen Sonnensubstanz, ein Auseinandergehen. Mit einer äußeren Figur zu vergleichen ist die Sonne in dieser alten Zeit nur, wenn wir sie vergleichen mit unserer jetzigen Saturngestalt: der Kugel, die von einem Ring umgeben ist, indem diese sich stauenden Opfermassen nach einwärts werfen, was in der Mitte ist, und das, was außen ist, wird wie eine Ringmasse außen angeordnet. So haben wir die Sonnensubstanz eigentlich in zwei Teile getrennt durch die Kraft der sich stauenden Opfergewalten.

[ 14 ] Was wird nun dadurch bewirkt, daß auf der Seite gewisser Cherubim ein solcher Verzicht auf das Opfer eintritt? - Es ist ein außerordentlich schwieriges Kapitel, dem wir uns da nähern, und Sie werden nur in langsamem Meditieren erfassen können, was in den Begriffen liegt, die jetzt auseinandergesetzt werden. Nur wenn man lange über die Begriffe, die gegeben werden, nachdenkt, wird man herausfinden, welche Realitäten diesen Begriffen zugrunde liegen. Die Resignation, von der wir gesprochen haben, müssen wir in Verbindung bringen mit etwas, dessen Entstehung wir auf dem alten Saturn kennengelernt haben: mit der Entstehung der Zeit. Wir haben gesehen, daß mit den Geistern der Zeit, den Archai, die Zeit eigentlich erst auf dem alten Saturn entsteht, und daß es keinen Sinn hat, vor dem alten Saturn von einer «Zeit» zu sprechen. Nun liegt zwar eine Wiederholung darin, aber wir können doch sagen: die Zeit dauert fort. «Dauern» ist schon ein Begriff, der die Zeit in sich enthält. Wenn also gesagt wird, «die Zeit dauert fort», so bedeutet das: Wenn wir in der Akasha-Chronik Saturn und Sonne betrachten, so finden wir auf dem Saturn die Entstehung der Zeit, und auf der Sonne, daß die Zeit auch vorhanden ist. Wenn nun alle Verhältnisse so fortgingen, wie wir sie in den beiden letzten Betrachtungen charakterisiert haben in bezug auf Saturn und Sonne, so würde die Zeit ein Element bilden für alles Geschehen in der Evolution. Wir könnten uns die Zeit von keinem Geschehen in der Evolution wegdenken. Wir haben ja gesehen, daß die Geister der Zeit entstanden sind auf dem alten Saturn, und daß die Zeit allem eingepflanzt ist. Und alles, was wir in Bildern, in Imaginationen bisher über die Evolution gedacht haben, müssen wir uns mit der Zeit in Verbindung denken. Wäre also nur geschehen, was wir angeführt haben: Opferung und schenkende Tugend, so wäre alles der Zeit unterworfen gewesen. Nichts wäre nicht der Zeit unterworfen gewesen. Das heißt, es würde alles dem Entstehen und Vergehen, was ja der Zeit angehört, unterworfen sein.

[ 15 ] Diejenigen Cherubim nun, welche verzichtet haben auf das Opfer, auf das, was gleichsam im Opferrauch liegt, sie haben darauf verzichtet aus dem Grunde, weil sie sich damit den Eigenschaften dieses Opferrauches entziehen. Und zu diesen Eigenschaften gehört vor allem die Zeit und damit Entstehen und Vergehen. In dem ganzen Verzicht der Cherubim auf das Opfer liegt daher ein den Zeitverhältnissen Entwachsen der Cherubim. Sie gehen über die Zeit hinaus, entziehen sich dem Unterworfensein unter die Zeit. Damit trennen sich gleichsam die Verhältnisse während der alten Sonnenentwickelung so, daß gewisse Verhältnisse, die in der geraden Linie vom Saturn aus weiter fortgehen, als Opferung und schenkende Tugend der Zeit unterworfen bleiben, während die anderen Verhältnisse, die von den Cherubim dadurch eingeleitet wurden, daß diese Cherubim auf das Opfer verzichteten, sich der Zeit entreißen und damit sich die Ewigkeit, die Dauer, das Nichtunterworfensein dem Entstehen und Vergehen einverleiben. Das ist etwas höchst Merkwürdiges: wir kommen da während der alten Sonnenentwickelung zu einer Trennung in Zeit und Ewigkeit. Es ist durch die Resignation der Cherubim während der Sonnenentwickelung die Ewigkeit errungen worden als eine Eigenschaft gewisser Verhältnisse, die während der Sonnenentwickelung eintraten.

[ 16 ] Sahen wir also, indem wir in unsere eigene Seele blickten, gewisse Wirkungen aus dieser Seele dadurch erwachsen, daß der Mensch Verzicht und Resignation in der Seele sich aneignet, so sehen wir, wenn wir zunächst nur von der alten Sonne sprechen, daß von gewissen göttlich-geistigen Wesenheiten Unsterblichkeit, Ewigkeit dadurch errungen ist, daß sie resignierten auf das Opfer und auf das, was aus den sich verbreitenden Gaben der schenkenden Tugend kommen konnte. Sahen wir auf dem Saturn die Zeit entstehen, so sehen wir gewisse Verhältnisse sich der Zeit entreißen während der Sonnenentwickelung. Ich habe allerdings gesagt — ich bitte, das wohl zu beachten -, es bereitet sich dies schon vor während der Saturnzeit, so daß die Ewigkeit nicht erst beginnt während der Sonnenzeit. Aber klar und deutlich zu sehen, so daß man es aussprechen kann in Begriffen, ist es erst während der Sonnenzeit. Es ist auf dem Saturn so schwach erkennbar, dieses Abtrennen der Ewigkeit von der Zeit, daß unsere Begriffe und Worte sich nicht als scharf genug erweisen, um.so etwas schon für den alten Saturn und seine Entwickelung zu charakterisieren.

[ 17 ] So haben wir die Bedeutung der Resignation kennengelernt, den Verzicht der Götter während der alten Sonnenzeit und die Erringung der Unsterblichkeit. Was war nun die weitere Folge davon?

[ 18 ] Aus der «Geheimwissenschaft im Umriß», die in gewisser Beziehung noch im Bereich der Maja bleiben mußte, wissen wir, daß auf die Sonnenentwickelung die Mondentwickelung folgte, daß am Ende der Sonnenzeit alle Verhältnisse in eine gewisse Dämmerung, in ein kosmisches Chaos eintauchten und wieder als Mond auftauchten. So haben wir denn wieder auftauchen zu sehen die Opferung als Wärme. Also, was auch auf der Sonne blieb als Wärme, das sehen wir auch auf dem Monde als Wärmeverhältnisse auftauchen. Was schenkende Tugend ist, sehen wir als Gas, als Luft auftauchen. Aber auch die Resignation dauert fort, der Verzicht auf die Opferung. Was wir «Resignation» nannten, ist in all diesem drinnen, was auf dem alten Monde vorgeht. Es ist wirklich so: was wir als Resignation erleben können, müssen wir uns ebenso als Kraft in allem auf dem alten Monde denken, von der Sonne herübergekommen, wie wir uns etwas anderes denken, was in der äußeren Welt vorhanden ist. Was Opfer war, erscheint als Wärme in der Maja; was schenkende Tugend war, erscheint in der Maja als Gas oder Luft. Was nun Resignation ist, das erscheint in der äußeren Maja als Flüssigkeit, als Wasser. Wasser ist Maja, und es wäre nicht da in der Welt, wenn nicht geistig zugrunde läge Verzicht oder Resignation. Überall, wo Wasser ist in der Welt, ist Götterverzicht! Ebenso wahr wie Wärme eine Illusion ist, und wie dahinter das Opfer ist, wie Gas oder Luft eine Illusion ist, und dahinter die schenkende Tugend ist, so ist das Wasser als Substanz, als äußere Wirklichkeit nur eine sinnliche Illusion, ein Spiegelbild, und was im Wahrhaftigen davon existiert, ist Resignation irgendwelcher Wesenheiten auf das, was sie von anderen Wesenheiten erhalten. Man möchte sagen, es kann nur Wasser in der Welt rieseln, wenn zugrunde liegt Resignation. Nun wissen wir, daß, während die Sonne zum Monde fortschritt, die Luftverhältnisse sich verdichteten zu den Wasserverhältnissen, Wasser entsteht erst auf dem Monde, auf der Sonne gab es noch kein Wasser. Was wir während der alten Sonnenentwickelung als sich ballende Wolkenmassen sehen, das gerinnt, indem es sich ineinanderdrängt zu einem Dichteren, zum Wasser, das auf dem Monde auftritt, zum Mondenmeere.

[ 19 ] Wenn wir dies ins Auge fassen, wird es uns immerhin möglich sein, eine Frage, die aufgeworfen werden kann, zu begreifen. Aus der Resignation wird Wasser; Wasser ist eigentlich in Wahrheit Resignation. Wir bekommen also einen geistigen Begriff ganz sonderbarer Art für das, was das Wasser eigentlich ist. Aber wir können die Frage aufwerfen: Es ist doch ein gewisser Unterschied zwischen dem Zustande, der eingetreten wäre, wenn die Cherubim nicht resigniert hätten, und zwischen dem Zustande, der nun dadurch eingetreten ist, daß sie resigniert haben? Drückt sich dieser Unterschied in irgendeiner Weise aus? — Ja, das tut er. Er drückt sich nämlich dadurch aus, daß nunmehr während der Mondenverhältnisse deutlich die Folgen jener Resignation auftreten. Wenn nämlich diese Resignation nicht eingetreten wäre, wenn die betreffenden verzichtenden Cherubim das ihnen gebrachte Opfer angenommen hätten, so hätten sie — jetzt bildlich gesprochen — den Opferrauch in ihrer eigenen Substanz drinnen gehabt; was sie selber getan hätten, das hätte sich in dem Opferrauch zum Ausdruck gebracht. Nehmen wir an, diese Cherubim hätten dieses oder jenes vollzogen. Dann wäre es erschienen, äußerlich ausgedrückt, durch die sich verändernden Wolken der Luft, das heißt, in der äußeren Gestalt der Luft würde sich ausgedrückt haben, was die nicht resignierenden Cherubim mit der Opfersubstanz gemacht hätten. Nun aber haben sie dieselbe zurückgewiesen und sind dadurch allerdings aus der Sterblichkeit in die Unsterblichkeit, aus der Vergänglichkeit in die Dauer übergegangen. Aber die Opfersubstanz ist zunächst da, sie ist sozusagen entlassen aus den Kräften, die sie sonst aufgenommen hätten, und braucht jetzt nicht zu folgen den Antrieben, den Impulsen der Cherubim, denn diese haben sie entlassen, haben sie zurückgewiesen. Was geschieht nun mit dieser Opfersubstanz? — Es geschieht das, daß andere Wesen sich ihrer bemächtigen, die dadurch, daß sie jetzt diese Opfersubstanz nicht in den Cherubim haben, von den Cherubim unabhängig werden, selbständige Wesen werden, die neben den Cherubim da sind, während sie sonst dirigiert würden von den Cherubim, wenn diese die Opfersubstanz aufgenommen hätten. Darauf beruht die Möglichkeit, daß das Gegenteil von Resignation eintritt: daß Wesenheiten die ausgeflossene Opfersubstanz an sich heranziehen und in ihr handeln. Und das sind die Wesenheiten, die zurückbleiben, so daß das Zurückbleiben eine Folge der Resignation der Cherubim ist. Die Cherubim liefern durch das, worauf sie resignieren, den zurückbleibenden Wesenheiten selbst erst die Möglichkeit zum Zurückbleiben. Dadurch, daß ein Opfer abgewiesen wird, können andere Wesenheiten, die nicht resignieren, die den Wünschen und Begierden sich hingeben und ihre Wünsche zum Ausdruck bringen, sich des Gegenstandes des Opfers, der Opfersubstanz, _ bemächtigen und sind damit in der Möglichkeit, als selbständige Wesenheiten neben die anderen Wesen hinzutreten.

[ 20 ] So ist mit dem Hinübergehen der Entwickelung von der Sonne zum Mond, mit dem Unsterblichwerden der Cherubim die Möglichkeit gegeben, daß andere Wesenheiten sich abtrennen in eigener Substantialität von der fortlaufenden Entwickelung der Cherubim, überhaupt von den unsterblichen Wesenheiten. Wir sehen also, indem wir Jetzt den tieferen Grund des Zurückbleibens kennenlernen, daß eigentlich die Urschuld, wenn wir von einer solchen Urschuld sprechen wollen, an diesem Zurückbleiben gar nicht diejenigen haben, welche zurückgeblieben sind. Das ist das Wichtige, daß wir das auffassen. Hätten die Cherubim die Opfer angenommen, so hätten die luziferischen Wesenheiten nicht zurückbleiben können, denn sie hätten keine Gelegenheit gehabt, sich in dieser Substanz zu verkörpern. Damit die Möglichkeit vorhanden war, daß Wesenheiten in dieser Weise selbständig werden, trat vorher der Verzicht ein. Es ist also von der weisen Weltenlenkung so eingerichtet, daß die Götter sich ihre Gegner selbst hervorgerufen haben. Hätten Götter nicht verzichtet, so hätten sich Wesenheiten nicht widersetzen können. Oder wenn wir trivial sprechen wollen, können wir sagen, die Götter hätten gleichsam vorausgesehen: Wenn wir nur so fortschaffen, wie wir es getan haben vom Saturn zur Sonne herüber, so werden niemals freie, aus ihrer Willkür heraus handelnde Wesenheiten entstehen. Es muß, damit solche Wesenheiten entstehen können, die Möglichkeit gegeben sein, daß uns Gegner im Weltenall erstehen, daß wir Widerstände finden in dem, was der Zeit unterworfen ist. Würden wir nur selbst alles anordnen, so würden wir einen solchen Widerstand nicht finden können. Wir könnten es uns sehr leicht machen, dadurch daß wir alles Opfer annähmen, dann würde alleEvolution uns unterworfen sein. Das werden wir aber nicht machen; wir wollen Wesenheiten, die frei von uns sind, die sich widersetzen können. Daher nehmen wir das Opfer nicht an, so daß jene Wesenheiten durch unsere Resignation und dadurch, daß sie das Opfer nehmen, unsere Gegner werden!

[ 21 ] So sehen wir, daß wir nicht bei den sogenannten bösen Wesenheiten den Grund des Bösen zu suchen haben, sondern bei den sogenannten guten Wesenheiten, die erst durch ihre Resignation bewirkt haben, daß durch die Wesenheiten, welche das Böse in die Welt bringen konnten, das Böse entstanden ist. Nun könnte jemand sehr leicht einwenden - und ich bitte, diesen Gedanken recht genau auf Ihre Seele wirken zu lassen -: Ich habe bisher eine bessere Meinung von den Göttern gehabt! Ich habe bisher die Meinung von den Göttern gehabt, daß sie das, was menschliche Freiheit in Szene setzen sollte, auch bewirken könnten, ohne die Möglichkeit des Bösen zu schaffen. Wie kommt es, daß alle diese guten Götter so etwas wie die menschliche Freiheit nicht ohne das Böse in die Welt bringen konnten? — Ich möchte dabei erinnern an jenen spanischen König, der die Welt so furchtbar kompliziert gefunden hat und der deshalb einmal gesagt hat: wenn Gott es ihm überlassen hätte, die Welt zu schaffen, so würde er sie einfacher gemacht haben. — Der Mensch mag in seiner Schwäche denken, daß die Welt einfacher gemacht werden könnte; aber die Götter wissen es besser, und sie haben es daher dem Menschen nicht überlassen, die Welt zu schaffen.

[ 22 ] Wir könnten vom Gesichtspunkt der Erkenntniswissenschaft aus diese Verhältnisse auch noch genauer charakterisieren. Nehmen wir an, es sollte irgend etwas gestützt werden, und man sagt jemandem, das könnte man so stützen, daß man eine Säule aufrichtet und die Sache daraufrichtet. Da könnte der Betreffende dann sagen: Eigentlich müßte es auch anders zu machen sein! — Ja, warum sollte es nicht auch anders zu machen sein? Oder es könnte jemand sagen, wenn man bei einem Bau ein Dreieck braucht: Warum sollte dieses Dreieck nur drei Ecken haben? Ein Gott könnte vielleicht ein Dreieck so machen, daß es nicht drei Ecken habe! - Aber so viel Sinn es hat, daß ein Dreieck nicht drei Ecken haben soll, so viel Sinn hätte es, daß die Götter die Freiheit hätten schaffen sollen ohne die Möglichkeit des Bösen und des Leides. Wie zum Dreieck drei Ecken gehören, so gehört zur Freiheit die Möglichkeit des Bösen durch die Resignation geistiger Wesenheiten. Das alles gehört zur Resignation der Götter, die dadurch die Evolution geschaffen haben aus dem Unsterblichen heraus, nachdem sie durch den Verzicht auf das Opfer den Grad der Unsterblichkeit genommen hatten, um das Böse wieder zurückzuführen zum Guten. Die Götter haben nicht vermieden das Böse, was allein die Möglichkeit der Freiheit geben konnte. Hätten die Götter das Böse vermieden, so wäre die Welt arm, wäre nicht mannigfaltig. Die Götter mußten das Böse um der Freiheit willen in die Welt kommen lassen, und sie mußten dafür für sich die Macht erringen, das Böse wieder in das Gute zurückzuführen. Diese Macht ist etwas, was als Wirkung nur aus dem Verzicht, aus der Resignation kommen kann.

[ 23 ] Religionen sind immer dazu da, um sozusagen in Bildern, in Imaginationen auf die großen Weltengeheimnisse hinzuweisen. Wir haben heute auf uralte Entwickelungsphasen hingewiesen, und indem wir dem Begriff des Opfers und der schenkenden Tugend hinzufügten den Begriff der Resignation, haben wir dadurch wieder einen Schritt in das Wahrhaftige gegenüber der Maja und Illusion hinein gemacht. Solche Bilder und Begriffe wurden den Menschen auch in den Religionen gegeben. Und es gibt etwas innerhalb der biblischen Religion, wodurch sich der Mensch aneignen kann den Begriff des Opfers und der Resignation, des Zurückweisens des Opfers. Das ist die Erzählung von dem opfernden Abraham, der seinen eigenen Sohn dem Gotte darbringen soll, und von dem Verzicht dieses Gottes auf das Opfer des Patriarchen. Wenn wir diesen Begriff des Verzichtes in unsere Seele aufnehmen, dann können solche Anschauungen in uns hineinkommen, wie wir sie schon geäußert haben. Einmal habe ich gesagt: Nehmen wir an, das Opfer des Abraham wäre angenommen und Isaak geopfert worden. Da von ihm das ganze althebräische Volk abstammt, so hätte der Gott durch die Annahme des Opfers dieses ganze Volk von der Erde genommen. Alles, was von Abraham abstammte, schenkte der Gott durch den Verzicht einer Sphäre, die außerhalb seiner ist, entzog es damit seinem Wirkungskreise. Hätte er das Opfer angenommen, so hätte er damit die ganze Sphäre, die sich innerhalb des althebräischen Volkes abspielte, in sich aufgenommen, denn der geopferte Isaak wäre dann bei Gott gewesen. So aber hat er darauf verzichtet und damit diese ganze Evolutionslinie der Erde überlassen. — Alle Begriffe der Resignation, des Opfers, können uns aufgehen bei dem bedeutungsvollen Bilde der Opferung des alten Patriarchen.

[ 24 ] Aber noch an einer anderen Stelle unserer irdischen Geschichte können wir dieses Resignieren höherer Wesenheiten finden, und auch da dürfen wir wieder hinweisen auf etwas, worauf wir schon das letzte Mal hingewiesen haben: auf das Bild von Leonardo da Vinci, auf das «Abendmahl». Stellt es doch die Szene vor, wo wir gleichsam den Sinn der Erde vor uns haben, den Christus. Erinnern wir uns, indem wir den ganzen Sinn des Bildes durchdringen wollen, an jene Worte, die wir auch im Evangelium finden: «Könnte ich nicht ein ganzes Heer von Engeln herbeirufen, wenn ich entgehen wollte dem Opfertode?» Was in diesem Moment der Christus annehmen könnte, was ihm selbstverständlich eine leichte Möglichkeit wäre, das wird in Resignation, in Verzicht zurückgewiesen. Und der größte Verzicht des Christus Jesus tritt uns da entgegen, wo er durch seinen Verzicht den Gegner selber in seine Sphäre kommen läßt: den Judas. Wenn wir in dem Christus Jesus dasjenige sehen, was wir in ihm sehen können, so müssen wir in ihm ein Abbild derjenigen Wesenheiten sehen, die wir jetzt eben auf einer gewissen Entwickelungsstufe kennengelernt haben, derjenigen, die auf das Opfer verzichten mußten, derjenigen, deren Natur Resignation ist. Der Christus resigniert auf das, was geschehen würde, wenn er nicht den Judas als seinen Gegner auftreten lassen würde, wie die Götter einst während der Sonnenzeit selber durch Resignation ihre Gegner hervorgerufen haben. So sehen wir diesen Vorgang wiederholt im Bilde auf der Erde: der Christus in der Mitte unter den Zwölfen, mit Judas, der dasteht als der Verräter so, wie die Gegner der kosmischen Mächte auftraten. Damit das in die Entwickelung eintreten kann, was der Menschheit unendlich wert ist, muß sich der Christus selbst seinem Gegner entgegenstellen. Weil wir an einen so gewaltigen kosmischen Augenblick erinnert werden beim Anblick des Abendmahles, wenn wir uns die Worte vorhalten: «Wer mit mir den Bissen in die Schüssel tauchen wird, der wird mich verraten», weil wir da im irdischen Abbilde sehen den Gegner. der Götter selbst den Göttern gegenübergestellt, deshalb macht dieses Bild einen so gewaltigen Eindruck. Deshalb durfte ich oft sagen: Alles, was ein Marsbewohner sehen würde, wenn er heruntersteigen könnte auf die Erde, würde er vielleicht mehr oder weniger interessant finden, wenn er es auch nicht recht verstehen würde. Beim Anblick aber jenes Bildes von Leonardo da Vinci würde er aus einer Stelle des Kosmischen, die mit dem Mars ebenso zusammenhängt wie mit der Erde, mit der das ganze Sonnensystem zusammenhängt, etwas kennenlernen, woraus er den Sinn der Erde erkennen würde. Was da im irdischen Bilde abgebildet ist, das hat für den ganzen Kosmos eine Bedeutung: das Sich-Entgegenstellen gewisser Mächte den unsterblichen göttlichen Mächten. Und indem inmitten seiner Apostel der Christus erscheint, der auf der Erde den Tod überwindet, also den Triumph der Unsterblichkeit zeigt, muß auf jenen bedeutungsvollen universellen Moment hingewiesen werden, der da eintrat, als sich überhaupt Götter absonderten vom zeitlichen Sein und den Sieg über die Zeit errangen, das heißt, unsterblich wurden. Das kann unser Herz fühlen, wenn wir das «Abendmahl» von Leonardo da Vinci anschauen.

[ 25 ] Sagen Sie nicht, daß der, welcher mit einem naiven Gemüte das «Abendmahl» anschaut, dies alles doch nicht weiß, was wir heute gesagt haben. Er braucht es nicht zu wissen. Denn darin besteht das geheimnisvoll Tiefe der Menschenseele, daß man gar nicht mit dem Verstande zu wissen braucht, was die Menschenseele fühlt. Weiß die Blume die Gesetze, nach denen sie wächst? Nein, aber sie wächst darum doch. Was braucht die Blume die Gesetze, was die Menschenseele einen Verstand, um zu fühlen das ganz unermeßlich Große, das vorhanden ist, wenn vor dem Auge sich ausbreitet ein Gott und sein Gegner, wenn das Höchste, das ausgedrückt werden kann, der Gegensatz von Unsterblichem und Vergänglichem, vor uns steht? Das braucht man nicht zu wissen, das geht mit magischer Kraft in die Seele über, wenn der Mensch vor diesem Bilde steht, das als Spiegel des Weltensinnes uns da hingemalt ist. Und der Künstler brauchte auch nicht in demselben Sinne ein Okkultist zu sein, um es hinzumalen. Aber in der Seele des Leonardo da Vinci waren die Kräfte, die gerade dieses Höchste, Bedeutungsvollste zum Ausdruck bringen konnten. Deshalb wirken die großen Kunstwerke so ungeheuer, weil sie tief verbunden sind mit dem Sinn der Weltenordnung. In früheren Zeiten waren die Künstler verbunden mit dem Sinn der Weltenordnung in dumpfem Bewußtsein, ohne daß sie es wußten. Aber die Kunst würde ersterben, würde keine Fortsetzung erhalten, wenn nicht in Zukunft die Geisteswissenschaft als Wissen von diesen Dingen der Kunst eine neue Grundlage gäbe.

[ 26 ] Die unterbewußte Kunst hat ihre Vergangenheit und mit ihrer Vergangenheit ein Ende erreicht. Die Kunst, welche sich von der Geisteswissenschaft inspirieren läßt, steht im Beginn, im Anfang der Entwicke lung. Das ist die Kunst der Zukunft. So wahr es ist, daß der alte “ Künstler nicht zu wissen brauchte, was den Kunstwerken zugrunde liegt, so wahr ist es, daß es der zukünftige Künstler wissen muß, aber mit jenen Kräften, die wieder eine Art des Unendlichen darstellen, die wieder etwas aus dem Vollinhaltlichen der Seele darstellen. Denn der hat nicht die Geisteswissenschaft, der sie wieder zu einer Verstandeswissenschaft macht, der sie in Schemen und Paradigmen ausdrückt, sondern der hat sie, der bei jedem Begriff, den wir entwickeln - Opfer, schenkende Tugend, Resignation —, der bei jedem Worte etwas empfinden kann, was das Wort, was die Idee selbst zersprengen will, was höchstens in die Vieldeutigkeit der Bilder ausfließen kann.

[ 27 ] Schemen wird man hinstellen können, wenn man glaubt, die Entwickelung der Welt vollziehe sich in abstrakten Begriffen. Es geht schon nicht mehr gut mit Schemen, wenn man lebendige Begriffe, wie Opferung, schenkende Tugend und Resignation hinstellen will. Die drei Logoi lassen sich in Schemen noch hinstellen, wo man sich unter Logoi nicht viel mehr denkt als die fünf Buchstaben. Wenn wir die Begriffe Opfer, schenkende Tugend, Resignation vor uns hinstellen wollen, da müssen wir schon solche Bilder vor uns hinmalen, wie wir sie die letzten Male beschrieben haben: die opfernden Throne, die ihr Opfer hinaufsenden zu den Cherubim, der sich verbreitende Opferrauch, die das Licht zurückwerfenden Erzengel und so weiter. Und wenn wir das nächste Mal zum Mondendasein übergehen, werden wir sehen, wie das Bild reicher wird, wie tatsächlich etwas wird hinzutreten müssen wie die Verflüssigung der sich stauenden Wolkenmassen, die rieseln als Mondenmassen, und das Dazutreten der zuckenden Blitze der Seraphim. Da müssen wir zu reicheren Vorstellungen übergehen, gegenüber denen man sagen wird: Die Zukunft der Menschheit wird schon die Möglichkeit finden, auch das künstlerische Material, die künstlerischen Mittel herbeizuschaffen, um für die äußere Welt zum Ausdruck zu bringen, was sonst nur in der Akasha-Chronik zu lesen sein kann.