Der irdische und der kosmische Mensch
GA 133
14 Mai 1912, Berlin
Sechster Vortrag
[ 1 ] Sie wissen, daß eine oftmals wiederholte Frage des Lebens und auch der Philosophie die ist nach dem sogenannten Sinn des ganzen Daseins. Nun haben wir uns ja wohl im Laufe der Zeit durch unsere geisteswissenschaftliche Arbeit ein wenig Bescheidenheit gerade in der Beziehung angewöhnt, die hier in Betracht kommt. Wir wissen, daß der Mensch zwar durch die Erforschung der geistigen Welten über die gewöhnliche Sinneswelt hinausschaut oder denkt; aber wir wissen auch, daß wir uns keineswegs anmaßen können, irgendwie gleich zu sprechen von den letzten Ursprüngen oder dem letzten und höchsten Sinn des Lebens. Das oberflächliche Denken wird ja allerdings da einwenden: Was wissen wir dann überhaupt, wenn wir nichts wissen können von dem Sinn des Lebens?
[ 2 ] Wir haben schon öfter einen Vergleich gebraucht, der uns hervorgehen kann aus dem Geiste der Geisteswissenschaft und uns sozusagen über das, was bei dieser Frage möglich oder unmöglich ist, aufklären kann. Wir haben gesagt, wenn jemand irgendwo hinreisen wollte und man ihm zunächst an seinem Orte nur sagen könnte, wie er den Weg einzuschlagen habe nach einem viel näheren Orte, ihn aber mit der Gewißheit entlassen würde, daß man ihm an diesem Orte weiterhelfen würde, so könnte er, wenn er auch streckenweise sich durchfragt, zwar nicht wissen, wie der Weg zu dem letzten Ziele ist, aber doch sicher sein, daß er an sein letztes Ziel ankommen wird, weil er immer von Ort zu Ort weiterkommen kann. So fragen wir als Schüler der Geisteswissenschaft nicht nach den «letzten Zielen », sondern nach den nächsten, das heißt nach dem Erdenziel, und wissen, daß es gar keinen rechten Sinn hätte, nach den letzten Zielen zu fragen. Denn wir haben erkannt, daß es sich im Menschenleben um Entwickelung handelt. So daß wir uns klar sein müssen, daß wir im jetzigen Zeitpunkte unserer Entwickelung überhaupt nichts verstehen könnten von den späteren Entwickelungszielen und daß wir uns erst zu einem höheren Standpunkte entwickeln müßten, um ein Verständnis für das zu gewinnen, was mit einem späteren Ziele gemeint ist. Wir fragen also nach dem nächsten Ziele und sind uns klar, daß — indem wir uns gerade dieses nächste Ziel als ein Ideal vorhalten, es erstreben und, wenn wir die rechten Mittel gebrauchen, es auch erreichen werden wir dadurch zu einem weiteren Punkte unserer Entwickelung kommen, so daß wir an diesem Punkte wieder die rechte Frage nach dem nächsten Ziele stellen können und so fort. Während es also scheinen könnte, daß durch Geisteswissenschaft der Mensch unbescheiden gemacht würde, weil er über die gewöhnliche Welt hinaussieht in eine geistige Welt hinein, wird er gegenüber dem, was man oft leichthin an den Fragen über allerhöchste Dinge aufwirft, im Gegenteil gerade über diese allerhöchsten Dinge bescheiden gemacht.
[ 3 ] Nach dem Erdenziel zunächst fragen wir uns. Mit andern Worten: Wir fragen uns, was der Mensch durch die Entwickelungsperiode, wo er durch jene physischen Verkörperungen durchgeht, die wir die physischen Verkörperungen im Fleische auf der Erde nennen, vorzugsweise hinzuträgt zu dem, was in den vorhergehenden Entwickelungsperioden gewonnen ist, in der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit? — Um dies ins Auge zu fassen, wollen wir uns Dinge vor die Seele führen, welche wir von dieser oder jener Seite her schon kennen, die uns heute aber dazu dienen sollen, recht konkrete, recht bestimmte Begriffe mit dem zu verbinden, was man den Sinn der Erdenentwickelung nennen könnte. Da sei zunächst auf etwas aufmerksam gemacht, worauf in anderem Zusammenhange schon hingewiesen ist.
[ 4 ] Als in der Zeit, in welcher innerhalb der griechisch-lateinischen Kulturperiode — man könnte fast genau sagen: im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung — das gegenwärtige vernunftgemäße, verstandesgemäße Denken der Menschheit begann, da wurde ein Gedanke oft und oft geäußert: der Gedanke, daß alle Philosophie, alles tiefere Nachdenken über die Geheimnisse des Daseins ausgehe von dem, was man Verwunderung oder Erstaunen nennen kann. Das heißt mit andern Worten: So lange der Mensch über die Dinge, die ihn umgeben, über die Erscheinungen, innerhalb welcher er lebt, keine Verwunderung, kein Erstaunen hegen kann, so lange lebt er gedankenlos hin und fragt nicht in einer vernunft- oder geistgemäßen Art nach dem, «warum» die Dinge so oder so verlaufen. «Von der Verwunderung oder dem Erstaunen geht alles Philosophieren aus.» — Das war ein immer wiederkehrender Spruch in der alten griechisch-lateinischen Kulturperiode. Was bedeutet denn eigentlich für das menschliche Seelenleben dieser Spruch?
[ 5 ] Wenn ein Mensch noch niemals eine Lokomotive fahren gesehen hat — es ist ja heute innerhalb der europäischen Kultur schon schwer, einen solchen Menschen aufzufinden, aber es ist noch gar nicht lange her, da konnte man noch solche Menschen finden; jetzt muß man dazu schon nach recht entfernten Gegenden gehen —, so wird er, wenn er eine Eisenbahn fahren sieht, sich verwundern, wird sich namentlich darüber wundern, daß sich da etwas vorwärts bewegt und gar nicht diejenigen Kräfte zum Vorwärtsbewegen hat, die er zu sehen gewohnt ist, wenn ein Vorwärtsbewegen in Betracht kommt. Es ist ja bekannt, daß viele solche Menschen, die erstaunt waren, wenn sie da eine Lokomotive haben fahren gesehen, gefragt haben, ob da die Pferde im Innern wären, welche die Lokomotive vorwärts bewegten? — Warum waren die Leute erstaunt, verwundert über das, was sich ihnen darbot? Sie waren deshalb erstaunt, weil sie etwas gesehen haben, was ihnen in gewissem Sinne bekannt war und doch wieder unbekannt vorkam. Bekannt war ihnen, daß sich etwas vorwärts bewegt. Aber alles, was sich vorwärts bewegt, hatten sie mit ganz anderen Kräften ausgestattet gesehen. Jetzt zeigte sich ihnen ein Vorwärtsbewegen, wie es sich ihnen vorher niemals gezeigt hat. Das ruft die Verwunderung hervor.
[ 6 ] Wenn nun die Philosophen der griechisch-lateinischen Kulturzeit erst dadurch Philosophen sein konnten, daß sie sich verwundern konnten, so müßten sie solche Menschen gewesen sein, die alles, was in der Welt vorgeht, zugleich als ein Bekanntes und als ein Unbekanntes empfanden, indem nämlich das, was geschieht, ihnen so dünkte, daß es nicht auf die Art geschehen konnte, wie es geschah, daß etwas gesucht werden müßte in alledem, was da um sie herum vorgeht, was ihnen unbekannt war.
[ 7 ] Woher kommt es denn, daß sich sozusagen die Philosophen gegenüber allen Dingen so stellen mußten, als ob sie ihnen gänzlich unbekannt wären in bezug auf gewisse Kräfte oder Ursachen, die in ihnen walten? Da man nun annehmen muß, daß die Philosophen mindestens auch so gescheit sind wie die Leute, die sich gar nicht um ihre Umgebung kümmern, so kann man nicht voraussetzen, daß die Philosophen nur das, was man mit den gewöhnlichen Sinnen wahrnimmt, in den Dingen annehmen können. Sie müssen also etwas anderes in den Dingen vermissen oder ahnen, was sie in Verwunderung setzt: das heißt etwas, was nicht innerhalb der Sinneswelt ist. Daher haben auch die Philosophen zu dem, was in der Sinneswelt ist, immer ein Übersinnliches gesucht, solange es keinen Materialismus gegeben hat. Also darf man sagen, die Verwunderung, das Erstaunen der Philosophen muß sich eigentlich darauf beziehen, daß sie gewisse Dinge nicht mit dem begreifen können, was sie mit den sinnlichen Augen sehen, sondern daß sie sich sagen müssen: Was ich da sehe, das entspricht nicht dem, was ich mir davon vorstelle; ich muß mir übersinnliche Kräfte darin vorstellen. — Aber in der Sinneswelt sehen die Philosophen keine übersinnlichen Kräfte. Das allein würde für einen denkenden Menschen schon hinreichen, sich klarzumachen, daß eine, wenn auch nicht ins Bewußtsein hereinreichende, aber unterbewußte Erinnerung im Menschen ist seit den Zeiten, in denen die Seele etwas anderes gesehen hat als die Sinnesdinge. Das heißt, die Seele erinnert sich an Dinge, die sie durchgemacht hat, bevor sie in das Sinnesdasein eingetreten ist, und sagt sich daher: Ich bin verwundert, daß ich da Dinge sehe, die mich in ihren Wirkungen nur erstaunen und die anders sind als alles, was ich früher gesehen habe, die also erklärt werden müssen mit Kräften, die ich erst heraufholen muß aus der Welt des Übersinnlichen. — Deshalb also beginnt alles Philosophieren mit dem Erstaunen oder der Verwunderung, weil der Mensch in der Tat an die Dinge so herantritt, daß er, bevor er in die Sinneswelt eingetreten ist, aus einer übersinnlichen Welt kommt und nun die Sinnesdinge nicht dem entsprechen, was er in der übersinnlichen Welt wahrgenommen hat. Daher verwundert er sich, verwundert sich, weil die Dinge Wirkungen zeigen, die er nicht aus der übersinnlichen Welt kennt.
[ 8 ] So weist uns die Verwunderung oder das Erstaunen auf den Zusammenhang des Menschen mit der übersinnlichen Welt hin als auf etwas, was einer Sphäre angehört, die der Mensch nur betreten kann, wenn er aus seiner Welt, in die er durch den physischen Leib eingeschlossen ist, hinauskommt. Das ist eines, was uns hier auf dieser Welt zeigt, daß der Mensch fortwährend eigentlich den Drang hat, über sich hinauszukommen. Wer nur in sich selber bleiben kann, wen die Verwunderung nicht hinaustreibt aus dem gewöhnlichen Ich, der bleibt ein Mensch, der nicht über sich hinauskommen kann, der die Sonne auf- und untergehen läßt und so weiter, ohne sich sonst um etwas zu kümmern. Das tun die unkultivierten Völker.
[ 9 ] Ein Zweites, das den Menschen loslöst aus der gewöhnlichen Welt, das ihn hier schon aus einer bloß sinnlichen in eine übersinnliche Anschauung bringt, ist das Mitleid oder Mitgefühl. Ich habe das auch schon hervorgehoben. Das Mitleid erscheint dem, der gedankenlos durch die Welt geht, nicht als ein großes Geheimnis oder ein besonderes Mysterium. Dem aber, der denkend durch die Welt geht, erscheint gerade das Mitgefühl als ein Wunder, als ein großes Mystetium. Wenn wir ein Wesen nur von außen anschauen, bietet es unseren Sinnen und unserem Verstande das dar, was von den Eindrücken herrührt, die von ihm kommen. Wenn wir aber Mitgefühl entwickeln, treten wir über die Sphäre der Eindrücke, die das Wesen auf uns macht, hinüber; dann leben wir mit, was in dem geheimsten Allerheiligsten in den Wesen vorgeht, leben uns hinüber von unserer IchSphäre in die Sphäre des andern Wesens. Das heißt, wir kommen von uns los, wir gehen von dem, daß wir für gewöhnlich im physischen Leibe eingeschlossen sind, hinweg und kommen in das hinüber, was das andere Wesen in sich schließt und was in dieser Welt schon ein Übersinnliches ist, denn wir können nicht mit unseren Sinnen oder unserem Verstande in die Seelensphäre des andern Wesens hinüberkommen. Mitgefühl, daß es da ist in der Welt, ist ein Beweis dafür, daß wir schon innerhalb der Sinneswelt von uns loskommen, aus uns heraustreten und in andere Wesen hinübergehen können. Wir wissen, daß es ein sittlicher Defekt, ein sittlicher Mangel des Menschen ist, wenn er nicht Mitgefühl entwickeln kann. Wenn er sozusagen in dem Augenblick, wo er von sich loskommen sollte und in das andere Wesen hinübertreten sollte, um nicht seinen Schmerz, seine Freude, sondern den Schmerz und die Freude des andern Wesens mitzuerleben, wenn er in dem Moment zu fühlen aufhört, gleichsam ohnmächtig wird, dann ist das ein sittlicher Mangel. Der vollständige Erdenmensch muß durch das Mitgefühl mit andern Wesen über sein Erdenleben hinaustreten können, muß mitleben können, was nicht er ist, sondern was ein anderes Wesen ist.
[ 10 ] Auf ein Drittes, wodurch der Mensch über das, was er zunächst im physischen Leibe ist, hinauskommt, haben wir auch schon aufmerksam gemacht. Es ist das Gewissen. Im gewöhnlichen Leben wird der Mensch dieses oder jenes begehren, was seinen Trieben oder Bedürfnissen entspricht, wird dem nachgehen, was ihm sympathisch ist, wird das von sich wegstoßen, was ihm antipathisch ist. Wenn der Mensch so handelt, wird er gar manches tun, wovon er sich dann selber eine Kritik abringt, indem sein Gewissen, die Stimme des Gewissens über ihn kommt, ihn sozusagen korrigiert. Von dieser Stimme des Gewissens hängt es auch ab, je nachdem sie so oder so spricht, ob der Mensch letzten Endes zufrieden sein darf mit dem, was er tut, oder nicht damit zufrieden sein darf. Damit aber ist bezeugt, daß der Mensch in dem Gewissen wieder etwas hat, wodurch er über die Sphäre dessen, was er in seinen Trieben und so weiter als sympathisch oder antipathisch empfindet, hinausgeht.
[ 11 ] Erstaunen und Verwunderung, Mitleid oder Mitgefühl und das Gewissen sind die drei Dinge, durch welche der Mensch schon im physischen Leben über sich hinausgeht, durch die in dieses physische Leben Dinge hereinleuchten, die nicht auf dem Wege des Verstandes und der Sinne in diese menschliche Seele hereinkommen können.
[ 12 ] Nun muß es leicht begreiflich sein, daß alle diese drei Kräfte nur möglich sind, sich nur ausbilden können, wenn der Mensch durch die Inkarnationen im fleischlichen Leibe durchgeht, wenn ihn ein fleischlicher Leib abtrennt sozusagen von dem, was da aus einer andern Sphäre in seine Seelensphäre hereintritt. Würde nicht ein fleischlicher Leib den Menschen von der geistigen Welt abtrennen und ihm die Außenwelt als eine sinnliche Welt darbieten, so würde er nicht erstaunen können. Der sinnliche Leib ist es durchaus, wodurch es kommt, daß der Mensch über die Sinnesdinge erstaunen kann und den Geist zu den Dingen hinzusuchen muß. Wenn der Mensch nicht von den andern abgetrennt wäre, sondern wenn die Menschen als eine gemeinsame Einheit leben würden, so daß sich ein gemeinsames Geistiges durch das Bewußtsein eines jeden hindurchziehen würde, wenn nicht jede Seele in einem physischen Leibe wäre, der sozusagen eine undurchdringliche Hülle für sie aufbaut und sie abtrennt von den andern, so könnten wir auch nicht das entwickeln, was wir Mitgefühl nennen. Und wenn dieser sinnliche Leib des Menschen nicht dazu veranlagt wäre, Dinge zu suchen, die nur von der sinnlichen Welt bedingt sind und durch etwas anderes in ihm korrigiert werden können, so würde nicht das Gewissen als eine geistige Kraft, die hereinspricht in seine Welt der Triebe, Leidenschaften und Begehrungen, empfunden werden können. So muß der Mensch im physischen Leibe verkörpert sein, damit er diese drei Dinge — Erstaunen oder Verwunderung, Mitgefühl und Gewissen — erleben kann.
[ 13 ] In unserer Zeit kümmert man sich wenig um solche Geheimnisse, die aber tief bedeutsam die Welt des Daseins aufklären. Aber es ist im Grunde genommen noch nicht so lange her, da haben sich die Menschen sehr wohl um solche Geheimnisse gekümmert. Sie brauchen sich nur eines klarzumachen. Versuchen Sie sich einmal zurechtzufinden zum Beispiel in der Welt der griechischen Götter, jener Götter, von denen Homer erzählt. Versuchen Sie einmal alles das auf Ihre Seele wirken zu lassen, was diese griechischen Götter handelnd vollziehen. Oder versuchen Sie sich klarzumachen, was die Impulse sind bei einem Wesen, das noch wie ein letzter Rest einer früheren Erdengeneration dasteht, bei Achilles, der ja auch von einer göttlichen Mutter abstammt. Gehen Sie durch die Ilias und Odyssee, fragen Sie Homer, ob in diesen zwischen Menschen und Göttern drinnenstehenden Wesen je sich so etwas regte, was man Gewissen oder Mitleid nennen könnte? Denken Sie nur einmal, daß Homer seine ganze Ilias noch darauf aufbaut, daß eigentlich da wütet und wüstet der «Zorn des Achill». Das heißt, eine Leidenschaft, eine eminente Leidenschaft ist es, und Sie müssen alles abziehen, was sonst in der griechischen Sage steht: die Ilias handelt von nichts anderem, als von den Ereignissen, die eingetreten sind durch den Zorn des Achill, das heißt durch eine Leidenschaft. Sehen Sie auf alles, was Achill im Laufe der Darstellung vollbringt und versuchen Sie, ob Sie nur einmal sagen können, bei Achill regt sich so etwas wie Mitleid oder Gewissen. Aber das regt sich auch nicht einmal, was man Erstaunen oder Verwunderung nennen kann. Das ist gerade die Größe des Homer, daß er solche Dinge in einer so bewundernswürdigen Weise darstellt. Verfolgen Sie in der Ilias, welche Miene Achill macht, wenn man ihm erzählt, dieses oder jenes Furchtbare ist geschehen. Er verhält sich ganz anders als ein Mensch, der erstaunt oder verwundert ist. Und nehmen Sie dann die griechischen Götter selber: sie entwickeln alle möglichen Triebe, von denen Sie sagen können, daß sie einen entschieden egoistischen Charakter bei einem Menschen gewinnen, der im physischen Leibe eingeschlossen ist. Bei den Göttern sind sie geistig. Aber bei allem, was da innerhalb der griechischen Götterwelt vorgeführt wird, ist kein Mitleid, kein Gewissen, auch nicht das, was wir Erstaunen nennen können. Warum nicht? Weil Homer und die Griechen wußten: es handelt sich da um Wesen, die den früheren Zeiten angehören, die der Erdenzeit vorangegangen sind, wo die Wesen, die damals ihre Menschheitsentwickelung durchgemacht haben, je nach den planetarischen Zuständen, die vorher waren, noch nicht in ihre Seele Erstaunen, Mitleid und Gewissen aufgenommen haben. Diesen Zug muß man durchaus beachten, daß frühere planetarische Zustände, die unsere Erde durchgemacht hat und wo solche Wesen, wie sie die Griechen in ihren Göttern verehren, ihre Menschheitsstufen durchgemacht haben, durchaus nicht dazu da waren, um Erstaunen, Mitleid und Gewissen in der Scele anzupflanzen. Dazu ist die Erdenentwickelung da. Das ist der Sinn der Erdenentwickelung, daß auf dem Boden der Erdenentwickelung eingepflanzt wird in die Gesamtentwickelung das, was ohne die Erdenentwickelung nicht da sein würde: Erstaunen, Verwunderung, Mitgefühl und Gewissen.
[ 14 ] Erinnern Sie sich, wie ich Sie selbst darauf aufmerksam gemacht habe, wie sozusagen das Gewissen nachweislich in einer gewissen Zeit des Griechentums entstanden ist: wie wir noch zeigen können, daß bei Äschylos das, was wir Gewissen nennen, gar keine Rolle spielt, daß bei ihm noch die Erinnerungen an die rächenden Furien vorhanden sind und daß dann erst bei Euripides das klar herausgearbeitet ist, was wir Gewissen nennen. Es entsteht der Begriff des Gewissens erst nach und nach in der griechisch-lateinischen Kulturepoche. Von dem Begriff der Verwunderung oder des Erstaunens habe ich Ihnen heute sagen können, daß er sich erst in der Zeit entwickelt, als man anfängt zu philosophieren im Stile der griechisch-lateinischen Zeit. Und wenn wit eine merkwürdige Tatsache der geistigen Erdenentwickelung betrachten, so wirft diese Tatsache ein weithin bedeutsames Licht auf das, was man Mitleid, Mitgefühl, was man im echten Sinne auch Liebe nennen kann. In unserer heutigen materialistischen Zeit ist es sogar außerordentlich schwierig, gerade über diesen Begriff von Mitgefühl und Liebe die rechte Anschauung zu erhalten. Denn es werden ja viele von Ihnen wissen, wie gerade in unserer heutigen materialistischen Zeit dieser Begriff verschoben, karikiert wird, indem der Materialismus in unserer Zeit den Begriff der Liebe so nahe wie möglich heranrückt an den Begriff der Sexualität, mit dem er gar nichts zu tun hat. Das ist ein Punkt, wo unsere gegenwärtige Geisteskultur sogar nicht nur das Vernünftige verläßt, sondern das verläßt, was irgendwie überhaupt noch zulässig ist bei einem gesunden Denken. Hier kommt bereits die Entwickelung in unserer Zeit durch ihren Materialismus nicht nur in das Unvernünftige und Unlogische, sondern in das Schändliche hinein, wenn so nahe aneinandergerückt werden, was man Liebe nennen kann und was sich unter dem Begriffe der Sexualität verzeichnen läßt. Daß unter gewissen Umständen zu der Liebe zwischen Mann und Weib die Sexualität herantreten kann, begründet nicht, daß man diese beiden Begriffe so nahe als möglich aneinander heranbringt: das Umfassende der Liebe und des Mitgefühles und das ganz Spezifische der Sexualität. Und logisch ist es ebenso gescheit, wenn man den Begriff, sagen wir der Lokomotive und des Menschenüberfahrens, weil manchmal Lokomotiven auch Menschen überfahren, als zwei zusammengehörige Begriffe betrachtet, wie man heute den Begriff der Liebe und den der Sexualität zusammenrückt, weil sich die Dinge unter gewissen Verhältnissen äußerlich beieinander finden. Aber das rührt nicht her von irgendeiner wissenschaftlichen Voraussetzung, sondern von der unsinnigen und sogar teilweise ganz ungesunden Denkweise unserer Zeit.
[ 15 ] Dagegen ist eine andere Tatsache unendlich geeignet, uns hinzuweisen auf das Bedeutsame im Begriffe der Liebe und des Mitgefühles: nämlich jene merkwürdige Tatsache, daß sich in einem bestimmten Zeitpunkt, man möchte sagen, bis zu allen Völkern hin im Laufe der Menschheitsentwickelung etwas begibt, was in vielem Wesentlichen voneinander verschieden ist, in einem aber über die Erde hin gleich ist: in der Annahme des Liebesbegriffes, des Begriffes des Mitgefühles. Und da ist es wieder merkwürdig, daß fünf, sechs, sieben Jahrhunderte vor dem Eintritt des Christus-Impulses in die Menschheit über die ganze Erde hin Weltanschauungsstifter auftreten. Bei allen Völkern treten sie auf. Höchst bedeutsam ist es, wie man zusammen hat in China sowohl Lao-tse wie Konfuzius sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung, in Indien den Buddha, in Persien den letzten Zarathustra — nicht den ursprünglichen —, in Griechenland Pythagoras. Wie verschieden sind diese Religionsstifter! Nur ein ganz abstrakter Sinn, der nicht auf die Unterschiede sehen kann, kann etwa so, wie das heute, aber nur durch einen Unfug vielfach geschieht, darauf aufmerksam machen, wie Lao-tse oder Konfuzius dasselbe enthalten wie andere Religionsstifter. Das ist nicht der Fall. Aber eines ist bei allen der Fall: sie enthalten alle in ihrer Lehre das Element, daß Mitgefühl oder Liebe regieren muß von Menschenseele zu Menschenseele! Das ist das Bedeutsame, daß da sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung das Bewußtsein davon sich zu regen beginnt, wie jetzt in den fortgehenden Strom der Menschheitsentwickelung Liebe und Mitgefühl aufzunehmen sind.
[ 16 ] So möchte man also sagen: Alles weist darauf hin, sowohl das Eintreten von Erstaunen oder Verwunderung, wie der Eintritt des Gewissens, wie auch das Eintreten von Liebe und Mitgefühl in den fortgehenden Strom der Menschheitsentwickelung, daß in der Zeit der vierten nachatlantischen Kulturepoche alle Zeichen geschehen, daß wirklich in die Menschheitsentwickelung das eingefügt werde, was wir nennen können den Sinn der Erdenentwickelung.
[ 17 ] Wie unendlich oberflächlich, wie unendlich töricht ist es, wenn die Menschen zum Beispiel sagen: Warum mußte der Mensch erst hinuntersteigen aus den göttlich-geistigen Welten in die physische Welt, da er sich doch erst wieder hinaufentwickeln soll? Warum konnte er nicht droben bleiben? — Er konnte deshalb nicht droben bleiben, weil er die drei Kräfte der Verwunderung oder des Erstaunens, der Liebe oder des Mitgefühls und des Gewissens oder der sittlichen Forderung erst auf der Erde, durch das Heruntersteigen in die physische Erdenentwickelung in sich aufnehmen konnte. So müssen wir uns also sagen: Wir blicken hin auf den vierten nachatlantischen Kulturzeitraum und sehen während desselben in die Menschheit Impulse hereintreten, welche — eigentlich erst von da ab — in der Menschheit immer mehr und mehr überhandnehmen müssen. Es ist ja sehr leicht heute noch darauf hinzuweisen, wie wenig in der Menschheit schon Mitgefühl und Liebe, wie wenig das Gewissen herrscht. Gewiß, auf diese Dinge kann man heute noch hinweisen. Aber man muß, wenn man auf diese Dinge hindeutet, zugleich darauf aufmerksam machen, daß noch im griechisch-lateinischen Zeitalter in der Welt so und so viele anerkannte Sklaven waren, und daß sogar noch ein so großer Philosoph wie Aristoteles das Vorhandensein der Sklaven als in der Menschennatur notwendig begründet angesehen hat, und daß seit jener Zeit sich so weit die Liebe eingelebt hat, daß, wenn auch heute noch Ungleichheiten unter den Menschen bestehen, jetzt schon in den Menschenseelen gegenüber gewissen Dingen so etwas wie Schamgefühl vorhanden ist. Das heißt, gerade die Kräfte, die damals in die Menschheitsentwickelung eingetreten sind, sie entwickeln sich in den Seelen immer mehr und mehr. Heute wird sich keiner mehr getrauen, wenn er nicht etwa in einer einseitigen Weise das tragische Schicksal Nietzsches hat — von den Anhängern Nietzsches kann dabei ganz abgesehen werden, denn Nietzsche würde sie sich bei gesunden Sinnen abgeschüttelt haben —, sich ganz offen auf den Standpunkt zu stellen, daß heute wieder, wie in Griechenland, die bewußte, ausgesprochene Sklaverei eingeführt würde. Und es wird keinerleugnen, daß das größte Gefühl in der Menschenseele das der Liebe und des Mitgefühles ist und daß es Aufgabe des Menschen sein muß, jene Stimme immer feiner und feiner zu machen, die wie aus einer andern Welt in die Seele hereintönt.
[ 18 ] Nachdem wir uns das in die Seele geschrieben haben, daß es gleichsam der Sinn der Erdenentwickelung ist, die drei charakterisierten Kräfte zu entwickeln, blicken wir jetzt auf denjenigen Impuls hin, den wir so oft als den wichtigsten Impuls innerhalb der Erdenentwickelung angeführt haben, der eben in den vierten nachatlantischen Kulturzeitraum hineinfällt, auf den Christus-Impuls. Schon eine äußere Betrachtung zeigt uns, daß er gerade in jenes Zeitalter hineinfällt, in welchem die Erde reif ist, die drei Eigenschaften, die drei Kräfte: Erstaunen oder Verwunderung, Mitleid oder Liebe und Gewissen oder sittliche Forderung zu entwickeln, in welchem diese erst als so recht menschliche Eigenschaften auftreten. Wie haben wir den Christus-Impuls betrachtet?
[ 19 ] Wir haben ihn in der Weise betrachtet, daß wir wissen, wie er eigentlich in die Menschheitsentwickelung hereingetreten ist. Ich möchte hier eine Anmerkung machen in bezug auf das, was ich über den Christus-Impuls gesagt habe, was ich gesagt habe über das Zurückbleiben eines Teiles gewisser spiritueller Kräfte wie ein Übermenschliches, als die Menschheit ihre Entwickelung hier auf der Erde anfing durchzumachen, und daß dieser Impuls in der Zeit eingeströmt ist, die wir bezeichnen können als angedeutet in der Bibel durch die Johannestaufe im Jordan. So daß dasjenige eingetreten ist, was nicht die luziferischen Kräfte aufgenommen hat, was gewartet hat bis zum vierten Kulturzeitraum, um sich dann mit der Menschheit zu vereinigen. Halten Sie das zusammen mit dem, was ich oft erwähnt habe: daß eigentlich, wenn man nicht auf diese Art aufmerksam machen kann auf die Dinge, die uns zeigen, wie die geistige Welt in die physische hereinspielt, es eine Unsitte ist, demgegenüber mit den alleräußerst abstrakten Begriffen zu kommen, wie zum Beispiel mit dem von den «drei Logoi». Oft habe ich betont, daß ein gewöhnlicher Mensch sich unter «Logoi» meistens nichts anderes vorstellen kann als nur die fünf Buchstaben. Wenn Sie trotzdem hören können, daß außerhalb unserer Bewegung gesagt wird, bei uns würde die Sache so dargestellt, daß der Christus der «zweite Logos» ist — wobei so vorgegangen wird, als ob das, was außerhalb unserer Bewegung gesagt wird, bei uns gesagt würde —, so können Sie daran ersehen, daß es notwendig ist, wohl ins Auge zu fassen, daß fortwährend heute die Entstellungen dessen, was hier vorgebracht wird, an der Tagesordnung sind. Während wir uns hier bemühen, immer wieder und wieder zu ergründen und zu erweitern und von allen Seiten zusammenzutragen, was den Christus-Begriff vertiefen kann, werden die Sachen außerhalb unseres Arbeitsfeldes so dargestellt, als ob man hier einen abstrakten Begriff hinpfahle und in einer äußerlichen Weise so reden könnte, daß der Christus der «zweite Logos » sei. Aber in der theosophischen Bewegung sollten die Gewissen so geschärft werden, daß man weiß, daß so etwas nicht geschehen dürfte. Solange es noch möglich ist, Dinge zu tun, die einfach die Meinung der andern entstellen, steht die theosophische Bewegung auf keinem besonders hohen sittlichen Niveau, und es nützt nichts zu sagen, daß es schön sei, daß alle möglichen Meinungen in der Theosophischen Gesellschaft vertreten werden können. Das bleibt eine Phrase, solange man sich erlaubt, auf irgendeinem andern Gebiete falsche Meinungen über das zu verbreiten, was irgendwo vertreten wird. Gewiß muß es gestattet sein, alle möglichen Meinungen zu verbreiten, aber nicht falsche Meinungen von den andern. Und notwendig ist es, daß in dieser Beziehung das spirituelle Gewissen geschärft wird, denn sonst wird endlich aus der theosophischen Bewegung alles Wahrheitsgefühl herausgetrieben, und dann werden wir nicht innerhalb der theosophischen Bewegung die notwendige spirituelle Bewegung fortführen können. Wir müssen die Dinge wirklich ernst ansehen und nicht oberflächlich darüber hinweggehen. Wir müssen uns darüber klar sein, daß allerdings weniger wird gedruckt werden können, wenn man nur das drucken will, was man sicher weiß. Aber was schadet es denn, wenn wirklich weniger gedruckt wird? Oder was schadet es, wenn weniger gesprochen wird, wenn nur das Wahre, das Wirkliche, das was ist, gesprochen wird? Man konnte in der letzten Zeit in den ausländischen Zeitschriften lesen, wie bei uns von dem Christus als dem «zweiten Logos» gesprochen wird, konnte lesen, wie hier eine theosophisch-christliche Richtung vertreten wird, die nur für Deutschland — für kein anderes Land — paßt. Man konnte lesen, wie hier eine engherzige Theosophie betrieben wird und wie von Leipzig aus, von einer Ihnen bekannten gewissen Richtung, eine «weitherzige» theosophische Bewegung betrieben wird. Wenn man so etwas liest, muß man sagen: Es ist in der theosophischen Bewegung nicht jene heilige Schärfung des Gewissens vorhanden, die notwendig ist für eine spirituelle Bewegung. Und wenn wir jene heilige Schärfung des Gewissens nicht haben, wenn wir uns nicht streng verpflichtet fühlen zur heiligsten Wahrheit, dann kommen wir auch auf keinem anderen Wege vorwärts!
[ 20 ] Das mußte gesagt werden. Und es wird gerade innerhalb der theosophischen Bewegung notwendig sein, den Menschen gegenüber in bezug auf das, was immer als Liebe und Mitgefühl hingestellt wird, ein wenig auf die Finger zu schauen.
[ 21 ] Wenn wir nun den Christus-Impuls so ins Auge fassen, daß wir in ihm das Herabströmen jenes geistigen Impulses sehen, der in der alten lemurischen Zeit zurückgeblieben ist, und der sich mit der Erdenentwickelung vereinigt hat in der vierten nachatlantischen Kulturepoche in dem Zeitpunkt, der durch die Johannestaufe im Jordan bezeichnet wird und der vollendet wird durch das Mysterium von Golgatha, dann haben wir in dem Christus-Impuls, wenn wir ihn so darstellen, etwas, von dem wir immer aussagen, daß das, was wir den Christus nennen, ja auch dazumal nicht in einem gewöhnlichen physischen Menschen verkörpert war. Wir wissen, wie kompliziert jener Jesus von Nazareth gestaltet war, um durch die drei Jahre seines Lebens hindurch den Christus-Impuls aufnehmen zu können. Daher sind wir uns klar, daß durch drei Jahre, umhüllt durch die drei Hüllen eines andern Menschen, der Christus-Impuls auf der Erde gelebt hat, sind uns aber auch klar, daß der Christus-Impuls auch dazumal nicht auf der Erde «verkörpert» war, sondern nur das Fleisch desjenigen durchdrang, ausfüllte, der als der Jesus von Nazareth dastand. Das müssen wir verstehen, wenn gesagt wird, daß von einer Wiederkehr des Christus nicht die Rede sein kann, sondern nur von einem einmaligen Impuls während der Zeit der palästinensischen Ereignisse, als von dem Jesus von Nazareth bei der Johannestaufe nur geblieben waren dessen physischer Leib, Ätherleib und Astralleib, und diese ausgefüllt wurden von dem Christus-Impuls, der in ihnen gleichsam drei Jahre auf der Erde herumgewandelt hat. Seit jener Zeit wissen wir, ist der Christus mit der geistigen Erdenatmosphäre verbunden und kann dort gefunden werden von denen, die ihn aufnehmen wollen. Er ist seit jener Zeit in der geistigen Erdenatmosphäre vorhanden und war vorher nicht da. Das ist der wichtige Einschnitt in der Erdenentwickelung, daß die Erde von dieser Zeit ab etwas enthält, was sie vorher nicht in sich enthalten hat.
[ 22 ] Nun wissen wir aber noch, daß wir, wenn wir um uns herumschauen, die verschiedenen Reiche der Natur sehen, daß aber die Art, wie wir dieselben ansehen, nichts Wirkliches ist, sondern daß es die Maja ist, die große Illusion. Schauen wir in das Reich der Tiere, so haben wir die einzelnen Gestalten entstehend und vergehend und sehen als bleibend höchstens die Gruppenseele an. Schauen wir auf die Pflanzen, so sehen wir ebenfalls die einzelnen Pflanzen entstehen und vergehen, aber hinter ihnen sehen wir den Erdengeist, den wir als etwas Bleibendes dargestellt haben. Und ähnlich ist es bei den Mineralien. So sehen wir das Geistige als etwas Bleibendes, aber das Physische — gleichgültig ob beim Tier-, Pflanzen- oder Mineralreich können wir nicht als bleibend ansehen. Ja, wenn wir den Erdenprozeß mit den äußeren Sinnen verfolgen, so sehen wir, wie sich der Erdenplanet nach und nach pulverisiert und sich einst als Erdenstaub auflösen wird. Wir haben es charakterisiert, was sein wird, wenn der Erdenleib von dem Geiste der Erde abgeworfen wird, wie der einzelne Menschenleib von dem Menschengeist abgeworfen wird. Was wird bleiben als höchste Substanz der Erde, wenn die Erde an ihrem Ziele angekommen sein wird? Der Christus-Impuls war auf der Erde da, war gleichsam als geistige Substanz vorhanden. Der bleibt. Der wird von den Menschen während der Erdenentwickelung aufgenommen. Aber wie lebt er weiter? Als er auf der Erde während der drei Jahre wandelte, hatte er nicht physischen Leib, Ätherleib und Astralleib für sich, er hatte die drei Hüllen angenommen von dem Jesus von Nazareth. Aber indem die Erde an ihrem Ziele angelangt sein wird, wird sie, wie die menschliche Wesenheit, eine voll ausgebildete Wesenheit sein, die dem Christus-Impuls entspricht. Aber woher nimmt der Christus-Impuls diese drei Hüllen? Aus dem, was nur aus der Erde genommen werden kann. Was sich in der Menschheitsentwickelung, die mit dem Mysterium von Golgatha begonnen hat, auf der Erde auslebt seit dem vierten nachatlantischen Kulturzeitraum an Erstaunen oder Verwunderung über die Dinge, alles was in uns leben kann als Erstaunen und Verwunderung, das geht endlich an den Christus heran und bildet mit den Astralleib des Christus-Impulses. Und alles, was in den Menschenseelen Platz greift als Liebe und Mitleid, das bildet den ätherischen Leib des Christus-Impulses, und was als Gewissen in den Menschen lebt und sie beseelt, von dem Mysterium von Golgatha bis zum Erdenziele hin, das formt den physischen Leib oder das, was ihm entspricht, für den Christus-Impuls.
[ 23 ] So bekommt ein Ausspruch des Evangeliums erst seine wahre Bedeutung: «Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!» Da haben wir charakterisiert, wie das, was von Mensch zu Mensch geschieht, der Christus als die aufeinanderfolgenden einzelnen Atome seines eigenen Ätherleibes empfindet: was an Liebe und Mitleid entwickelt wird, formt sich ein dem ätherischen Leibe des Christus. So wird er am Ziele der Erdenentwikkelung in dreifacher Weise umhüllt sein von dem, was in den Menschen gelebt hat und was, wenn sie über ihr Ich hinausgekommen sind, die Hülle des Christus geworden sein wird.
[ 24 ] Nun merken Sie, wie sich die Menschen mit dem Christus zusarmmenleben.Von dem Mysterium von Golgatha bis zum Ziele der Erdenentwickelung werden die Menschen immer vollkommener und vollkommener werden, indem sie sich hinentwickeln zu dem, was in ihnen bestehen kann, indem sie eine Ich-Wesenheit sind. Aber die Menschen werden verbunden mit der Christus-Wesenheit, die unter sie getreten ist, indem sie fortwährend aus sich herausgehen und durch Verwundetung und Erstaunen den astralischen Leib des Christus begründen. Der Christus baut sich nicht den eigenen astralischen Leib, sondern in dem, was die Menschen in sich finden als Erstaunen oder Verwunderung, werden sie beitragen zu dem astralischen Leib des Christus. Sein ätherischer Leib wird gebaut werden durch Mitgefühl und Liebe, welche von Mensch zu Mensch walten werden, und sein physischer Leib durch das, was als Gewissen sich in den Menschen heranbilden wird. Was der Mensch auf diesen drei Gebieten sündigt, das entzieht zugleich dem Christus auf der Erde die Möglichkeit, sich voll zu entwickeln, das heißt, es läßt die Erdenentwickelung mangelhaft. Die Menschen, die gleichgültig über die Erde gehen, die sich nicht bekanntmachen wollen mit dem, was sich ihnen auf der Erde enthüllen kann, entziehen durch ihre Gleichgültigkeit dem astralischen Leib des Christus die Möglichkeit seiner vollständigen Entwickelung, die Menschen, welche mitleidlos, ohne Liebe zu entfalten dahinleben, verhindern dem Ätherleibe des Christus, daß er sich voll entwickeln kann, und die, welche gewissenlos sind, verhindern dasselbe für seinen physischen Leib; das heißt aber, daß die Erde überhaupt nicht an das Ziel ihrer Entwickelung kommen kann.
[ 25 ] So müssen wir das Überwinden des egoistischen Prinzips in der Erdenentwickelung in Betracht ziehen. Daher wird der ChristusImpuls sich immer weiter und weiter in der Menschenkultur einleben, und das, was im letzten Vortrage hier gezeigt worden ist, indem aufmerksam gemacht worden ist, wie zum Beispiel in Raffaels Bildern sich der Christus-Impuls in einer interkonfessionellen Weise in die Menschheit eingelebt hat, das wird seine Fortsetzung erfahren. Ja, auch die äußere bildhafte Darstellung des Christus, wie er äußerlich bildhaft vorgestellt werden soll, ist eine Frage, die erst noch gelöst werden soll. Es werden viele Gefühle durch die Menschenseelen auf der Erde gehen müssen, wenn zu den vielen Versuchen, die im Laufe der Epochen gemacht worden sind, derjenige kommen soll, der einigermaßen zeigen wird, was der Christus ist als der übersinnliche Impuls, der sich in die Erdenentwickelung hineinlebt. Zu einer solchen Christus-Darstellung sind in den bisherigen Versuchen nicht einmal die Ansätze vorhanden. Denn es müßte das hervortreten, was die werdende Äußerlichkeit darstellt des Herum-sich-Gliederns der Impulse des Erstaunens, des Mitgefühles und des Gewissens. Was sich darin ausdrückt, muß sich so ausdrücken, daß das Christus-Antlitz so lebendig wird, daß dasjenige, was den Menschen zum Erdenmenschen macht, das Sinnlich-Begierdenhafte, überwunden wird durch das, was das Antlitz vergeistigt, verspiritualisiert. Es muß höchste Kraft in dem Antlitz sein dadurch, daß alles, was als höchste Entfaltung des Gewissens zu denken ist, sich in dem eigentümlich geformten Kinn und Mund zeigt, wenn er vor einem steht, wenn ihn der Maler oder der Bildhauer formen wird, ein Mund, an dem man fühlen kann, daß er nicht zum Essen da ist, sondern dazu, um auszusprechen, was als Sittlichkeit und Gewissen in der Menschheit jemals gepflegt worden ist, und daß dazu das ganze Knochensystem, sein Zahnsystem und Unterkiefer als Mund geformt ist. Das wird zum Ausdruck kommen in einem solchen Antlitz. Mit dieser Unterform des Gesichtes wird eine solche Kraft verbunden sein, die ausstrahlt, zerstückelt und zerpflückt den ganzen übrigen menschlichen Leib, daß dieser zu einer anderen Gestalt wird, wodurch andere gewisse Kräfte überwunden werden, so daß es unmöglich sein wird, dem Christus, der einen solchen Mund zeigen wird, irgendwie eine Leibesform zu geben, wie sie der heutige physische Mensch hat. Dagegen wird man ihm Augen geben, aus denen alle Gewalt des Mitgefühls sprechen wird, mit der nur Augen Wesen ansehen können — nicht um Eindrücke zu empfangen, sondern um mit der ganzen Seele in ihre Freuden und Leiden überzugehen. Und eine Stirn wird er haben, wo man nicht vermuten kann, daß die Sinneseindrücke der Erde gedacht werden, sondern eine Stirn, die etwas vorn über den Augen vorstehen wird, sich wölben wird über jenem Gehirnteil: aber nicht eine «Denkerstirn », die wieder verarbeitet, was da ist, sondern es wird sich Verwunderung aussprechen aus der Stirn, die über die Augen hervortritt und sanft sich wölbt nach rückwärts über den Kopf, dadurch ausdrückend, was man Verwunderung über die Mysterien der Welt nennen kann. Das wird ein Kopf sein müssen, den der Mensch nicht in der physischen Menschheit antreffen kann.
[ 26 ] Jenes Nachbild des Christus müßte eigentlich etwas sein wie das Ideal der Christus-Gestalt. Und das ist das Gefühl, das diesem Ideal zustrebt, wenn man es in der Entwickelung anstreben wird: immer mehr und mehr muß für die Menschheitsentwickelung, insofern sich die Menschheit künstlerisch betätigen wird in der Darstellung des höchsten Ideals durch die spirituelle Wissenschaft, das Gefühl entstehen: Du darfst nicht hinschauen auf etwas, was da ist, wenn du den Christus bilden willst, sondern du mußt in dir kraften und wirken lassen und dich innerlich durchdringen mit alledem, was eine geistige Versenkung in den geistigen Werdegang der Welt durch die drei wichtigen Impulse: Erstaunen, Mitgefühl und Gewissen hindurch, dir geben kann.
