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Occult Studies on Life Between Death and Rebirth
GA 140

16 February 1913, Tübingen

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10. Anthroposophie als Empfindungs- und Lebensgehalt. Andacht und Ehrfurcht vor dem Verborgenen

10. Anthroposophy as a Source of Feeling and Life. Devotion and Reverence for the Unseen

[ 1 ] Wenn wir in unseren anthroposophischen Betrachtungen zuweilen innehalten und uns dann fragen: Was treibt uns in eine solche spirituelle Bewegung, wie es die unsrige ist, hinein? —-, dann können wir uns natürlich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus eine Antwort auf diese Fragen geben. Einer derjenigen Gesichtspunkte, welcher am meisten unserem Gefühl, unserer Empfindung entsprechende Antwort geben kann, das ist — obwohl nicht der einzige, so doch der wichtigste Gesichtspunkt: die Betrachtung des Lebens, welches die Menschenseele verlaufen fühlt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die Ereignisse, die sich abspielen in der langen Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, sind wahrhaftig nicht geringer als die Ereignisse zwischen der Geburt und dem Tode; und wir können immer nur einzelne dieser wichtigen Ereignisse, die wir durchzumachen haben, herausheben. Aber man möchte sagen, wo man auch dieses Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt betrachtet, überall überzeugt es uns davon, wie die Menschheit einer Zeit entgegenleben muß, in der sie etwas weiß und fühlt von den übersinnlichen Welten.

[ 1 ] If we pause for a moment in our anthroposophical reflections and ask ourselves: What drives us to join a spiritual movement such as ours? —-, then we can, of course, answer these questions from a wide variety of perspectives. One of the perspectives that can provide an answer most in line with our feelings and sensibilities is—though not the only one, yet the most important: the contemplation of the life that the human soul experiences between death and a new birth. The events that unfold during the long period between death and a new birth are truly no less significant than the events between birth and death; and we can only ever highlight individual instances of these important events that we must undergo. But one might say that wherever one looks at this life between death and a new birth, it convinces us everywhere of how humanity must live toward a time in which it knows and feels something of the supersensible worlds.

[ 2 ] Nun wollen wir gleich sozusagen in das Bestimmte, das Konkrete hineingehen. Wenn sich dem Seher, der die Möglichkeit hat, das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zu betrachten, folgender Anblick bietet, so kann schon dieser Anblick ihm die dringende Pflicht auferlegen, für die Erkenntnis der spirituellen Welt zu wirken. Ein Mensch ist hingestorben. Der Seher sucht ihn auf, sucht ihn zu schauen einige Zeit, nachdem der betreffende Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Auf diejenige Art, durch die man sich mit den Toten verständigt, kann man folgendes von dem Toten vernehmen - es ist nun ein ganz bestimmter Fall. Er sagt: Da habe ich zurückgelassen meine Frau, ich weiß, sie ist noch unten in der physischen Welt. — Selbstverständlich wird das nicht mit physischen Worten gesagt. — Als ich mit ihr zusammenlebte in der physischen Welt, da war sie, nachdem ich von morgens bis abends meinem Geschäfte obgelegen hatte, jederzeit mein Sonnenschein, da war jedes Wort, das sie aussprach, mir beseligend; und es war so, daß ich mir nicht denken konnte, daß ich dieses Leben überhaupt hätte leben mögen, wenn es nicht immerfort durchsonnt worden wäre von dieser meiner Lebensgefährtin. Dann ging ich durch die Pforte des Todes und ließ sie zurück; und jetzt sehne ich mich zurück, jetzt fühle ich, daß dies mir alles fehlt, ich suche mit der sehnenden Seele einen Weg zu finden zu dieser meiner Lebensgefährtin. Aber ich finde diese Seele nicht, ich kann nicht durchdringen zu ihr, es ist, wie wenn sie nicht da wäre. Und wenn ich zuweilen eine Ahnung bekomme, fühle, als ob sie da wäre, als ob ich in ihrer Nähe wäre, dann ist sie wie stumm, so daß ich es nur vergleichen kann mit dem Gegenüberstehen zweier Menschen, von denen der eine haben möchte, daß der andere zu ihm einige Worte spreche, der andere aber ist stumm und kann nichts sagen. So ist mir die Seele stumm geworden, die für mich so beseligend war lange Zeit des physischen Lebens. — Nun, sehen Sie, wenn man nachforscht, was einer solchen Tatsache zugrunde liegt, da bekommt man zur Antwort: Es gibt da eben keine gemeinsame Sprache zwischen dem Hingestorbenen und dem zurückgebliebenen Lebenden. Es gibt nichts, was die Seele mit jener Substanz durchdringen könnte, durch die sie wahrnehmbar bleibt. Weil keine gemeinsame Sprache da ist, fühlen sich diese zwei Seelen getrennt.

[ 2 ] Now let us turn, so to speak, to the specific, the concrete. When the seer, who has the ability to observe life between death and a new birth, is presented with the following vision, this vision alone can impose upon him the urgent duty to work toward the understanding of the spiritual world. A person has passed away. The seer seeks him out, seeking to observe him some time after the person in question has passed through the gate of death. In the manner by which one communicates with the dead, one can hear the following from the deceased—this is now a very specific case. He says: “I have left my wife behind; I know she is still down in the physical world.” — Of course, this is not said in physical words. — When I lived with her in the physical world, after I had attended to my business from morning till night, she was always my sunshine; every word she spoke was a joy to me; and it was so that I could not imagine that I would have wanted to live this life at all if it had not been constantly illuminated by my life partner. Then I passed through the gate of death and left her behind; and now I long to return, now I feel that I am missing all of this, I search with a longing soul to find a way to my life partner. But I cannot find that soul, I cannot reach her, it is as if she were not there. And when I occasionally get a sense, feel as if she were there, as if I were near her, then she is as if mute, so that I can only compare it to two people standing face to face, one of whom wants the other to speak a few words to him, but the other is mute and cannot say anything. Thus has the soul become mute to me, the soul that was so blissful to me for a long time during my physical life. — Now, you see, when one investigates what lies at the root of such a fact, one receives this answer: There is simply no common language between the one who has passed away and the living one left behind. There is nothing that the soul can use to penetrate that substance through which it remains perceptible. Because there is no common language, these two souls feel separated.

[ 3 ] Es war nicht immer so. Wenn wir weiter zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, finden wir, daß die Seelen ein gewisses geistiges Erbgut jener Spiritualität hatten, durch die sie füreinander wahrnehmbar waren, gleichgültig, ob sie hier auf dem physischen Plan sind oder ob die eine hier in der physischen, die andere in der spirituellen Welt ist. Aber jenes alte Erbstück spiritueller Innerlichkeit ist heute aufgezehrt, es ist heute nicht mehr da, und es kann wirklich der schmerzliche Fall eintreten, daß eine Seele, die von der andern so geliebt worden ist, wie eben angedeutet wurde, von der andern Seele nicht mehr gefunden wird jenseits des Todes, weil in der zurückgebliebenen Seele nichts lebt, was wahrgenommen werden kann von der hingestorbenen. Dasjenige nämlich, was wahrgenommen werden kann von der gestorbenen Seele, ist das spirituelle Wissen, Fühlen und Empfinden; das ist der Zusammenhang der Seele hier auf Erden mit der geistigen Welt. Wenn eine solche Seele zurückgelassen wird, die sich hier mit Wissen, mit Erkenntnis der spirituellen Welten befaßt, Gedanken davon durch sich ziehen läßt, dann können diese Gedanken wahrgenommen werden von der hingeschiedenen Seele. Nicht einmal die alten religiösen Empfindungen reichen aus, um der Seele etwas zu geben, was von der andern Seele wahrgenommen werden kann. — Wenn dieser Fall weiter verfolgt werden würde, würde sich für den Seher zeigen, daß auch, wenn beide Seelen dann durch den Tod gegangen sind, sich die hingestorbenen Seelen nur dunkel wahrnehmen können — aber gar nicht oder nur sehr schwierig eine gegenseitige Verständigung herbeiführen können, weil sie keine gemeinschaftliche Sprache führen können.

[ 3 ] It wasn't always this way. If we go further back in human evolution, we find that souls possessed a certain spiritual heritage of that spirituality through which they were perceptible to one another, regardless of whether they are here on the physical plane or whether one is here in the physical world and the other in the spiritual world. But that ancient legacy of spiritual inner life has been exhausted today; it is no longer there, and the painful situation can indeed arise in which a soul that was so loved by another, as just indicated, can no longer be found by the other soul beyond death, because nothing lives in the soul left behind that can be perceived by the departed one. For what can be perceived by the departed soul is spiritual knowledge, feeling, and sensation; this is the soul’s connection here on earth with the spiritual world. When such a soul is left behind—one that engages here with knowledge and insight into the spiritual worlds, allowing thoughts of them to pass through itself—then these thoughts can be perceived by the departed soul. Not even the old religious sentiments are sufficient to give the soul something that can be perceived by the other soul. — If this case were to be further investigated, it would become clear to the seer that even after both souls have passed through death, the departed souls can only dimly perceive one another—but cannot bring about mutual understanding at all, or only with great difficulty, because they cannot speak a common language.

[ 4 ] Als Seher kommt man darauf, was im tiefern Sinn Anthroposophie ist: sie ist die Sprache, welche allmählich sprechen werden die Lebenden und die Toten, solche, die leben in der physischen Welt, und solche, die leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Die Seelen, die zurückgeblieben sind und die in sich aufgenommen haben Vorstellungen von den übersinnlichen Welten, die können auch von solchen wahrgenommen und geschaut werden, welche hingeschieden sind. Wenn sie Liebe ausgestreut haben vor dem Tode, können sie es auch nach dem Tode tun. Das bringt uns die Überzeugung, daß Anthroposophie eine Sprache ist, welche wahrnehmbar macht, was vorgeht in der Welt des Physischen für die Welt des Übersinnlichen. Ja, das steht der Erdenmenschheit in Aussicht, daß die Seelen immer einsamer werden müssen, keine Brücke mehr zu einander schlagen können, wenn die Seelen nicht das Band werden finden können, das von Seele zu Seele gezogen werden muß durch die Aufnahme spiritueller Begriffe. Das ist die Realität der Anthroposophie, denn sie ist keine bloße Theorie. Das theoretische Wissen ist das Allerwenigste; was wir in uns aufnehmen, ist ein wirkliches Seelenelixier, eine wirkliche Substanz. Durch diese Substanz sieht die Seele, die durch den Tod gegangen ist, jene Seele, die zurückgeblieben ist. Man darf sagen: Der Seher, der dies durchschaut, der einmal eine solche Seele erkennt, die sich sehnt, wahrzunehmen das, was sie zurückgelassen hat auf der Erde, es aber nicht wahrnehmen kann, weil die betreffende Familie noch nicht in die Geisteswissenschaft hineingekommen ist, der Seher, der das geschaut hat, was die Seelen unter solchen Entbehrungen leiden können, der weiß, daß er gar nicht anders kann, als seinen Mitmenschen von der spirituellen Weisheit zu sprechen und die Zeit für gekommen zu erachten, in welcher die spirituelle Weisheit eintreten muß in die Menschenherzen. Das dürfen wir sagen, daß diejenigen, welche aus der Erkenntnis der übersinnlichen Welten selbst die Mission herleiten, zu sprechen über diese übersinnlichen Welten, dies als eine dringende Notwendigkeit fühlen, gegen die sie nie handeln können; das wäre die schwerste Sünde. So fühlen sie die Notwendigkeit, spirituelle Verkündigungen, Offenbarungen über die übersinnlichen Welten zu geben.

[ 4 ] As a seer, one comes to understand what anthroposophy is in its deepest sense: it is the language that will gradually be spoken by the living and the dead—those who live in the physical world and those who live between death and a new birth. The souls who have remained behind and who have taken within themselves mental images of the supersensible worlds can also be perceived and seen by those who have passed away. If they have spread love before death, they can do so even after death. This brings us to the conviction that anthroposophy is a language that makes perceptible what is happening in the physical world for the world of the supersensible. Indeed, this is the prospect facing humanity on Earth: that souls will become increasingly isolated, unable to build bridges to one another, unless they can find the bond that must be drawn from soul to soul through the absorption of spiritual concepts. This is the reality of anthroposophy, for it is not a mere theory. Theoretical knowledge is the very least of it; what we take in is a true elixir of the soul, a true substance. Through this substance, the soul that has passed through death sees the soul that has remained behind. One may say: The seer who perceives this, who once recognizes such a soul that longs to perceive what it has left behind on Earth but cannot do so because the family in question has not yet entered into Spiritual Science, the seer who has seen what souls can suffer under such deprivations knows that he has no choice but to speak to his fellow human beings of spiritual wisdom and to regard the time as having come when spiritual wisdom must enter into human hearts. We may say that those who derive their mission to speak of these supersensible worlds from their own knowledge of them feel this to be an urgent necessity against which they can never act; that would be the gravest sin. Thus they feel the necessity to give spiritual proclamations, revelations about the supersensible worlds.

[ 5 ] Aus dem, was eben gesagt worden ist, können Sie entnehmen, welch ungeheurer Ernst verknüpft ist mit der Notwendigkeit geistiger Verkündigungen. Es gibt aber auch eine andere Seite der Verständigung der Lebenden mit den Toten. In dieser Beziehung sind wir jedoch noch nicht weit, aber es wird kommen. Um verstehen zu können, wie nach und nach die Lebenden eine Art Verständigung werden erzielen können mit denen, die hingestorben sind, müssen wir folgende Betrachtung anstellen. Der Mensch weiß das Allerwenigste von der physischen Welt. Denn wodurch verschafft er sich sein Wissen von der physischen Welt? Dadurch, daß er seine Sinne gebraucht, seine Phantasie anwendet, daß er empfindet, was ihm in der äußeren Welt entgegentritt. Das ist aber nur der geringste Teil von dem, was die Welt enthält. Sie enthält noch etwas ganz anderes. Ich möchte, daß Sie eine Vorstellung bekommen davon, daß es etwas gibt in der Welt, was viel wichtiger ist als das sinnlich Wirkliche. Ich meine auch nicht die übersinnliche Welt, sondern etwas anderes. Denken Sie sich einmal, Sie seien gewöhnt, jeden Tag acht Uhr morgens in Ihr Geschäft zu gehen; auf einmal bemerken Sie, daß Sie heute drei Minuten später gehen, und siehe da, Sie gehen über einen bestimmten Platz, wo Sie hätten durchgehen müssen durch eine Art von Remise, auf der ein Dach ist, das auf Säulen gestützt ist, und als Sie heute diese drei Minuten später ankommen, wird es Ihnen klar, daß — wären Sie heute rechtzeitig angekommen, also nicht drei Minuten später als gewöhnlich — Sie erschlagen worden wären von dem heruntergestürzten Dach. Malen Sie sich das aus! Es kommt vor, daß ein Mensch einen Eisenbahnzug versäumt, welcher unterwegs einen Zusammenstoß erleidet. Wäre er mit diesem Zuge noch mitgekommen, so wäre er umgekommen. Das sind lauter Dinge, die nicht geschahen, deshalb beachtet sie der Mensch nicht. Wenn Sie ein solches Ereignis vor sich haben, durch das Sie gerade wie mit der Nase darauf gestoßen werden, dann macht es einen bestimmten Eindruck auf Sie. Aber von morgens bis abends können ja immer solche Dinge vorgehen, die Sie alle nicht betroffen haben im Laufe des Tages. Das ist unübersehbar. Das alles sind Dinge, die vielleicht «erspintisiert» aussehen können, sie gehören aber zu den allerwichtigsten Teilen des Lebens. Sie werden eine gewisse Empfindung haben, wenn Sie sehen, sagen wir zum Beispiel einen Menschen in Berlin, der ein Billett hatte für die Titanic; ihn trifft ein Bekannter, der sagt: Ich möchte haben, daß du nicht mit der Titanic fährst! — und er bringt ihn davon ab, mit diesem Schiff zu fahren. Die Titanic geht unter — er ist dem Tode entgangen. Dies macht einen bleibenden Eindruck auf den betreffenden Menschen! — Das ist ein besonderer Fall. Aber solche Dinge können immer wieder passieren, ohne bemerkt zu werden; wenn sie aber bemerkt werden, machen sie einen Empfindungs-, einen Gemütseindruck auf den Menschen.

[ 5 ] From what has just been said, you can see the immense gravity associated with the necessity of spiritual proclamations. However, there is also another aspect to communication between the living and the dead. In this regard, we have not yet made much progress, but it will come. In order to understand how, little by little, the living will be able to achieve a kind of communication with those who have passed away, we must consider the following. Human beings know the very least about the physical world. For how do they acquire their knowledge of the physical world? By using their senses, applying their imagination, and perceiving what confronts them in the external world. But that is only the smallest part of what the world contains. It contains something quite different. I would like you to get a mental image of what there is in the world that is much more important than what is sensually real. Nor do I mean the supersensible world, but something else. Imagine for a moment that you are accustomed to going to your office every day at eight o’clock in the morning; suddenly you notice that today you are leaving three minutes later, and lo and behold, you are walking across a certain square where you would have had to pass through a kind of shed with a roof supported by columns, and when you arrive three minutes later today, it becomes clear to you that—had you arrived on time today, that is, not three minutes later than usual—you would have been crushed by the collapsing roof. Imagine that! It happens that a person misses a train that subsequently collides. Had he been on that train, he would have perished. These are all things that did not happen, which is why people do not pay attention to them. When you are faced with such an event, which you are practically forced to confront, it makes a definite impression on you. But from morning to night, all sorts of things can happen that haven’t affected you at all during the day. That’s undeniable. All these are things that may seem “fantastical,” but they are among the most important parts of life. You will have a certain feeling when you see, say, a man in Berlin who had a ticket for the Titanic; an acquaintance meets him and says: “I want you not to sail on the Titanic!”—and he dissuades him from taking that ship. The Titanic sinks—he has escaped death. This makes a lasting impression on the person in question! —That is a special case. But such things can happen again and again without being noticed; yet when they are noticed, they make an emotional, a psychological impression on the person.

[ 6 ] Betrachten wir aber die Sache von einer andern Seite: Wieviel Gemüts-, Empfindungseindrücke entgehen uns dadurch, daß wir nicht beachten, wovor wir bewahrt werden! Wenn wir das alles beachten könnten, was nahe daran ist zu geschehen, und woran wir vorbeigehen, würden wir mit ganz anderem Gemüt durch die Welt ziehen. Nun entdeckt der Seher folgende Möglichkeit: Nehmen Sie an, die Sache ist Wirklichkeit. Sie kämen drei Minuten später als gewöhnlich über den Platz. In diesem Augenblick ist der günstigste Moment, wo ein sich vernehmbar machen wollender Toter in Ihre Seele hereinspricht. Sie können den Gedanken, die Empfindung haben: Woher kommt das, was auftaucht in meiner Seele? Das braucht nicht bloß bei einem solchen besonderen Vorgang der Fall zu sein, es kann in mannigfacher Weise geschehen. Es wird beginnen, wenn die Menschen anfangen werden, auch die Welt des Möglichen zu beachten und nicht nur die Welt des Wirklichen. Heute wird nur die Welt des Wirklichen betrachtet. Wirklich sind zum Beispiel eine große Anzahl Heringe im Meere; möglich aber sind sie nur dadurch, daß unendlich viel Keime abgelegt worden sind. So liegt auf dem Grunde des Lebens eine unendliche Fülle von Möglichkeiten.

[ 6 ] But let us consider the matter from another angle: How many emotional and sensory impressions do we miss simply because we do not pay attention to what we are being spared! If we could take note of everything that is about to happen and everything we pass by, we would go through the world with a completely different state of mind. Now the seer discovers the following possibility: Suppose the matter is real. You would cross the square three minutes later than usual. At that very moment is the most opportune time for a deceased person seeking to make themselves heard to speak into your soul. You may have the thought, the feeling: Where does this come from, what is emerging in my soul? This need not be the case only in such a specific instance; it can happen in manifold ways. It will begin when people start to take notice of the world of the possible as well, and not just the world of the real. Today, only the world of the real is considered. For example, a large number of herring in the sea are real; but they are possible only because an infinite number of eggs have been laid. Thus, at the foundation of life lies an infinite abundance of possibilities.

[ 7 ] Das ist es, was auch einen unendlich bedeutungsvollen Eindruck macht auf den Seher, wenn er an die Grenze von zwei Welten kommt. Da hat der Seher den Eindruck: Wie unendlich reich ist das, was in dieser übersinnlichen Welt geschieht, und nur ein kleiner Teil verwirklicht sich in dieser unserer Sinnenwelt! — Wenn man das fühlt, fühlt man auch: Unendliches liegt verborgen auf dem Grunde des Daseins. — Dieses Gefühl wird sich entwickeln durch anthroposophische Betrachtungen. Man wird ein Gefühl dafür erhalten, daß in jedem Punkte, wo etwas äußerlich Wirkliches ist, etwas anderes dahinter ist. Hinter jeder Blume, hinter jedem Luftzuge, hinter jedem Steinchen und Kristall liegen unendlich viele Möglichkeiten. Dieses Gefühl wird der Mensch allmählich so ausbilden, daß er die Andacht, die Ehrfurcht gegenüber dem Verborgenen immer mehr entwickeln wird. Wenn er dieses Gefühl immer mehr ausbildet, dann wird er von selber darauf kommen, daß in solchen Augenblicken, wie sie eben geschildert worden sind, diejenigen zu ihm sprechen, die für das Erdenleben tot sind. Das wird eintreten in der Zukunft, daß der Mensch ganz wie etwas Normales empfinden wird: Jetzt hat in deine Seele hereingesprochen ein Toter. — Nach und nach wird er wissen, woher diese Mitteilung kommt, das heißt, wer da hereinspricht. Nur weil die Menschen heute so achtlos vorübergehen vor der unendlichen Welt der Möglichkeiten, der unendlichen Tiefe des Möglichen, hören sie nicht, was die Toten so hereinsprechen möchten in die Herzen der Lebenden.

[ 7 ] This is what also makes an infinitely profound impression on the seer when he reaches the boundary between two worlds. There the seer has the impression: How infinitely rich is what takes place in this supersensible world, and only a small part of it is realized in this world of our senses! — When one feels this, one also feels: the infinite lies hidden at the very foundation of existence. — This feeling will develop through anthroposophical contemplation. One will come to feel that behind every point where something is outwardly real, there is something else behind it. Behind every flower, behind every breath of air, behind every little stone and crystal lie infinite possibilities. Human beings will gradually cultivate this feeling in such a way that they will increasingly develop a sense of reverence and awe toward the hidden. As they cultivate this feeling more and more, they will come to realize on their own that in moments such as those just described, those who are dead to earthly life are speaking to them. In the future, this will become something people experience as perfectly normal: “A dead person has just spoken into your soul.” — Little by little, he will know where this message comes from—that is, who is speaking to him. It is only because people today pass so carelessly by the infinite world of possibilities, the infinite depth of the possible, that they do not hear what the dead would like to speak into the hearts of the living.

[ 8 ] Aus dem Zweifachen, was ich Ihnen gesagt habe: daß durch Lebende, durch die Gedanken der Anthroposophen hier etwas erzeugt wird, was für die Toten wahrnehmbar wird — und daß die Toten werden sprechen können zu den Herzen, die sich hineingefunden haben in das spirituelle Fühlen —, aus dieser Tatsache können Sie entnehmen, welchen Umschwung die Verbreitung der Anthroposophie für die ganze Menschheit bewirken wird. Eine Brücke wird geschlagen werden zu den Welten hier und zu den Welten drüben. Und wahr ist es, daß das Leben ein anderes sein wird zwischen Tod und einer neuen Geburt. Es wird dies nicht nur eine Theorie sein, sondern ein Übergehen in Realität, so daß Verständnis sein wird zwischen den sogenannten Lebenden und den Toten, die aber viel lebendiger sind. Und dann werden auch die Seelen hier fühlen, was so fruchtbar werden kann für die Toten. Denn man kann es doch nicht im richtigen Sinne fruchtbar machen, wenn man nicht fühlt, welche Wohltat es für die Toten sein kann, wenn man ihnen vorliest. Nehmen wir einmal einen extremen Fall. Sie können es erfahren, wenn Sie mit anderen Menschen zusammenleben als Geschwister, Eltern oder Gatten, daß während der eine den Drang empfindet, zur Geisteswissenschaft zu kommen, der andere geradezu einen Haß bekommt, wenn der erstere sich ihr nähert. Wie oft kann man das erleben! So kann sich das abspielen im Bewußtsein, aber es braucht nicht in der Seele selbst so zu sein. Da kann etwas anderes stattfinden. Es gibt das Unterbewußtsein im astralischen Leib. Während jemand leidenschaftlich wütet und schimpft gegen die Geisteswissenschaft, kann es sein, daß er im Unterbewußtsein um so mehr den Drang, die Sehnsucht hat, selber etwas von der Geisteswissenschaft zu erfahren. Wenn man durch die Pforte des Todes geschritten ist, so werden die Dinge wahr; da läßt sich nichts maskieren. Hier auf der Erde kann man lügen, sich verstellen, nach dem Tode aber werden alle Dinge wahr; sie zeigen da ihr wahres Antlitz. Wenn man sich während des Lebens noch so sehr betäubt hat, indem man gegen die Geisteswissenschaft schimpft, nach dem Tode macht sich dann ein Drang darnach bemerkbar, und man leidet Schmerzen, weil der Drang nicht befriedigt werden kann. Da kann dann der Lebende sich in Gedanken den Verstorbenen gegenübersitzend vorstellen, und er kann in Gedanken spirituelle Dinge durchgehen, und der Tote versteht das; und wenn der Tote auch kein Anthroposoph gewesen ist, wenn es auch nur der Lebende ist, dann nimmt der Tote doch den Lebenden wahr.

[ 8 ] From the two things I have told you: that through the living, through the thoughts of anthroposophists here, something is created that becomes perceptible to the dead—and that the dead will be able to speak to the hearts that have found their way into spiritual feeling—from this fact you can deduce what a transformation the spread of anthroposophy will bring about for all of humanity. A bridge will be built between the worlds here and the worlds beyond. And it is true that life will be different between death and a new birth. This will not merely be a theory, but a transition into reality, so that there will be understanding between the so-called living and the dead, who are, however, far more alive. And then the souls here will also feel what can be so fruitful for the dead. For one cannot truly make it fruitful unless one feels what a blessing it can be for the dead when one reads to them. Let us take an extreme case. You can experience this when living with other people—such as siblings, parents, or spouses—that while one feels the urge to turn to Spiritual Science, the other develops a veritable hatred whenever the former approaches it. How often one can experience this! This is how it may play out in consciousness, but it need not be so in the soul itself. Something else can take place there. There is the subconscious in the astral body. While someone rages passionately and rails against Spiritual Science, it may be that in their subconscious they feel all the more urge, the longing, to experience something of Spiritual Science for themselves. Once one has passed through the gate of death, things become true; there is nothing that can be masked there. Here on earth one can lie, put on a false front, but after death all things become true; there they show their true face. No matter how much one has numbed oneself during life by railing against Spiritual Science, after death a longing for it makes itself felt, and one suffers pain because the longing cannot be satisfied. Then the living person can create a mental image of the deceased sitting opposite them, and they can go through spiritual matters in thought, and the dead person understands this; and even if the dead person was not an anthroposophist, even if it is only the living person, the dead person still perceives the living person.

[ 9 ] Das, was man nennen könnte: einen gewissen Hang zur Sprache, die man im Leben gesprochen hat, das muß da berücksichtigt werden, weil in den ersten Zeiten nach dem Tode der Tote noch einen gewissen Zusammenhang mit derselben Sprache hat, wie er sie hier im Leben gehabt hat. Man tut deshalb gut, in Gedanken die Sprache anzunehmen, die der Tote gesprochen hat; aber nach fünf, sechs, acht Jahren, manchmal auch früher, stellt sich heraus, daß die Sprache des Geistes eine solche ist, daß für sie die äußere Sprache kein Hindernis ist und daß der Tote spirituelle Gedanken auch dann verstehen kann, wenn er die Sprache im Leben nicht gekannt hat. Jedenfalls hat sich das als etwas ungeheuer Schönes ergeben, wenn unsere Freunde Verstorbenen vorgelesen haben, namentlich auch solchen gegenüber, die im Leben keine Anthroposophen waren. Es hat sich dies als eine ungeheure Wohlktat, als einer der größten Liebesdienste herausgestellt. Und zu dem, was wir erreichen wollen, gehört nicht allein, daß wir die Anthroposophie äußerlich ausbreiten wollen als eine Lehre — das müssen wir tun und es ist notwendig —, aber Anthroposophie wird auch in viel stillerer Art in der Seele wirken müssen. Spirituelle Ämter sozusagen können sich da ausbilden, durch die vieles geleistet werden kann zur Fortentwickelung der Seelen nach dem Tode. Und das ist es, was wir immer mehr erreichen müssen: daß wir eine große Schwierigkeit überwinden helfen für die Seelen, die zwischen Tod und einer neuen Geburt stehen, und die darin liegt, daß das alte spirituelle Erbgut erschöpft ist und eine Zeit herangerückt ist, in der das Sichorientieren den Seelen nach dem Tode ungeheuer schwer fällt und in der sich auszukennen zwischen Tod und einer neuen Geburt den Seelen fast unmöglich ist.

[ 9 ] What one might call a certain inclination toward the language one spoke in life must be taken into account, because in the early stages after death, the deceased still maintains a certain connection with that same language, just as they did here in life. It is therefore advisable to mentally adopt the language the deceased spoke; but after five, six, or eight years—sometimes even sooner—it becomes apparent that the language of the spirit is such that the external language poses no obstacle to it, and that the deceased can understand spiritual thoughts even if they did not know the language in life. In any case, it has turned out to be something tremendously beautiful when our friends have read aloud to the deceased, especially to those who were not anthroposophists in life. This has proven to be an immense blessing, one of the greatest acts of love. And what we aim to achieve is not merely to spread anthroposophy outwardly as a doctrine—we must do that, and it is necessary—but anthroposophy must also work in the soul in a much quieter way. Spiritual offices, so to speak, can develop there, through which much can be accomplished for the further development of souls after death. And that is what we must increasingly achieve: that we help overcome a great difficulty for the souls who stand between death and a new birth, a difficulty that lies in the fact that the old spiritual heritage has been exhausted and a time has come in which it is immensely difficult for souls to find their bearings after death, and in which it is almost impossible for souls to find their way between death and a new birth.

[ 10 ] Da sieht der Seher, wie die Seelen zwischen Tod und neuer Geburt zu Aufgaben gezwungen werden, die sie lösen müssen, die sie aber nicht begreifen. So ist es zum Beispiel eine Tatsache: Der Seher, der seinen Blick hinwendet auf das Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt, kann Seelen entdecken, die eine bestimmte Verrichtung machen müssen: sie müssen in gewissen Zeiträumen Diener sein jener Mächte, die wir kennen als die Geister des Todes und der Krankheit. Wir sprechen da von jenem Tode, der nicht regelmäßig als eine Erscheinung des Lebens eintritt, sondern von dem Tode, der an die Menschen außer der Zeit herantritt, wenn Menschen hinsterben in der Blüte ihres Lebens. Wenn Krankheiten eintreten, sind es physische Ereignisse; sie werden aber bewirkt von Kräften, die von der übersinnlichen Welt hereinspielen. Den sich verbreitenden Krankheiten liegen zugrunde die Taten übersinnlicher Wesenheiten. Gewisse Geister haben die Aufgabe, unzeitigen Tod zu bringen. Daß das doch auch in der Weisheit begründet ist, können wir jetzt nicht berühren; aber das ist wichtig zu beachten, daß wir nun Seelen finden, die unter das Joch von solchen 'Wesenheiten gespannt sind. Und es ist für den Seher, trotzdem er sich gewöhnt haben muß an eine gewisse Gelassenheit, doch schmerzlich und erschütternd, zuzusehen, wie solche, die in das Joch gespannt sind, dienen müssen, um an die Menschen Krankheit und Tod heranzutragen. Und wenn der Seher versucht zu verfolgen solche Seelen bis zu der Zeit ihres vorhergehenden Lebens, dann findet er die Ursache, warum diese Seelen verurteilt sind, Diener zu sein der Geister der Krankheiten und des Todes: diese Ursachen liegen in der Gewissenlosigkeit, welche diese Seelen im physischen Leben entwickelt haben. In dem Maße, wie sie gewissenlos waren, in dem Maße verurteilen sie sich dazu, Diener zu sein dieser bösen Wesenheiten. So wahr, wie Ursache und Wirkung zusammenhängen bei aufeinanderstoßenden Kugeln, so wahr müssen gewissenlose Menschen Diener sein dieser bösen Wesenheiten. Das ist erschütternd! Eine andere Tatsache, die der Seher sieht: Solche Seelen sind unter das Joch ahrimanischer Geister gespannt, sie müssen bereiten die spirituellen Ursachen von all dem, was hier geschieht als Widerstand, als Hindernis unseres Tuns. Ahriman hat ja auch diese Aufgabe. All die Widerstände, die sich hier ergeben, werden aus der geistigen Welt herein dirigiert. Es sind Diener des Ahriman. Wodurch verurteilten sich solche Seelen zu diesem Dienste? Dadurch, daß sie in ihrem Leben zwischen Geburt und Tod der Bequemlichkeit gehuldigt haben. Und wenn Sie betrachten, wie die Bequemlichkeit weit verbreitet ist, so werden Sie finden, daß es unendlich viele Rekruten gibt für Ahriman. Die Bequemlichkeit ist es, die das Leben in reichstem Maße regiert. — Dazu sind auch die neueren Nationalökonomen gekommen, mit der Bequemlichkeit der Menschen zu rechnen, nicht nur mit dem Egoismus und der Konkurrenz. Die Bequemlichkeit ist ein Faktor.

[ 10 ] There the seer sees how souls, between death and a new birth, are compelled to perform tasks that they must complete but do not understand. For example, it is a fact that the seer, turning his gaze to the life between death and a new birth, can discover souls who must perform a specific task: during certain periods, they must serve those powers we know as the spirits of death and disease. We are speaking here of that death which does not occur regularly as a phenomenon of life, but of the death that approaches people out of turn, when people die in the prime of their lives. When illnesses occur, they are physical events; but they are brought about by forces that intervene from the supersensible world. Underlying the spreading diseases are the deeds of supersensible beings. Certain spirits have the task of bringing untimely death. We cannot now go into why this is grounded in wisdom; but it is important to note that we now find souls who are yoked to such ‘beings.’ And for the seer, even though he must have become accustomed to a certain composure, it is nonetheless painful and harrowing to watch how those who are yoked must serve to bring sickness and death to human beings. And when the seer attempts to trace such souls back to the time of their previous life, he finds the cause of why these souls are condemned to be servants of the spirits of disease and death: these causes lie in the lack of conscience that these souls developed in their physical life. To the extent that they were unscrupulous, to that extent do they condemn themselves to be servants of these evil beings. Just as cause and effect are connected in the case of colliding spheres, so too must unscrupulous people be servants of these evil beings. This is harrowing! Another fact that the seer perceives: such souls are yoked to Ahrimanic spirits; they must prepare the spiritual causes of all that occurs here as resistance, as an obstacle to our actions. Ahriman, after all, also has this task. All the resistance that arises here is directed in from the spiritual world. They are servants of Ahriman. How did such souls condemn themselves to this service? By the fact that in their lives between birth and death they have paid homage to comfort. And if you consider how widespread comfort is, you will find that there are an infinite number of recruits for Ahriman. It is comfort that governs life to the greatest extent. — Modern economists have also come to take human comfort into account, not just selfishness and competition. Comfort is a factor.

[ 11 ] Nun nimmt es sich anders aus, ob man solche Erlebnisse hat so, daß man sich in ihnen orientieren kann, daß man weiß, warum man sie erlebt, oder ob man sie ganz bewußtlos erlebt, ohne zu wissen, warum man dienen muß solchen Geistern. Wenn man weiß, warum man in das Joch der Geister gespannt ist, welche die Seuchen bringen, so weiß man auch, was man im nächsten Leben für Tugenden sich aneignen muß, damit man einen kosmischen Ausgleich schaffen kann, um aus der Welt zu schaffen, was nach dieser Richtung wirkt. Wenn man unorientiert in diesen Erlebnissen ist, schafft man zwar dasselbe Karma, aber man schafft erst wieder das, was sich zu der zweiten Inkarnation hin als Ausgleich gestalten muß, und so verzögert man den wirklichen Fortgang. Deshalb ist es wichtig, daß der Mensch hier diese Dinge lernt. Erleben wird man sie nach dem Tode; sich orientieren lernen muß man hier. Da haben wir wieder einmal eine Tatsache, die es zu einer zwingenden Notwendigkeit macht, neue Orientierung zu schaffen durch Verbreitung der spirituellen Wahrheiten, weil die alte Orientierung nicht mehr da sein kann. Wir können uns auf die Frage: Warum sind wir Anthroposophen? — aus den geistigen Tatsachen heraus eine Antwort geben, die gar sehr zu unserer Empfindung, unserem Gefühle spricht, nicht nur zu unserem Verstande. Und so sehen wir Anthroposophie immer mehr und mehr an als eine universelle Sprache, als eine Sprache, die es uns möglich machen wird, die Scheidewand hinwegzutun zwischen den verschiedenen Welten, in denen unsere Seelen leben, das eine Mal im physischen Leibe, das andere Mal außerhalb des physischen Leibes; und so wird fallen die Scheidewand gegenüber der übersinnlichen Welt, wenn die Geisteswissenschaft sich wirklich in die Seelen der Menschen einlebt. Das müssen wir fühlen, empfinden; dann haben wir den richtigen, den inneren Enthusiasmus für die Geisteswissenschaft.

[ 11 ] Now, it makes a difference whether one has such experiences in a way that allows one to make sense of them—knowing why one is experiencing them—or whether one experiences them completely unconsciously, without knowing why one must serve such spirits. If one knows why one is yoked to the spirits that bring epidemics, then one also knows what virtues one must acquire in the next life in order to create a cosmic balance and to eliminate from the world whatever works in this direction. If one is disoriented in these experiences, one does indeed create the same karma, but one only creates again what must take shape as a balance toward the second incarnation, and thus one delays true progress. That is why it is important for human beings to learn these things here. One will experience them after death; one must learn to orient oneself here. Here we have yet another fact that makes it an absolute necessity to create a new orientation through the dissemination of spiritual truths, because the old orientation can no longer exist. We can answer the question: Why are we anthroposophists? — from the spiritual facts, with an answer that speaks very deeply to our feelings, not just to our intellect. And so we increasingly view anthroposophy as a universal language, as a language that will enable us to remove the barrier between the various worlds in which our souls live—sometimes in the physical body, sometimes outside the physical body; and thus the barrier to the supersensible world will fall when Spiritual Science truly takes root in the souls of human beings. We must feel this, sense it; then we will have the right, the inner enthusiasm for Spiritual Science.

[ 12 ] Lassen Sie mich von einer weiteren Erscheinung sprechen. Für den Seher tritt ein Zeitpunkt ein, der im Leben der Seelen zwischen Tod und einer neuen Geburt sich offenbart und der ungeheuer bedeutsam wird für den Seher, aber auch für solche, die dieses Leben durchmachen. Der Zeitpunkt liegt bei manchen mehr zurück, bei manchen mehr vorwärts. Wenn man mit dem seherischen Blick den Schlaf verfolgt, dann, wenn der Mensch mit seinem Astralleib und Ich außerhalb des physischen Leibes ist und zurückblickt auf physischen Leib und Ätherleib, dann ist der Eindruck der, daß zumeist der physische Leib sich als langsam sterbend darstellt. Nur in den allerersten Kindheitsjahren, bis das Kind ein Verständnis bekommt, bis zu der Zeit, zu der unser Gedächtnis zurückreicht, da erscheint der Schlaf im Kindesleib als etwas, was sproßt und gedeiht; aber es fängt sehr früh an, so daß dem Seher es vor Augen tritt, daß der physische Leib nach dem Eintritt in das Leben langsam wieder abstirbt; der Tod ist nur der letzte Akt dieses Absterbens. Die Sache ist so, daß der Schlaf dazu da ist, die vetbrauchten Kräfte auszugleichen. Aber dieser Ausgleich ist nur unvollständig; dieser Rest ist immer ein kleines Stück Todesursache. Wenn so viele Reste zurückgeblieben sind, daß die Wiederherstellungskräfte nicht mehr dagegen aufkommen, dann stirbt der Mensch den physischen Tod. Man sieht also eigentlich, wenn man den Menschenleib ansieht, den Tod sich langsam vollziehen. Man stirbt wirklich von Geburt an ganz langsam. Der Eindruck ist ein recht ernster, wenn man die Sache zuerst gewahr wird.

[ 12 ] Let me speak of another phenomenon. For the seer, there comes a moment that reveals itself in the life of souls between death and a new birth, and which becomes immensely significant not only for the seer but also for those who are undergoing this life. For some, this moment lies further in the past; for others, further in the future. When one observes sleep with the seer’s gaze—that is, when the human being, with their astral body and I, is outside the physical body and looks back upon the physical body and the etheric body—the impression is that, for the most part, the physical body appears to be slowly dying. Only in the very earliest years of childhood, until the child develops an understanding, until the time to which our memory extends, does sleep appear in the child’s body as something that sprouts and flourishes; but it begins very early, so that it becomes clear to the seer that the physical body, after entering life, slowly dies away again; death is merely the final act of this dying process. The fact is that sleep serves to restore the expended forces. But this restoration is only incomplete; this residue is always a small part of the cause of death. When so many residues remain that the restorative forces can no longer counteract them, then the human being dies the physical death. So, when one looks at the human body, one actually sees death slowly taking place. One really dies very slowly from the moment of birth. The impression is quite a serious one when one first becomes aware of it.

[ 13 ] Zwischen Tod und einer neuen Geburt kommt nun der Augenblick an die Seele heran, wo sie die Kräfte zu entwickeln beginnt, durch die sie in das nächste Dasein eintritt. Lassen Sie mich an einem Beispiel zeigen, was gemeint ist. Heute gibt es schon viele Bücher über Goethes Veranlagung. Es wird nachgeforscht bei den Vorfahren Goethes, woher er diese oder jene Eigenschaft geerbt habe. In der physischen Vererbungslinie werden diese Ursachen gesucht. Das soll nicht bestritten werden, daß sie da gesucht werden können; aber wer die Seele zwischen Tod und einer neuen Geburt verfolgen kann, findet das Folgende. Nehmen Sie die Seele Goethes. Lange, lange, ehe sie geboren wird, wirkt sie schon aus den übersinnlichen Welten heraus auf ihre Ahnen, steht schon durch ihre Kräfte mit den Ahnen in Beziehung. Sie wirkt sogar so, daß in entsprechender Weise zusammenkommen diejenigen Männer und Frauen, die nach langer Zeit die richtigen Eigenschaften geben können, die die Seele braucht. Es ist dies keine leichte Arbeit, denn es sind viele Seelen daran beteiligt. Wenn Sie sich vorstellen, daß von den Seelen des sechzehnten Jahrhunderts im achtzehnten Jahrhundert Menschen abstammen und daß alle diese schon vorher zusammenarbeiten, so müssen Sie begreifen, daß eine solche Verständigung eine wichtige Sache ist. Seelen, die im achtzehnten, neunzehnten Jahrhundert geboren werden, müssen sich schon im sechzehnten Jahrhundert verständigen, damit die ganzen Netze von Verwandtschaften hergestellt werden können. Es ist viel zu tun zwischen Tod und einer neuen Geburt. Nicht nur, daß wir zu tun haben in objektiver Beziehung, daß wir einen Teil unserer Zeit mit Dienstleistungen gegenüber den Geistern des Widerstandes zubringen, wir müssen auch arbeiten an den Kräften, die überhaupt unsere Wiederverkörperung ermöglichen. Da stellt sich die Sache so dar, daß wir uns die Form schon im Urbild herausarbeiten müssen. Dies macht einen entgegengesetzten Eindruck von dem, was der Seher schaut, wenn er auf den schlafenden physischen und Ätherleib sieht. Der physische und Ätherleib stellen sich im Schlafe als etwas Absterbendes dar; was sich aber da wie ein Urbild aufbaut und in die physische Natur hereinzieht, das bietet den Eindruck des Sprossenden, Werdenden.

[ 13 ] Between death and a new birth, the soul now reaches the moment when it begins to develop the powers through which it enters its next existence. Let me illustrate what is meant by an example. Today there are already many books about Goethe’s disposition. Researchers look to Goethe’s ancestors to determine where he inherited this or that trait. They seek these causes in the physical line of inheritance. It is not to be disputed that they can be sought there; but whoever can follow the soul between death and a new birth will find the following. Take Goethe’s soul. Long, long before it is born, it is already working from the supersensible worlds upon its ancestors, already connected to them through its own powers. It even works in such a way that the men and women who, after a long time, can provide the right qualities the soul needs, come together in a corresponding manner. This is no easy task, for many souls are involved in it. If you have a mental image of people in the eighteenth century being descended from the souls of the sixteenth century, and that all of these are already working together beforehand, then you must understand that such communication is a vital matter. Souls born in the eighteenth and nineteenth centuries must already communicate in the sixteenth century so that the entire networks of kinship can be established. There is much to do between death and a new birth. Not only do we have to deal, in an objective sense, with spending part of our time in service to the spirits of resistance, but we must also work on the forces that make our reincarnation possible in the first place. The situation is such that we must already work out the form in the archetype. This gives an impression opposite to what the seer observes when looking at the sleeping physical and etheric bodies. The physical and etheric bodies appear in sleep as something dying; but what is building itself up there like an archetype and drawing into physical nature gives the impression of something sprouting, of something becoming.

[ 14 ] So daß ein wichtiger Augenblick da ist zwischen Tod und einer neuen Geburt: er liegt zwischen der Erinnerung an das frühere Dasein und dem Übergang zu dem nächsten Dasein, da wo der Mensch anfängt zu arbeiten an dem Werden seiner physischen Organisation. Wenn Sie sich den physischen Tod vorstellen und im Vergleich dazu diesen Augenblick, so haben Sie in ihm das Gegenteil von dem physischen Tode. Der physische Tod ist ein Übergang von dem physischen Sein zum Nichtsein; der geschilderte Augenblick ist ein Übergang von dem Nichtsein zum Werden. Ganz anders erlebt man diesen Augenblick, wenn man ihn versteht, als wenn man ihn nicht versteht.

[ 14 ] Thus, there is a crucial moment between death and a new birth: it lies between the memory of the previous existence and the transition to the next existence, where the human being begins to work on the formation of their physical body. If you have a mental image of physical death and compare it to this moment, you will find in it the opposite of physical death. Physical death is a transition from physical being to non-being; the moment described is a transition from non-being to becoming. One experiences this moment quite differently when one understands it than when one does not understand it.

[ 15 ] Solch ein Begriff wie der des Gegenteils des Todes, dessen, was eintritt zwischen Tod und neuer Geburt, das sollte eigentlich in der Seele eines Anthroposophen zur Empfindung kommen. Er sollte nicht bloß verstandesgemäß begriffen, sondern durchempfunden werden; dann kann man fühlen die Bereicherung, welche unser Leben erfährt, wenn solche Begriffe von der Seele aufgenommen werden. Dann stellt sich noch etwas anderes ein: daß nämlich die Seele allmählich überhaupt ein Gefühl dafür bekommt, was es alles in der Welt gibt. Wenn man durch einen Wald geht im Frühling und man vorher meditiert hat über den Begriff, den ich eben erwähnt habe, so ist man nicht weit davon entfernt, wenn man achtgibt, zu vernehmen die Geister, die zwischen den physischen Dingen wirken und walten. Das Wahrnehmen der geistigen Welt wäre eigentlich gar nicht schwierig, wenn die Menschen sich das nicht selber schwierig machen würden. Indem sie darnach trachten, dasjenige, was in Begriffen aufgenommen wird, sich zur Empfindung zu bringen, innerlich zum Leben zu erwecken, kann dieses Streben sie zum Schauen führen. Durch solche Dinge, wie sie heute gesagt worden sind, möchte ich dazu beitragen, daß dieser Drang nach Geisteswissenschaft lebendig werde. Die Darstellung von solchen Dingen ist immer so, daß man fühlt: es ist die Schilderung wie ein Stammeln, weil unsere Sprache ja nur für die physische Welt ist — und man muß sich anstrengen, durch ganz besondere Darstellungsmittel wenigstens einen geringen Begriff von diesen Dingen hervorzubringen. Aber gerade solche Art, zu sprechen über diese Dinge, kann in unsern Herzen auslösen, was man anthroposophisch als Empfindungsgehalt bezeichnen kann.

[ 15 ] A concept such as that of the opposite of death—that which occurs between death and rebirth—should actually be felt in the soul of an anthroposophist. It should not merely be grasped intellectually, but deeply felt; then one can sense the enrichment our life experiences when such concepts are taken up by the soul. Then something else occurs: namely, that the soul gradually develops a sense of all that exists in the world. If one walks through a forest in spring and has previously meditated on the concept I just mentioned, one is not far from, if one pays attention, perceiving the spirits that work and reign among physical things. Perceiving the spiritual world would actually not be difficult at all if people did not make it difficult for themselves. By striving to transform what is grasped in concepts into sensation, to bring it to life inwardly, this striving can lead them to vision. Through such things as have been spoken of today, I would like to contribute to bringing this urge for Spiritual Science to life. The description of such things is always such that one feels: the description is like stammering, because our language is, after all, only for the physical world—and one must make an effort to bring forth at least a faint notion of these things through very special means of expression. But it is precisely this way of speaking about these things that can trigger within our hearts what can be described in anthroposophical terms as a content of feeling.

[ 16 ] Das sollte Geisteswissenschaft für uns werden: ein Empfindungs-, ein Lebensgehalt, so daß wir in der Aufnahme von spirituellen Begriffen nicht etwas Geringes sehen, sondern ihnen gern nachgehen, dann aber auch nicht in diesen Begriffen die Hauptsache sehen, sondern in dem, was die Anthroposophie aus uns macht.

[ 16 ] This is what Spiritual Science should become for us: a source of feeling and life, so that we do not view the assimilation of spiritual concepts as something trivial, but rather pursue them willingly; yet we must not see the main point in these concepts themselves, but rather in what Spiritual Science makes of us.