Experiences of the Supernatural
The Three Paths of the Soul to Christ
GA 143
16 April 1912, Stockholm
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Experiences of the Supernatural, tr. SOL
7. Die drei Wege der Seele zu Christus I
7. The Three Paths of the Soul to Christ I
[ 1 ] Der Weg durch die Evangelien und der Weg der inneren Erfahrung
[ 1 ] The Path Through the Gospels and the Path of Inner Experience
[ 2 ] Wir werden an diesen zwei intimeren Abenden zu sprechen haben über eine Frage, über eine Angelegenheit der Menschheit, welche in einer zweifachen Beziehung ganz außerordentlich tief in unsere Seelen eingreift, einmal darum, weil die Christus-Frage ja eine solche ist, welche nun schon zwei Jahrtausende hindurch nicht etwa bloß zahlreiche Seelen der Erde beschäftigt hat, sondern aus welcher für zahlreiche Erdenseelen geflossen ist geistiges Lebensblut, seelische Kraft, Trost und Hoffnung im Leiden, Stärke und Sicherheit im Handeln. Und nicht allein das, sondern wenn wir in Betracht ziehen alles dasjenige, was wir an äußerer, exoterischer Kultur um uns herum haben, was geschaffen haben viele Jahrhunderte, dann sehen wir bei tieferer Erkenntnis, daß alles das unmöglich gewesen wäre, wenn der ChristusImpuls nicht einen großen Teil der Menschheit ergriffen hätte. Dies ist die eine Überlegung, die uns zeigt, welch starkes Interesse die Christus-Frage bieten muß, wenn wir nun mit den Erkenntnissen der Anthroposophie uns der Christus-Frage nahen. Dies ist nur die eine Seite des Interesses, welches wir diesem Problem entgegenbringen; die andere Seite des Interesses, sie kommt aus den besonderen seelischen und geistigen Verhältnissen gerade unserer Zeit, unserer Epoche. Wir brauchen nur herumzuschauen in der Welt und verstehen wollen die Sehnsuchten, das Suchen der menschlichen Seele, und wir werden uns sagen können: Immer mehr suchen die menschlichen Seelen nach etwas, was mit dem Namen des Christus verbunden worden ist in den Seelen durch die Jahrhunderte hindurch, und immer mehr kommen die Seelen zu der Überzeugung, daß Erneuerung der Wege, Erneuerung des Interesses, Vertiefung der Erkenntnisse nötig sei, wenn die Bedürfnisse der menschlichen Seelen, so wie sie stets mehr kommen werden in bezug auf den Christus, befriedigt werden sollen. Finden wir auf der einen Seite ein Lechzen nach Aufschlüssen über den Christus, so finden wir auf der anderen Seite bei zahlreichen Seelen der Gegenwart Bedenklichkeit und Unsicherheit in bezug auf die bisherigen Mittel. Und so ist denn gerade diese Frage, wegen der Sehnsucht eine Antwort haben zu müssen und wegen der Unsicherheit die Wahrheit zu erfahren, eine der brennendsten in der Gegenwart.
[ 2 ] On these two more intimate evenings, we will be discussing a question a matter of humanity that touches our souls extraordinarily deeply in two respects: first, because the question of Christ is one that, for two millennia now, has not merely occupied countless souls on Earth, but from which spiritual lifeblood, soul strength, comfort and hope in suffering, and strength and security in action have flowed for countless earthly souls. And not only that, but when we consider all that we have around us in terms of external, exoteric culture—what has been created over many centuries—then, upon deeper reflection, we see that all of this would have been impossible had the Christ impulse not taken hold of a large part of humanity. This is the one consideration that shows us how compelling the Christ question must be when we now approach it with the insights of anthroposophy. This is only one aspect of the interest we bring to this problem; the other aspect of our interest stems from the particular psychological and spiritual conditions of our time, our epoch. We need only look around the world and seek to understand the longings and the searching of the human soul, and we will be able to say to ourselves: Human souls are increasingly seeking something that has been associated with the name of Christ in the souls throughout the centuries, and souls are increasingly coming to the conviction that a renewal of the paths, a renewal of interest, and a deepening of understanding are necessary if the needs of human souls—which will continue to grow in relation to Christ—are to be satisfied. While on the one hand we find a yearning for insights into Christ, on the other hand we find, in numerous souls of the present, hesitation and uncertainty regarding the means employed thus far. And so it is precisely this question—arising from the longing to have an answer and from the uncertainty of discovering the truth—that is one of the most pressing of the present.
[ 3 ] Selbstverständlich ist es daher, daß eine geistige Bewegung, die tiefer in die spirituellen Grundlagen hineindringt, die Aufgabe hat, über diese Frage Klarheit zu schaffen. Stehen heute die Dinge so, in verhältnismäßig kurzer Zeit, wahrhaftig in recht kurzer Zeit werden sie noch ganz anders stehen! Wenn wir ein wenig unegoistisch auf dasjenige sehen, was in bezug auf den Christus die Menschen bedürfen werden, die Nachkommen sind unserer Zeit, dann werden wir uns sagen müssen: Wenn auch viele Menschen der Gegenwart aus dem, was da ist, Befriedigung schöpfen, so werden doch immer mehr die Seelen sich unsicher fühlen, und immer mehr werden sie lechzen nach Aufschlüssen. So sprechen wir, wenn wir von dem Christus heute sprechen, von dem, wovon wir voraussehen, daß es notwendig für die Menschen einer ganz nahen Zukunft sein wird. Anthroposophie würde ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn sie sich nicht in die Lage versetzen würde, mit ihren Erkenntnissen Klarheit zu schaffen über diese Punkte, insoweit das heute möglich ist.
[ 3 ] It is therefore only natural that a spiritual movement which delves more deeply into the spiritual foundations should have the task of clarifying this question. While things may be this way today, in a relatively short time—indeed, in quite a short time—they will be quite different! If we look a little selflessly at what people—the descendants of our time—will need with regard to the Christ, then we will have to say to ourselves: Even if many people of the present derive satisfaction from what is available, more and more souls will feel insecure, and more and more will yearn for answers. Thus, when we speak of the Christ today, we speak of what we foresee will be necessary for the people of the very near future. Anthroposophy would not fulfill its task if it did not put itself in a position to use its insights to shed light on these points, to the extent that this is possible today.
[ 4 ] Mein Ausgangspunkt soll sein, hinzuweisen auf die drei Wege, auf denen nach dem Gange der Menschheitsentwickelung die Seele zum Christus gelangen kann. Wenn man von den drei Wegen spricht, muß man auch kurz hinweisen auf den ersten Weg, der heute kein Weg mehr ist, es aber war; der heute kein esoterischer Weg sein muß, so wie gerade in unserer Zeit der anthroposophische Weg es ist, der aber ein Weg war für Millionen von Seelen durch die Jahrhunderte hindurch. Dieser erste Weg ist der durch die sogenannten christlichen Urkunden, durch die Evangelien. Dieser Weg war für Millionen und aber Millionen von Menschen und ist noch heute für unzählige Menschen der einzig mögliche. Der zweite Weg, auf dem die Menschenseele den Christus suchen kann, ist der, den man nennen kann den Weg durch innere Erfahrung, den vorzugsweise zahlreiche Seelen in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft aus ihrer besonderen Beschaffenheit und ihren besonderen Eigenschaften heraus gehen müssen. Der dritte Weg ist der, welcher wenigstens begonnen werden kann verstanden zu werden in unserer Zeit von der anthroposophischen Bewegung aus, der Weg durch die Initiation. — So gibt es also drei Wege zum Christus: erstens den Weg durch die Evangelien, zweitens den Weg durch die innere Erfahrung und drittens den Weg durch die Initiation.
[ 4 ] My starting point will be to point out the three paths by which, in accordance with the course of human development, the soul can reach Christ. When speaking of the three paths, one must also briefly mention the first path, which is no longer a path today but once was; which need not be an esoteric path today, as the anthroposophical path is in our time, but which was a path for millions of souls throughout the centuries. This first path is that through the so-called Christian texts, through the Gospels. This path was the only possible one for millions upon millions of people and remains so for countless people today. The second path by which the human soul can seek Christ is what might be called the path through inner experience, which numerous souls in the present and in the near future must take, primarily due to their particular nature and characteristics. The third path is the one that can at least begin to be understood in our time through the anthroposophical movement: the path through initiation. — Thus, there are three paths to Christ: first, the path through the Gospels; second, the path through inner experience; and third, the path through initiation.
[ 5 ] Der erste Weg, der durch die Evangelien, braucht hier zunächst nur kurz charakterisiert zu werden. Wir wissen ja alle, daß die Evangelien im Laufe der Jahrhunderte die Herzens- und Seelennahrung geworden sind für unzählige Menschen. Wir wissen auch, wie die aufgeklärtesten, die kritischsten Naturen — und das sind nicht die irreligiösen — beginnen, kein Verhältnis mehr zu haben zu diesem Weg, weil geltend gemacht wird, daß heute aus einem äußeren Wissen nicht zu erkennen sei, welche historischen Tatsachen eigentlich hinter dem stehen, was die Evangelien erzählen. Würden die Menschen der vergangenen Jahrhunderte die Evangelien gelesen haben, wie sie heute etwa ein Gelehrter liest, ein Mensch, der durch die heutige naturwissenschaftliche Bildung gegangen ist, es würden die Evangelien nicht die gewaltige Wirkung haben ausüben können, die Lebenswirkung, die von ihnen ausgegangen ist. Nun, wenn die Evangelien nicht so, wie der heutige gebildete Mensch sie liest, in den verflossenen Jahrhunderten gelesen worden sind, wie sind sie dann gelesen worden? — Nachzudenken von vorneherein, was sich zugetragen habe in Palästina im Anfange unserer Zeitrechnung, daran haben die Evangelienleser von früheren Jahrhunderten nicht gedacht, und daran denken auch jetzt noch zahlreiche Evangelienleser nicht. Diejenigen, die beginnen in den Evangelien zu prüfen, was sich vor den Augen der Bewohner von Palästina zugetragen habe im Anfange unserer Zeitrechnung, werden irre an dem historischen Charakter der Ereignisse von Palästina. So haben die Menschen der vorigen Jahrhunderte nicht gelesen. So haben sie gelesen, daß sie wirken ließen auf ihre Seelen ein Bild wie zum Beispiele die Samariterin am Brunnen, oder Christus seinen Jüngern die Bergpredigt haltend. An die Frage nach der äußeren physischen Realität dachten die Evangelienleser von vorneherein nicht. Wie ihnen das Herz aufging, wie die Empfindungen spielten bei diesen großen, gewaltigen Bildern, das war diesen Menschen die Hauptsache. Dann war ferner die Hauptsache, was im Herzen sich bildete, was sie an Kraft, an Lebenssinn aus diesen Bildern gewannen. Sie fühlten, daß ihnen geistiges Lebensblut, Stärke zufloß aus diesen Bildern. Wenn sie diese Bilder auf ihre Seelen wirken ließen, dann fühlten sie sich stark; sie fühlten, daß sie schwach sein müßten ohne diese Bilder. Und dann fühlten sie lebendige, persönliche Beziehungen zu dem, was in den Evangelien erzählt wird, dann fiel ihnen die Frage nach der historischen Realität nicht weiter auf. Realität waren die Evangelien selber, sie waren als Kraft da, man brauchte nicht zu fragen, woher sie kamen; man wußte, daß Leute sie geschrieben haben nicht mit irdischen Mitteln, sondern mit Impulsen aus den geistigen Welten. Ich behaupte nicht, daß man nun heute auch so fühlen muß — was man muß, hängt ab von der Entwickelung der Menschheit —, sondern ich behaupte, daß das Fühlen derMenschen so war durch die Jahrhunderte hindurch.
[ 5 ] The first path, the one through the Gospels, need only be briefly described here. We all know, after all, that over the centuries the Gospels have become food for the hearts and souls of countless people. We also know how even the most enlightened, the most critical minds—and these are not the irreligious ones—begin to lose all connection to this path, because it is argued that today, based on external knowledge alone, it is impossible to discern which historical facts actually underlie what the Gospels recount. If people of past centuries had read the Gospels as a scholar might read them today—someone who has undergone today’s scientific education—the Gospels would not have been able to exert the powerful effect, the life-changing impact, that emanated from them. Now, if the Gospels were not read in past centuries the way today’s educated person reads them, how were they read? — To reflect from the outset on what took place in Palestine at the beginning of our era—this is something that readers of the Gospels in earlier centuries did not consider, and it is something that numerous readers of the Gospels still do not consider today. Those who begin to examine in the Gospels what took place before the eyes of the inhabitants of Palestine at the beginning of our era are misled by the historical character of the events in Palestine. That is not how people of past centuries read them. They read in such a way that they allowed an image—such as the Samaritan woman at the well, or Christ delivering the Sermon on the Mount to his disciples—to take hold of their souls. From the very beginning, readers of the Gospels did not concern themselves with the question of external physical reality. How their hearts were moved, how their feelings stirred in the presence of these great, powerful images—that was the main thing for these people. Furthermore, the main thing was what took shape in their hearts, what strength and sense of life they drew from these images. They felt that spiritual life-blood and strength flowed to them from these images. When they allowed these images to work upon their souls, they felt strong; they felt that they would be weak without these images. And then they felt a living, personal connection to what is recounted in the Gospels; the question of historical reality no longer occurred to them. The Gospels themselves were reality; they were present as a force; there was no need to ask where they came from; one knew that people had written them not by earthly means, but through impulses from the spiritual worlds. I am not claiming that one must feel this way today—what one must do depends on the development of humanity—but I am claiming that this is how people felt throughout the centuries.
[ 6 ] Warum konnte es so sein? Nun, darüber unterrichtet uns erst jetzt die Geisteswissenschaft. Wenn wir beginnen, die Evangelien geisteswissenschaftlich zu verstehen und versuchen einzudringen in das, was herunterfließend aus geistigen Welten in den Evangelien enthalten ist, so stehen wir so vor den Evangelien, daß wir sagen: Wir erkennen aus den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen heraus, ganz unabhängig von diesen Evangelien, dasjenige, was geschehen ist in der Menschheitsentwickelung mit dem Christus-Impuls, und finden dann das, was in den Evangelien enthalten ist, unabhängig von ihnen. Wie fassen wir daher geisteswissenschaftlich die Evangelien?
[ 6 ] Why could this be the case? Well, Spiritual Science is only now teaching us about this. When we begin to understand the Gospels from a spiritual scientific perspective and try to penetrate what flows down from the spiritual worlds and is contained in the Gospels, we stand before the Gospels in such a way that we say: Based on insights from Spiritual Science, quite independently of these Gospels, we recognize what happened in human evolution with the Christ impulse, and then find what is contained in the Gospels, independently of them. How, then, do we approach the Gospels from a Spiritual Science perspective?
[ 7 ] Wenn ich einen einfachen Vergleich gebrauchen darf, so könnte ich sagen: Nehmen wir an, ein Mensch habe sich Aufklärung verschafft über eine Sache. Mit dieser Aufklärung begegnet er einem zweiten Menschen und beginnt mit diesem zu sprechen. Er will zunächst gar nicht voraussetzen, daß der andere etwas davon weiß, wovon er sich Aufklärung verschafft hat; aus dem Gespräch merkt er aber: der weiß das ebensogut wie ich. Was ist dann vernünftig, anzunehmen? Das Vernünftige ist, anzunehmen, daß der andere sich aus denselben oder ähnlichen Quellen Aufklärung verschafft hat. So geht es auch mit den Evangelien. Wir können das tun, von welchem Standpunkte wir auch immer an die Evangelien herankommen. Es könnte eine Gesellschaft begründet werden von Menschen, die in der geschilderten Art Leser der Evangelien sind. Dann könnten in einer solchen Gesellschaft auch solche sein, die von vorneherein ganz Gegner der Evangelien sind und die sagen: Prüfen wir diese Evangelien nach den Methoden der äußeren Wissenschaft, so finden wir, daß diese Evangelien viel später geschrieben sind als die Ereignisse von Palästina geschehen sein können; die Berichte widersprechen einander, kurz, diese Evangelien können nicht als historische Urkunden gelten. — Solche Menschen könnten auch da sein in einer solchen Gesellschaft und man könnte doch sagen: Gut, lassen wir die Evangelien zunächst in Ruhe, aber forschen wir in den übersinnlichen Welten! — Und treiben wir wahrhafte Geistesforschung, gewinnen wir wahrhafte übersinnliche Erkenntnisse, so würden wir finden können, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung einmal eingetreten ist ein gewaltiger Impuls, der aus den geistigen Welten heraus als Impuls in die Menschheitsentwickelung eingeschlagen hat, von dem Ungeheures ausgegangen ist für die Menschheitsentwickelung, und dann würden wir sehen, daß dieser Impuls zunächst ergriffen hat einen besonders dazu geeigneten Menschen im Beginne unserer Zeitrechnung. Dies alles und viele andere Erkenntnisse, die sich angliedern an diese Erkenntnis und die wir nur aus übersinnlicher Forschung schöpfen, wir würden sie haben — und es könnten sie diejenigen, die von den Evangelien nichts wissen wollen, ebenso wie die anderen haben. Dann kann man an die Evangelien herangehen und sagen: Nun gut, wir haben uns zunächst gar nicht bekümmert um diese Evangelien; merkwürdig, wenn wir sie vorsichtig lesen, dann sehen wir, daß darinnen ist, was wir unabhängig von ihnen auf geisteswissenschaftlichem Felde finden. Jetzt erkennen wir ihren Wert von ganz anderer Seite her. — Dann sind wir uns klar darüber, daß das nicht anders sein kann, daß diejenigen, die die Evangelien geschrieben haben, aus derselben Quelle schöpfen, die sich nun öffnet durch die spirituelle Bewegung für die Menschheit. Das ist gerade dasjenige, vor dem wir stehen, das immer mehr kommen wird, das sich Geltung verschaffen wird für die Schätzung der Evangelienurkunden. Wenn das so ist, so müssen wir sagen: Die Menschen werden auf anderen Wegen das finden können, was aus diesen Urkunden erkannt werden kann. Und so beginnen uns diese Erkenntnisse immer mehr und mehr heilig zu werden durch die spirituellen Erkenntnisse der Gegenwart. Sie wirkten schon durch die Kraft der Evangelien. Weil die Evangelien durchtränkt sind mit den heiligsten Erkenntnissen, den geistigsten Impulsen der Menschheit, darum wirkten sie auch da, wo man sie naiv hinnahm. Geistige Erkenntnisse wirken nicht nur abstrakt, nicht nur in der Theorie, sondern da, wo sie sind, wirken sie als Lebenskraft, als seelisches Lebensblut. Und immer mehr und mehr wird man erkennen, wie Trost und Kraft und Sicherheit aus diesen Erkenntnissen fließen.
[ 7 ] If I may use a simple analogy, I could say: Let us suppose that a person has informed himself about a certain matter. Armed with this knowledge, he meets a second person and begins to speak with him. At first, he does not want to assume that the other person knows anything about the subject he has researched; but from the conversation he realizes: the other person knows just as much as I do. What, then, is reasonable to assume? The reasonable thing is to assume that the other person has gained insight from the same or similar sources. The same applies to the Gospels. We can do this, no matter from what standpoint we approach the Gospels. A society could be founded by people who are readers of the Gospels in the manner described. Then there could also be people in such a society who are outright opponents of the Gospels from the outset and who say: If we examine these Gospels using the methods of external science, we find that these Gospels were written much later than the events in Palestine could have taken place; the accounts contradict one another; in short, these Gospels cannot be regarded as historical documents. — Such people might also be present in such a society, and one could still say: Well, let us leave the Gospels alone for the time being, but let us investigate the supersensible worlds! — And if we engage in true spiritual research and gain true supersensible insights, we would be able to discover that, in the course of human development, a mighty impulse once occurred that struck into human development as an impulse from the spiritual worlds, from which something immense emanated for human development, and then we would see that this impulse first took hold of a person particularly suited to it at the beginning of our era. All this and many other insights connected to this one—which we can only draw from supersensible research—we would possess—and those who wish to know nothing of the Gospels could have them just as much as the others. Then one can approach the Gospels and say: Very well, at first we didn’t concern ourselves with these Gospels at all; strangely enough, when we read them carefully, we see that they contain what we find independently of them in the field of Spiritual Science. Now we recognize their value from a completely different perspective. — Then we realize clearly that it cannot be otherwise, that those who wrote the Gospels drew from the same source that is now opening up to humanity through the spiritual movement. This is precisely what we are facing, what will come more and more, what will assert itself in the appreciation of the Gospel documents. If this is so, then we must say: People will be able to find, through other means, what can be recognized from these documents. And so these insights are beginning to become more and more sacred to us through the spiritual insights of the present. They were already at work through the power of the Gospels. Because the Gospels are imbued with the most sacred insights, the most spiritual impulses of humanity, they were effective even where they were accepted naively. Spiritual insights do not work merely in the abstract, not merely in theory; rather, wherever they are, they act as a life force, as the lifeblood of the soul. And more and more, people will recognize how comfort, strength, and security flow from these insights.
[ 8 ] Wenn wir dagegen von dem inneren Wege zum Christus sprechen, dann begegnen wir immer mehr und mehr Dingen, welche erst verstanden und empfunden werden können in der Gegenwart, wenn man mit richtigem geisteswissenschaftlichem Verständnis an sie herantritt. Es soll versucht werden, von der inneren Christus-Erfahrung so zu sprechen, daß man sehen kann, wie sie in jedem Menschen, von irgendeiner Überlieferung unabhängig, sich einstellen kann. Allerdings müssen wir dazu die menschliche Wesenheit betrachten mit den Erkenntnissen, die wir durch Geisteswissenschaft gefunden haben. Wenn wir uns vertiefen in diese Erkenntnisse, dann finden wir, daß auch die elementarsten Erkenntnisse fruchtbar werden, wenn wir sie anwenden auf das Leben. Es zeigt sich uns, daß man herauskommt aus der abstrakten Schematik über die sieben Glieder des Menschen, wenn man das Werden und Entstehen des Menschen ins Auge faßt. Der physische Menschenleib hat seine besondere Entwickelung in den ersten sieben Lebensjahren. Wir merken ferner, daß in den zweiten sieben Lebensjahren, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, im Menschenwesen die Kräfte des ätherischen Leibes spielen. Dann beginnen im Menschen die Kräfte des astralischen Leibes zu spielen, und dann erst, um das zwanzigste oder einundzwanzigste Jahr herum, beginnt — je nachdem, wie seine ganze Organisation ist und je nachdem, wie die Kräfte in ihm sind — dasjenige im Menschen, was auftritt als Ich, als Träger des Ich mit der Kraft, die es eigentlich hat durch seine Organisation für das gesamte Leben des Menschen als Träger des Ich. Es wird eigentlich in unserer heutigen Zeit noch nicht viel bemerkt, daß der Träger des Ich erst recht lebensfähig wird im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre, weil die Gegenwart noch nicht geneigt ist, auf diese Dinge zu achten.
[ 8 ] When, on the other hand, we speak of the inner path to Christ, we encounter more and more things that can only be understood and felt in the present if we approach them with a proper understanding of Spiritual Science. We should try to speak of the inner experience of Christ in such a way that one can see how it can arise in every human being, independent of any particular tradition. To do this, however, we must view the human being through the insights we have gained from Spiritual Science. When we delve into these insights, we find that even the most elementary insights become fruitful when we apply them to life. It becomes clear to us that we move beyond the abstract schematics regarding the seven members of the human being when we consider the becoming and development of the human being. The physical human body undergoes its particular development during the first seven years of life. We also observe that during the second seven years of life, from the change of teeth to sexual maturity, the forces of the etheric body are at work in the human being. Then the forces of the astral body begin to play a role in the human being, and only then, around the age of twenty or twenty-one—depending on the nature of their entire constitution and the forces within them—does that aspect of the human being emerge which appears as the “I,” as the bearer of the “I” with the power it actually possesses through its constitution to serve as the bearer of the “I” throughout the entire life of the human being. In our present day, it is actually not yet widely recognized that the bearer of the I only truly becomes viable in the twentieth and twenty-first years, because the present age is not yet inclined to pay attention to these things.
[ 9 ] Was heißt das, daß der Träger des Ich erst recht regsam wird im zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahre? Da muß man mit den Mitteln des Okkultismus den werdenden Menschen betrachten und seine tieferen Organisationskräfte schauen. Seine Organisationskräfte ändern sich fortwährend: Von der Geburt bis zum siebenten Jahre, vom siebenten Jahre bis zur Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis zur Ich-Entwickelung. Sie ändern sich aber so, daß man sie nicht mit den Mitteln der gewöhnlichen Physiologie oder Anatomie prüfen kann. Wohl aber kann man sie mit den Mitteln des Okkultismus erkennen und kann sagen: Erst um das zwanzigste Jahr herum entwickelt der Mensch die Kräfte so, daß ein vollständig sich selber angemessener Ich-Träger da ist. Vorher ist dieser Ich-Träger noch nicht ausgebildet. Vorher ist die menschliche Leiblichkeit, auch die übersinnliche, noch kein richtiger Ich-Träger. Wenn wir also die Glieder des Menschen betrachten aus dem großen Weltenprinzipe heraus, so müssen wir sagen: So richtig reif, ein Ich zu entwickeln aus sich selber heraus, wird der Mensch durch die Eigentümlichkeit seiner Organisation erst im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre, nicht früher.
[ 9 ] What does it mean that the bearer of the ego becomes even more active in the twentieth or twenty-first year? One must observe the developing human being through the means of occultism and perceive his deeper organizational forces. His organizing forces are constantly changing: from birth to the age of seven, from the age of seven to sexual maturity, and from sexual maturity to the development of the ego. However, they change in such a way that they cannot be examined using the methods of ordinary physiology or anatomy. One can, however, recognize them through the means of occultism and say: It is only around the age of twenty that the human being develops these forces in such a way that a fully self-sufficient ego-bearer is present. Before that, this ego-bearer is not yet fully formed. Before that, the human physicality, including the supersensory aspect, is not yet a true ego-bearer. If, therefore, we consider the human limbs from the perspective of the great cosmic principle, we must say: Due to the peculiarity of their organization, human beings only become truly mature enough to develop an ego from within themselves in their twentieth and twenty-first years, not before.
[ 10 ] Dieser Tatsache können wir eine andere entgegensetzen, nämlich die, daß wir in den ersten Lebensjahren, bei normalem Bewußtsein, uns förmlich ins Leben hineinträumen, hineinschlafen, und daß erst von einem bestimmten Zeitpunkte an das Leben so verläuft, daß die eigene Erinnerung beginnt. Von dem, was vor diesem Zeitpunkte war, können uns die Eltern oder ältere Geschwister erzählen; von diesem Zeitpunkte an sagt der Mensch in der inneren Seele: Ich bin dieser, der ich bin. — Von da an, wo er sagt: Ich habe das getan, ich habe das gedacht —, rechnet der Mensch seelisch sein Ich. Was vorher war, verliert sich in Seelendämmerung. Unsere Erinnerung reicht nur bis zu diesem charakterisierten Zeitpunkte. Was liegt denn dann vor, wenn wir die beiden Tatsachen zusammenhalten: Diejenige, daß der eigentliche Ich-Träger des Menschen geboren wird im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre, mit derjenigen, daß wir uns seelisch als ein Ich bezeichnen vom dritten und vierten Jahre an? Da liegt vor, daß der Mensch im gegenwärtigen Zyklus seiner Entwickelung über sich selbst ein Meinen, ein Gefühl hat, das nicht seiner inneren Organisation, so wie diese geworden ist, entspricht. Denn das Bewußtsein des Ich tritt mit dem dritten und vierten Jahre auf, die Organisation für das Ich aber erst im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahr. Diese Tatsache ist von fundamentaler Wichtigkeit für das Verstehen des Menschen. Wenn man diese Tatsache abstrakt hinstellt als geisteswissenschaftliche Erkenntnis, dann wird man darüber nicht besonders aufgeregt sein; aber weil diese Tatsache wahr ist, sind zahlreiche Erlebnisse vorhanden, die der Mensch sehr gut kennt, aber nicht im Lichte dieser Tatsache schaut. Alles, was der Mensch erleben kann an Zwiespalt zwischen äußerlicher Organisation und innerer Erfahrung, an Leiden und Schmerzen im Leben dadurch, daß ihm gewisse Dinge vermöge seiner Organisation nicht möglich sind, an Disharmonie zwischen dem, was er wünschen und wollen und dem, was er ausführen kann, die Tatsache, daß er Ideale haben kann, die über seine Organisation hinausführen, all das führt zurück auf die Tatsache, daß das Bewußtsein unseres Ich einen ganz anderen Weg geht als der Träger unseres Ich. In dieser Hinsicht sind wir ein zweifacher Mensch: ein äußerer Mensch, der darauf hinorganisiert ist, seine Ichheit im zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahre zu entwickeln, und ein innerer Seelenmensch, der sich schon im vierten und fünften Jahre auf sein Seelenleben hin von seiner äußeren Organisation emanzipiert. Emanzipation des Ich-Bewußtseins von der äußeren Organisation findet statt im Kindesalter. Wir machen in unserer Seele etwas durch, was von unserer äußeren Organisation unabhängig verläuft, was sogar in herben Widerspruch kommen kann mit unserer äußeren Organisation. Wir sind in bezug auf das innere Bewußtsein des Ich geneigt, außer acht zu lassen unsere Organisation, das, was unten in unseren Leibern ist. Seelisch entwickeln wir uns ganz anders, als unsere Leiber sich entwickeln. Der Gang der inneren Menschheitsentwickelung ist daher ein zwiefacher. Der Gang der Entwickelung unserer Organisation geht vom ersten bis zum siebenten Jahre, dann vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre in der Weise, wie das geschildert worden ist. Der Gang der inneren Entwickelung ist so, daß wir von dem vorigen ganz unabhängig sind, daß das Bewußtsein unseres Ich sich emanzipiert vom zartesten Kindesalter an und einen selbständigen Weg durch das Leben macht. Was aber ist die Folge von dieser eigentümlichen Tatsache der menschlichen Entwickelung? Das kann nur der Okkultist uns erzählen.
[ 10 ] We can counter this fact with another: namely, that in the first years of life, while fully conscious, we literally dream our way into life, as if falling asleep into it, and that it is only from a certain point onward that life unfolds in such a way that our own memories begin. Our parents or older siblings can tell us about what happened before this point; from this point on, the human being says in their inner soul: I am the one I am. — From the moment they say: I did this, I thought that — the human being mentally calculates their “I.” What came before is lost in the twilight of the soul. Our memory extends only to this specific point in time. What, then, is the situation when we hold these two facts together: the fact that the actual bearer of the human “I” is born in the twentieth and twenty-first years, and the fact that we designate ourselves as an “I” in our soul from the third and fourth years onward? What we find is that, in the current cycle of human development, a person has a sense of self—a feeling—that does not correspond to their inner organization as it has come to be. For self-consciousness emerges in the third and fourth years, whereas the organization for the self does not appear until the twentieth and twenty-first years. This fact is of fundamental importance for understanding the human being. If one presents this fact abstractly as a finding of Spiritual Science, one will not be particularly moved by it; but because this fact is true, there are numerous experiences that human beings know very well but do not view in the light of this fact. Everything a person can experience in terms of conflict between external organization and inner experience, in terms of suffering and pain in life because certain things are not possible for them due to their organization, in terms of disharmony between what they desire and want and what they can accomplish, the fact that they can have ideals that extend beyond their organization— all of this leads back to the fact that the consciousness of our ego follows a completely different path than the bearer of our ego. In this respect, we are a twofold human being: an outer human being, organized to develop his egohood in his twentieth or twenty-first year, and an inner soul-human being, who already in his fourth and fifth years emancipates himself from his outer organization in terms of his soul life. The emancipation of ego-consciousness from the outer organization takes place in childhood. We undergo a process in our soul that proceeds independently of our outer organization, a process that can even come into sharp conflict with our outer organization. With regard to the inner consciousness of the ego, we are inclined to disregard our organization—that which lies down in our bodies. Psychologically, we develop quite differently from the way our bodies develop. The course of inner human development is therefore twofold. The course of the development of our physical organization proceeds from the first to the seventh year, then from the seventh to the fourteenth year, and from the fourteenth to the twenty-first year in the manner described. The course of inner development is such that we are entirely independent of the former; the consciousness of our “I” emancipates itself from the earliest childhood and makes its own independent path through life. But what is the consequence of this peculiar fact of human development? Only the occultist can tell us.
[ 11 ] Wenn wir in alldem Umschau halten, was der Okkultist lehren kann, so kommen wir zu einer eigentümlichen Erkenntnis. Wir kommen nämlich dazu, einzusehen, daß Krankheit, Gebrechlichkeit der menschlichen Organisation, daß alles dasjenige, was Siechtum, Alter, Tod allein möglich macht, davon herrührt, daß wir eigentlich eine Zweiheit sind. Wir sterben, weil wir in einer gewissen Weise organisiert sind und in unserer Organisation keine Rücksicht nehmen auf unsere Ich-Entwickelung. Daß wir mit unserem Ich einen selbständigen Weg gehen, der sich nicht kümmert um unsere Organisation, daran erinnert uns diese Organisation, wenn sie der Ich-Entwickelung in Krankheit, Siechtum, Tod ein Hemmnis entgegensetzt. Wir werden daran erinnert, daß unsere Ich-Entwickelung ganz abgesondert verläuft von unserer Organisation. Woher kommt denn nun eigentlich diese eigentümliche Tatsache der Zweiheit in der menschlichen Natur?
[ 11 ] When we take a comprehensive look at what the occultist has to teach, we arrive at a peculiar realization. We come to see, in fact, that illness, the frailty of the human organism—that is, everything that makes infirmity, old age, and death possible—stems from the fact that we are, in essence, a duality. We die because we are organized in a certain way and, in our organization, take no account of the development of our ego. The fact that we follow an independent path with our ego, one that pays no heed to our physical body, is brought to our attention by this very body when it opposes the development of the ego through illness, infirmity, and death. We are reminded that our ego development proceeds entirely separately from our organization. Where, then, does this peculiar fact of duality in human nature actually come from?
[ 12 ] Wenn wir die verschiedenen Dinge betrachten und den Menschen im Zusammenhange mit der Wirklichkeit betrachten, so zeigt es sich uns, daß, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkte der Erdenentwickelung, nämlich in der lemurischen Zeit, nur fortschreitende Kräfte in die Menschheitsentwickelung eingegriffen hätten, die Jugendentwickelung des Menschen heute ganz anders verlaufen würde, nämlich so, daß sie gleichen Schritt hielte mit der Ich-Entwickelung. Jederzeit würde die seelische Entwickelung genau übereinstimmen mit der leiblichen Entwickelung. Der Mensch würde dann unmöglich sich anders entwickelt haben können, als wie es als Ideal gefordert wird heute zum Beispiele in meiner kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Wären damals nur fortschreitende Kräfte tätig gewesen, so würde das Sonderbare sich ergeben haben, daß in den ersten zwanzig Lebensjahren der Mensch viel unselbständiger geworden wäre, als er jetzt ist. Diese Unselbständigkeit ist nicht in üblem Sinne gemeint, sie ist so gemeint, daß eigentlich jeder von Ihnen mit dieser Unselbständigkeit sehr einverstanden wäre. Es ist nämlich die menschliche Natur in den ersten sieben Lebensjahren rein auf Nachahmung angelegt. Da die Menschen im erwachsenen Zustande, wenn nur die fortschreitenden Kräfte tätig gewesen wären in der lemurischen Zeit, nichts Schandbares tun würden, so würden die Kinder vom ersten bis zum siebenten Lebensjahre nichts Schlechtes nachahmen können. In den zweiten sieben Lebensjahren würde das Prinzip der Autorität herrschen, während es heute nicht nur zur Landplage, sondern zur Erdenplage gehört, daß die Menschen zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre selbständig werden wollen, ja sogar dazu erzogen werden, selbständige Urteile zu haben. Die Erwachsenen würden für die Kinder die selbstverständlichen Autoritäten gewesen sein. Vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre würde der Mensch noch viel weniger auf sich selbst in sein Inneres hineingesehen haben, er würde sich mehr nach außen gewandt haben. Es würde die Kraft der Ideale, die Kraft, sich hineinzuleben in die Lebensträume, ungeheuer bedeutsam für ihn geworden sein. Es würden aus seinem Herzen sprießen Lebensträume, und dann würde volles Ich-Bewußtsein aufgetreten sein im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre. Also es würde auftreten in den ersten sieben Lebensjahren die Periode der Nachahmung, dann in den zweiten sieben Lebensjahren Aufschauen zu Autoritäten, dann in den dritten sieben Lebensjahren Hervorsprießen der Ideale, die den Menschen zu seinem vollen Ich-Bewußtsein bringen würden. Von diesem Gange der Entwickelung hat abgebracht im Laufe der Menschheitsentwickelung die Summe der auch in der Evolution wirkenden Kräfte, die die luziferischen Kräfte genannt werden. Sie haben seit der lemurischen Zeit das Ich-Bewußtsein losgerissen von der Grundlage der Organisation. Daß wir schon im zartesten Alter das Ich-Bewußtsein haben, das ist eben auf die luziferischen Kräfte zurückzuführen.
[ 12 ] When we consider the various factors and view human beings in the context of reality, it becomes clear to us that if, at a certain point in Earth’s evolution—namely during the Lemurian period—only progressive forces had intervened in human development, the development of the human youth today would proceed quite differently, namely in such a way that it would keep pace with the development of the ego. At every stage, spiritual development would correspond exactly with physical development. Human beings would then have been unable to develop in any way other than what is required as an ideal today, for example, in my short treatise *The Education of the Child from the Point of View of Spiritual Science*. Had only progressive forces been at work back then, the peculiar result would have been that in the first twenty years of life, human beings would have become much less self-reliant than they are now. This lack of self-reliance is not meant in a negative sense; it is meant in such a way that, in fact, each of you would be quite in agreement with this lack of self-reliance. For human nature in the first seven years of life is purely geared toward imitation. Since adults, had only the progressive forces been at work during the Lemurian epoch, would do nothing shameful, children from the first to the seventh year of life would be unable to imitate anything bad. In the second seven years of life, the principle of authority would prevail, whereas today it is not only a scourge of the countryside but of the entire earth that people between the ages of seven and fourteen want to become independent, and are even raised to form independent judgments. Adults would have been the natural authorities for the children. From the age of fourteen to twenty-one, a person would have looked much less inward at themselves; they would have turned more outward. The power of ideals, the power to immerse oneself in life’s dreams, would have become immensely significant to them. Life’s dreams would have sprung from their hearts, and then full self-awareness would have emerged in the twentieth and twenty-first years. Thus, the first seven years of life would have seen a period of imitation, followed by the second seven years of looking up to authorities, and then the third seven years of the sprouting of ideals that would lead the human being to full self-consciousness. This course of development has been disrupted in the course of human evolution by the sum of the forces also at work in evolution, which are called the Luciferic forces. Since the Lemurian epoch, they have torn self-consciousness away from the foundation of the organism. The fact that we already possess self-consciousness at the earliest age is precisely attributable to the Luciferic forces.
[ 13 ] Wie griffen die luziferischen Kräfte ein? Die luziferischen Kräfte sind Wesenheiten, welche auf dem Monde zurückgeblieben sind und daher keinen Sinn haben für die Erdenmission, für das, was sich erst auf der Erde entwickeln sollte vom einundzwanzigsten Jahre ab, das Ich. Sie nahmen den Menschen so, wie er herübergekommen ist vom Monde und legten in ihn als Keim die selbständige seelische Entwickelung. So daß in der Verfrühung des Ich-Bewußtseins, in diesem eigentümlichen Zwiespalt der menschlichen Natur die luziferischen Kräfte liegen. Das Erkennen einer solchen Tatsache gibt erst heute die Anthroposophie. Fühlen kann das jeder Mensch, der nur naturgemäß empfinden kann. Denn jeder Mensch kann fühlen, daß in ihm etwas ist, was ihn von seiner vollen Menschlichkeit trennt. Alles, was wir unberechtigten Egoismus in unserer Natur nennen, Abgeschlossenheit von dem eigentlichen Tun der Menschheit, rührt daher, daß das Ich nicht den richtigen Weg der Organisation mitgeht. So sehen wir vor uns den Menschen. Dann, wenn er fühlen kann: Ich könnte anders sein, als ich bin, ich habe etwas in mir, was nicht einverstanden ist mit mir selbst, — dann fühlt er den Widerstreit der fortschreitenden Gewalten mit den luziferischen Gewalten in seinem Inneren. Diese Tatsache mußte einmal geschaffen werden im Laufe der Menschheitsentwickelung. Sie war notwendig, weil ja der Mensch niemals wirklich frei geworden wäre ohne die luziferischen Wesenheiten, er wäre immer an seine Organisation gebunden gewesen. Was den Menschen auf der einen Seite in Zwiespalt bringt mit seiner Organisation, das gibt ihm auf der anderen Seite erst die Möglichkeit, frei zu sein. Aber eines bleibt aus dieser Zweiheit der Organisation für das gewöhnliche menschliche Leben. Das zeigt sich darin, daß wir von unserem Ich empfinden, daß es unvermögend geworden ist, von sich selber aus die Organisation umzuändern.
[ 13 ] How did the Luciferic forces intervene? The Luciferic forces are beings who remained behind on the Moon and therefore have no sense of the Earth mission, of what was to develop on Earth starting at the age of twenty-one: the ego. They took humanity as it had come over from the Moon and planted within it, as a seed, the capacity for independent soul development. Thus, the Luciferic forces lie at the root of the premature emergence of ego-consciousness, in this peculiar conflict within human nature. Only today does anthroposophy provide an understanding of this fact. Every person who is capable of feeling naturally can sense this. For every person can feel that there is something within them that separates them from their full humanity. Everything we call unwarranted egoism in our nature—detachment from the actual work of humanity—stems from the fact that the ego does not follow the proper path of organization. This is how we see the human being before us. Then, when they can feel: I could be different from what I am; I have something within me that is at odds with myself—then he feels the conflict between the progressive forces and the Luciferic forces within his inner being. This reality had to be brought about in the course of human evolution. It was necessary because, after all, the human being would never have become truly free without the Luciferic beings; he would always have remained bound to his organization. What, on the one hand, brings the human being into conflict with his own organism is what, on the other hand, first gives him the possibility of being free. But one thing remains from this duality of the organism for ordinary human life. This is evident in the fact that we sense from our ego that it has become incapable of transforming the organism of its own accord.
[ 14 ] Wenn wir im weiten Umkreise dessen, was den Menschen konstituiert, geschaffen hat, Umschau halten, so gibt es da die zwei geschilderten Kräfte. Es gibt da die organischen Kräfte unserer menschlichen Natur, die gemeint sind zur Entwickelung zu kommen von sieben zu sieben Jahren, und auf der anderen Seite die luziferischen Kräfte. Gibt es nichts anderes im Verlaufe der Menschheitsentwickelung in der Natur und im Geistesleben, so wird das eintreten, daß der Mensch niemals durch sein emanzipiertes Ich zum vollen Einklang mit seiner Natur kommen könnte. Ergäbe sich nichts anderes aus dem Umkreise des Erdenseins, dann könnte die Entwickelung keine andere sein, als daß der Mensch von seiner Organisation sich immer mehr entfremden würde, daß seine Organisation immer siecher, immer vertrockneter würde, daß der Zwiespalt immer größer werden müßte. Wenn der Mensch nur einmal dazu kommt, das so recht zu fühlen als eine geisteswissenschaftliche Erkenntnis, dann kommt ein großer Moment in seinem Leben, in welchem er sich sagt: Da stehe ich mit meiner menschlichen Organisation, die mir gegeben ist von den fortschreitenden Kräften, die von sieben zu sieben Jahren wirken — er braucht das nicht so in klaren Worten auszusprechen, er braucht es nur unbestimmt zu fühlen —, aber weil diese Organisation eine Gegenkraft hat, die sich selbständig entwickelt, darum wird sie siech und krank und stirbt endlich. — In den Tiefen seines Seelenlebens fühlt der Mensch das. Er braucht nur das Gefühl von dieser Diskrepanz des inneren Ich mit der äußeren Organisation zu haben. Wenn er so recht lebt in dieser Empfindung, dann kommt, auch ohne daß er etwas von Anthroposophie zu kennen braucht, — ja, von woher, er weiß zunächst nicht, woher? —, aber es kommt in seine Seele etwas herein, wovon er fühlt: Ich selbst mit dem Ich, woran ich mich zurückerinnere, vermag nichts gegen meine Organisation, der ich nicht gewachsen bin. Aber es gibt etwas, was ich als Kraft aufnehmen kann in mein Ich, was ich aufnehmen kann in mein Bewußtsein als Überzeugung; unmittelbar aus den geistigen Welten kommt etwas herein, das nicht in mir liegt, das aber meine Seele durchdringt. Etwas kann hereinfließen aus unbekannten Welten in meine Seele. Wenn ich es aufnehme in mein Herz, wenn ich mein Ich damit durchdringe, dann hilft es mir unmittelbar aus den geistigen Welten heraus. Man nenne das, was aus den geistigen Welten kommt, wie immer man will, darauf kommt es nicht an, auf die Empfindung kommt es aber an.
[ 14 ] If we look around at the broad scope of what constitutes the human being, we find the two forces described above. There are the organic forces of our human nature, which are meant to develop in seven-year cycles, and on the other hand, the Luciferic forces. If nothing else were to occur in the course of human development in nature and in spiritual life, it would follow that human beings could never, through their emancipated ego, come into full harmony with their nature. If nothing else were to emerge from the sphere of earthly existence, then development could be nothing other than that the human being would become increasingly estranged from his own organism, that his organism would become ever more frail, ever more withered, and that the conflict would inevitably grow ever greater. If a person were only to come to feel this truly as a insight from Spiritual Science, then a great moment would come in his life in which he would say to himself: Here I stand with my human organization, which is given to me by the progressive forces that work every seven years—he need not express this in such clear words, he need only feel it vaguely—but because this organization has a counterforce that develops independently, it becomes frail and sick and finally dies. — Deep within his soul life, the human being feels this. He need only have the sense of this discrepancy between the inner self and the outer organization. If he truly lives within this feeling, then something enters his soul—even without his needing to know anything about anthroposophy—indeed, from where? At first he does not know where—but something enters his soul of which he feels: I myself, with the ‘I’ that I recall, am powerless against my organization, which I cannot cope with. But there is something I can take up as a force into my ‘I,’ something I can take up into my consciousness as a conviction; something comes in directly from the spiritual worlds that does not lie within me, but which permeates my soul. Something can flow into my soul from unknown worlds. When I take it into my heart, when I permeate my “I” with it, then it helps me directly from the spiritual worlds. Call what comes from the spiritual worlds whatever you like; that is not important, but the feeling is what matters.
[ 15 ] Nehmen wir einmal an, ein Mensch würde mit dem Leben heute nicht zurechtkommen und sich sagen: Also muß ich suchen in dem weiten Umkreise dessen, was ich auf der Erde finde, ob mir irgendwo eine Kraft ersprießen kann, die mir etwas geben kann, wodurch ich aus dem Zwiespalt herauskomme, die mir hinaushilft. — Es ist naturgemäß, daß der Mensch mit den Mitteln der alten Konfessionen nicht mehr zurechtkommen kann, daß er mit den alten kirchlichen Vorstellungen nichts mehr verbinden kann, was ihm diese Kraft, die er sucht, geben kann. Nehmen wir aber an, um ein konkretes Beispiel anzuführen, ein solcher Mensch ginge zu einer der alten heiligen Religionen, er ginge zum Beispiel zum Buddhismus und vertiefte sich in die außerordentlichen Lehren des Buddhismus. Wenn der Mensch naturgemäß in aller Stärke den charakterisierten Zwiespalt empfindet — ich sage nicht, daß sich das aus einer Theorie ergibt, sondern aus einer unbestimmten Empfindung —, dann würde er so empfinden: In der Persönlichkeit, der Individualität des Gautama Buddha hat etwas gelebt, was in der Welt erst auf Grundlage einer langen Entwickelung kommen kann. Diese Individualität ist durch viele Inkarnationen hindurchgegangen, hat immer höhere und höhere Grade der Evolution erreicht und ist endlich soweit gekommen, daß sie im neunundzwanzigsten Jahre ihres Lebens als Gautama Buddha vom Bodhisattva zum Buddha aufsteigen konnte, so aufsteigen konnte, daß diese Individualität nicht mehr in einen physischen Leib zurückzukehren brauchte. Was da ausfließt aus dieser Individualität, wie ist es zustande gekommen? Fühlen kann jedes unbefangene Gemüt das, was aus dem Buddha spricht, was erst durch den Bodhisattva innerhalb der Erdenentwickelung, innerhalb vieler Inkarnationen geworden, herangewachsen ist. Das alles enthält im schönsten, großartigsten Sinne die Kräfte, die sich im Umkreise der Erde finden, in dem Zusammenspiel der Kräfte der Organisation und der luziferischen Kräfte. Daher wirkt das, was vom Bodhisattva zum Buddha fließt — weil es gegangen ist von Inkarnation zu Inkarnation, weil es nur aus denselben Kräften stammt, aus denen die Menschenkräfte stammen —, deshalb wirkt es so, daß die unbefangene Seele nicht fühlt, was den vollen Einklang hervorrufen kann zwischen dem Ich des Menschen und seiner Organisation. Es fühlt die Seele: Etwas muß es geben, was nicht von Inkarnation zu Inkarnation geht, sondern, was unmittelbar hereinströmen kann aus den geistigen Welten in jede Menschenseele. — Wenn die Menschenseele fühlt, daß sie eine Beziehung haben muß zu dem, was von den Himmeln herunterströmt, dann fängt sie an, eine innerliche Erfahrung von dem Christus zu haben. Dann wird es ihr auch begreiflich, daß in dem Christus Jesus etwas auftreten mußte, was sich unterscheidet von alledem, was vorher war. Das ist der radikale, der grundsätzliche Unterschied zwischen dem Leben des Christus und dem des Buddha.
[ 15 ] Let us suppose that a person is unable to cope with life today and says to himself: “So I must search within the vast scope of what I find on earth to see if, somewhere, a force can spring forth that can give me something to help me escape this inner conflict, something to lead me out of it.” — It is only natural that people can no longer cope with the means of the old denominations, that they can no longer connect with the old ecclesiastical mental images in a way that gives them the strength they seek. But let us suppose, to give a concrete example, that such a person were to turn to one of the ancient sacred religions; let us say, for example, that they turned to Buddhism and immersed themselves in the extraordinary teachings of Buddhism. If a person naturally feels the described conflict with all their strength—I am not saying that this arises from a theory, but from an indefinable feeling—then they would feel as follows: In the personality, the individuality of Gautama Buddha, there lived something that can only come into the world on the basis of a long evolution. This individuality has passed through many incarnations, has attained ever higher and higher degrees of evolution, and has finally reached the point where, in the twenty-ninth year of his life as Gautama Buddha, he was able to ascend from Bodhisattva to Buddha—to ascend in such a way that this individuality no longer needed to return to a physical body. What flows forth from this individuality, and how did it come about? Every open mind can feel what speaks from the Buddha—that which has first come into being and grown through the Bodhisattva within the course of Earth’s evolution, within many incarnations. All of this contains, in the most beautiful and magnificent sense, the forces found in the sphere of the Earth, in the interplay of the forces of organization and the Luciferic forces. Therefore, what flows from the Bodhisattva to the Buddha—because it has passed from incarnation to incarnation, because it originates solely from the same forces from which human forces originate—therefore, it works in such a way that the open-minded soul does not feel what can bring about full harmony between the human ego and its physical body. The soul feels: There must be something that does not pass from incarnation to incarnation, but which can flow directly from the spiritual worlds into every human soul. — When the human soul feels that it must have a relationship with what flows down from the heavens, then it begins to have an inner experience of Christ. Then it also becomes clear to it that something had to arise in the Christ Jesus that differs from all that came before. This is the radical, fundamental difference between the life of the Christ and that of the Buddha.
[ 16 ] Der Buddha ist aus einem Bodhisattva zum Buddha geworden mit den Kräften, die den Menschen von Inkarnation zu Inkarnation aufsteigen lassen, wie es auch bei anderen großen Religionsstiftern ist. In das Leben des Jesus von Nazareth trat etwas ein, etwas wirkte in die Individualität des Jesus von Nazareth hinein während dreier Jahre, was aus den geistigen Welten unmittelbar herabströmte, was mit der menschlichen Evolution nichts zu tun hatte, was vorher nicht mit einem menschlichen Leben verbunden war. Diesen Unterschied müssen wir uns recht klar vor die Seele führen, wenn wir begreifen wollen, warum in dem, was die vierte nachatlantische Zeitepoche den Christus genannt hat, etwas lag, was verschieden war von allen anderen religiösen Impulsen, und warum die anderen Religionen die Menschheit immer hingewiesen haben auf diesen Christus.
[ 16 ] The Buddha evolved from a Bodhisattva into a Buddha through the forces that enable human beings to ascend from incarnation to incarnation, just as is the case with other great founders of religions. Something entered the life of Jesus of Nazareth; something worked into the individuality of Jesus of Nazareth for three years—something that flowed down directly from the spiritual worlds, something that had nothing to do with human evolution, something that had not previously been connected to a human life. We must bring this distinction quite clearly before our souls if we wish to understand why there was something in what the fourth post-Atlantean epoch called the Christ that was different from all other religious impulses, and why the other religions have always pointed humanity toward this Christ.
[ 17 ] Wenn wir in der nachatlantischen Zeit zurückschauen in die uralt heilige indische Kultur, da sehen wir auftreten die sieben heiligen Rishis, in deren Seelen etwas lebte von dem unmittelbaren Anschauen der geistigen Welten. Wenn man einen der sieben heiligen Rishis um die Grundstimmung seiner Seele gefragt hätte, so hätte er gesagt: Wir schauen hinauf zu den spirituellen Mächten, aus denen alle Menschenentwickelung geworden ist. Das offenbart sich uns in sieben Strahlen, aber darüber ist etwas anderes, etwas, das über unserer Sphäre liegt. — Vishvakarman nannte man das später, was die sieben heiligen Rishis so empfanden. Von einer Gewalt, die nicht mit der Erde sich entwickelt hat, sprachen die sieben heiligen Rishis.
[ 17 ] When we look back from the post-Atlantean era to the ancient sacred Indian culture, we see the seven holy Rishis emerge, in whose souls there lived something of the direct perception of the spiritual worlds. If one had asked one of the seven holy Rishis about the fundamental mood of his soul, he would have said: We look up to the spiritual powers from which all human development has arisen. This reveals itself to us in seven rays, but above that lies something else, something that lies beyond our sphere. — What the seven holy Rishis perceived in this way was later called Vishvakarman. The seven holy Rishis spoke of a power that did not develop with the Earth.
[ 18 ] Dann kam die Zarathustra-Kultur. Zarathustra sprach, wenn er den Blick auf die Geister der Sonne richtete, von etwas, was in die Menschheitsentwickelung einfließen sollte unmittelbar durch eine Strömung aus den geistigen Welten. Was wir den Menschen geben können, so sagte Zarathustra, ist nicht das, was einst von den Sonnenfernen unmittelbar aus den geistigen Welten in die Menschheit einfließen wird. Was in der Sonne geistig ist, das ist das, was die spätere persische Kultur Ahura Mazdao genannt hat.
[ 18 ] Then came the Zarathustra culture. When Zarathustra turned his gaze toward the spirits of the sun, he spoke of something that was to flow into human development directly through a current from the spiritual worlds. What we can give to humanity, Zarathustra said, is not what will one day flow into humanity directly from the spiritual worlds, far from the sun. That which is spiritual in the sun is what later Persian culture called Ahura Mazdao.
[ 19 ] Aus einem besonders tragischen Einschlag heraus empfand man in den ägyptischen Mysterien die Christus-Frage. Man empfand sie in der allertiefsten Weise, wenn wir unter Tiefe verstehen eine solche Gestaltung der menschlichen Empfindung, wo ganz besonders stark in die Seele hinein sich schreibt das Bewußtsein: Von dem, was geistig ist, stammt die Menschheit her. Der ägyptische Eingeweihte sagt sich: Überall, wo wir den Blick hinwenden, empfinden wir in dem, was uns umgibt, den Abfall von dem ursprünglich Geistigen. Unmittelbar, unvermischt ist nirgends das Geistige in der äußeren Welt zu finden. Dann erst, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, wird er ansichtig desjenigen, von dem er stammt. Man muß erst sterben — in bezug auf die innere Erfahrung, nicht in bezug auf die Einweihung —, dann wird man vereinigt mit dem Osiris-Prinzip, so nannten die alten Ägypter das Christus-Prinzip, im Leben geht es nicht, da ist die Diskrepanz. Alles, was im Umkreise der Erde ist, das führt nicht zum Osiris, die Seele muß durch die Pforte des Todes getreten sein, um mit dem Osiris vereinigt zu werden. Dann, im Tode, wird die Seele ein Stück des Osiris, sie wird selbst eine Art Osiris. Die Welt außen ist so geworden, daß sie zerstückelt hat den Osiris durch seinen Feind, das heißt durch all das, was zur äußeren Welt gehört. Und es sagte der Eingeweihte der ägyptischen Mysterien: So wie die Menschheit jetzt ist in unserer Kultur, ist sie eine Art Rückerinnerung an die alte Mondenzeit. So wie die Kultur der sieben heiligen Rishis eine Art Rückerinnerung ist an die alte Saturnzeit, so wie die Zarathustra-Kultur eine Rückerinnerung ist an die alte Sonnenzeit, so ist die Osiris-Kultur eine Rückerinnerung an die alte Mondenzeit, wo sich zuerst der Mond mit seinen Wesenheiten abtrennte von der Sonne, auf der aber geblieben sind die Wesenheiten, von denen der Mensch seinen Ursprung genommen hat. Da hat die Abtrennung des Menschen stattgefunden von den guten Kräften seiner Organisation, von dem Quell seiner Lebenskräfte. Aber es wird für die Menschen durch das, was sie durchmachen werden an Sehnsucht und Entbehrung in bezug auf das Geistige, die Zeitkommen, da wird Osiris heruntersteigen und als etwas sich erweisen, was als neuer Einschlag kommen muß, was vorher auf der Erde nicht war, weil es sich schon während der alten Mondenzeit von der Erde getrennt hatte.
[ 19 ] In the Egyptian mysteries, the question of Christ was perceived from a particularly tragic perspective. It was perceived in the deepest possible way—if by “depth” we mean a state of human feeling in which the following awareness is imprinted particularly strongly upon the soul: Humanity originates from that which is spiritual. The Egyptian initiate says to himself: Wherever we turn our gaze, we perceive in our surroundings the fall from the original spiritual. Nowhere in the outer world is the spiritual to be found in its immediate, unadulterated form. Only then, when the human being passes through the gate of death, does he behold that from which he originates. One must first die—in terms of inner experience, not in terms of initiation—then one is united with the Osiris principle, as the ancient Egyptians called the Christ principle; it is not possible in life; there lies the discrepancy. Everything within the sphere of the Earth does not lead to Osiris; the soul must have passed through the gate of death to be united with Osiris. Then, in death, the soul becomes a part of Osiris; it itself becomes a kind of Osiris. The outer world has become such that it has dismembered Osiris through his enemy—that is, through everything that belongs to the outer world. And the initiate of the Egyptian mysteries said: Just as humanity is now in our culture, it is a kind of remembrance of the ancient Moon Age. Just as the culture of the seven holy Rishis is a kind of remembrance of the ancient Saturn Age, just as the Zarathustra culture is a remembrance of the ancient Sun Age, so the Osiris culture is a remnant of the ancient Lunar Age, when the Moon first separated from the Sun with its beings, but upon which remained the beings from whom humanity originated. There the separation of humanity took place from the good forces of its organization, from the source of its life forces. But for humanity, through what they will undergo in terms of longing and deprivation regarding the spiritual, the time will come when Osiris will descend and reveal himself as something that must come as a new influence—something that was not previously on Earth, because it had already separated from the Earth during the ancient Moon era.
[ 20 ] Alles das, worauf die sieben heiligen Rishis und Zarathustra hinwiesen und wovon die Ägypter sagten, daß die Menschen in ihrer Zeit es im Leben überhaupt nicht erreichen könnten, das war die Kraft, der Impuls, der drei Jahre lang im Leibe des Jesus von Nazareth sich offenbarte. Alle großen Religionen haben von ihm gesprochen; geoffenbart hat er sich im Jesus von Nazareth, worauf alle Religionen hinwiesen. So haben nicht nur die Christen vom Christus gesprochen, sondern auch die Bekenner aller alten Religionen. So trat etwas ein im Laufe der Menschheitsentwickelung, was der Mensch braucht und was der inneren Erfahrung erreichbar ist.
[ 20 ] All that to which the seven holy Rishis and Zarathustra pointed, and which the Egyptians said people of their time could never attain in life, was the power, the impulse, that manifested itself for three years in the body of Jesus of Nazareth. All the great religions have spoken of him; he revealed himself in Jesus of Nazareth, to whom all religions pointed. Thus, it was not only Christians who spoke of the Christ, but also the adherents of all the ancient religions. Thus, in the course of human development, something came to pass that humanity needs and that is attainable through inner experience.
[ 21 ] Nehmen wir einmal an, ein Mensch wüchse auf einer einsamen Insel heran. Diejenigen, die ihn erziehen, erzählten ihm nichts von dem, was in der Welt geschieht in bezug auf den Christus-Namen und auf die Evangelien, sondern sie erzählten ihm nur das, was in der Kultur da ist, ohne die Evangelien und ohne den Christus-Namen zu gebrauchen. Was unter dem Einfluß des Christus in der Kultur entstanden ist, aber entkleidet des Christus-Namens, das würde man an ihn heranbringen. Was würde da geschehen? Dann würde bei einem solchen Menschen folgende Stimmung auftreten müssen, eines Tages würde er sagen: In mir lebt etwas, was meiner allgemeinen Menschheitsorganisation gemäß ist, daran kann ich zunächst nicht heran. Denn das, worin mein IchBewußtsein lebt, es stellt sich mir so dar, daß ich da etwas brauche, was mir durch die Menschheitskultur nicht zukommen kann, einen Impuls aus den geistigen Welten, um das Ich wieder kräftiger zu machen in seiner Organisation, von der es sich emanzipiert hat.— Wenn ein solcher Mensch nur stark empfinden kann, was der Mensch braucht, dann kann über ihn etwas kommen, woraus er erkennt: es müsse unmittelbar aus den geistigen Welten etwas herausströmen, was sich unmittelbar einlebt in sein Ich. Er weiß nicht, daß das Christus heißt, er weiß aber, daß er sich in seinem Bewußtsein durchdringen kann davon, daß er das, was aus den geistigen Welten zu ihm kommt, hegen kann in seinem Ich. Dann wird ihm etwas kommen, wovon er sich sagen darf: Nun ja, ich kann krank sein, ich kann schwach sein, ich kann sterben, aber von meinem Ich aus kann ich mich stärker machen, kann ich etwas in meine Organisation hineinsenden, was mir Stärke, was mir Kraft gibt unmittelbar aus den geistigen Welten heraus. — Wie er es nennt, ist gleich. Wenn der Mensch zu dieser Empfindung kommt, dann ist er vom Christus-Impuls ergriffen. Nicht derjenige, der sagt, daß er etwas haben kann von einem Lehrer, der von Inkarnation zu Inkarnation gegangen ist, sondern derjenige, der empfindet, daß unmittelbar aus der geistigen Welt Impulse der Kraft, der Stärke kommen können, der ist vom Christus-Impuls ergriffen. Diese innere Erfahrung können die Menschen machen, ohne sie können die Menschen nicht leben, ohne sie werden die Menschen in der Zukunft nicht leben können. Sie können diese innere Erfahrung machen aus dem Grunde, weil einmal drei Jahre lang objektiv im Jesus von Nazareth gelebt hat dieser Impuls, der unmittelbar aus den geistigen Welten hereinkam. So wahr es ist, daß man ein Samenkorn in die Erde legen kann und daß viele andere Samenkörner aus diesem einen hervorkommen können, ebenso wahr ist es, daß eiinmal in die Menschheit gelegt worden ist der Christus-Impuls, und daß seit jener Zeit etwas da ist in der Menschheit, was früher nicht da war.
[ 21 ] Let’s suppose a person grew up on a desert island. Those who raised him told him nothing about what is happening in the world regarding the name of Christ and the Gospels, but they told him only what exists in the culture, without using the Gospels or the name of Christ. What has arisen in the culture under the influence of Christ, but stripped of the name of Christ—that is what would be brought to him. What would happen then? Then the following mood would have to arise in such a person; one day he would say: Something lives within me that is in accordance with my general human constitution; I cannot yet approach it. For that in which my ego-consciousness lives presents itself to me in such a way that I need something there which cannot come to me through human culture—an impulse from the spiritual worlds—in order to make the ego stronger again in its organization, from which it has emancipated itself. — If such a person can only strongly sense what the human being needs, then something may come upon him from which he recognizes: something must flow forth directly from the spiritual worlds that immediately takes root in his ego. He does not know that this is called Christ, but he knows that he can be permeated in his consciousness by the realization that he can cherish within his ego that which comes to him from the spiritual worlds. Then something will come to him of which he may say to himself: Well, I may be sick, I may be weak, I may die, but from my I I can make myself stronger, I can send something into my being that gives me strength, that gives me power directly from the spiritual worlds. — What he calls it is irrelevant. When a person comes to this feeling, then he is seized by the Christ impulse. Not the one who says that he can receive something from a teacher who has gone from incarnation to incarnation, but the one who feels that impulses of power and strength can come directly from the spiritual world—that is the one seized by the Christ impulse. People can have this inner experience; without it, people cannot live; without it, people will not be able to live in the future. They can have this inner experience because this impulse, which came directly from the spiritual worlds, once lived objectively in Jesus of Nazareth for three years. Just as it is true that one can plant a seed in the earth and that many other seeds can spring from this one, so it is true that the Christ impulse was once planted in humanity, and that since that time there has been something in humanity that was not there before.
[ 22 ] Darum ist das ägyptische Leben so tragisch, weil man empfand, daß man in seinem Leben nicht zum Osiris kommen konnte, daß man erst durch die Pforte des Todes schreiten mußte, um mit ihm vereinigt zu werden, das heißt, nur für die innere Erfahrung, von der Einweihung sprechen wir noch. Seit jener Zeit des Mysteriums von Golgatha aber ist das möglich, was früher nicht möglich war, daß der Mensch aus sich heraus sucht seine Verbindung mit der geistigen Welt, aus seiner einzelnen Inkarnation heraus. Und das rührt davon her, daß der Impuls, der durch das Mysterium von Golgatha gegeben worden ist, aufleuchten kann in jeder Seele, und seit jener Zeit durch die innere Erfahrung in jeden Menschen einziehen kann. Nicht der Christus, der auf Erden war — um den kümmert sich die Seele nicht —, aber der Christus, der durch innere Erfahrung erreichbar ist. Seit dem Mysterium von Golgatha ist es möglich, in den einzelnen Inkarnationen einen Zusammenhang mit dem Geistigen zu gewinnen. Und weil es so ist, deshalb ist mit der einen Tatsache von Golgatha etwas geschehen, was ausstrahlen kann in die Menschheit, was nicht durch Errungenschaften der aufeinanderfolgenden Inkarnationen gegeben ist. Deshalb ist es unmöglich, daß der Christus sich auf eine Weise zeigt, die eine Folge ist aus vielen Inkarnationen, so wie es der Buddha geworden ist aus seinen Inkarnationen als Bodhisattva.
[ 22 ] That is why Egyptian life is so tragic: because people felt that they could not reach Osiris in this life, that they first had to pass through the gate of death to be united with him—that is, we are still speaking only of the inner experience of initiation. Since the time of the Mystery of Golgotha, however, what was previously impossible has become possible: that human beings seek their connection with the spiritual world from within themselves, from within their individual incarnation. And this stems from the fact that the impulse given by the Mystery of Golgotha can shine forth in every soul, and since that time can enter into every human being through inner experience. Not the Christ who was on earth—the soul does not concern itself with him—but the Christ who is accessible through inner experience. Since the Mystery of Golgotha, it has been possible to establish a connection with the spiritual in individual incarnations. And because this is so, something has happened with the single event of Golgotha that can radiate out into humanity—something that is not the result of achievements in successive incarnations. Therefore, it is impossible for the Christ to reveal himself in a way that is the result of many incarnations, just as the Buddha came into being through his incarnations as a Bodhisattva.
[ 23 ] Wir werden morgen sehen, wie für die Zukunft der Weg zum Christus in der Menschheitsentwickelung gefunden werden kann.
[ 23 ] Tomorrow we will see how, in the future, the path to Christ can be found within the evolution of humanity.
