Das Markus-Evangelium
GA 139
16 September 1912, Basle
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Wenn Sie sich erinnern, was gewissermaßen der Hauptpunkt und das Hauptziel der gestrigen Auseinandersetzungen war, so werden Sie sich vor die Seele rücken können, wie ganz anders die menschliche Wesenheit sich darlebt in bezug auf ihr Innerstes in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha und in der Zeit nach demselben. Ich versuchte nicht, eine Charakteristik anzuführen, sondern ich gab Ihnen Beispiele aus der Geisteswissenschaft, solche Beispiele, die uns Seelen zeigen der alten Zeit und Seelen der neuen Zeit, charakteristische Beispiele, an denen wir wahrnehmen können, wie bestimmte Seelen aus früheren Zeiten in der neuen Zeit sich umgeändert, metamorphosiert wieder darstellen. Welches der Grund zu einer solchen gewaltigen Umwandlung ist, wird uns erst aus dem ganzen Sinn dieses Vortragszyklus hervorgehen.
[ 2 ] Jetzt darf nur vielleicht einleitend auf das eine hingewiesen werden, was öfter schon in unseren Betrachtungen, die ähnliche Gegenstände berührten, erwähnt worden ist: daß das Bewußtwerden, das volle Bewußtwerden des menschlichen Ich, zu dessen Ausbildung und Ausprägung die Mission des Erdplaneten da ist, eigentlich erst durch das Mysterium von Golgatha eingetreten ist. Es ist nicht genau, aber annähernd genau gesprochen, daß, wenn wir sehr weit in der Menschheitsentwickelung zurückgehen, wir finden, wie die Menschenseelen eigentlich noch nicht individualisiert sind, sondern noch in der Gruppenseelenhaftigkeit befangen sind. Dieses Befangensein in der Gruppenseelenhaftigkeit ist gerade bei den hervorragenderen Gestalten der Fall, so daß man sagen kann: Ein Hektor, ein Empedokles sind typische gruppenseelenhafte Vertreter ihrer ganzen Menschengemeinschaft; Hektor, herausgewachsen aus dem, was die Seele von Troja ist, ein Abbild der Gruppenseele des trojanischen Volkes in einer ganz bestimmten Form, gewiß spezialisiert, aber ebenso in der Gruppenseele wurzelnd wie Empedokles. Wenn sie in der nachchristlichen Zeit wieder inkarniert werden, so sind sie dann vor die Notwendigkeit gestellt, das Ich-Bewußtsein auszuleben. Das Übergehen von der Gruppenseelenhaftigkeit zu dem Ausleben der Individualseele ist es, was einen so gewaltigen Ruck nach vorwärts gibt. Und das macht, daß Seelen, die so fest geschlossen dastehen wie zum Beispiel Hektor, in der nachchristlichen Zeit wankend erscheinen, als ob sie dem Leben nicht gewachsen seien, wie zum Beispiel die Seele des Hamlet, und daß auf der anderen Seite eine Seele wie die des Empedokles, die in der nachchristlichen Zeit als die Seele des Faust des 16. Jahrhunderts wiedererscheint, scheinbar eine Art von Abenteurer wird und in mancherlei Lagen gebracht wird, aus denen sie sich sehr schwer herausfinden kann, und die von den Mitmenschen, ja von der ganzen Nachwelt mißverstanden wird.
[ 3 ] Es ist ja öfter betont worden, daß für eine solche Entwickelung, wie sie eben angedeutet worden ist, das, was seit dem Verlauf des Mysteriums von Golgatha bis heute bereits geschehen ist, noch nichts Besonderes bedeutet. Das ist alles erst im Anfange, und mit der Zukunft der Erdenentwickelung werden erst die großen Impulse, die man dem Christentum zuschreiben kann, herauskommen. Es muß immer wieder und wieder betont werden: das Christentum steht erst im Anfange seiner großen Entwickelung. Aber will man sich hineinstellen in diese große Entwickelung, so muß man mit seinem Verständnisse mitgehen mit dem immer weiteren Fortschreiten der Offenbarungen, der Impulse, die mit der Begründung des Christentums ihren Anfang genommen haben.
[ 4 ] Vor allem wird man in der nächsten Zeit etwas lernen müssen — und es bedarf nicht viel Hellsehens dazu, um sich darüber klar zu werden, daß man etwas ganz Bestimmtes lernen muß, etwas, das einen guten Anfang für ein fortgeschrittenes Verständnis des Christentums bilden wird —, man wird lernen müssen, die Bibel in einer ganz neuen Weise zu lesen. Heute gibt es noch viele Hindernisse dafür. Teilweise ist daran schuld der Umstand, daß ja noch immer das Bibelverständnis in weiten Kreisen in einer etwas süßlich-sentimentalen Art getrieben wird, daß die Bibel nicht zu einem Erkenntnisbuch, sondern zu einem Gebrauchsbuch für alle möglichen persönlichen Seelenlagen benutzt wird. Wenn jemand für seine persönlichen Lebenslagen etwas aufmunterungsbedürftig ist, so vertieft er sich in das eine oder andere Kapitel der Bibel, läßt das eine oder andere auf sich wirken, und nur selten kommt er über ein persönliches Verhältnis zur Bibel hinaus. Auf der anderen Seite hat die Gelehrsamkeit in den letzten Jahrzehnten — eigentlich durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch — das wirkliche Verständnis der Bibel sehr erschwert, indem sie dieselbe zerrissen hat und behauptet hat, daß zum Beispiel das Neue Testament aus allen möglichen Dingen zusammengestellt sei, welche dann später zusammengetragen sein sollen, und daß ebenso auch das Alte Testament eine Zusammenfügung sei aus ganz verschiedenen Dingen, die zu verschiedenen Zeiten zusammengekommen sein sollen. Dadurch hätte man in der Bibel lauter Fragmente, die sehr leicht den Eindruck machen, daß sie ein Aggregat, eine Zusammenfügung darstellen, daß sie «zusammengenäht» worden wären im Laufe der Zeit.
[ 5 ] Solche Gelehrsamkeit wird populär, und sie ist heute schon populär geworden. Es ist schon bei sehr vielen Leuten eine Ansicht geworden, daß zum Beispiel das Alte Testament aus vielen einzelnen Teilen zusammengefügt ist. Diese Ansicht aber stört das, was als ein wirkliches ernstes Bibellesen der nächsten Zukunft kommen muß. Wenn dieses Bibellesen eintreten wird, dann wird man vieles, was auch vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus über die Geheimnisse der Bibel zu sagen sein wird, viel besser noch verstehen. Man wird zum Beispiel lernen müssen, alles bis dahin, wo das Alte Testament in den gebräuchlichen Bibelausgaben schließt, als etwas Ganzes zu nehmen. Man wird sich nicht beirren lassen dürfen durch alles, was gegen die Einheitlichkeit des Alten Testamentes eingewendet werden kann. Und wenn man nicht einseitig vorgeht von dem Standpunkte aus, daß man persönliche Erbauung sucht, daß man dieses oder jenes von diesem Gesichtspunkte aus liest, sondern wenn man einmal das Alte Testament, wie man es hat, als Ganzes auf sich wirken lassen wird und verbinden wird den Blick auf das Inhaltliche mit dem, was, wie Sie durch unsere geisteswissenschaftliche Entwickelung der letzten Jahre hinlänglich haben sehen können, gerade durch die Geisteswissenschaft in die Welt kommen wird, wenn man damit verbinden wird, aber geistig, einen gewissen spirituell-künstlerischen Sinn, so daß man darauf ausgehen wird, zu sehen, wie die Dinge aufeinander künstlerisch folgen, wie sie künstlerisch komponiert sind, wie sich die Fäden verschlingen und lösen, nicht so sehr im äußerlich kompositionellen Sinne, sondern wenn man auch das tief Künstlerische anwenden wird auf so etwas, wie es das Alte Testament ist, erst dann wird man darauf kommen, welche ungeheure dramatische Kraft, welche innerliche, spirituell-dramatische Kraft in der Komposition und in dem Aufbau des ganzen Alten Testamentes eigentlich liegt. Erst dann wird man das herrliche dramatische Tableau als eine Einheitlichkeit, als ein Ganzes übersehen und nicht mehr glauben, es sei ein Stück in der Mitte von dorther, ein anderes Stück von woanders herrührend, sondern dann wird man den einheitlichen Geist in der Bibel erblicken.
[ 6 ] Man wird sehen, daß es ein ganz von einheitlichem Geiste beherrschtes Fortschreiten ist von der Zeit der ersten Schöpfungsgeschichte an durch die Patriarchenzeit hindurch, durch die Zeit der Richter, durch die Zeit der jüdischen Könige hindurch, bis alles in einem wunderbaren dramatischen Gipfelpunkte zusammenläuft in dem Buche der Makkabäer, in den Söhnen des Mattathias, den Brüdern des Judas, die gegen den König Antiochus von Syrien kämpfen. Darin ist eine innere dramatische Kraft. Da ist ein gewisser Kulminationspunkt dann am Schlusse erlangt. Und man wird fühlen, daß es nicht eine bloße Redensart, eine Phrase ist, daß den, der ausgerüstet ist mit der okkulten Betrachtungsweise, ein besonderes Gefühl beschleicht, wenn er an das Ende dieses Buches kommt, dort sieben Söhne der Makkabäermutter vor sich hat und fünf Söhne des Mattathias. Fünf Söhne des Mattathias und sieben Söhne der Makkabäermutter, das gibt eine merkwürdige Zwölfzahl, eine Zwölfzahl, die uns auch sonst begegnet, wo wir in die Geheimnisse der Evolution eingeführt werden. Die Zwölfzahl am Ende des Alten Testamentes, in einem Kulminationspunkt dargestellt! Zunächst kann es uns als eine Empfindung beschleichen, wenn die sieben Makkabäersöhne den Märtyrertod sterben. Wie sie nach und nach gemartert werden, wie sie sich aber nach und nach erheben — lesen Sie, welche innere Dramatik darin ist! —, wie zuerst der erste nur hindeutet auf das, was zuletzt in dem siebenten zum Ausdruck kommt als das Bekenntnis der Unsterblichkeit der Seele, wie er so dem Könige entgegenschleudert das Wort: Du Ruchloser, du willst ja nichts wissen von dem Auferwecker meiner Seele! diese dramatische Steigerung von Sohn zu Sohn lasse man auf sich wirken, und man wird sehen, welche Kräfte in der Bibel enthalten sind (2. Makk. 7). Wenn man gegenüber der bisher süßlich-sentimentalen Art der Betrachtung diese dramatisch-künstlerische Durchdringung ins Auge faßt, dann gestaltet sich uns die Bibel von selber zu dem, was zugleich religiöse Inbrunst bringen wird. Da wird Kunst zur Religion durch die Bibel. Und dann wird man beginnen, ganz eigentümliche Dinge zu bemerken.
[ 7 ] Vielleicht erinnern sich die meisten von Ihnen, weil es ja auch an diesem Orte geschildert worden ist, daß bei der Betrachtung des Lukas-Evangeliums von mir dargestellt worden ist, wie eigentlich die ganze grandiose Gestalt des Christus Jesus herausgewachsen ist aus dem Zusammengehen von zwei Seelen, der Seelen zweier Jesusknaben. Die Seele des einen war ja keine andere als die des Zarathustra, des Begründers des Zarathustrismus; so daß Sie vielleicht noch vor Ihrem geistigen Auge diese Tatsache haben, daß mit jenem Jesusknaben, der durch das Matthäus-Evangelium geschildert wird, zunächst der wiederverkörperte Zarathustra gemeint ist. Die Seele des Zarathustra lebte in diesem Jesusknaben.
[ 8 ] Was liegt da eigentlich für eine Tatsache vor? Wir haben den Begründer des Zarathustrismus, den großen Eingeweihten der Vorzeit, der urpersischen Kultur, der, hindurchgehend durch die Menschheitsentwickelung bis zu einem bestimmten Punkt, dann wiedererscheint innerhalb des althebräischen Volkes: den Übergang haben wir von dem Urpersertum zu dem Element des althebräischen Volkes auf dem Umwege durch die Seele des Zarathustra. Ja, das Äußere, was in der Weltgeschichte geschieht, was im Menschenleben geschieht, es ist im Grunde genommen nur die Offenbarung, die Äußerung der inneren geistigen Vorgänge, der inneren geistigen Kräfte; so daß man in Wahrheit das, was die äußere Geschichte erzählt, studieren kann, indem man es als einen Ausdruck des inneren Geistigen betrachtet, der Tatsachen, die sich im Geistigen bewegen.
[ 9 ] Lassen wir das vor unsere Seele hingestellt sein: der Zarathustra geht aus dem Persertum in das althebräische Element über. Und jetzt — man braucht nur die Überschriften der Kapitel des Alten Testamentes zu nehmen — betrachte man einmal das Alte Testament. Daß es sich mit Zarathustra so verhält, wie ich es damals erzählt habe, ist ein Ergebnis hellseherischer Forschung; das ergibt sich, wenn man die Zarathustra-Seele verfolgt. Aber jetzt stelle man diesem Resultat gegenüber nicht nur die Bibel, wie in ihr dargestellt wird, sondern auch das, was durch die äußere Forschung belegt wird.
[ 10 ] Das althebräische Volk begründet sein Reich in Palästina. Das ursprüngliche Reich trennt sich. Es kommt zuerst zur assyrischen, dann zur babylonischen Gefangenschaft. Es kommt zur Unterwerfung des althebräischen Volkes durch die Perser. Was heißt denn das alles? Ja, weltgeschichtliche Tatsachen haben eben einen Sinn. Sie folgen den inneren Vorgängen, folgen den geistig-seelischen Vorgängen. Warum ist das alles geschehen? Warum werden die althebräischen Völker so geführt, daß sie von Palästina aus in das chaldäische, in das assyrisch-babylonische, in das persische Element hineingeführt werden und dann wieder von Alexander dem Großen befreit werden? Wenn man es trocken aussprechen will, kann man sagen, daß es nur der äußere Übergang ist des Zarathustra aus dem Persertum in das jüdische Element. Sie haben ihn sich geholt, die Juden; sie sind zu ihm geführt worden bis zur Unterwerfung unter das persische Element, weil Zarathustra zu ihnen kommen wollte. Die äußere Geschichte ist ein wunderbarer Abdruck dieser Vorgänge. Und wer die Sache geisteswissenschaftlich betrachtet, der weiß, daß die äußere Geschichte nur der Körper ist für den Übergang des Zarathustra von dem persischen Element, das im Grunde genommen zuerst umspannt das althebräische Element. Und dann, nachdem dieses genugsam von dem persischen Element umspannt war, wurde es herausgenommen von Alexander dem Großen, und was nun blieb, war das Milieu, das für Zarathustra notwendig war. Das ging über von dem einen Volksstamm zum anderen.
[ 11 ] Wenn wir — wir können natürlich nur einzelne Punkte herausheben einen Blick werfen auf die ganze Zeit, wie sie sich zugespitzt hat in der althebräischen Geschichte durch die Zeit der Könige, durch die Zeit der Propheten, der babylonischen Gefangenschaft, der persischen Eroberung bis herein in die Makkabäerzeit, dann fällt uns ja gerade, wenn wir das Verständnis des Markus-Evangeliums suchen, das gleich eingeleitet wird mit einem Jesajas-Ausspruch als Prophetenausspruch, das Element der jüdischen Propheten in die Augen. Man möchte sagen, von Elias ausgehend, dessen Wiederverkörperung der Täufer Johannes ist, treten uns die Propheten in einer wunderbaren Größe entgegen.
[ 12 ] Lassen wir vorläufig den Elias und dessen Wiederverkörperung im Täufer unberücksichtigt, und betrachten wir die Namen der dazwischenliegenden Propheten. Da müssen wir sagen: Mit dem, was wir durch die Geisteswissenschaft gewonnen haben, läßt sich in ganz eigenartiger Weise dieses jüdische Prophetentum betrachten. Wovon reden wir denn eigentlich, wenn wir von den großen geistigen Führern des Erdkreises der alten Zeiten sprechen? Von den Initiierten, von den Eingeweihten. Wir wissen, daß diese Eingeweihten zu ihrer geistigen Höhe dadurch gekommen sind, daß sie die verschiedenen Weihestufen durchgemacht hatten, daß sie sich von Stufe zu Stufe emporgearbeitet haben durch Erkenntnis zum spirituellen Schauen, daß sie dadurch zur Vereinigung mit den in der Welt wirkenden spirituellen Impulsen gekommen sind und dadurch die Impulse, die sie selbst in der geistigen Welt empfingen, einverleibten dem Leben auf dem physischen Plan. Wenn wir daher einem Eingeweihten des persischen, des indischen oder des ägyptischen Volkes begegnen, werden wir zunächst fragen: Wie ist innerhalb dieses Volkskreises, innerhalb dieses Volksstammes der Betreffende hinaufgestiegen die Leiter der Einweihung? Wie ist er zum Führer und damit zum geistigen Leiter seines Volkes geworden? Diese Frage ist überall berechtigt, nur nicht, wenn wir uns den Propheten gegenüberstellen. Es gibt zwar eine Art theosophischer Richtung, die alles gern in einen Topf zusammenwirft und von den Propheten der alten Hebräer so sprechen will wie von den Eingeweihten der anderen Völker; aber dadurch erkennt man nichts.
[ 13 ] Man braucht nur die Bibel zu nehmen, und gerade die neuere historische Forschung ergibt ja, daß sie nicht ein untreues, sondern ein treues Dokument ist, und braucht nur die Propheten anzusehen von Jesajas bis zu Maleachi, durch Jeremias, Ezechiel, Daniel hindurch, braucht nur einzugehen auf das, was die Bibel über diese Gestalten sagt, dann wird man sehen, daß man sie nicht in dem allgemeinen Schema der Initiation unterbringen kann. Wo wird denn erzählt, daß die jüdischen Propheten denselben Initiationsweg durchgemacht hätten wie die anderen Eingeweihten der übrigen Völker? Es wird gesagt, sie traten auf, indem sich die Stimme Gottes in ihrer Seele regte, die sie befähigte, anderes zu schauen als der gewöhnliche Mensch, die sie befähigte, Angaben zu machen über den künftigen Verlauf der Geschicke ihres Volkes, auch über den künftigen Verlauf der Weltgeschichte. Das entrang sich elementar der Seele der Propheten. Nicht in derselben Weise wird erzählt, daß sie die Einweihung durchmachten, wie bei den anderen Propheten, bei denen man nachweisen kann, wie diese die Einweihung durchmachten. Die jüdischen Propheten treten so auf, daß wie aus einer Genialität heraus ihr geistiges Schauen dasteht, dasjenige dasteht, was sie ihrem Volke, was sie der Menschheit zu sagen haben. Und so ist auch ihre Art, wie sie sich auf ihre prophetische Stimme und auf ihre prophetischen Gaben berufen. Sehen Sie nur einmal, wie ein Prophet, wenn er etwas zu sagen hat, davon spricht, daß der Gott es ihm mitgeteilt hat durch seine Mittler, oder daß es gekommen ist wie eine unmittelbare elementarische Wahrheit. Das gibt Veranlassung zu fragen: Wie verhält es sich mit diesen jüdischen Prophetengestalten, die äußerlich neben die Eingeweihten der anderen Völker zu stellen sind, wenn wir von Elias und seiner Wiederverkörperung, dem Täufer, absehen wollen? Wenn man geisteswissenschaftlich, okkult die Seelen dieser Propheten untersucht, da kommt man auf etwas sehr Merkwürdiges. Versuchen Sie, mit dem, was ich Ihnen jetzt als ein geisteswissenschaftliches Forschungsresultat mitteile, alles das prüfend zu vergleichen, was die Geschichte und die religiöse Überlieferung über diese Gestalten gibt, so werden Sie schon die Bestätigung finden.
[ 14 ] Wenn man die Seelen der jüdischen Propheten verfolgt, so findet man, daß sie Wiederverkörperungen sind von Eingeweihten, die bei anderen Völkern eingeweiht waren und dort schon gewisse Stufen der Einweihung erstiegen hatten. Wenn wir also einen der jüdischen Propheten zurückverfolgen, so kommen wir zu anderen Völkern. Dort finden wir eine Initiiertenseele, die lange bei diesem Volke geblieben war; sie ging dann durch die Pforte des Todes und wurde wiederverkörpert bei dem jüdischen Volke. Und alle die einzelnen Gestalten Jeremias, Jesajas, Daniel und so weiter —, wir müssen sie, wenn wir ihre Seelen in früheren Verkörperungen finden wollen, bei anderen Völkern suchen. Es ist wirklich, trivial gesprochen, so wie ein Nach-und-nach-sich-Versammeln der Eingeweihten der anderen Völker bei dem jüdischen Volke, wo die Eingeweihten in der Gestalt der Propheten auftreten. Dann aber ist es erklärlich, daß die Propheten so erscheinen, daß ihre Prophetengabe wie ein elementarisches Hervortreten ihres Innern erscheint. Es ist die Erinnerung an das, was sie sich als Eingeweihte da oder dort erworben haben. Das tritt heraus, tritt aber auch heraus so, daß es nicht immer jene klare harmonische Form zeigen muß, die es in früheren Inkarnationen gehabt hat. Denn es wird die Seele, die in einem persischen oder ägyptischen Leibe inkarniert war, sich erst anbequemen müssen der Körperlichkeit des jüdischen Volkes. Da wird manches nicht herauskommen können, was früher schon in ihr darinnen war. Denn es ist nicht so, daß, wenn der Mensch fortschreitet von Inkarnation zu Inkarnation, immer auch das in ihm vorhanden ist, was früher vorhanden war, sondern es kann etwas, was früher schon da war, durch die Schwierigkeiten, welche die Körperlichkeit macht, unharmonisch erscheinen, kann chaotisch erscheinen.
[ 15 ] So sehen wir, wie die jüdischen Propheten ihrem Volke eine Summe von spirituellen Impulsen gaben, die oft ungeordnete, aber grandiose Wiedererinnerungen sind der früheren Initiation. Das ist das Eigentümliche, was uns bei diesen jüdischen Propheten entgegentritt. Und warum geschieht dies? Aus keinem anderen Grunde geschieht es, als weil in der Tat die ganze Menschheitsentwickelung diesen Durchgangspunkt nehmen mußte, weil das, was zerstreut errungen worden war, gesammelt werden sollte wie in einem Brennpunkt und wiedergeboren werden sollte aus dem Blut des alttestamentlichen Volkes heraus. Daher wird überall in der Geschichte des althebräischen Volkes wie bei keinem anderen Volke — nur bei Stämmen war das der Fall, aber nicht bei Völkern, die schon «Völker» geworden waren — die Zusammengehörigkeit, das Rinnen des Blutes durch die Generationen betont. Alles, was die weltgeschichtliche Mission des alttestamentlichen Volkes ist, beruht auf der Kontinuierlichkeit des Rinnens des Blutes durch die Generationen. Deshalb wird der, welcher vollgültig dem jüdischen Volke angehören soll, immer genannt ein Sohn Abrahams, Isaaks und Jakobs, das heißt desjenigen Elementes, das sich zuerst im Blute bei Abraham, Isaak und Jakob gezeigt hat. Dieses durchrinnende Blut war es, in das sich hineininkarnieren sollten die Initiationselemente der verschiedenen anderen Völker. Wie Strahlen, die von verschiedenen Seiten kommen und sich in einem Mittelpunkte vereinigen, so sammelten sich die Initiationsstrahlen der verschiedenen Völker wie in einem Mittelpunkte in dem Blute des althebräischen Volkes. Da mußte das Psychische der Menschheitsevolution einmal hindurchgehen. Es ist wichtig, daß wir diese okkulte Tatsache ins Auge fassen; denn nur dann versteht man, wie sich so etwas wie das Markus-Evangelium gleich bei seinem Anfange auf das Element des Alten Testamentes gründet.
[ 16 ] Was geschieht nun aber bei diesem Sammeln der Initiationselemente der verschiedenen Völker in diesem einen Zentrum? Wir werden schon noch sehen, warum es geschieht. Aber wenn man nun den ganzen dramatischen Fortgang des Alten Testamentes wieder nimmt, wird man merken, wie durch dieses Aufnehmen des Initiationselementes der verschiedenen Völker sich nach und nach innerhalb der Entwickelung des Alten Testamentes herausbildet der Unsterblichkeitsgedanke, der auf seiner Höhe eben gerade bei den Makkabäersöhnen erscheint. Aber wir müssen ihn nun, man möchte sagen, in seiner ganzen ursprünglichen Bedeutung einmal auf unsere Seele wirken lassen, so wirken lassen, daß wir dabei das Bewußtsein des Menschen ins Auge fassen von seinem Verhältnisse zur geistigen Welt.
[ 17 ] Ich mache Sie auf eines aufmerksam. Versuchen Sie, im Alten Testament die Stellen zu verfolgen, wo die Rede davon ist, daß das göttliche Element in das Menschenleben hereinleuchtet. Wie oft wird erzählt, zum Beispiel bei Tobias: Wenn irgend etwas geschehen soll, wenn beispielsweise Tobias seinen Sohn aussendet, um irgendein Geschäft zu vollziehen, da kommt zu ihm in scheinbar menschlicher Gestalt der Erzengel Raphael (Tob. 5). An einer anderen Stelle kommen andere übersinnliche Wesenheiten der höheren Hierarchien. Es ist ein Hereinspielen des göttlich-geistigen Elementes in die Menschenwelt, ein Hereinspielen, das so geschieht, daß der Mensch das göttlich-geistige Element klar als ein Äußeres hat, daß es ihm entgegenttritt in der Außenwelt. Raphael tritt in dem Buche Tobias dem, den er führen soll, so entgegen, wie ein Mensch dem anderen entgegentritt, indem er äußerlich an ihn herankommt. Wir werden vielfach sehen, wenn wir das Alte Testament durchgehen, daß die Beziehungen zur geistigen Welt so geregelt werden. Der Stellen im Alten Testament, wo von solchen Dingen die Rede ist, sind sehr viele. Aber wir sehen in seinem Verlauf einen ganz dramatischen Fortgang. Und ein Höhepunkt dieses dramatischen Fortschrittes tritt uns endlich entgegen in dem Märtyrertode der sieben Makkabäersöhne, die von dem Vereinigtsein, ja von dem Auferwecktsein ihrer Seelen in dem göttlichen Elemente aus ihren Seelen heraus sprechen. Eine innere Gewißheit der Seelen von ihrer inneren Unsterblichkeit tritt uns bei den Makkabäersöhnen und auch beiden Brüdern des Judas Makkabäus entgegen, die noch in der letzten Zeit ihr Volk verteidigen gegen den König Antiochus von Syrien. Immer innerlicher wird es ergriffen, das spirituelle Element. Und der dramatische Fortschritt wird erst recht ein großer, wenn wir das Alte Testament verfolgen von dem Erscheinen des Gottes in dem brennenden Dornbusch bei Moses, wo wir sehen, wie das Eigentümliche des Herankommens des Gottes ein Äußerliches ist, bis zu dem, was hervorsprudelt aus den Makkabäersöhnen als innere Gewißheit, daß, wenn sie hier sterben, sie auferweckt sein werden im Reiche ihres Gottes durch das, was in ihnen lebt.
[ 18 ] Das ist ein gewaltiger Fortgang, der ein einheitliches Inneres im Alten Testament verrät. In dieser Art wird aus dem Bewußtsein, von Gott hingenommen zu werden, gleichsam von Gott von der Erde weggenommen zu werden und ein Glied in der Gottheit zu sein, von dem Alten Testamente in seinem Anfange nichts darüber gesagt, ob dieses Glied der Menschenseele, das von der Gottheit aufgenommen und der göttlichen Welt einverleibt wird, dann wirklich auferweckt wird. Es wird aber der ganze Fortgang so durchgeführt, daß das Bewußtsein immer mehr und mehr erwächst, daß die Menschenseele durch das, was sie ist, doch hineinwächst in das geistige Element. Aus einem Sich-passiv-Verhalten zu dem Gotte Jahve oder Jehova wird allmählich ein aktives inneres Bewußtsein der Seele von ihrem Wesen. Das geht als eine von Seite zu Seite sich treibende Steigerung durch das Alte Testament. Der Unsterblichkeitsgedanke wird geboren, aber nach und nach erst geboren im Fortgang des Alten Testamentes.
[ 19 ] Und derselbe Fortschritt ist merkwürdigerweise auch im Prophetentum. Sehen Sie, wie die Gesichte und die Verheißungen jedes folgenden Propheten immer innerlicher und innerlicher werden: wieder so ein dramatisches Element von wunderbarer Steigerung! Je weiter in die Vergangenheit wir zurückgehen, desto mehr wird gesprochen von Gesichten, die sich auf den äußeren Verlauf beziehen; und je mehr wir fortgehen in der Zeit, desto mehr wird von der inneren Kraft, von der inneren Zuversicht und dem Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Geistig-Göttlichen auch von den Propheten gesprochen.
[ 20 ] So steigert es sich allmählich, bis uns das Alte Testament heranführt zu dem Beginn des Neuen Testamentes. Und das Markus-Evangelium knüpft ja direkt an alle diese Verhältnisse an. Denn das MarkusEvangelium sagt gleich an seinem Beginn, daß es das Ereignis des Christus Jesus ganz in dem Sinne des alten Prophetentums auffassen will, daß man gleichsam verstehen kann die Erscheinung des Christus Jesus, wenn man die Worte des Propheten Maleachi, beziehungsweise des Propheten Jesajas ins Auge faßt: «Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der soll dir den Weg bereiten. Hört, wie es ruft in der Wüste: bereitet den Weg des Herrn, macht eben seine Pfade. » (1, 2-3.) Dadurch wird wie in einem Grundton, der durch die Geschichte des Alten Testamentes hindurchgeht, auf das Erscheinen des Christus Jesus hingewiesen. Und weiter wird gesagt im Markus-Evangelium — man hört es aus den Worten ganz deutlich heraus, wenn man nur will —: Ja, wie die ProPheten gesprochen haben, spricht im Grunde genommen jetzt wieder einer, der Täufer. — Und wie geschlossen, wie großartig steht die Gestalt des Täufers da, wenn wir sie so charakterisiert auffassen: Die alten Propheten sprachen von einem Gottesboten, sprachen davon, wie er in der Einsamkeit den Weg zeigen wird, den der Christus Jesus durch die Weltentwickelung zu machen hat.
[ 21 ] Dann fährt das Markus-Evangelium fort: «So trat auf Johannes der Täufer in der Einsamkeit und verkündete die Taufe zur Erkenntnis der menschlichen Sündenhaftigkeit» (1, 4); denn so muß man die Worte, wenn man sie sachgemäß wiedergeben will, übersetzen. Also es wird gesagt: Richtet hin den Blick auf das alte Prophetentum, das sich hineingelebt hat in ein neues Verhältnis zu der Gottheit, in einen neuen Unsterblichkeitsglauben, und schaut an die Gestalt Johannes des Täufers, wie er auftrat und sprach von der Art der Entwickelung, durch die man des Menschen Sündenhaftigkeit erkennt. Dadurch wird gleichfalls als auf eine große Gestalt bei diesem Täufer hingewiesen.
[ 22 ] Dann aber die wunderbare Gestalt des Christus Jesus selber, wie wird sie uns im Markus-Evangelium mit einer, man darf sagen, nirgends sonst in der Welt so einfach und so grandios zugleich gegebenen dramatischen Steigerung vorgeführt! Ich bitte, so recht den seelischen Blick darauf zu richten. Was wird gesagt? Etwa so wird gesprochen: Richtet hin den Blick auf die Gestalt des Täufers; ihr werdet ihn nur verstehen, wenn ihr die Gestalten der alten jüdischen Propheten berücksichtigt, deren Stimme in ihm lebendig geworden ist. Zu ihm ging hinaus das ganze jüdische Volk, um sich von ihm taufen zu lassen; das heißt, es gab viele, die erkannten, daß aus Johannes dem Täufer das alte Prophetentum sprach. Das wird gleich im Beginne des Markus-Evangeliums gesagt. Wir sehen vor uns stehen Johannes den Täufer, sehen in ihm lebendig werden die Stimme des alten Prophetentums, sehen zu ihm das Volk hinauswandern und sehen, wie er — bleiben wir innerhalb des Markus-Evangeliums zunächst stehen — von den Menschen erkannt wird als der wiedererstandene Prophet. Das ist das erste. Und nun tritt ein die Gestalt des Christus Jesus selber. Wir wollen zunächst die sogenannte Johannes-Taufe im Jordan unberücksichtigt lassen, wollen ihn unberücksichtigt lassen nach der JohannesTaufe und auch noch nach der Versuchungsgeschichte und wollen die so grandiose dramatische Steigerung, die uns gerade im MarkusEvangelium entgegentritt, ins Auge fassen.
[ 23 ] Nachdem der Täufer vorgeführt ist und gezeigt ist, wie sich die Menschen zu ihm und seiner Mission stellen, wird der Christus Jesus selber vorgeführt. Aber wie? Zunächst wird er so hingestellt, daß ex da ist; aber ihn erkennen nicht bloß die Menschen, ihn erkennen auch andere Wesen. Darauf kommt es an. Da sind um ihn herum Menschen, die geheilt werden wollen von dem Dämonismus, in denen Dämonen wirken. Da stehen die Menschen herum, die nicht bloß von Menschenseelen bewohnt sind, sondern die besessen sind von übersinnlichen Geistern, die durch sie wirken. Und nun wird an einer bedeutungsvollen Stelle gesagt, diese Geister erkennen den Christus Jesus (1, 23-26). Den Täufer erkennen die Menschen und gehen hinaus und lassen sich von ihm taufen. Die übersinnlichen Geister erkennen den Christus, so daß er ihnen gebieten muß, nicht von ihm zu sprechen. Ihn erkennen die Wesen, die von der übersinnlichen Welt sind. Es wird also gesagt: Da tritt ein Wesen herein, das nicht bloß von den Menschen erkannt wird, sondern das in seinem Auftreten erkannt wird und für gefährlich gehalten wird von übersinnlichen Wesenheiten. Das ist die grandiose Steigerung, die uns gleich im Beginne des Markus-Evangeliums entgegentritt: auf der einen Seite Johannes der Täufer, der von den Menschen erkannt und verehrt wird, und auf der anderen Seite der, welcher von übersinnlichen Wesenheiten, die aber mit der Erde etwas zu tun haben, erkannt und gefürchtet wird, so daß sie erkennen, sie müssen jetzt abziehen. Das ist der Christus Jesus. In einer solchen Einfachheit gibt es nirgends sonst eine solche dramatische Steigerung. Wenn man dies ins Auge faßt, empfindet man gewisse Dinge als notwendig, die sonst an den Menschenseelen einfach vorbeigehen. Da mache ich Sie nur auf eine einzige Stelle aufmerksam, die — weil das Markus-Evangelium so einfach und so groß ist — im Markus-Evangelium am meisten auffallen kann. Erinnern Sie sich, wie da, wo gleich im Beginne des Markus-Evangeliums von der Bestellung der Zwölf geredet wird und wo die Rede ist von der Namengebung, wie er da zwei von seinen Aposteln die «Donnerssöhne » nennt (3, 17). Das ist nicht etwas, über das man einfach hinweglesen darf; das ist etwas, was man wohl beachten muß, wenn man das Evangelium verstehen will. Warum nennt er sie die Donnerssöhne? Weil er, damit sie seine Diener werden, ein Element in sie verpflanzen will, das nicht von der Erde ist, das von außerhalb der Erde herkommt, weil es das Evangelium aus den Reichen der Angeloi und Archangeloi ist, weil es ein ganz Neues ist und weil es nicht mehr genügt, bloß von den Menschen zu sprechen, sondern von einem himmlischen, überirdischen Element, dem Ich, und weil es notwendig ist, dies zu betonen. Er nennt sie Donnerssöhne, um zu zeigen, daß auch die Seinigen eine Beziehung zu dem überirdischen Element haben. Die nächste Welt, die an die unsrige angeknüpft ist, ist die elementarische Welt, durch die erst erklärlich wird, was in unsere Welt hereinspielt. Und der Christus gibt seinen Jüngern Namen, durch die gesagt wird, daß unsere Welt an eine nächste übersinnlicheangrenzt. Er gibt ihnen die Beinamen von den Eigenschaften der elementarischen Welt. Dasselbe ist der Fall, wenn er Simon den «Felsenmann » nennt (3, 16). Wieder ist dabei auf ein Übersinnliches hingewiesen. So wird durch das ganze Evangelium angekündigt das Hereintreten des «Angelium», der Impulse aus der geistigen Welt.
[ 24 ] Um das zu verstehen, braucht man nur richtig zu lesen, braucht man nur die Voraussetzung zu machen, daß das Evangelium zugleich ein Buch ist, aus dem die tiefste Weisheit herauszuholen ist. Der ganze Fortschritt, der gemacht worden ist, besteht darin, daß die Seelen individualisiert werden, daß sie nicht mehr bloß auf dem Umwege durch die Gruppenseelenhaftigkeit, sondern durch das Element der Individualseele ihre Beziehung zur übersinnlichen Welt haben. Und der, welcher so vor die Menschheit hintritt, daß er innerhalb der Erdenwesen erkannt wird, aber auch erkannt wird von den übersinnlichen Wesenheiten, er bedarf, um hineinzuversenken in die Seelen deter, die ihm dienen sollen, etwas von einem übersinnlichen Element, dazu des besten Menschenelementes. Derjenigen Menschen bedarf er, die es nach der alten Art in ihren Seelen selbst schon am weitesten gebracht haben.
[ 25 ] Es ist im höchsten Sinne interessant, den seelischen Werdegang derjenigen zu verfolgen, die der Christus Jesus um sich versammelt, die er beruft zu seinen Zwölfen, die, man möchte sagen, wenn sie einem in ihrer Einfachheit entgegentreten, am allergrandiosesten das durchgemacht haben, was ich Ihnen gestern zeigen wollte bei mehr auseinanderliegenden Inkarnationen von Menschenseelen. Der Mensch muß sich erst hineinfinden in das Individuelle. Er kann da zunächst sich selber schwer zurechtfinden, wenn er von dem, was in seiner Seele im Element des Volkstums gewurzelt hat, versetzt wird in das Auf-sich-selbst-Gestelltsein. Die Zwölf waren es. Sie wurzelten tief in einem Volkstum, das sich gerade wieder in der grandiosesten Weise als Volkstum erfaßt hatte. Und sie waren wie mit nackter Seele, mit einfacher Seele dastehend, als der Christus sie wiederfand. Man hat es dabei mit ganz unregelmäßigen Zwischenzeiten zwischen den Inkarnationen zu tun. Richten konnte sich der Blick des Christus auf die Zwölf: Diejenigen Seelen erschienen wieder, die in den sieben Makkabäersöhnen (see 207) und in den fünf Söhnen des Mattathias, in Judas und seinen Brüdern, verkörpert waren; daraus setzte sich das Apostolat zusammen. Sie waren hineingeworfen in das Element der Fischer und der einfachen Leute; aber sie waren in der Zeit, als das jüdische Element zu einem Kulminationspunkt hinaufgestiegen war, von dem Bewußtsein durchdrungen, daß dieses Element zu dieser Zeit höchste Kraft war, aber nur Kraft, während es jetzt individualisiert auftrat, als es sich um den Christus herumgruppierte.
[ 26 ] Man könnte sich vorstellen, daß jemand ein ganz Ungläubiger wäre und nur künstlerisch das ins Auge fassen wollte, wie am Ende des Alten Testamentes Sieben und Fünf auftreten und wie Zwölf wieder am Anfange des Neuen Testamentes zu finden sind. Wenn man dies rein als künstlerisch-kompositionelles Element nimmt, kann man schon von der Einfachheit und der künstlerischen Größe des Bibelbuches ergriffen sein, ganz abgesehen davon, daß die Zwölf sich zusammensetzen aus den fünf Söhnen des Mattathias und den sieben Söhnen der Makkabäermutter.* Man wird lernen müssen, die Bibel auch als Kunstwerk zu nehmen; dann wird einem erst das Gefühl für die Größe aufgehen, die in die Bibel als Kunstwerk hineingelegt ist. Und man wird ein Gefühl dafür erhalten, worauf sich das, was da künstlerisch hineingelegt ist, eben beziehen muß.
[ 27 ] Nun darf vielleicht noch auf eines aufmerksam gemacht werden. Unter den fünf Söhnen des Mattathias ist einer, der schon im Alten Testament Judas heißt. Er ist damals derjenige, welcher am kräftigsten kämpft für sein Volk, der ganz und gar mit seiner Seele seinem Volkstum hingegeben ist, und dem es auch gelingt, einen Bund mit den Römern zu schließen gegen den König Antiochus von Syrien (1. Makk. 8). Dieser Judas ist derselbe, welcher später die Prüfung durchzumachen hat, den Verrat zu begehen, weil er, der am allerinnigsten verbunden ist mit dem spezifisch althebräischen Element, nicht gleich den Übergang zu dem christlichen Element finden kann und erst die harte Prüfung braucht durch den Verrat. Es steht, wenn man wieder das rein Künstlerisch-Kompositionelle betrachtet, ganz wunderbar da die, man möchte sagen, grandiose Gestalt des Judas in den letzten Kapiteln des Alten Testamentes und die Gestalt des Judas im Neuen Testament. Und merkwürdig ist in diesem symptomatischen Vorgang, daß der Judas des Alten Testamentes einen Bund mit den Römern schließt, alles das vorbildet, was später geschehen ist, nämlich den Weg, den das Christentum genommen hat durch das Römertum, um in die Welt einzutreten. Das ist, möchte man sagen, die weitere Ausgestaltung. Und wenn ich hinzufügen würde, was auch gewußt werden kann, was aber doch nicht in einem Vortrage vor einem so großen Zuhörerkreise gesagt werden kann, so würden Sie sehen, wie eigentlich gerade durch die spätere Wiederverkörperung dieses Judas die Verschmelzung geschieht des römischen Elementes mit dem christlichen Element und wie der wiederverkörperte Judas der erste ist, der sozusagen den großen Erfolg hat in der Ausbreitung des romanisierten Christentums, und wie der Bündnisabschluß des Judas des Alten Testamentes mit den Römern die prophetische Vortatsache ist dessen, was ein Späterer tut, der dem Okkultisten wiedererscheint als der wiederverkörperte Judas, der da durchgehen mußte durch die harte Seelenprüfung des Verrates. Und was sich dann durch sein späteres Wirken zeigt als Christentum im Römertum und Römertum im Christentum zugleich, das erscheint wie eine ins Geistige umgesetzte Erneuerung des Bündnisses des alttestamentlichen Judas mit den Römern.
[ 28 ] Wenn man solche Dinge vor sich hat, kommt man nach und nach zu der Einsicht: Geistig betrachtet, ist, von allem übrigen abgesehen, das größte Kunstwerk, das jemals gewesen ist, die menschliche Evolution selber. Man muß nur den Blick dafür haben. Aber sollte es denn gar so unbegründet sein, diesen Blick für die Menschenseele zu fordern? Ich denke, wenn jemand das eine oder das andere Drama sieht, das eine durchsichtige dramatische Schürzung und Lösung hat, so kann er, wenn er nicht die Fähigkeit hat, den Aufbau zu durchschauen, in dem Drama nur eine Aufeinanderfolge von Vorgängen sehen, die man hintereinander beschreiben kann. So ungefähr macht es die äußere Weltgeschichte. Da kommt allerdings aus der Menschheitsgeschichte kein Kunstwerk zustande, sondern nur ein Hintereinanderauftreten von Vorgängen. Jetzt aber ist die Menschheit schon an dem Wendepunkt, wo das eintreten muß, die innere fortschreitende Gestaltung der Vorgänge, ihre Verwicklung und Lösung in der Menschheitsevolution aufzufassen. Dann wird sich herausstellen, daß die Menschheitsevolution selber uns zeigt, wie an diesem Punkt, wie an jenem Punkte die individuellen Gestalten auftreten, Impulse geben, Knoten schürzen, Knoten lösen. Und man lernt erst das Hineingestelltsein des Menschen in die Menschheitsevolution erkennen, wenn man so den geschichtlichen Hergang kennt.
[ 29 ] Dann aber muß man, weil das Ganze aus dem Zustande der reinen Zusammenfügung zu einem Organismus und zu mehr als einem Organismus erhoben wird, wirklich jedes an seine Stelle stellen und den Unterschied machen, den auf anderen Gebieten die Menschen für selbstverständlich halten. Denn keinem Astronomen wird es einfallen, die Sonne den übrigen Planeten gleichzustellen. Es ist ihm eine Selbstverständlichkeit, daß er die Sonne herausgliedert und als ein Monon gegenüber den Planeten hinstellt. So ist es dem, der die Menschheitsentwickelung durchschaut, selbstverständlich, eine «Sonne» hineinzustellen unter die großen Führer der Menschheit. Und wie es ein völliges Unding wäre, von der Sonne unseres Planetensystems so zu sprechen wie von dem Jupiter, Mars und so weiter, so ist es ein Unding, von dem Christus so zu sprechen wie von den Bodhisattvas und den anderen Menschheitsführern. Das sollte so selbstverständlich sein, daß jede Wiederverkörperung des Christus als etwas Absurdes erscheint, als etwas, was gar nicht gesagt werden kann, wenn man sich die Dinge nur ganz einfach vor Augen stellt. Aber es ist notwendig, daß man auch wirklich auf die Sachen eingeht, sie wirklich in ihrer wahren Gestalt erfaßt und sie nicht als dieses oder jenes Dogma, als diesen oder jenen Sektenglauben hinstellt. Es ist nicht notwendig, wenn man im wirklichen, kosmologischen Sinne von einer Christologie spricht, von einer Bevorzugung des Christentums vor einer anderen Religion zu sprechen. Das wäre so, wie wenn irgendwo eine Religion in ihren heiligen Schriften hätte, daß die Sonne ein Planet sei wie die übrigen Planeten, und dann jemand auftreten würde und sagen: Man muß die Sonne herausheben aus der Zahl der Planeten — und es würden sich nun die übrigen dagegen auflehnen und sagen: Ja, das ist aber eine Bevorzugung der Sonne! Das ist es gar nicht, sondern nur eine Anerkennung der Wahrheit selber.
[ 30 ] Und so ist es mit dem Christentum. Es ist lediglich eine Anerkennung der Wahrheit, einer solchen Wahrheit, die heute jede Religion auf der Erde annehmen kann, wenn sie nur will. Und wenn andere Religionen es ernst nehmen mit dem gleichmäßigen Geltenlassen aller Religionsbekenntnisse, wenn sie nicht dieses gleichmäßige Geltenlassen nur zu einem Aushängeschild benutzen, dann werden sie auch keinen Anstoß daran nehmen, daß das Abendland nicht einen Nationalgott angenommen hat, sondern einen Gott, der zunächst mit einer Nationalität gar nichts zu tun hat, der eine kosmische Wesenheit ist. Die Inder sprechen von ihren Nationalgöttern. Es ist ganz selbstverständlich, daß sie anders sprechen müssen als die Menschen, die nicht einen germanischen Nationalgott angenommen haben und geltend machen, sondern die eine Wesenheit, die sich wahrhaftig nicht auf ihrem Boden verkörpert hat, in ihren Mittelpunkt stellen, die fern von ihnen bei einem anderen Volke verkörpert war. Von einem Entgegensetzen des christlich-abendländischen Prinzips gegenüber einem indisch-morgenländischen könnte man dann sprechen, wenn jemand zum Beispiel Wotan über Krishna stellen wollte. Bei dem Christus ist es aber gar nicht so. Er ist von allem Anfang an gar nicht einem Volke angehörig, sondern er verwirklicht das, was das Schönste ist in dem geisteswissenschaftlichen Prinzip: die Wahrheit anzuerkennen ohne Unterschied von Farbe, Rasse, Stamm und so weiter.
[ 31 ] Diese Dinge objektiv zu betrachten, das ist es, wozu wir uns durchringen müssen. Und wenn wir die Evangelien dadurch erkennen, daß wir das erkennen, was ihnen zugrunde liegt, dann werden wir sie erst in Wahrheit verstehen. An dem, was heute gesagt worden ist über das Markus-Evangelium in seiner erhabenen Einfachheit und dramatischen Steigerung von der Persönlichkeit Johannes des Täufers zu der des Christus Jesus, kann man sehen, was eigentlich dieses Evangelium enthält.
