The Gospel of Mark
GA 139
15 September 1912, Basel
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Gospel of Mark, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Bekannt ist, daß das Markus-Evangelium mit den Worten beginnt: «Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesu Christo.»
[ 1 ] It is well known that the Gospel of Mark begins with the words: “This is the beginning of the Gospel of Jesus Christ.”
[ 2 ] Für denjenigen, der in unserer Gegenwart nach einem Verständnis dieses Markus-Evangeliums sucht, müssen schon diese allerersten Worte eigentlich drei Rätsel enthalten. Das erste Rätsel ist dasjenige, das in den Worten liegt: «Dies ist der Anfang ...» Wovon der Anfang? Wie kann dieser Anfang verstanden werden? Das zweite Rätsel ist: «... der Anfang des Evangeliums ...» Was ist im anthroposophischen Sinne das Wort Evangelium? Das dritte Rätsel ist nun dasjenige, wovon wir oftmals gesprochen haben: die Gestalt des Christus Jesus selber.
[ 2 ] For anyone seeking to understand the Gospel of Mark in our time, even these very first words must actually contain three enigmas. The first enigma lies in the words: “This is the beginning…” The beginning of what? How can this beginning be understood? The second enigma is: “... the beginning of the Gospel ...” What is the word “Gospel” in the anthroposophical sense? The third enigma is now the one we have often spoken of: the figure of Christ Jesus himself.
[ 3 ] Demjenigen, der ernsthaft nach Erkenntnis und nach Vertiefung seines eigenen Selbstes sucht, muß schon einmal klar sein, daß die Menschheit in einer Entwickelung, in einem Fortschritt begriffen ist, und daß daher das Verständnis dieser oder jener Sache, dieser oder jener Offenbarung ebenfalls nichts Ständiges, nichts in irgendeinem Zeitraume Abgeschlossenes ist, sondern daß dieses Verständnis fortschreitet; so daß im Grunde genommen die tiefsten Dinge der Menschheit für den, der es mit den Worten Entwickelung und Fortschritt ernst nimmt, notwendigerweise erfordern, daß sie mit fortschreitender Zeit auch immer besser, gründlicher, tiefer verstanden werden können. Für so etwas wie das Markus-Evangelium ist eigentlich — und wir werden das an den drei ersten eben genannten Rätseln erhärten — ein gewisser Wendepunkt des Verständnisses erst in unserer Zeit gekommen, und langsam und allmählich, aber deutlich hat sich vorbereitet, was jetzt zum wahrhaften Verständnis dieses MarkusEvangeliums führen kann, führen kann schon dazu, zu verstehen, was es heißt: das Evangelium beginnt. Warum ist dies der Fall?
[ 3 ] Anyone who is earnestly seeking knowledge and a deeper understanding of their own self must realize that humanity is in the midst of a process of development and progress, and that therefore the understanding of this or that matter, this or that revelation, is likewise not something static, not something that is complete within any given period of time, but rather that this understanding progresses; so that, fundamentally speaking, the deepest matters of humanity—for those who take the words “development” and “progress” seriously—necessarily require that, as time goes on, they can be understood ever better, more thoroughly, and more deeply. For something like the Gospel of Mark, in fact—and we will substantiate this with the first three riddles just mentioned—a certain turning point in understanding has only come about in our time, and slowly and gradually, but clearly, the groundwork has been laid for what can now lead to a true understanding of this Gospel of Mark, can already lead to understanding what it means: the Gospel begins. Why is this the case?
[ 4 ] Wir brauchen nur ein wenig auf das zurückzublicken, was die Gemüter vor verhältnismäßig noch kurzer Zeit erfüllen konnte, und man wird schon sehen, wie sich die Art des Verständnisses geändert haben kann, ja, wie sie sich geändert haben muß in bezug auf eine solche Sache. Wir können zurückgehen hinter das 19. Jahrhundert und werden finden, daß wir, ins 18., 17. Jahrhundert zurückgehend, uns immer mehr einer Zeit nähern, in welcher diejenigen Menschen, welche es überhaupt in ihrem Geistesleben mit den Evangelien zu tun hatten, von ganz anderen Grundlagen des Verständnisses ausgehen konnten als die heutige Menschheit. Was konnte sich ein Mensch des 18. Jahrhunderts sagen, wenn er sich hineinstellen wollte in den Gesamtentwickelungsprozeß der Menschheit, wenn er nicht zu denjenigen gehörte — und das waren ja in den verflossenen Jahrhunderten sehr wenige —, die auf irgendwelchem Wege zusammenhingen mit der oder jener Einweihung, mit der oder jener okkulten Offenbarung, wenn er also im Leben stand und in sich aufgenommen hatte, was das äußere exoterische Leben bietet? Selbst die Allergebildetsten, die auf dem Höhepunkt der Zeitbildung standen, übersahen ja nicht mehr als, man könnte sagen, das Leben der Menschheit durch drei Jahrtausende, davon ein Jahrtausend — aber so, daß sich dieses schon in einem gewissen Nebeldunkel verlor — vor der christlichen Zeitrechnung und zwei nicht ganz, aber ungefähr erfüllte Jahrtausende seit der Begründung des Christentums. Drei Jahrtausende übersah er. Wenn man in dieses erste Jahrtausend zurückblickte, traten einem entgegen wie eine ganz mythisch dunkle Vorgeschichte der Menschheit die Zeiten des alten Persien. Dies und was sonst noch an einigen, man möchte sagen, Kenntnissen des alten ägyptischen Wesens da war, das galt als vorangegangen dem, was die eigentliche Geschichte ausmachte, die da begann mit dem Griechentum.
[ 4 ] We need only look back a little at what could have occupied people’s minds not so long ago, and we will see how the nature of understanding may have changed—indeed, how it must have changed—with regard to such a matter. We can go back beyond the 19th century and find that, as we go back to the 18th and 17th centuries, we are approaching a time in which those people who had anything at all to do with the Gospels in their spiritual lives were able to proceed from entirely different foundations of understanding than humanity today. What could a person of the 18th century say to himself if he wanted to place himself within the overall process of human development, if he did not belong to those—and there were very few of them in past centuries— who were connected in some way to this or that initiation, to this or that occult revelation, if, that is, he stood in life and had taken in what the outer exoteric life offers? Even the most highly educated, who stood at the pinnacle of historical consciousness, could not see back further than, one might say, the life of humanity over three millennia, of which one millennium—though already lost in a certain misty darkness—preceded the Christian era, and two millennia, not quite but approximately complete, since the founding of Christianity. He overlooked three millennia. When one looked back at this first millennium, the times of ancient Persia appeared as a completely mythical, dark prehistory of humanity. This, and whatever else there was in terms of, one might say, knowledge of the ancient Egyptian essence, was regarded as having preceded what constituted actual history, which began with the Greeks.
[ 5 ] Dieses Griechentum bildete gewissermaßen die Grundlage der eigentlichen Zeitbildung, und alle, die tiefer hineinsehen wollten in das Menschenleben, gingen von dem Griechentum aus. Und innerhalb des Griechentums erschien alles, was über die urälteste Zeit dieses Volkes und seiner Menschheitsarbeit von Homer, von den griechischen Tragikern, von den griechischen Schriftstellern überhaupt stammt. Dann sah man, wie allmählich das Griechentum sich sozusagen zur Neige begab, wie es äußerlich von dem Römertum überwuchert wurde. Aber nur äußerlich, denn im Grunde genommen überwand das Römertum nur politisch das Griechentum, in Wirklichkeit aber nahm es griechische Bildung, griechische Kultur, griechisches Wesen an. So daß man auch sagen könnte: Politisch haben die Römer gesiegt über die Griechen, geistig haben die Griechen gesiegt über die Römer. Und während dieses Prozesses, wo das Griechentum geistig besiegte das Römertum, wo es durch Hunderte und aber Hunderte von Kanälen das, was es geleistet hatte, ins Römertum ergoß, von dem aus es wieder in alle übrige Kultur, in die Welt strömte, während dieses Prozesses strömte das Christentum in diese griechisch-römische Kultur hinein, ergoß sich immer mehr und mehr in sie und erfuhr eine wesentliche Umgestaltung, als die nordisch-germanischen Völker sich an dem Fortschritt dieser griechisch-römischen Kultur beteiligten. Mit diesem Ineinanderfließen von Griechentum, Römertum und Christentum verging das zweite Jahrtausend der Menschheitsgeschichte für den Menschen des 18. Jahrhunderts, das erste christliche Jahrtausend.
[ 5 ] Greek culture, in a sense, formed the foundation of the actual development of our era, and all who wished to gain a deeper insight into human life took Greek culture as their starting point. And within Greek culture appeared everything that originates from the most ancient times of this people and their work for humanity—from Homer, from the Greek tragedians, from Greek writers in general. Then one saw how Greek culture gradually came to an end, so to speak, as it was outwardly overgrown by Roman culture. But only outwardly, for in essence Roman civilization only politically overcame Greek civilization; in reality, however, it adopted Greek education, Greek culture, and the Greek spirit. So that one could also say: Politically, the Romans triumphed over the Greeks; spiritually, the Greeks triumphed over the Romans. And during this process, in which Greek civilization spiritually triumphed over Roman civilization—pouring its achievements into Roman civilization through hundreds upon hundreds of channels, from which they then flowed out again into all other cultures and into the world—during this process, Christianity flowed into this Greco-Roman culture, poured itself more and more into it, and underwent a fundamental transformation as the Nordic-Germanic peoples participated in the progress of this Greco-Roman culture. With this intermingling of Greek, Roman, and Christian elements, the second millennium of human history passed for the people of the 18th century—the first Christian millennium.
[ 6 ] Dann sehen wir, wie das zweite christliche Jahrtausend — das dritte der Menschheitskultur für den Menschen des 18. Jahrhunderts — beginnt. Wir sehen, wie, trotzdem scheinbar alles in gleicher Art fortgeht, doch in diesem dritten Jahrtausend alles anders geht, wenn wir die Dinge tiefer erfassen. Man braucht nur zwei Gestalten heranzuziehen, einen Maler und einen Dichter, die, wenn sie auch erst ein paar Jahrhunderte nach der Jahrtausendwende auftreten, dennoch im wesentlichen zeigen, wie mit dem zweiten christlichen Jahrtausend wesentlich Neues begann für die abendländische Kultur, was dann wieder weiterwirkte. Diese zwei Gestalten sind Giotto und Dante, Giotto als Maler, Dante als Dichter. Für alles, was dann folgte, bilden diese zwei Gestalten den Anfang. Und was sie gaben, das wurde zur weiteren Bildung der abendländischen Kultur. — Das waren die drei Jahrtausende, die man übersah.
[ 6 ] Then we see how the second Christian millennium—the third in human civilization for the people of the 18th century—begins. We see how, even though everything seems to be continuing in the same way, everything is different in this third millennium when we look at things more deeply. One need only consider two figures, a painter and a poet, who, even though they appeared only a few centuries after the turn of the millennium, nevertheless essentially demonstrate how something fundamentally new began for Western culture with the second Christian millennium, something that continued to have an impact thereafter. These two figures are Giotto and Dante, Giotto as a painter, Dante as a poet. These two figures mark the beginning of everything that followed. And what they contributed became the foundation for the further development of Western culture. — These were the three millennia that were overlooked.
[ 7 ] Aber nun kam das 19. Jahrhundert. Heute ist es nur dem, der tiefer hineinblicken will in die ganze Bildung der Zeitkultur, möglich, zu überschauen, was im 19. Jahrhundert alles geschah, was alles anders werden mußte. In den Gemütern, in den Seelen ist das alles darinnen; zum Verständnis bringen es sich heute erst ganz wenige. Die Perspektive der Menschen des 18. Jahrhunderts ging also nur zurück bis ins Griechentum; die vorgriechische Zeit war etwas Unbestimmtes. Was während des 19. Jahrhunderts geschah, was wenige verstanden, was heute noch wenig gewürdigt wird, das ist, daß der Orient, und zwar in einer ganz intensiven Weise, sich in die abendländische Kultur hereinstellte. Dieses Hereinstellen des Orients in einer ganz eigenartigen Weise ist es, was wir ins Auge fassen müssen für die Umwandlung, die mit der Bildung des 19. Jahrhunderts geschah. Im Grunde genommen warf dieses Eindringen des Orients Schatten und Lichter auf alles, was in die Bildung allmählich einfloß und immer mehr und mehr einfließen wird, was ein neues Verständnis erfordern wird der Dinge, welche die Menschheit bis dahin in ganz anderer Weise verstanden hat.
[ 7 ] But then came the 19th century. Today, only those who wish to look more deeply into the entire development of the culture of that era can grasp everything that happened in the 19th century, everything that had to change. All of this is contained within people’s minds and souls; very few today are able to fully grasp it. The perspective of 18th-century people thus extended only as far back as Greek antiquity; the pre-Greek era was something vague. What happened during the 19th century, what few understood, what is still little appreciated today, is that the Orient, and in a very intense way, made its way into Western culture. It is this entry of the Orient in a very peculiar way that we must take into account for the transformation that occurred with the cultural development of the 19th century. Essentially, this penetration of the Orient cast both light and shadow on everything that gradually flowed into culture and will continue to flow in more and more, requiring a new understanding of things that humanity had previously understood in a completely different way.
[ 8 ] Wenn man einzelne Gestalten und Individualitäten betrachtet, welche auf die Bildung des Abendlandes gewirkt haben, und in denen man so ziemlich alles finden kann, was ein Mensch des beginnenden 19. Jahrhunderts in seiner Seele trug, wenn er sich um das Geistesleben kümmerte, so kann man anführen David, Homer, Dante, Shakespeare und den eben in das Leben eindringenden Goethe. Die künftige Geschichtsschreibung wird sich für die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert ganz klar darüber sein, daß der Geistesgehalt der Menschen dieser Zeit durch diese fünf Gestalten bestimmt ist. Mehr als man nur irgendwie annehmen kann, lebte bis in die feinsten Regungen der Seelen das, was man nennen kann die Empfindungen, die Wahrheiten der Psalmen, lebte das, was im Grunde genommen schon bei Homer zu finden ist, das, was in Dante so grandiose Gestaltung angenommen hat, lebte dann, was, wenn es auch nicht in Shakespeare selbst so vorhanden war, bei Shakespeare schon so zum Ausdruck gekommen ist, wie es in dem Menschen der neueren Zeit lebt. Dazu kommt das Ringen der menschlichen Seele nach Wahrheit, das dann in der Schilderung des «Faust» zum Ausdruck gekommen ist und das ja in jeder Seele so lebt, daß man oft gesagt hat: Jeder nach Wahrheit ringende Mensch hat so etwas wie eine Faustnatur in sich.
[ 8 ] If one considers the individual figures and personalities who influenced the formation of the Western world—and in whom one can find just about everything that a person of the early 19th century carried in their soul when they were concerned with intellectual life—one can cite David, Homer, Dante, Shakespeare, and Goethe, who was just then making his mark on the world. Future historiography will be quite clear about the turn of the 18th to the 19th century that the spiritual content of the people of that time was determined by these five figures. More than one can simply assume, what might be called the sentiments, the truths of the Psalms, lived on down to the finest stirrings of the soul; what is essentially already found in Homer, what took on such a grandiose form in Dante, lived on then—and what, even if not present in Shakespeare himself, was already expressed in Shakespeare in the same way that it lives in the people of modern times. Added to this is the human soul’s struggle for truth, which found expression in the portrayal of “Faust” and which lives in every soul in such a way that it has often been said: Every person striving for truth has something of a Faustian nature within them.
[ 9 ] Zu dem allem trat hinzu eine ganz neue Perspektive, die über diese drei Jahrtausende, welche die genannten fünf Gestalten umfassen, hinausging. Auf Wegen, die zunächst für die äußere Geschichte ganz unergründlich sind, trat hinzu ein innerer Orient in das Geistesleben Europas. Nicht etwa nur, daß sich zu den genannten Dichtungen hinzugesellte, was die Veden, die Bhagavad Gita gaben, nicht nur, daß man diese orientalischen Dichtungen kennenlernte und dadurch eine Gefühlsnuance gegenüber der Welt auftrat, die sich gründlich unterscheidet von der Gefühlsnuance der Psalmen oder dessen, was man bei Homer oder Dante findet, sondern es trat etwas auf, was auf geheimen Wegen eindrang und was im 19. Jahrhundert immer mehr und mehr sichtbar wurde. Man braucht nur an einen einzigen Namen zu erinnern, der ja um die Mitte des 19. Jahrhunderts großes Aufsehen gemacht hat, und man wird sich sogleich klar sein, wie da etwas vom Orient auf geheimnisvollen Wegen in Europa eindrang: man braucht nur hinzuweisen auf den Namen Schopenhauer. Was fällt einem bei Schopenhauer vor allem auf, wenn man nicht auf das Theoretische seines Systems sieht, sondern auf das, was als Gefühls- und Empfindungsgehalt sein ganzes Denken durchzieht? Die tiefe Verwandtschaft dieses Menschen des 19. Jahrhunderts mit orientalisch-arischer Denk- und Gesinnungsweise. Überall lebt in den Sätzen, man könnte sagen, in den Betonungen der Gefühle bei Schopenhauer das, was man nennen möchte das orientalische Element im Okzident. Und das ist übergegangen auf Eduard von Hartmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 9 ] Added to all this was an entirely new perspective that extended beyond the three millennia encompassed by the five figures mentioned. In ways that are at first completely inscrutable to external history, an inner Orient entered the spiritual life of Europe. It was not merely that the works mentioned were joined by what the Vedas the Bhagavad Gita; not only that people became acquainted with these Eastern works of poetry, thereby giving rise to a nuance of feeling toward the world that differs fundamentally from the nuance found in the Psalms or in the works of Homer or Dante—but something emerged that penetrated through secret paths and became increasingly visible in the 19th century. One need only recall a single name, which caused quite a stir around the middle of the 19th century, and one will immediately realize how something from the Orient penetrated Europe through mysterious channels: one need only point to the name Schopenhauer. What strikes one most about Schopenhauer, if one looks not at the theoretical aspects of his system but at what, as a content of feeling and sensibility, pervades his entire thinking? The deep kinship of this man of the 19th century with the Oriental-Aryan mode of thought and disposition. Everywhere in Schopenhauer’s sentences—one might say, in the emphasis of his emotions—lives what one might call the Oriental element in the Occident. And this was passed on to Eduard von Hartmann in the second half of the 19th century.
[ 10 ] Auf geheimnisvollen Wegen drang das ein, wurde eben gesagt. Diese geheimnisvollen Wege begreift man immer besser, wenn man sieht, daß sich in der Tat im Laufe der Entwickelung des 19. Jahrhunderts eine vollständige Umwandlung, eine Art Metamorphose alles menschlichen Denkens und Fühlens ergab, aber nicht nur an einem Orte der Erde, sondern im Geistesleben über die ganze Erde hin. Um das, was im Abendlande geschah, zu begreifen, genügt es, wenn man sich die Mühe nimmt, irgend etwas über die Religion, über die Philosophie, über irgendeinen Punkt des Geisteslebens Geschriebenes im 19. Jahrhundert zu vergleichen mit dem, was dem frühen 18. Jahrhundert angehört. Da wird man schon sehen, wie eine grundsätzliche Umwandlung und Metamorphose vor sich gegangen ist, wie alle Fragen nach den höchsten Weltenrätseln in der Menschheit locker geworden sind und wie die Menschheit hinstrebte nach ganz neuen Fragestellungen, nach ganz neuen Empfindungsweisen, wie das, was die Religion mit alledem, was zu ihr gehört, früher den Menschen gegeben hatte, nicht mehr in derselben Weise durch sie den Menschenseelen gegeben werden konnte. Überall verlangte man etwas, was noch tiefer, noch verborgener in den Untergründen der Religion sein sollte. Aber nicht nur in Europa. Und das ist eben das Charakteristische, daß um die Wende des i8. zum 19. Jahrhundert überall auf der gebildeten Erde die Menschen durch einen inneren Drang beginnen, anders zu denken, als sie vorher gedacht haben. Wenn man sich eine genauere Vorstellung verschaffen will von dem, was da eigentlich vorliegt, so muß man sehen, wie eine, man möchte sagen, allgemeine Annäherung der Völker und Völkerbildungen und Völkerbekenntnisse stattfindet, so stattfindet, daß Angehörige der verschiedensten Glaubensbekenntnisse im 19. Jahrhundert sich in einer ganz merkwürdigen Weise zu verständigen beginnen. Ein charakteristisches Beispiel sei angeführt, das uns mitten hineinstellen kann in das, was wir hier andeuten wollen.
[ 10 ] As was just mentioned, this took hold through mysterious ways. One comes to understand these mysterious ways ever more clearly when one sees that, in fact, in the course of the 19th century’s development, a complete transformation—a kind of metamorphosis—of all human thinking and feeling took place, not only in one part of the world, but in spiritual life across the entire globe. To understand what happened in the West, it suffices to take the trouble to compare anything written in the 19th century about religion, philosophy, or any aspect of spiritual life with what belongs to the early 18th century. There one will already see how a fundamental transformation and metamorphosis has taken place, how all questions regarding the highest mysteries of the world have become loosened within humanity, and how humanity strove toward entirely new questions, toward entirely new ways of feeling—how what religion, with all that belongs to it, had previously given to people could no longer be given to human souls in the same way through it. Everywhere people were demanding something that was to be even deeper, even more hidden in the depths of religion. But not only in Europe. And this is precisely the characteristic feature: that at the turn of the 18th to the 19th century, throughout the civilized world, people, driven by an inner urge, began to think differently than they had thought before. If one wishes to gain a clearer mental image of what is actually taking place here, one must observe how a—one might say—general convergence of peoples, national formations, and national creeds is occurring, such that adherents of the most diverse religious creeds in the 19th century began to communicate with one another in a quite remarkable way. Let us cite a characteristic example that can place us right in the midst of what we wish to suggest here.
[ 11 ] In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts erschien in England ein Mann, der ein Brahmine war, und zwar innerhalb des Brahminentums sich bekannte zu der von ihm für wahr gehaltenen, rechtmäßigen Vedantalehre, Ram Mohan Roy, der im Jahre 1833 in London gestorben ist, der auf einen großen Teil der Zeitgenossen, die sich für solche Fragen interessiert haben, einen starken Einfluß gewonnen und auch einen großen Eindruck gemacht hat. Bei ihm ist das Merkwürdige, daß er auf der einen Seite dastand als ein allerdings unverstandener Reformator des Hinduismus und auf der anderen Seite in bezug auf das, was er als solcher damals sagte, von allen Europäern, die in Europa gewissermaßen auf der Höhe der Zeit waren, verstanden werden konnte; daß er ihnen nicht Ideen sagte, die man etwa nur aus dem Orientalismus heraus hätte verstehen können, sondern von denen man sich sagen konnte, man versteht sie aus der allgemeinen Menschenvernunft heraus.
[ 11 ] In the 1830s, a man appeared in England who was a Brahmin and who, within the Brahmin community, professed the orthodox Vedanta doctrine that he believed to be true, Ram Mohan Roy, who died in London in 1833, and who exerted a strong influence on and made a great impression on a large number of his contemporaries who were interested in such matters. What is remarkable about him is that, on the one hand, he stood as a reformer of Hinduism who was admittedly misunderstood, and on the other hand, with regard to what he said as such at the time, he could be understood by all Europeans who were, so to speak, at the forefront of their time; that he did not present them with ideas that could have been understood only through Orientalism, but rather ideas that one could say were understood through general human reason.
[ 12 ] Wie trat Ram Mohan Roy auf? So etwa sagte er: Ich lebe mitten im Hinduismus; da werden eine Anzahl von Göttern angebetet, die verschiedensten Göttergestalten. Wenn man die Leute fragt, warum sie diese oder jene Götter anbeten, dann sagen die Leute meines Vaterlandes: Das ist so alter Brauch, wir wissen es nicht anders, so ist es gewesen bei unseren Vätern, so war es bei deren Vätern und so weiter. Und weil die Leute, so meinte Ram Mohan Roy, nur unter diesem Eindruck standen, so ist es in meinem Vaterlande zu dem krassesten Götzendienst gekommen, zu einem ganz verwerflichen Götzendienst, zu einem Götzendienst, der nur Schande macht demjenigen, was die ursprüngliche Größe des religiösen Bekenntnisses meines Vaterlandes ausmacht. Da war einmal ein Bekenntnis, meinte er, das ja, zum Teil widerspruchsvoll, in den Veden erhalten ist, das aber für das menschliche Denken in der reinsten Gestalt in das Vedantasystem durch Vyasa gebracht worden ist. Zu dem, sagte er, wolle er sich bekennen. Und er hatte zu diesem Zweck nicht nur aus den verschiedenen unverständlichen Idiomen Übersetzungen gemacht in die Sprache, die man in Indien verstehen konnte, sondern er hatte aus dem, was er für die richtige Lehre hielt, auch Auszüge gemacht und sie unter den Menschen verbreitet. Denn was wollte Ram Mohan Roy damit? Er glaubte erkannt zu haben, daß in dem, was unter den vielen Göttern zum Ausdruck kommt, was in dem Götzendienst verehrt wurde, eine reine Lehre von einem ureinheitlichen Gotte stecke, von einem geistigen Gotte, der in allen Dingen lebt, der nicht mehr erkannt wird durch den Götzendienst hindurch, der aber wieder eindringen müsse in die Gemüter der Menschen. Und wenn er dann im einzelnen sprach, dieser indische Brahmine, über das, was er als die richtige Vedantalehre ansah, was er als das richtige indische Bekenntnis ansah, dann war es nicht so, als ob man irgend etwas Fremdes hörte, sondern es war den Leuten, die ihn richtig verstanden, so, als ob er eine Art von Vernunftglauben predigte, zu dem im Grunde genommen jeder gelangen könnte, wenn er sich aus seiner Vernunft heraus zu dem alleinheitlichen Gotte hinwenden würde.
[ 12 ] How did Ram Mohan Roy present himself? He said something like this: I live in the midst of Hinduism; there, a number of gods are worshipped, the most diverse divine forms. If you ask people why they worship this or that god, the people of my homeland say: ‘It is an ancient custom; we know no other way; it was so with our fathers, and so with their fathers, and so on.’ And because the people, Ram Mohan Roy believed, were under this influence, the most blatant idolatry has arisen in my homeland—a completely reprehensible idolatry, an idolatry that brings nothing but shame upon what constitutes the original greatness of my homeland’s religious creed. There was once a creed, he said, which, though in part contradictory, is preserved in the Vedas, but which was brought into the purest form for human thought through the Vedanta system by Vyasa. To that, he said, he wished to profess his faith. And to this end, he had not only translated the various incomprehensible idioms into a language that could be understood in India, but he had also compiled excerpts from what he considered the true doctrine and disseminated them among the people. For what did Ram Mohan Roy intend by this? He believed he had recognized that within what is expressed among the many gods, what was worshipped in idolatry, lay a pure doctrine of a primal, unified God—a spiritual God who lives in all things, who is no longer recognized through idolatry, but who must once again penetrate the minds of people. And when this Indian Brahmin then spoke in detail about what he regarded as the true Vedanta doctrine, what he regarded as the true Indian creed, it was not as though one were hearing something foreign, but to those who understood him correctly, as though he were preaching a kind of rational faith to which, in essence, anyone could arrive if they turned from their reason toward the one God.
[ 13 ] Und Ram Mohan Roy hatte Nachfolger: Debendranath Tagore und andere. Einer der Nachfolger, das ist besonders interessant, hat im Jahre 1870 als Inder einen Vortrag gehalten über «Christus und das Christentum». Außerordentlich interessant, einen Inder sprechen zu hören über Christus und das Christentum. Was das eigentliche Mysterium des Christentums ist, das steht dem indischen Redner ganz fern, das berührt er gar nicht. Man sieht aus dem ganzen Verlaufe des Vortrages, daß er die Grundtatsache nicht erfassen kann: daß das Christentum nicht von einem persönlichen Lehrer ausgeht, sondern eben von dem Mysterium von Golgatha, von einer weltgeschichtlichen Tatsache, von dem Tode und der Auferstehung. Was er aber erfassen kann und was ihm einleuchtet, das ist, daß man in dem Christus Jesus eine ungeheuer bedeutungsvolle, für jedes Menschenherz wichtige Gestalt vor sich hat, eine Gestalt, die als eine Idealgestalt für die ganze Welt dastehen muß. Merkwürdig ist es, den Inder über den Christus reden zu hören, ihn sagen zu hören, wenn man sich in das Christentum vertiefe, dann müsse man sagen, daß dieses Christentum im Abendlande selbst noch eine Fortentwickelung erleben muß. Denn das, so meinte er, was in mein Vaterland die Europäer als Christentum bringen, das scheint mir nicht das wahre Christentum zu sein.
[ 13 ] And Ram Mohan Roy had successors: Debendranath Tagore and others. One of these successors—and this is particularly interesting—gave a lecture in 1870, as an Indian, on “Christ and Christianity.” It is extraordinarily interesting to hear an Indian speak about Christ and Christianity. What the actual mystery of Christianity is remains quite foreign to the Indian speaker; he does not touch upon it at all. It is clear from the entire course of the lecture that he cannot grasp the fundamental fact: that Christianity does not originate from a personal teacher, but rather from the mystery of Golgotha, from a fact of world history, from the death and resurrection. What he can grasp, however, and what makes sense to him, is that in Christ Jesus we have before us an immensely significant figure, one who is important to every human heart, a figure who must stand as an ideal for the whole world. It is remarkable to hear the Indian speak of Christ, to hear him say that when one delves into Christianity, one must conclude that this Christianity itself still needs to undergo further development in the West. For, he believed, what the Europeans bring to my homeland as Christianity does not seem to me to be true Christianity.
[ 14 ] Aus diesen Beispielen sehen wir, daß nicht etwa nur in Europa die Geister begannen, sozusagen hinter die religiösen Bekenntnisse sehen zu wollen, sondern daß auch im fernen Indien — und man könnte das für viele Orte der Erde anführen — die Geister sich zu regen begannen und von einem ganz neuen Gesichtspunkte aus an das, was sie durch Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch gehabt hatten, neuerdings herantraten. Diese Metamorphose der Seelen im 19. Jahrhundert wird ja erst im Laufe der Zeit ganz durchschaut werden. Und erst eine spätere Geschichtsschreibung wird erkennen, daß durch solche Vorgänge, die scheinbar nur wenige berührten, die aber durch tausend und aber tausend Kanäle bis in unsere Herzen und Seelen hereinströmten und die heute alle Menschen, die sich nur irgendwie am Geistesleben beteiligen, in ihren Seelen darinnen haben, eine völlige Erneuerung, eine Umwandlung aller Fragen und jeglicher Art des Verständnisses gegenüber den alten Anschauungen eintreten mußte. So ist überall draußen in der Welt wirklich heute schon eine gewissermaßen großartige Vertiefung der Fragen vorhanden.
[ 14 ] From these examples we see that it was not only in Europe that minds began, so to speak, to look beyond religious creeds, but that even in distant India—and one could cite many places on earth—minds began to stir and approached what they had held for centuries and millennia from an entirely new perspective. This metamorphosis of souls in the 19th century will, of course, only be fully understood in the course of time. And only a later historiography will recognize that through such processes—which seemingly affected only a few, but which flowed into our hearts and souls through thousands upon thousands of channels, and which today all people who participate in any way in spiritual life carry within their souls—a complete renewal, a transformation of all questions and every kind of understanding in relation to the old views. Thus, everywhere out in the world, there is already today, in a sense, a magnificent deepening of the questions.
[ 15 ] Was unsere Geistesbewegung will, ist die Beantwortung dieser Fragen. Diese Geistesbewegung ist davon überzeugt, daß diese Fragen, so wie sie gestellt sind, nicht durch die alten Traditionen, nicht durch die moderne Naturwissenschaft, nicht durch eine Weltanschauung, die nur mit den Faktoren der modernen Naturwissenschaft arbeitet, beantwortet werden können, sondern daß dazu Geisteswissenschaft, Forschung in den geistigen Welten, notwendig ist; mit anderen Worten, daß die Menschheit heute nach dem ganzen Hergang ihrer Entwickelung Fragen stellen muß, die nur durch die Forschung aus den übersinnlichen Welten heraus beantwortet werden können. Ganz langsam und allmählich traten auch aus dem abendländischen Geistesleben heraus diejenigen Dinge auf, welche wieder an die schönsten Überlieferungen des Orients anklangen. Sie wissen, daß immer dargelegt worden ist, wie aus dem abendländischen Geistesleben selbst heraus das Gesetz der Reinkarnation folgt und wie es ebensowenig als etwas Historisches aus dem Buddhismus übernommen zu werden braucht, wie etwa heute der pythagoreische Lehrsatz aus den geschichtlichen Überlieferungen übernommen zu werden braucht. Das ist immer betont worden. Aber dadurch, daß die Idee von der Reinkarnation in der modernen Seele auftauchte, war die Brücke gebaut zu dem, was über die charakterisierten drei Jahrtausende hinüberreicht; denn diese hatten die Lehre von der Reinkarnation eben nicht in den MittelPunkt ihres Denkens gestellt — bis auf die Gestalt des Buddha. Erweitert wurde eben der Horizont, erweitert wurde die Perspektive nach der Entwickelung der Menschheit hin über die drei Jahrtausende hinaus, und das zeitigte überall neue Fragen, Fragen, die nur aus der Geisteswissenschaft heraus beantwortet werden können.
[ 15 ] What our spiritual movement seeks is an answer to these questions. This spiritual movement is convinced that these questions, as they are posed, cannot be answered by the old traditions, nor by modern natural science, nor by a worldview that works solely with the factors of modern natural science, but that Spiritual Science—research into the spiritual worlds—is necessary for this; in other words, that humanity today, after the entire course of its development, must ask questions that can only be answered through research into the supersensible worlds. Very slowly and gradually, those elements emerged from Western spiritual life that once again resonated with the most beautiful traditions of the East. You know that it has always been explained how the law of reincarnation follows from Western spiritual life itself, and how it need not be adopted from Buddhism as a historical concept any more than, for example, the Pythagorean theorem needs to be adopted today from historical traditions. This has always been emphasized. But because the idea of reincarnation emerged in the modern soul, a bridge was built to what extends beyond the three millennia we have described; for these millennia had not placed the doctrine of reincarnation at the center of their thinking—with the exception of the figure of the Buddha. The horizon was broadened, the perspective on the development of humanity was expanded beyond the three millennia, and this gave rise everywhere to new questions—questions that can only be answered through Spiritual Science.
[ 16 ] Stellen wir gleich im Anfang die Frage, die sich ergibt aus dem Beginne dieses Evangeliums: daß gegeben werden soll in diesem Markus-Evangelium der «Beginn des Evangeliums von Jesu Christo». Und erinnern wir uns, daß gleich auf diese Eingangsworte folgt nicht nur die Charakteristik der alten Prophetenstelle, sondern die Ankündigung des Christus durch den Täufer Johannes, und daß diese Ankündigung durch den Täufer so charakterisiert wird, daß sie in die Worte gefaßt werden kann: Die Zeit ist erfüllt; das Reich des Göttlichen breitet sich herunter über das Erdendasein. Was heißt das alles?
[ 16 ] Let us ask right at the outset the question that arises from the beginning of this Gospel: that this Gospel of Mark is to present the “beginning of the Gospel of Jesus Christ.” And let us remember that these opening words are immediately followed not only by the characteristic passage from the ancient prophets, but also by the proclamation of Christ by John the Baptist, and that this proclamation by the Baptist is characterized in such a way that it can be summed up in the words: The time is fulfilled; the Kingdom of God is spreading down over earthly existence. What does all this mean?
[ 17 ] Versuchen wir einmal, in dem Lichte, wie es uns die moderne geisteswissenschaftliche Forschung geben kann, die Zeiten ein wenig an uns vorüberziehen zu lassen, welche die «Erfüllung» wie in ihrer Mitte enthalten. Versuchen wir zu verstehen, was es heißt: eine alte Zeit ist erfüllt, eine neue Zeit beginnt. Wir werden am leichtesten dafür Verständnis gewinnen, wenn wir den Blick hinlenken auf etwas, was in älteren Zeiten liegt, und dann auf etwas, was in den neueren Zeiten liegt, so daß zwischen den beiden Orten, auf die wir den Blick richten, gleichsam in der Mitte, das Mysterium von Golgatha liegt. Nehmen wir also etwas, was vor dem Mysterium von Golgatha liegt, und dann etwas, was nach demselben liegt, und versuchen wir, uns zu vertiefen in den Unterschied der Zeit, damit wir erkennen können, inwiefern eine alte Zeit sich erfüllt hat, inwiefern eine neue Zeit begonnen hat; und versuchen wir, uns dabei nicht in Abstraktionen zu ergehen, sondern das Konkrete ins Auge zu fassen.
[ 17 ] Let us try, in the light that modern Spiritual Science research can shed on the matter, to let the eras pass before us a little, eras that contain the “fulfillment” as if at their very center. Let us try to understand what it means: an old era is fulfilled, a new era begins. We will gain an understanding of this most easily if we direct our gaze to something that lies in earlier times, and then to something that lies in more recent times, so that between the two points to which we direct our gaze, as it were in the middle, lies the Mystery of Golgotha. Let us therefore take something that lies before the Mystery of Golgotha, and then something that lies after it, and let us try to delve into the difference in time, so that we may recognize to what extent an old era has been fulfilled, to what extent a new era has begun; and let us try not to indulge in abstractions, but to focus on the concrete.
[ 18 ] Da möchte ich Ihren Blick hinlenken auf etwas, was sozusagen dem ersten Jahrtausend der früheren Betrachtung der Menschheitsentwickelung angehört. Da ragt aus den ältesten Zeiten dieses ersten Jahrtausends zu uns herüber die Gestalt des Homer, des griechischen Dichters und Sängers. Kaum mehr als der Name ist sozusagen der Menschheit erhalten von demjenigen, dem diese beiden zu den größten Leistungen der Menschheit gehörigen Dichtungen zugeschrieben werden: Ilias und Odyssee; kaum mehr als der Name. Und sogar an diesen Namen sind arge Zweifel im 19. Jahrhundert angeknüpft worden. Darauf braucht hier nicht eingegangen zu werden. Wie eine Erscheinung, die man um so mehr bewundert, je mehr man sie kennenlernt, steht Homer vor uns. Und man darf sagen: Für den, der sich überhaupt mit solchen Dingen befaßt, stehen lebendiger als alle rein politischen Gestalten des Griechentums jene Gestalten vor unserer Scelc, die Homer geschaffen hat, die uns in der Ilias und Odyssee vorliegen. Es haben die verschiedensten Leute, wenn sie sich immer wieder auf Homer eingelassen haben, gesagt, daß aus der Präzision der Schilderung, aus der Art, wie er darstellt, man eigentlich bei ihm annehmen könne, daß er Arzt gewesen sein müsse. Andere meinen, cr müsse Künstler gewesen sein, Plastiker; ja, andere meinen, er müsse irgendwie Handwerker gewesen sein. Napoleon hat die Taktik, die Strategie in seiner Darstellung bewundert. Andere wiederum halten ihn für einen Bettler, der im Land herumzog. Wenn nichts anderes, so kommt doch durch diese verschiedenen Auffassungen die ganz eigenartige Individualität Homers heraus.
[ 18 ] I would like to draw your attention to something that belongs, so to speak, to the first millennium of earlier reflections on human development. From the earliest times of this first millennium, the figure of Homer, the Greek poet and singer, stands out before us. Hardly more than a name has been preserved for humanity, so to speak, of the man to whom these two works of poetry—among humanity’s greatest achievements—are attributed: the Iliad and the Odyssey; hardly more than a name. And even this name was the subject of serious doubt in the 19th century. There is no need to go into that here. Homer stands before us like a phenomenon that one admires all the more the more one gets to know it. And one may say: For anyone who concerns themselves with such matters at all, the figures created by Homer—which we find in the Iliad and the Odyssey—stand before our eyes more vividly than any purely political figures of Greek civilization. A wide variety of people, having repeatedly engaged with Homer, have said that from the precision of his description, from the way he portrays things, one might actually assume that he must have been a physician. Others believe he must have been an artist, a sculptor; indeed, others believe he must have been some kind of craftsman. Napoleon admired the tactics and strategy in his depictions. Still others regard him as a beggar who wandered the countryside. If nothing else, these various interpretations bring out Homer’s quite unique individuality.
[ 19 ] Nur eine seiner Gestalten sei jetzt herausgegriffen, die des Hektor. Ich bitte Sie, wenn Sie einmal Zeit haben, sehen Sie sich in der Iliade die Gestalt des Hektor an, wie er plastisch geschildert ist, wie er zugleich so geschildert ist, daß er abgerundet und abgeschlossen vor uns steht. Sehen Sie sich sein Verhältnis zu seiner Vaterstadt Troja an, wie er zu seiner Gattin Andromache steht, sein Verhältnis zu Achill, sein Verhältnis zum Heere und zur Heeresführung. Versuchen Sie, sich diesen Mann vor die Seele zu rufen, diesen Mann mit allen Weichheiten des Gatten, diesen Mann, der ganz im antiken Sinne an seiner Vaterstadt Troja hing, diesen Mann, der Täuschungen unterworfen sein konnte — ich bitte Sie, an das Verhältnis zu Achill zu denken —, wie es nur bei einem großen Menschen der Fall sein kann. Ein Mensch mit großer, mit umfassender Menschlichkeit steht in Hektor vor uns, wie ihn Homer schildert. So ragt er herüber aus uralten Zeiten — denn selbstverständlich ist das, was Homer schildert, seiner eigenen Zeit vorangegangen und steht dadurch noch mehr in dem Dunkel der Vergangenheit — und ragt so herüber als Gestalt, die, wie alle Gestalten des Homer, schon mythisch genug ist für den modernen Menschen. Auf diese eine Gestalt weise ich Sie hin. Es mögen Skeptiker und alle möglichen Philologen daran zweifeln, daß es einen Hektor gegeben hat, wie sie auch daran zweifeln, daß es einen Homer gegeben hat. Wer aber alles in Erwägung zieht, was aus rein Menschlichem heraus in Erwägung gezogen werden kann, der wird daraus die Überzeugung gewinnen, daß Homer nur Tatsachen schildert, die als solche bestanden haben, und daß auch Hektor eine Gestalt ist, die in Troja gewandelt ist, ebenso wie Achill und die anderen Gestalten. Wie wirkliche Gestalten des Erdendaseins stehen sie noch vor uns, und wir blicken zu ihnen hinüber wie zu Menschen ganz anderer Art, die heute nur noch schwer verständlich sind, die uns aber durch den Dichter in allen Einzelheiten vor die Seele treten können. Wir wollen eine solche Gestalt wie Hektor, der besiegt wird von Achill, einmal als wirkliche Gestalt eines der hauptsächlichen trojanischen Heerführer uns vor die Seele stellen. Wir haben in einer solchen Gestalt so recht etwas, was der vorchristlichen Zeit der Menschheit angehört, woran man ermessen kann, wie die Menschen dieser Zeit waren, als der Christus noch nicht gelebt hatte.
[ 19 ] Let us now focus on just one of his characters: Hector. I ask you, when you have a moment, to look at the character of Hector in the *Iliad*, to see how vividly he is portrayed, and how he is depicted in such a way that he stands before us as a fully rounded and complete figure. Look at his relationship to his hometown of Troy, how he relates to his wife Andromache, his relationship to Achilles, his relationship to the army and to military leadership. Try to conjure this man before your mind’s eye, this man with all the tenderness of a husband, this man who was deeply attached to his hometown of Troy in the ancient sense, this man who could be subject to delusions—I ask you to think of his relationship with Achilles—as can only be the case with a great man. A man of great, of comprehensive humanity stands before us in Hector, as Homer depicts him. Thus he looms out of ancient times—for of course what Homer describes predates his own time and thus stands even more in the mists of the past—and looms out as a figure who, like all of Homer’s figures, is already mythical enough for modern man. I draw your attention to this one figure. Skeptics and all manner of philologists may doubt that there ever was a Hector, just as they doubt that there ever was a Homer. But anyone who considers everything that can be considered from a purely human perspective will come to the conviction that Homer describes only facts that existed as such, and that Hector, too, is a figure who walked in Troy, just like Achilles and the other figures. They still stand before us as real figures of earthly existence, and we look upon them as people of a completely different kind, who are difficult to understand today, but who, through the poet, can appear before our minds in every detail. Let us once imagine a figure such as Hector, who is defeated by Achilles, as a real figure of one of the principal Trojan commanders. In such a figure we truly have something that belongs to the pre-Christian era of humanity, by which one can gauge what people of that time were like, when Christ had not yet lived.
[ 20 ] Ich lenke Ihren Blick weiter hin zu einer anderen Gestalt, zu einer Gestalt des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, zu einem großen Philosophen, der einen großen Teil seines Lebens auf Sizilien verbracht hat, zu einer merkwürdigen Gestalt, zu Empedokles. Nicht nur ist er derjenige, der zuerst gesprochen hat von den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft, Erde, davon, daß alles, was im Stofflichen geschieht, durch Vermischung und Entmischung dieser vier Elemente vor sich geht nach den Prinzipien von Haß und Liebe, die in diesen Elementen walten, sondern der vor allem in der Weise auf Sizilien gewirkt hat, daß er bedeutsame staatliche Einrichtungen ins Leben gerufen hat, der herumgezogen ist und die Leute zum geistigen Leben hingeführt hat. in abenteuerliches ebensosehr wie ein tief geistiges Leben ist es, auf das wir zurückblicken, wenn wir auf Empedokles hinschauen. Mögen es andere bezweifeln, die Geisteswissenschaft weiß es, daß Empedokles ebenso auf Sizilien gewandelt ist als Staatsmann, als Eingeweihter, als Magier, wie Hektor in Troja gewandelt ist, so wie ihn Homer uns schildert. Und um die merkwürdige Stellung des Empedokles zur Welt zu charakterisieren, tritt uns die Tatsache entgegen, die nicht erfunden ist, die wahr ist, daß er dadurch endete — um sich zu vereinigen mit allem Dasein, das ihn umgab —, daß er sich in den Ätna stürzte und im Feuer des Ätna verbrannte. So steht eine zweite Gestalt der vorchristlichen Zeit vor uns.
[ 20 ] I would now like to direct your attention to another figure, a figure from the fifth century B.C., a great philosopher who spent much of his life in Sicily, a remarkable figure: Empedocles. Not only is he the one who first spoke of the four elements—fire, water, air, earth, and of the fact that everything that happens in the material world takes place through the mixing and separating of these four elements according to the principles of hatred and love that reign within them, but he is also the one who, above all, made his mark in Sicily by establishing significant state institutions, traveling about, and guiding people toward a spiritual life. It is a life as adventurous as it is deeply spiritual that we look back upon when we consider Empedocles. Let others doubt it; Spiritual Science knows that Empedocles walked in Sicily as a statesman, an initiate, and a magician, just as Hector walked in Troy, as Homer describes him to us. And to characterize Empedocles’s remarkable relationship to the world, we are confronted by the fact—which is not invented, but true—that he ended his life by throwing himself into Mount Etna and burning in its fire, thereby uniting with all existence that surrounded him. Thus stands before us a second figure from the pre-Christian era.
[ 21 ] Betrachten wir nun mit den Mitteln der modernen Geisteswissenschaft solche Gestalten. Da wissen wir zunächst, daß solche Gestalten wieder auftreten werden, daß die Seelen wiederkommen. Wir wollen von Zwischeninkarnationen absehen und wollen sie irgendwie suchen in der nachchtristlichen Zeit; dann haben wir etwas von der Veränderung der Zeit, etwas von dem, was uns verständlich machen kann, wie das Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwickelung eingeschlagen hat. Wenn man sagen kann: Solche Gestalten wie Hektor, wie Empedokles sind wiedererschienen; wie wandeln sie in der nachchristlichen Zeit unter den Menschen? — dann hat man sich den Einschlag des Mysteriums von Golgatha, die Erfüllung und den Neubeginn der Zeit eben an den Seelen einmal veranschaulicht. Wir brauchen, da wir als ernste Anthroposophen hier zusammenkommen, nicht mehr zurückzuschrecken vor den Mitteilungen der wirklichen geistigen Wissenschaft, die eben geprüft werden kann an dem, was äußerlich vorliegt.
[ 21 ] Let us now examine such figures using the methods of modern Spiritual Science. We know, first of all, that such figures will reappear, that the souls will return. Let us set aside the question of in-between incarnations and seek them, in a sense, in the post-Christian era; then we gain some understanding of the transformation of time, some insight into what can help us grasp how the Mystery of Golgotha has impacted human evolution. If one can say: Figures such as Hector and Empedocles have reappeared; how do they walk among humanity in the post-Christian era? — then one has illustrated for oneself the impact of the Mystery of Golgotha, the fulfillment and the new beginning of time, precisely in the souls. Since we gather here as serious anthroposophists, we need no longer shy away from the insights of true spiritual science, which can indeed be tested against what is outwardly present.
[ 22 ] Ich möchte auf etwas anderes noch Ihren Blick lenken, auf etwas, was sich in der nachchristlichen Zeit vollzogen hat. Man kann ja wieder sagen, man hätte es mit einer dichterischen Gestalt zu tun. Aber diese «dichterische Gestalt» geht eben auf eine wirkliche Persönlichkeit zurück, die im Leben gestanden hat. Ich lenke Ihren Blick auf die Gestalt, die Shakespeare geschaffen hat in seinem Hamlet. Wer die Grundgestalt Shakespeares kennt, soweit man sie äußerlich kennenlernen kann, insbesondere aber, wer sie aus der Geisteswissenschaft kennt, der weiß, daß der Hamlet Shakespeares nur der umgestaltete wirkliche Dänenprinz war, der auch einmal gelebt hat. Die Gestalt Hamlet, die Shakespeare geschaffen hat, hat wirklich gelebt. Ich kann mich jetzt nicht darauf einlassen, zu zeigen, wie die historische Gestalt der dichterischen Figur des Shakespeare zugrunde liegt. Aber auf das geisteswissenschaftliche Resultat möchte ich mich einlassen, möchte Ihnen hier an einem eklatanten Fall zeigen, wie ein Geist des Altertums im nachchristlichen Zeitalter wieder auftaucht. Die wirkliche Gestalt, die dem zugrunde liegt, was Shakespeare als Hamlet gestaltet hat, ist Hektor. Dieselbe Seele lebte in Hamlet, die in Hektor lebte. Gerade an einem solchen charakteristischen Beispiele, wo die Verschiedenheit des Sichdarlebens der Seele eklatant hervortritt, kann man sich klarmachen, was eigentlich in der Zwischenzeit geschehen ist. Eine Persönlichkeit wie die des Hektor steht vor uns auf der einen Seite in der vorchristlichen Zeit. Hinein schlägt in die Menschheitsentwickelung das Mysterium von Golgatha, und der Funke, der in die Seele des Hektor hineinschlägt, läßt in ihr erstehen das Urbild des Hamlet, von dem Goethe gesagt hat: eine Seele, die keiner Lage gewachsen ist, und der auch keine genügt, der eine Aufgabe zugewiesen ist, die sie aber nicht erfüllen kann. Man kann fragen: Warum drückte es Shakespeare so aus? Er wußte es nicht. Wer aber durch die Geisteswissenschaft in diese Zusammenhänge hineinblickt, der weiß, welche Kräfte dahinterstanden. Der Dichter schafft im Unbewußten, weil gleichsam zuerst vor ihm steht die Gestalt, die er schafft, und dann wie ein Tableau — wovon er aber nichts weiß — die ganze Individualität, die damit verknüpft ist. Warum hebt Shakespeare gerade besondere Charaktereigenschaften des Hamlet hervor und betont sie ganz scharf, die vielleicht kein zeitgenössischer Beobachter an der Gestalt des Hamlet bemerkt haben würde? Weil er sie auf dem Hintergrunde der Zeit beobachtet: Er fühlt, wie anders eine Seele geworden ist beim Übergang vom alten Leben in das neue. Der Zweifler, der Skeptiker Hamlet, der sich in den Lagen des Lebens nicht auskennt, der Zauderer, der ist zunächst geworden aus dem treffsicheren Hektor.
[ 22 ] I would like to draw your attention to something else, something that took place in the post-Christian era. One might again say that we are dealing with a fictional character. But this “fictional character” is actually based on a real person who lived in history. I draw your attention to the figure Shakespeare created in his Hamlet. Anyone familiar with Shakespeare’s basic character—as far as one can know him externally, but especially those who know him through Spiritual Science—knows that Shakespeare’s Hamlet was merely the transformed real Danish prince who once lived. The character of Hamlet that Shakespeare created really lived. I cannot go into detail now to show how the historical figure underlies Shakespeare’s poetic character. But I would like to address the result of Spiritual Science, and show you here, using a striking example, how a spirit of antiquity reemerges in the post-Christian era. The real figure underlying what Shakespeare shaped as Hamlet is Hector. The same soul lived in Hamlet that lived in Hector. It is precisely through such characteristic examples, where the diversity of the soul’s self-expression stands out strikingly, that one can grasp what has actually happened in the intervening period. A personality like that of Hector stands before us, on the one hand, in the pre-Christian era. The Mystery of Golgotha strikes into the development of humanity, and the spark that strikes into Hector’s soul gives rise within him to the archetype of Hamlet, of whom Goethe said: a soul that is not equal to any situation, and for whom no situation is sufficient; a soul to whom a task is assigned, but which it cannot fulfill. One might ask: Why did Shakespeare express it this way? He did not know. But whoever looks into these connections through Spiritual Science knows what forces lay behind them. The poet creates in the unconscious, because, as it were, the figure he creates stands before him first, and then—like a tableau of which he knows nothing—the entire individuality associated with it. Why does Shakespeare single out certain character traits of Hamlet and emphasize them so sharply—traits that perhaps no contemporary observer would have noticed in the figure of Hamlet? Because he observes them against the backdrop of time: he senses how different a soul has become in the transition from the old life to the new. The doubter, the skeptic Hamlet, who is unfamiliar with the situations of life, the procrastinator—he has, at first, emerged from the unerring Hector.
[ 23 ] Ich lenke Ihren Blick auf eine andere Gestalt der neueren Zeit, die wieder zunächst durch das dichterische Bild an die Menschen herangetreten ist, durch eine Dichtung, deren Hauptgestalt in der Menschheit gewiß noch lange leben wird, wenn der Dichter selbst für die Nachwelt nur noch ebenso dastehen wird wie heute Homer und Shakespeare, in der Weise, daß man von dem einen gar nichts, von dem anderen furchtbar wenig weiß. Man wird längst vergessen haben, was die Notizensammler und Biographen von Goethe mitteilen, man wird längst vergessen haben, wofür sich heute die Menschen so sehr bei Goethe interessieren, trotz Buchdruckerkunst und der anderen modernen Mittel, wenn noch dastehen wird in lebendiger Größe und lebendiger Plastik die Faustgestalt, die Goethe geschaffen hat. Wie die Menschen von Homer nichts wissen, von Hektor und Achill aber sehr viel, so werden sie einstmals nicht viel wissen von der Persönlichkeit Goethes — und das wird gut sein —, aber sie werden immer wissen von dem Faust.
[ 23 ] I would like to draw your attention to another figure of modern times who, once again, first approached people through the poetic image—through a work of poetry whose central character will certainly live on in humanity for a long time to come, even if the poet himself will be remembered by posterity in much the same way as Homer and Shakespeare are today: in such a way that we know nothing at all about one and terribly little about the other. People will long since have forgotten what the collectors of anecdotes and biographers of Goethe have to say; they will long since have forgotten what it is that interests people so much about Goethe today, despite the art of printing and other modern means, if the Faust figure that Goethe created still stands in living grandeur and vivid plasticity. Just as people know nothing of Homer but very much of Hector and Achilles, so will they one day know little of Goethe’s personality—and that will be a good thing—but they will always know of Faust.
[ 24 ] Faust ist nun wieder eine solche Gestalt, die, so wie sie uns in der Literatur und dann bei Goethe wie in einer Art von Abschluß entgegenttritt, zurückführt auf eine reale Gestalt. Er hat als eine Gestalt des 16. Jahrhunderts gelebt, er war da; war nicht so da, wie ihn Goethe in seiner Faustfigur schildert. Aber warum schildert ihn Goethe so? Goethe wußte es selber nicht. Aber wenn er den Blick hinlenkte auf den Faust, wie er überliefert war, den er schon vom Puppenspiel aus seiner Kanabenzeit her kannte, so wirkten in ihm Kräfte von dem, was hinter dem Faust stand, was eine vorhergehende Inkarnation des Faust war: Empedokles, der alte griechische Philosoph. Das alles strahlte herein in die Gestalt des Faust. Und man möchte sagen: Wenn Empedokles sich in den Ätna stürzt, sich mit dem Feuerelement der Erde verbindet, welch wunderbare Vergeistigung, welch wunderbare Spiritualisierung dieser, man möchte sagen, vorchristlichen Naturmystik, die so zur Tatsache wird, ist das Schlußtableau des Goetheschen «Faust», das Aufsteigen des Faust in das Feuerelement des Himmels durch den Pater Seraphicus und so weiter! Langsam und allmählich lebt sich eine ganz neue Geistestichtung herein in dem, was die Menschen tiefer erstreben. Lange Zeit schon begann die Tatsache sich geltend zu machen für die tieferen Geister der Menschheit, ohne daß sie von Reinkarnation und Karma etwas wußten, daß, wenn sie eine Seele betrachteten, die umfassend war, die sie schildern wollten aus den Grundfesten ihres inneren Lebens heraus, sie das schilderten, was aus den früheren Inkarnationen herüberleuchtet. Wie Shakespeare Hamlet so schilderte, wie wir ihn kennen, obwohl er nichts davon wußte, daß in Hektor und Hamlet dieselbe Seele lebte, so schilderte Goethe den Faust, wie wenn dahinter die Seele des Empedokles mit allen ihren Sonderbarkeiten stände, weil eben in Faust die Seele des Empedokles war. Aber charakteristisch ist es, daß so der Fortgang und der Fortschritt des Menschengeschlechtes ist.
[ 24 ] Faust is once again one of those figures who, as he appears to us in literature and then in Goethe’s work as a kind of culmination, leads us back to a real person. He lived as a figure of the 16th century; he was there—though not in the way Goethe depicts him in his Faust character. But why does Goethe portray him that way? Goethe himself did not know. But when he turned his gaze to Faust as he had been handed down—whom he already knew from the puppet plays of his youth—forces began to work within him from what lay behind Faust, from what was a previous incarnation of Faust: Empedocles, the ancient Greek philosopher. All of this shone into the figure of Faust. And one might say: When Empedocles throws himself into Mount Etna, uniting himself with the fire element of the earth—what a wonderful spiritualization, what a wonderful spiritual elevation of this, one might say, pre-Christian nature mysticism, which thus becomes a reality—that is the final tableau of Goethe’s *Faust*, the ascent of Faust into the fire element of heaven through the Pater Seraphicus, and so on! Slowly and gradually, a whole new spiritual creation is taking shape in what people strive for on a deeper level. For a long time now, the fact has been asserting itself for the deeper spirits of humanity, without their knowing anything of reincarnation and karma, that when they contemplated a soul that was all-encompassing, which they wished to portray from the very foundations of their inner life, they were portraying what shines through from earlier incarnations. Just as Shakespeare portrayed Hamlet as we know him, even though he knew nothing of the fact that the same soul lived in Hector and Hamlet, so Goethe portrayed Faust as if the soul of Empedocles, with all its peculiarities, stood behind him, because the soul of Empedocles was indeed present in Faust. But it is characteristic that this is the course and progress of the human race.
[ 25 ] Zwei charakteristische Gestalten habe ich herausgehoben, an denen beiden wir sehen können, wie die antiken Größen in der modernen nachchristlichen Zeit in ihrer tiefsten Seele so erschüttert dastehen, daß sie sich nur schwer im Leben zurechtfinden können. Alles ist in ihnen, was früher in ihnen war. Man fühlt, wenn man zum Beispiel Hamlet auf sich wirken läßt, wie die ganze Kraft des Hektor in ihm ist. Aber man fühlt, daß diese Kraft in der nachchristlichen Zeit nicht herauskommen kann, daß sie zunächst Widerstände findet in der nachchristlichen Zeit, daß da etwas auf die Seele gewirkt hat, was ein Anfang ist, während man es früher bei den Gestalten, die einem im Altertum entgegentreten, mit einem Ende zu tun hat. Sowohl Hektor wie Empedokles sind ein Abschluß. Plastisch abgeschlossen stehen sie vor uns. Was aber in der Menschheit weiterwirkt, das muß neue Wege finden in die neuen Inkarnationen hinein. So bei Hektor in Hamlet, so bei Empedokles in Faust, der alles, was abgründiges Streben nach den Naturtiefen ist, der das ganze empedokleische Element in sich hat, der allein durch dieses tiefgründige Wesen sagen kann: Ich will die Bibel eine Weile unter die Bank legen, will sein ein Naturforscher und Mediziner und will kein Theologe mehr sein; der ein Bedürfnis hatte, mit dämonenartigen Wesenheiten umzugehen, was ihn herumschweifen läßt durch die Welt, was ihn bestaunen, aber unverstanden sein läßt. Da wirkt das empedokleische Element nach, aber es findet sich nicht zurecht mit dem, was der Mensch sein muß, nachdem eine neue Zeit hereingebrochen ist.
[ 25 ] I have singled out two characteristic figures through whom we can see how the great figures of antiquity, in the modern post-Christian era, are so deeply shaken in their very souls that they find it difficult to find their way in life. Everything that was once within them is still there. When one allows Hamlet, for example, to take effect upon oneself, one feels how all the power of Hector is within him. But one feels that this power cannot emerge in the post-Christian era, that it initially encounters resistance in the post-Christian era, that something has acted upon the soul there that is a beginning, whereas in the figures we encounter in antiquity, we are dealing with an end. Both Hector and Empedocles represent a conclusion. They stand before us as vividly complete figures. But what continues to work within humanity must find new paths into the new incarnations. So with Hector in Hamlet, so with Empedocles in Faust, who embodies all that is an abysmal striving for the depths of nature, who possesses the entire Empedoclean element within himself, who alone, through this profound nature, can say: I will put the Bible under the bench for a while, I will be a naturalist and a physician, and I will no longer be a theologian; he who had a need to deal with demonic beings, which causes him to roam the world, which leaves him in awe but also in bewilderment. Here the Empedoclean element continues to exert its influence, but it cannot find its place in what a human being must be now that a new era has dawned.
[ 26 ] Ich wollte durch diese Auseinandersetzung zeigen, wie an bedeutenden Seelen, an Seelen, über die sich jeder informieren kann, ein gewaltiger Umschwung sich zeigt, daß gerade dann, wenn man in die Tiefen hineingeht, dieser gewaltige Umschwung sich zeigt. Und wenn man fragt: Was ist geschehen zwischen den alten Inkarnationen und den neuen Inkarnationen einer solchen Individualität? — so bekommt man immer zur Antwort: Das Mysterium von Golgatha, dasjenige, was der Täufer ankündigte, indem er sagte: Die Zeit ist erfüllt, die Reiche des Geistes — oder die Reiche der Himmel — gehen in das Menschenteich über. Ja, sie ergriffen gewaltig dieses Menschenreich, die Reiche der Himmel! Und diejenigen, welche dieses Ergreifen äußerlich nehmen, können es eben nicht verstehen. Sie ergriffen es so gewaltig, daß in sich gediegene, kompakte antike Größen neu beginnen mußten mit der Evolution auf der Erde, daß sich gerade an ihnen zeigt bis zum Abschluß der alten Zeit, bis zum Mysterium von Golgatha hin: da ist etwas abgelaufen, was seine Erfüllung gefunden hat, was die Menschen so hinstellt, daß sie vor uns stehen als in sich gerundete Persönlichkeiten. Dann aber trat etwas ein, was notwendig machte in den Seelen, daß sie einen neuen Anfang mit sich selber machten, daß alles neugestaltet, umgegossen werden mußte und daß uns Seelen, die groß waren, wie Seelen erscheinen, die klein sind, weil sie umwandeln müssen die Seele zur Kindheit, weil etwas ganz Neues beginnt. Das ist es, was wir uns in die Seele schreiben müssen, wenn wir verstehen wollen, was gleich im Beginne des Markus-Evangeliums gemeint ist: ein «Anfang». Ja, ein Anfang, der die Seelen in ihrem tiefsten Wesen erschüttert, der einen ganz neuen Impuls hereinbringt in die Menschheitsentwickelung, ein «Anfang des Evangeliums».
[ 26 ] Through this discussion, I wanted to show how a tremendous transformation manifests itself in significant souls—souls about whom anyone can learn—and that this tremendous transformation becomes evident precisely when one delves into the depths. And if one asks: What has happened between the old incarnations and the new incarnations of such an individual? — one always receives the answer: The Mystery of Golgotha, that which John the Baptist announced when he said: The time is fulfilled; the realms of the Spirit—or the realms of the heavens—are passing into the human realm. Yes, the realms of heaven seized this human realm with tremendous force! And those who view this seizure from the outside simply cannot understand it. They seized it so powerfully that the solid, compact, ancient figures had to begin anew with evolution on Earth, so that it is precisely in them that we see, up to the end of the old age, up to the Mystery of Golgotha: something has come to an end that has found its fulfillment, which places human beings in such a way that they stand before us as personalities complete in themselves. But then something occurred that made it necessary for souls to make a new beginning with themselves, that everything had to be reshaped and recast, and that souls who were great appear to us as souls who are small, because they must transform the soul into childhood, because something entirely new is beginning. This is what we must inscribe in our souls if we are to understand what is meant right at the beginning of the Gospel of Mark: a “beginning.” Yes, a beginning that shakes the souls to their very core, that brings a completely new impulse into the development of humanity, a “beginning of the Gospel.”
[ 27 ] Was ist das «Evangelium »? Es ist das, was herunterkommt aus den Reichen, die wir öfter in den Hierarchien der höheren Wesenheiten beschrieben haben, wo die Angeloi, die Archangeloi sind, was heruntersteigt durch die Welt, die sich erhebt über der Menschenwelt. Da gewinnt man die Perspektive auf einen tieferen Sinn des Wortes Evangelium. Ein Impuls, der heruntersteigt durch das Reich der Archangeloi, der Angeloi, ist das Evangelium; es ist das diesen Reichen Entsteigende, das in die Menschheit eintritt. Alle abstrakten Übersetzungen treffen im Grunde genommen nur wenig die Sache. In Wahrheit soll schon in dem Worte Evangelium angedeutet werden, daß in einem Zeitpunkt etwas beginnt auf die Erde niederzufließen, was früher nur dort geströmt hat, wo die Angeloi und die Archangeloi sind, was heruntergekommen ist auf die Erde, was hier die Seelen durchrüttelt, und die stärksten Seelen gerade am meisten. Und der Beginn, der also eine Fortsetzung hat, der wird verzeichnet. Das heißt, das Evangelium dauert fort. Es ist der Anfang gemacht in der damaligen Zeit, und im Grunde genommen werden wir sehen, daß die ganze Menschheitsentwickelung seit jener Zeit eine Fortsetzung des Beginns ist des Herunterfließens des Impulses aus dem Reiche der Angeloi, den man Evangelium nennen kann.
[ 27 ] What is the “Gospel”? It is that which descends from the realms we have often described in the hierarchies of higher beings—where the Angeloi and Archangeloi dwell—and which descends through the world that rises above the human world. There one gains a perspective on a deeper meaning of the word “Gospel.” An impulse that descends through the realm of the Archangels, the Angels, is the Gospel; it is that which arises from these realms and enters into humanity. All abstract translations, in essence, capture very little of the essence of the matter. In truth, the very word “Gospel” is meant to suggest that at a certain point something begins to flow down to Earth that previously flowed only where the angels and archangels are, that has come down to Earth, that stirs the souls here—and the strongest souls most of all. And this beginning, which thus has a continuation, is recorded. That is to say, the Gospel continues. The beginning was made in that time, and essentially we will see that the entire development of humanity since that time is a continuation of the beginning of the downflow of the impulse from the realm of the angels, which can be called the Gospel.
[ 28 ] Man kann nicht tief genug suchen und forschen, wenn man die einzelnen Evangelien charakterisieren will, und gerade am MarkusEvangelium wird sich uns zeigen, wie es nur verstanden werden kann, wenn man im rechten Sinne die Menschheitsentwickelung begreift mit allen ihren Impulsen, mit alledem, was in ihrem Verlaufe geschehen ist. Nicht äußerlich wollte ich Ihnen das charakterisieren, sondern ich wollte es Ihnen an den Seelen charakterisieren und zeigen, wie eigentlich erst die Anerkennung der Tatsache der Reinkarnation, die, wenn sie zur wirklichen Forschung wird, uns den Werdegang einer Seele wie der des Hektor oder des Empedokles zeigt, uns die ganze Bedeutung des Impulses, der durch das Christus-Ereignis kam, vor die Seele führen kann. Sonst kann man sehr schöne Dinge vorbringen, bleibt aber doch nur an der Oberfläche haften. Was aber hinter allem äußeren Geschehen der Christus-Impuls war, das zeigt sich eigentlich nur dadurch, daß man mit der Geistesforschung in das Tiefere der Menschenseele hineinleuchtet, daß man nicht nur erkennt, wie das Leben als einzelnes sich vollzieht, sondern in der Aufeinanderfolge der Inkarnationen. Man muß mit der Idee der Reinkarnation Ernst machen, muß sie wirklich so in die Geschichte einführen, daß sie zum belebenden Element der Geschichte wird, dann wird sich schon zeigen die Wirkung des größten Impulses, des Ereignisses von Golgatha. Und besonders in den Seelen wird sich der Impuls zeigen, den wir schon öfter beschrieben haben.
[ 28 ] One cannot delve deeply enough into the study of the individual Gospels; and it is precisely the Gospel of Mark that will reveal to us how it can only be understood if one grasps human evolution in the proper sense—with all its impulses and everything that has occurred in its course. I did not wish to characterize this for you in an external way, but rather to characterize it for you in terms of the soul and to show how it is only through the recognition of the fact of reincarnation—which, when it becomes genuine research, reveals to us the life course of a soul such as that of Hector or Empedocles—that the full significance of the impulse brought about by the Christ event can be brought before our souls. Otherwise, one can present very beautiful things, but one remains stuck only on the surface. But what the Christ impulse was behind all external events is actually revealed only by shining into the depths of the human soul through spiritual research, by recognizing not only how life unfolds as an individual existence, but also in the succession of incarnations. One must take the idea of reincarnation seriously; one must truly introduce it into history in such a way that it becomes a vitalizing element of history. Then the effect of the greatest impulse—the event of Golgotha—will become evident. And this impulse, which we have described many times before, will manifest itself especially in the souls.
