Das Markus-Evangelium
GA 139
16 September 1912, Basle
Erster Vortrag
[ 1 ] Bekannt ist, daß das Markus-Evangelium mit den Worten beginnt: «Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesu Christo.»
[ 2 ] Für denjenigen, der in unserer Gegenwart nach einem Verständnis dieses Markus-Evangeliums sucht, müssen schon diese allerersten Worte eigentlich drei Rätsel enthalten. Das erste Rätsel ist dasjenige, das in den Worten liegt: «Dies ist der Anfang ...» Wovon der Anfang? Wie kann dieser Anfang verstanden werden? Das zweite Rätsel ist: «... der Anfang des Evangeliums ...» Was ist im anthroposophischen Sinne das Wort Evangelium? Das dritte Rätsel ist nun dasjenige, wovon wir oftmals gesprochen haben: die Gestalt des Christus Jesus selber.
[ 3 ] Demjenigen, der ernsthaft nach Erkenntnis und nach Vertiefung seines eigenen Selbstes sucht, muß schon einmal klar sein, daß die Menschheit in einer Entwickelung, in einem Fortschritt begriffen ist, und daß daher das Verständnis dieser oder jener Sache, dieser oder jener Offenbarung ebenfalls nichts Ständiges, nichts in irgendeinem Zeitraume Abgeschlossenes ist, sondern daß dieses Verständnis fortschreitet; so daß im Grunde genommen die tiefsten Dinge der Menschheit für den, der es mit den Worten Entwickelung und Fortschritt ernst nimmt, notwendigerweise erfordern, daß sie mit fortschreitender Zeit auch immer besser, gründlicher, tiefer verstanden werden können. Für so etwas wie das Markus-Evangelium ist eigentlich — und wir werden das an den drei ersten eben genannten Rätseln erhärten — ein gewisser Wendepunkt des Verständnisses erst in unserer Zeit gekommen, und langsam und allmählich, aber deutlich hat sich vorbereitet, was jetzt zum wahrhaften Verständnis dieses MarkusEvangeliums führen kann, führen kann schon dazu, zu verstehen, was es heißt: das Evangelium beginnt. Warum ist dies der Fall?
[ 4 ] Wir brauchen nur ein wenig auf das zurückzublicken, was die Gemüter vor verhältnismäßig noch kurzer Zeit erfüllen konnte, und man wird schon sehen, wie sich die Art des Verständnisses geändert haben kann, ja, wie sie sich geändert haben muß in bezug auf eine solche Sache. Wir können zurückgehen hinter das 19. Jahrhundert und werden finden, daß wir, ins 18., 17. Jahrhundert zurückgehend, uns immer mehr einer Zeit nähern, in welcher diejenigen Menschen, welche es überhaupt in ihrem Geistesleben mit den Evangelien zu tun hatten, von ganz anderen Grundlagen des Verständnisses ausgehen konnten als die heutige Menschheit. Was konnte sich ein Mensch des 18. Jahrhunderts sagen, wenn er sich hineinstellen wollte in den Gesamtentwickelungsprozeß der Menschheit, wenn er nicht zu denjenigen gehörte — und das waren ja in den verflossenen Jahrhunderten sehr wenige —, die auf irgendwelchem Wege zusammenhingen mit der oder jener Einweihung, mit der oder jener okkulten Offenbarung, wenn er also im Leben stand und in sich aufgenommen hatte, was das äußere exoterische Leben bietet? Selbst die Allergebildetsten, die auf dem Höhepunkt der Zeitbildung standen, übersahen ja nicht mehr als, man könnte sagen, das Leben der Menschheit durch drei Jahrtausende, davon ein Jahrtausend — aber so, daß sich dieses schon in einem gewissen Nebeldunkel verlor — vor der christlichen Zeitrechnung und zwei nicht ganz, aber ungefähr erfüllte Jahrtausende seit der Begründung des Christentums. Drei Jahrtausende übersah er. Wenn man in dieses erste Jahrtausend zurückblickte, traten einem entgegen wie eine ganz mythisch dunkle Vorgeschichte der Menschheit die Zeiten des alten Persien. Dies und was sonst noch an einigen, man möchte sagen, Kenntnissen des alten ägyptischen Wesens da war, das galt als vorangegangen dem, was die eigentliche Geschichte ausmachte, die da begann mit dem Griechentum.
[ 5 ] Dieses Griechentum bildete gewissermaßen die Grundlage der eigentlichen Zeitbildung, und alle, die tiefer hineinsehen wollten in das Menschenleben, gingen von dem Griechentum aus. Und innerhalb des Griechentums erschien alles, was über die urälteste Zeit dieses Volkes und seiner Menschheitsarbeit von Homer, von den griechischen Tragikern, von den griechischen Schriftstellern überhaupt stammt. Dann sah man, wie allmählich das Griechentum sich sozusagen zur Neige begab, wie es äußerlich von dem Römertum überwuchert wurde. Aber nur äußerlich, denn im Grunde genommen überwand das Römertum nur politisch das Griechentum, in Wirklichkeit aber nahm es griechische Bildung, griechische Kultur, griechisches Wesen an. So daß man auch sagen könnte: Politisch haben die Römer gesiegt über die Griechen, geistig haben die Griechen gesiegt über die Römer. Und während dieses Prozesses, wo das Griechentum geistig besiegte das Römertum, wo es durch Hunderte und aber Hunderte von Kanälen das, was es geleistet hatte, ins Römertum ergoß, von dem aus es wieder in alle übrige Kultur, in die Welt strömte, während dieses Prozesses strömte das Christentum in diese griechisch-römische Kultur hinein, ergoß sich immer mehr und mehr in sie und erfuhr eine wesentliche Umgestaltung, als die nordisch-germanischen Völker sich an dem Fortschritt dieser griechisch-römischen Kultur beteiligten. Mit diesem Ineinanderfließen von Griechentum, Römertum und Christentum verging das zweite Jahrtausend der Menschheitsgeschichte für den Menschen des 18. Jahrhunderts, das erste christliche Jahrtausend.
[ 6 ] Dann sehen wir, wie das zweite christliche Jahrtausend — das dritte der Menschheitskultur für den Menschen des 18. Jahrhunderts — beginnt. Wir sehen, wie, trotzdem scheinbar alles in gleicher Art fortgeht, doch in diesem dritten Jahrtausend alles anders geht, wenn wir die Dinge tiefer erfassen. Man braucht nur zwei Gestalten heranzuziehen, einen Maler und einen Dichter, die, wenn sie auch erst ein paar Jahrhunderte nach der Jahrtausendwende auftreten, dennoch im wesentlichen zeigen, wie mit dem zweiten christlichen Jahrtausend wesentlich Neues begann für die abendländische Kultur, was dann wieder weiterwirkte. Diese zwei Gestalten sind Giotto und Dante, Giotto als Maler, Dante als Dichter. Für alles, was dann folgte, bilden diese zwei Gestalten den Anfang. Und was sie gaben, das wurde zur weiteren Bildung der abendländischen Kultur. — Das waren die drei Jahrtausende, die man übersah.
[ 7 ] Aber nun kam das 19. Jahrhundert. Heute ist es nur dem, der tiefer hineinblicken will in die ganze Bildung der Zeitkultur, möglich, zu überschauen, was im 19. Jahrhundert alles geschah, was alles anders werden mußte. In den Gemütern, in den Seelen ist das alles darinnen; zum Verständnis bringen es sich heute erst ganz wenige. Die Perspektive der Menschen des 18. Jahrhunderts ging also nur zurück bis ins Griechentum; die vorgriechische Zeit war etwas Unbestimmtes. Was während des 19. Jahrhunderts geschah, was wenige verstanden, was heute noch wenig gewürdigt wird, das ist, daß der Orient, und zwar in einer ganz intensiven Weise, sich in die abendländische Kultur hereinstellte. Dieses Hereinstellen des Orients in einer ganz eigenartigen Weise ist es, was wir ins Auge fassen müssen für die Umwandlung, die mit der Bildung des 19. Jahrhunderts geschah. Im Grunde genommen warf dieses Eindringen des Orients Schatten und Lichter auf alles, was in die Bildung allmählich einfloß und immer mehr und mehr einfließen wird, was ein neues Verständnis erfordern wird der Dinge, welche die Menschheit bis dahin in ganz anderer Weise verstanden hat.
[ 8 ] Wenn man einzelne Gestalten und Individualitäten betrachtet, welche auf die Bildung des Abendlandes gewirkt haben, und in denen man so ziemlich alles finden kann, was ein Mensch des beginnenden 19. Jahrhunderts in seiner Seele trug, wenn er sich um das Geistesleben kümmerte, so kann man anführen David, Homer, Dante, Shakespeare und den eben in das Leben eindringenden Goethe. Die künftige Geschichtsschreibung wird sich für die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert ganz klar darüber sein, daß der Geistesgehalt der Menschen dieser Zeit durch diese fünf Gestalten bestimmt ist. Mehr als man nur irgendwie annehmen kann, lebte bis in die feinsten Regungen der Seelen das, was man nennen kann die Empfindungen, die Wahrheiten der Psalmen, lebte das, was im Grunde genommen schon bei Homer zu finden ist, das, was in Dante so grandiose Gestaltung angenommen hat, lebte dann, was, wenn es auch nicht in Shakespeare selbst so vorhanden war, bei Shakespeare schon so zum Ausdruck gekommen ist, wie es in dem Menschen der neueren Zeit lebt. Dazu kommt das Ringen der menschlichen Seele nach Wahrheit, das dann in der Schilderung des «Faust» zum Ausdruck gekommen ist und das ja in jeder Seele so lebt, daß man oft gesagt hat: Jeder nach Wahrheit ringende Mensch hat so etwas wie eine Faustnatur in sich.
[ 9 ] Zu dem allem trat hinzu eine ganz neue Perspektive, die über diese drei Jahrtausende, welche die genannten fünf Gestalten umfassen, hinausging. Auf Wegen, die zunächst für die äußere Geschichte ganz unergründlich sind, trat hinzu ein innerer Orient in das Geistesleben Europas. Nicht etwa nur, daß sich zu den genannten Dichtungen hinzugesellte, was die Veden, die Bhagavad Gita gaben, nicht nur, daß man diese orientalischen Dichtungen kennenlernte und dadurch eine Gefühlsnuance gegenüber der Welt auftrat, die sich gründlich unterscheidet von der Gefühlsnuance der Psalmen oder dessen, was man bei Homer oder Dante findet, sondern es trat etwas auf, was auf geheimen Wegen eindrang und was im 19. Jahrhundert immer mehr und mehr sichtbar wurde. Man braucht nur an einen einzigen Namen zu erinnern, der ja um die Mitte des 19. Jahrhunderts großes Aufsehen gemacht hat, und man wird sich sogleich klar sein, wie da etwas vom Orient auf geheimnisvollen Wegen in Europa eindrang: man braucht nur hinzuweisen auf den Namen Schopenhauer. Was fällt einem bei Schopenhauer vor allem auf, wenn man nicht auf das Theoretische seines Systems sieht, sondern auf das, was als Gefühls- und Empfindungsgehalt sein ganzes Denken durchzieht? Die tiefe Verwandtschaft dieses Menschen des 19. Jahrhunderts mit orientalisch-arischer Denk- und Gesinnungsweise. Überall lebt in den Sätzen, man könnte sagen, in den Betonungen der Gefühle bei Schopenhauer das, was man nennen möchte das orientalische Element im Okzident. Und das ist übergegangen auf Eduard von Hartmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 10 ] Auf geheimnisvollen Wegen drang das ein, wurde eben gesagt. Diese geheimnisvollen Wege begreift man immer besser, wenn man sieht, daß sich in der Tat im Laufe der Entwickelung des 19. Jahrhunderts eine vollständige Umwandlung, eine Art Metamorphose alles menschlichen Denkens und Fühlens ergab, aber nicht nur an einem Orte der Erde, sondern im Geistesleben über die ganze Erde hin. Um das, was im Abendlande geschah, zu begreifen, genügt es, wenn man sich die Mühe nimmt, irgend etwas über die Religion, über die Philosophie, über irgendeinen Punkt des Geisteslebens Geschriebenes im 19. Jahrhundert zu vergleichen mit dem, was dem frühen 18. Jahrhundert angehört. Da wird man schon sehen, wie eine grundsätzliche Umwandlung und Metamorphose vor sich gegangen ist, wie alle Fragen nach den höchsten Weltenrätseln in der Menschheit locker geworden sind und wie die Menschheit hinstrebte nach ganz neuen Fragestellungen, nach ganz neuen Empfindungsweisen, wie das, was die Religion mit alledem, was zu ihr gehört, früher den Menschen gegeben hatte, nicht mehr in derselben Weise durch sie den Menschenseelen gegeben werden konnte. Überall verlangte man etwas, was noch tiefer, noch verborgener in den Untergründen der Religion sein sollte. Aber nicht nur in Europa. Und das ist eben das Charakteristische, daß um die Wende des i8. zum 19. Jahrhundert überall auf der gebildeten Erde die Menschen durch einen inneren Drang beginnen, anders zu denken, als sie vorher gedacht haben. Wenn man sich eine genauere Vorstellung verschaffen will von dem, was da eigentlich vorliegt, so muß man sehen, wie eine, man möchte sagen, allgemeine Annäherung der Völker und Völkerbildungen und Völkerbekenntnisse stattfindet, so stattfindet, daß Angehörige der verschiedensten Glaubensbekenntnisse im 19. Jahrhundert sich in einer ganz merkwürdigen Weise zu verständigen beginnen. Ein charakteristisches Beispiel sei angeführt, das uns mitten hineinstellen kann in das, was wir hier andeuten wollen.
[ 11 ] In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts erschien in England ein Mann, der ein Brahmine war, und zwar innerhalb des Brahminentums sich bekannte zu der von ihm für wahr gehaltenen, rechtmäßigen Vedantalehre, Ram Mohan Roy, der im Jahre 1833 in London gestorben ist, der auf einen großen Teil der Zeitgenossen, die sich für solche Fragen interessiert haben, einen starken Einfluß gewonnen und auch einen großen Eindruck gemacht hat. Bei ihm ist das Merkwürdige, daß er auf der einen Seite dastand als ein allerdings unverstandener Reformator des Hinduismus und auf der anderen Seite in bezug auf das, was er als solcher damals sagte, von allen Europäern, die in Europa gewissermaßen auf der Höhe der Zeit waren, verstanden werden konnte; daß er ihnen nicht Ideen sagte, die man etwa nur aus dem Orientalismus heraus hätte verstehen können, sondern von denen man sich sagen konnte, man versteht sie aus der allgemeinen Menschenvernunft heraus.
[ 12 ] Wie trat Ram Mohan Roy auf? So etwa sagte er: Ich lebe mitten im Hinduismus; da werden eine Anzahl von Göttern angebetet, die verschiedensten Göttergestalten. Wenn man die Leute fragt, warum sie diese oder jene Götter anbeten, dann sagen die Leute meines Vaterlandes: Das ist so alter Brauch, wir wissen es nicht anders, so ist es gewesen bei unseren Vätern, so war es bei deren Vätern und so weiter. Und weil die Leute, so meinte Ram Mohan Roy, nur unter diesem Eindruck standen, so ist es in meinem Vaterlande zu dem krassesten Götzendienst gekommen, zu einem ganz verwerflichen Götzendienst, zu einem Götzendienst, der nur Schande macht demjenigen, was die ursprüngliche Größe des religiösen Bekenntnisses meines Vaterlandes ausmacht. Da war einmal ein Bekenntnis, meinte er, das ja, zum Teil widerspruchsvoll, in den Veden erhalten ist, das aber für das menschliche Denken in der reinsten Gestalt in das Vedantasystem durch Vyasa gebracht worden ist. Zu dem, sagte er, wolle er sich bekennen. Und er hatte zu diesem Zweck nicht nur aus den verschiedenen unverständlichen Idiomen Übersetzungen gemacht in die Sprache, die man in Indien verstehen konnte, sondern er hatte aus dem, was er für die richtige Lehre hielt, auch Auszüge gemacht und sie unter den Menschen verbreitet. Denn was wollte Ram Mohan Roy damit? Er glaubte erkannt zu haben, daß in dem, was unter den vielen Göttern zum Ausdruck kommt, was in dem Götzendienst verehrt wurde, eine reine Lehre von einem ureinheitlichen Gotte stecke, von einem geistigen Gotte, der in allen Dingen lebt, der nicht mehr erkannt wird durch den Götzendienst hindurch, der aber wieder eindringen müsse in die Gemüter der Menschen. Und wenn er dann im einzelnen sprach, dieser indische Brahmine, über das, was er als die richtige Vedantalehre ansah, was er als das richtige indische Bekenntnis ansah, dann war es nicht so, als ob man irgend etwas Fremdes hörte, sondern es war den Leuten, die ihn richtig verstanden, so, als ob er eine Art von Vernunftglauben predigte, zu dem im Grunde genommen jeder gelangen könnte, wenn er sich aus seiner Vernunft heraus zu dem alleinheitlichen Gotte hinwenden würde.
[ 13 ] Und Ram Mohan Roy hatte Nachfolger: Debendranath Tagore und andere. Einer der Nachfolger, das ist besonders interessant, hat im Jahre 1870 als Inder einen Vortrag gehalten über «Christus und das Christentum». Außerordentlich interessant, einen Inder sprechen zu hören über Christus und das Christentum. Was das eigentliche Mysterium des Christentums ist, das steht dem indischen Redner ganz fern, das berührt er gar nicht. Man sieht aus dem ganzen Verlaufe des Vortrages, daß er die Grundtatsache nicht erfassen kann: daß das Christentum nicht von einem persönlichen Lehrer ausgeht, sondern eben von dem Mysterium von Golgatha, von einer weltgeschichtlichen Tatsache, von dem Tode und der Auferstehung. Was er aber erfassen kann und was ihm einleuchtet, das ist, daß man in dem Christus Jesus eine ungeheuer bedeutungsvolle, für jedes Menschenherz wichtige Gestalt vor sich hat, eine Gestalt, die als eine Idealgestalt für die ganze Welt dastehen muß. Merkwürdig ist es, den Inder über den Christus reden zu hören, ihn sagen zu hören, wenn man sich in das Christentum vertiefe, dann müsse man sagen, daß dieses Christentum im Abendlande selbst noch eine Fortentwickelung erleben muß. Denn das, so meinte er, was in mein Vaterland die Europäer als Christentum bringen, das scheint mir nicht das wahre Christentum zu sein.
[ 14 ] Aus diesen Beispielen sehen wir, daß nicht etwa nur in Europa die Geister begannen, sozusagen hinter die religiösen Bekenntnisse sehen zu wollen, sondern daß auch im fernen Indien — und man könnte das für viele Orte der Erde anführen — die Geister sich zu regen begannen und von einem ganz neuen Gesichtspunkte aus an das, was sie durch Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch gehabt hatten, neuerdings herantraten. Diese Metamorphose der Seelen im 19. Jahrhundert wird ja erst im Laufe der Zeit ganz durchschaut werden. Und erst eine spätere Geschichtsschreibung wird erkennen, daß durch solche Vorgänge, die scheinbar nur wenige berührten, die aber durch tausend und aber tausend Kanäle bis in unsere Herzen und Seelen hereinströmten und die heute alle Menschen, die sich nur irgendwie am Geistesleben beteiligen, in ihren Seelen darinnen haben, eine völlige Erneuerung, eine Umwandlung aller Fragen und jeglicher Art des Verständnisses gegenüber den alten Anschauungen eintreten mußte. So ist überall draußen in der Welt wirklich heute schon eine gewissermaßen großartige Vertiefung der Fragen vorhanden.
[ 15 ] Was unsere Geistesbewegung will, ist die Beantwortung dieser Fragen. Diese Geistesbewegung ist davon überzeugt, daß diese Fragen, so wie sie gestellt sind, nicht durch die alten Traditionen, nicht durch die moderne Naturwissenschaft, nicht durch eine Weltanschauung, die nur mit den Faktoren der modernen Naturwissenschaft arbeitet, beantwortet werden können, sondern daß dazu Geisteswissenschaft, Forschung in den geistigen Welten, notwendig ist; mit anderen Worten, daß die Menschheit heute nach dem ganzen Hergang ihrer Entwickelung Fragen stellen muß, die nur durch die Forschung aus den übersinnlichen Welten heraus beantwortet werden können. Ganz langsam und allmählich traten auch aus dem abendländischen Geistesleben heraus diejenigen Dinge auf, welche wieder an die schönsten Überlieferungen des Orients anklangen. Sie wissen, daß immer dargelegt worden ist, wie aus dem abendländischen Geistesleben selbst heraus das Gesetz der Reinkarnation folgt und wie es ebensowenig als etwas Historisches aus dem Buddhismus übernommen zu werden braucht, wie etwa heute der pythagoreische Lehrsatz aus den geschichtlichen Überlieferungen übernommen zu werden braucht. Das ist immer betont worden. Aber dadurch, daß die Idee von der Reinkarnation in der modernen Seele auftauchte, war die Brücke gebaut zu dem, was über die charakterisierten drei Jahrtausende hinüberreicht; denn diese hatten die Lehre von der Reinkarnation eben nicht in den MittelPunkt ihres Denkens gestellt — bis auf die Gestalt des Buddha. Erweitert wurde eben der Horizont, erweitert wurde die Perspektive nach der Entwickelung der Menschheit hin über die drei Jahrtausende hinaus, und das zeitigte überall neue Fragen, Fragen, die nur aus der Geisteswissenschaft heraus beantwortet werden können.
[ 16 ] Stellen wir gleich im Anfang die Frage, die sich ergibt aus dem Beginne dieses Evangeliums: daß gegeben werden soll in diesem Markus-Evangelium der «Beginn des Evangeliums von Jesu Christo». Und erinnern wir uns, daß gleich auf diese Eingangsworte folgt nicht nur die Charakteristik der alten Prophetenstelle, sondern die Ankündigung des Christus durch den Täufer Johannes, und daß diese Ankündigung durch den Täufer so charakterisiert wird, daß sie in die Worte gefaßt werden kann: Die Zeit ist erfüllt; das Reich des Göttlichen breitet sich herunter über das Erdendasein. Was heißt das alles?
[ 17 ] Versuchen wir einmal, in dem Lichte, wie es uns die moderne geisteswissenschaftliche Forschung geben kann, die Zeiten ein wenig an uns vorüberziehen zu lassen, welche die «Erfüllung» wie in ihrer Mitte enthalten. Versuchen wir zu verstehen, was es heißt: eine alte Zeit ist erfüllt, eine neue Zeit beginnt. Wir werden am leichtesten dafür Verständnis gewinnen, wenn wir den Blick hinlenken auf etwas, was in älteren Zeiten liegt, und dann auf etwas, was in den neueren Zeiten liegt, so daß zwischen den beiden Orten, auf die wir den Blick richten, gleichsam in der Mitte, das Mysterium von Golgatha liegt. Nehmen wir also etwas, was vor dem Mysterium von Golgatha liegt, und dann etwas, was nach demselben liegt, und versuchen wir, uns zu vertiefen in den Unterschied der Zeit, damit wir erkennen können, inwiefern eine alte Zeit sich erfüllt hat, inwiefern eine neue Zeit begonnen hat; und versuchen wir, uns dabei nicht in Abstraktionen zu ergehen, sondern das Konkrete ins Auge zu fassen.
[ 18 ] Da möchte ich Ihren Blick hinlenken auf etwas, was sozusagen dem ersten Jahrtausend der früheren Betrachtung der Menschheitsentwickelung angehört. Da ragt aus den ältesten Zeiten dieses ersten Jahrtausends zu uns herüber die Gestalt des Homer, des griechischen Dichters und Sängers. Kaum mehr als der Name ist sozusagen der Menschheit erhalten von demjenigen, dem diese beiden zu den größten Leistungen der Menschheit gehörigen Dichtungen zugeschrieben werden: Ilias und Odyssee; kaum mehr als der Name. Und sogar an diesen Namen sind arge Zweifel im 19. Jahrhundert angeknüpft worden. Darauf braucht hier nicht eingegangen zu werden. Wie eine Erscheinung, die man um so mehr bewundert, je mehr man sie kennenlernt, steht Homer vor uns. Und man darf sagen: Für den, der sich überhaupt mit solchen Dingen befaßt, stehen lebendiger als alle rein politischen Gestalten des Griechentums jene Gestalten vor unserer Scelc, die Homer geschaffen hat, die uns in der Ilias und Odyssee vorliegen. Es haben die verschiedensten Leute, wenn sie sich immer wieder auf Homer eingelassen haben, gesagt, daß aus der Präzision der Schilderung, aus der Art, wie er darstellt, man eigentlich bei ihm annehmen könne, daß er Arzt gewesen sein müsse. Andere meinen, cr müsse Künstler gewesen sein, Plastiker; ja, andere meinen, er müsse irgendwie Handwerker gewesen sein. Napoleon hat die Taktik, die Strategie in seiner Darstellung bewundert. Andere wiederum halten ihn für einen Bettler, der im Land herumzog. Wenn nichts anderes, so kommt doch durch diese verschiedenen Auffassungen die ganz eigenartige Individualität Homers heraus.
[ 19 ] Nur eine seiner Gestalten sei jetzt herausgegriffen, die des Hektor. Ich bitte Sie, wenn Sie einmal Zeit haben, sehen Sie sich in der Iliade die Gestalt des Hektor an, wie er plastisch geschildert ist, wie er zugleich so geschildert ist, daß er abgerundet und abgeschlossen vor uns steht. Sehen Sie sich sein Verhältnis zu seiner Vaterstadt Troja an, wie er zu seiner Gattin Andromache steht, sein Verhältnis zu Achill, sein Verhältnis zum Heere und zur Heeresführung. Versuchen Sie, sich diesen Mann vor die Seele zu rufen, diesen Mann mit allen Weichheiten des Gatten, diesen Mann, der ganz im antiken Sinne an seiner Vaterstadt Troja hing, diesen Mann, der Täuschungen unterworfen sein konnte — ich bitte Sie, an das Verhältnis zu Achill zu denken —, wie es nur bei einem großen Menschen der Fall sein kann. Ein Mensch mit großer, mit umfassender Menschlichkeit steht in Hektor vor uns, wie ihn Homer schildert. So ragt er herüber aus uralten Zeiten — denn selbstverständlich ist das, was Homer schildert, seiner eigenen Zeit vorangegangen und steht dadurch noch mehr in dem Dunkel der Vergangenheit — und ragt so herüber als Gestalt, die, wie alle Gestalten des Homer, schon mythisch genug ist für den modernen Menschen. Auf diese eine Gestalt weise ich Sie hin. Es mögen Skeptiker und alle möglichen Philologen daran zweifeln, daß es einen Hektor gegeben hat, wie sie auch daran zweifeln, daß es einen Homer gegeben hat. Wer aber alles in Erwägung zieht, was aus rein Menschlichem heraus in Erwägung gezogen werden kann, der wird daraus die Überzeugung gewinnen, daß Homer nur Tatsachen schildert, die als solche bestanden haben, und daß auch Hektor eine Gestalt ist, die in Troja gewandelt ist, ebenso wie Achill und die anderen Gestalten. Wie wirkliche Gestalten des Erdendaseins stehen sie noch vor uns, und wir blicken zu ihnen hinüber wie zu Menschen ganz anderer Art, die heute nur noch schwer verständlich sind, die uns aber durch den Dichter in allen Einzelheiten vor die Seele treten können. Wir wollen eine solche Gestalt wie Hektor, der besiegt wird von Achill, einmal als wirkliche Gestalt eines der hauptsächlichen trojanischen Heerführer uns vor die Seele stellen. Wir haben in einer solchen Gestalt so recht etwas, was der vorchristlichen Zeit der Menschheit angehört, woran man ermessen kann, wie die Menschen dieser Zeit waren, als der Christus noch nicht gelebt hatte.
[ 20 ] Ich lenke Ihren Blick weiter hin zu einer anderen Gestalt, zu einer Gestalt des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, zu einem großen Philosophen, der einen großen Teil seines Lebens auf Sizilien verbracht hat, zu einer merkwürdigen Gestalt, zu Empedokles. Nicht nur ist er derjenige, der zuerst gesprochen hat von den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft, Erde, davon, daß alles, was im Stofflichen geschieht, durch Vermischung und Entmischung dieser vier Elemente vor sich geht nach den Prinzipien von Haß und Liebe, die in diesen Elementen walten, sondern der vor allem in der Weise auf Sizilien gewirkt hat, daß er bedeutsame staatliche Einrichtungen ins Leben gerufen hat, der herumgezogen ist und die Leute zum geistigen Leben hingeführt hat. in abenteuerliches ebensosehr wie ein tief geistiges Leben ist es, auf das wir zurückblicken, wenn wir auf Empedokles hinschauen. Mögen es andere bezweifeln, die Geisteswissenschaft weiß es, daß Empedokles ebenso auf Sizilien gewandelt ist als Staatsmann, als Eingeweihter, als Magier, wie Hektor in Troja gewandelt ist, so wie ihn Homer uns schildert. Und um die merkwürdige Stellung des Empedokles zur Welt zu charakterisieren, tritt uns die Tatsache entgegen, die nicht erfunden ist, die wahr ist, daß er dadurch endete — um sich zu vereinigen mit allem Dasein, das ihn umgab —, daß er sich in den Ätna stürzte und im Feuer des Ätna verbrannte. So steht eine zweite Gestalt der vorchristlichen Zeit vor uns.
[ 21 ] Betrachten wir nun mit den Mitteln der modernen Geisteswissenschaft solche Gestalten. Da wissen wir zunächst, daß solche Gestalten wieder auftreten werden, daß die Seelen wiederkommen. Wir wollen von Zwischeninkarnationen absehen und wollen sie irgendwie suchen in der nachchtristlichen Zeit; dann haben wir etwas von der Veränderung der Zeit, etwas von dem, was uns verständlich machen kann, wie das Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwickelung eingeschlagen hat. Wenn man sagen kann: Solche Gestalten wie Hektor, wie Empedokles sind wiedererschienen; wie wandeln sie in der nachchristlichen Zeit unter den Menschen? — dann hat man sich den Einschlag des Mysteriums von Golgatha, die Erfüllung und den Neubeginn der Zeit eben an den Seelen einmal veranschaulicht. Wir brauchen, da wir als ernste Anthroposophen hier zusammenkommen, nicht mehr zurückzuschrecken vor den Mitteilungen der wirklichen geistigen Wissenschaft, die eben geprüft werden kann an dem, was äußerlich vorliegt.
[ 22 ] Ich möchte auf etwas anderes noch Ihren Blick lenken, auf etwas, was sich in der nachchristlichen Zeit vollzogen hat. Man kann ja wieder sagen, man hätte es mit einer dichterischen Gestalt zu tun. Aber diese «dichterische Gestalt» geht eben auf eine wirkliche Persönlichkeit zurück, die im Leben gestanden hat. Ich lenke Ihren Blick auf die Gestalt, die Shakespeare geschaffen hat in seinem Hamlet. Wer die Grundgestalt Shakespeares kennt, soweit man sie äußerlich kennenlernen kann, insbesondere aber, wer sie aus der Geisteswissenschaft kennt, der weiß, daß der Hamlet Shakespeares nur der umgestaltete wirkliche Dänenprinz war, der auch einmal gelebt hat. Die Gestalt Hamlet, die Shakespeare geschaffen hat, hat wirklich gelebt. Ich kann mich jetzt nicht darauf einlassen, zu zeigen, wie die historische Gestalt der dichterischen Figur des Shakespeare zugrunde liegt. Aber auf das geisteswissenschaftliche Resultat möchte ich mich einlassen, möchte Ihnen hier an einem eklatanten Fall zeigen, wie ein Geist des Altertums im nachchristlichen Zeitalter wieder auftaucht. Die wirkliche Gestalt, die dem zugrunde liegt, was Shakespeare als Hamlet gestaltet hat, ist Hektor. Dieselbe Seele lebte in Hamlet, die in Hektor lebte. Gerade an einem solchen charakteristischen Beispiele, wo die Verschiedenheit des Sichdarlebens der Seele eklatant hervortritt, kann man sich klarmachen, was eigentlich in der Zwischenzeit geschehen ist. Eine Persönlichkeit wie die des Hektor steht vor uns auf der einen Seite in der vorchristlichen Zeit. Hinein schlägt in die Menschheitsentwickelung das Mysterium von Golgatha, und der Funke, der in die Seele des Hektor hineinschlägt, läßt in ihr erstehen das Urbild des Hamlet, von dem Goethe gesagt hat: eine Seele, die keiner Lage gewachsen ist, und der auch keine genügt, der eine Aufgabe zugewiesen ist, die sie aber nicht erfüllen kann. Man kann fragen: Warum drückte es Shakespeare so aus? Er wußte es nicht. Wer aber durch die Geisteswissenschaft in diese Zusammenhänge hineinblickt, der weiß, welche Kräfte dahinterstanden. Der Dichter schafft im Unbewußten, weil gleichsam zuerst vor ihm steht die Gestalt, die er schafft, und dann wie ein Tableau — wovon er aber nichts weiß — die ganze Individualität, die damit verknüpft ist. Warum hebt Shakespeare gerade besondere Charaktereigenschaften des Hamlet hervor und betont sie ganz scharf, die vielleicht kein zeitgenössischer Beobachter an der Gestalt des Hamlet bemerkt haben würde? Weil er sie auf dem Hintergrunde der Zeit beobachtet: Er fühlt, wie anders eine Seele geworden ist beim Übergang vom alten Leben in das neue. Der Zweifler, der Skeptiker Hamlet, der sich in den Lagen des Lebens nicht auskennt, der Zauderer, der ist zunächst geworden aus dem treffsicheren Hektor.
[ 23 ] Ich lenke Ihren Blick auf eine andere Gestalt der neueren Zeit, die wieder zunächst durch das dichterische Bild an die Menschen herangetreten ist, durch eine Dichtung, deren Hauptgestalt in der Menschheit gewiß noch lange leben wird, wenn der Dichter selbst für die Nachwelt nur noch ebenso dastehen wird wie heute Homer und Shakespeare, in der Weise, daß man von dem einen gar nichts, von dem anderen furchtbar wenig weiß. Man wird längst vergessen haben, was die Notizensammler und Biographen von Goethe mitteilen, man wird längst vergessen haben, wofür sich heute die Menschen so sehr bei Goethe interessieren, trotz Buchdruckerkunst und der anderen modernen Mittel, wenn noch dastehen wird in lebendiger Größe und lebendiger Plastik die Faustgestalt, die Goethe geschaffen hat. Wie die Menschen von Homer nichts wissen, von Hektor und Achill aber sehr viel, so werden sie einstmals nicht viel wissen von der Persönlichkeit Goethes — und das wird gut sein —, aber sie werden immer wissen von dem Faust.
[ 24 ] Faust ist nun wieder eine solche Gestalt, die, so wie sie uns in der Literatur und dann bei Goethe wie in einer Art von Abschluß entgegenttritt, zurückführt auf eine reale Gestalt. Er hat als eine Gestalt des 16. Jahrhunderts gelebt, er war da; war nicht so da, wie ihn Goethe in seiner Faustfigur schildert. Aber warum schildert ihn Goethe so? Goethe wußte es selber nicht. Aber wenn er den Blick hinlenkte auf den Faust, wie er überliefert war, den er schon vom Puppenspiel aus seiner Kanabenzeit her kannte, so wirkten in ihm Kräfte von dem, was hinter dem Faust stand, was eine vorhergehende Inkarnation des Faust war: Empedokles, der alte griechische Philosoph. Das alles strahlte herein in die Gestalt des Faust. Und man möchte sagen: Wenn Empedokles sich in den Ätna stürzt, sich mit dem Feuerelement der Erde verbindet, welch wunderbare Vergeistigung, welch wunderbare Spiritualisierung dieser, man möchte sagen, vorchristlichen Naturmystik, die so zur Tatsache wird, ist das Schlußtableau des Goetheschen «Faust», das Aufsteigen des Faust in das Feuerelement des Himmels durch den Pater Seraphicus und so weiter! Langsam und allmählich lebt sich eine ganz neue Geistestichtung herein in dem, was die Menschen tiefer erstreben. Lange Zeit schon begann die Tatsache sich geltend zu machen für die tieferen Geister der Menschheit, ohne daß sie von Reinkarnation und Karma etwas wußten, daß, wenn sie eine Seele betrachteten, die umfassend war, die sie schildern wollten aus den Grundfesten ihres inneren Lebens heraus, sie das schilderten, was aus den früheren Inkarnationen herüberleuchtet. Wie Shakespeare Hamlet so schilderte, wie wir ihn kennen, obwohl er nichts davon wußte, daß in Hektor und Hamlet dieselbe Seele lebte, so schilderte Goethe den Faust, wie wenn dahinter die Seele des Empedokles mit allen ihren Sonderbarkeiten stände, weil eben in Faust die Seele des Empedokles war. Aber charakteristisch ist es, daß so der Fortgang und der Fortschritt des Menschengeschlechtes ist.
[ 25 ] Zwei charakteristische Gestalten habe ich herausgehoben, an denen beiden wir sehen können, wie die antiken Größen in der modernen nachchristlichen Zeit in ihrer tiefsten Seele so erschüttert dastehen, daß sie sich nur schwer im Leben zurechtfinden können. Alles ist in ihnen, was früher in ihnen war. Man fühlt, wenn man zum Beispiel Hamlet auf sich wirken läßt, wie die ganze Kraft des Hektor in ihm ist. Aber man fühlt, daß diese Kraft in der nachchristlichen Zeit nicht herauskommen kann, daß sie zunächst Widerstände findet in der nachchristlichen Zeit, daß da etwas auf die Seele gewirkt hat, was ein Anfang ist, während man es früher bei den Gestalten, die einem im Altertum entgegentreten, mit einem Ende zu tun hat. Sowohl Hektor wie Empedokles sind ein Abschluß. Plastisch abgeschlossen stehen sie vor uns. Was aber in der Menschheit weiterwirkt, das muß neue Wege finden in die neuen Inkarnationen hinein. So bei Hektor in Hamlet, so bei Empedokles in Faust, der alles, was abgründiges Streben nach den Naturtiefen ist, der das ganze empedokleische Element in sich hat, der allein durch dieses tiefgründige Wesen sagen kann: Ich will die Bibel eine Weile unter die Bank legen, will sein ein Naturforscher und Mediziner und will kein Theologe mehr sein; der ein Bedürfnis hatte, mit dämonenartigen Wesenheiten umzugehen, was ihn herumschweifen läßt durch die Welt, was ihn bestaunen, aber unverstanden sein läßt. Da wirkt das empedokleische Element nach, aber es findet sich nicht zurecht mit dem, was der Mensch sein muß, nachdem eine neue Zeit hereingebrochen ist.
[ 26 ] Ich wollte durch diese Auseinandersetzung zeigen, wie an bedeutenden Seelen, an Seelen, über die sich jeder informieren kann, ein gewaltiger Umschwung sich zeigt, daß gerade dann, wenn man in die Tiefen hineingeht, dieser gewaltige Umschwung sich zeigt. Und wenn man fragt: Was ist geschehen zwischen den alten Inkarnationen und den neuen Inkarnationen einer solchen Individualität? — so bekommt man immer zur Antwort: Das Mysterium von Golgatha, dasjenige, was der Täufer ankündigte, indem er sagte: Die Zeit ist erfüllt, die Reiche des Geistes — oder die Reiche der Himmel — gehen in das Menschenteich über. Ja, sie ergriffen gewaltig dieses Menschenreich, die Reiche der Himmel! Und diejenigen, welche dieses Ergreifen äußerlich nehmen, können es eben nicht verstehen. Sie ergriffen es so gewaltig, daß in sich gediegene, kompakte antike Größen neu beginnen mußten mit der Evolution auf der Erde, daß sich gerade an ihnen zeigt bis zum Abschluß der alten Zeit, bis zum Mysterium von Golgatha hin: da ist etwas abgelaufen, was seine Erfüllung gefunden hat, was die Menschen so hinstellt, daß sie vor uns stehen als in sich gerundete Persönlichkeiten. Dann aber trat etwas ein, was notwendig machte in den Seelen, daß sie einen neuen Anfang mit sich selber machten, daß alles neugestaltet, umgegossen werden mußte und daß uns Seelen, die groß waren, wie Seelen erscheinen, die klein sind, weil sie umwandeln müssen die Seele zur Kindheit, weil etwas ganz Neues beginnt. Das ist es, was wir uns in die Seele schreiben müssen, wenn wir verstehen wollen, was gleich im Beginne des Markus-Evangeliums gemeint ist: ein «Anfang». Ja, ein Anfang, der die Seelen in ihrem tiefsten Wesen erschüttert, der einen ganz neuen Impuls hereinbringt in die Menschheitsentwickelung, ein «Anfang des Evangeliums».
[ 27 ] Was ist das «Evangelium »? Es ist das, was herunterkommt aus den Reichen, die wir öfter in den Hierarchien der höheren Wesenheiten beschrieben haben, wo die Angeloi, die Archangeloi sind, was heruntersteigt durch die Welt, die sich erhebt über der Menschenwelt. Da gewinnt man die Perspektive auf einen tieferen Sinn des Wortes Evangelium. Ein Impuls, der heruntersteigt durch das Reich der Archangeloi, der Angeloi, ist das Evangelium; es ist das diesen Reichen Entsteigende, das in die Menschheit eintritt. Alle abstrakten Übersetzungen treffen im Grunde genommen nur wenig die Sache. In Wahrheit soll schon in dem Worte Evangelium angedeutet werden, daß in einem Zeitpunkt etwas beginnt auf die Erde niederzufließen, was früher nur dort geströmt hat, wo die Angeloi und die Archangeloi sind, was heruntergekommen ist auf die Erde, was hier die Seelen durchrüttelt, und die stärksten Seelen gerade am meisten. Und der Beginn, der also eine Fortsetzung hat, der wird verzeichnet. Das heißt, das Evangelium dauert fort. Es ist der Anfang gemacht in der damaligen Zeit, und im Grunde genommen werden wir sehen, daß die ganze Menschheitsentwickelung seit jener Zeit eine Fortsetzung des Beginns ist des Herunterfließens des Impulses aus dem Reiche der Angeloi, den man Evangelium nennen kann.
[ 28 ] Man kann nicht tief genug suchen und forschen, wenn man die einzelnen Evangelien charakterisieren will, und gerade am MarkusEvangelium wird sich uns zeigen, wie es nur verstanden werden kann, wenn man im rechten Sinne die Menschheitsentwickelung begreift mit allen ihren Impulsen, mit alledem, was in ihrem Verlaufe geschehen ist. Nicht äußerlich wollte ich Ihnen das charakterisieren, sondern ich wollte es Ihnen an den Seelen charakterisieren und zeigen, wie eigentlich erst die Anerkennung der Tatsache der Reinkarnation, die, wenn sie zur wirklichen Forschung wird, uns den Werdegang einer Seele wie der des Hektor oder des Empedokles zeigt, uns die ganze Bedeutung des Impulses, der durch das Christus-Ereignis kam, vor die Seele führen kann. Sonst kann man sehr schöne Dinge vorbringen, bleibt aber doch nur an der Oberfläche haften. Was aber hinter allem äußeren Geschehen der Christus-Impuls war, das zeigt sich eigentlich nur dadurch, daß man mit der Geistesforschung in das Tiefere der Menschenseele hineinleuchtet, daß man nicht nur erkennt, wie das Leben als einzelnes sich vollzieht, sondern in der Aufeinanderfolge der Inkarnationen. Man muß mit der Idee der Reinkarnation Ernst machen, muß sie wirklich so in die Geschichte einführen, daß sie zum belebenden Element der Geschichte wird, dann wird sich schon zeigen die Wirkung des größten Impulses, des Ereignisses von Golgatha. Und besonders in den Seelen wird sich der Impuls zeigen, den wir schon öfter beschrieben haben.
