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Das Markus-Evangelium
GA 139

17 September 1912, Basle

Dritter Vortrag

[ 1 ] Im Beginne des Markus-Evangeliums werden wir hingeführt zu der großen Gestalt des Täufers. Wie bedeutsam auf der einen Seite Johannes der Täufer eingeführt wird durch das Markus-Evangelium, wie bedeutsam er kontrastiert wird mit dem Christus Jesus selber, darauf ist gestern schon hingewiesen worden. Man wird, wenn man das Markus-Evangelium in seiner Einfachheit auf sich wirken läßt, sogleich einen bedeutsamen Eindruck gewinnen von der Gestalt des Täufers. Gehen wir dann auf die geisteswissenschaftlichen Hintergründe dieser Gestalt ein, so erscheint uns der Täufer erst gewissermaßen in seiner vollen Größe. Es ist von mir des öfteren auseinandergesetzt worden, wie wir den Täufer, auch im Sinne des Evangeliums selber — denn wir wissen, daß dies im Evangelium deutlich ausgesprochen ist — als eine Wiederverkörperung des Propheten Elias aufzufassen haben (siehe Matth. 11, 14). Geisteswissenschaftlich werden wir daher, um so recht den tieferen Grund der Begründung des Christentums und des Mysteriums von Golgatha einzusehen, die Gestalt des Täufers eben auf dem Hintergrunde dessen zu sehen haben, was uns im Propheten Elias entgegentritt. An dieser Stelle soll nur kurz angedeutet werden, um was es sich da handelt; denn ich habe gelegentlich der letzten Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft in Berlin gerade etwas ausführlicher über den Propheten Elias gesprochen.

[ 2 ] Alles, was die Geisteswissenschaft, die okkulte Forschung, über den Propheten Elias zu sagen hat, bestätigt sich ja vollständig durch dasjenige, was in der Bibel selbst steht, während beim gewöhnlichen Lesen der entsprechenden Kapitel über Elias in der Bibel ganz zweifellos vieles unerklärlich bleibt. Ich mache nur auf das eine aufmerksam.

[ 3 ] Wir lesen in der Bibel, daß Elias gleichsam herausfordert die ganze Gefolgschaft und das ganze Volk des Königs Ahab, unter dem er lebt, daß er den Baalspriestern, seinen Gegnern, sich selbst gegenüberstellt; daß er gleichsam zwei Altäre einrichtet, die Baalspriester ihr Opfertier darauflegen läßt, darnach auf seinen Altar sein Opfertier legt und dann zeigt, wie nichtig alles das ist, was über die Baalspriester von seiner Gegnerschaft gesagt wird, weil nichts sich zeigt von spiritueller Größe bei dem Baalsgotte, während sich die Größe und Bedeutung des Jahve oder Jehova sogleich an dem Opfer des Elias zeigt. Es ist ein Sieg, den Elias gewinnt über die Anhänger des Baal. Dann wird merkwürdigerweise erzählt, wie Ahab einen Nachbarn hat, Naboth, der einen Weinberg besitzt, wie Ahab, der König, diesen Weinberg gewinnen will, Naboth sich ihn aber nicht abdingen läßt, weil er ihm heilig ist als das Erbe seiner Väter. Nun finden wir zwei Tatsachen in der Bibel. Auf der einen Seite wird uns erzählt, daß Isebel, die Königin, die Feindin wird des Elias und erklärt, daß sie dafür sorgen werde, daß Elias ebenso getötet werde, wie durch seinen Sieg auf dem Altar seine Gegner, die Baalspriester, getötet worden sind. Aber so, wie es die Bibel uns erzählt, tritt dieser Tod durch die Isebel nicht ein; dagegen tritt etwas anderes ein. Naboth, der Nachbar des Königs, wird zu einer Art von Bußfest berufen, zu dem die anderen Vornehmen des Staates berufen werden, und gelegentlich dieses Bußfestes wird er ermordet auf Anstiften der Isebel (1. Kön. 18-21).

[ 4 ] So können wir sagen: Die Bibel scheint zu erzählen, daß Naboth durch die Isebel ermordet wird; aber Isebel kündigt gar nicht an, daß sie Naboth, sondern daß sie Elias ermorden will. Also diese Dinge stimmen gar nicht zusammen. Da setzt nun die okkulte Forschung ein und zeigt, was der Tatbestand ist: daß wir es in Elias zu tun haben mit einem umfassenden Geiste, der gleichsam unsichtbar im Lande des Ahab umgeht, daß aber dieser Geist zuzeiten seinen Einzug hält in die Seele des Naboth, gleichsam die Seele des Naboth durchdringt, so daß Naboth die physische Persönlichkeit des Elias ist, und daß wir, wenn wir von der Persönlichkeit des Naboth zu sprechen haben, von der physischen Persönlichkeit des Elias sprechen. Elias ist die unsichtbare Gestalt im Sinne der Bibel, Naboth sein sichtbarer Abdruck in der physischen Welt. Das alles habe ich in dem Vortrage «Der Prophet Elias im Lichte der Geisteswissenschaft» ausführlich dargestellt. Wenn wir uns aber auf den ganzen Geist des Elias-Werkes einlassen und wenn wir den ganzen Geist des Elias, wie er uns in der Bibel dargestellt ist, auf unsere Seele wirken lassen, so können wir sagen: In Elias tritt uns überhaupt zugleich der Geist des ganzen althebräischen Volkes entgegen. Alles, was das ganze althebräische Volk belebt und durchwebt, ist in dem Geiste des Elias enthalten. Wie den Volksgeist des althebräischen Volkes können wir ihn ansprechen. Er ist zu groß — das zeigt uns gerade die geisteswissenschaftliche Forschung —, um völlig wohnen zu können in der Seele seiner irdischen Gestalt, in der Seele des Naboth. Er umschwebt sie gleichsam wie in einer Wolke, aber er ist nicht nur in Naboth, sondern er geht herum wie ein Naturelement in dem ganzen Lande und wirkt in Regen und Sonnenschein. Das tritt ja deutlich zutage, wenn wir die ganze Beschreibung nehmen, die gleich damit beginnt, daß Trockenheit und Dürre herrscht, wie aber durch dasjenige, was Elias in dem Verhältnis zu den göttlichgeistigen Welten anordnet, der Trockenheit und Dürre und allem, was damals Not des Landes war, Abhilfe geschaffen wird. Wie ein Naturelement, wie ein Naturgesetz selber wirkt er. Und man möchte sagen: Man lernt, was in dem Geist des Elias wirkt, am besten dadurch kennen, daß man den 104. Psalm auf sich wirken läßt mit der ganzen Beschreibung des Jahve oder Jehova als der Naturgottheit, die durch alles hindurchwirkt. Nun ist Elias selbstverständlich nicht mit dieser Gottheit selbst zu identifizieren; er ist das irdische Abbild dieser Gottheit, er ist jenes irdische Abbild, das zugleich die Volksseele des althebräischen Volkes ist. Eine Art differenzierter Jehova, eine Art irdischer Jehova, oder — wie man es im Alten Testament ausdrückt — wie das Antlitz des Jehova ist dieser Geist des Elias.

[ 5 ] So angesehen, illustriert sich uns die Tatsache noch ganz besonders, daß derselbe Geist, der in dem Elias-Naboth lebt, nun wiedererscheint in Johannes dem Täufer. Wie wirkt er in Johannes dem Täufer? Zunächst, im Sinne der Bibel und namentlich im Sinne des MarkusEvangeliums, wirkt er durch dasjenige, was die Taufe ist. Was ist diese Taufe in Wahrheit? Wozu wird sie eigentlich von Johannes dem Täufer an denjenigen vollzogen, die sich herbeilassen, sie an sich vollziehen zu lassen? Da müssen wir ein wenig auf das eingehen, was durch diese Taufe an den Täuflingen wahrhaft bewirkt worden ist. — Die Täuflinge wurden untergetaucht ins Wasser. Da trat bei ihnen immer das ein, wovon öfter gesprochen worden ist, daß es eintritt, wenn der Mensch durch irgend etwas jenen Schock bekommt, den er durch irgendeine plötzliche Todesdrohung bekommen kann, zum Beispiel, wenn er ins Wasser fällt und dem Ertrinken nahe ist, oder bei einem Absturz im Gebirge. Da tritt eine Lockerung des Ätherleibes ein. Der Ätherleib geht teilweise aus dem physischen Leibe heraus, und die Folge ist, daß dann etwas eintritt, was beim Menschen immer unmittelbar nach dem Tode eintritt: eine Art Rückschau auf das letzte Leben. Das ist eine ganz bekannte Tatsache, die oft beschrieben wird, auch von materialistischen Denkern der Gegenwart. Etwas Ähnliches trat aber auch ein bei der ’Taufe des Johannes im Jordan. Die Leute wurden unter das Wasser getaucht. Das war nicht eine Taufe, wie sie heute gebräuchlich ist, sondern durch die Johannes-Taufe wurde bewirkt, daß der Ätherleib der Menschen sich lockerte und daß die Leute mehr sahen, als sie mit dem gewöhnlichen Verstande begreifen konnten. Sie sahen ihr Leben im Geiste und auch die Einflüsse auf dieses Leben im Geistigen. Und auch das sahen sie, wovon der Täufer lehrte: daß die alte Zeit erfüllt ist und daß eine neue Zeit beginnen müsse. In der hellseherischen Beobachtung, die sie für wenige Augenblicke machen konnten während des Untertauchens bei der Taufe, sahen sie: die Menschheit ist an einem Wendepunkt in der Evolution angekommen; was die Menschen in den alten Zeiten, da sie in der Gruppenseelenhaftigkeit waren, gehabt haben, ist im völligen Aussterben; ganz andere Verhältnisse müssen eintreten. Das sahen sie in ihrem freigewordenen Ätherleibe: Ein neuer Impuls, neue Eigenschaften müssen über die Menschheit kommen.

[ 6 ] Deshalb war die Johannes-Taufe eine Erkenntnissache. «Ändert den Sinn, wendet den Blick nicht bloß nach rückwärts, wohin es noch möglich wäre, die Blicke zurückzuwenden, sondern blicket hin auf etwas anderes: der Gott, der sich im menschlichen Ich offenbaren kann, ist nahe herbeigekommen; die Reiche des Göttlichen sind nahe herbeigekommen.» Das predigte der Täufer nicht nur, das ließ er sie erkennen, indem er ihnen die Taufe im Jordan zuteil werden ließ. Und die, welche getauft wurden, wußten fortan aus ihrer eigenen hellsichtigen Beobachtung, wenn diese auch nur kurze Zeit dauerte, daß die Worte des Täufers eine weltgeschichtliche Tatsache ausdrückten.

[ 7 ] Wenn wir diesen Zusammenhang betrachten, erscheint uns erst der Geist des Elias im rechten Lichte, der auch in Johannes dem Täufer wirkte. Dann erscheint uns die Sache so, daß wir in Elias haben den Geist des jüdischen Volkes, den Geist des alttestamentlichen Volkes. Was war das für ein Geist? Er war schon in einer gewissen Weise der Geist des Ich; aber er trat nicht auf als der Geist des einzelnen Menschen, sondern er trat bei Elias auf als der Geist des gesamten Volkes. Er war der undifferenzierte Geist. Was später in einem einzelnen Menschen wohnen sollte, das war gleichsam bei Elias noch die Gruppenseele des althebräischen Volkes. Es war noch in den übersinnlichen Welten, was als die individuelle Seele herabsteigen sollte in jede einzelne Menschenbrust, als die Johanneische Zeit herankam. Das war noch nicht in jedes Menschen Brust. Das konnte in Elias noch nicht so leben, daß es hineinstieg in die einzelne Persönlichkeit des Naboth, sondern nur so, daß es umschwebte die einzelne Persönlichkeit des Naboth. Es manifestierte sich bei Elias-Naboth nur genauer, als es sich im Grunde genommen in jedem einzelnen Angehörigen des althebräischen Volkes manifestierte. Daß dieser Geist, der gleichsam über den Menschen und ihrer Geschichte schwebte, nun immer mehr und mehr einziehen sollte in jede einzelne individuelle Brust, das war die große Tatsache, die nun Elias-Johannes selber ankündigte, indem er gleichsam sagte, die Leute taufend: Was bisher nur in der übersinnlichen Welt war und aus dieser heraus wirkte, das müßt ihr jetzt in eure Seelen aufnehmen als die Impulse, die aus den Reichen der Himmel bis ins menschliche Herz gekommen sind. — Der Geist des Elias zeigt selber, wie er nun vervielfältigt einziehen muß in die menschlichen Herzen, damit die Menschen nach und nach den Impuls des Christus im Laufe der Weltgeschichte aufnehmen können. Das war der Sinn der Johannes-Taufe, daß Elias bereit war, den Platz zu bereiten für den Christus. Das war enthalten in der Tat der Johannes-Taufe im Jordan. «Ich will ihm Platz machen, ich will ihm den Weg bereiten in den Herzen der Menschen; ich will nicht mehr bloß über den Menschen schweben, sondern in die menschlichen Herzen einziehen, damit auch er einziehen kann.»

[ 8 ] Wenn das so ist, was dürfen wir dann erwarten? Es ist nichts natürlicher, wenn dies so ist, als daß wir erwarten können, daß in dem Täufer Johannes in einer gewissen Weise wieder das zutage tritt, was wir an Elias schon beobachtet haben, daß zutage tritt, wie in der grandiosen Gestalt des Täufers nicht bloß wirkt diese einzelne Persönlichkeit, sondern dasjenige, was mehr ist als diese einzelne Persönlichkeit, was wie eine Aura diese einzelne Persönlichkeit umschwebt, aber in seiner Wirksamkeit über diese einzelne Persönlichkeit hinausgeht, was wie eine Atmosphäre lebt unter denjenigen, innerhalb welcher auch der Täufer wirkt. Wie Elias gewirkt hat wie eine Atmosphäre, so können wir auch erwarten, daß Elias wieder wirkt wie eine Atmosphäre als der Täufer Johannes. Ja, wir können sogar noch etwas anderes erwarten: daß diese spirituelle Wesenheit des Elias, die jetzt an Johannes den Täufer gebunden ist, dann spirituell weiterwirkt, wenn der Täufer nicht mehr da ist, wenn er weg ist. Und was will sie denn, diese spirituelle Wesenheit? Nun, sie will den Weg bereiten für den Christus. Wir können also sagen: Der Fall ist möglich, daß der Täufer abgeht als physische Person, daß aber seine spirituelle Wesenheit bleibt wie eine geistige Atmosphäre auf dem Boden, in der Gegend, wo er gewirkt hat, und daß diese geistige Atmosphäre gerade vorbereitet den Boden, auf dem der Christus nun seine Tat ausführen kann. Das können wir erwarten. Und was wir so erwarten können, wird am besten dadurch ausgedrückt, wenn vielleicht gesagt würde: Johannes der Täufer ist weggegangen, aber was er als der Elias-Geist ist, das ist da, und in das hinein kann am besten der Christus Jesus wirken, da kann er am besten seine Worte hineingießen; in der Atmosphäre, die da geblieben ist, in der Elias-Atmosphäre, da kann er am besten seine Taten ausprägen. Das können wir erwarten. Und was wird uns im Markus-Evangelium gesagt?

[ 9 ] Außerordentlich charakteristisch ist es, daß zweimal im MarkusEvangelium angedeutet wird, was ich jetzt ausgesprochen habe. Das erstemal wird gesagt: Gleich nach der Verhaftung des Johannes kam Jesus nach Galiläa und verkündete dort die Lehre von den himmlischen Reichen (1, 14). Johannes war also verhaftet, das heißt, seine physische Person war zunächst gehemmt, selbst zu wirken; aber es tritt in die Atmosphäre, die er geschaffen hat, ein die Gestalt des Christus Jesus. Und ein zweites Mal tritt bedeutsam dasselbe auf im Markus-Evangelium, und das ist grandios, daß es ein zweites Mal auftritt. Man muß nur das Markus-Evangelium richtig lesen. Wenn Sie weitergehen bis zum sechsten Kapitel, dann hören Sie die ganze Beschreibung, wie der König Herodes den Täufer Johannes köpfen ließ. Aber sehr merkwürdig: man vermutete mancherlei, nachdem die physische Persönlichkeit des Johannes nicht nur verhaftet, sondern durch den Tod hinweggeräumt war. Einigen scheint es, die Wunderkraft, durch die der Christus Jesus wirkt, komme davon her, weil der Christus Jesus selber der Elias sei — oder einer der Propheten. Aber Herodes hat aus seinem geängstigten Gewissen heraus eine sehr merkwürdige Ahnung. Als er hört, was durch den Christus Jesus alles geschah, sagt er: «Johannes, den ich köpfen ließ, der ist auferweckt.» (6, 16.) Herodes spürt, daß, als Johannes als physische Persönlichkeit weg ist, er jetzt erst recht da ist. Er spürt, daß seine Atmosphäre, seine Spiritualität — und die keine andere ist als die Spiritualität des Elias — da ist. Herodes, aus dem gemarterten Gewissen heraus, merkt, wie Johannes der Täufer, das heißt Elias, da ist. Aber dann wird etwas Sonderbares angedeutet, wie der Christus Jesus kam, gerade in die Gegend kam, wo Johannes der Täufer gewirkt hatte, nachdem dieser seinen physischen Tod gefunden hatte. Da steht eine merkwürdige Stelle, die ich Sie bitte, ganz besonders zu berücksichtigen, über die man nicht hinweglesen darf. Denn im Evangelium sind die Worte nicht bloß Redeschmuck; die Evangelisten schreiben noch keinen journalistischen Stil. Da wird etwas sehr Bedeutsames gesagt. Unter die Schar derer tritt der Christus Jesus, welche die Anhänger und Jünger Johannes des Täufers waren, und das wird ausgedrückt in einem Worte, das man berücksichtigen muß: «Und als er herauskam, sah er eine große Menge», womit nur die Jünger des Johannes gemeint sein können, «und hatte Mitleiden mit ihnen ...» Warum Mitleiden? Weil sie ihren Meister verloren hatten, weil sie dastehen ohne den Johannes, von dem gesagt wird, daß sie kurz vorher seinen enthaupteten Leichnam zu Grabe getragen hatten. Es wird aber noch genauer gesagt: «...denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben, und fing an, sie vieles zu lehren.» (6, 34.) Man kann nicht deutlicher hinweisen auf die Tatsache, wie er die Jünger des Johannes lehrt. Er lehrt sie aus dem Grunde, weil noch der Geist des Elias unter ihnen wirkt, der zugleich des Geist Johannes des Täufers ist. So wird an einer bedeutungsvollen Stelle des Markus-Evangeliums wieder mit dramatischer Kraft darauf hingewiesen, wie in das, was der Geist des RliasJohannes vorbereitet hat, eintritt der Geist des Christus Jesus. Das alles ist aber nur ein Hauptpunkt, um den sich anderes herumgruppiert, das sehr bedeutsam ist. Ich möchte nur auf eines noch aufmerksam machen.

[ 10 ] Ich habe öfter angedeutet, wie dann dieser Geist des Elias-Johannes durch seine Impulse weiter wirksam war in der Weltgeschichte. Und da wir als Anthroposophen hier beisammen sind und auch auf okkulte Tatsachen eingehen dürfen, so darf die Sache besprochen werden. Es ist öfter von mir angedeutet worden, daß die Seele des Elias-Johannes wiedererscheint in dem Maler Rafael. Dies gehört zu den Tatsachen, die so recht darauf aufmerksam machen können, wie sich die Metamorphose der Seele vollzieht gerade durch den großen Einschlag, der durch das Mysterium von Golgatha geschieht. Weil in der nachchristlichen Zeit auch eine solche Seele durch das Medium der einzelnen Persönlichkeit in Raffael wirken mußte, deshalb erscheint, man möchte sagen, dasjenige, was in den alten Zeiten so umfassend, so weltumfassend war, in einer so differenzierten Persönlichkeit, wie es Raffael war. Kann man gar nicht empfinden, daß doch dieses wie eine Aura Umschwebende des Elias-Johannes auch bei Raffael da ist, daß auch bei Raffael etwas Ähnliches da ist wie bei den beiden anderen, von dem man sagen kann: es ist zu groß, um in die einzelne Persönlichkeit einzugehen, es umschwebt die einzelne Persönlichkeit, so daß die Offenbarungen, welche diese physische Persönlichkeit empfängt, wie Erleuchtungen wirken? Das ist bei Raffael doch der Fall.

[ 11 ] Es gibt einen, wenn auch persönlich ausschauenden, aber doch sehr merkwürdigen Beweis für diese Tatsache, einen Beweis, dessen Elemente ich schon in München angedeutet habe. Ich möchte aber doch die Sache hier besprechen, nicht nur um die Persönlichkeit des Täufers, sondern die ganze Wesenheit Elias-Johannes herauszuarbeiten, und möchte deshalb auch den weiteren Fortgang der Seele des Elias- Johannes in Raffael besprechen. Es muß jemand, der dann ehrlich, aufrichtig eingehen will auf das, was Raffael war, schon ganz besondere Gefühle dafür haben. Ich habe aufmerksam gemacht auf den modernen Kunsthistoriker Herman Grimm und gesagt, daß es ihm möglich war, mit einer gewissen Leichtigkeit eine Biographie von Michelangelo zustande zu bringen, daß er aber dreimal darangegangen ist, um eine Art von Lebensbeschreibung von Raffael zustande zu bringen. Und weil Herman Grimm nicht ein gewöhnlicher «Gelehrter» war — ein solcher wird selbstverständlich mit allem fertig —, sondern ein universeller Mensch, der aufrichtig war mit seinem Herzen in bezug auf das, was er ergreifen und erforschen wollte, so mußte er sich gestehen, wenn er wieder etwas fertiggebracht hatte, was ein «Leben Raffaels » sein sollte, daß es doch kein Leben Raffaels war. So mußte er immer wieder ansetzen, und niemals wurde er von seiner Arbeit befriedigt. Kurz vor seinem Tode versuchte er noch einmal — was in seinen nachgelassenen Werken enthalten ist — an Raffael heranzutreten, um ihn so zu erfassen, wie ihn sein Herz erfassen wollte, und schon charakteristisch ist der Titel, den die neue Abhandlung tragen sollte, nämlich «Raffael als Weltmacht». Denn es erschien ihm, daß man, wenn man sich aufrichtig Raffael nähert, ihn gar nicht schildern kann, wenn man ihn nicht als Weltmacht schildern kann, wenn man nicht durchsehen kann auf das, was durch die ganze Weltgeschichte hindurch wirkt. Es ist ganz natürlich, daß ein moderner Schriftsteller, man möchte sagen, mit einer gewissen Unbehaglichkeit seine Worte setzt, wenn er schildern soll so frank und frei, wie die Evangelisten schilderten. Es geniert sich selbst der beste Schriftsteller, da zu Werke zu gehen; aber es ringen ihm die Gestalten, die er zu beschreiben hat, doch oft die entsprechenden Worte ab. Da ist es sehr merkwürdig, wie Herman Grimm in den ersten Kapiteln, die er kurz vor seinem Tode schrieb, über Raffael spricht. Es ist wirklich so, daß man in seinem Herzen etwas ahnen kann von dem Verhältnis einer solchen Gestalt, wie es Elias-Johannes war, wenn er von Raffael spricht, indem er sagt:

«Würde Michelangelo dutch ein Wunder von den Toten fortgerufen, um unter uns wieder zu leben, und begegnete ich ihm, so würde ich ehrfurchtsvoll zur Seite treten, damit er vorüberginge; käme mir Raffael aber in den Weg, so würde ich hinter ihm hergehen, ob ich nicht Gelegenheit fände, ein paar Worte aus seinen Lippen zu vernehmen. Bei Lionardo und Michelangelo kann man sich darauf beschränken, zu erzählen, was sie ihren Tagen einst gewesen sind: bei Raffael muß von dem ausgegangen werden, was er uns heute ist. Über jene anderen hat sich ein leiser Schleier gelegt, über Raffael nicht. Er gehört zu denen, deren Wachstum noch lange nicht zu Ende ist. Es sind immer wieder zukünftig lebende Geschlechter von Menschen denkbar, denen Raffael neue Rätsel aufgeben wird.» («Fragmente », II. Band, Seite 171.)

[ 12 ] Herman Grimm schildert Raffael als Weltmacht, als einen Geist, der durch die Jahrhunderte, durch die Jahrtausende schreitet, als einen Geist, der nicht Platz hat in einem einzelnen Menschen. Aber noch andere Worte lesen wir bei Herman Grimm, die sich, wie gesagt, abringen der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit seiner Seele. Und die sind so, wie wenn jemand ausdrücken möchte, daß bei Raffael etwas vorliegt wie eine große Aura, die ihn umschwebt, so wie der Geist des Elias den Naboth umschwebte. Könnte man es anders ausdrücken, als es Herman Grimm schreibt:

«Raffael ist ein Bürger der Weltgeschichte. Wie einer von den vier Flüssen ist er, die dem Glauben der alten Welt nach aus dem Paradiese kamen.» («Fragmente », II. Band, Seite 153.)

[ 13 ] Das könnte fast ein Evangelist geschrieben haben, und so könnte man fast über Elias schreiben. Das heißt, auch der moderne Kunsthistoriker kann, wenn er ehrlich und aufrichtig empfindet, etwas fühlen von dem, was so durch die Zeiten geht an großen Weltimpulsen. Man braucht wahrhaftig nichts anderes, um die moderne Geisteswissenschaft zu verstehen, als zu den seelischen und geistigen Bedürfnissen der Menschen zu gehen, die mit aller Sehnsucht hineinstreben in das, was die Wahrheit ist bei der Evolution der Menschheit.

[ 14 ] So steht Johannes der Täufer vor uns, und es ist gut, wenn wir ihn so fühlen beim Aufschlagen des Markus-Evangeliums, beim Lesen der ersten Worte und im Verfolg dann wieder im sechsten Kapitel. Die Bibel ist kein Buch, das wirken soll wie ein Buch der modernen Gelehrsamkeit, wo man sozusagen recht «klar» — so nennt man es nämlich den Leuten unter die Nase streicht, was sie lesen sollen. Die Bibel verbirgt manches, was sie an geheimnisvollen Tatsachen zu verkünden hat, hinter dem Kompositionellen, hinter dem grandiosen okkult Kompositionell-Künstlerischen. Und so verbirgt sie auch manches hinter diesem okkult Kompositionell-Künstlerischen gerade in bezug auf die Tatsache des Täufers. Ich darf Sie dabei auf eines aufmerksam machen, was Sie als Empfindungs-, als Gefühlswahrheit vielleicht bloß nehmen wollen, woraus Sie aber sehen können, daß, wenn man noch andere als Verstandeswahrheiten gelten läßt, es in der Bibel doch darinnensteht, wie sich der Geist oder die Seele des Elias zu dem Geist oder der Seele Johannes des Täufers verhält. Wollen wir einmal zusehen, inwiefern dies der Fall ist, und, so kurz als es geschehen kann, eine Stelle aus der Elias-Beschreibung des Alten Testamentes auf uns wirken lassen.

«Elias machte sich auf und ging gen Sarepta. Und da er zum Tore der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe und las Holz auf. Und er rief ihr und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Kruge, daß ich trinke.

Da sie aber hinging zu holen, rief er ihr und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit.

Sie sprach: So wahr der Herr, dein Gott, lebet, ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Kasten und ein wenig Öl im Kruge. Und siehe, ich habe ein Holz oder zwei aufgelesen und gehe hinein und will mir und meinem Sohne zurichten, daß wir essen und sterben.

Elias sprach zu ihr: Fürchte dich nicht; gehe hin und mache es, wie du gesagt hast; doch mache mir am ersten ein kleines Gebackenes davon und bringe mir’s heraus; dir aber und deinem Sohne sollst du darnach auch machen.

Denn also spricht der Herr, der Gott Israels: Das Mehl im Kasten soll nicht verzehret werden, und dem Ölkruge soll nichts mangeln bis auf den Tag, da der Herr regnen lassen wird auf Erden.

Sie ging hin und machte, wie Elias gesagt hatte. Und er aß, und sie auch und ihr Haus eine Zeitlang.

Das Mehl im Kasten ward nicht verzehret, und dem Ölkruge mangelte nichts nach dem Wort des Herrn, das er geredet hatte durch Elias.» (1. Könige 17, 10-16.)

[ 15 ] Was lesen wir in dieser Erzählung von Elias? Wir lesen das Hinkommen des Elias zu einer Witwe und eine merkwürdige Brotvermehrung. Dadurch, daß der Geist des Elias da ist, tritt das ein, daß keine Not ist, trotzdem wenig Brot da ist. Das Brot mehrt sich, das lesen wir, in dem Augenblick, da der Geist des Elias bei der Witwe eintritt. Durch den Geist des Elias geschieht das, was hier als Brotvermehrung, als Beschenkung mit Brot dargestellt wird. Wir könnten sagen: Es leuchtet aus dem Alten Testament die Tatsache heraus, daß durch das Erscheinen des Elias eine Brotvermehrung bewirkt wird.

[ 16 ] Und jetzt lesen wir das sechste Kapitel des Markus-Evangeliums. Da wird zunächst erzählt, wie Herodes den Johannes köpfen ließ, wie dann der Christus Jesus zu der Schar des Johannes kam. Und lassen wir nun dieses Kapitel auf unsere Seele wirken.

«Und als er herauskam, sah er eine große Menge, und hatte Mitleiden mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben; und fing an, sie vieles zu lehren.

Und wie es schon spät wurde, traten seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist öde, und es ist schon spät; entlasse sie, damit sie in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich etwas zu essen kaufen.

Er aber antwortete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Und sie sagten zu ihm: Sollen wir hingehen und für zweihundert Denare Brot kaufen und ihnen zu essen geben?

Er aber sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Gehet hin und sehet nach. Und nachdem sie sich unterrichtet, sagten sie: Fünf, und zwei Fische.

Und er befahl ihnen, sich alle niederzusetzen tischweise auf dem grünen Rasen.

Und sie lagerten sich beetweise, zu hundert und zu fünfzig.

Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte auf zum Himmel, segnete und brach die Brote und gab sie den Jüngern, sie ihnen vorzusetzen, auch die zwei Fische teilte er unter alle. Und sie aßen alle und wurden satt ...» (6, 34-42).

[ 17 ] Sie kennen die Geschichte: eine Brotvermehrung, wiederum durch den Geist Elias-Johannes. Die Bibel spricht eben nicht klar, wie man das heute «klar» nennt; aber die Bibel legt in das Kompositionelle das hinein, was sie zu sagen hat. Und wer Gefühlswahrheiten zu bewerten versteht, der wird ruhen wollen mit seinem Gefühl auf der einen Stelle, wo davon die Rede ist, wie Elias zu der Witwe kommt und das Brot vermehrt, und wo dann der wiedergebotene Elias den physischen Leib verläßt und der Christus Jesus in seiner Atmosphäre in einer neuen Gestalt das vornimmt, was als eine Brotvermehrung zu deuten ist.

[ 18 ] So sind die inneren Fortschritte in der Bibel. So sind die inneren Zusammenhänge. Die weisen uns darauf hin, wie im Grunde genommen alles nur eine leere Gelehrsamkeit ist, die da von einem « Zusammentragen von Bibelfragmenten» spricht, und wie durch eine wirkliche Bibelerkenntnis es möglich ist, daß wir durch die ganze Bibel hindurch den einheitlich komponierenden Geist erkennen, gleichgültig jetzt, wer dieser einheitlich komponierende Geist ist. So sehen wir hingestellt vor uns den Täufer.

[ 19 ] Es ist sehr merkwürdig nun, wie dieser Täufer selbst wieder hineingestellt wird in das Werk des Christus Jesus. Zweimal wird uns also angedeutet, daß eigentlich der Christus Jesus eintritt in die Aura des Täufers, eintritt da, wo die physische Persönlichkeit immer mehr und mehr in den Hintergrund tritt und endlich ganz weggeht von dem physischer: Plan. Dann aber wird uns gerade durch das einfache Markus-Evangelium mit sehr klaren Worten angedeutet, wie anders doch alles jetzt wird durch den Eintritt des Christus Jesus in das Element von Elias-Johannes, wie ein ganz neuer Impuls dadurch doch in die Welt hereintritt.

[ 20 ] Um das zu verstehen, muß man nun die ganze Schilderung ins Auge fassen, die gegeben wird im Evangelium von dem Moment an, da der Christus nach der Verhaftung von Johannes dem Täufer auftritt, um von den göttlichen Reichen zu sprechen, einerseits, bis dahin, wo von der Ermordung des Johannes durch Herodes geredet wird, und dann wieder in den Kapiteln nachher. Nehmen wir alle diese Erzählungen, die uns da vorliegen, bis zu der Herodesgeschichte, so finden wir, daß sie alle darauf ausgehen, wenn wir sie in ihrem wahren Charakter betrachten, uns so recht das Wesenhafte des Christus Jesus zur Anschauung zu bringen. Es ist schon gestern darauf aufmerksam gemacht worden, wie dieses Wesenhafte des Christus Jesus wirkt, nämlich so, daß er nicht nur erkannt wird von den Menschen, sondern daß er auch erkannt wird von den Geistern, von denen die Dämonischen besessen sind, so daß ihn auch die übersinnlichen Wesenheiten erkennen. Das tritt uns zuerst scharf und markant entgegen. Dann aber tritt uns entgegen, wie das, was in dem Christus Jesus wohnt, doch etwas anderes ist als das, was in Elias-Naboth dadurch wohnte, daß der Geist des Elias nicht ganz in Naboth eintreten konnte.

[ 21 ] Der Sinn im Markus-Evangelium ist nun der, zu erzählen, wie ganz in den Jesus von Nazareth eingeht, ganz die irdische Persönlichkeit erfüllt dasjenige, was der Christus ist, und wie das darin wirkt, was man als allgemeines menschliches Ich erkennt. Was ist denn den Dämonen, welche die Menschen von sich besessen halten, so furchtbar, als ihnen der Christus entgegentritt? Das ist es, daß sie zu ihm sagen müssen: «Du bist der, der den Gott in sich trägt», daß sie ihn erkennen als eine göttliche Macht in der Persönlichkeit, welche die Dämonen zwingt, sich ihr zu erkennen zu geben und herauszutreten aus den Menschen durch die Macht dessen, was in der individuellen Persönlichkeit des Menschen sitzt (1, 24; 3, 11; 5, 7). Dadurch wird uns in den ersten Kapiteln des Markus-Evangeliums diese Gestalt so besonders herausgearbeitet, die in einer gewissen Weise wie ein Gegensatz zu Elias-Naboth und auch zu Elias-Johannes ist. Während in diesen nicht völlig wohnen konnte, was das Beseelende war, ist in dem Christus Jesus dieses Beseelende völlig enthalten. Daher steht auch der Christus Jesus, obwohl in ihm ein kosmisches Prinzip lebt, ganz individuell, als einzelne menschliche Persönlichkeit zugleich, den anderen Menschen gegenüber, auch denjenigen gegenüber, die er heilt.

[ 22 ] Man nimmt ja in der Gegenwart solche Schilderungen, die aus der Vergangenheit gegeben werden, gewöhnlich in einem eigentümlichen Sinne auf. Insbesondere viele der heutigen Naturgelehrten, Monisten, wie sie sich auch nennen, wenn sie Weltanschauungen vertreten wollen, nehmen solche Darstellungen in einem ganz besonderen Sinne auf. Man möchte diesen Sinn dadurch bezeichnen, daß man sagt: Diese guten Gelehrten, diese guten Naturphilosophen haben im geheimen doch ein wenig die Meinung, wenn sie sich auch genieren, sie auszusprechen, daß es besser gewesen wäre, wenn es der Herrgott ihnen überlassen hätte, die Welt einzurichten; denn sie hätten sie doch besser eingerichtet. Nehmen wir einen solchen Naturgelehrten, der darauf schwört, daß die Weisheit erst in den letzten zwanzig Jahren über die Menschheit gekommen ist — und andere rechnen ja nur nach den letzten fünf Jahren, die betrachten das schon als Aberglauben, was vor den letzten fünf Jahren liegt —, so wird er insbesondere tief bedauern, daß, als der Christus Jesus auf Erden wandelte, es noch nicht eine moderne naturwissenschaftliche Medizin mit allen ihren verschiedenen Mitteln gegeben hat; denn es wäre doch gescheiter gewesen, wenn alle diese Menschen — wie zum Beispiel die Schwiegermutter des Simon und auch die anderen — mit den Mitteln der heutigen Medizin hätten geheilt werden können. Denn das wäre nach ihrer Meinung doch ein ganz vollkommener Herrgott, der nach den Begriffen der modernen Naturgelehrten die Schöpfung eingerichtet hätte; der hätte doch die Menschen nicht so lange schmachten lassen nach der modernen Naturgelehrsamkeit. So aber ist doch die Welt, wie sie der Herrgott eingerichtet hat, gegenüber dem, was ein Naturgelehrter gekonnt hätte, etwas verpfuscht. Man sagt es nicht, man geniert sich, es zu sagen; aber zwischen den Zeilen ist es doch da. Man muß nur die Dinge einmal beim rechten Namen nennen, die heute bei den materialistischen Naturgelehrten herumschwirren. So könnte man, wenn man mit einem solchen Herrn vielleicht einmal unter vier Augen sprechen könnte, doch wohl die Meinung hören, eigentlich könnte man schon deshalb gar nicht anders als Atheist sein, weil man sieht, wie wenig es dem Herrgott gelungen ist, die Menschen zur Zeit des Christus Jesus mit den Methoden der modernen Naturwissenschaft zu heilen.

[ 23 ] Das eine bedenken die Menschen aber nicht: daß sie das Wort Evolution, das sie so oft aussprechen, ernst und ehrlich nehmen müssen, daß alles in der Evolution begriffen sein muß, damit die Welt an ihr Ziel kommen kann, und daß man nicht fragen muß bloß nach dem Plan, den die heutige Naturwissenschaft aufstellen würde, wenn sie eine Welt erschaffen würde. Weil man aber so denkt, weiß man nicht recht, daß die ganze Konstitution des Menschen, die Zusammenfügung der feineren Leiber, früher eine ganz andere gewesen ist. Man hätte damals nichts anfangen können mit den naturwissenschaftlichen Methoden bei der menschlichen Persönlichkeit. Da war der Ätherleib viel wirksamer, viel kräftiger noch, als er heute ist; da konnte man auf dem Umwege durch den Ätherleib ganz anders auf den physischen Leib wirken. Und es bedeutete eine ganz andere Wirkung als heute, wenn man sprechen wir es ganz trocken aus — mit «Gefühlen » heilte, wenn das Gefühl sich ausgoß von dem einen auf den anderen. Als der Ätherleib wirklich noch stärker war und den physischen Leib noch beherrschte, da konnte das, was man psychisch-spirituelle Heilmittel nennt, ganz anders sich betätigen. Die Menschen waren in ihrerKonstitution anders, daher mußte anders geheilt werden. Wenn man das nicht weiß, wird man als Naturgelehrter sagen: An Wunder glauben wir nicht mehr, und was da über die Heilungen gesagt wird, sind eben Wunder, und das muß beseitigt werden. Und wenn man ein heutiger aufgeklärter Theologe ist, dann ist man in einer ganz besonderen Verlegenheit. Da möchte man die Sachen aufrechterhalten, aber man steckt doch voll von dem modernen Vorurteil, daß so nicht geheilt werden kann, daß das «Wunder» seien. Und dann macht man alle möglichen Erklärungen über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Wunder. Nur eines weiß man nicht: daß alles, was bis zum sechsten Kapitel des MarkusEvangeliums beschrieben wird, für die damalige Zeit überhaupt keine Wunder waren, sowenig wie es ein Wunder ist, wenn heute mit irgendeiner Arznei diese oder jene Funktion des menschlichen Organismus beeinflußt wird. Kein Mensch hätte damals an Wunder gedacht, wenn jemand zu einem Aussätzigen sagte, indem er die Hand ausstreckte: «Ich will es, werde rein!» Das ganze Naturell des Christus Jesus, das da überfloß, war das Heilmittel. Es würde heute nicht mehr wirken, weil heute die Zusammenfügung des menschlichen Ätherleibes und physischen Leibes eine ganz andere ist. Damals aber heilten die Ärzte überhaupt so. Daher ist es bei dem Christus Jesus gar nicht etwas besonders Hervorzuhebendes, daß er die Aussätzigen durch Mitleid und Handauflegen heilte. Das war eine Selbstverständlichkeit für die damalige Zeit. Was in diesem Kapitel hervorgehoben werden soll, ist etwas ganz anderes, und dem muß man richtig ins Auge schauen.

[ 24 ] Werfen wir dazu einen Blick auf die Art und Weise, wie damals zum Beispiel die kleineren oder größeren Ärzte ausgebildet wurden. Sie wurden in Schulen ausgebildet, welche den Mysterienschulen beigeordnet waren, und sie bekamen in die Hand Kräfte, die aus der übersinnlichen Welt durch sie herunterwirkten, so daß die damals heilenden Ärzte gleichsam Medien waren für übersinnliche Kräfte. Sie übertrugen übersinnliche Kräfte durch ihre eigene Mediumschaft, zu der sie erhoben wurden in den ärztlichen Mysterienschulen. Indem ein solcher Arzt seine Hand auflegte, waren es nicht seine Kräfte, die ausströmten, sondern Kräfte aus der übersinnlichen Welt. Und daß er ein Kanal sein konnte für das Wirken von übersinnlichen Kräften, das wurde bewirkt bei seiner Einweihung in den Mysterienschulen. Erzählungen, daß ein Aussätziger oder Fieberkranker geheilt worden war durch solche psychische Vorgänge, wären dem damaligen Menschen nicht besonders wundersam erschienen. Was das Bedeutsame war, ist nicht, daß geheilt wurde, sondern daß jemand auftrat, der, ohne in einer Mysterienschule gewesen zu sein, so heilen konnte; daß einer auftrat, dem die Kraft, die früher von den höheren Welten herunterfloß, in das Herz, in die Seele selber gelegt war, und daß diese Kräfte persönliche, individuelle Kräfte geworden waren. Die Tatsache sollte hingestellt werden, daß die Zeit erfüllt ist, daß der Mensch fortan nicht mehr so sein kann, daß er ein Kanal für übersinnliche Kräfte ist, daß dies aufhört. Das war auch denen, die sich durch Johannes im Jordan taufen ließen, klar geworden, daß diese Zeit aufhört, daß alles, was zukünftig gemacht werden muß, durch das menschliche Ich, durch das, was in das göttliche, innere Zentrum des Menschen einkehren soll, gemacht werden muß und daß da einer unter den Menschen steht, der von sich aus das tut, was die anderen getan haben mit Hilfe der Wesenheiten, die in den übersinnlichen Welten leben, und deren Kräfte auf sie herunterwirkten.

[ 25 ] So trifft man gar nicht einmal den Sinn der Bibel, wenn man den Heilungsvorgang selber als etwas Besonderes darstellt. Das war er in der Abendröte der alten Zeit noch nicht, wo solche Heilungen noch stattfinden konnten und wo gesagt wird, daß der Christus in der Zeit der Abendröte Heilungen vollzieht — aber mit den neuen Kräften, die fortan da sein sollten. Daher wird auch mit einer völligen Klarheit, die durch nichts eigentlich übertönt werden könnte, gezeigt, wie der Christus Jesus ganz von Mensch zu Mensch wirkt. Überall wird betont, daß er von Mensch zu Mensch wirkt. Es kann das kaum klarer zum Ausdruck kommen als dort, wo der Christus Jesus die Frau heilt, im fünften Kapitel des Markus-Evangeliums. Er heilt sie dadurch, daß sie an ihn herankommt, sein Kleid erfaßt, und er spürt, daß von ihm ein Strom von Kraft weggegangen ist. Die ganze Erzählung ist so, daß uns dargestellt wird: Die Frau nähert sich dem Christus Jesus, sie ergreift sein Gewand. Er tut zunächst gar nichts anderes dazu. Sie tut etwas: sie ergreift sein Gewand. Von ihm geht ein Strom von Kraft weg. Wodurch? Nicht dadurch, daß er ihn weggeschickt hat in diesem Falle, sondern daß sie ihn wegzieht, und er merkt es erst später. Das wird ganz klar dargestellt. Und als er es merkt, wie drückt er sich da aus? «Tochter, dein Glaube hat dir geholfen; gehe hin in Frieden und sei genesen von deiner Plage.» Er wird selbst erst gewahr, wie er dasteht, wie das göttliche Reich in sein Inneres einströmt und von ihm ausströmt. Er steht nicht so da, wie die früheren Dämonenheiler ihren Patienten gegenübergestanden haben. Da konnte der Patient glauben oder nicht glauben, die Kraft, die ausströmte aus überirdischen Welten durch das Medium des Heilers, strömte auf den Kranken ein. Jetzt aber, wo es auf das Ich ankam, mußte dieses Ich mitarbeiten; da wurde alles individualisiert. Auf die Schilderung dieser Tatsache kommt es an, nicht auf das, was damals selbstverständlich war, daß man durch die Seele auf den Leib wirken konnte, sondern daß Ich zu Ich, als die neue Zeit beginnen sollte, in eine Relation, in ein Verhältnis treten sollte. Früher war das Spirituelle in den höheren Welten, überschwebte den Menschen; jetzt waren die Reiche der Himmel nahe herbeigekommen und sollten einziehen in die Herzen der Menschen, sollten in den Herzen der Menschen wie in einem Zentrum wohnen. Darauf kommt es an. Da floß zusammen für eine solche Weltanschauung das äußere Physische und das innere Moralische in einer neuen Weise, in einer solchen Weise, daß es für die Zeiten von der Begründung des Christentums bis heute nur ein Glaube sein konnte und von jetzt ab ein Wissen werden kann.

[ 26 ] Man nehme einen alten Patienten, der seinem Arzte, seinem Heiler, wie ich es eben beschrieben habe, gegenüberstand in den alten Zeiten. Magische Kräfte wurden heruntergeholt aus den übersinnlichen Welten durch das Medium des Arztes, der in den Mysterienschulen dazu vorbereitet war, und diese Kräfte flossen über durch den Leib des Arztes auf den Patienten. Da war kein Zusammenhang mit dem Moralischen des Patienten, denn der ganze Vorgang berührte noch nicht das Ich des Patienten. Da war es gleich, wie das Moralische war, denn die Kräfte flossen magisch herunter aus den höheren Welten. Jetzt kam eine neue Zeit. Da flossen zusammen das Moralische und das Physische des Heilens in einer neuen Weise. Wenn man das weiß, versteht man eine andere Erzählung.

«Und Tage waren vergangen, da kam er wieder nach Kapernaum; und es verlautete, daß er zu Hause sei.

Und es versammelten sich viele Leute, so daß selbst vor der Türe nicht mehr Raum war; und er redete zu ihnen das Wort.

Und sie kamen zu ihm mit einem Gichtbrüchigen, von vier Mann getragen.

Und da sie mit demselben nicht zu ihm gelangen konnten, der Menge wegen, deckten sie da, wo er war, das Dach ab und ließen durch die Lücke die Bahre herab, auf der der Gichtbrüchige lag.

Und da Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gichtbrüchigen: Kind, deine Sünden sind dir vergeben.» (2, 1-5.)

[ 27 ] Was würde ein alter Arzt gesagt haben? Was haben die Pharisäer, die Schriftgelehrten erwartet, wenn eine Heilung eintreten sollte? Von einem alten Arzt hätten sie erwartet, daß er gesagt hätte: Die Kräfte, die in dich hineingehen und in deine gelähmten Glieder, werden dich bewegen können. Wie sagt der Christus Jesus? «Deine Sünden sind dir vergeben», das heißt, das Moralische, woran das Ich beteiligt ist. Das ist eine Sprache, welche die Pharisäer gar nicht verstehen. Sie können sie nicht verstehen. Es erscheint ihnen wie eine Gotteslästerung, daß hier einer so sprach. Warum ? Weil man in ihrem Sinne von Gott nur so sprechen kann, daß er in den übersinnlichen Welten wohnt und von dort herunterwirkt, und weil Sünden nur vergeben werden können von den übersinnlichen Welten aus. Daß Sündenvergeben mit dem, der heilt, etwas zu tun hat, das können sie nicht verstehen. Deshalb sagt der Christus weiter:

«Was ist leichter, dem Gichtbrüchigen sagen: Deine Sünden sind vergeben; oder sagen: Stehe auf, nimm deine Bahre und wandle?

Damit ihr aber wisset, daß der Sohn des Menschen Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf der Erde (zu dem Gichtbrüchigen sich wendend):

Ich sage dir: Stehe auf, nimm deine Bahre und gehe heim!

Und er stand auf, nahm alsbald seine Bahre und ging hinaus vor aller Augen.» (2, 9-12.)

[ 28 ] Er verbindet das Moralische mit der magischen Art der Heilung und gibt dadurch den Übergang von dem Ich-losen zu dem Ich-erfüllten Zustande. Das findet man bei jeder einzelnen Darstellung. So müssen wir die Sachen verstehen, denn so werden sie gesagt. Und vergleichen Sie jetzt, was nunmehr Geisteswissenschaft zu sagen hat, mit alledem, was in den Bibelerklärungen über die «Sündenvergebung » gesagt wird. Sie werden da die sonderbarsten Erklärungen finden, nirgends aber etwas Befriedigendes, weil man nicht gewußt hat, was das Mysterium von Golgatha eigentlich war.

[ 29 ] Ein Glaube, sagte ich, mußte es sein. Warum ein Glaube? Weil der Ausdruck des Moralischen in dem Physischen nicht in der einen Inkarnation sich vollzieht. Wenn wir heute einem Menschen gegenüberstehen, dürfen wir in Hinsicht auf ein physisches Gebrechen nicht sein Moralisches mit dem Physischen in der einen Inkarnation zusammenbringen. Erst wenn wir über die einzelne Inkarnation hinausgehen, haben wir den Zusammenhang des Moralischen mit dem Physischen in seinem Karma. Weil bisher das Karma gar nicht oder nur wenig betont wurde, deshalb können wir sagen: Bisher konnte der Zusammenhang zwischen dem Physischen und dem Moralischen nur ein Glaube sein. Jetzt, da geisteswissenschaftlich an das Evangelium herangetreten werden darf, wird das zum Wissen. Da steht dann der Christus Jesus wie ein Erleuchteter über das Karma neben uns, wenn er enthüllt: Den darf ich heilen; denn ich sehe es seiner Persönlichkeit an: sein Karma ist so, daß er jetzt aufstehen darf und wandeln.

[ 30 ] Sie sehen es gerade einer solchen Stelle an, wie erst, ausgerüstet mit den Mitteln der modernen Geisteswissenschaft, die Bibel verstanden werden kann. Das ist unsere Aufgabe: zu zeigen, wie in diesem Buche, in diesem Weltenbuche wirklich die tiefsten Weistümer über die Menschheitsevolution stehen. Wenn einmal begriffen werden wird, was da kosmisch geschieht auf der Erde — und wir werden es immer mehr und mehr hervorheben gerade im Verlaufe dieser Vorträge, denn dazu gibt das Markus-Evangelium den Anlaß —, welche kosmisch-terrestrische, irdisch-kosmische Bedeutung dieses Mysterium von Golgatha hat, dann wird man niemals mehr finden können, daß das, was in Anlehnung an die Evangelien gesagt werden kann, irgendwie verletzend sein könnte für irgendein anderes Religionsbekenntnis der Welt. Richtige Bibelerkenntnis wird aus den Gründen, die gestern am Schlusse des Vortrages angeführt worden sind, und vor allem auch deshalb, weil richtige Bibelerkenntnis sich wahrhaftig nicht in irgendeiner Konfession einschließen lassen kann, sondern universell werden muß, richtige Bibelerkenntnis wird durch ihre innere Wahrheit auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen und allen Religionsbekenntnissen der Welt gleichen Wert beilegen. Dadurch werden die Religionen versöhnt werden. Und wie ein Anfang zu einer solchen Versöhnung erscheint das, was ich Ihnen im ersten Vortrag sagen konnte über jenen Inder, der den Vortrag «Christus und das Christentum» gehalten hat, wobei er, zwar mit allen Vorurteilen seiner Nation behaftet, aber doch zu dem Christus in einem interkonfessionellen Sinne aufblickte. Daß man versuchen muß, diese Gestalt des Christus zu verstehen, das wird die Aufgabe des geisteswissenschaftlichen Wirkens in den verschiedenen Religionsbekenntnissen sein. Denn mir scheint, die Aufgabe der geistigen Bewegung muß sein eine Vertiefung in die Religionsbekenntnisse, so daß man das innere Wesen der einzelnen Religionen ergreift und vertieft.

[ 31 ] Wieder sei bei dieser Gelegenheit angeführt, was ich schon öfter hinstellte, wie sich ein Buddhist, der Anthroposoph ist, stellen wird zu einem Anthroposophen, der als Anthroposoph Christ ist. Da wird der Buddhist sagen: Der Gotama Buddha hat, nachdem aus dem Bodhisattva ein Buddha geworden ist, nach seinem Tode eine solche Höhe erreicht, daß er nicht wieder auf die Erde zurückzukehren braucht. Und der Christ, der Anthroposoph ist, wird dazu sagen: Ich verstehe es, denn ich glaube es selber von deinem Buddha, wenn ich mich in dein Herz hineinfinde und glaube, was du glaubst. Das heißt, die Religion des anderen verstehen, sich aufschwingen zur Religion des anderen. Der Christ, der Anthroposoph geworden ist, kann alles verstehen, was der andere sagt. Was wird dagegen der Buddhist, der Anthroposoph geworden ist, sagen? Er wird sagen: Ich versuche zu verstehen, was der innerste Nerv des Christentums ist: daß es sich beim Christus um etwas anderes als um einen Religionsstifter handelt, daß es sich beim Mysterium von Golgatha um eine unpersönliche Tatsache handelt, darum handelt, daß nicht ein Mensch Jesus von Nazareth dagestanden hat als Religionsstifter, sondern daß der Christus in ihn eingezogen ist, gestorben ist am Kreuz und so das Mysterium von Golgatha vollzogen hat. Und daß dieses Mysterium von Golgatha eine kosmische Tatsache ist, darauf wird es ankommen. Und der Buddhist wird sagen: Ich werde jetzt nicht mehr mißverstehen, nachdem ich den Wesenskern deiner Religion ergriffen habe, wie du den der meinen, worauf es ankommt, und werde nicht den Christus hinstellen als einen, der wiederverkörpert wird; denn es kommt dir auf das an, was da geschehen ist. Und ich würde sonderbar reden, wenn ich sagen würde, daß das Christentum in irgend etwas verbessert werden müßte, daß man dazumal bei einem besseren Verständnis des Christus Jesus ihn nicht nach drei Jahren ans Kreuz geschlagen hätte, daß man einen Religionsstifter anders behandeln sollte und so weiter. — Darauf kommt es ja gerade an, daß der Christus ans Kreuz geschlagen worden ist und was durch diesen Kreuzestod geschehen ist! Es kommt nicht darauf an, daß man denkt: Da ist ein Unrecht geschehen, und das Christentum könnte heute verbessert werden. Kein Buddhist, der Anthroposoph ist, könnte heute anders sprechen als: Ich versuche, wie du den Wesenskern meiner Religion verstehst, so auch den Wesenskern deiner Religion in Wahrheit zu verstehen.

[ 32 ] Was wird kommen, wenn sich so die einzelnen Bekenner der verschiedenen Religionssysteme verstehen werden, wenn der Christ zum Buddhisten sagen wird: Ich glaube an deinen Buddha, wie du an deinen Buddha glaubst, — und wenn der Buddhist zum Christen sagen wird: Ich kann das Mysterium von Golgatha verstehen, wie du selbst es verstehst, — was wird kommen über die Menschheit, wenn so etwas allgemein werden wird? Friede wird kommen über die Menschen, gegenseitige Anerkennung der Religionen. Und die muß kommen. Und die anthroposophische Bewegung muß sein ein solches gegenseitiges wahrhaftes Erfassen der Religionen. Und gegen den Geist der Anthroposophie wäre es, wenn ein Christ, der Anthroposoph geworden wäre, zum Buddhisten sagen würde: Es ist nichts mit dem, daß der Gotama, nachdem er ein Buddha geworden ist, sich nicht wieder verkörpern sollte; er muß im zwanzigsten Jahrhundert wiedererscheinen als physischer Mensch. Da würde der Buddhist sagen: Hast du deine Anthroposophie nur dazu, um meine Religion zu verhöhnen? Und an Stelle des Friedens würde der Unfriede unter den Religionen gezüchtet. So aber müßte auch ein Christ zu einem Buddhisten, der von einem zu verbessernden Christentum sprechen wollte, sagen: Wenn du behaupten kannst, daß das Mysterium von Golgatha ein Fehler sei und daß der Christus wiederkommen sollte in einem physischen Leibe, damit es ihm jetzt besser ergehe, dann bemühst du dich nicht, meine Religion zu verstehen, dann verhöhnst du meine Religion. - Anthroposophie aber ist nicht dazu da, daß ein Religionsbekenntnis, ob altes oder neu gestiftetes, das sich Geltung verschafft, verhöhnt werde; denn sonst würde man eine Gesellschaft gründen auf gegenseitiges Verhöhnen und nicht auf gegenseitigen Ausgleich der Religionen.

[ 33 ] Das müssen wit uns in die Seele schreiben, damit wir den Geist und den okkulten Kern der Anthroposophie verstehen. Und den werden wir durch nichts besser verstehen, als wenn wir die Kraft und die Liebe, die in den Evangelien walten, ausdehnen auf das Verständnis aller Religionen. Daß dies besonders in Anlehnung an das Markus-Evangelium geschehen kann, sollen uns noch die weiteren Vorträge zeigen.