Das Markus-Evangelium
GA 139
19 September 1912, Basle
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Wir suchten gestern von einem gewissen Gesichtspunkte aus die welthistorische Stellung des Zeitmomentes ins Auge zu fassen, in welchen hinein das Mysterium von Golgatha fällt. Wir versuchten das in der Weise zu tun, daß wir zwei bedeutsame Menschheitsführer, Buddha und Sokrates, ins Auge faßten, welche beide um einige Jahrhunderte der Tatsache des Mysteriums von Golgatha vorangegangen sind. Uns ist dabei aufgefallen, wie derBuddhadarstellt etwas wie den bedeutungsvollen Abschluß einer Evolutionsströmung. Da steht er, dieser Buddha, im sechsten bis fünften Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha, verkündend, was seither bekannt ist als die tief bedeutsame Lehre, die Offenbarung von Benares, gleichsam zusammenfassend und in einer bestimmten Weise erneuernd, was in die Menschenseelen hat fließen können seit Jahrtausenden der uralten Vorzeit, und es in einer Art verkündend, wie es eben verkündet werden mußte ein halbes Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha und wie es verkündet werden mußte denjenigen Völkern, denjenigen Rassen, für welche die Lehre gerade in dieserForm am geeignetsten war. Inwiefern Buddha der große Abschluß einer Weltenströmung ist, das fällt noch mehr in die Augen, wenn man seinen großen Vorgänger ins Auge faßt, der in einer gewissen Weise schon zurückfällt in ein Dämmerdunkel der Menschheitsentwicklung: Krishna, den großen indischen Lehrer, der uns in einem ganz anderen Sinne noch wie der Endpunkt jahrtausendealter Offenbarungen erscheint.
[ 2 ] Krishna, man kann ihn etwa einige Jahrhunderte vor den Buddha setzen; aber darauf kommt es jetzt nicht an. Die Hauptsache ist: je mehr man auf sich wirken läßt, was Krishna ist und was Buddha ist, desto mehr sieht man ein, daß von einer gewissen Seite her dieBuddhaVerkündigung in Krishna in einem noch helleren Lichte erscheint und bei Buddha — wie wir gleich charakterisieren wollen — in einer gewissen Weise dann am Ende ist.
[ 3 ] Krishna, in diesem Namen faßt sich in der Tat etwas zusammen, was in der geistigen Entwickelung über viele, viele Jahrtausende der Menschheitsentwickelung hinleuchtet. Und wenn man sich hineinvertieft in all das, was man bezeichnen könnte als die Offenbarung, als die Verkündigung des Krishna, dann sieht man hinauf in erhabene Höhen menschlicher Geistesoffenbarung, denen gegenüber man das Gefühl hat: In bezug auf das, was aus der Offenbarung des Krishna ertönt, in bezug auf alles, was in ihr enthalten ist, kann es überhaupt kaum einen Fortschritt, eine Erhöhung noch geben. Es ist ein Höchstes in seiner Art, was da heraustönt aus der Offenbarung des Krishna. Natürlich fassen wir da vieles in der Person des Krishna zusammen, was auf viele Offenbarer verteilt ist. Aber es ist eben auch da so, daß alles das, was nach und nach im Laufe der Jahrtausende und Jahrhunderte vor ihm sich denen mitgeteilt hat, die die Träger werden mußten in seiner Vorzeit, in ihm, in Krishna, wieder erneuert, zusammengefaßt, zu einem Abschluß gebracht, für sein Volk geoffenbart wurde. Und wenn man die Art nimmt, wie über die göttlichen, über die geistigen Welten, über das Verhältnis der göttlichen und geistigen Welten zur Menschheit, über den Verlauf der Weltenereignisse gesprochen wird aus den Worten des Krishna heraus, wenn man die Geistigkeit nimmt, zu der man sich selbst erheben muß, wenn man eindringen will in den tieferen Sinn der Krishna-Lehre, dann gibt es vielleicht in einer gewissen Art nur eines noch im Verlaufe der Menschheitsentwickelung der späteren Zeit, das sich ein wenig damit vergleichen läßt.
[ 4 ] Von der Offenbarung des Krishna darf man sagen: Es ist diese in einer gewissen Weise eine Geheimlehre. Warum eine Geheimlehre? Eine Geheimlehre einfach aus dem Grunde, weil wenige Menschen sich die innere Eignung verschaffen können, um zu der geistigen Höhe emporzuklimmen, um die Dinge zu verstehen. Man braucht solche Dinge, die Krishna geoffenbart hat, nicht durch äußere Mittel abzuschließen, nicht einzusperren, damit sie geheim bleiben; denn sie bleiben aus keinem anderen Grunde geheim, als weil die wenigsten Menschen zu der Höhe sich hinauferheben, zu der es notwendig ist sich zu erheben, um sie zu verstehen. Man kann solche Offenbarungen wie die des Krishna noch so sehr unter die Leute verteilen, man kann sie jedem in die Hand geben, sie bleiben doch geheim. Denn das Mittel, sie aus der Geheimlehre herauszubringen, ist nicht, daß man sie unter die Leute verteilt, sondern daß die Seelen hinaufschreiten, damit sich die Menschen damit vereinigen. Das ist es, daß solche Dinge in einer gewissen geistigen Höhe schweben und dann noch in einer Weise reden, die eine Art geistigen Höhepunktes darstellt. Wer die Worte aufnimmt, die aus solchen Offenbarungen kommen, darf noch lange nicht glauben, daß er solche Offenbarungen kennt, selbst wenn er ein Gelehrter des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Man versteht es vollständig, wenn von vielen Seiten heute gesagt wird, es gebe keine Geheimlehre; man begreift es, weil oft die, welche solche Dinge behaupten, die Worte haben und damit glauben alles zu haben. Aber das Geheimlehrenartige liegt darin, daß sie das, was sie haben, nicht verstehen.
[ 5 ] Eines, sagte ich, gibt es noch, was sich damit vergleichen lassen kann. Und zwar läßt sich gerade das, was an den Namen des Krishna angeknüpft werden kann, vergleichen mit dem, was an drei spätere, uns in einer gewissen Weise nahestehende Namen anklingt; nur tritt es da in einer ganz anderen Art, in einer begrifflichen Art, in einer philosophischen Art vor uns hin. Es ist alles das, was sich in der neueren Zeit anknüpft an die drei Namen Fichte, Schelling und Hegel. In bezug auf das Geheimlehrenartige lassen sich schon die Lehren dieser drei Menschen ein wenig vergleichen mit anderen «Geheimlehren» der Menschheit. Denn obwohl man schließlich die Lehren von Fichte, Schelling und Hegel haben kann, so wird doch niemand leugnen, daß sie im weitesten Umfang des Wortes richtige Geheimlehren geblieben sind. Sie sind wahrhaftig Geheimlehren geblieben. Es gibt wenige Menschen, die sich zu diesen Dingen, welche diese drei Leute geschrieben haben, auch nur irgendwie verhalten wollen. Aus einer gewissen, man möchte sagen, philosophischen Courtoisie heraus redet man heute in gewissen philosophischen Kreisen wieder von Hegel, und es wird einem entgegengehalten, wenn so etwas wie das eben Gesagte ausgesprochen wird, daß es doch Leute gibt, die sich mit Hegel beschäftigen. Wenn man dann allerdings nimmt, was diese Leute hervorbringen und was sie beitragen für das Verständnis Hegels, dann kommt man erst recht zu der Anschauung, daß für diese Leute Hegel eine richtige Geheimlehre geblieben ist. Aber es tritt bei Fichte, Schelling und Hegel das, was uns aus dem Orient von Krishna her entgegenleuchtet, in einer abstrakten, begrifflichen Weise wieder auf, und es gehört schon etwas dazu, um die Ähnlichkeit zu bemerken; eine ganz bestimmte Konstitution der Menschenseele gehört dazu. Man möchte sich einmal unumwunden darüber aussprechen, was dazu gehört.
[ 6 ] Wenn ein Mensch, der sich heute so, ich will nicht sagen, der Durchschnittsbildung, sondern der höheren Bildung zu erfreuen glaubt, irgendein philosophisches Werk von Fichte oder Hegel in die Hand nimmt, so beginnt er zu lesen und glaubt darin etwas zu lesen, was nur ein Fortgang in der Begriffsentwickelung ist. Und es werden wohl die meisten Menschen darüber einig sein, daß man so recht warm dabei nicht werden kann, wenn man zum Beispiel Hegels «Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften» aufschlägt, wo zuerst über das «Sein», dann über das «Nichtsein », «Werden », «Dasein » und so weiter geredet wird. Man wir des dann erleben können, daß gesagt wird: Da hat jemand eben in der höchsten Begriffsabstraktion etwas zusammengebraut; das mag ganz schön sein, aber für mein Herz, für meine Seele, für meine Wärme gibt es mir nichts. Ich habe viele Leute kennengelernt, die gerade dieses Werk von Hegel, das ich jetzt im Auge habe, nach drei, vier Seiten rasch wieder zugeschlagen haben. Eines will man sich dabei nur nicht gern gestehen: daß vielleicht die Schuld, warum man dabei nicht warm werden kann, warum man dabei nicht Lebenskämpfe durchmachen kann, welche einen von Höllen in Himmel führen, an einem selber liegt. Das gesteht man sich nicht gern. Denn es gibt eine Möglichkeit, bei dem, was die Leute «abstrakte Begriffe» bei diesen Dreien nennen, ganze Lebenskämpfe durchzumachen und nicht nur Lebenswärme zu empfinden, sondern den ganzen Aufstieg von der äußersten Lebenskälte bis zur äußersten Lebenswärme zu fühlen. Man kann empfinden, wie diese Dinge unmittelbar mit Menschenblut, nicht bloß mit abstrakten Begriffen geschrieben sind.
[ 7 ] Man darf das, was von Krishna herüberleuchtet, mit dieser sogenannten neuesten Evolutionsphase des menschlichen Aufstieges in die geistigen Höhen vergleichen; nur ist eben ein bedeutender Unterschied vorhanden. Was uns da entgegenttritt in Fichte, Schelling und Hegel, diesen reifsten Denkern des Christentums, das tritt uns in der vorchristlichen Zeit, so wie es damals sein mußte, bei Krishna entgegen. Denn was ist diese Krishna-Offenbarung? Sie ist etwas, was nachher niemals wiederkommen konnte, was in seiner Höhe hingenommen werden muß, weil es in seiner Art nicht überboten werden kann. Und wer ein Verständnis hat für diese Dinge, der erhält erst einen Begriff, eine Idee von der Stärke des Geisteslichtes, das da zu uns herüberscheint, wenn wir solche Dinge auf uns wirken lassen, die mit jener Kultur zusammenhängen, aus der Krishna hervorgegangen ist. Man muß nur im richtigen Sinne die Dinge auf sich wirken lassen. Wenn man — nur ein paar Proben seien herausgenommen — in einer richtigen Weise auf sich wirken läßt Worte wie diese, sie gehören derBhagavadGita an, wo Krishna spricht, um sein eigenes Wesen anzudeuten, so kommt man zu gewissen Erkenntnissen, Gefühlen und Empfindungen, die wir nachher charakterisieren werden. So sagt Krishna (im zehnten Gesang):
«Ich bin des Werdens Geist, sein Anfang, seine Mitte und sein Ende. Unter den Wesen bin ich das edelste stets von allem, was geworden ist. Unter den geistigen Wesen bin ich Vishnu, bin die Sonne unter den Sternen, bin unter den Lichtern der Mond, bin unter den Elementen das Feuer, bin unter den Bergen der hohe Meru, bin unter den Wassern das große Weltenmeer, bin unter den Flüssen Ganga, bin unter der Bäume Menge Asvattha, bin der Herrscher im wahren Sinne des Wortes der Menschen und aller Wesen, die da leben, bin unter den Schlangen die, die da ewig ist, die des Daseins Grund selber ist.»
[ 8 ] Und nehmen wir eine andere Manifestation aus derselben Kultur heraus, die wir in den Veden finden:
«Die Devas versammeln sich um den Thron des Allmächtigen und fragen in Hingebung, wer er selbst sei. Da antwortet er» der Allmächtige, das ist also der Weltengott in diesem altindischen Sinne —: «Wäre ein anderer als ich, so würde ich mich durch ihn beschreiben. Ich bin von Ewigkeit gewesen und werde in alle Ewigkeit sein. Ich bin die erste Ursache von allem, die Ursache von alledem, das sich befindet im Westen, Osten, Norden, Süden, bin die Ursache von allem in den Höhen oben, in den Tiefen unten. Ich bin alles, bin älter, als was da ist. Ich bin der Herrscher der Herrscher. Ich bin die Wahrheit selber, bin die Offenbarung selbst, bin die Ursache der Offenbarung. Ich bin die Kenntnis, bin die Frömmigkeit und bin das Recht. Ich bin allmächtig.»
[ 9 ] Und als gefragt wird innerhalb dieser Kultur — so wird es in dieser alten Urkunde dargestellt — nach der Ursache von allem, da wird gesagt:
[ 10 ] «Diese Ursache der Welt — Feuer ist es, die Sonne ist es, und der Mond ist es auch; so auch ist es dieses reine Brahman und dieses Wasser und dieses oberste der Geschöpfe. Alle Augenblicke und alle Wochen und alle Monate und alle Jahre und alle Jahrhunderte und alle Jahrtausende und alle Jahrmillionen sind aus ihm hervorgegangen, sind hervorgegangen aus seiner strahlenden Persönlichkeit, die niemand begreifen kann, nicht oben, nicht unten, nicht tings im Umkreise und nicht in der Mitte, da wo wir stehen.»
[ 11 ] Solche Worte tönen aus diesen uralten Zeiten zu uns herüber. Wir geben uns diesen Worten hin. Was müssen wir bei unbefangener Betrachtungsweise diesen Worten gegenüber empfinden? Gewisse Dinge sind darin gesagt. Wir haben gesehen, daß Krishna über sich selber etwas sagt; wir haben gesehen, daß über den Weltengott und über die Weltenursache Dinge gesagt werden. Aus dem Ton der Erkenntnisse, wie sie hier ausgesprochen werden, sind Dinge gesagt worden, die niemals größer, niemals bedeutsamer gesagt worden sind; und man weiß, daß sie niemals größer und bedeutsamer gesagt werden könnten. Das heißt, es ist da etwas in die Menschheitsentwickelung hereingestellt, was so, wie es ist, stehenbleiben muß, was so aufgenommen werden muß, was zu einem Abschluß gelangt ist. Und wo immer man über diese Dinge später gedacht hat, man hat vielleicht nach den Methoden der späteren Zeiten in bezug auf dieses oder jenes geglaubt, es in klarere Begriffe zu fassen, es in der einen oder anderen Weise zu modifizieren, aber besser hat man es deshalb nicht gesagt, niemals. Und wollte gerade über diese Dinge irgend jemand etwas Besseres sagen, so würde es vermessen sein.
[ 12 ] Nehmen wir zuerst die Bhagavad Gita-Stelle, wo Krishna sozusagen seine eigene Wesenheit charakterisiert. Was charakterisiert er eigentlich? Es ist ganz merkwürdig, wie er spricht. Er spricht davon, daß er des Gewordenen Geist sei, daß er unter den Himmelsgeistern Vishnu sei, unter den Sternen die Sonne, unter den Lichtern der Mond, unter den Elementen das Feuer und so weiter. Wollen wir es umschreiben, so daß wir es in einer Formel zusammenhaben, so können wir sagen: Krishna bezeichnet sich als die Essenz, als die Wesenheit in allem, so daß die Wesenheit er ist, daß sie überall die reinste, göttlichste Art repräsentiert. Wo man also hinter die Dinge dringt und das sucht, was ihre Wesenheit ist, kommt man auf die Wesenheit des Krishna im Sinne dieser Stelle. Man nehme eine Anzahl von Pflanzen gleicher Art. Man suche die Wesenheit dieser Art, die nicht sichtbar ist, sondern sich in den einzelnen sichtbaren Pflanzenformen zum Ausdruck bringt. Was ist dahinter als ihre Essenz? Krishna! Aber wir müssen dieses Wesen nicht nur mit einer Pflanze identisch denken, sondern wir müssen es als das Höchste, Reinste in der Form denken; so daß wir überall nicht nur das haben, was die Wesenheit ist, sondern diese Wesenheit überall in der reinsten, edelsten, höchsten Form.
[ 13 ] Wovon spricht also Krishna eigentlich? Von nichts anderem als von dem, was auch der Mensch, wenn er in sich selber geht, als seine Wesenheit erkennen kann; aber nicht die Wesenheit, die er im gewöhnlichen Leben darstellt, sondern die hinter der gewöhnlichen Offenbarung des Menschen und dem menschlichen Seelischen ist. Er spricht von der Menschenwesenheit, die in uns ist, weil die wahre Menschenwesenheit eins ist mit dem All. Es ist nicht die Erkenntnis etwa, die sich egoistisch gebärdet in Krishna; es ist das in Krishna, was hinweisen will auf das Höchste im Menschen, das sich identisch, sich einheitlich sehen darf mit dem, was als das Wesen in allen Dingen lebt.
[ 14 ] So, wie wir heute sprechen, wenn wir etwas anderes im Auge haben, so spricht Krishna von dem, was er im Auge hat für seine Kultur. Wenn wir heute in unser eigenes Wesen hineinschauen, so erblicken wir zunächst das Ich, wie Sie es dargestellt finden in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Von diesem gewöhnlichen Ich unterscheiden wir noch das höhere, übersinnliche Ich, das im Sinnensein nicht auftritt, das aber so auftritt, daß es nicht nur in uns ist, sondern zugleich über die Wesenheit aller Dinge ergossen ist. Wenn wir also von unserm höheren Ich sprechen, von der im Menschen wohnenden höheren Wesenheit, so sprechen wir nicht von dem, wovon der Mensch gewöhnlich «Ich bin » sagt, obwohl es in unserer Sprache denselben Klang hat. In dem Munde des Krishna würde es nicht denselben Klang gehabt haben. Er spricht von der Menschenseelenwesenheit in dem Sinne der Auffassung der damaligen Zeit, wie wir heute vom Ich sprechen.
[ 15 ] Wodurch konnte es zustande kommen, daß, was Krishna ausspricht, dem so ähnlich ist, was wir selbst als höchste Erkenntnis aussprechen können? Das konnte dadurch kommen, daß voranging der Kultur, aus welcher Krishna hervorgegangen ist, in früheren Jahrtausenden die hellseherische Kultur der Menschheit, daß die Menschen gewohnt waren, wenn sie auf das Wesen der Dinge gesehen haben, sich immer hinaufzuwenden zum hellseherischen Anschauen. Und verstehen kann man eine solche Sprache, wie sie uns hier in der Bhagavad Gita entgegentönt, wenn man sie als Abschluß der alten hellseherischen Weltanschauung betrachtet, wenn man sich klar ist: In dem Augenblick, da sich der Mensch in den alten Zeiten in jenen Zwischenzustand hinauf versetzte, der damals menschlich allgemein war zwischen dem Schlafen und Wachen, da war er so in die Dinge hinein versetzt, daß dann nicht, wie es in der sinnlichen Anschauung der Fall ist, die Dinge hier sind und der Mensch außerhalb ihrer ist, sondern er war dann ausgegossen über alle Wesen, fühlte sich in allen Wesen, fühlte sich mit allen Wesen eins. Es war das Beste der Dinge, mit dem er sich eins fühlte, und sein Bestes war in allen Dingen. Und wenn Sie nicht von einem abstrakten Fühlen und Empfinden ausgehen, wie es der heutige Mensch hat, sondern von der eben charakterisierten Art, wie der alte Mensch empfand, dann verstehen Sie solche Worte, wie sie uns in der Bhagavad Gita von Krishna entgegentönen. Sie verstehen sie, wenn Sie sich fragen: Wie sah sich da der Mensch des alten Hellsehens? — und sich dann klar sind: Wie durch das, was heute errungen wird durch die geisteswissenschaftliche Schulung, wenn der Mensch seinen Ätherleib freibekommt, so daß er sich erweitert fühlt, sich ausgegossen fühlt über das, was in allem darinnen ist, so war, wenn auch nicht in der Weise, wie es heute durch die geisteswissenschaftliche Schulung der Fall sein kann, der naturgemäße Zustand der Menschen der alten Zeiten. Sie fühlten sich in solchen Zuständen, die wie von selbst kamen, in den Dingen darinnen. Und wenn dann die Offenbarungen in Formen gebracht wurden, wenn das, was man da sah, in schönen, herrlichen Worten zum Ausdruck gebracht wurde, dann trat es zum Beispiel so zutage wie diese Offenbarungen des Krishna.
[ 16 ] Daher könnte man etwa auch sagen: Krishna hat zu seinen Mitmenschen gesagt: Wie die Besten von uns gesehen haben, wenn sie in den übersinnlichen Zuständen waren, wie die Besten geschaut haben ihr Verhältnis zur Welt, das will ich mit Worten verkünden. Denn die Zukunft wird nicht mehr die Menschen so finden, und ihr selber könnt nicht mehr so sein, wie die Urväter waren. Wie es die Urväter gesehen haben, ich will es in Worte bringen, damit es verbleibe, weil es die Menschheit nicht mehr haben kann als einen natürlichen Zustand. — Gleichsam in Worte, die möglich waren in der damaligen Zeit, dasjenige gebracht, was durch die Jahrtausende der Menschheit zuteil geworden war, das waren die Offenbarungen des Krishna, damit es auch die späteren Zeiten, die es nicht mehr schauen können, als Offenbarung des Krishna haben.
[ 17 ] Und auch die anderen Worte können wir so auffassen. Nehmen wir einmal an, in der Zeit, in welcher Krishna seine Offenbarungen gegeben hat, wäre vor einen wissenden Lehrer ein Schüler hingetreten und hätte gefragt: Nun, du wissender Lehrer, was ist denn hinter den Dingen, die jetzt nur meine Augen schauen? Da hätte der wissende Lehrer wohl geantwortet: Hinter diesen Dingen, die jetzt nur deine äußeren, sinnlichen Augen schauen, ist das Geistige, das Übersinnliche. Aber in alten Zeiten haben die Menschen in naturgemäßen Zuständen dieses Übersinnliche noch geschaut. Und die nächste übersinnliche Welt, die an unsere sinnliche angrenzt, ist die ätherische Welt; in die haben sie hineingeschaut. Da ist die Ursache von allem Sinnlichen. Da haben es die Menschen gesehen, was die Ursache ist. Jetzt kann ich es nur mit Worten aussprechen, was früher geschaut worden ist: Feuer ist es, dieSonne ist es — aber nicht, wie sich jetzt die Sonne zeigt, denn damals war gerade das für das alte Hellsehen am allerunsichtbarsten, was jetzt das Auge sieht; der weiße, feurige Sonnenball war das Dunkle, und über alle Räume gehend waren ausgebreitet die Sonnenwirkungen, die Strahlungen der Sonnenaura, in vielfarbigen Bildern auseinandergehend und wieder ineinandergehend, in der Weise aber, daß das, was so in die Dinge untertauchte, zugleich schaffendes Licht war —, die Sonne ist es; und so ist es auch der Mond — der auch anders gesehen worden ist —, denn darin ist sämtlich das reine Brahman.
[ 18 ] Was ist das reine Brahman? Wenn wir die Luft einatmen und ausatmen, so glaubt der materialistische Mensch, daß er mit der Luft nur Sauerstoff einatmet. Das ist aber eine Täuschung. Mit jedem Atemzuge atmen wir Geist ein, atmen wir Geist aus. Was in der Atemluft lebt als Geist, dringt in uns ein und dringt von uns aus. Und indem es das alte Hellsehen gesehen hat, kam es ihm nicht so vor wie dem Materialisten, der da glaubt, daß er Sauerstoff einatmet. Das ist ein materialistisches Vorurteil. Dem alten Hellsehen war es bewußt, daß eingeatmet wurde das ätherische Element des Geistes, Brahman, von dem das Leben kommt. Wie heute geglaubt wird, daß von dem Sauerstoff der Luft das Leben komme, so wußte der alte Mensch, daß das Leben von Brahman kommt; und indem er Brahman aufnimmt, lebt er. Das reinste Brahman ist die Ursache unseres eigenen Lebens.
[ 19 ] Und wie sind die Begriffeshöhen, zu denen sich diese uralte, reine Weisheit, diese äthergleiche, lichtgleiche Weisheit aufschwingt? Die Menschen heute glauben recht fein denken zu können. Aber wenn man so sieht, wie die Menschen alles kunterbunt durcheinanderwerfen, wenn sie anfangen etwas zu erklären, dann hat man keinen großen Respekt vor dem heutigen Denken, namentlich nicht vor dem heutigen logischen Denken. Denn ich muß da schon einmal eingehen — ich will es so einfach wie möglich machen — in eine scheinbar recht abstrakt erscheinende, kurze Erörterung.
[ 20 ] Nehmen wir an, es tritt vor uns ein Tier, das gelb ist, eine Mähne hat; dann nennen wir das Tier einen Löwen. Jetzt fangen wir an zu fragen: Was ist ein Löwe? Die Antwort ist: Ein Raubtier. Nun fragen wir weiter: Was ist ein Raubtier? Antwort: Ein Säugetier. Wir fragen weiter: Was ist ein Säugetier ? Antwort: Ein Lebewesen. Und so gehen wir weiter; wir beschreiben das eine durch das andere. Die meisten Menschen glauben recht klar zu sein, wenn sie in der Weise immer weiter fragen, wie es jetzt angedeutet ist für den Löwen, für das Säugetier, für das Tier usw. Wenn man über geistige Dinge spricht, auch über die höchsten geistigen Dinge, wird häufig in derselben Weise gefragt, wie man fragt: Was ist ein Löwe? Was ist ein Raubtier? usw. Und da, wo es eingeführt ist, daß Zettel abgegeben werden und am Ende der Vorträge Fragen beantwortet werden, wo dann oft die gleichen Fragen auf den Zetteln stehen, da geht ins Unzählbare zum Beispiel die Frage: Was ist Gott? oder: Was ist der Weltenanfang? oder: Was ist das Weltenende? Gar nichts anderes wollen eigentlich viele Menschen wissen als: Was ist Gott? Was ist der Weltenanfang? Was ist das Weltenende? Sie fragen darüber geradeso, wie man fragt: Was ist ein Löwe? und so weiter.
[ 21 ] Die Menschen denken, was für den Alltag gültig ist, müsse auch für die höchsten Dinge so sein. Sie denken nicht daran, daß es gerade für die höchsten Dinge das Charakteristische sein muß, daß man nicht mehr so fragen kann. Denn man muß ja, wenn man von dem einen zum andern, von dem Löwen zum Raubtier usw. hinaufkommt, doch einmal zu etwas kommen, was man nicht mehr so beschreiben kann, wo es keinen Sinn mehr hat zu fragen: Was ist dies? Denn wenn man so fragt, will man zu dem Subjekt ein Prädikat haben. Aber es muß einmal ein höchstes Wesen geben, das sich durch sich selbst erfassen läßt. Die Frage: Was ist Gott? ist ganz sinnlos im logischen Sinne. Man kann alles heraufführen bis zum Höchsten; aber dem Höchsten darf kein Prädikat zugefügt werden, denn dann erfolgt als Antwort: Gott ist ...; dann müßte aber das, wodurch Gott beschrieben ist, das Höhere sein. Das wäre der kurioseste Widerspruch, den es gibt.
[ 22 ] Daß diese Frage heute noch immer gestellt wird, bezeugt, wie hoch erhaben in uralten Zeiten Krishna sich dadurch zeigte, daß er sagte: «Die Devas sammeln sich um den Thron des Allmächtigen und fragen ihn in Hingebung, wer er selbst sei. Da antwortet er: Wäre ein anderer wie ich, so würde ich mich durch ihn beschreiben.» Das tut er aber nicht; er beschreibt sich nicht durch einen anderen. Und so werden wir, möchte man sagen, auch in Hingabe und in Demut wie die Devas, vor die uralt-heilige indische Kultur hingeführt und bewundern sie zugleich in ihrer grandiosen logischen Höhe, die ihr nicht durch Denken gekommen ist, sondern durch das alte Hellsehen, dadurch, daß die Leute unmittelbar wußten: wenn sie an die Ursachen kommen, dann hört das Fragen auf, weil die Ursachen angeschaut werden. Da stehen wir in Bewunderung vor dem, was so auf uns heruntergekommen ist aus diesen uralten Zeiten, wie wenn die Geister, die es uns überliefert haben, sagen wollten: Da sind die Weltenalter abgelaufen, in denen die Menschen unmittelbar in die geistigen Welten hineingeschaut haben. Es wird künftig nicht mehr so sein. Wir aber wollen das registrieren, zu dem wir uns aufschwingen können, was einstmals dem menschlichen Hellsehen gegeben war.
[ 23 ] So finden wir verzeichnet in der Bhagavad Gita, in den Veden alle die Dinge, die wir zusammenfassen können wie in einem Abschluß bei Krishna, was nicht überboten werden kann, was zwar wieder gesehen werden kann durch erneutes Hellsehen, aber nie ergründet werden kann durch die Fähigkeiten, die von den Menschen nachher erworben worden sind. Daher ist immer Grund vorhanden, wenn man in dem ganzen Gebiete der menschlichen Kultur bleibt, das die Tageskultur, die äußere Kultur im Sinnensein ist, zu sagen: Innerhalb dieser Kultur, wenn man absieht von dem, was wieder errungen werden kann durch schulgemäß errungenes Hellsehen, innerhalb der Tageskultur ist nie meF ‘das zu erreichen, was uralt-heilige Offenbarung ist, die ihren Abschluß erlangt bei Krishna. Aber durch ihre Evolution, durch die geisteswissenschaftliche Schulung kann sich die Seele wieder hinauferheben und es wieder erlangen. Was auf normalem Wege — wenn wir das Wort anwenden dürfen —, wie es einst der Fall war, der Menschheit gegeben worden ist, das ist der Menschheit für den Alltag in naturgemäß zu erringenden Zuständen nicht gegeben. Daher gingen sie herunter, diese Wahrheiten. Wenn es einige Denker gibt, wie Fichte, Schelling und Hegel, die ihr Denken bis zur möglichsten Reinheit gebracht haben, dann können diese Dinge, zwar nicht so lebensvoll, nicht mit der unmittelbar persönlichen Note wie bei Krishna, aber in Ideenform, uns wieder entgegentreten, nie mehr aber so, wie es die Menschen erfaßt haben im alten Hellsehen. Und aus dem Geiste, wie ich es oft vorgetragen habe, ergibt sich, daß langsam und allmählich im Laufe der nachatlantischen Zeit das alte Hellsehen erstorben ist.
[ 24 ] Wenn wir in die erste nachatlantische Kulturperiode, in die alte indische Zeit, zurückblicken, dann dürfen wir sagen: Von ihr sind keine Aufzeichnungen vorhanden, denn damals schauten die Menschen noch in die geistige Welt hinein. Was damals der Menschheit geoffenbart worden ist, kann nur durch die Akasha-Chronik wiedergefunden werden. Das war eine hohe Offenbarung. Aber allmählich stieg die Menschheit immer mehr und mehr herab, und in der zweiten nachatlantischen Kulturperiode, in der urpersischen Zeit, waren zwar die Offenbarungen noch da, aber nicht mehr so rein. Noch weniger rein waren sie vorhanden im dritten Kulturzeitraum, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit. Wir müssen dabei ins Auge fassen, wenn wir die Verhältnisse in Wirklichkeit anschauen wollen, daß aus diesen ersten Kulturperioden — und nicht nur bei den Völkern, nach denen sie getauft worden waren — Aufzeichnungen nicht vorhanden sind. Wenn wir von der alten indischen Kultur sprechen, dann meinen wir eine Kultur, von welcher nichts Schriftliches auf uns gekommen ist. Bei der urpersischen Kultur ist es wieder so, daß etwas Schriftliches nicht auf uns gekommen ist. Denn alles Schriftliche, das wir haben, ist nur Nachklang dessen, was überliefert worden ist. Erst von der babylonisch-chaldäischen Kultur ab, also von dem dritten Kulturzeitraum ab, sind Aufzeichnungen vorhanden. Aber während nun die urpersische Kultur ablief, gab es in der indischen Kultur eine zweite Periode, welche parallel lief mit der urpersischen. Und als die babylonisch-chaldäisch-ägyptische Kultur sich abspielte, war in Indien eine dritte Periode angebrochen, und während dieser Zeit begann man erst Aufzeichnungen zu machen. Aus der Spätzeit dieser dritten Kulturperiode stammen erst die Aufzeichnungen, die zum Beispiel in den Veden enthalten sind, die dann in das äußere Leben eingedrungen sind. Das sind die Aufzeichnungen, die auch von Krishna sprechen.
[ 25 ] Also niemand darf denken, wenn er von Aufzeichnungen spricht, daß er die erste indische Kulturperiode im Auge hat. Denn alles, was in den Dokumenten enthalten ist, sind Aufzeichnungen, die erst in der dritten Periode von den alten Indern gemacht wurden, weil eben in der dritten Periode immer mehr und mehr die Reste des alten Hellsehens verglommen. Das ist das, was wir um die Person des Krishna herum sammeln können. Daher erzählt uns das alte Indertum dasjenige, was äußerlich erforscht werden kann. Wenn wir die Dinge in ihren Fundamenten betrachten, so stimmt alles auch immer mit dem, was aus äußeren Urkunden gewonnen werden kann. Als das dritte Weltenalter zu Ende ging und die Menschen das, was sie ursprünglich besaßen, verloren hatten, da erschien Krishna, um das zu bewahren, was zu verlieren war.
[ 26 ] Von welchem Weltenalter spricht also die Überlieferung, wenn sie sagt, Krishna erschien im «dritten Weltenalter»? Von dem, das wir nennen das ägyptisch-chaldäische Kulturzeitalter. Und genau mit dem, was wir charakterisieren, stimmt diese indisch-morgenländische Lehre von Krishna überein. Als das alte Hellsehen und alle die Schätze des alten Hellsehens der Menschheit begannen abhanden zu kommen, da erschien Krishna und offenbarte sie so, wie sie bewahrt bleiben können für die spätere Zeit. In dieser Weise ist Krishna ein Abschluß von etwas Großem, Gewaltigem. Und alles, was die Jahre her bei uns gesagt worden ist, stimmt vollständig mit dem überein, was auch die Urkunden des Orients geben, wenn man sie richtig liest. In diesem Sinne zu sprechen von einem «Okzidentalischen » und «Orientalischen », ist der reine Unsinn; denn nicht darauf kommt es an, ob wir im Morgenlande oder Abendlande lehren mit diesen oder jenen Worten, sondern daß wir mit Verständnis von dem sprechen, was verkündet worden ist. Und je mehr Sie auf das eingehen, was diese Jahre verkündet worden ist, desto mehr werden Sie sehen, daß es mit allen Urkunden des Orients übereinstimmt.
[ 27 ] So also steht Krishna da als ein Abschluß. Dann kommt wenige Jahrhunderte danach Buddha. In welcher Weise ist dann Buddha, man möchte sagen, der andere Pol des Abschlusses? Wie steht Buddha zu Krishna?
[ 28 ] Lassen wir einmal vor unsere Seele gestellt sein, was wir eben als die Charakteristik des Krishna gegeben haben. Große, gewaltige hellseherische Offenbarungen der Urzeit, in solche Worte gefaßt, daß die Zukunft diese Worte verstehen und in ihnen fühlen und empfinden kann den Nachklang des alten Hellsehens der Menschheit, so steht Krishna vor uns. Seine Offenbarung ist den Menschen etwas, was sie hinnehmen können, dem gegenüber sie sich sagen können: Darin ist enthalten die Weisheit über die hinter der sinnlichen liegende geistige Welt, die Welt der Ursachen, der geistigen Tatsachen. In großen, gewaltigen Worten ist es in der Offenbarung des Krishna enthalten. Und wenn man sich vertieft in die Veden, in all das, was man eben abschließend zusammenfassen kann als die Offenbarung des Krishna, dann kann man sagen: Das ist die Welt, in welcher der Mensch heimisch ist, die Welt, die hinter derjenigen ist, welche Augen sehen, Ohren hören, Hände greifen und so weiter. Du, Menschenseele, gehörst der Welt an, von der dir Krishna verkündet.
[ 29 ] Diese Menschenseele selber, wie konnte sie in den folgenden Jahrhunderten fühlen? Sie konnte sehen, wie diese wunderbaren alten Offenbarungen von der eigentlichen geistigen, himmlischen Heimat der Menschheit sprechen. Sie konnte dann hinausschauen in das, was um sie herum ist. Sie sah mit Augen, hörte mit Ohren, griff die Dinge mit dem Tastsinn, dachte über die Dinge mit dem Verstand, der nimmermehr hineindringt in das Geistige, das verkündet wurde durch die Krishna-Offenbarung. Und die Seele konnte sich sagen: Da gibt es die heilige Lehre der alten Zeit, welche die Erkenntnis überliefert von der geistigen Heimat, die um uns herum ist, um jene Welt, welche wir jetzt allein erkennen. Wir leben nicht mehr in der geistigen Heimat. Wir sind herausgeworfen aus dem, wovon am herrlichsten der Krishna spricht.
[ 30 ] Da kommt Buddha. Wie spricht er von dem, wovon Krishna gesprochen hat als von den Herrlichkeiten der Welt, zudenMenschenseelen, die nur um sich sehen, was Augen sehen, Ohren hören können ? Er spricht: Jawohl, ihr lebt in dieser Welt der Sinne. Da hinein hat euch der Drang geführt, der euch von Inkarnation zu Inkarnation treibt. Aber ich spreche euch von dem Wege, der euch aus dieser Welt herausführen kann und hineinführen kann in die Welt, von der Krishna gesprochen hat. Ich spreche euch von dem Wege, durch den ihr erlöst werdet von der Welt, die nicht die Welt des Krishna ist. — Wie das Heimweh nach der Welt des Krishna ertönte in den folgenden Jahrhunderten die Lehre des Buddha. Insofern erscheint uns Buddha als der letzte Nachfolger des Krishna, als der Nachfolger des Krishna, der da kommen mußte. Und wenn Buddha über den Krishna selber gesprochen hätte, wie hätte er über ihn sprechen können? So etwa, daß er gesagt hätte: Ich bin gekommen, um den Größeren, der vor mir war, euch wieder zu verkünden. Richtet den Sinn nach rückwärts zu dem größeren Krishna, und ihr werdet dasjenige sehen, was ihr erlangen könnt, wenn ihr die Welt verlaßt, in der ihr euch nicht mehr als in der wahren geistigen Heimat findet. Ich zeige euch die Wege der Erlösung aus der Sinneswelt. Ich führe euch zurück zu dem Krishna. — So hätte der Buddha sprechen können. Er hat nur nicht gerade diese Worte gebraucht. Aber er hat sie gesagt in einer etwas anderen Form, indem er sagte: «In der Welt, in der ihr lebt, ist Leiden, ist Leiden, ist Leiden. Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden, nicht vereinigt sein mit dem, was man liebt, ist Leiden; vereinigt sein mit dem, was man nicht liebt, ist Leiden; verlangen, was man liebt, und es nicht erhalten können, ist Leiden.» Und als er den «achtgliedrigen Pfad» gab, war es eine Lehre, die nicht über das hinauskam, wovon Krishna gesprochen hat, weil es eine Lehre dessen war, was Krishna gegeben hatte. Ich bin nach ihm gekommen, der größer ist als ich; aber ich will euch zeigen die Wege zu dem zurück, der größer ist als ich, — das sind die welthistorischen Töne, die uns aus dem Gangeslande herübertönen. Jetzt gehen wir ein Stückchen weiter nach dem Westen. Stellen wir noch einmal vor unsere Seele die Gestalt des Täufers und erinnern wir uns der Worte, die Buddha hätte sprechen können: Ich bin nach ihm gekommen, nach dem Krishna, denn er ist größer als ich; und ich will euch die Wege zeigen zu ihm zurück aus der Welt, in welcher die göttliche Welt nicht enthalten ist, von der Krishna gesprochen hat. Wendet den Sinn zurück! — Und jetzt die Gestalt des Täufers. Wie sprach er? Wie drückte er seine Anschauungen aus, wie drückte er die Tatsachen aus, die ihm in der geistigen Welt gegeben waren? Er wies auch auf einen anderen hin; aber er sagte nicht, wie Buddha hätte sagen können: Ich bin nach ihm gekommen. Sondern er sagte: «Nach mir kommt ein Größerer, denn ich bin» (1, 7). So sagt der Täufer. Und er sagt nicht: Hier in der Welt ist Leiden, und ich will euch führen zu etwas aus dieser Welt heraus. Sondern er sagt: Ändert den Sinn! Blicket nicht mehr nach rückwärts, sondern blicket nach vorwärts! Wenn der Größere kommt, wird die Zeit erfüllt sein, wenn in der Welt, wo Leiden ist, Einzug halten wird die himmlische Welt, wenn Einzug halten wird in die Menschenseelen in einer neuen Art das, was sie verloren haben als Offenbarungen der alten Zeiten (Matth. 5, 2).
[ 31 ] So ist der Nachfolger des Krishna der Buddha. So ist der Vorläufer des Christus Jesus Johannes der Täufer. So ist alles umgekehrt. So stehen die sechs Jahrhunderte, die zwischen diesen beiden Ereignissen verfließen, vor uns. Wieder haben wir die beiden Kometen mit ihren Kernen: den einen, Krishna, mit seinem Kern als alles, was nach rückwärts weist, und den, der die Menschen nach rückwärts führt, den Buddha; und den anderen Kometen, nach vorwärts weisend mit seinem Kern, Christus, und den, der sich als der Vorläufer hinstellt. Erfassen Sie im besten Sinne Buddha als den Nachfolger des Krishna und Johannes den Täufer als den Vorläufer des Christus Jesus, dann haben Sie in dieser Formel am einfachsten ausgesprochen, was für diese Zeit der Menschheitsentwickelung um das Mysterium von Golgatha herum vor sich ging. So müssen wir die Dinge ansehen, dann verstehen wir sie.
[ 32 ] Das ist nichts, was irgendeine Konfession berührt. Das sind keine Dinge, die man zusammenbringen darf mit dieser oder jener Religion in der Welt, sondern das sind welthistorische Tatsachen, ganz einfach welthistorische Tatsachen. Und keiner, der sie einsieht in ihrem tiefsten Grunde, kann sie anders darstellen und wird sie jemals anders darstellen. Denn ist damit in irgendeiner Weise irgendeiner Manifestation in der Menschheit irgend etwas genommen? Es ist sonderbar, wenn da oder dort gesagt wird, bei uns würde dem Christentum in irgendeiner Weise eine höhere Stellung angewiesen als den anderen Religionen. Ja, kommt es auf dieses «höher» oder «tiefer» an? Sind das nicht die abstraktesten Worte, die man anwenden kann, «höher » oder «tiefer», «größer» oder «kleiner»? Sagen wir hier etwas, was weniger zum Lobe des Krishna ist, als diejenigen sagen, die den Krishna höher stellen als den Christus? Wir verzichten darauf, solche Worte wie hoch oder weniger hoch anzuwenden, und wollen die Dinge in ihrer Wahrheit charakterisieren. Nicht darauf kommt es an, ob wir das Christentum höher oder tiefer stellen, sondern ob uns jemand nachweisen kann, daß wir die Dinge des Krishna nicht in der richtigen Weise charakterisieren. Suchen Sie sich die Dinge, die über Krishna handeln, und fragen Sie sich, ob von anderen Seiten wirklich etwas Höheres gegeben wird als bei uns, wenn wir versuchen, über den Krishna etwas zu geben. Das andere sind leere Wortstreitigkeiten. Die Wahrheit kommt aber zutage, wenn jener Wahrheitssinn wirkt, der auf die Essenz der Dinge geht.
[ 33 ] Hier, wo wir das einfachste und das grandioseste Evangelium charakterisieren, haben wir Gelegenheit, einzugehen auf die ganze kosmisch-terrestrische Stellung des Christus. Daher mußte eingegangen werden auf die Größe dessen, was seinen Abschluß gefunden hat Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha, in dem die neue Morgenröte der Zukunft der Menschheit aufgegangen ist.
