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The Rudolf Steiner Archive

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Das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt
im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen
GA 141

10 Dezember 1912, Berlin

Vierter Vortrag

[ 1 ] In den vorangegangenen Betrachtungen über das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt haben wir gesehen, daß derjenige Teil der menschlichen Wesenheit, welcher beim Durchgang durch die Todespforte den physischen Leib und zum großen Teil den Ätherleib verläßt, also der unvergängliche Teil der menschlichen Wesenheit, ein Leben durchmacht, das seine Kräfte aus der Sternenwelt zieht, und wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie diese menschliche Wesenheit aus den Sternengebieten ihre Kräfte zwischen dem Tode und der neuen Geburt zieht. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch mehr oder weniger befähigt wird, in der richtigen Art seine Kräfte aus der Sternenwelt zu ziehen, je nachdem er hier im Erdenleben gewisse moralische oder religiöse Stimmungen entwickelt hat. So konnten wir darauf hinweisen, wie der Mensch zum Beispiel aus dem Gebiete, das seine Kräfte ausstrahlend hat von dem, was man im Okkulten den Merkur nennt, seine richtigen Kräfte zieht durch eine entsprechend ausgebildete moralische Stimmung während des Lebens vor dem Tode, wie er aus dem Venusgebiete die entsprechenden, ihm dann für das weitere Leben, auch für das weitere Leben auf der Erde, notwendigen Kräfte ziehen kann durch ein entsprechendes religiöses Erleben vor dem Tode. Wenn wir diese verschiedenen Gedanken zusammenfassen, die wir bisher vor unsere Seele führen konnten, dann können wir sagen: Greradeso, wie der Mensch, solange er sich seiner Sinne bedient, solange er sich lenken und leiten läßt von dem Verstande, der an das Gehirn als an sein Instrument gebunden ist, mit anderen Worten, wie der Mensch hier während seines Erdendaseins mit den Kräften eben dieser unserer Erde zusammenhängt, so hängt er im Leben zwischen Tod und neuer Geburt mit den Kräften zusammen, die von den Sternenwelten ausstrahlen. Allerdings besteht ein gewisser Unterschied für den gegenwärtigen Menschen in dem Verhältnisse seines Wesens zu den Erdenkräften während des physischen Lebens und in seinem Verhältnisse zu den Sternenkräften zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Die Kräfte, welche der Mensch während des Erdenlebens in sein Bewußtsein hereinnimmt, also die Kräfte, die er bewußt während des Erdenlebens erlebt, tragen nicht Wesentliches bei zu alle dem, was der Mensch für seine eigene Wesenheit zum Aufbau, zur Belebung braucht. Es sind Abbauprozesse. Daß dieses der Fall ist, sehen wir ja einfach aus dem Umstande, daß der Mensch während des Schlafes kein Bewußtsein entwickelt. Warum nicht? Er entwickelt einfach aus dem Grunde kein Bewußtsein, weil er nicht Zeuge sein soll desjenigen, was mit ihm während des Schlafes geschieht. Denn während des Schlafes werden die im wachen Leben verbrauchten Kräfte wiederhergestellt. Diese Wiederherstellung seiner verbrauchten Kräfte während des Schlafes soll der Mensch nicht mit ansehen. Dieser ganze Vorgang, der entgegengesetzt ist dem Wachvorgang, wird sozusagen dem menschlichen Bewußtsein verhüllt. Die Bibel hat einen bedeutsamen, tiefen Ausdruck für diese Tatsache. Es ist dies einer von denjenigen Aussprüchen der Bibel, die, wie alle okkulten Grundlagen der religiösen Urkunden, recht wenig verstanden werden. Da, wo es mit Bezug auf das Paradiesesleben heißt: Der göttliche Geist beschloß, daß der Mensch, nachdem er sich dieses oder jenes angeeignet hat, zum Beispiel die Urteilsfähigkeit über Gut und Böse, nicht auch erhalten solle einen Einblick in die Kräfte des Lebens. — Da ist die Stelle, wo in der Bibel aufmerksam gemacht wird, daß der Mensch nicht mit ansehen soll die Wiederbelebung seines Wesens während des Schlafes, überhaupt nicht mit ansehen soll die Wiederbelebung seines Wesens während seines physischen Erdendaseins. Dessen soll er nicht Zeuge sein. Und wenn der Mensch aufwacht, ist der ganze Lebensprozeß eigentlich ein Zerstörungsprozeß, ein Abnutzungsprozeß. Da wird im Menschen eigentlich nichts hergestellt. Wo noch eine eigentliche Belebung, eine Herstellung ist, nämlich in der allerersten Kindheit, da ist auch das Bewußtsein noch dumpf, und der ganze Herstellungsprozeß wird dem Menschen später doch verhüllt, indem er sich nicht mehr an die Zeiten seiner ersten Kindheit zurückerinnert. Also wir können sagen: Für das bewußte Erdenleben bleibt dem Menschen verhüllt, was man Belebungs-, Herstellungsprozesse nennen kann. Es sind Wahrnehmungs-, Erkenntnisprozesse, welche das Bewußtsein des Menschen erfüllen, nicht aber eigentliche Belebungsprozesse.

[ 2 ] Das wird nun anders in dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Dieses ganze Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt ist ja dazu bestimmt, in die menschliche Wesenheit die Kräfte hereinzubekommen, welche dem Aufbau des nächsten Lebens dienen können, diese Kräfte sozusagen hereinzusaugen in die menschliche Wesenheit aus der gesamten Sternenwelt. Nun aber ist es bei diesem Vorgang nicht so, wie es auf der Erde ist, daß man sozusagen sich als Mensch selber gar nicht kennt. Denn auf der Erde kennt man sich ja nicht. Was weiß der Mensch von den Vorgängen, die in seinem Organismus stattfinden? Nichts weiß er davon durch unmittelbare Anschauung; und was durch die Anatomie, durch die Biologie und so weiter gewonnen wird, ist ja kein wirkliches Wissen von der menschlichen Wesenheit, sondern etwas ganz anderes. Aber in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt schaut der Mensch an, wie die Kräfte aus der Sternenwelt auf ihn, auf seine Wesenheit wirken, wie sie ihn nach und nach wieder aufbauen. Daraus können Sie entnehmen, wie anders die Anschauung ist zwischen dem Tode und der neuen Geburt als hier auf der Erde. Hier steht der Mensch an einem Punkte der Erde, richtet die Sinne hinaus, und dann geht das Schauen oder das Hören in die Weiten hinaus. Er sieht also von dem Mittelpunkte, in dem er sich befindet, hinaus in die Weiten. Gerade umgekehrt ist es im Leben nach dem Tode. Da fühlt sich der Mensch, wie wenn er mit seinem ganzen Wesen ausgebreitet wäre, und was er anschaut, das ist eigentlich der Mittelpunkt. Er sieht auf einen Punkt hin. Es kommt eine Zeit für den Menschen zwischen dem Tode und der neuen Geburt, wo er einen Kreis beschreibt, der den ganzen Tierkreis durchläuft. Da schaut er gleichsam von jedem Punkte des Tierkreises, also von verschiedenen Gesichtspunkten aus, auf seine eigene Wesenheit hin und fühlt sich dann so, wie wenn er gleichsam aus den einzelnen Partien des Tierkreises die Kräfte schöpfen würde, die er auf seine Wesenheit ergießt, damit diese das hat, was sie für die nächste Inkarnation braucht. Man schaut also von dem Umkreis auf einen Mittelpunkt hin. Es ist so, wie wenn Sie hier auf der Erde sich verdoppeln könnten, aus sich heraustreten könnten, und Sie ließen sich in der Mitte stehen, gingen um sich herum und würden fortwährend die Kräfte des Weltalls, den belebenden Soma, einsaugen, der aber, weil er von den verschiedenen Seiten einen verschiedenen Charakter annimmt, sich in verschiedener Weise in die Wesenheit, die Sie in der Mitte stehengelassen haben, ergießt. So ist es, ins Geistige übersetzt, tatsächlich im Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Wenn wir uns nun den Unterschied vor das Auge führen wollen, der da besteht zwischen einem Zustande, der eigentlich ziemlich nabe ist dem Erleben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, nämlich zwischen dem Schlafzustande und diesem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, so können wir diesen Unterschied eigentlich sehr einfach charakterisieren, obwohl der, welchem solche Vorstellungen ungewohnt sind, sich nicht viel dabei vorstellen kann. Aber man kann es in einfacher Weise folgendermaßen charakterisieren. Wenn der Mensch in seinem Erdendasein schläft, also seinen physischen Leib und Ätherleib verlassen hat und in seinem Ich und astralischen Leib lebt, die dann in der Sternenwelt sind, so ist er auch draußen in dem ganzen Sternengebiete. Und es ist tatsächlich so, daß unser Zustand im Schlafe objektiv viel ähnlicher ist dem Zustande zwischen dem Tode und der neuen Geburt, als man gewöhnlich glaubt. Objektiv sind diese beiden Zustände einander ganz ähnlich. Sie sind nur dadurch voneinander verschieden, daß der Mensch im Schlafe beim normalen Leben kein Bewußtsein hat von der Welt, in derer während des Schlafes ist, und zwischen dem Tode und der neuen Geburt hat er ein Bewußtsein, da weiß er, was mit ihm vorgeht. Das ist der wesentliche Unterschied. Würde der Mensch in seinem Ich und astralischen Leib, wenn diese im Schlafe außer dem physischen Leibe und dem Ätherleibe sind, einfach aufwachen, so würde er in demselben Stadium sein, in welchem er ist zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Der Unterschied ist tatsächlich nur ein Bewußtseinszustand. Und dieser Umstand ist aus dem schon angeführten Grunde sehr bedeutsam. Er ist bedeutsam, weil der Mensch, solange er auf der Erde weilt, also auch während des Schlafzustandes, an seinen physischen Leib gebunden ist; er ist nicht frei von dem physischen Leibe im Schlafzustande. Er kann erst frei werden vom physischen Leibe, wenn dieser physische Leib in den leblosen Zustand übergeht, wenn er eine Veränderung erleidet, wie es geschieht, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Solange der physische Leib lebensfähig ist, bleibt eine Verbindung zwischen dem eigentlichen geistigen Menschen, Ich und Astralleib, und zwischen dem physischen Leib und Ätherleib aufrechterhalten.

[ 3 ] Nun stellt man sich gewöhnlich den Zustand des Schlafes zu einfach vor. Das ist durchaus begreiflich, weil man bei den komplizierten Dingen, um die es sich handelt in dem Augenblick, wo man die höheren Welten betritt, sozusagen immer nur von einer gewissen Seite her die Dinge charakterisieren kann. Eine vollständige Charakteristik der wahren Verhältnisse gewinnt man erst, wenn man nach und nach geduldig vorrückt in der Geisteswissenschaft und allseitig die Dinge kennenlernt. Man charakterisiert — und dies mit Recht den menschlichen Schlafzustand dadurch, daß man sagt: Im Bette bleiben liegen physischer Leib und Ätherleib; heraus bewegt sich und vereinigt sich mit den Sternenkräften das, was wir nennen das Ich und den astralischen Leib. Nun ist aber diese Charakteristik, so richtig sie von einer Seite aus ist, eben nur von einer Seite aus gegeben. Und man kann sich gewissermaßen eine Vorstellung machen, wie diese Charakteristik nur von einer Seite aus gegeben ist, wenn man den Schlaf eines Menschen ins Auge faßt vom Standpunkt der Geisteswissenschaft, wenn dieser Schlaf sozusagen zu einer einigermaßen normalen Zeit ausgeführt wird. Denn in Wahrheit ist, objektiv genommen, ein Nachmittagsschläfchen etwas ganz anderes als ein ordentlicher Schlaf in der Nacht. Nicht so sehr für den menschlichen Gesundheitszustand oder für sonstige Dinge am Menschen selbst, aber für das ganze Verhältnis des Menschen zur Welt kommt in Betracht, was ich jetzt angeführt habe. Und wir wollen daher nicht ein Nachmittagsschläfchen ins Auge fassen, sondern einen Schlaf, der den Menschen ungefähr um die Mitternachtsstunde erfaßt. Also den Schlaf eines gesunden Menschen um die Mitternachtsstunde, und diesen Schlafzustand, vom Standpunkte des hellsichtigen Bewußtseins aus betrachtet, wollen wir ins Auge fassen.

[ 4 ] Wenn wir im täglichen Wachzustande sind, dann ist, können wir sagen, im menschlichen Wesen in einer gewissen geregelten Verbindung dasjenige, was wir die vier Glieder der menschlichen Natur nennen: physischer Leib, Ätherleib, astralischer Leib und Ich. Wir treffen das, was die richtige Verbindung zwischen den vier Gliedern der menschlichen Natur ausmacht, am besten, wenn wir es etwa so zeichnen, wie das hellseherische Bewußtsein die sogenannte Aura des Menschen sieht. Was ich Ihnen dabei zeichnen kann, ist selbstverständlich nur ganz skizzenhaft.

[ 5 ] Wenn wir also den gewöhnlichen Wachzustand des Menschen ins Auge fassen, dann würden wir den aurischen Zusammenhang des Menschen etwa in der folgenden Weise zeichnen: der physische Leib die schärfere Linie; innerhalb der punktierten Linie der Ätherleib; was dichter schraffiert ist, ist der astralische Leib; und die Ich-Aura würde etwa so zu zeichnen sein, daß sie den ganzen Menschen durchdringt, aber ich zeichne sie als Strahlen, die ihn, ohne eigentliche Grenzen, nach oben und unten strahlenartig umgeben.

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[ 6 ] Daneben werde ich nun zeichnen den Unterschied in der aurischen Zusammensetzung beim Schlafzustande eines Menschen, der etwa um die Mitternachtsstunde schlafen würde, beziehungsweise das aurische Bild desselben (siehe Zeichnung): physischer Leib und Ätherleib wie in der ersten Zeichnung; das dunkel Schraffierte wäre der Astralleib; dessen nach unten unbestimmte Fortsetzung würde sich herausheben, aber bliebe doch in einer vertikalen Lage. Die Ich-Aura würde ich dann strahlenförmig in der Weise zu zeichnen haben, wie man es hier sieht. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen und beginnt erst wieder in der Kopfgegend, aber so, daß sie strahlenförmig nach außen gerichtet ist und ins Unbestimmte nach oben geht, wenn der Mensch in der horizontalen Lage ist, aber nach aufwärts gerichtet ist, vom Kopf nach aufwärts. So daß im wesentlichen der Anblick der Aura des schlafenden Menschen so wäre, daß der Astralleib wesentlich verdichtet und dunkel ist — in der in der Zeichnung dunkel schraffierten Gegend —, in den oberen Teilen ist er dünner als am Tage. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen, unten ist sie wieder strahlenförmig und geht dann ins Unbestimmte fort.

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[ 7 ] Das Wesentliche ist, daß sich bei einem solchen Schlafzustande das, was man das aurische Bild des Ich nennen kann, in der Tat in zwei Teile gliedert. Während des Wachzustandes hängt die Ich-Aura wie ein Oval zusammen, trennt sich während eines solchen Schlafzustandes in der Mitte auseinander und besteht während des Schlafes aus zwei Stücken, von denen das eine durch eine Art von Schwere nach unten gedreht wird und sich nach unten ausbreitet, so daß man es nicht mit einer sich schließenden, sondern mit einer nach unten sich ausbreitenden Ich-Aura zu tun hat. Dieser Teil der Ich-Aura ergibt sich für das hellseherische Bewußtsein dem Anblick nach als ein wesentlich sehr dunkler Aurenteil, der dunkle Fäden hat, aber in starken, zum Beispiel dunkelrötlichen Nuancen tingiert ist. Was sich davon nach oben abtrennt, ist wieder so, daß es von der Kopfgegend aus schmal läuft, dann aber ins Unbestimmte sich ausbreitet, sozusagen oben in die Sternenwelt hin sich ausbreitet. In gleicher Weise in der Mitte auseinandergeteilt ist die astralische Aura nicht, so daß man von einer wirklichen Teilung derselben nicht sprechen kann, während die IchAura, wenigstens für den Anblick, zerteilt wird.

[ 8 ] So haben wir auch in diesem okkulten Anblick eine Art von bildhaftem Ausdruck dafür, daß der Mensch mit demjenigen, was ihn als Ich-Kräfte während des tagwachenden Zustandes durchdringt, hinausgeht in den Weltenraum, um den Anschluß zu gewinnen an die Sternenwelt, um die Kräfte aus der Sternenwelt sozusagen hereinzusaugen.

[ 9 ] Nun ist derjenige Teil der Ich-Aura, der sich nach unten hin abschnürt und dunkel wird, mehr oder weniger wie undurchsichtig sich ausnimmt, während der nach oben gehende hell leuchtend und glänzend ist, in hellem Lichte erstrahlt, zugleich der, welcher am meisten dem Einfluß der ahrimanischen Gewalten ausgesetzt ist. Der angrenzende Teil der astralischen Aura ist am meisten den luziferischen Kräften ausgesetzt. Wir können daher sagen: Die Charakteristik, die man von einem gewissen Standpunkte aus mit Recht gibt, daß das Ich und der astralische Leib den Menschen verlassen, ist für die oberen Partien der Ich- und astralischen Aura absolut zutreffend. Für diejenigen Teile der Ich- und astralischen Aura, die mehr den unteren Teilen, besonders den unteren Teilen des Rumpfes der menschlichen Gestalt entsprechen, ist es nicht eigentlich richtig; sondern für diese Teile ist es sogar so, daß während des Schlafens die Aura des Ich und des Astralleibes mehr drinnen sind, mehr verbunden sind mit dem physischen Leibe und dem Ätherleibe, als es im Wachzustande der Fall ist, daß sie nach unten dichter, kompakter sind. Denn man sieht auch, wie beim Aufwachen das, was ich unten so stark gezeichnet habe, wieder herausgeht aus den unteren Teilen der menschlichen Wesenheit. Gerade wie der obere Teil beim Einschlafen herausgeht, so geht der untere Teil der Ich- und astralischen Aura beim Aufwachen in einer gewissen Weise heraus, und es bleibt nur eine Art von Stück von diesen beiden Auren drinnen, wie ich es in der ersten Figur gezeichnet habe.

[ 10 ] Nun ist es eben so außerordentlich wichtig zu wissen, daß durch die Evolution unserer Erde, durch alle die Kräfte, die dabei mitgespielt haben und die Sie aus der «Geheimwissenschaft im Umriß» ersehen können, die Einrichtung getroffen ist, daß der Mensch dieses regere Arbeiten der unteren Aura während des Schlafes nicht mitmacht, das heißt dieses Arbeiten nicht als Zeuge mitmacht. Denn von diesen Teilen der unteren Ich-Aura und der unteren astralischen Aura werden die belebenden Kräfte angeregt, die der Mensch braucht, damit das wieder ausgebessert werden kann, was während des Wachzustandes abgenutzt ist. Die wiederherstellenden Kräfte müssen von diesen Teilen der Aura ausgehen. Daß sie nach aufwärts wirken und den ganzen Menschen wieder herstellen, das hängt dann davon ab, daß der nach oben hinausgehende Teil der Aura Anziehungskräfte entwickelt, die er aus der Sternenwelt hereinsaugt, und dadurch die Kräfte, die von unten kommen, anziehen kann, so daß sie regenerierend auf den Menschen wirken. Das ist der objektive Vorgang.

[ 11 ] Nun gibt uns das Verständnis dieser Tatsache auch gewissermaßen das beste Verständnis für gewisse Mitteilungen, die der Mensch empfängt, wenn er die verschiedenen okkulten oder auf Okkultismus gebauten Urkunden verfolgt. Sie haben ja die, wie ich eben gesagt habe, von einem gewissen Gesichtspunkte aus durchaus gerechtfertigte Charakteristik immer gehört, daß der Schlaf darin besteht, daß der Mensch seinen physischen Leib und Ätherleib im Bette liegen läßt und mit seinem astralischen Leib und Ich herausgeht; was also für die oberen Partien der Ich- und astralischen Aura in einem gewissen Sinne durchaus richtig ist, namentlich für die Ich-Aura. Wenn Sie aber morgenländische Schriften verfolgen, dann finden Sie diese Charakteristik nicht, sondern gerade das Umgekehrte. Sie finden da charakterisiert, daß während des Schlafzustandes das, was sonst im menschlichen Bewußtsein lebt, sich tiefer in den Leib hineinzieht. Also Sie finden dort die umgekehrte Charakteristik des Schlafes. Und namentlich in gewissen Vedanta-Schriften können Sie die Sache so charakterisiert finden, daß dieses, von dem wir sagen, daß es sich aus dem physischen Leib und Ätherleib herauszieht, sich während des Schlafes tiefer in die physische und ätherische Leiblichkeit hineinsenkt, daß das, was das Sehen sonst bewirkt, sich in tiefere Partien des Auges hineinzieht, so daß das Sehen nicht mehr zustande kommen kann. Warum wird dieses in morgenländischen Schriften so charakterisiert? Das ist deshalb, weil der Morgenländer eben noch auf einem anderen Standpunkte steht. Er sieht durch seine Art von Hellsichtigkeit mehr das, was im Innern des Menschen vorgeht, was sich da im Innern abspielt. Er achtet weniger auf den Vorgang des Herausgehens der oberen Aura und mehr auf die Tatsache des Durchdrungenseins während des Schlafes mit der unteren Aura. Daher hat er von seinem Standpunkte aus selbstverständlich recht.

[ 12 ] Man kann sagen: Die Vorgänge, die im Menschen in seiner Entwickelung stattfinden, sind sehr kompliziert, und immer mehr und mehr wird es dem Menschen möglich werden, sich im Verlaufe der Evolution sozusagen den ganzen Umfang jener Vorgänge zu vergegenwärtigen. Aber die Entwickelung bestand darin, daß die Menschen in ihrem Anschauen nach und nach einzelne Partien kennengelernt haben. Daher die einzelnen Mitteilungen, die in den verschiedenen Epochen gemacht werden. Wenn sie auch scheinbar nicht gleich lauten, so sind sie doch darum nicht falsch, sondern sie beziehen sich immer auf das Einseitige, das sich ja auch immer vollzieht. Aber der ganze Vorgang der Entwickelung wird einem erst klar, wenn man die ganzen Vorgänge zusammenfaßt. Darauf kommt es an.

[ 13 ] Wir stehen jetzt an dem Punkt, wo wir ein gewisses Stück der Evolution recht gut werden überschauen können. Es ist wirklich ein ganz bedeutsamer Unterschied in der ganzen Seelenverfassung, Seelenstimmung des Menschen, wenn wir die menschliche Seelenentwickelung überschauen zum Beispiel in denjenigen Inkarnationen, die in der ägyptisch-chaldäischen Periode verlaufen sind, dann wieder in der griechisch-lateinischen Periode und dann wieder in unserer Zeit. Schon äußerlich können wir ja das, was die Seele erlebt, recht gut verfolgen. Ich glaube, es wird selbst hier in diesem erleuchteten Kreise eine große Anzahl von Menschen geben, die, wenn sie einem sternenbesäten Himmel gegenüberstehen, heute sich nicht genau auskennen, wo nun die einzelnen Sternbilder sind und wie die einzelnen Sternbilder ihre Lagen im Himmelsraume während der Nacht ändern. Im ganzen können wir sagen: Die Menschen werden immer seltener und seltener, die am Sternenhimmel noch ordentlich Bescheid wissen. — Es wird sogar Menschen geben, zum Beispiel unter der Stadtbevölkerung, die man vergeblich fragen könnte: Ist jetzt Vollmond- oder Neumondzeit? — Das soll durchaus kein Tadel sein, das liegt in der naturgemäßen Entwickelung. Aber was jetzt für die Seele gilt, das wäre in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, besonders in der älteren ägyptisch-chaldäischen Zeit eine vollständige Unmöglichkeit gewesen. Da haben tatsächlich die Menschen am Himmel Bescheid gewußt. Die Gegenwart hat ja wieder einen anderen Vorzug vor jenen Menschen der ägyptischchaldäischen Zeit: an logisches Denken — wie die Menschen heute denken könnten, wenn sie sich Mühe geben würden —, daran haben die Menschen der ägyptisch-chaldäischen Zeit noch nicht einmal gedacht. Sie lebten bei Tage hin, und was sie zu ihren täglichen Verrichtungen taten, das taten sie mehr instinktiv. Man würde vollständig fehlgehen, wenn man glaubte, daß damals ein Bauwerk oder eine Wasserleitung ausgeführt wurde, indem sich zunächst die Ingenieure zusammengesetzt hätten in ihren Büros und die ganze Sache mit den Mitteln, wie man heute Pläne und so weiter zustande bringt, ausgeführt hätten. Das haben damals die Ingenieure ebensowenig getan, wie heute der Biber einen Plan seines Baues entwirft, den er ganz kunst- und regelrecht macht.

[ 14 ] Also ein so logisches, wissenschaftliches Denken, wie wir es heute haben, gab es nicht, sondern was die Menschen im Wachzustande taten, das arbeiteten sie instinktiv. Sie hatten das, was sie wußten, und wir wissen ja, daß gewaltiges, großes Wissen aus der ägyptisch-chaldäischen Epoche erhalten ist, auf eine ganz andere Weise erlangt. Sie kannten den Sternenhimmel, den Nachthimmel; sie wußten am Himmel Bescheid, aber eine solche Astronomie hatten sie nicht wie die heutigen Menschen. Sie setzten sich dem Anblick des Sternenhimmels aus, sie hatten die aufeinanderfolgenden Bilder in den aufeinanderfolgenden Nachtzeiten, und auf sie wirkte nicht bloß, was auf die Sinne Eindruck machte, nicht bloß diese Sinnesbilder, sondern auf sie wirkte das Ganze der astralischen Kräfte, welche im Raume ausgebreitet sind. Das lebten sie mit. So war für sie zum Beispiel der Weg des Großen Bären, des Siebengestirnes ein Erlebnis; ein Erlebnis, das auch andauerte, wenn sie schliefen, denn sie waren empfänglich, sensitiv für das, was geistig mit dem Großen Bären über den Himmel hinzog. Das alles nahmen sie auf. Sie nahmen mit dem sinnlichen Anblick das auf, was als Geistiges im Weltenraume lebt. Es drang noch etwas in ihr Bewußtsein herein von dem, wofür das gegenwärtige Bewußtsein ganz und gar ungeeignet ist es aufzunehmen, denn heute nimmt der Mensch nur das sinnliche Bild des Sternenhimmels auf. Und da er sehr gescheit ist, so nimmt er sich also die Sternkarte, wo die Menschen alle die Tierformen hineingezeichnet haben, und sagt: Da haben die Menschen früher Symbole hingezeichnet, da haben sie so die Sterne zusammengefaßt; doch jetzt ist der Mensch so weit gekommen, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. — Aber der Mensch der Gegenwart weiß nicht, daß die Alten das, was sie gezeichnet haben, auch gesehen haben; daß es reale Gebilde waren, die sie abgezeichnet haben nach dem unmittelbaren Anblick, der sich ihnen darbot. Der eine konnte besser, der andere schlechter zeichnen, aber sie haben die Wirklichkeit abgezeichnet. Das haben sie gesehen. Aber sie haben nicht so gesehen, wie man im Sinnesleben sieht. Sondern wenn sie zum Beispiel den Großen Bären erlebt haben, wie er über den Nachthimmel hinschweift, so haben sie die physischen Sterne nur so eingebettet gesehen in ein mächtiges geistiges Wesen, das sie wirklich wahrgenommen haben. Aber das war nicht so, daß sie an jener Stelle ein Tier über den Himmel hinschweifen gesehen haben, wie man ein physisches Tier auf der Erde sieht — das wäre eine kindliche Vorstellung —, sondern dieses Erlebnis des Hineilens des Siebengestirnes war innig verbunden mit der eigenen Natur. Die Leute fühlten, wie es auf ihre astralischen Leiber wirkte und dort Veränderungen hervorrief.

[ 15 ] Eine Vorstellung davon, wie das etwa gewesen sein mag, können Sie sich bilden, wenn Sie sich vergegenwärtigen: Hier ist eine Rose. Sie würden dieselbe nicht anschauen, sondern bloß greifen, und dadurch, daß Sie sie greifen, erleben Sie eigentlich immer Ihre eigene Berührung mit der Rose. Also Sie würden die Rose nicht anschauen, nur greifen und Ihre eigene Berührung erleben und sich auf diese Weise eine Vorstellung von der Rose bilden. So «berührten » gleichsam mit ihrem Astralleib diese Menschen das, was sie erleben konnten am Großen Bären, «befühlten» das Astralische, und ihre eigene Berührung damit erlebten sie. Die rief aber Veränderungen in ihnen selber hervor, Veränderungen, die heute noch immer hervorgerufen, aber nicht mehr wahrgenommen werden.

[ 16 ] Darin besteht gewissermaßen die Evolution in unsere moderne, wissenschaftliche Zeit herein, in unsere Zeit der Urteilskraft, daß das unmittelbare Erleben der geistigen Vorgänge aufgehört hat, und daß zurückgeblieben ist die Sinneswelt und der an das Gehirn gebundene Verstand. Wenn daher in der ägyptisch-chaldäischen Zeit von den geistigen Wesenheiten im Raume gesprochen wird und solche Wesenheiten auch aufgezeichnet werden, und da hinein, wie Anhaltspunkte, die physischen Sterne gezeichnet werden, so entspricht das der unmittelbar erlebten Wirklichkeit. So daß in der ägyptisch-chaldäischen Zeit eine Wahrnehmung der Menschen vorhanden war, die noch viel ähnlicher war dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, als unser heutiges physisches Leben im Bewußtsein ähnlich ist dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Wenn man nämlich tatsächlich wahrnimmt, wie der astralische Leib und das Ich die Vorgänge am Himmel miterleben, dann weiß man auch das Folgende: Wie du da lebst mit dem Sternenhimmel, so lebst du außerhalb deines physischen Leibes und Ätherleibes, und es ist nicht der geringste Grund vorhanden, zu glauben, daß du, wenn der physische Leib und Ätherleib einmal nicht bei dir sind, nicht ebenso mit dem Sternenhimmel lebst. — So war also ein unmittelbares Wissen vorhanden von dem Miterleben der Sternenvorgänge in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Wer in der ägyptisch-chaldäischen Zeit gelebt hat, würde es zum Beispiel als lächerlich gefunden haben, wenn man ihm die Unsterblichkeit der Seele beweisen wollte; denn er hätte gesagt: Das braucht man nicht zu beweisen! — Er hätte nicht einmal in unserem Sinne verstanden, was ein Beweis ist, weil logisches Denken nicht vorhanden war. Aber wenn er in einer okkulten Schule gelernt hätte, was einmal künftig ein Beweis ist, so hätte er gesagt: Die Unsterblichkeit der Seele braucht man nicht zu beweisen, denn wenn man den nächtlichen Sternenhimmel erlebt, so erlebt man das, was unabhängig ist von der Leiblichkeit. — Also für ihn war die Unsterblichkeit eine unmittelbare Erfahrung, und vieles von dem, was wir heute beschreiben über die Wahrnehmung im entkörperten Zustande, wußten diese Menschen. Sie wußten es unmittelbar. Denn sehen wir von diesen weiterliegenden Sternenwelten hin auf unsere Planetensterne, so war für diese Menschen zum Beispiel der Saturn etwas, was sie geistig wahrnahmen. Das heißt, sie nahmen wahr, was als geistige Welt mit dem Saturn verknüpft ist. Sie nahmen also tatsächlich wahr — namentlich für die älteren Zeiten der ägyptisch-chaldäischen Epoche gilt das —, was von dem Menschen zwischen Tod und neuer Geburt auf diesem Saturn lebt. Recht kurios würde es ja für einen Menschen der damaligen Zeit erschienen sein, wenn man ihm hätte sagen wollen, daß man eine solche «Mars-Korrespondenz» anstreben würde, wie man es sich vielfach heute denkt, denn für ihn war eine Verbindung mit diesen Welten für sein Bewußtsein durchaus vorhanden. Wenn man aber Saturn oder Mars oder sonst einen planetarischen Zustand kennt und verfolgen kann, wie er heute innerhalb unseres Planetensystems sich auslebt, dann führt einen das auch zur Erkenntnis derjenigen Zustände, wie sie zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft im Umriß» beschrieben sind als Saturn-, Sonnen- und Mondzustand, die vorirdisch sind. Das ist also damals erlebt worden. Man hätte es nicht vorzutragen gebraucht, sondern man hätte es damals einfach so vor das menschliche Bewußtsein zu bringen gehabt, daß man die Leute, die so etwas nicht mehr unmittelbar wahrnehmen konnten, in Zustände gebracht hätte, in denen sie es wahrnehmen konnten. Anders wäre es nicht möglich gewesen.

[ 17 ] Das war nun schon in der griechisch-lateinischen Zeit anders. Da war die Empfindlichkeit der Menschen für alles, was ich jetzt erzählt habe, schon verlorengegangen, und was noch vorhanden war, das war die Erinnerung daran. Also in der griechisch-lateinischen Zeit war bei den maßgebenden Völkern, zum Beispiel des europäischen Südens, nicht mehr in demselben Maße die Möglichkeit vorhanden, die geistigen Wesenheiten des Sternenhimmels zu schauen, aber die Erinnerung daran war vorhanden. Es hatte daher eine Seele, die innerhalb der griechisch-lateinischen Kultur geboren wurde, nicht mehr die Möglichkeit, hinauszuschauen in die Sternenwelten, um das Geistige zu schauen; man sah nicht mehr in demselben Maße wie in der ägyptisch-chaldäischen Zeit die geistigen Wesen, die zu den Sternenwelten gehörten. Aber wie der Mensch sich heute an das erinnert, was er gestern erlebt hat, so erinnerten sich die Seelen noch an das, was sie in früheren Inkarnationen über das Weltall erfahren hatten. Das strahlte herein in die Menschen, von dem wußten sie, daß es in ihren Seelen lebt. Plato deutet es als Erinnerung. Aber die Menschen deuten es nicht immer als Erinnerung. Und darin besteht der Fortschritt in der Entwickelung, daß dieses unmittelbare Wahrnehmen heruntergedämpft wurde und dafür während der griechisch-lateinischen Zeit das Urteilen, die Begriffswelt sich ausbildet, die ja erst in dieser Zeit kam. Dafür mußte das andere zurückgehen, konnte bloß in der Erinnerung leben. Am schönsten kann man das bei dem im 4. vorchristlichen Jahrhundert lebenden Aristoteles sehen, der ja der Begründer der Logik ist, der Kunst des Urteilens, der selber nichts mehr wahrnehmen konnte von dem, was als Geistiges in den Sternenwelten draußen ist, aber in seinen Schriften die ganzen alten Theorien wieder bringt, so daß er nicht von etwas redet, was wir heute als physische Weltenkörper kennenlernen, sondern er spricht von den «Sphärengeistern», von geistigen Wesenheiten. Und ein großer Teil der Ausführungen des Aristoteles ist der Aufzählung der einzelnen Planetengeister, der Fixsterngeister und so weiter bis zu dem einheitlichen Weltengotte gewidmet. Die Sphärengeister spielen bei Aristoteles noch eine große Rolle.

[ 18 ] Aber auch die Erinnerung der griechisch-lateinischen Zeit an die geistigen Wesenheiten der Welt ging allmählich der Menschheit verloren. Und es ist interessant zu sehen, wie sozusagen Stück für Stück des alten Wissens nach der neueren Zeit zu verlorengeht. Die mehr spirituell veranlagten Naturen holten noch immer aus ihren Erinnerungen das Bewußtsein herauf, daß mit alle dem, was physisch als Weltenkörper im Raume ausgestreut ist, geistige Wesenheiten verknüpft sind, so wie wir es heute in der anthroposophischen Wissenschaft wieder darstellen. So findet man noch vieles in dieser Beziehung, man möchte sagen, sogar grandios für seine Zeit dargestellt, bei Kepler. Und je mehr wir der neueren Zeit entgegengehen, desto mehr schwindet auch diese Möglichkeit, die Erinnerung noch zu haben an das, was die Seele erlebt hat im Anblick des Sternenhimmels in der ägyptisch-chaldäischen Zeit. Die Erinnerung, die noch in der griechisch-lateinischen Zeit vorhanden war, auch die schwindet, und immer mehr und mehr rückt die Zeit des Kopernikanismus heran, in der man nur die physischen Weltenkugeln sieht, die durch den Raum eilen. Nur manchmal glänzt, wie gesagt, bei neueren Geistern, indem etwas hereinspielt in das Bewußtsein, noch eine Möglichkeit auf, aus der Konstellation der Sternenwelt von den geistigen Zusammenhängen, von geistigen Vorgängen etwas zu verfolgen, wie es sich zum Beispiel Kepler hat angelegen sein lassen, die Geburtszeit des Jesus von Nazareth aus der Sternenwelt noch selbständig zu berechnen. Das war eine Rechnung, die noch von dem spirituellen Durchdrungensein bei Kepler herrührte; geradeso wie Kepler sich auch darüber klar war, daß aus einer gewissen Sternkonstellation im Jahre 1604 wieder das Heruntergedrücktwerden der alten Erinnerung folgte. Und je mehr wir in die neuere Zeit heraufkommen, desto mehr ist die Menschheit auf das äußere Sinnesvermögen und auf den an das Gehirn. gebundenen Verstand angewiesen, weil in tiefere Schichten des Bewußtseins hinuntergesunken wat, was die Seelen in der Vorzeit erlebt hatten. In allen Ihren Seelen war das einmal vorhanden, was die Seelen erlebt haben, als sie in der Lage waren, dieses lebendige geistige Leben in den Weltenräumen wahrzunehmen. In den Tiefen Ihrer Seelen ist das überall drinnen. Aber es ist heute nicht die Möglichkeit vorhanden, die Seelen nächtlicherweile hinzuführen und ihren Blick zum Beispiel zum Großen Bären zu lenken und auch die Kräfte, die ausgehen vom Großen Bären, die also geistige Kräfte sind, anschaulich zu machen. Das ist so unmittelbar nicht möglich, weil die Schaukräfte, die Wahrnehmungskräfte, tief drinnen sitzen in der Seele. Im nachtschlafenden Zustande erlebt es der Mensch mit dem nach oben hinausgehenden Teile der Aura, aber er ist nicht mit dem Bewußtsein draußen. Deshalb ist das wissenschaftliche Heraufholen der vergessenen Eindrücke der alten Zeiten für die Seelen der Gegenwart das Richtige. Und wie geschieht dieses Heraufholen? So, wie wir es in der Anthroposophie machen! Nichts Neues wird den Seelen gebracht, sondern es wird das heraufgeholt, was die Seelen in früheren Zeiten erlebt haben, was sie in der griechisch-lateinischen Zeit nicht mehr wahrnehmen konnten, aber noch nicht ganz vergessen hatten, was nun ganz vergessen ist, aber wieder heraufgeholt werden kann. So daß Anthroposophie nichts anderes ist als die Anregung zum Heraufholen tief unten in den Seelen sitzender Wissenskräfte. Alle Menschen, welche die Evolution bis in die abendländische Zeit mitgemacht haben, haben in ihren Seelentiefen unten die Vorstellungen, welche durch Anthroposophie angeregt werden sollen, und die anthroposophischen Methoden sind die Anregemittel, um diese in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellungen heraufzuheben. |

[ 19 ] Nun wollen wir auf den Unterschied aufmerksam machen, der nun besteht, durch diese beiden Arten sich zur Welt zu verhalten, zwischen einer Menschenseele, die in der griechisch-lateinischen Zeit inkarniert war, und einer Seele, die heute inkarniert ist.

[ 20 ] Wir haben gesehen, daß während der griechisch-lateinischen Zeit die Seele auch im Erdenleben einen gewissen Zusammenhang, ein Wahrnehmungsvermögen hatte für das, was sie damals durchlebte zwischen Tod und neuer Geburt. Das war damals noch nicht in so tiefe Schichten der Seele hineingezogen. Daher war der Unterschied im Bewußtsein auf der Erde und zwischen Tod und neuer Geburt in diesen alten Zeiten kein so großer wie heute. Aber weil die Griechen sich nurmehr erinnern konnten an das, was sie erlebt hatten, deshalb war der Unterschied schon ungeheuer groß. Heute ist die Sache schon soweit gediehen, daß der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt noch ein Bewußtsein entwickeln kann durch eine moralische Seelenstimmung, durch eine religiöse Seelenstimmung, bis zum Hinaufleben in die Venus-Sphäre. Wenn er aber in die Sonnen-Sphäre, und namentlich über die Sonnen-Sphäre hinauskommt, dann fehlt ihm die Möglichkeit, sein Bewußtsein anzufachen, wenn er nicht hier auf der Erde darauf sieht, die in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellungen in das Tagesbewußtsein heraufzuholen. Hier im Erdenleben sieht Anthroposophie so aus wie eine Theorie, wie eine Weltanschauung, der man sich bemächtigt, weil sie einen interessiert. Nach dem Tode ist sie eine Fackel, die einem die geistige Welt von einem gewissen Zeitpunkte an zwischen dem Tode und der neuen Geburt beleuchtet. Und verachtet man sie hier in der Welt, so fehlt einem diese Fackel: dann tritt eine Herabdämpfung des Bewußtseins zwischen Tod und neuer Geburt ein. Spirituelle Wissenschaft zu treiben ist nicht etwa bloß etwas Theoretisches, sondern etwas Lebendiges. Spirituelle Wissenschaft ist sozusagen eine Lebensfackel. Der Inhalt der spirituellen Lehre sind hier Begriffe und Ideen; nach dem Tode sind sie lebendige Kräfte! Aber das gilt eigentlich auch nur für unser Bewußtsein. Denn durch das, was ich im Beginne der heutigen Betrachtung gesagt habe, wird Ihnen klar sein, daß auch schon im Erdenleben die spirituellen Ideen, die wir aufnehmen, belebende Kräfte sind. Nur ist der Mensch nicht Zeuge der belebenden Kräfte, weil ihm die Erkenntnis der belebenden Gewalten verschlossen wird. Nach dem Tode schaut er sie an, ist Zeuge davon. Hier ist Anthroposophie sozusagen eine Art Theorie, und es entzieht sich dem Menschen für das Bewußtsein im Wachzustande das, was spirituell belebend ist, was aber objektiv vorhanden ist. Nach dem Tode ist der Mensch unmittelbar Zeuge, wie die Kräfte, die er mit den spirituellen Lehren während des Lebens auf der Erde aufnimmt, tatsächlich organisierend wirken, belebend, erkräftigend wirken auf dasjenige in seiner Wesenheit, was dann da sein kann, wenn er sich wieder zu einer neuen Verkörperung auf der Erde anschickt.

[ 21 ] So wird von der Menschheitsevolution das aufgenommen, was spirituelle Lehre ist. Wenn aber diese spirituelle Lehre nicht aufgenommen würde — gegenwärtig ist es ja genügend, wenn einige wenige sie aufnehmen, aber immer mehr und mehr Menschen müssen sie gegen die Zukunft hin aufnehmen —, so würden allmählich die Menschen, wenn sie wieder zu den Erdverkörperungen zurückkehren, nicht die genügend belebenden Kräfte haben, die sie dann brauchen. Es würde eine Dekadenz, eine Verkümmerung in der späteren Inkarnation eintreten. Die Menschen würden bald welk werden, früh Runzeln bekommen und so weiter. Eine Dekadenz, ein Welkwerden der physischen Menschheit würde eintreten, wenn nicht die spirituellen Kräfte aufgenommen würden. Denn die Kräfte, welche die Menschen früher aus den Sternenwelten aufgenommen haben, müssen aus den Tiefen der Seelen wieder heraufgeholt werden und zur Evolution der ganzen Menschheit verwendet werden.

[ 22 ] Wenn Sie das überblicken, werden Sie sich so recht von dem Gedanken durchdringen können, wie Auf-Erden-Sein seine große, seine ungeheure Bedeutung hat. Denn das mußte einmal geschehen, daß sozusagen der Mensch von seiner Verbindung mit den Sternenwelten so verinnerlicht werde, daß dieselbe Kraft, die er sonst immer aus den Sternenwelten hereingesogen hat, innerste Kraft seiner Seele werde und von seiner Seele wieder heraufgeholt werde. Das kann aber nur auf der Erde geschehen. Man könnte sagen: Der Somasaft regnete in Urzeiten aus den Himmelsräumen in die einzelnen Seelen hinein, konservierte sich dort und muß nun aus den einzelnen Seelen wieder herausfließen. Auf diese Weise bekommen wir noch auf eine ganz besondere Art eine Vorstellung von der Erdenmission. Und wir werden, nachdem wir heute diese Vorstellung eingefügt haben, das Leben zwischen dem Tode und der nächsten Geburt noch genauer betrachten.