Der irdische und der kosmische Mensch
GA 133
20 Mai 1912, Berlin
Siebenter Vortrag
[ 1 ] In der vorigen Woche haben wir eine Betrachtung darüber angestellt, wie sich im Laufe jener Erdenentwickelungsepochen, die auf die unsrige folgen werden, und in unserer selbst natürlich, der ChristusImpuls innerhalb der Menschheit entwickeln wird. Wir haben gesehen, daß dadurch, daß gleichsam um diesen Christus-Impuls sich wie Leibeshüllen herumgliedern: Verwunderung oder Erstaunen wie ein astralischer Leib, die von der Menschheit geübten Empfindungen des Mitleides oder Mitgefühles wie ein Ätherleib, und alles, was unter dem Einfluß der Impulse des Gewissens geschehen ist, wie ein physischer Leib, dadurch eigentlich im Laufe der uns noch während der Erdenentwickelung zur Verfügung stehenden Zeit jene ideale Wesenheit völlig ausgebildet wird, die in bezug auf ihr Ich, können wir sagen, das ja der Christus-Impuls selber ist, mit dem Beginne unserer Zeitrechnung — oder mit dem Mysterium von Golgatha — in diese Erdenentwickelung eingetreten ist. So war es uns darum zu tun, gleichsam die Grundnuance, den Grundcharakter der Ideale der Menschenzukunft einmal von einer Seite her zu charakterisieren. Wir wollen heute versuchen, noch von einer andern Seite her eine Farbe zu diesen Auseinandersetzungen vom letzten Male hinzuzufügen.
[ 2 ] Erinnern Sie sich, daß der Christus-Impuls sozusagen gerade in die Mitte jener Zeit fiel, welche auf die große atlantische Katastrophe folgte. Wir können diese Zeit gleichsam als diejenige auffassen, die von der großen atlantischen Katastrophe bis zu jener nächsten großen überwältigenden Katastrophe geht, von der ja zu lesen ist in den Vorträgen über die Apokalypse. Wenn wir in die Mitte dieser Zeit hineinstellen wollen das wesentlichste Ereignis der ganzen Erdenentwickelung, so haben wir da eben den Christus-Impuls. Wir brauchen nicht einmal — wie wir aus den Auseinandersetzungen der letzten Zeit erkannt haben — unbedingt unsere Blicke sozusagen nach Palästina hinwenden, um einzusehen, daß in diesem Zeitpunkte etwas Wichtigstes in der Erdenentwickelung vorgeht. Wir können einfach die griechisch-lateinische Kulturepoche ins Auge fassen, die gerade in die Mitte, also in den vierten nachatlantischen Zeitraum fällt, und wir brauchen uns nur irgendeines charakteristischen Umstandes in diesem Zeitraume zu erinnern, dann können wir diesen charakteristischen Umstand zum Beispiel mit dem vergleichen, was auf einem ähnlichen Felde in dem vorhergehenden dritten Kulturzeitraum geschehen ist, und mit dem, was in unserem jetzigen Zeitraume geschieht. Ein Ihnen bekannter Umstand soll gleich hervorgehoben werden.
[ 3 ] Wir haben öfter das Wesentliche eines griechischen Tempels charakterisiert. Wir haben hervorgehoben, worinnen das Wesentliche des griechischen Tempels besteht, haben erklärt, daß der griechische Tempel durch seine ganze Form, durch seine in sich beschlossene Ganzheit so ist, daß man ihn empfindet als etwas In-sich-Bestehendes, wenn man bei der Betrachtung selber nicht dabei ist, ja im Grunde genommen, selbst wenn man sich denkt, daß gar kein Mensch in der Nähe ist. Menschen, die man sich in einen griechischen Tempel hineindenkt, sind eigentlich immer etwas Störendes; sie gehören nicht dazu, gehören nicht da hinein. Denn, was ist der griechische Tempel? Er ist in seiner ganzen Form nur gedacht und kann nur verstanden werden, wenn man ihn als die Wohnung des bis zum physischen Plan heruntergestiegenen, unsichtbaren lebendigen Gottes betrachtet. Daher sind die einzelnen Tempel die Tempel dieser oder jener Gottheit. Und wenn wir uns den Gott hineindenken und keinen Menschen darinnen, sondern nur den Gott, der auf der Erde, auf dem physischen Plane ein Wohnhaus gebaut hat, so haben wir das, was wir nennen können die Idee des griechischen Tempels. Den Menschen müssen wir so weit als möglich weg denken: das.machte die ganze Architektur des griechischen Tempels notwendig. Das konnte nur in einem Zeitraume auftreten, in dem sozusagen alles, was auf dem physischen Plane lebte, durchdrungen sein mußte von dem Göttlich-Geistigen. Von Menschen, denen sozusagen die Erde unmittelbar überall durchdrungen erschien von dem Göttlichen, konnte so empfunden werden, von Menschen, unter denen das uns so tief zu Herzen gehende Wort entstehen konnte: Lieber ein Bettler sein auf der Oberwelt als ein König im Reiche der Schatten! — das heißt in der Welt, die man betritt, nachdem man durch die Pforte des Todes gegangen ist. Es war derjenige Zeitraum, in dem die Menschen am allermeisten mit dem physischen Plane und seinem ihn durchdringenden Geistigen verbunden waren.
[ 4 ] Vergleichen wir den griechischen Tempelbau mit irgendeiner ähnlichen Sache in der vorhergehenden Zeit und mit dem, was in unserer Zeit den Ton, die eigentliche Grundnuance angegeben hat. Wir könnten irgend etwas nehmen aus der vorhergehendenZeit, die ägyptischen Tempel, ja die Pyramide: sie sind nur zu verstehen, wenn wir sie auffassen als das Streben der Menschen zum Göttlichen hinauf, dem Göttlichen, das noch nicht heruntergestiegen ist bis zum physischen Plan. In jeder Linie, in jeder Form können Sie das Hinaufstreben der Menschen zum Göttlich-Geistigen sehen, wenn Sie die Architektur jener Zeiten ins Auge fassen. Aber man sieht dem Geheimnisvollen und tief Symbolischen dieser Bauwerke an, daß die Menschen sozusagen erst etwas brauchten, um den Weg zu finden durch diese Architektur hinauf zu dem Göttlich-Geistigen. Sie brauchten dazu eine Vorbereitung: sie mußten auf der ersten Stufe der Einweihung sein. So ist auch die Architektur Vorderasiens zu verstehen.
[ 5 ] Und für unsere Zeit konnten wir sagen, daß die Grundnuance für die Architektur abgegeben worden ist durch die Gotik. Das ist eine okkulte Tatsache. Einen gotischen Dom sich zu denken wie einen griechischen Tempel ist unmöglich. Denn ein gotischer Dom ist gerade unvollkommen, wenn die gläubige Gemeinde nicht da ist. Da läßt sie sich nicht wegdenken! Und alle Formen sind so, daß sie aufnehmen sollen die Gebete der Gläubigen, aber der Gläubigen im Gegensatze zu den Eingeweihten bei den alten Ägyptern. Wer solche Dinge beurteilen kann, der weiß aus dem Gange, den die Entwickelung der Form genommen hat von dem ägyptischen Tempel durch den griechischen Tempel bis zu dem gotischen Dome hin: Da ist eingetreten, hat Platz gegriffen der Impuls, der hinaufgeführt hat bis zum menschlichen Ich! Das ließe sich auf allen Gebieten zeigen, wie der ChristusImpuls die Menschen erfaßt, wie er sich einprägt in alles Geschehen und alles Werden, und es erscheint geradezu grotesk, wenn allerlei philosophische und theologisierende Weltanschauungen glauben sagen zu können, es hinge die Annahme eines Christus-Impulses ab von irgendeiner historischen Urkunde. Sie hängt gar nicht ab von irgendwelchen historischen Urkunden, sondern nur von einer verständnisvollen, sinnvollen Betrachtung der Menschheitsentwickelung. Denn, wo man sie anfaßt, da merkt man, daß derselbe Gang stattgefunden hat, der in bezug auf die Architektur stattgefunden hat. Der Eingeweihte, der allein die Architekturformen der ägyptisch-chaldäischen Zeit, der dritten nachatlantischen Periode verstehen konnte, wußte, daß ex sich zuerst über das gewöhnliche Menschentum erheben muß: dann konnte er hinaufkommen in die Region des göttlich-geistigen Lebens. Der Eingeweihte, der im vierten nachatlantischen Kulturzeitraum lebte, wußte: er lebt in der physischen Welt mit dem Göttlichen zusammen, aber er hat die geringste Verbindung mit dem, was die Griechen die Schattenwelt nannten, weil eben die Menschen weiter heruntergestiegen sind in die physische Welt. Und wenn sich die Götter nicht vereinigten mit den Menschen in den Tempeln, so gäbe es für die Empfindungen der Griechen keine solche Verbindung.
[ 6 ] Das ist anders geworden nach dem vierten nachatlantischen Kulturzeitraum. Das ist so geworden, daß eine jegliche Seele, so wie sie ist, den Weg finden kann zum Göttlich-Geistigen. Es ist außerordentlich wichtig, daß wir dies ins Auge fassen, denn es ist ja nur der allerkonkreteste Ausdruck für die Tatsache, daß die Menschen in uralten Zeiten mit ihrem ganzen Bewußtsein, Wissen und Seelenleben noch näher dem Geistigen waren, dann heruntergestiegen sind auf den physischen Plan und nun wieder nach und nach hinaufzusteigen haben. Und wir stehen in jenem Zeitalter, in dem das Aufsteigen — während der Christus-Impuls zunächst unbewußt die Menschen getrieben hat — bewußt stattfinden muß.
[ 7 ] Dann wissen wir, daß in unserer Zeit eine Art Wiederholung des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes vorhanden ist. Der griechisch-lateinische Zeitraum steht in den sieben aufeinanderfolgenden Kulturzeiträumen für sich da. Er kann nicht wiederkehren, denn er ist eine Mitte. Der dritte Kulturzeitraum kehrt in einer gewissen Weise in unserer Zeit wieder. Der zweite, urpersische, wird in der sechsten Kulturepoche wiederkehren, welche die unsrige ablösen wird. Und der erste, der urindische Zeitraum, wird in der siebenten Kulturepoche, zu der wir hinblicken in einer fernen Menschenzukunft, vor einer großen, ungeheuren Katastrophe wiederkehren, nicht in derselben Weise, doch so, daß dem allem, was vorher da war, bei der Wiederholung der Christus-Impuls aufgedrückt sein wird.
[ 8 ] Ein Bewußtsein von dem, was mit der Menschheitsentwickelung geschehen ist, war im Grunde genommen namentlich in älteren Zeiten vorhanden. Ältere Zeiten konnten natürlich hauptsächlich sich bewußt sein des Herabstieges der Menschheit, des Herabstieges von den göttlich-geistigen Höhen zum physischen Plan. Nun bereitet sich ja alles vor. Alles geschieht nach und nach. Und auch der Impuls zum Wiederaufstieg, der ja allerdings erst mit dem Mysterium von Golgatha im vierten nachatlantischen Zeitraum gegeben ist, bereitete sich schon früher vor. Er hatte als Impuls seine Vorläufer. Wir haben eine gewisse Vorläuferschaft betrachtet mit den Gestalten des Elias, Johannes des Täufers unter anderen. Aber nicht nur innerhalb der Kultur, die dann ins Abendland eingelaufen ist, sondern innerhalb aller Kulturen finden wir ein Bewußtsein davon, daß die Menschheit heruntergestiegen ist von göttlich-geistigen Höhen und in der Zukunft schauen muß — insofern die Zukunft herankommt — einen neuen Aufstieg in die göttlich-geistigen Welten. Wenn wir eine charakteristische Anschauung der verschiedensten Völker ins Auge fassen wollen, die uns so recht erklären kann, wie die Menschen sich über das eben Genannte Vorstellungen machten in der Zeit, so brauchen wir nur eine Tatsache hervorzuheben, von der die Überlieferungen eigentlich aller Völker sprechen, die allerdings auf Verschiedenstes bezogen werden kann, die aber in ihrer letzten Phase eben auf etwas ganz Bestimmtes zu beziehen ist, eine Tatsache, über die viel nachgedacht worden ist und über die man erst ins klare kommt, wenn man im okkulten Sinne über sie nachdenken wird, nämlich die Sintflutüberlieferung. Gewiß, es verbindet sich mit dieser Sintflutüberlieferung vielerlei, was sich auf frühere Zeiten bezieht. Aber eines ist okkult zu verfolgen, daß die Völker — und fast alle Völker, die gute historische Denkmäler oder Sagen hinterlassen haben — eine Zeit, die ungefähr dreitausend Jahre vor dem Mysterium von Golgatha liegt, ansetzen für das Stattfinden der Sintflut. So daß, wenn wir von da aus dreitausend Jahre zurückgehen, wir zu dem kommen, was die Sintflutsage als letztes Ereignis, das sie meinte, eben im Auge hatte. Nun würde heute die Zeit nicht hinreichen, um die Gründe darzulegen, daß mit dieser letzten Sintflut, die dreitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung liegen soll, keine große Katastrophe, keine Überschwemmung im physischen Sinne gemeint sein kann. Daß damit auch nicht die atlantische Katastrophe gemeint ist, ist selbstverständlich, denn diese liegt ja noch weiter zurück. Es muß also damit etwas ganz anderes gemeint sein. Aber dennoch, die Tatsache sollte nicht aus den Augen verloren werden, daß die Überlieferungen aller Völker, die in Betracht kommen, in das vierte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung — die Zeiten stimmen zwar nicht genau, aber im wesentlichen überein — die Sintflut versetzen.
[ 9 ] Warum das? Da bitte ich Sie, sich an eine Sache zu erinnern, die ich öfter ausgeführt habe: daß für die Anschauung der ersten nachatlantischen Kulturperiode, deren Lehrer die großen heiligen Rishis waren, der menschliche Ätherleib in Betracht kommt, der damals hauptsächlich tätig war, während in der urpersischen Kulturzeit der menschliche Astralleib, der Empfindungsleib besonders tätig war, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit die Empfindungsseele, in der griechisch-lateinischen Zeit die Verstandes- oder Gemütsseele, in unserer heutigen Epoche die Bewußtseinsseele, und jetzt gehen wir der Zeit entgegen, in welcher nach und nach in der Kulturerscheinung das hervortritt, was wir das Geistselbst nennen. Indem sich der Mensch so entwickelte, ging mit dem, was seine Seele erlebte, etwas sehr Bedeutsames vor. Denken Sie nur einmal, daß der alte Inder, der Urinder, von dem die Veden nichts mehr wissen, sozusagen so die Welt anschaute, wie sich dieses Weltbild ergab, wenn vorzugsweise der Ätherleib tätig war. Denn durch den Ätherleib kann der Mensch nicht so nach außen schauen, wie er heute nach außen schaut. Er kann nicht eine solche Anschauung, ein solches Weltbild gewinnen, wie es das heutige ist, sondern durch den Ätherleib kommt alles von innen. Der heutige Mensch bekommt nur noch ein schwaches, mattes Bild von der Art, wie die Anschauung durch den Ätherleib zustande kommt, wenn er sich erinnert, wie seine Träume sind. Nur waren das im höchsten Grade lebendige Träume und Visionen, was in der urindischen Zeit die Menschen voneinander wußten. Begegnete ein Mensch dem andern auf dem Wege, so konnte er ihn nicht mit dem äußeren Auge so sehen wie heute. Das zu glauben, wäre ein Vorurteil. Allerdings, er sah ein Bild, das er vor sich hatte. Der Mensch war noch umgeben von einer Art aurischen Wolke, und was er physisch vor sich hatte, war wie in eine Art Nebel eingehüllt. Er nahm ganz anders wahr. Und bei dem, was gegenüber der heutigen Auffassung in verschwommenen Bildern wahrgenommen wurde — dieses Wahrgenommene hatte dagegen geistig die höchste Bedeutung —, war das Klare für die alten Zeiten das, was aus dem Weltenraume, aus der Sternenwelt herunterströmte.
[ 10 ] Für die zweite nachatlantische Kulturperiode kam nach und nach die Fähigkeit durch, nach außen zu schauen, aber merkwürdigerweise blieb die Fähigkeit, in den Weltenraum hinauszuschauen, noch bestehen. Während nach unten noch alles verschwommen blieb, schaute der alte Perser klar in die Sternenwelt. Daher ist es verständlich, daß der Zarathustrismus die Menschen gleich auf das, was aus dem Weltenraume kommt, auf das Sonnenlicht hinwies in seinem Ahura Mazdao, dem Ormuzd. Das kam deshalb, weil dasjenige jetzt tätig war, was wir den astralischen Leib nennen. Am Ende dieses Zeitraumes bereitete sich schon das vor, nach außen zu schauen. Langsam kommen die Impulse heran, die Dinge so zu sehen, wie jetzt gesehen wird. Also der Impuls wurde der Menschheit gegeben, nach und nach auf den physischen Plan hinauszuschauen. Und dieser Impuls kam an die Menschen so heran, daß die Menschen allmählich zu einer ganz neuen Art des Anschauens übergingen, nach und nach dämmerte das bei der Menschheit auf. Und zwar in der folgenden Weise.
[ 11 ] Wenn wir das, was die Menschen empfanden, was man als das Aufdämmern bezeichnen könnte, charakterisieren wollten, so könnten wir sagen: Als der urpersische Zeitraum zu Ende ging und der nächste wie eine Zukunftsmorgenröte heraufglänzte, da empfanden die Menschen: Wir werden nicht mehr so stark erleben, was als göttliches Erbstück aus alten Zeiten uns geworden ist, was innerliches menschliches Schauen ist, was visionäres Hellsehen ist, wo die Menschheit zusarmmengelebt hat in der atlantischen Zeit mit den göttlich-geistigen Welten. — Zurück haben die Menschen geschaut. Das Wichtigste für sie waren Erinnerungen, in denen auftauchte, gleich lebendigen Traumbildern, wie die Götter die Welt geformt hatten durch die lemurische und atlantische Zeit hindurch. Diese Erinnerungen wurden als etwas, was sich von der Menschheit zurückzog, empfunden, was allmählich verglomm. Und man empfand, daß jetzt etwas kommen wird, wo der Mensch eingreifen muß mit dem, was in ihm spricht über die Außenwelt, was ihm verdunkelt die Helle der inneren Geisteswelt, und was ihn zwingt, von innen nach außen zu schauen, um die äußere Welt als die seinige zu haben. Immer mehr kam diese Zeit heran. Und am meisten, am klarsten, möchte man sagen, empfanden es die, welche dazumal zu den Wissenden im alten Indien gehörten. Sie empfanden es wie eine Art von göttlichem Impuls, der da herankam an die Menschen, der so wirkte, daß er den Menschen nötigte durch sich selbst, durch das menschliche Hinaustreten in die physische Welt, in sich zu denken, was ihm da in der physischen Welt entgegenkam. Diesen göttlichen Impuls, als eine göttliche Wesenheit denkend, faßten die Nachfolger des alten Indertums — die also jetzt während des zweiten Kulturzeitraumes lebten — so auf, daß sie diese Wesenheit nannten Pramati. Und so etwa würde man mit einem alten Inder, der in jenem Zeitalter lebte, empfunden haben: Es kommt Gottheit Pramati heran. Sie entreißt den Menschen der alten Führung durch die alten Götter; sie macht verschwinden, was durch inneres Hellsehen von der Welt gewonnen worden ist, sie zwingt den Menschen hinauszusehen in den physischen Plan. Die alte Götterwelt verdunkelt sich. Heran kommt eine Zeit, in welcher die Menschen nicht mehr aus ihren Seelen heraus in die Götterwelt sehen können, sondern wo sie in die äußere Welt sehen werden. Heran kommt Kali Yuga, das «schwarze Zeitalter», das nicht mehr helle, weiße Zeitalter der alten Göttlichkeit, das Zeitalter, in dem sich die alten Götter zurückziehen, das da eingeleitet wird durch Gottheit Pramati!
[ 12 ] Kali Yuga: es wurde empfunden, indem man es anfangen ließ 3101 vor unserer Zeitrechnung, also gerade in der Zeit, in welche die indische Überlieferung auch die Sintflut versetzt. Denn sie sagte, die Sintflut fällt zusammen mit dem Herankommen des Kali Yuga. Und Kali Yuga wurde aufgefaßt als die Nachkommenschaft des Gottes Pramati.
[ 13 ] Kali Yuga ist hereingebrochen. Wir wissen, daß erst in unserer Zeit das Kali Yuga zu Ende gegangen ist, und daß wir jetzt den Aufstieg finden müssen in die geistige Welt und daß es deshalb eine geistige Wissenschaft gibt! Denn, wie das Kali Yuga 3101 vor unserer Zeitrechnung begonnen hat, so hat es geendet im Jahre 1899. Deshalb ist 1899 ein wichtiges Jahr. Daher muß die Menschheit ihr Zukunftsideal so auffassen, daß sie jetzt wieder hinaufsteigen muß in die geistigen Welten.
[ 14 ] Jenes Zeitalter, das dem Heraufkommen des Kali Yuga voranging, war aber auch dasjenige, das charakteristisch ist für die urpersische Zeit, wo man durch den Astralleib noch hinaufempfand die alten Erinnerungen. Jetzt aber mußte man sich nach außen wenden. Das war ein gewaltiger Übergang. Der vollzog sich bei vielen Menschen so, daß sie eine Zeitlang überhaupt nichts sahen, daß Finsternis durch die menschlichen Entwickelungskräfte sich ausbreitete über die Menschenseelen. Nicht durch lange Zeiten hindurch, sondern in der Tat nur durch Wochen währte diese Verfinsterung, dieser Schlafzustand, den die Menschheit durchgemacht hatte. Aber sie machte eben diesen Schlafzustand durch, und aus demselben kamen viele nicht wieder heraus. Es gingen viele dabei zugrunde, und nur wenige blieben zurück an den verschiedensten Punkten der Erde. Es reicht heute die Zeit nicht aus, um zu schildern, was für Zustände da auftraten. Kurz kann nur gesagt werden, daß die Zustände dadurch, daß eine große Anzahl von Menschen zugrunde ging, sehr, sehr unheimliche waren, und nur an wenigen Punkten der Erde wachten die Menschen aus der großen geistigen Flut wieder auf, die sich wie ein Schlaf über die Seelen ausbreitete. Und diesen Schlafzustand empfanden die meisten Seelen wie ein Ertrinken — und nur wenige wie einen Wiederaufgang. Dann kam eben das «schwarze Zeitalter», das entgötterte Zeitalter.
[ 15 ] Haben noch andere Menschen auf der Erde von dieser Tatsache gewußt?
[ 16 ] Ja! Wir könnten herumgehen bei den verschiedenen Völkern und würden zu unserem Erstaunen finden, wie in den weitesten Kreisen die Menschen allerdings gewußt haben, daß die Sache so ist, daß eine Überflutung des Bewußtseins stattgefunden hat und daß im dritten nachatlantischen Kulturzeitalter durch die besondere Entwickelung der Empfindungsseele — das heißt durch das Schauen nach außen — etwas ganz Neues eintreten mußte. Die Inder haben es empfunden, indem sie sagten: Kali Yuga geht hervor als eine Nachfolgeschaft von Pramati. Wie haben die Griechen gesagt? Ganz dasselbe. Bei ihnen heißt Pramati nur Prometheus, was ganz dasselbe ist. Er ist der Bruder von Epimetheus. Dieser repräsentiert noch, was zurückschaut in die uralten Zeiten. Epimetheus ist der«Nachdenkende», Prometheus ist der, welcher schon vorherdenken muß in seinen Gedanken was draußen ist und draußen sich vollzieht. Und ebenso wie Pramati die Nachkommenschaft im Kali Yuga hat, so hat Prometheus seine Nachfolgeschaft: wir brauchen uns nur das Wort «Kali Yuga» dem Griechischen entsprechend zu bilden; da ist es «Kalion», und weil die Griechen empfanden, daß es das Zeitalter des schwarzen Göttlichen ist, müssen wir das «Deu» — deus — vorsetzen und wir bekommen «Deukalion». Das ist dasselbe Wort wie Kali Yuga. Wir haben es dabei nicht mit einer Ausspintisiererei zu tun, sondern mit einer okkulten Tatsache. Daraus sehen wir also, daß die Griechen dasselbe wissen, was auch die Inder wissen. Das sei nur als ein Beispiel angeführt, das uns zeigen kann, wie die Menschen in ihren uralten hellseherischen Zuständen wohl wußten, um was es sich handelt, und wie sie in gewaltigen Bildern zum Ausdruck zu bringen wußten, was vorging. Denn die griechische Sage erzählt uns, wie Deukalion sich auf den Rat seines Vaters Prometheus einen hölzernen Kasten baute; in diesem rettete er sich und seine Gattin Pyrrha allein aus dem Untergange, als Zeus das Menschengeschlecht durch eine Flut vertilgen wollte. Deukalion und Pyrrha, die dann auf dem Parnaß gelandet wurden, sind so für die Griechen der Ausgang des neuen Menschengeschlechtes. Deukalion ist der Sohn des Prometheus. Und dazwischen fällt die «Flut», die für die verschiedensten Völker sich zugetragen hat als ein Vorgang im Bewußtseinszustand.
[ 17 ] Das ist gerade das Eigenartige, daß wir, wenn wir uns in diese wunderbaren Bilder vertiefen, die uns die Überlieferungen der verschiedenen Völker erhalten haben, darauf kommen, wie bei diesen verschiedenen Völkern die Wahrheit über die Entwickelung der Menschheit lebte.
[ 18 ] Damit nun, daß die Menschen allmählich herauskamen zu dem Zeitalter des Kali Yuga, daß sie eintraten in den dritten nachatlantischen Kulturzeitraum, gingen die alten hellseherischen Erkenntnisse verloren. Und wir, die wir den dritten Kulturzeitraum zu wiederholen haben, müssen eben diese Erkenntnisse nun in einer neuen Form wiedererstehen sehen. Wir haben ein charakteristisches Beispiel vor vierzehn Tagen angeführt, wie sich diese Erkenntnisse wieder ergeben. Wir haben gezeigt, wie diejenige Kultur, die wir als die abendländische, aber mit ihrem Ausgangspunkte in die althebräische hineinlaufend zu denken haben, zunächst die einzelne Persönlichkeit ins Auge gefaßt hat, wie sie, weil ja auf dem physischen Plan nur die einzelne Persönlichkeit zwischen Geburt und Tod gegeben ist, ihr Hauptaugenmerk nicht auf das richten kann, was durch die verschiedenen Epochen geht, sondern nur auf das Dasein der Einzelpersönlichkeit, da ja das Leben zwischen Geburt und Tod nicht auf den höheren Planen verfließt, sondern auf dem physischen. Jetzt müssen wir empfinden: weil das Kali Yuga zu Ende gegangen ist, deshalb ist es als ein Gebot der Entwickelung der Menschheit, zu empfinden, daß wir uns zum Bewußtsein bringen müssen, was für die Menschheit notwendig ist: daß wir nach und nach heraufbringen müssen aus den Tiefen der Forschung, was während des Kali Yuga verlorengegangen ist. Ich habe gezeigt, wie wir nach und nach wieder die fortlaufende Individualität betrachten müssen, habe gezeigt, wie das Abendland eine auseinanderfallende Individualreihe hatte — Elias, Johannes der Täufer, Raffael, Novalis — und wie wir jetzt, indem wir hinzufügen, was uns aus den geistigen Welten wird, den fortlaufenden Faden der Seele, die fortlaufende Individualität uns vor Augen führen, die dieselbe ist in Elias, Johannes dem Täufer, Raffael und Novalis.
[ 19 ] In dieser Beziehung müssen wir uns nur ganz klar sein, daß wir innerhalb unserer geistigen Bewegung bewußt diese Mission anstreben müssen und daß die Erdenentwickelung, die Erdenkultur diese Mission braucht. Denn durch das bloße Fortleben der alten Ereignisse und der alten Erkenntnisse würde die Fortentwickelung der Kultur nicht geschehen können. Ich habe auch genügend hervorgehoben, was es für das menschliche Gemüt bedeutet, zu bereichern, zu befruchten, was aus den alten Zeiten gekommen ist, mit dem neu wieder zu Gewinnenden. Aber wir müssen uns klar sein, daß wir uns allerdings — wie es für die Menschen ganz außerordentlich bedeutsam war, einen Übergang zu erleben von dem Leben im Astralleibe zu dem geistigen Leben der Seele vorzugsweise in der Empfindungsseele — jetzt allmählich herausarbeiten von dem Leben in der Bewußtseinsseele zu dem Leben ins Geistselbst hinein. Ich habe es öfter angedeutet, wodurch das Eintreten in das Geistselbst erscheint. Ich habe darauf hingewiesen, daß die Leute, welche die Erscheinung des ChristusImpulses erleben werden in den nächsten dreitausend Jahren, immer zahlreicher werden, daß die Menschen allmählich fähig werden, in den geistigen Welten den Christus-Impuls zu erleben. Aber das ganze Erleben und Hereinströmen der geistigen Welt wird etwas sein, mit dem sich die Menschen im Verlaufe der nächsten Epoche immer mehr und mehr werden bekanntzumachen haben. Und es wird nicht genügen, daß man zum Beispiel theoretisch wisse, daß die Menschen im allgemeinen nach dem Tode fortleben, sondern man wird empfinden, daß das ganze Leben, die ganze Lebensbetrachtung, das ganze Lebensbild in jene Anschauung gestellt werden muß, die da weiß: Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, lebt er weiter fort; es ist nur ein Übergang. Wenn ein Mensch noch nicht gestorben ist das wird man immer mehr und mehr zeigen, nicht als eine Theorie, sondern als ein Wissen —, so wirkt er physisch auf uns durch seinen Leib, wenn er gestorben ist, so wirkt er geistig aus der geistigen Welt auf unsere physische Welt. Er ist da. Die Menschen werden lernen, das Leben in das Licht solcher Tatsache zu stellen und mit den entsprechenden Tatsachen zu rechnen.
[ 20 ] Nehmen wir einmal an, man hat Kinder zu erziehen. Wer solche Tatsachen kennt, der weiß, daß es etwas ganz anderes ist, Kinder zu erziehen, die bis zum zwanzigsten Jahre ihre Eltern haben, oder solche Kinder, deren Vater gestorben ist, als sie vielleicht drei oder fünf Jahre alt waren. Wenn man die Erziehung ernst nimmt und auf die Individualität der Kinder eingeht — das ist keine Spekulation —, besonders wenn man es zu tun hat mit Kindern, die man zu unterrichten hat, nachdem der Vater gestorben ist, dann wird man sich manchmal klar werden können: Es ist etwas Eigentümliches da, womit man nicht zurecht kommt. — Und man wird damit auch nicht zurecht kommen, wenn man die gewöhnlichen Denkgewohnheiten aus dem Materialismus nimmt. Aber der Mensch kann sich jetzt denken: Da gibt es eine so sonderbare Zeitströmung. Die meisten sehen ja die Menschen, welche sich dazu bekennen, als eine Art Narren an; aber wir wollen doch einmal sehen, was diese Theosophen sagen über die Schicksale von Menschen in der Zeit nach dem Tode. Da kann man finden, daß diese zwar mit dem Tode ihre physischen Leiber abgeworfen haben, daß aber das, was Inhalt ihrer Seele ist, was ihre Hoffnungen sind und so weiter, noch da ist, daß es aber auch wirkt, daß es nicht unwirksam ist. Ja oftmals ist es viel wirksamer nach dem Tode, als es beim Menschen ist, solange er auf dem physischen Plane ist, wo er durch seine Leiblichkeit eingeschlossen ist. — So, jetzt hat man es nachgesehen, was durch die Geistesforschung gesagt wird und weiß: also wirkt ja der Vater von der geistigen Welt aus herein auf die Kinder! Er hat bestimmte Hoffnungen und Sehnsuchten in bezug auf die Kinder; die strömen ein in das Leben der Kinder. Wenn man das nun nimmt, was man wissen kann, dann kommt man mit dem, womit man vorher nicht zurecht kam, nun zurecht und weiß, welche Sympathien und Antipathien da bei den Kindern auftreten, und womit man zu rechnen hat. Man kommt erst zurecht mit Kindern, wenn man nicht nur weiß, daß die Luft auf die Menschen wirkt und daß man sich bei kühler Luft erkälten kann, sondern wenn man weiß, was alles aus der geistigen Welt hereinspielt in die physische und wie es hereinspielt.
[ 21 ] Heute gilt das, was ich jetzt gesagt habe, noch als eine Narretei. Aber die Zeit wird nicht ferne sein, da die Tatsachen des Lebens die Menschen zwingen werden, mit diesen Tatsachen zu rechnen, lebendig zu beobachten und mit dem, was übrigbleibt, wenn die Menschen durch die Pforte des Todes gegangen sind, als mit wirksamen Ursachen zu rechnen. Dann wird man in das Konkrete der spirituellen Weltanschauung erst hineinkommen.
[ 22 ] Dieses Hereinwirken von Menschen aus der geistigen Welt ist natürlich nicht nur bei Kindern der Fall, sondern auch bei denen, die einen Menschen umgeben haben im späteren Alter ist es so, daß die Individualitäten hereinwirken, die in einer geistigen Welt sind. Zunächst weiß der Mensch gar nicht, daß sie hereinwirken. Ich erzähle wieder nicht irgend etwas Ausgedachtes, sondern etwas, das real beobachtet ist, das tatsächlich geisteswissenschaftlich konstatiert ist. Da wird sich ein Mensch bewußt: Ich weiß nicht, warum ich jetzt zu diesem oder jenem gedrängt werde, weshalb ich diesen oder jenen Impuls habe, ich muß jetzt über gewisse Dinge anders denken als früher! — Nach einiger Zeit hat er einen sehr bedeutsamen Traum. Heute wird man noch nicht viel darauf geben, aber darauf kommt es nicht an. Man wird nach und nach merken, daß es auf die Form des Traumes nicht ankommt, sondern auf seinen Inhalt. Das können Sie daraus entnehmen: wenn Edison seine Erfindungen im Traume gemacht hätte, so wäre es in bezug auf die Erfindungen geradesogut. — So denken wir uns, es habe jemand den Traum, es erscheine ihm eine Persönlichkeit, die ihm unbekannt ist, an die er gar nicht denken könnte wie an eine bekannte, eine Persönlichkeit, von der er nicht weiß, wo er sie hinbringen soll. Sie tritt in sein Traumleben herein, und es geschieht dies und das. Und jetzt weiß er, daß die Persönlichkeit — nicht daß er sich an sie erinnern könnte —, die vielleicht schon vor fünfzehn Jahren gestorben ist, in sein Leben hereinwirkt. Früher hat er es an den Impulsen gemerkt, durch die er getrieben worden ist, jetzt merkt er es, daß sie als Traumbild in sein nächtiges Bewußtsein hereinwirkt. Das ist oft charakteristisch für den Zusammenhang von Impulsen, die in uns leben, und dem, was als Traum auf uns wirkt. Diese Dinge werden sich einleben. Und jetzt zum Schluß noch, wie sie sich einleben werden.
[ 23 ] Nehmen Sie an, es liest jemand heute noch eine der vielen Biographien von Raffael. Dann wird er den Eindruck bekommen, daß Raffael in einer gewissen Beziehung wie eine Erscheinung dasteht, in sich abgeschlossen, aus sich ihr Bestes gebend, aber auf dem Gebiete, wo sie wirkt, eben so abgeschlossen, daß sie sich nicht gesteigert denken läßt, daß sie nicht über das betreffende Niveau hinausgehend gedacht werden kann. Und wieder: wenn wir die eigentümliche Art von Raffaels Schaffen betrachten, so ist sie auf einmal da. Und wie sie ganz merkwürdig beim jungen Rafael entsteht, darüber läßt die Biographie eine Lücke. Warum?
[ 24 ] Die Biographen erzählen, daß Raffael den Giovanni Santi zum Vater hatte, der neben anderm auch ein Schriftsteller war, und der starb, als Raffael elf Jahre war, den Knaben aber vorher zu einem Maler in die Lehre gebracht hatte. Wir wissen auch, was für ein Maler, von was für einer Begabung in der Malerei Giovanni Santi war. Wir wissen aber auch, daß in ihm etwas steckte, was bei ihm nicht herauskommen konnte. Wenn man ins Auge faßt, was in seiner Seele lebte, so hat man das Gefühl: in ihm steckte etwas, was nicht herauskam, weil die äußere Natur dafür ein Hindernis war. Nun stirbt er, als der Knabe Raffael elf Jahre ist. Wenn wir nun verfolgen, wie die Entwickelung Raffaels weitergeht, so wissen wir, woher die Kräfte kommen, die Raffael dahin bringen, so rasch zur Vollendung zu kommen, eine Ganzheit zu werden, wir wissen, es sind die Kräfte, die aus der geistigen Welt von seinem Vater hereinkommen! Und wer künftig eine Biographie Raffaels geben will, der wird schreiben müssen: Giovanni Santi war der Vater Raffaels, und Raffael war elf Jahre alt, als sein Vater 1494 starb. Dieser Vater war ein ausgezeichneter Mensch, der zeit seines Lebens Außerordentliches wollte. Und viel wollte er, als er ungehindert in der geistigen Welt war und zu dem geliebten Sohne seine Impulse — bis in die feinsten, intimen geistigen Dinge hinein — über das sandte, worüber ihn selbst seine äußere Organisation das auszusprechen in der physischen Welt hinderte.
[ 25 ] Das ist natürlich keine Herabwürdigung des Genies Raffaels, denn selbstverständlich mußte der Grund vorhanden sein. Wir wissen, daß er die Wiederverkörperung von Johannes dem Täufer war, daß also nur das Spezifische hineingegossen werden mußte, was da herauskommen sollte. Wenn wir das ins Auge fassen, dann sehen wir das Zusammenwirken von der geistigen Welt und dem physischen Plan. Auf Schritt und Tritt wird man in der Zukunft bei der Betrachtung des Lebens Raffaels dasjenige einfügen müssen, was aus der geistigen Welt in die physische hereinwirkt. Dann wird man vor einem Ganzen der Welt stehen, die in uns, um uns, durch uns wirkt. So führen wir die Spiritualität wiederum in unsere Kultur ein. Deshalb dürfen wir uns aber auch nicht verwundern, wenn die, welche heute nichts von dieser Einführung der Spiritualität in unsere Kultur hören wollen, eben recht schnöde noch diese spirituelle Weltanschauung behandeln; denn es ist etwas völlig Neues. Es ist ein Auftauchen der neuen Kraft des Geistselbst des Menschen. Und es wird eine Zeit kommen — und ich bitte Sie, diese Tatsache recht sehr in Ihr Gemüt hineinzuschreiben —, in welcher die Menschen über die jetzt zu Ende gehende materialistische Kultur gerade so denken werden, wie man einst gedacht hat über die der Sintflut vorangegangene Zeit und nach der kommenden Kultur sich sehnte, als etwas ganz Neues da kam. Die Theosophen aber sollen sich nicht nur ein theoretisches Verhältnis zu solchem Ideal suchen, sondern es aufnehmen in ihr Herz, in ihr Gemüt; sie sollten sich klar sein, daß es ihr gutes Karma ist, zu wissen von dem Gange der Menschheit, der der Gang der menschlichen Kultur ist.
[ 26 ] Solche Empfindungen wollen wir in unsere Seelen einschreiben, da ich jetzt noch nicht sagen kann, wann wir diese Betrachtung fortsetzen können. Aber wir wissen ja, daß viel Zeit dazugehört, um das, was uns auf dem Felde der Geisteswissenschaft entgegentritt, einfließen zu lassen in unsere ganze Gemütsentwickelung und Gemütsimpulse, und daß es zu unserer spirituellen Entfaltung gehört, daß wir die großen Wahrheiten nicht nur verstehen, sondern daß auch in unserem Gemüt das entwickelt wird, was die großen Ideen einer geistgemäßen Weltanschauung unserem Gemüte sagen können.
