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Das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt
im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen
GA 141

5 November 1912, Berlin

Erster Vortrag

[ 1 ] Es erfüllt mich mit Befriedigung, daß ich am heutigen Abend nach verhältnismäßig langer Zeit an diesem Orte wieder zu sprechen in der Lage bin. Diejenigen von Ihnen, die unsere diesjährige Münchener Veranstaltung mitgemacht haben, oder sich in einer anderen Weise Kenntnis von dem verschafft haben, was zu dem Inhalte der vorherigen Veranstaltungen durch meinen Versuch eines Mysteriums, genannt «Der Hüter der Schwelle», hinzugefügt werden durfte, haben sehen können, wie die Seele sich verhalten muß, wenn sie eine wahre, eine inhaltsvolle Vorstellung von mancherlei gewinnen will, wovon man ja in der Geisteswissenschaft, oder sagen wir im Okkultismus, viel spricht.

[ 2 ] Wir haben im Laufe der Jahre über jene Wesenheiten, die wir mit dem Namen der luziferischen und der ahrimanischen Wesenheiten bezeichnen, verschiedenes gesprochen. Daß die Charakterstimmung dieser Wesenheiten sich erst ergibt, wenn wir uns langsam und allmählich von den verschiedensten Seiten her diesen Wesen nähern, das sollte gerade in dem «Hüter der Schwelle» gezeigt werden. Daß es nicht ausreicht, einen leichten Begriff von diesen Wesenheiten sich zu machen — etwa einen Begriff, der ähnlich ist dem, was der Mensch so gern hat, nämlich einer gewöhnlichen Definition —, sondern daß man nötig hat, von den verschiedensten Seiten her zu betrachten, wie diese Wesenheiten in das menschliche Leben eingreifen, das sollte gezeigt werden. Und Sie werden gerade auch aus diesem Versuche etwas mit von dem gewinnen können, was durch viele Jahre den Grundton gerade auch derjenigen Vorträge gebildet hat, die ich hier halten durfte, jenen Grundton, den ich mir jetzt schon öfter zu bezeichnen gestattete mit den Worten der absoluten Wahrhaftigkeit gegenüber den geistigen Welten, oder auch als den Ton eines hohen Ernstes gegenüber diesen geistigen Welten. Es ist dies um so mehr in unserer Gegenwart zu betonen, als ja doch der Ernst, die Würde des im wahren Sinne des Wortes so zu nennenden anthroposophischen Strebens noch gar wenig eingesehen wird. Und wenn ich in den verschiedenen Vorträgen der letzten Jahre eines habe hauptsächlich durchschimmern lassen wollen, so ist es dies: Daß Sie den Versuch machen wollen, wirklich mit diesem Geiste des Ernstes und der Wahrhaftigkeit allein an das anthroposophische Streben heranzugehen und sich bewußt zu werden, was das anthroposophische Streben bedeutet im Gesamtinhalte des Weltenseins, im Inhalte der menschlichen Entwickelung und auch in dem geistigen Inhalte unserer Zeit. — Nicht oft genug kann man es sagen: In das Anthroposophische kann man sich nicht mit wenigen Begriffen, nicht mit einer etwa in kurzen Sätzen zusammengefaßten Theorie oder gar mit einem Programm hineinfinden; in das wahrhaft Anthroposophische kann man sich nur hineinfinden mit dem ganzen Leben seiner Seele. Leben aber ist Werden, ist Entwickelung. Und wenn dagegen gefragt werden könnte: Wie soll sich denn der Einzelne dann einer anthroposophischen Bewegung anschließen, wenn gleich die Forderung der Entwickelung, des Werdens aufgestellt werde, wenn gesagt wird, man könnte nur im Laufe der Zeit langsam und allmählich in das hineinkommen, was in den Tiefen dessen enthalten ist, das man in Wahrheit Anthroposophie nennt, wie kann dann der Einzelne sich entschließen, in dasjenige hineinzugehen, in das er sich erst nach und nach hineinentwickeln soll? — so muß darauf erwidert werden: Bevor der Mensch etwa zu dem höchsten Gipfel einer Entwickelung aufsteigen kann, hat er das, was die ganze Menschheit überhaupt nach dem Streben einer solchen Entwickelung geführt hat, hat er den Sinn für die Wahrheit in seinem Herzen, in seiner Seele, und er braucht sich diesem Sinn für die Wahrheit nur vorurteilslos, aber mit dem Willen zur Wahrheit hinzugeben, nicht mit dem Willen zur Eitelkeit einer Theorie, nicht mit dem Willen zum Hochmut eines Programmes, wohl aber mit dem Willen zur Wahrheit, der tief in der Seele sitzt, wenn er nicht durch allerlei Vorurteile beirrt ist. — Man darf sagen: Man verspürt die Wahrheit da, wo sie aufrichtig fließt. — Daher ist eine aufrichtige Kritik der Wahrheit auch schon möglich, wenn man erst im Anfange ihres Erlangens steht. Das aber schließt nicht aus, daß man eben in dem die Hauptsache sieht, sich hineinzuleben in das ganze Werden, in die ganze Entwickelung des anthroposophischen Strebens.

[ 3 ] In unserer Zeit ist nun wahrhaftig gar vieles, was den Menschen beirrt in bezug auf das naturgemäße, in seiner Seele ja sonst vorhandene Wahrheitsgefühl, und wir haben auf solche beirrende Momente im Verlaufe der Jahre vielfach hinweisen können; ich brauche es heute nicht wieder zu tun. Was ich gesagt habe, habe ich zu Ihnen aus dem Grunde gesprochen, weil ich dadurch die Tatsache belegen möchte, daß es immer wieder und wieder notwendig ist — auch wenn wir in einer gewissen Weise schon das eine oder das andere aus der okkulten Wissenschaft erkannt haben —, von neuen und neuen Seiten und Gesichtspunkten aus an die Dinge heranzutreten, sie immer wieder und wieder zu betrachten. Dafür gibt uns ja gewissermaßen dasjenige einen Anhalt, was uns auf dem Felde der Anthroposophie begegnen kann, zum Beispiel gegenüber den vier Evangelien. Ich durfte in diesem Herbste die Betrachtung über die Reihe der Evangelien in Basel mit einem Vortragszyklus über das Markus-Evangelium abschließen. Man möchte gerade in der Betrachtung der Evangelien, deren es ja vier gibt, sozusagen ein Musterbeispiel sehen des Herankommens von verschiedenen Seiten an die großen Wahrheiten des Daseins. Jedes Evangelium gibt Gelegenheit, das Mysterium von Golgatha von einer anderen Seite aus zu betrachten, und wir können über das Mysterium von Golgatha erst einigermaßen etwas wissen, wenn wir es von diesen vier verschiedenen Seiten her betrachten, die sich uns an der Hand der Betrachtung der Evangelien ergeben.

[ 4 ] Wie war denn beispielsweise in den letzten zehn bis zwölf Jahren der Geist unserer Betrachtungen in bezug auf diesen einen Punkt?

[ 5 ] Diejenigen von Ihnen, die in diesem Punkte klar sehen werden oder wollen, brauchen nur mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache » zur Hand zu nehmen, dessen Inhalt noch vor der Begründung der «Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» vorgetragen worden ist. Wer das dort Ausgesprochene im Ernst betrachtet, wird sehen, daß darin im Grunde genommen schon alle die Dinge restlos enthalten sind, die dann später in Anlehnung an die verschiedenen Evangelien besprochen worden sind, und daß das ganze Mysterium von Golgatha, wie es im Laufe der Jahre vorgetragen worden ist, schon in diesem Buche enthalten ist. Aber nichts wäre unberechtigter gewesen, als etwa zu glauben, daß man nun, wenn man das wisse, was in diesem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache » steht, auch eine für die Gegenwart hinreichende Vorstellung von dem Mysterium von Golgatha habe. Die ganzen darauf folgenden Ausführungen waren eben notwendig, die in derselben Linie laufen, die ganz konsequent sich aus dem Embryo dieser geistigen Betrachtung ergeben haben, die in keinem Punkte mit diesem «Christentum als mystische Tatsache» in Widerspruch stehen, aber geeignet waren, immer neue und neue Betrachtungsweisen über das Mysterium von Golgatha zu eröffnen und dadurch immer tiefer und tiefer in dasselbe einzudringen. Dadurch versuchten wir an die Stelle von Begriffen, Theorien und Programmen das unmittelbare lebendige Hineinleben in die spirituellen Tatsachen zu setzen. Und wahrhaftig, wenn man bei alle dem doch immer das Gefühl eines gewissen Mangels hatte — nämlich, daß man nicht immer alles Notwendige geben kann -, so hängt dieser Mangel eigentlich mit etwas zusammen, was auf dem physischen Plan nicht zu ändern ist: mit der Zeit. Es ist eben nicht möglich, alles, was zu sagen ist, in einer bestimmten Zeit zu geben. Daher wurde immer eine Voraussetzung sozusagen an Ihr Gemüt gemacht: die Voraussetzung, Geduld zu haben und abzuwarten, wie nach und nach die Dinge herauskommen. Das soll uns ein Hinweis darauf sein, wie wir auch die Dinge aufzufassen haben, welche ich nun in den nächsten Zeiten zu Ihnen sprechen darf.

[ 6 ] Über das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt haben wir im Laufe der Jahre viel gesprochen, und doch soll es sich im wesentlichen in den nächsten Vorträgen hier wieder um dieses Gebiet handeln — aus dem Grunde, weil an mich gerade im Laufe des Sommers und Herbstes die Aufgabe herangetreten ist, dieses Gebiet neuerdings spirituell zu durchforschen und auch einen Gesichtspunkt bloßzulegen, der eben früher nicht berührt werden konnte. Manches auch von dem kann jetzt erst ins Auge gefaßt werden, was die tiefe moralische Bedeutung der auf dieses Gebiet bezüglichen übersinnlichen Wahrheiten uns vorführt. Neben allen übrigen Voraussetzungen, die jetzt nur kurz angedeutet worden sind, ist ja allerdings innerhalb unserer Bewegung auch immer die andere Voraussetzung gemacht worden, eine Voraussetzung, die, man möchte sagen, in unserer so hochmütigen und eitlen Zeit viele Herzen geradezu verletzt. Aber da man sich durch eine solche Tatsache nicht von dem Ernste und der Wahrhaftigkeit abhalten lassen kann, die wir unserer Bewegung schuldig sind, so muß eben diese Voraussetzung gemacht werden. Diese Voraussetzung besteht darin, in intimer und ernster Arbeit wirklich lernend und sich darauf einlassend, auf das einzugehen, was aus den spirituellen Welten herausgeholt wird. Wir dürfen sagen, daß seit einer Reihe von Jahren das Verhältnis der auf dem physischen Plan lebenden Menschen zu den spirituellen Welten anders geworden ist, als es zum Beispiel fast das ganze 19. Jahrhundert hindurch war. Bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts, ich habe darauf schon hingewiesen, war wenig Zugang zu den spirituellen Welten; es floß, nach den Notwendigkeiten der Menschheitsentwickelung, wenig in die Menschenseele hinein an Inhalt aus den geistigen Welten. Jetzt aber leben wir in einem Zeitalter, in welchem die Seele nur empfänglich zu sein braucht, sich nur hinzugeben und vorbereitet zu sein braucht, damit ihr die Offenbarungen aus den spirituellen Welten zufließen können. Und immer empfänglicher und empfänglicher werden einzelne Seelen, für die, indem sie sich ihrer Zeitaufgabe bewußt sind, das Hereinströmen der spirituellen Erkenntnisse eine Tatsache ist. Daher ist eine weitere Forderung für den Anthroposophen, sich nicht gegen das zu verschließen, was auf irgendeine Weise in der Gegenwart aus den spirituellen Welten in die Seele hereinfließen kann. Bevor ich auf das eingehe, was also den hauptsächlichsten Gegenstand unserer nächsten Betrachtungen bilden wird, möchte ich auf zwei Eigentümlichkeiten des spirituellen Lebens hinweisen, die wir ganz besonders beachten sollen.

[ 7 ] Der Mensch durchlebt schon zwischen dem Tode und der neuen Geburt in einer ganz bestimmten Weise die Tatsachen der geistigen Welt. Er erlebt sie aber auch durch die Initiation; er erlebt sie auch, wenn er die Seele vorbereitet hat, eben schon während seines Daseins im physischen Leibe, indem er so Teilnehmer wird an den geistigen Welten. Über diese Dinge haben wir oft gesprochen. Daher kann man sagen: Was zwischen dem Tode und der neuen Geburt geschieht und was eben auch ein Durchleben der geistigen Welt ist, das ist anzuschauen durch die Initiation.

[ 8 ] Nicht nur zum Erleben der geistigen Welten, sondern auch zum richtigen Verstehen, zum richtigen Sich-Hineinfinden in die Mitteilungen aus der geistigen Welt gehört die Beachtung von zweierlei, das sich im Grunde genommen aus mancherlei ergibt, was hier oft besprochen worden ist. Daß es anders in den geistigen Welten aussieht als hier in der physischen Welt, daß die Seele in eine Sphäre kommt, wenn sie in die geistigen Welten eintritt, in der sie sich an vieles gewöhnen muß, was geradezu entgegengesetzt ist den Dingen der physischen Welt, das ist oft betont worden. Und da sei auf eines aufmerksam gemacht. Hier auf dem physischen Plan müssen wir Menschen, wenn in der physischen Welt etwas durch uns geschehen soll, tätig sein, müssen unsere Hände rühren, müssen uns bewegen, müssen sozusagen von einem Orte zum andern unseren physischen Leib tragen. Damit also in der physischen Welt etwas durch uns geschieht, ist unsere Tätigkeit, ist unser handelndes Eingreifen in die Dinge notwendig. Das genaue Gegenteil davon ist notwendig, ich spreche immer vom heutigen Zeitenzyklus, für die geistigen Welten. Was in den spirituellen Welten durch uns geschehen soll, das muß gerade geschehen durch unsere Ruhe, durch unsere Gemütsruhe. Dem, was geschäftiges Treiben auf dem physischen Plan ist, entspricht in der geistigen Welt das gemütsruhige Abwartenkönnen der Ereignisse. Je weniger wir uns auf dem physischen Plane bewegen, desto weniger geschieht durch uns; je mehr wir uns aber bewegen, desto mehr kann geschehen. Je ruhiger wir in unserer Seele werden können, je mehr wir auf alle Geschäftigkeit in unserem Innern verzichten können, desto mehr kann durch uns in der spirituellen Welt geschehen. Damit durch uns in der spirituellen Welt etwas geschieht, ist es notwendig, daß wir in der Lage sind, dieses Geschehende als etwas betrachten zu können, womit wir begnadet werden, womit wir in einer gewissen Weise gesegnet werden, was sich so ergibt, daß es sich uns nähert, indem wir es verdienen durch unsere Gemütsruhe. Es sei ein Beispiel angeführt.

[ 9 ] Ich habe hier öfter darauf hingewiesen, daß das Jahr 1899 für den, der spirituelle Erkenntnisse hat, ein wichtiges Jahr war. Es ist der Ablauf gewesen einer fünftausendjährigen geschichtlichen Menschheitsperiode, des sogenannten kleinen Kali Yuga. Nach diesem Jahre sind die Seelen der Menschen in die Notwendigkeit versetzt, in anderer Art das Spirituelle an sich herankommen zu lassen als vor dieser Zeit. Um ein konkretes Beispiel zu haben: Ein gewisser [Norbert hat um die Wende des 12. Jahrhunderts herum im Abendlande einen Orden gestiftet. Dieser Norbert war, bevor ihm die Idee aufgegangen ist, den Orden zu stiften, man könnte fast sagen, ein leichtlebiger Mensch, ein Mensch voller Leidenschaft und Weltlust. Da trug sich mit ihm eines Tages etwas ganz Besonderes zu. Er wurde vom Blitz getroffen. Der tötete ihn nicht, sondern veränderte seine ganze Wesenheit. Solcher Beispiele gibt es viele in der Menschheitsentwickelung. Der ganze Mensch wurde umgewandelt; die Zusammenfügung der vier Glieder: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich erfuhr eine Änderung durch dieses Durchschlagen der Kraft, die im Blitze war. Dann hat er den betreffenden Orden gegründet. Und wenn auch der Orden, wie so viele Orden, nicht das gehalten hat, was sein Begründer wollte, so hat er doch damals in vieler Beziehung sein Gutes gestiftet. Das ist öfter geschehen, daß ein, wie der heutige Mensch sagt, Zufall eintrat. Es ist aber kein Zufall; es ist ein im Weltenkarma herbeigeführtes Ereignis. Der Mensch war dazu ausersehen, etwas Besonderes zu tun. Daher sollten die Bedingungen in seiner Leiblichkeit hergestellt werden, daß er das tun konnte. Das war notwendig als ein äußeres Ereignis, als ein mehr äußerer Einfluß. — In dieser Beziehung ist das Grenzjahr 1899 dasjenige gewesen, nach welchem immer mehr und mehr auf die Seelen solche Einflüsse rein innerlich geschehen müssen, die nicht von außen in so erheblichem Maße kommen können. Nicht als ob ein schrofler Übergang kommen müsse, aber es ist doch so, daß das, was von heute ab auf die Menschenseelen wirken wird, immer innerlicher und innerlicher wirken wird. Sie erinnern sich, was ich darüber sagte, wie Christian Rosenkreutz auf die menschliche Seele wirken sollte, wenn er sie berufen wollte, und wie dies eine mehr innerliche Berufung ist. Vor diesem genannten Jahre mußten diese Berufungen mehr durch äußere Ereignisse herbeigeführt werden; nach diesem Jahre werden sie immer innerlicher und innerlicher. Immer innerlicher wird der Verkehr der Menschenseelen mit den höheren Hierarchien werden, und immer mehr und mehr wird sich der Mensch anstrengen müssen, gerade durch das Innere, durch die tiefsten und intimsten Kräfte seiner Seele den Wechselverkehr mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien zu unterhalten.

[ 10 ] Was ich Ihnen jetzt charakterisiert habe wie einen Einschnitt im Leben des physischen Planes, dem entspricht aber in der geistigen Welt — sichtbar für den, der einen Einblick in die spirituellen Welten haben kann — dort vieles, was sich zwischen den Wesenheiten der höheren Hierarchien abgespielt hat. Dinge, welche die Wesenheiten der höheren Welten untereinander zu verrichten haben, sind ganz besonders in diesem Zeitpunkte geschehen. Aber eine Eigentümlichkeit bestand für diesen Zeitpunkt. Die Wesenheiten, welche in den spirituellen Welten das bewirken mußten, daß das Ende des Kali Yuga eintrat, brauchten etwas von unserer Erde, etwas, was auf unserer Erde geschah. Sie brauchten die Tatsache, daß in einzelnen Seelen, die reif dazu waren, ein Wissen vorhanden war von diesen Sachen, oder wenigstens, daß jetzt ein Wissen vorhanden ist, daß Vorstellungen über diesen Umschwung in den Seelen leben. Denn wie der Mensch auf dem physischen Plane ein Gehirn braucht, um ein Bewußtsein zu entwickeln, so brauchen die Wesenheiten der höheren Hierarchien menschliche Gedanken, in denen sich die Dinge spiegeln, welche die höheren Hierarchien tun. Die Menschenwelt ist notwendig auch für die geistige Welt; sie wirkt mit, sie muß da sein. Aber es muß in der richtigen Weise mitgewirkt werden. Und die, welche dazumal reif waren oder heute reif sind, um an diesen Dingen von der Menschheitsseite her mitzuwirken, die durften nicht, oder dürfen nicht für das, was in der geistigen Welt geschehen soll, etwa auf dem physischen Plane eine Propaganda entwickeln, wie man sie auf diesem gewohnt ist zu entwickeln. Nicht dadurch, daß wir uns sozusagen geschäftig verhalten auf dem physischen Plan, helfen wir den Geistern der höheren Hierarchien, sondern dadurch, daß wir erstens Verständnis haben für das, was geschehen soll, daß wir aber außerdem dann in völliger Gemütsruhe, in absolutester Sammlung unseres Seelenlebens gewissermaßen in der Lage sind, andächtig uns hinzugeben einer solchen Erscheinung der übersinnlichen Welt. Also die Ruhe, die wir bewahren können, die Stimmung, die wir uns erringen können, um so etwas in Gnaden zu erwarten, in Gnaden entgegenzunehmen, das ist das, was wir dazu beitragen können.

[ 11 ] Somit können wir sagen, wenn auch der Ausspruch paradox klingt: Unsere Handlungen, unsere Tätigkeit in den höheren Welten hängen ab von unserer Gemütsruhe; je ruhiger wir werden können, desto mehr kann durch uns geschehen in bezug auf die Tatsachen der höheren Welten. Daher ist es auch notwendig für die Teilnahme an einer spirituellen Bewegung, diese Stimmung, diese Gemütsruhe wirklich entwickeln zu können. Und das wäre im höchsten Maße gerade für die anthroposophische Bewegung zu wünschen, daß von ihren Teilnehmern diese Gemütsruhe angestrebt würde, dieses gnadenvolle Verhalten, dieses mit dem Bewußtsein der Gnade erfüllte Verhalten gegenüber den höheren Welten.

[ 12 ] Unter den Tätigkeiten, die der Mensch auf dem physischen Plane entwickelt, finden wir eigentlich ähnliche Dinge nur etwa auf dem Gebiete des künstlerischen Schaffens oder auf dem Gebiete des wirklichen Erkenntnisstrebens oder der Förderung einer spirituellen Bewegung. Derjenige Künstler schafft ganz gewiß auch nicht das Höchste, was er nach seinen Anlagen schaffen kann, der nur immer geschäftig und geschäftig sein will und nur immer die Dinge vorwärts und vorwärts bringen will, sondern der Künstler wird das Höchste schaffen, der die Augenblicke der Begnadung abzuwarten in der Lage ist und der auch schweigen kann, wenn sozusagen der Geist nicht zu ihm spricht. Und derjenige gelangt gewiß zu keinen höheren Erkenntnissen, der mit den Begriffen, die er schon einmal hat, nun eine höhere Erkenntnis zusammenzimmern will, sondern der gelangt zu höheren Erkenntnissen, der ruhig, in voller Resignation, wenn ihm eine Frage, ein Welträtsel aufsteigt, warten kann und sich sagt: Ich muß eben abwarten, bis mir aus den geistigen Welten der Lichtstrahl der Antwort kommt. — Und der wirkt gewiß nicht richtig in einer spirituellen Bewegung, der von Mensch zu Mensch läuft und einen jeden so schnell als möglich überreden will, daß diese spirituelle Bewegung das einzig Richtige sei, sondern der warten kann, bis, nachdem die entsprechenden Seelen ihren Trieb zu den Wahrheiten der spirituellen Welt erkannt haben, diese Seelen herankommen. So ist es in bezug auf das Handeln bei demjenigen, was in unsere physische Welt hereinleuchtet, aber namentlich in bezug auf alles, was der Mensch selber in der geistigen Welt vollbringen kann. Und man möchte sagen: Auch die allerpraktischsten Dinge auf diesem spirituellen Gebiet hängen ebensosehr von der Herstellung eines gewissen Zustandes der Ruhe ab.

[ 13 ] Ich möchte nur noch auf eines aufmerksam machen. Nehmen wir die psychisch-spirituelle Heilmethode. Da ist beim spirituellen Heilen auch nicht die Hauptsache, daß man diese oder jene Bewegungen, diese oder jene Handgriffe macht. Die müssen gemacht werden gleichsam nur als Vorbereitung. Aber alle zielen sie zuletzt daraufhin ab, Ruhe, Gleichgewicht herzustellen. Was äußerlich sichtbar wird bei einer spirituellen Heilung, ist eigentlich nur die Vorbereitung dessen, was derjenige tut, der der spirituelle Heiler ist. Was zuletzt geschieht, das ist die Hauptsache. Es ist bei einer solchen Sache so, wie wenn wir einer Waage gegenüberstehen. Wir haben zuerst auf die eine Seite irgend etwas zu legen, was wir abwiegen wollen, dann legen wir auf die andere Seite ein Gewicht; da gerät der Waagebalken in Bewegung nach rechts und links. Ablesen aber können wir das Gewicht erst, wenn Gleichgewicht hergestellt ist. So ist es in bezug auf das Handeln in den spirituellen Welten.

[ 14 ] Anders ist es mit Bezug auf das Erkennen, das Wahrnehmen. Wie geschieht das Wahrnehmen im alltäglichen Leben des physischen Planes?

[ 15 ] Das weiß jeder, daß, mit Ausnahme einzelner Gebiete des physischen Planes, die Dinge an den Menschen herankommen. Vom Morgen bis zum Abend kommen im wachen Tagesleben die Dinge an uns heran; von Augenblick zu Augenblick bekommen wir immer neue Eindrücke. Nur in den Ausnahmezuständen suchen wir uns die Eindrücke auf, führen das an den Dingen aus, was die Dinge sonst ausführen. Da geraten wir aber schon in das hinein, was Erkenntnissuchen ist. So ist es nicht mit den spirituellen Erkenntnissen. Bei diesen müssen wir alles, was vor unsere Seele treten soll, selber vor diese Seele hinstellen. Während all unser Tun, alles, was in der geistigen Welt durch uns geschehen soll, dadurch geschieht, daß wir die absoluteste Ruhe herstellen, müssen wir unausgesetzt tätig sein, wenn wir wirklich etwas in der geistigen Welt erkennen wollen. Damit hängt es zusammen, daß für manchen, der ja auch gern Anthroposoph sein möchte, dasjenige, was wir aus einer wirklichen Erkenntnis heraus hier betreiben, zu unbequem erscheint. Gar mancher sagt: Bei euch muß man ja alles erst lernen, man muß über alles erst nachdenken, muß sich mit allem beschäftigen! — Aber ohne dieses gelangt man nicht zu einem Verständnis der spirituellen Welten! Man muß seine Seele anstrengen, muß von den verschiedensten Seiten her die Dinge anschauen. Das ist es, worum es sich handelt. Begriffe, die man sich über die höheren Welten erwerben will, muß man sich in langsamer, ruhiger Arbeit erst zimmern. In der physischen Welt müssen wir, wenn wir einen Tisch haben wollen, diesen Tisch durch unsere bewegte Arbeit herstellen. Wenn wir aber etwas in den spirituellen Welten «herstellen» wollen, dann müssen wir die Ruhe, die Art von Ruhe entwickeln, die dazu notwendig ist, daß etwas geschieht; und wenn etwas getan wird, dann tritt es aus dem Dämmerdunkel heraus. Wenn wir aber etwas erkennen wollen, dann müssen wir durch unsere volle Anstrengung die Inspirationen erst zimmern. Zum Erkennen ist notwendig eine Arbeit, eine innerlich tätige Seelenstimmung, ein Gehen von Inspiration zu Inspiration, von Imagination zu Imagination, von Intuition zu Intuition. Da müssen wir alles zusammenfügen, und nichts tritt an uns heran, was wir nicht selber vor uns hinstellen, wenn wir es erkennen wollen. Also gerade im Gegensatze zu allem, was auf der physischen Welt richtig ist, sind die Dinge in der geistigen Welt.

[ 16 ] Dies muß ich vorausschicken, damit wir uns von vornherein ein bißchen darüber einigen, wie solche Dinge erstens gefunden, zweitens aber auch verstanden werden können, wie wir sie in fernerem miteinander zu besprechen haben werden. Ich will in diesen Betrachtungen weniger das unmittelbare Leben nach dem Tode berühren, das wir unter dem Namen des sogenannten Kamaloka öfter besprochen haben — das ist Ihnen ja seinen wesentlichen Seiten nach bekannt —, wir wollen vielmehr von etwas neuen Gesichtspunkten aus die Zeiten betrachten, die, nachdem wir durch den Tod durchgegangen sind, auf unsere Zeit des Kamaloka-Lebens folgen.

[ 17 ] Da ist es vor allen Dingen notwendig, daß wir zuerst auf die Eigentümlichkeit hinweisen, wie wir da überhaupt leben. Sie wissen, daß der Mensch als erste Stufe der höheren Erkenntnis das hat, was wir das imaginative Leben, wir könnten auch sagen, das Leben in wahrhaftigen, wirklichen Visionen nennen können. Während wir in der physischen Welt umgeben sind von Farben, Tönen, Gerüchen, von Geschmacksempfindungen, von Vorstellungen, die wir uns durch unsern Verstand machen, sind wir in der geistigen Welt zunächst umgeben von Imaginationen, die man ja auch Visionen nennen kann; nur müssen wir bei diesem Begriffe der Imagination, der Vision, uns klar sein, daß diese, wenn sie im geistigen Sinne richtig sind, uns nicht etwa Traumgebilde darstellen, sondern Realitäten, Wirklichkeiten. Nehmen wir einen bestimmten Fall.

[ 18 ] Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes durchgeschritten ist, trifft er diejenigen, die vor ihm hingestorben sind und mit ihm in einer gewissen Weise im Leben zusammen waren. Wir finden uns wirklich mit den zu uns Gehörigen in der Zwischenzeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt zusammen. Wie wir nun die Dinge in der physischen Welt wahrnehmen, indem wir ihre Farben sehen, ihre Töne hören und so weiter, so sind wir nach dem Tode umgeben — ich daß vergleichsweise sagen — von einer Wolke von Visionen. Alles ist um uns Vision; wir selbst sind Vision. Wie wir hier Fleisch und Blut sind, so sind wir dann Vision. Aber diese Vision ist kein Traum, sondern wir wissen, es ist Realität. Treffen wir einen Verstorbenen, mit dem wir vorher zusammen waren, so ist er auch Vision; er ist gleichsam eingeschlossen in die visionäre Wolke. Aber wie wir auf dem physischen Plane wissen: die rote Farbe kommt von der roten Rose, so wissen wir auf dem geistigen Plan: die Vision kommt von dem geistigen Wesen, das vor uns durch die Pforte des Todes geschritten ist. Aber nun tritt eine Eigentümlichkeit ein, die wir wohl beachten müssen, und die sich bei jedem zeigt, der diese Zeit nach dem Tode erlebt. Hier auf dem physischen Plan kann zum Beispiel das der Fall sein: Wir haben einen Menschen, den wir eigentlich lieben sollten — nach den Bedingungen, die wir überschauen können, und nach den Begriffen, die wir aber erst nachträglich überschauen —, zuwenig geliebt, wir haben ihm also Liebe entzogen. Nehmen wir ein solches Beispiel: wir hätten einem Menschen Liebe entzogen oder ihm sonst etwas zuleide getan. Dann kann, wenn wir nicht gerade ein verstocktes Herz haben, in uns die Empfindung, die Idee auftauchen: Du mußt das gutmachen! — Und wenn in uns diese Empfindung auftaucht, so ist uns die Möglichkeit gegeben, die Sache wieder gutzumachen. Wir können gewissermaßen weiterarbeiten an dem Verhältnis der uns umgebenden Welt auf dem physischen Plan. Das können wir nicht in der ersten Zeit nach der Kamaloka-Zeit, von der wir jetzt sprechen. Wenn wir einem Menschen dann gegenüberstehen, können wir wohl aus der Art und Weise, wie wir ihm gegenüberstehen, die Erkenntnis haben: Du hast ihm dies oder jenes zuleid getan, oder ihm Liebe entzogen, die du ihm schuldig warst; wir fassen auch den Vorsatz, daß wir das gutmachen wollen, aber wir können es nicht. Wir können nur dasjenige Verhältnis zu dem Menschen in dieser Zeit entwickeln, das schon begründet war in der Zeit vor dem Tode. Das andere können wir einsehen, aber können zunächst nichts hinzufügen, können zunächst nichts ausbessern. Das heißt, in dieser visionären Welt, die uns wie eine Wolke einhüllt, können wir nichts verändern. Wir schauen es an, aber können nichts ändern. Wie wir zu einem Menschen gestanden haben, der vor uns hingestorben ist, so bleibt unser Verhältnis zu ihm, und wir leben es weiter aus. Das ist oftmals auch dasjenige, was zu den mehr leidensvollen Erlebnissen der Initiation gehört. Da erlebt man vieles in seinem Verhältnis zur physischen Welt, und man erschaut es wahrhaftig gründlicher, als man es erschaut mit den Augen oder mit dem Verstande. Man kann es in seinen Gründen durchschauen, aber nicht unmittelbar verändern. Das macht den Schmerz der spirituellen Erkenntnis aus, das macht das Martyrium der spirituellen Erkenntnis aus, insofern sich diese Erkenntnis auf unser eigenes Leben bezieht, insofern sie Selbsterkenntnis ist. Und so ist es auch nach dem Tode. Die Menschen nach dem Tode stehen zu denen, zu welchen sie im Leben in eine Beziehung getreten sind, in solchen Verhältnissen, die gewissermaßen bleibend sind, die sich kontinuierlich fortsetzen wie sie waren.

[ 19 ] Als sich mir neuerdings diese Tatsache mit einer ungeheuren Stärke vor das geistige Auge stellte, konnte ich mir wieder eines sagen. Ich habe mich in meinem Leben wahrhaftig viel auch mit Homer beschäftigt und habe mancherlei in den alten Dichtungen Homers zu verstehen gesucht. Aber gerade bei dieser Gelegenheit fiel mir eine Stelle bei Homer ein: da, wo Homer — dessen Hellsehertum von den Griechen ja darin angedeutet ist, daß sie von dem «blinden» Homer sprachen — von dem Reiche spricht, das der Mensch nach dem Tode durchlebt, da nennt er es das «Reich der Schatten, in dem kein Wechsel, keine Veränderung möglich ist». Und da wußte ich neuerdings wieder, wie so viele Dinge in den großen Dichtungen und Oftenbarungen der Menschheit leben, die wir nur richtig erkennen, indem wir sie aus den Tiefen der spirituellen Erkenntnis herausholen. Und manches von dem, was das Erkennen der Menschheit geben soll, wird darauf beruhen, daß die Menschen ihre großen Ahnen, die begnadet waren von dem Hereinleuchten des geistigen Lichtes in ihre Seele, erst in einem neuen Lichte, ja, in einem Lichte des wirklichen Verständnisses sehen. Wie berührt es eine Seele, die dafür empfänglich ist, wenn sie an einem solchen Worte merkt: Dieser alte Seher konnte diese Stelle nur dadurch hinschreiben, daß die Wahrheit der spirituellen Welt in seine Seele hereinleuchtete! — Da beginnt dann die wahre Frömmigkeit gegenüber den göttlich-geistigen Kräften, die durch die Welt und namentlich durch die Herzen und Seelen der Menschen wallen. Da sehen wir erst mit richtigem Frommsein auf das hin, was in der Welt geschieht zur Fortentwickelung und zum Fortschritt. Gar vieles ist im tiefsten Sinne wahr in demjenigen, was jene Menschen, die so begnadet waren wie Homer, geschaffen haben. Im spirituellen Sinne ist es wahr. Aber diese Wahrheit, die einst ein altes, dämmerhaftes Hellsehen unmittelbar erkennen konnte, ist der heutigen Zeit verlorengegangen und muß erst auf dem Wege der spirituellen Erkenntnis wieder erobert werden.

[ 20 ] Ich möchte bei dieser Gelegenheit, um gerade dieses Beispiel noch mehr zu erhärten — dieses Beispiel von einem Durchdringen dessen, was durch schöpferische Genien der Menschheit gegeben worden ist —, etwas anderes noch anführen: eine Wahrheit, gegen die ich mich sogar gesträubt habe, als sie mir dutch die Seele zog, eine Wahrheit, die mir selbst paradox erschien, die ich aber, wie sie sich mit einer inneren Notwendigkeit unmittelbar ergab, als Wahrheit anerkennen mußte. Deshalb darf es auch gesagt werden, was sich da ergeben hat.

[ 21 ] Was ich da in den spirituellen Welten zu arbeiten hatte, hing auch mit der Betrachtung gewisser Kunstwerke zusammen. Ich mußte diese Kunstwerke betrachten. Unter diesen war auch das, was ich früher gesehen und studiert hatte, was aber erst jetzt in dieser Weise vor meine Seele getreten ist. — Was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Beobachtung gegenüber den Mediceer-Gräbern in Florenz. Dort ist jene Kapelle, die Michelangelo aufgebaut und eingerichtet hat. Zwei Mediceer, von denen wir nicht weiter reden wollen, sollten dort in Statuen verewigt werden. Michelangelo hat aber vier sogenannte allegorische Figuren dazugefügt, die man nach dem, was damals aufgekommen ist und wozu auch Michelangelo die Veranlassung gegeben hat, « Morgen» und «Abend», «Tag» und «Nacht» nannte. Zu Füßen der einen Mediceer-Statue «Tag» und «Nacht», zu Füßen der anderen « Morgen» und «Abend». Nun können Sie sich leicht, wenn Sie auch nicht einmal besonders gute Abbildungen haben, durch den Anblick derselben eine Bestätigung dessen holen, was ich jetzt zu sagen habe über diese vier allegorischen Figuren der Mediceer-Gräber. Da gehen wir aus von der einen berühmtesten, der «Nacht». In den Beschreibungen, aus denen gewöhnlich die Reisebücher abschreiben, kann man lesen, daß die eigentümlichen Gliedstellungen, die Michelangelo für die liegende Figur, die «Nacht», gewählt hat, unnatürlich wären, weil ein Mensch in einer solchen Lage nicht schlafen könne, so daß also diese Figur nicht ein besonders guter symbolischer Ausdruck für die Nacht sei. Aber ich will etwas anderes sagen. Nehmen wir an, wir betrachten mit okkultistischem Blicke diese allegorische Figur der «Nacht», und wir sagten uns: Wenn der Mensch schläft, sind sein Ich und sein astralischer Leib aus dem physischen Leib und dem Ätherleib heraus. Dann ist es denkbar, daß jemand eine Gebärde, eine bestimmte Gliederlage aussinnt, welche der Lage des ätherischen Leibes am angemessensten ist, wenn Astralleib und Ich nicht darin sind. Wenn wir bei Tag herumgehen, so haben wir diese oder jene Gebärde dadurch, daß in dem physischen Leib und dem Ätherleib der Astralleib und das Ich sind. Aber bei Nacht sind Astralleib und Ich draußen, dann ist der Ätherleib allein im physischen Leibe. Er entwickelt seine Tätigkeit und Beweglichkeit; das gibt eine gewisse Gebärde. Und die Impression kann es geben: daß es für das freie Walten des Ätherleibes keine angemessenere Gebärde gibt, als sie Michelangelo bei dieser «Nacht » abgebildet hat, eine Gebärde, so präzis, daß man sie nicht besser, nicht präziser beantworten könnte als durch die Lage der Figur, welche da die Lage des Ätherleibes darstellt. — Nun gehen wir zu der anderen Figur, dem «Tag». Da kann man sich folgendes sagen. Nehmen wir an, wir könnten einen Menschen dazu veranlassen, daß in ihm, soweit es möglich ist, das ätherische und das astralische Leben schweigen, und das Ich vorzugsweise tätig ist und eine Gebärde hervorruft, und wir suchten die angemessenste Gebärde für das Ich. Dann könnten wir keine bessere Gebärde finden als die, welche Michelangelo in dem «Tag» zum Ausdruck gebracht hat! Da sind die Gebärden nicht mehr allegorisch, sondern unmittelbar, ganz realistisch aus dem Leben geschaffen. Und gleichsam für eine zeitliche Ewigkeit sind hineingeschrieben in die Menschheitsentwickelung durch den Künstler: So sieht die Gebärde aus, welche am meisten die Tätigkeit des Ich ausdrückt, und so sieht die Gebärde aus, welche am meisten die Tätigkeit des Ätherleibes ausdrückt! — Und jetzt die anderen Figuren, zunächst die «Abenddämmerung». Wenn wir uns in einem besonders gut und wohl. ausgebildeten Menschen denken den Heraustritt des Ätherleibes, also jene Erschlaffung, die im physischen Leibe eintritt, auch wenn der Tod uns überkommt, wenn wir uns — nicht den Tod denken, sondern das Heraustreten der drei Glieder Ätherleib, Astralleib und Ich vorstellen und die Gebärde aufsuchen, die der physische Leib dann macht, so haben wir die Gebärde dieser allegorischen «Abenddämmerung»-Figur. Und wenn wir die innere Regsamkeit des Astralleibes bei einer geringen Tätigkeit des Ätherleibes und des Ich in einer Gebärde ausdrücken wollen, so ist die präziseste die, welche Michelangelo der « Morgendämmerung » gegeben hat. So daß wir auf der einen Seite haben die Ausdrücke für die Tätigkeit des Ätherleibes und des Ich und auf der anderen Seite für die Tätigkeit des physischen Leibes und des Astralleibes. — Wie gesagt, ich habe mich dagegen gesträubt; aber je genauer man auf die Dinge eingeht, mit einer um so größeren Notwendigkeit ergibt es sich. Und ich möchte in dieser Sache nichts anderes hervorheben, als eben zeigen, wie der Künstler aus der geistigen Welt heraus schafft. Ich gebe zu, daß es Michelangelo mehr oder weniger unbewußt getan hat; aber was heißt das trotzdem anderes, als ein Hereinleuchten der geistigen Welt in die physische Welt! Nicht zur Zerstörung, aber zur Vertiefung der Kunstwerke wird der Okkultismus beitragen. Nur wird auch das kommen, daß manches von dem, was heute als «Kunst » gilt, dann nicht mehr als Kunst gelten wird. Dadurch werden vielleicht einzelne Menschen enttäuscht sein; die Wahrheit wird aber dadurch gewinnen. — Ich konnte ganz gut den inneren Grund der Legende verstehen, die gerade gegenüber der am meisten ausgebildeten Figur entstanden ist: daß Michelangelo in Florenz, wenn er in der Mediceer-Kapelle mit der «Nacht» allein war, imstande war, sie zum Aufstehen zu bringen, so daß sie herumging! Ich will nicht weiter darauf eingehen, aber wenn man weiß: hier ist die Tätigkeit des Lebensleibes zum Ausdruck gebracht, dann hat man die Wirksamkeit der Legende schon ohnedies vor Augen, dann ist sie schon da.

[ 22 ] So ist es mit vielem, und so ist es auch mit Homer. Ein solches Wort fliegt an uns heran, wie es Homer sagt: Das geistige Reich, ein Reich der Schatten, in dem es keinen Wandel, keine Veränderung gibt. Wenn wir aber die Verhältnisse in dem Leben nach dem Kamaloka betrachten, dann beginnt für uns ein neues Verständnis über solche Werke eines gottbegnadeten Menschen, und vieles wird eine solche Bereicherung durch die Geisteswissenschaft erfahren.

[ 23 ] Es sind das Dinge, auf die man hinweisen kann, aber sie sind nicht die Hauptsachen im Leben. Die Hauptsachen im Leben sind die, daß immer Wechselverhältnisse von Mensch zu Mensch auftreten. Wenn Mensch dem Menschen so gegenübersteht, daß er jeder Menschenseele gegenüber das Spirituelle im Menschen ahnt, dann wird er sich zu ihm ganz anders stellen, als wenn er nur das im andern vorhanden glaubt, was eine materialistische Weltanschauung annimmt. Das heilige Rätsel, das uns jede Menschenseele sein muß, das kann sie unsern Gefühlen, unsern Empfindungen nach nur sein, wenn wir in unserer Seele etwas haben, was auf die andere Seele das spirituelle Licht zu werfen in der Lage ist. Durch Vertiefung in die kosmischen Geheimnisse, mit denen die menschlichen Geheimnisse zusammenhängen, lernen wir eben die menschliche Natur kennen, lernen erkennen, wem wir gegenüberstehen, wenn wir einem Menschen gegenüberstehen; lernen vor allen Dingen zum Schweigen zu bringen, was wir als Vorurteil sonst dem Menschen gegenüber haben, und lernen die echten, wahren, richtigen Seiten des Menschen fühlen und erkennen. Das wichtigste Licht, welches die Anthroposophie geben wird, wird das sein, das die Menschenseele beleuchten wird. Dadurch werden auch die rechten sozialen Empfindungen und die rechten Empfindungen der Liebe, die zwischen den Menschen walten sollen, als eine Frucht der wahren spirituellen Erkenntnis in die Welt kommen. Dies, was da kommen soll, kann eben nur aufgefaßt werden als eine Frucht, deren Wachsen und Gedeihen wir nur durch das spirituelle Erkennen pflegen können. Wenn Schopenhauer gesagt hat: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer», so hat er einem richtigen Gefühl entsprochen, denn Moralgrundsätze ausfindig machen ist ja wirklich nicht gar so schwer, und Moralpredigten halten ist auch nicht so schwer. Aber die menschliche Seele da anzufassen, wo in ihr die Erkenntnisse keimen, die durch sich selbst zur wahren Moral werden, die das menschliche Leben tragen kann, das ist es, worum es sich handelt. Wie wir uns ein jeder selber zu den spirituellen Erkenntnissen verhalten, das wird in uns auch die Keime für eine wirkliche Menschenmoral der Zukunft begründen können. Die Moral der Zukunft wird sich auf spirituelle Erkenntnis aufbauen; sie wird sich entweder so auf bauen — oder sie wird überhaupt nicht begründet werden können!

[ 24 ] Es ist notwendig, daß wir uns solches in treuer Liebe zur Wahrheit gestehen. Das erfordert von uns, daß wir uns wirklich vertiefen in das lebendige Leben und Weben des Anthroposophischen und vor allen Dingen auch das berücksichtigen, was wie eine Einleitung heute gesagt worden ist: Handeln in der geistigen Welt setzt Gemütsruhe voraus, sich würdig erweisen dem Begnadetsein; Erkennen setzt voraus tätig sein. Daraus wird es Ihnen auch verständlich sein, daß wir in der Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt, wenn wir einem anderen Wesen gegenüberstehen, durch unsere Tätigkeit, die wir dann entfalten, erkennen können, ob wir ihm Liebe entzogen haben oder ob wir ihm etwas getan haben, was wir nicht hätten tun sollen. Aber die Ruhe, die notwendig ist, um die Korrektur eintreten zu lassen, jene Gemütsruhe der Seele, die können wir in diesem Zeitpunkt noch nicht entfalten. Wir werden im Laufe der Wintervorträge auch jene Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt charakterisieren, wann im natürlichen Verlaufe des Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt das eintritt, daß der Mensch Bedingungen zur Veränderung einer solchen Sache eintreten lassen kann, das heißt mit anderen Worten, eine Art Aufbau seines Karma bewirken kann. Wir müssen aber in einer ruhigen Weise auseinanderhalten den Zeitpunkt, den wir gerade jetzt betrachtet haben, und die folgenden Zeiten, die andere Aufgaben haben und die wir noch betrachten werden für die Zeit zwischen dem Tode und der neuen Gebutt.

[ 25 ] Nur das soll noch gesagt werden, daß es gewisse Bedingungen gibt, unter denen der Mensch in einer günstigeren oder in einer ungünstigeren Weise sein Dasein nach dem Tode durchleben kann. Es hängt, wenn man nämlich zwei Menschen oder verschiedene Menschen nach dem Tode vergleicht, die Art, wie sie da leben gerade nach der Zeit, die unmittelbar nach dem Kamaloka-Leben folgt, ab von der moralischen Verfassung, die sie auf der Erde gehabt haben. Menschen, die auf der Erde gute moralische Eigenschaften gezeigt haben, haben die günstigsten Bedingungen in der Zeit nach dem Kamaloka; Menschen, die mangelhafte moralische Eigenschaften gezeigt haben, haben schlechte Bedingungen. Wie sich das im Leben nach dem Tode ausdrückt, möchte ich auf eine Formel bringen, die, weil ja unsere Worte für die physische Welt und nicht für die geistige Welt geprägt sind, nicht ganz genau sein kann. Man kann sich nur bemühen, sie möglichst genau zu machen. Dann aber kann man sagen: Durch moralische Verfassung unserer Seele werden wir in diesem charakterisierten Zeitpunkte gesellige Geister, die mit den anderen Geistern, also mit menschlichen oder mit Geistern der höheren Hierarchien, Geselligkeit haben. Durch mangelhafte moralische Verfassung unserer Seele werden wir nicht gesellige, sondern einsiedlerische Geister, solche Geister, die über den Nebel ihrer Vision nur außerordentlich schwer hinaus können. Und dies ist ein wesentlicher Grund des Leidens nach dem Tode: das Sich-Fühlen als ein einsamer Geist, als ein geistiger Einsiedler; während es ein wesentliches Merkmal der Geselligkeit ist, den Zusammenhang zu finden zu dem, was für einen notwendig ist, was man braucht. Und es ist eine ganz lange Zeit nötig für das Leben nach dem Tode, um diese Sphäre zu durchleben, die man im Okkultismus die Merkur-Sphäre nennt.

[ 26 ] Für die nächste Sphäre bleibt natürlich die moralische Stimmung der Seele noch maßgebend, aber es treten neue Bedingungen ein. Für die nächste Sphäre, die Venus-Sphäre, sind vor allen Dingen ausschlaggebend die religiösen Stimmungen der Seele. Menschen mit einem religiösen Innenleben werden in dieser Zeit gesellige Wesen werden, gleichgültig, welchem Bekenntnis sie angehörten. Dagegen Geister, welche keine religiöse Verfassung haben, verurteilt diese Sphäre wieder zu einem geistigen Beschränktsein auf sich selber, zu einem Sich-in-sich-selber-Verkriechenmüssen. Ich kann schon nicht anders, wenn es sich auch paradox ausnimmt, als sagen: Diejenigen, welche vorzugsweise eine materialistische Gesinnung haben und sich erbosen gegen religiöses Leben, sie müssen geistige Einsiedler werden, sie werden jeder gleichsam in sein Kabinett gesperrt. Und es ist nicht ein ironisches Gleichnis, sondern eine Wahrheit, wenn ich sage: Alle die, welche heute eine «monistische Religion» — also das Gegenteil von Religion — begründen, sie werden alle extra in einen Kerker gesperrt; die können sich dann absolut nicht finden.

[ 27 ] In dieser Weise treten die Korrekturen ein für die Irrtümer und Fehler, welche die Seele sich im Erdenleben beilegt. Irrtümer und Fehler werden auf dem physischen Plan durch sich selbst korrigiert; Irrtümer und Fehler bedeuten aber in dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt Tatsachen! Was wir hier denken, bedeutet eine Tatsache in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Es bedeutet das Denken schon eine Tatsache bei der Initiation. Ein fehlerhafter Gedanke bei der Initiation, wenn man ihn wirklich zu schauen vermag, der steht da nicht nur in all seiner Häßlichkeit, sondern mit all dem Zerstörerischen, das er in sich schließt. Von manchem Gedanken, der innerhalb dieser oder jener agitatorischen Bewegung verbreitet wird, würden sich die Menschen wahrhaftig bald abwenden, wenn sie nur eine Ahnung bekommen könnten, was er als Tatsache, als zerstörerische Tatsache bedeutet. Dies gehört nämlich auch zum Martyrium der Initiation, daß sich die Gedanken’ um uns herumgruppieren und dastehen wie verfestigte, ich möchte sagen, wie vereiste Massen, an denen wir, solange wir uns außer dem Leibe verhalten, nicht rütteln können. Haben wir einen falschen Gedanken gefaßt und treten wir aus dem Leibe heraus, so ist er da, dann können wir ihn nicht ändern. Dazu müssen wir erst wieder in den Leib zurück. Es bleibt uns zwar die Erinnerung, aber auch der Initiierte kann ihn nur innerhalb des physischen Leibes korrigieren. Aber draußen ist er wie ein Berg, der da ist. Der ganze Ernst des tatsächlichen Lebens kann nur auf solche Weise zutage treten.

[ 28 ] Wenn das gesagt ist, kann es auch verständlich sein, daß für gewisse Ausgleichungen des Karma das Zurückkehren in den physischen Leib notwendig ist. Die Fehler treten uns in dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt wohl entgegen; aber was als Irrtum da war, das hat man im physischen Leibe zu korrigieren. So wird wieder im nächsten Leben ausgeglichen, was im früheren geschehen ist. Aber was in aller Stärke und in aller Fehlerhaftigkeit erkannt werden muß, das steht zunächst unwandelbar da, wie die Dinge, schon nach einem Ausspruche Homers, im geistigen Reiche sind. Die Dinge, die wir da erkennen aus der spirituellen Welt heraus, sie sollen dann als Empfindungen, als Gefühle in unsere Seele hereintreten. Sie werden schon Gefühle und sie werden dann der Grund, um das Leben in einer neuen Weise anzuschauen. Eine monistische Sonntagspredigt kann mancherlei moralische Grundsätze zeigen. Ändern werden sich dadurch — das wird die Zeit zeigen — die Menschen recht wenig, weil durch die Art und Weise, wie da gesprochen wird, die Begriffe nicht geeignet sind, um die Menschenseele real zu ergreifen. Dazu bedarf es der realen Stärke der Begriffe. Und die Begriffe erhalten die reale Stärke, wenn wir wissen: Was an deinem Karma lastet, das tritt dir nach dem Tode eine gewisse Zeit hindurch in aller Unmittelbarkeit entgegen. Du schaust, was an deinem Karma lastet, aber es bleibt so. Du kannst es jetzt nicht ändern, du kannst dich nur vertiefen, daß du es unmittelbar mit deiner Natur vereinst!

[ 29 ] Solche Begriffe wirken dann so auf unser Gemüt, daß wir das Leben in der richtigen Weise anzuschauen vermögen. Und dann treten alle die Dinge ein, die zur Förderung des Lebens notwendig sind, wenn die Menschheit wirklich vorwärtsschreiten soll im Sinne derer, welche die geistige Führung der Menschheit haben, im Sinne der spirituellen Leiter der Menschheit, vorwärtsschreiten soll zu denjenigen Zielen, die dieser Menschheit vorgesteckt sind.