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The Rudolf Steiner Archive

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Das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt
im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen
GA 141

11 Februar 1913, Berlin

Achter Vortrag

[ 1 ] Wenn wir das menschliche Leben im Zusammenhang mit dem Leben im übrigen Weltendasein betrachten, so wie wir es betrachten können mit dem gewöhnlichen, eben im äußeren Dasein des Menschen gegebenen Anschauen, so betrachtet man eigentlich nur den allergeringsten Teil desjenigen von der Welt, was sich auf den Menschen selbst bezieht. Mit andern Worten: Alles, was der Mensch beobachten kann, wenn er nicht hinter die Geheimnisse des Daseins dringen will, kann ihn eigentlich im Grunde genommen über sich selbst nicht aufklären. Denn wenn wir mit den gewöhnlichen menschlichen Wahrnehmungsorganen, mit dem Denkorgan, um uns herumschauen, so haben wir ja eigentlich nur dasjenige vor uns, was die tiefsten, die bedeutsamsten Geheimnisse des Daseins gar nicht umschließt. Am stärksten tritt einem das entgegen, wenn man dazu kommt, auch nur in verhältnismäßig geringem Maße die Fähigkeit zu entwickeln, sich das Leben, die Welt anzuschauen von der anderen Seite, nämlich vom Schlafe aus. Was man im Schlafe sehen kann, das verhüllt sich ja meistens für das gegenwärtige menschliche Anschauen. Denn sobald der Mensch in Schlaf versinkt, also in der ganzen Zeit dann auch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, sieht ja der Mensch eigentlich nichts. Wenn aber innerhalb der geistigen Entwickelung der Zeitpunkt eintritt, daß man auch dann beobachten kann, wenn man schläft, dann sieht man zum großen Teil zunächst dasjenige, was sich auf den Menschen selbst bezieht und was ihm während des alltäglichen Beobachtens ganz verborgen bleibt. Es ist leicht einzusehen, daß ihm dies während des alltäglichen Beobachtens verborgen bleiben muß. Denn das Gehirn ist ein Werkzeug des Urteilens, des Denkens. Man muß sich also des Gehirns bedienen, wenn man im gewöhnlichen Leben denken, urteilen will, muß wenigstens das Gehirn sozusagen in Tätigkeit versetzen; dadurch aber kann man es nicht anschauen, kann man es nicht beobachten. Es kann sich ja nicht einmal das Auge selbst beobachten, wenn es beobachtet. Und im Grunde ist es so mit dem ganzen Menschen. Wir tragen ihn an uns, aber wir können ihn nicht beobachten, wir können uns nicht in ihn vertiefen; so daß wir eigentlich den Blick in die Welt hinausrichten, aber im modernen Leben diesen Blick gar nicht in uns selbst richten können.

[ 2 ] Nun sind die größten Geheimnisse des Daseins nicht draußen in der Welt, sondern sie sind im Menschen drinnen. Verfolgen wir einmal, was wir aus der Geheimwissenschaft kennen. Da wissen wir, daß eigentlich die drei Reiche der Natur, die uns umgeben, auf einem gewissen Zurückgebliebensein beruhen. Mineralisches Reich, pflanzliches Reich, tierisches Reich sind im Grunde genommen Wesenhaftigkeiten, die so, wie sie sind, darauf beruhen, daß etwas zurückgeblieben ist in der Entwickelung. Den normalen Fortschritt in der Entwickelung hat eigentlich nur dasjenige Wesenhafte gemacht, das während des Erdendaseins am Menschendasein beteiligt ist. Wenn der Mensch das mineralische, das pflanzliche oder das tierische Dasein betrachtet, so betrachtet er in der Welt eigentlich das, was in seinem eigenen Dasein demjenigen entspricht, woran er sich «erinnert», was seinem Gedächtnisse einverleibt ist. Wenn der Mensch einmal nur dasjenige überdenkt, was seinem Gedächtnisse einverleibt ist, was er also in der Seele erlebt hat, so betrachtet er eben dasjenige, was in der Vergangenheit sich abgespielt hat und noch fortbesteht, was noch ein gewisses Dasein fortfristet. Aber das lebendige unsichtbare Seelendasein der Gegenwart betrachtet man nicht, wenn man sich dem Gedächtnisse bloß hingibt. Das Gedächtnis mit allen seinen Vorstellungen stellt etwas dar, was sich wie eingelagert hat in unser lebendiges Seelendasein, was förmlich da drinnen steckt — diese Dinge sind natürlich alle bildlich gesprochen; aber es ist das, was an Gedächtnis dem Seelendasein einverleibt ist, nicht das unmittelbare, elementare gegenwärtige Seelendasein. — So ist es draußen in der Natur mit dem mineralischen, pflanzlichen und tierischen Reich. In diesen Reichen leben gleichsam die Gedanken der göttlich-geistigen Wesenheiten, die in der Vergangenheit gedacht worden sind; und sie setzen sich in das gegenwärtige lebendige Dasein so fort, wie unsere Erinnerungsvorstellungen in unser Seelendasein. Daher haben wir in der Welt um uns herum nicht die Gedanken der gegenwärtigen, unmittelbaren lebendigen göttlich-geistigen Wesenheiten vor uns, sondern die Erinnerungsvorstellungen der Götter, die auf bewahrten Gedanken der Götter.

[ 3 ] Wenn wir unser Gedächtnis in seinem Inhalte anschauen, so kann uns dies in der Tat in einer gewissen Weise deshalb interessant sein, weil wir mit unserem Gedächtnis gewissermaßen an einem Zipfel das Weltenschaffen erfassen, dasjenige erfassen, was aus dem Schaffen in das Dasein übergeht. Es ist sozusagen die unterste Stufe des Geschaffenen, was da in unserer eigenen Seele als Gedächtnis, als Erinnerungsvorstellungen vorhanden ist; die allererste, flüchtigste Stufe des Geschaffenen. Wenn man aber gewissermaßen geistig aufwacht im Schlafe, dann sieht man etwas anderes. Dann sieht man gar nicht, was da draußen im Raume ist; man sieht gar nicht solche Vorgänge, wie sie einem entgegentreten im mineralischen, pflanzlichen oder tierischen Reiche, auch nicht im äußeren menschlichen Reiche. Sondern dann weiß man, daß eigentlich das Wesentlichste, was man da schaut, das Schaffende und Belebende am Menschen selber ist. Es ist förmlich so, wie wenn alles übrige ausgelöscht wäre und die Erde, die man da vom Gesichtspunkte des Schlafes aus betrachtet, nur den Menschen enthielte. Gerade das, was man bei Tage, beim Wachen niemals sehen würde, das enthüllt sich einem dann, wenn man vom Gesichtspunkte des Schlafes aus die Welt betrachtet. Und dann lernt man eigentlich erst die Gedanken kennen, welche sich die göttlich-geistigen Wesenheiten aufgespart haben, um über das mineralische, pflanzliche und tierische Dasein hinaus am Menschen zu schaffen. Während man also durch das physische Anschauen der Welt alles andere anschaut, nur nicht den Menschen, sieht man durch das geistige Anschauen vom Gesichtspunkt des Schlafes aus alles andere nicht an — und eigentlich nur den Menschen, insofern man von einer Schöpfung spricht, und das, was im Menschenreiche geschieht, also alles dasjenige, was sich dem gewöhnlichen täglichen Anschauen entzieht. Daher das zunächst Befremdende, das diese Anschauung hat, die in uns lebt, wenn wir vom Gesichtspunkte des Schlafes aus die Welt betrachten, das heißt, wenn wir innerhalb des Schlafes hellsichtig-schauend werden, geistig aufwachen.

[ 4 ] Ja, aber dieser Menschenleib — und ich betrachte jetzt als Menschenleib das, was im Schlafe überhaupt im Bette liegen bleibt, also physischer Leib und Ätherleib zusammen —, dieser Menschenleib bietet dann selber einen eigenartigen Anblick, einen Anblick, dessen Charakteristik man etwa in der folgenden Weise in Worte fassen kann: Nur bei dem im allerersten Lebensalter stehenden Kinde ist dieser schlafende Menschenleib in gewisser Beziehung ähnlich dem Weben und Leben und Treiben in den andern Reichen der Natur. Der Leib aber des erwachsenen Menschen, oder überhaupt des Kindes von einem bestimmten Lebensalter an, bietet vom Standpunkte des Schlafes aus gesehen eigentlich fortwährend einen Prozeß des Vergehens, des Zerstörens. Es werden zwar jede Nacht während des Schlafes die zerstörenden Kräfte wieder durch die Wachstumskräfte ertötet; es wird in der Nacht ausgeglichen, was der Tag zerstört, aber es ist immer ein Überschuß der zerstörenden Kräfte vorhanden. Und daß immer ein Überschuß von zerstörenden Kräften da ist, das macht es, daß wir überhaupt sterben. Es summieren sich die Differenzen, die da bleiben. Jede Nacht bleibt doch immer eine Differenz zurück. Die Kräfte, die während der Nacht ersetzt werden, sind nie genauso groß wie die, welche im Tagesleben verbraucht worden sind, so daß im normalen Leben des Menschen täglich immer ein gewisser Rest von zerstörenden Kräften zurückbleibt. Und da dieser Rest, der jeden Tag zurückbleibt, sich hinzurechnet zu dem andern, so tritt der natürliche Alterstod ein, wenn dann die Summe so groß ist, daß die zerstörenden Kräfte die aufbauenden überwiegen.

[ 5 ] Also wenn wir den Menschen vom Gesichtspunkte des Schlafes aus betrachten, schauen wir eigentlich auf einen Zerstörungsprozeß. Wir schauen auf diesen Zerstörungsprozeß nicht mit Trauer. Denn die Gefühle, die man etwa im Tagesleben über diesen Zerstörungsprozeß haben könnte, hat man nicht, wenn man vom Gesichtspunkte des Schlafes aus diesen Zerstörungsprozeß überblickt, weil man dann weiß, daß dieser Zerstörungsprozeß die Bedingung ist der eigentlichen geistigen Entwickelung des Menschen. Kein Wesen, das nicht seinen Leib zerstörte, könnte denken, könnte inneres seelisches Leben entwickeln. Es wäre ganz unmöglich, daß bei bloßen Wachstumsprozessen, denen nicht Zerstörungsprozesse gegenüberständen, seelisches Leben entwickelt werden könnte in dem Sinne, wie der Mensch seelisches Leben erlebt. Man sieht also in den Zerstörungsprozessen, die im menschlichen Organismus vor sich gehen, die Bedingungen des menschlichen seelischen Lebens und empfindet den ganzen Fortgang als eine Wohltat. Beseligend sogar empfindet man von der andern Seite des Lebens aus die Tatsache, daß man seinen Leib nach und nach auflösen kann. Es stellt sich nicht nur der Anblick von ‘der andern Seite des Lebens aus anders dar, sondern es stellen sich auch alle Empfindungen, alle Auffassungen anders dar; man hat eigentlich von dieser andern Seite des Lebens, vom Standpunkte des Schlafbewußtseins aus immer vor sich den verfallenden Leib, den richtig verfallenden Leib.

[ 6 ] Wenn wir nun das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt betrachten, so hat man etwas anderes vor sich. Eine Zeitlang dauert nach dem Tode eine gewisse Art des Zusammenlebens mit dem vorhergehenden Leben. Für die Kamalokazeit ist Ihnen ja das alles klar geworden; aber auch nach der Kamalokazeit dauert es noch eine Weile weiter: man lebt mit dem vorhergehenden Leben. Dann kommt aber eine Zeit, die immer eintritt in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Es kommt ein gewisser Zeitpunkt, wo tatsächlich in einem noch viel höheren Sinne als während des Schlafbewußtseins eine Umkehr alles Anschauens, alles Wahrnehmens gegenüber dem gewöhnlichen Anschauen und Wahrnehmen eintritt, eine Umkehr aus dem folgenden Grunde eben: Wenn man hier in diesem Erdendasein steht, blickt man aus seinem Leibe heraus in die andere Welt, die nicht unser Leib gerade ist; von diesem Zeitpunkte an zwischen Tod und neuer Geburt, auf den ich mich eben bezogen habe, blickt man eigentlich in sehr geringem Maße auf die Umwelt, auf das Universum. Man blickt aber um so mehr auf das, was man jetzt den Menschenleib nennen könnte, man kennt alle seine Geheimnisse. Also es kommt ein Zeitpunkt zwischen Tod und neuer Geburt, wo man sich insbesondere zu interessieren anfängt für den Menschenleib. Es ist ja ungeheuer schwierig, wenn man diese Verhältnisse charakterisieren will, und man kann es eigentlich nur mit stammelnden Worten. Es kommt ein Zeitpunkt zwischen Tod und neuer Geburt, wo man sich gegenüber dem ganzen Kosmos so fühlt, wie wenn man dieses Universum in sich hätte und außer sich nur den Menschenleib. Wie man dem Magen, der Leber, der Milz gegenüber fühlt, daß man sie innerlich hat, so fühlt man dann den Sternen und überhaupt den anderen Welten gegenüber von dem besagten Zeitpunkte an: man fühlt, man trägt sie innerhalb seines Wesens. Was für dieses Leben hier außen ist, das ist dann richtige innere Welt, und wie man jetzt hinausschaut auf Sterne, Wolken und so weiter, so sieht man dann auf den Menschenleib. Und zwar auf welchen Menschenleib?

[ 7 ] Wenn man wissen will, auf welchen Menschenleib man dann schaut, so muß man sich darüber klar sein, daß das, was als neuer Mensch durch eine nächste Geburt ins Dasein tritt, sich seinem Wesen nach lange, lange vor der Geburt vorbereitet. Es beginnt nicht mit der Geburt oder mit der Empfängnis, daß dieser Mensch sich sozusagen anschickt, auf der Erde wieder da zu sein, sondern lange vorher. Es sind ja dafür ganz andere Dinge wichtig als diejenigen, welche die heutige statistische Biologie annimmt. Diese nimmt an, daß, wenn ein Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt, er gewisse Eigenschaften von Vater, Mutter, Großvater und so weiter bis hinauf in die ganze Ahnenreihe vererbt erhält. Es gibt heute schon ein ganz niedliches Buch über Goethe, worin die Eigenschaften Goethes bis zu seinen Vorfahren hinauf verfolgt werden. Nun ist das im äußeren Sinne ganz richtig; absolut richtig ist es im äußeren Sinne, eben in dem Sinne, den ich schon öfter andeutete: daß durchaus kein Widerspruch ist zwischen irgendeiner naturwissenschaftlichen Tatsache, die mit Recht behauptet wird, und den geisteswissenschaftlich zu erörternden Tatsachen. Das verhält sich gerade so, wie wenn jemand kommt und sagt: Hier steht ein Mensch, warum lebt er? — Da kann jemand antworten: Ich weiß, warum der lebt: er lebt aus dem Grunde, weil er innen Lungen hat, und weil außen Luft ist. — Das ist ganz richtig, selbstverständlich richtig. Aber ein anderer kann kommen und sagen: Dieser Mensch lebt aus einem ganz anderen Grunde noch. Der ist vor vierzehn Tagen ins Wasser gefallen, und ich bin ihm nachgesprungen und habe ihn herausgezogen: deshalb lebt er; denn wenn ich nicht nachgesprungen wäre und ihn aus dem Wasser herausgezogen hätte, dann lebte er heute durchaus nicht! — Es ist diese Behauptung ganz richtig, aber die andere Behauptung ist ebenso richtig. So ist es ganz richtig, wenn man mit der äußeren Naturwissenschaft nachweist, jemand trage in sich die vererbten Merkmale seiner Ahnen; aber ebenso richtig ist es, wenn man auf sein Karma hinweist und auf die andern Dinge. Im Prinzip kann daher Geisteswissenschaft gar nicht intolerant sein; im Prinzip kann nur die äußere Wissenschaft intolerant sein, indem sie zum Beispiel die Geisteswissenschaft ablehnt. So kann jemand kommen und sagen, daß er die Merkmale der Vorfahrenreihe in sich aufbewahrt hat. Aber es besteht daneben auch noch die Tatsache, daß der Mensch von einem bestimmten Zeitpunkte zwischen dem Tode und der neuen Geburt Kräfte zu entwickeln beginnt, die auf seine Ahnen herunterwirken. Lange bevor ein Mensch ins physische Dasein tritt, steht er schon in einer geheimnisvollen Verbindung mit der gesamten Ahnenreihe. Und warum in einer Vorfahrenreihe ganz bestimmte Eigenschaften auftreten, das rührt davon her, daß aus dieser Ahnenreihe — vielleicht erst nach Jahrhunderten — ein ganz bestimmter Mensch hervorgehen soll. Dieser Mensch, der da nach Jahrhunderten vielleicht aus einer Ahnenreihe hervorgehen soll, regelt von der geistigen Welt aus die Eigenschaften seiner Ahnen. Goethe also — wenn wir dieses Beispiel noch einmal heranziehen wollen — zeigt die Merkmale seiner Vorfahren, weil er sich von der geistigen Welt aus fortwährend damit zu schaffen gemacht hat, seine Eigenschaften den Ahnen einzupflanzen. Und so wie es für Goethe gezeigt wurde, tut es jeder Mensch.

[ 8 ] Von einem ganz bestimmten Zeitpunkte ab ist also der Mensch zwischen dem Tode und der neuen Geburt schon beschäftigt mit der Vorbereitung seines späteren irdischen Daseins. Was der Mensch hier auf der Erde nämlich als seinen physischen Leib an sich trägt, rührt durchaus nicht alles von dem physischen Leben der Vorfahren her, rührt überhaupt nicht alles von dem her, was auf der Erde sich als Prozesse abspielen kann. Was wir als physischen Leib an uns tragen, ist eigentlich schon an sich eine viergliedrige Wesenheit. Wir haben ja unseren physischen Leib entwickelt durch die Saturn-, Sonnen-, Monden- und Erdenzeit. Veranlagt wurde er zuerst auf dem alten Saturn; während der Sonnenzeit hat sich der Ätherleib eingegliedert, während der Mondenzeit der astralische Leib, und während der Erdenzeit dann das Ich; und durch diese Eingliederungen ist der physische Leib immer umgeändert worden. So haben wir die umgeänderte Saturnanlage, die umgeänderten Sonnenverhältnisse, die umgeänderten Mondverhältnisse alle in uns. Wir könnten keinen physischen Menschenleib an uns tragen, wenn wir nicht die umgeänderten physischen Verhältnisse in uns tragen würden. Sichtbar ist von allem eigentlich nur das, was wir von der Erde an uns haben; die andern Glieder sind nämlich nicht sichtbar. Sichtbar wird der physische Leib des Menschen dadurch, daß er die Substanzen der Erde aufnimmt, in sein Blut verwandelt und ein Unsichtbares damit durchdringt. In Wirklichkeit sieht man nur das Blut und die Umwandelungsprodukte des Blutes, also nur ein Viertel des physischen Menschenleibes; die drei anderen Viertel sind unsichtbar. Denn da besteht zunächst ein unsichtbares Gerüst; in diesem unsichtbaren Gerüst sind unsichtbare Strömungen; das alles ist aber als Kräfte vorhanden. In diesen unsichtbaren Strömungen sind wieder unsichtbare Wirkungen der einzelnen Strömungen aufeinander. Das alles ist noch nicht sichtbar. Und jetzt wird dieses dreifache Unsichtbare durchdrungen von dem, was die Nahrungsmittel, die zum Blute verarbeitet werden, als Ausfüllung dieses dreifachen Unsichtbaren bilden. Dadurch wird erst der physische Leib sichtbar. Und erst mit den Gesetzen dieses Sichtbaren sind wir auf dem Gebiete, das von dem Irdischen stammt. Alles andere stammt nicht aus irdischen Verhältnissen; alles andere ist das, was aus kosmischen Verhältnissen kommt, und was uns bereits zubereitet ist, wenn die Empfängnis eintritt, wenn das erste physische Atom des Menschen ins Dasein tritt. Da ist in vorhergehenden Zeiten, ohne daß eine physische Verbindung mit Vater und Mutter da war, lange vorbereitet worden, was die spätere Leiblichkeit des Menschen sein soll. Die Vererbungsverhältnisse werden dann erst da hineingearbeitet.

[ 9 ] Auf dies, was sich, man möchte sagen, als der geistige Embryo, als der geistige Lebenskeim vorbereitet, und was sich vorzubereiten beginnt von: dem herangezogenen Zeitpunkte ab zwischen Tod und neuer Geburt, auf das sieht eigentlich das Seelische des Menschen hinunter. Das ist seine Außenwelt! Merken Sie jetzt den Unterschied, wenn man hellseherisch im Schlafe aufwacht, wenn man hinschaut auf den entwerdenden Menschenleib, wenn man auf den eigentlich in einem fortwährenden Zerstörungsprozeß befindlichen Menschenleib sieht — und wenn man auf den Zeitpunkt sieht, wo man seine inneren Eingeweide als seine Außenwelt schaut. Aber dann ist der innere, werdende Mensch die Außenwelt! Also man sieht das umgekehrt, als wenn man es sonst hellseherisch während des Schlafes sieht. Während des Schlafes fühlt man, wie man seine Eingeweide als seine Außenwelt empfindet, sieht aber sonst nur auf einen zerfallenden Menschen hin; in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt blickt man von dem angedeuteten Zeitpunkte ab auf den entstehenden, auf den werdenden, auf den ins Dasein sich hineinschaffenden Menschenleib hin. Der Mensch hat nur nicht die Fähigkeit, sich eine Erinnerung an das zu bewahren, was er zwischen Tod und neuer Geburt sieht. Aber was er da sieht als zusammensetzend das Wunderwerk der menschlichen Leiblichkeit, das ist wahrhaftig großartiger als alles, was der Mensch schauen kann, wenn er sonst den gestirnten Himmel erblickt, oder wenn er mit irgendeiner Anschauung, die an den physischen Leib gebunden ist, auf die physische Außenwelt hinsieht. Groß sind die Geheimnisse des Daseins, auch wenn wir sie nur sinnlich betrachten, von unserem sinnlichen Standpunkte aus; größer aber ist das, was wir anschauen, wenn wir das, was wir sonst so äußerlich sehen, als Eingeweide in uns selber tragen, und was wir dann als den werdenden Menschenleib mit allen seinen Geheimnissen durchschauen! Da sehen wir, wie alles hintendiert, sich vorbereitet, um zuletzt das physische Dasein zu ergreifen, wenn der Mensch durch die Geburt in die physische Welt eintritt.

[ 10 ] Nun gibt es nichts, was man in Wirklichkeit Seligkeit nennen kann, als das Anschauen des Schöpfungsprozesses, des Werdeprozesses. Alles Betrachten eines schon Daseienden ist nichts gegenüber dem Anschauen des Werdenden; und was gemeint ist mit den Seligkeiten, die der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt empfinden kann, das bezieht sich eigentlich darauf, daß der Mensch in dieser Zeit des Daseins das Werdende anschauen kann. Auf solche Dinge, die durch die Offenbarungen der Zeiten gegangen sind und von denen einzelne Geister ergriffen worden sind, die entsprechend vorbereitet waren, beziehen sich solche Worte, wie wir sie zum Beispiel im «Prolog im Himmel» in Goethes «Faust» haben:

Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfaß’ euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken.

[ 11 ] Das ist eben der Unterschied im Anschauen dieser Welt zwischen der Geburt und dem Tode und der Welt zwischen dem Tode und der neuen Geburt: daß wir hier Dasein und dann Werden schauen.

[ 12 ] Es könnte vielleicht jetzt jemandem der Gedanke einfallen: Aber dann beschäftigt sich ja der Mensch nur mit dem Anschauen seines eigenen Leibes? Das tut er nicht. Denn dieser eigene Leib ist in dem Stadium des Werdens wirklich Außenwelt, ist nicht der eigene Leib, er ist die Ausprägung der göttlichen Geheimnisse. Und da kommt es einem erst so recht in den Sinn, warum der physische Leib, den der Mensch zwischen Geburt und Tod ja in Wahrheit nur malträtiert, warum dieser Menschenleib, wenn man diesen ganzen Prozeß des Schauens ins Auge faßt, der Tempel der Weltengeheimnisse ist, denn er enthält mehr von dem Außendasein, als man erblickt, wenn man innen ist. Man hat dann das, was sonst Außenwelt ist, als Innenwelt; was man sonst Universum nennt, ist dann das, zu dem man Ego sagen kann — und das ist Außenwelt, was man da erblickt. Man muß sich nur nicht daran stoßen, daß man ja seinen Leib — das heißt denjenigen Leib, der dann der eigene Leib werden soll — erblickt, und daß daneben natürlich alle anderen entstehenden Leiber sein müssen. Das macht aber nichts aus. Es macht aus dem Grunde nichts aus, weil man es hier wieder zu tun hat mit der reinen Vervielfältigung. Und tatsächlich beginnt ein Unterschied der Menschenleiber, der einen interessieren kann und der bedeutsam sein kann, erst verhältnismäßig kurze Zeit bevor die Menschen in das physische Dasein eintreten. Die meiste Zeit zwischen dem Tod und der neuen Geburt, wenn man auf den werdenden Menschenleib hinabsieht, ist es wirklich so, daß sich die einzelnen Leiber nur der Zahl nach unterscheiden, und das überträgt sich auch richtig auf das eigene Erleben, auf das eigene Empfinden. Es ist ja wirklich schon kein großer Unterschied, wenn man ein Weizenkorn betrachten will, auf einen Acker geht und von irgendeiner Ähre ein Weizenkorn herausnimmt, oder ob man fünfzig Schritte weitergeht und dort aus einer Ähre ein Korn herausnimmt. Für das Wesentliche, das man am Weizenkorn betrachten kann, ist das eine Weizenkorn ebenso gut wie das andere. Aber dieses Empfinden hat man auch, wenn man den eigenen Leib betrachtet; daß er der eigene ist, hat eigentlich nur für die Zukunft Wert, weil man ihn später auf der Erde beziehen will; jetzt interessiert er einen nur als der Träger der höchsten Weltengeheimnisse, und darin besteht die Seligkeit, daß man ihn betrachten kann wie irgendeinen anderen Menschenleib auch. Man steht da vor dem Geheimnis der Zahl, das hier nicht weiter zu erörtern ist, aber unter vielen andern dabei in Betracht kommenden Dingen das hat, daß die Zahl — das heißt das vielfältige Dasein — vom geistigen Standpunkte aus überhaupt nicht mehr so empfunden wird wie vom physischen Standpunkte aus. Was in vielen Exemplaren empfunden wird, das wird doch wieder als Einheit empfunden.

[ 13 ] Man fühlt sich durch seinen Leib im Universum darinnen, und durch das, was man im physischen Leben Universum nennt, fühlt man sich in seiner Ichheit drinnen. So verschieden ist das Wahrnehmen, wenn man einmal die Welt von hier, einmal von dort betrachtet.

[ 14 ] Für den Seher ist jener Augenblick eigentlich der bedeutsamste zwischen Tod und neuer Geburt, wo der Mensch aufhört, sich bloß mit seinem letzten Leben zu befassen, und nun beginnt, auf das Werden hinzuschauen. Es ist der Eindruck, den der Seher bekommt, wenn er eine solche Seele beim Durchgang zwischen Tod und neuer Geburt verfolgt, wo die Seele in das Werden sich einzuleben beginnt, deshalb so erschütternd, weil die Seele selber, die durch diesen Moment durchgeht, eine bedeutsame Erschütterung erlebt. Es läßt sich das nur vergleichen mit dem Eintreten des Todes hier im physischen Leben. Wenn im physischen Leben der Tod eintritt, so geht man über vom Leben ins Sein; dort geht man über — obwohl es nicht genau bezeichnend ist, denn es läßt sich nicht ganz genau bezeichnen — von etwas, was mit einem früher erstorbenen Leben zusammenhängt, zu einem Werden, zu einem Erstehen. Man begegnet dem, was keimhaft ein ganz neues Leben in sich trägt. Es ist der umgekehrte Moment des Todes. Das ist so ungeheuer bedeutsam.

[ 15 ] Nun müssen wir im Zusammenhange damit einmal einen Blick werfen auf die menschliche Entwickelung, auf die menschliche Erdenevolution. Sehen wir zurück auf einen Zeitpunkt, in welchem unsere Seele zum Beispiel in der alten ägyptisch-chaldäischen Zeit war, wo sie, wenn sie durch den physischen Leib in die Welt hinaussah, nicht bloß die Sterne als physisch-sinnliche Himmelskörper erblickte, sondern wo sie noch — wenn auch nur in gewissen Zwischenzuständen im Leben zwischen Geburt und Tod — an den Sternen geistige Wesenheiten erschaute, die mit dem Sternendasein verknüpft sind. Das drang in die Seelen herein und die Seelen waren in jener Zeit erfüllt mit Eindrücken aus der geistigen Welt. Es mußte ja so geschehen, daß im Laufe der Entwickelung allmählich die Möglichkeit erstarb, das Geistige zu schauen, und der Blick auf die Sinnlichkeit beschränkt wurde. Das vollzog sich während der griechisch-lateinischen Zeit, wo der Blick des Menschen immer mehr von der geistigen Welt abgelenkt und auf die Sinneswelt beschränkt wurde. Und jetzt leben wir in der Zeit, wo für die Seele noch immer mehr die Möglichkeit erstirbt, im Leben der physischen Außenwelt Geistiges zu erblicken. Die Erde ist ja jetzt in ihrem Entwerdungsprozeß, in ihrem Absterbeprozeß, und man geht sehr stark in diesen Absterbeprozeß hinein. Während also zur ägyptisch-chaldäischen Zeit die Menschen noch Geistiges um sich erblickten, erblicken sie jetzt nur noch Sinnliches und sie sind stolz darauf, wenn sie eine Wissenschaft begründen können, die nur Sinnliches enthält. Dieser Prozeß wird noch weitergehen. Es wird eine Zeit kommen, in welcher der Mensch das Interesse für die unmittelbaren Eindrücke der Sinneswelt verlieren wird, und wo er gleichsam das Untersinnliche ins Auge fassen und sich dafür interessieren wird. Wir können das heute eigentlich schon bemerken, wie die Zeit heranrückt, daß sich der Mensch nur noch für das Untersinnliche interessiert. Manchmal tritt das sogar ganz bedeutsam hervor, zum Beispiel wenn die heutige Physik überhaupt nicht mehr Farben betrachtet. Denn in Wirklichkeit betrachtet heute die Physik nicht mehr die Qualität der Farbe, sondern sie will das, was unter der Farbe ist, was da unter der Farbe vibriert, unter der Farbe schwingt, betrachten. Sie können heute schon in manchen Büchern den Unsinn lesen, daß man sagt, eine gelbe Farbe zum Beispiel sei eine soundso große Schwingungszahl von Wellenlängen. Da wird also die Betrachtung schon abgelenkt von der Qualität der Farbe und zu dem hingelenkt, was nicht in der gelben Farbe ist, und was man dann als Realität vorstellt. Sie können heute Physikbücher, auch physiologische Bücher finden, in denen betont wird, daß nicht mehr das unmittelbare Sinnesbild die Aufmerksamkeit fesseln soll, sondern etwas, wo alles aufgelöst ist in Schwingungen und Schwingungszahlen. Und diese Art, die Welt zu betrachten, wird immer weitergehen. Die Menschen werden die Aufmerksamkeit verlieren für das sinnliche Dasein und nur dasjenige ins Auge fassen wollen, was als Kraftwirkungen vorhanden ist. Man braucht sich nur an eines zu erinnern, um sozusagen kulturhistorisch-empirisch die Sache zu beweisen. Schlagen Sie heute noch die Rede auf, die Du Bois-Reymond am 14. August 1872 «Über die Grenzen des Naturerkennens» gehalten hat. Da werden Sie einen eigentümlichen Ausdruck für eine Sache finden, die schon Laplare geschildert hat, den Ausdruck von der «astronomischen Kenntnis eines materiellen Systems», das ist, wenn man das, was hinter einem Licht- oder Farbenprozeß steckt, so darstellt wie etwas, was nur durch mathematisch-physikalische Kräfte bewirkt wird. Es wird einmal dahin kommen, daß die Menschenseelen so weit sein werden — und die besten Anlagen dazu haben für die nächste Inkarnation schon die, welche heute auf gewissen Schulen erzogen werden —, das richtige Interesse für die leuchtende Farbe und für die Lichtwelt verloren zu haben und nur zu fragen nach den Kräfteverhältnissen. Die Menschen ‘werden gar nicht mehr Interesse haben für Violett und Rot, sondern nur noch für diese oder jene Wellenlängen.

[ 16 ] Dieses Veröden der menschlichen Innenheit ist etwas, dem man entgegengeht, und Anthroposophie ist dazu da, dem entgegenzuarbeiten, in allen Einzelheiten entgegenzuarbeiten. Denn es arbeitet ja nicht etwa bloß die unmittelbare Pädagogik auf diese Verödung des Lebens hin, sondern dieser Zug ist im ganzen Leben vorhanden. Und es war ein gewisser Kontrast gegenüber dem gewöhnlichen Leben, wenn wir in unserer Anthroposophie den Seelen das geben wollen, was sie wieder befruchtet, was nicht nur aus der sinnlichen Maja sein soll; denn wir wollen der Menschenseele wieder das geben, was nicht nur die sinnliche Maja gibt, sondern was als Geist hervorquillt. Und das können wir, wenn wir ihr das geben, wodurch sie in den folgenden Inkarnationen wieder in der wahren Welt wird leben können. So war ein gewisser Kontrast darin, daß wir diese Dinge vortragen mußten in der Welt, die in der Gleichgültigkeit gegen Form und Farbe ein solches Gegenstück bildet zu dem, was wir wollen; denn besonders in bezug auf die Farben bereitet die heutige Welt die Seelen auch vor, dem entgegenzuwirken, was wir wollen. Wir müssen nicht nur mit Begriffen und Ideen arbeiten, sondern wir müssen mit Welten-Ideen arbeiten. Deshalb ist es nicht eine bloße Vorliebe von uns, wenn wir uns so umgeben, wie es hier in diesem Raume ist, sondern das hängt zusammen mit dem ganzen Wesen der Geisteswissenschaft. Es soll wieder in der Seele die Möglichkeit erwachen, unmittelbar das zu empfinden, was sich den Sinnen darbietet, damit von da aus auch wieder in der Seele das lebendige Leben im Geistigen ersprießen kann. Jetzt, in dieser Inkarnation, kann ein jeder von uns die Geisteswissenschaft aufnehmen. Er nimmt sie mit der Seele auf, verarbeitet sie mit der Seele; das aber, was er jetzt seelisch aufnimmt, geht hinein in seine Anlagen für die nächste Inkarnation. Wenn er also durch die Zeit zwischen dem Tode und der nächsten Geburt durchgeht, dann schickt er von seiner Seele aus in seinen werdenden Leib das hinein, was dann seine körperlichen Anlagen dazu bereitet, um wiederum die Welt geistiger zu sehen. Das kann er nicht, wenn er keine Anthroposophie aufnimmt. Denn, wenn er sie nicht aufnimmt, dann bereitet er seinen Leib dazu vor, nichts zu schauen als öde Verhältnisse, nicht einmal mehr ein Auge zu haben für die Sinneswelt.

[ 17 ] Und nun sei etwas ausgesprochen, was sozusagen für den Seher ein Urteil abgibt über die Mission der Geisteswissenschaft.

[ 18 ] Wenn der Seher heute den Blick auf das Leben richtet, welches die Seelen zwischen Tod und neuer Geburt führen, jene Seelen, die durch den vorhin charakterisierten Zeitpunkt schon gegangen sind und sich im Anschauen des werdenden Leibes auf ein künftiges Dasein vorbereiten, so kann er gewahren, daß die Seelen auf einen werdenden Leib hinblicken, der ihnen in zukünftigen Leben nicht mehr die Möglichkeit bieten wird, Anlagen zu entwickeln, um das Geistige aufzufassen, denn für das Leben im physischen Leibe muß man diese Anlagen schon hineingetan haben vor der Geburt. Daher werden schon in der nächsten Zukunft Menschen geboren werden, denen immer mehr und mehr — wie es für manche Seelen schon seit längerer Zeit ist — die Anlage für das Entgegennehmen des spirituellen Wissens fehlen wird. Es wird sich der Anblick bieten von Seelen, die in vorhergehenden Leben die Möglichkeit entbehrt haben, Spirituelles aufzunehmen, und die zwar ein Hinblicken auf ein Werden darstellen — nur ist das Furchtbare das: auf ein Werden, dem etwas fehlt und fehlen muß, Von diesen Anblicken geht das Begreifen der Mission der Anthroposophie aus. Es gehört in der Tat zu den erschütternden Anblicken, wenn man eine Seele sieht, die auf ihre künftige Inkarnation, auf ihren künftigen Leib sieht, die auf ein sprießendes, sprossendes Werden sieht, aber auf ein Werden, von dem sie sich sagen muß: Dem wird etwas fehlen! Aber was ihm fehlen wird, ich kann es ihm nicht geben, weil das von meiner vorhergehenden Inkarnation abhängt! — Im kleinen läßt sich das damit vergleichen, wie wenn man an etwas arbeiten müßte, von dem man wüßte: es muß unvollkommen werden, man ist dazu verurteilt, es unvollkommen zu machen. Versuchen Sie sich den Vergleich zu vergegenwärtigen: Sie können eine solche Arbeit vollkommen machen und können Ihre Freude an der Arbeit haben, oder Sie sind von vornherein dazu verurteilt, sie unvollkommen zu machen!

[ 19 ] Das ist die große Frage: Soll die Menschenseele immer mehr und mehr dazu verurteilt sein, hinunterzublicken auf ihre unvollkommen bleibenden Leiber, oder soll sie das nicht? — Wenn sie nicht dazu verurteilt sein soll, dann muß sie hier in ihrem Leben in physischen Leibern die Kunde, die Botschaft von den spirituellen Welten aufnehmen.

[ 20 ] Es ist schon einmal das, was diejenigen als ihre Aufgabe ansehen, welche da die Botschaft von den geistigen Welten verkünden, nicht bloß den Erdenidealen entnommen! Es entspringt keinem Erdenideale, sondern es entspringt dem Anblick des Gesamtlebens, jenes Lebens, das sich uns darstellt, wenn wir zu dem Erdenleben erst die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt dazunehmen. Und darinnen zeigt sich uns die Möglichkeit einer fruchtbaren Menschenzukunft, zeigt sich uns auch die Möglichkeit, der Verödung der Menschenseele entgegenzuarbeiten. Da kann man dann jenes Gefühl bekommen, welches einem sagt: Geisteswissenschaft muß da sein, sie muß kommen, muß existieren in der Welt. Wahre, wirkliche Geisteswissenschaft ist eben das, ohne das die Menschheit in der Zukunft nicht bestehen kann. Aber nicht in dem Sinne nicht bestehen kann, wie man ohne irgendein anderes Wissen nicht bestehen kann; sondern Geisteswissenschaft ist das, was nicht nur Begriffe und Ideen dem Menschen gibt, sondern was Leben gibt. Und was in einer Inkarnation für die Seele Begriffe und Ideen der Geisteswissenschaft sind, das ist für sie in der nächsten Inkarnation Leben, innerliche Lebenskraft und Lebenswirksamkeit. Daher ist es nicht bloß ein Leben in Begriffen und Ideen, was die Geisteswissenschaft dem Menschen gibt, sondern es ist Lebenselixier, Lebenskraft. Daher sollte man, wenn man sich zu einer geisteswissenschaftlichen Bewegung dazurechnet, diese Geisteswissenschaft als eine Lebensnotwendigkeit fühlen, nicht bloß als etwas, was begründet wird wie die Dinge, die in anderen Vereinen begründet werden. Dieses Fühlen des lebendigen Versetztseins in die Notwendigkeiten des Daseins ist das richtige Empfinden gegenüber der Geisteswissenschaft. Und wir haben diese Betrachtungen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt angestellt, um von der anderen Seite aus den richtigen Impuls zu bekommen, der uns unmittelbar den Enthusiasmus für die Geisteswissenschaft geben kann.