Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 143
16 April 1912, Stockholm
7. Die drei Wege der Seele zu Christus I
[ 1 ] Der Weg durch die Evangelien und der Weg der inneren Erfahrung
[ 2 ] Wir werden an diesen zwei intimeren Abenden zu sprechen haben über eine Frage, über eine Angelegenheit der Menschheit, welche in einer zweifachen Beziehung ganz außerordentlich tief in unsere Seelen eingreift, einmal darum, weil die Christus-Frage ja eine solche ist, welche nun schon zwei Jahrtausende hindurch nicht etwa bloß zahlreiche Seelen der Erde beschäftigt hat, sondern aus welcher für zahlreiche Erdenseelen geflossen ist geistiges Lebensblut, seelische Kraft, Trost und Hoffnung im Leiden, Stärke und Sicherheit im Handeln. Und nicht allein das, sondern wenn wir in Betracht ziehen alles dasjenige, was wir an äußerer, exoterischer Kultur um uns herum haben, was geschaffen haben viele Jahrhunderte, dann sehen wir bei tieferer Erkenntnis, daß alles das unmöglich gewesen wäre, wenn der ChristusImpuls nicht einen großen Teil der Menschheit ergriffen hätte. Dies ist die eine Überlegung, die uns zeigt, welch starkes Interesse die Christus-Frage bieten muß, wenn wir nun mit den Erkenntnissen der Anthroposophie uns der Christus-Frage nahen. Dies ist nur die eine Seite des Interesses, welches wir diesem Problem entgegenbringen; die andere Seite des Interesses, sie kommt aus den besonderen seelischen und geistigen Verhältnissen gerade unserer Zeit, unserer Epoche. Wir brauchen nur herumzuschauen in der Welt und verstehen wollen die Sehnsuchten, das Suchen der menschlichen Seele, und wir werden uns sagen können: Immer mehr suchen die menschlichen Seelen nach etwas, was mit dem Namen des Christus verbunden worden ist in den Seelen durch die Jahrhunderte hindurch, und immer mehr kommen die Seelen zu der Überzeugung, daß Erneuerung der Wege, Erneuerung des Interesses, Vertiefung der Erkenntnisse nötig sei, wenn die Bedürfnisse der menschlichen Seelen, so wie sie stets mehr kommen werden in bezug auf den Christus, befriedigt werden sollen. Finden wir auf der einen Seite ein Lechzen nach Aufschlüssen über den Christus, so finden wir auf der anderen Seite bei zahlreichen Seelen der Gegenwart Bedenklichkeit und Unsicherheit in bezug auf die bisherigen Mittel. Und so ist denn gerade diese Frage, wegen der Sehnsucht eine Antwort haben zu müssen und wegen der Unsicherheit die Wahrheit zu erfahren, eine der brennendsten in der Gegenwart.
[ 3 ] Selbstverständlich ist es daher, daß eine geistige Bewegung, die tiefer in die spirituellen Grundlagen hineindringt, die Aufgabe hat, über diese Frage Klarheit zu schaffen. Stehen heute die Dinge so, in verhältnismäßig kurzer Zeit, wahrhaftig in recht kurzer Zeit werden sie noch ganz anders stehen! Wenn wir ein wenig unegoistisch auf dasjenige sehen, was in bezug auf den Christus die Menschen bedürfen werden, die Nachkommen sind unserer Zeit, dann werden wir uns sagen müssen: Wenn auch viele Menschen der Gegenwart aus dem, was da ist, Befriedigung schöpfen, so werden doch immer mehr die Seelen sich unsicher fühlen, und immer mehr werden sie lechzen nach Aufschlüssen. So sprechen wir, wenn wir von dem Christus heute sprechen, von dem, wovon wir voraussehen, daß es notwendig für die Menschen einer ganz nahen Zukunft sein wird. Anthroposophie würde ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn sie sich nicht in die Lage versetzen würde, mit ihren Erkenntnissen Klarheit zu schaffen über diese Punkte, insoweit das heute möglich ist.
[ 4 ] Mein Ausgangspunkt soll sein, hinzuweisen auf die drei Wege, auf denen nach dem Gange der Menschheitsentwickelung die Seele zum Christus gelangen kann. Wenn man von den drei Wegen spricht, muß man auch kurz hinweisen auf den ersten Weg, der heute kein Weg mehr ist, es aber war; der heute kein esoterischer Weg sein muß, so wie gerade in unserer Zeit der anthroposophische Weg es ist, der aber ein Weg war für Millionen von Seelen durch die Jahrhunderte hindurch. Dieser erste Weg ist der durch die sogenannten christlichen Urkunden, durch die Evangelien. Dieser Weg war für Millionen und aber Millionen von Menschen und ist noch heute für unzählige Menschen der einzig mögliche. Der zweite Weg, auf dem die Menschenseele den Christus suchen kann, ist der, den man nennen kann den Weg durch innere Erfahrung, den vorzugsweise zahlreiche Seelen in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft aus ihrer besonderen Beschaffenheit und ihren besonderen Eigenschaften heraus gehen müssen. Der dritte Weg ist der, welcher wenigstens begonnen werden kann verstanden zu werden in unserer Zeit von der anthroposophischen Bewegung aus, der Weg durch die Initiation. — So gibt es also drei Wege zum Christus: erstens den Weg durch die Evangelien, zweitens den Weg durch die innere Erfahrung und drittens den Weg durch die Initiation.
[ 5 ] Der erste Weg, der durch die Evangelien, braucht hier zunächst nur kurz charakterisiert zu werden. Wir wissen ja alle, daß die Evangelien im Laufe der Jahrhunderte die Herzens- und Seelennahrung geworden sind für unzählige Menschen. Wir wissen auch, wie die aufgeklärtesten, die kritischsten Naturen — und das sind nicht die irreligiösen — beginnen, kein Verhältnis mehr zu haben zu diesem Weg, weil geltend gemacht wird, daß heute aus einem äußeren Wissen nicht zu erkennen sei, welche historischen Tatsachen eigentlich hinter dem stehen, was die Evangelien erzählen. Würden die Menschen der vergangenen Jahrhunderte die Evangelien gelesen haben, wie sie heute etwa ein Gelehrter liest, ein Mensch, der durch die heutige naturwissenschaftliche Bildung gegangen ist, es würden die Evangelien nicht die gewaltige Wirkung haben ausüben können, die Lebenswirkung, die von ihnen ausgegangen ist. Nun, wenn die Evangelien nicht so, wie der heutige gebildete Mensch sie liest, in den verflossenen Jahrhunderten gelesen worden sind, wie sind sie dann gelesen worden? — Nachzudenken von vorneherein, was sich zugetragen habe in Palästina im Anfange unserer Zeitrechnung, daran haben die Evangelienleser von früheren Jahrhunderten nicht gedacht, und daran denken auch jetzt noch zahlreiche Evangelienleser nicht. Diejenigen, die beginnen in den Evangelien zu prüfen, was sich vor den Augen der Bewohner von Palästina zugetragen habe im Anfange unserer Zeitrechnung, werden irre an dem historischen Charakter der Ereignisse von Palästina. So haben die Menschen der vorigen Jahrhunderte nicht gelesen. So haben sie gelesen, daß sie wirken ließen auf ihre Seelen ein Bild wie zum Beispiele die Samariterin am Brunnen, oder Christus seinen Jüngern die Bergpredigt haltend. An die Frage nach der äußeren physischen Realität dachten die Evangelienleser von vorneherein nicht. Wie ihnen das Herz aufging, wie die Empfindungen spielten bei diesen großen, gewaltigen Bildern, das war diesen Menschen die Hauptsache. Dann war ferner die Hauptsache, was im Herzen sich bildete, was sie an Kraft, an Lebenssinn aus diesen Bildern gewannen. Sie fühlten, daß ihnen geistiges Lebensblut, Stärke zufloß aus diesen Bildern. Wenn sie diese Bilder auf ihre Seelen wirken ließen, dann fühlten sie sich stark; sie fühlten, daß sie schwach sein müßten ohne diese Bilder. Und dann fühlten sie lebendige, persönliche Beziehungen zu dem, was in den Evangelien erzählt wird, dann fiel ihnen die Frage nach der historischen Realität nicht weiter auf. Realität waren die Evangelien selber, sie waren als Kraft da, man brauchte nicht zu fragen, woher sie kamen; man wußte, daß Leute sie geschrieben haben nicht mit irdischen Mitteln, sondern mit Impulsen aus den geistigen Welten. Ich behaupte nicht, daß man nun heute auch so fühlen muß — was man muß, hängt ab von der Entwickelung der Menschheit —, sondern ich behaupte, daß das Fühlen derMenschen so war durch die Jahrhunderte hindurch.
[ 6 ] Warum konnte es so sein? Nun, darüber unterrichtet uns erst jetzt die Geisteswissenschaft. Wenn wir beginnen, die Evangelien geisteswissenschaftlich zu verstehen und versuchen einzudringen in das, was herunterfließend aus geistigen Welten in den Evangelien enthalten ist, so stehen wir so vor den Evangelien, daß wir sagen: Wir erkennen aus den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen heraus, ganz unabhängig von diesen Evangelien, dasjenige, was geschehen ist in der Menschheitsentwickelung mit dem Christus-Impuls, und finden dann das, was in den Evangelien enthalten ist, unabhängig von ihnen. Wie fassen wir daher geisteswissenschaftlich die Evangelien?
[ 7 ] Wenn ich einen einfachen Vergleich gebrauchen darf, so könnte ich sagen: Nehmen wir an, ein Mensch habe sich Aufklärung verschafft über eine Sache. Mit dieser Aufklärung begegnet er einem zweiten Menschen und beginnt mit diesem zu sprechen. Er will zunächst gar nicht voraussetzen, daß der andere etwas davon weiß, wovon er sich Aufklärung verschafft hat; aus dem Gespräch merkt er aber: der weiß das ebensogut wie ich. Was ist dann vernünftig, anzunehmen? Das Vernünftige ist, anzunehmen, daß der andere sich aus denselben oder ähnlichen Quellen Aufklärung verschafft hat. So geht es auch mit den Evangelien. Wir können das tun, von welchem Standpunkte wir auch immer an die Evangelien herankommen. Es könnte eine Gesellschaft begründet werden von Menschen, die in der geschilderten Art Leser der Evangelien sind. Dann könnten in einer solchen Gesellschaft auch solche sein, die von vorneherein ganz Gegner der Evangelien sind und die sagen: Prüfen wir diese Evangelien nach den Methoden der äußeren Wissenschaft, so finden wir, daß diese Evangelien viel später geschrieben sind als die Ereignisse von Palästina geschehen sein können; die Berichte widersprechen einander, kurz, diese Evangelien können nicht als historische Urkunden gelten. — Solche Menschen könnten auch da sein in einer solchen Gesellschaft und man könnte doch sagen: Gut, lassen wir die Evangelien zunächst in Ruhe, aber forschen wir in den übersinnlichen Welten! — Und treiben wir wahrhafte Geistesforschung, gewinnen wir wahrhafte übersinnliche Erkenntnisse, so würden wir finden können, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung einmal eingetreten ist ein gewaltiger Impuls, der aus den geistigen Welten heraus als Impuls in die Menschheitsentwickelung eingeschlagen hat, von dem Ungeheures ausgegangen ist für die Menschheitsentwickelung, und dann würden wir sehen, daß dieser Impuls zunächst ergriffen hat einen besonders dazu geeigneten Menschen im Beginne unserer Zeitrechnung. Dies alles und viele andere Erkenntnisse, die sich angliedern an diese Erkenntnis und die wir nur aus übersinnlicher Forschung schöpfen, wir würden sie haben — und es könnten sie diejenigen, die von den Evangelien nichts wissen wollen, ebenso wie die anderen haben. Dann kann man an die Evangelien herangehen und sagen: Nun gut, wir haben uns zunächst gar nicht bekümmert um diese Evangelien; merkwürdig, wenn wir sie vorsichtig lesen, dann sehen wir, daß darinnen ist, was wir unabhängig von ihnen auf geisteswissenschaftlichem Felde finden. Jetzt erkennen wir ihren Wert von ganz anderer Seite her. — Dann sind wir uns klar darüber, daß das nicht anders sein kann, daß diejenigen, die die Evangelien geschrieben haben, aus derselben Quelle schöpfen, die sich nun öffnet durch die spirituelle Bewegung für die Menschheit. Das ist gerade dasjenige, vor dem wir stehen, das immer mehr kommen wird, das sich Geltung verschaffen wird für die Schätzung der Evangelienurkunden. Wenn das so ist, so müssen wir sagen: Die Menschen werden auf anderen Wegen das finden können, was aus diesen Urkunden erkannt werden kann. Und so beginnen uns diese Erkenntnisse immer mehr und mehr heilig zu werden durch die spirituellen Erkenntnisse der Gegenwart. Sie wirkten schon durch die Kraft der Evangelien. Weil die Evangelien durchtränkt sind mit den heiligsten Erkenntnissen, den geistigsten Impulsen der Menschheit, darum wirkten sie auch da, wo man sie naiv hinnahm. Geistige Erkenntnisse wirken nicht nur abstrakt, nicht nur in der Theorie, sondern da, wo sie sind, wirken sie als Lebenskraft, als seelisches Lebensblut. Und immer mehr und mehr wird man erkennen, wie Trost und Kraft und Sicherheit aus diesen Erkenntnissen fließen.
[ 8 ] Wenn wir dagegen von dem inneren Wege zum Christus sprechen, dann begegnen wir immer mehr und mehr Dingen, welche erst verstanden und empfunden werden können in der Gegenwart, wenn man mit richtigem geisteswissenschaftlichem Verständnis an sie herantritt. Es soll versucht werden, von der inneren Christus-Erfahrung so zu sprechen, daß man sehen kann, wie sie in jedem Menschen, von irgendeiner Überlieferung unabhängig, sich einstellen kann. Allerdings müssen wir dazu die menschliche Wesenheit betrachten mit den Erkenntnissen, die wir durch Geisteswissenschaft gefunden haben. Wenn wir uns vertiefen in diese Erkenntnisse, dann finden wir, daß auch die elementarsten Erkenntnisse fruchtbar werden, wenn wir sie anwenden auf das Leben. Es zeigt sich uns, daß man herauskommt aus der abstrakten Schematik über die sieben Glieder des Menschen, wenn man das Werden und Entstehen des Menschen ins Auge faßt. Der physische Menschenleib hat seine besondere Entwickelung in den ersten sieben Lebensjahren. Wir merken ferner, daß in den zweiten sieben Lebensjahren, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, im Menschenwesen die Kräfte des ätherischen Leibes spielen. Dann beginnen im Menschen die Kräfte des astralischen Leibes zu spielen, und dann erst, um das zwanzigste oder einundzwanzigste Jahr herum, beginnt — je nachdem, wie seine ganze Organisation ist und je nachdem, wie die Kräfte in ihm sind — dasjenige im Menschen, was auftritt als Ich, als Träger des Ich mit der Kraft, die es eigentlich hat durch seine Organisation für das gesamte Leben des Menschen als Träger des Ich. Es wird eigentlich in unserer heutigen Zeit noch nicht viel bemerkt, daß der Träger des Ich erst recht lebensfähig wird im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre, weil die Gegenwart noch nicht geneigt ist, auf diese Dinge zu achten.
[ 9 ] Was heißt das, daß der Träger des Ich erst recht regsam wird im zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahre? Da muß man mit den Mitteln des Okkultismus den werdenden Menschen betrachten und seine tieferen Organisationskräfte schauen. Seine Organisationskräfte ändern sich fortwährend: Von der Geburt bis zum siebenten Jahre, vom siebenten Jahre bis zur Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis zur Ich-Entwickelung. Sie ändern sich aber so, daß man sie nicht mit den Mitteln der gewöhnlichen Physiologie oder Anatomie prüfen kann. Wohl aber kann man sie mit den Mitteln des Okkultismus erkennen und kann sagen: Erst um das zwanzigste Jahr herum entwickelt der Mensch die Kräfte so, daß ein vollständig sich selber angemessener Ich-Träger da ist. Vorher ist dieser Ich-Träger noch nicht ausgebildet. Vorher ist die menschliche Leiblichkeit, auch die übersinnliche, noch kein richtiger Ich-Träger. Wenn wir also die Glieder des Menschen betrachten aus dem großen Weltenprinzipe heraus, so müssen wir sagen: So richtig reif, ein Ich zu entwickeln aus sich selber heraus, wird der Mensch durch die Eigentümlichkeit seiner Organisation erst im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre, nicht früher.
[ 10 ] Dieser Tatsache können wir eine andere entgegensetzen, nämlich die, daß wir in den ersten Lebensjahren, bei normalem Bewußtsein, uns förmlich ins Leben hineinträumen, hineinschlafen, und daß erst von einem bestimmten Zeitpunkte an das Leben so verläuft, daß die eigene Erinnerung beginnt. Von dem, was vor diesem Zeitpunkte war, können uns die Eltern oder ältere Geschwister erzählen; von diesem Zeitpunkte an sagt der Mensch in der inneren Seele: Ich bin dieser, der ich bin. — Von da an, wo er sagt: Ich habe das getan, ich habe das gedacht —, rechnet der Mensch seelisch sein Ich. Was vorher war, verliert sich in Seelendämmerung. Unsere Erinnerung reicht nur bis zu diesem charakterisierten Zeitpunkte. Was liegt denn dann vor, wenn wir die beiden Tatsachen zusammenhalten: Diejenige, daß der eigentliche Ich-Träger des Menschen geboren wird im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre, mit derjenigen, daß wir uns seelisch als ein Ich bezeichnen vom dritten und vierten Jahre an? Da liegt vor, daß der Mensch im gegenwärtigen Zyklus seiner Entwickelung über sich selbst ein Meinen, ein Gefühl hat, das nicht seiner inneren Organisation, so wie diese geworden ist, entspricht. Denn das Bewußtsein des Ich tritt mit dem dritten und vierten Jahre auf, die Organisation für das Ich aber erst im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahr. Diese Tatsache ist von fundamentaler Wichtigkeit für das Verstehen des Menschen. Wenn man diese Tatsache abstrakt hinstellt als geisteswissenschaftliche Erkenntnis, dann wird man darüber nicht besonders aufgeregt sein; aber weil diese Tatsache wahr ist, sind zahlreiche Erlebnisse vorhanden, die der Mensch sehr gut kennt, aber nicht im Lichte dieser Tatsache schaut. Alles, was der Mensch erleben kann an Zwiespalt zwischen äußerlicher Organisation und innerer Erfahrung, an Leiden und Schmerzen im Leben dadurch, daß ihm gewisse Dinge vermöge seiner Organisation nicht möglich sind, an Disharmonie zwischen dem, was er wünschen und wollen und dem, was er ausführen kann, die Tatsache, daß er Ideale haben kann, die über seine Organisation hinausführen, all das führt zurück auf die Tatsache, daß das Bewußtsein unseres Ich einen ganz anderen Weg geht als der Träger unseres Ich. In dieser Hinsicht sind wir ein zweifacher Mensch: ein äußerer Mensch, der darauf hinorganisiert ist, seine Ichheit im zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahre zu entwickeln, und ein innerer Seelenmensch, der sich schon im vierten und fünften Jahre auf sein Seelenleben hin von seiner äußeren Organisation emanzipiert. Emanzipation des Ich-Bewußtseins von der äußeren Organisation findet statt im Kindesalter. Wir machen in unserer Seele etwas durch, was von unserer äußeren Organisation unabhängig verläuft, was sogar in herben Widerspruch kommen kann mit unserer äußeren Organisation. Wir sind in bezug auf das innere Bewußtsein des Ich geneigt, außer acht zu lassen unsere Organisation, das, was unten in unseren Leibern ist. Seelisch entwickeln wir uns ganz anders, als unsere Leiber sich entwickeln. Der Gang der inneren Menschheitsentwickelung ist daher ein zwiefacher. Der Gang der Entwickelung unserer Organisation geht vom ersten bis zum siebenten Jahre, dann vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre in der Weise, wie das geschildert worden ist. Der Gang der inneren Entwickelung ist so, daß wir von dem vorigen ganz unabhängig sind, daß das Bewußtsein unseres Ich sich emanzipiert vom zartesten Kindesalter an und einen selbständigen Weg durch das Leben macht. Was aber ist die Folge von dieser eigentümlichen Tatsache der menschlichen Entwickelung? Das kann nur der Okkultist uns erzählen.
[ 11 ] Wenn wir in alldem Umschau halten, was der Okkultist lehren kann, so kommen wir zu einer eigentümlichen Erkenntnis. Wir kommen nämlich dazu, einzusehen, daß Krankheit, Gebrechlichkeit der menschlichen Organisation, daß alles dasjenige, was Siechtum, Alter, Tod allein möglich macht, davon herrührt, daß wir eigentlich eine Zweiheit sind. Wir sterben, weil wir in einer gewissen Weise organisiert sind und in unserer Organisation keine Rücksicht nehmen auf unsere Ich-Entwickelung. Daß wir mit unserem Ich einen selbständigen Weg gehen, der sich nicht kümmert um unsere Organisation, daran erinnert uns diese Organisation, wenn sie der Ich-Entwickelung in Krankheit, Siechtum, Tod ein Hemmnis entgegensetzt. Wir werden daran erinnert, daß unsere Ich-Entwickelung ganz abgesondert verläuft von unserer Organisation. Woher kommt denn nun eigentlich diese eigentümliche Tatsache der Zweiheit in der menschlichen Natur?
[ 12 ] Wenn wir die verschiedenen Dinge betrachten und den Menschen im Zusammenhange mit der Wirklichkeit betrachten, so zeigt es sich uns, daß, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkte der Erdenentwickelung, nämlich in der lemurischen Zeit, nur fortschreitende Kräfte in die Menschheitsentwickelung eingegriffen hätten, die Jugendentwickelung des Menschen heute ganz anders verlaufen würde, nämlich so, daß sie gleichen Schritt hielte mit der Ich-Entwickelung. Jederzeit würde die seelische Entwickelung genau übereinstimmen mit der leiblichen Entwickelung. Der Mensch würde dann unmöglich sich anders entwickelt haben können, als wie es als Ideal gefordert wird heute zum Beispiele in meiner kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Wären damals nur fortschreitende Kräfte tätig gewesen, so würde das Sonderbare sich ergeben haben, daß in den ersten zwanzig Lebensjahren der Mensch viel unselbständiger geworden wäre, als er jetzt ist. Diese Unselbständigkeit ist nicht in üblem Sinne gemeint, sie ist so gemeint, daß eigentlich jeder von Ihnen mit dieser Unselbständigkeit sehr einverstanden wäre. Es ist nämlich die menschliche Natur in den ersten sieben Lebensjahren rein auf Nachahmung angelegt. Da die Menschen im erwachsenen Zustande, wenn nur die fortschreitenden Kräfte tätig gewesen wären in der lemurischen Zeit, nichts Schandbares tun würden, so würden die Kinder vom ersten bis zum siebenten Lebensjahre nichts Schlechtes nachahmen können. In den zweiten sieben Lebensjahren würde das Prinzip der Autorität herrschen, während es heute nicht nur zur Landplage, sondern zur Erdenplage gehört, daß die Menschen zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre selbständig werden wollen, ja sogar dazu erzogen werden, selbständige Urteile zu haben. Die Erwachsenen würden für die Kinder die selbstverständlichen Autoritäten gewesen sein. Vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre würde der Mensch noch viel weniger auf sich selbst in sein Inneres hineingesehen haben, er würde sich mehr nach außen gewandt haben. Es würde die Kraft der Ideale, die Kraft, sich hineinzuleben in die Lebensträume, ungeheuer bedeutsam für ihn geworden sein. Es würden aus seinem Herzen sprießen Lebensträume, und dann würde volles Ich-Bewußtsein aufgetreten sein im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre. Also es würde auftreten in den ersten sieben Lebensjahren die Periode der Nachahmung, dann in den zweiten sieben Lebensjahren Aufschauen zu Autoritäten, dann in den dritten sieben Lebensjahren Hervorsprießen der Ideale, die den Menschen zu seinem vollen Ich-Bewußtsein bringen würden. Von diesem Gange der Entwickelung hat abgebracht im Laufe der Menschheitsentwickelung die Summe der auch in der Evolution wirkenden Kräfte, die die luziferischen Kräfte genannt werden. Sie haben seit der lemurischen Zeit das Ich-Bewußtsein losgerissen von der Grundlage der Organisation. Daß wir schon im zartesten Alter das Ich-Bewußtsein haben, das ist eben auf die luziferischen Kräfte zurückzuführen.
[ 13 ] Wie griffen die luziferischen Kräfte ein? Die luziferischen Kräfte sind Wesenheiten, welche auf dem Monde zurückgeblieben sind und daher keinen Sinn haben für die Erdenmission, für das, was sich erst auf der Erde entwickeln sollte vom einundzwanzigsten Jahre ab, das Ich. Sie nahmen den Menschen so, wie er herübergekommen ist vom Monde und legten in ihn als Keim die selbständige seelische Entwickelung. So daß in der Verfrühung des Ich-Bewußtseins, in diesem eigentümlichen Zwiespalt der menschlichen Natur die luziferischen Kräfte liegen. Das Erkennen einer solchen Tatsache gibt erst heute die Anthroposophie. Fühlen kann das jeder Mensch, der nur naturgemäß empfinden kann. Denn jeder Mensch kann fühlen, daß in ihm etwas ist, was ihn von seiner vollen Menschlichkeit trennt. Alles, was wir unberechtigten Egoismus in unserer Natur nennen, Abgeschlossenheit von dem eigentlichen Tun der Menschheit, rührt daher, daß das Ich nicht den richtigen Weg der Organisation mitgeht. So sehen wir vor uns den Menschen. Dann, wenn er fühlen kann: Ich könnte anders sein, als ich bin, ich habe etwas in mir, was nicht einverstanden ist mit mir selbst, — dann fühlt er den Widerstreit der fortschreitenden Gewalten mit den luziferischen Gewalten in seinem Inneren. Diese Tatsache mußte einmal geschaffen werden im Laufe der Menschheitsentwickelung. Sie war notwendig, weil ja der Mensch niemals wirklich frei geworden wäre ohne die luziferischen Wesenheiten, er wäre immer an seine Organisation gebunden gewesen. Was den Menschen auf der einen Seite in Zwiespalt bringt mit seiner Organisation, das gibt ihm auf der anderen Seite erst die Möglichkeit, frei zu sein. Aber eines bleibt aus dieser Zweiheit der Organisation für das gewöhnliche menschliche Leben. Das zeigt sich darin, daß wir von unserem Ich empfinden, daß es unvermögend geworden ist, von sich selber aus die Organisation umzuändern.
[ 14 ] Wenn wir im weiten Umkreise dessen, was den Menschen konstituiert, geschaffen hat, Umschau halten, so gibt es da die zwei geschilderten Kräfte. Es gibt da die organischen Kräfte unserer menschlichen Natur, die gemeint sind zur Entwickelung zu kommen von sieben zu sieben Jahren, und auf der anderen Seite die luziferischen Kräfte. Gibt es nichts anderes im Verlaufe der Menschheitsentwickelung in der Natur und im Geistesleben, so wird das eintreten, daß der Mensch niemals durch sein emanzipiertes Ich zum vollen Einklang mit seiner Natur kommen könnte. Ergäbe sich nichts anderes aus dem Umkreise des Erdenseins, dann könnte die Entwickelung keine andere sein, als daß der Mensch von seiner Organisation sich immer mehr entfremden würde, daß seine Organisation immer siecher, immer vertrockneter würde, daß der Zwiespalt immer größer werden müßte. Wenn der Mensch nur einmal dazu kommt, das so recht zu fühlen als eine geisteswissenschaftliche Erkenntnis, dann kommt ein großer Moment in seinem Leben, in welchem er sich sagt: Da stehe ich mit meiner menschlichen Organisation, die mir gegeben ist von den fortschreitenden Kräften, die von sieben zu sieben Jahren wirken — er braucht das nicht so in klaren Worten auszusprechen, er braucht es nur unbestimmt zu fühlen —, aber weil diese Organisation eine Gegenkraft hat, die sich selbständig entwickelt, darum wird sie siech und krank und stirbt endlich. — In den Tiefen seines Seelenlebens fühlt der Mensch das. Er braucht nur das Gefühl von dieser Diskrepanz des inneren Ich mit der äußeren Organisation zu haben. Wenn er so recht lebt in dieser Empfindung, dann kommt, auch ohne daß er etwas von Anthroposophie zu kennen braucht, — ja, von woher, er weiß zunächst nicht, woher? —, aber es kommt in seine Seele etwas herein, wovon er fühlt: Ich selbst mit dem Ich, woran ich mich zurückerinnere, vermag nichts gegen meine Organisation, der ich nicht gewachsen bin. Aber es gibt etwas, was ich als Kraft aufnehmen kann in mein Ich, was ich aufnehmen kann in mein Bewußtsein als Überzeugung; unmittelbar aus den geistigen Welten kommt etwas herein, das nicht in mir liegt, das aber meine Seele durchdringt. Etwas kann hereinfließen aus unbekannten Welten in meine Seele. Wenn ich es aufnehme in mein Herz, wenn ich mein Ich damit durchdringe, dann hilft es mir unmittelbar aus den geistigen Welten heraus. Man nenne das, was aus den geistigen Welten kommt, wie immer man will, darauf kommt es nicht an, auf die Empfindung kommt es aber an.
[ 15 ] Nehmen wir einmal an, ein Mensch würde mit dem Leben heute nicht zurechtkommen und sich sagen: Also muß ich suchen in dem weiten Umkreise dessen, was ich auf der Erde finde, ob mir irgendwo eine Kraft ersprießen kann, die mir etwas geben kann, wodurch ich aus dem Zwiespalt herauskomme, die mir hinaushilft. — Es ist naturgemäß, daß der Mensch mit den Mitteln der alten Konfessionen nicht mehr zurechtkommen kann, daß er mit den alten kirchlichen Vorstellungen nichts mehr verbinden kann, was ihm diese Kraft, die er sucht, geben kann. Nehmen wir aber an, um ein konkretes Beispiel anzuführen, ein solcher Mensch ginge zu einer der alten heiligen Religionen, er ginge zum Beispiel zum Buddhismus und vertiefte sich in die außerordentlichen Lehren des Buddhismus. Wenn der Mensch naturgemäß in aller Stärke den charakterisierten Zwiespalt empfindet — ich sage nicht, daß sich das aus einer Theorie ergibt, sondern aus einer unbestimmten Empfindung —, dann würde er so empfinden: In der Persönlichkeit, der Individualität des Gautama Buddha hat etwas gelebt, was in der Welt erst auf Grundlage einer langen Entwickelung kommen kann. Diese Individualität ist durch viele Inkarnationen hindurchgegangen, hat immer höhere und höhere Grade der Evolution erreicht und ist endlich soweit gekommen, daß sie im neunundzwanzigsten Jahre ihres Lebens als Gautama Buddha vom Bodhisattva zum Buddha aufsteigen konnte, so aufsteigen konnte, daß diese Individualität nicht mehr in einen physischen Leib zurückzukehren brauchte. Was da ausfließt aus dieser Individualität, wie ist es zustande gekommen? Fühlen kann jedes unbefangene Gemüt das, was aus dem Buddha spricht, was erst durch den Bodhisattva innerhalb der Erdenentwickelung, innerhalb vieler Inkarnationen geworden, herangewachsen ist. Das alles enthält im schönsten, großartigsten Sinne die Kräfte, die sich im Umkreise der Erde finden, in dem Zusammenspiel der Kräfte der Organisation und der luziferischen Kräfte. Daher wirkt das, was vom Bodhisattva zum Buddha fließt — weil es gegangen ist von Inkarnation zu Inkarnation, weil es nur aus denselben Kräften stammt, aus denen die Menschenkräfte stammen —, deshalb wirkt es so, daß die unbefangene Seele nicht fühlt, was den vollen Einklang hervorrufen kann zwischen dem Ich des Menschen und seiner Organisation. Es fühlt die Seele: Etwas muß es geben, was nicht von Inkarnation zu Inkarnation geht, sondern, was unmittelbar hereinströmen kann aus den geistigen Welten in jede Menschenseele. — Wenn die Menschenseele fühlt, daß sie eine Beziehung haben muß zu dem, was von den Himmeln herunterströmt, dann fängt sie an, eine innerliche Erfahrung von dem Christus zu haben. Dann wird es ihr auch begreiflich, daß in dem Christus Jesus etwas auftreten mußte, was sich unterscheidet von alledem, was vorher war. Das ist der radikale, der grundsätzliche Unterschied zwischen dem Leben des Christus und dem des Buddha.
[ 16 ] Der Buddha ist aus einem Bodhisattva zum Buddha geworden mit den Kräften, die den Menschen von Inkarnation zu Inkarnation aufsteigen lassen, wie es auch bei anderen großen Religionsstiftern ist. In das Leben des Jesus von Nazareth trat etwas ein, etwas wirkte in die Individualität des Jesus von Nazareth hinein während dreier Jahre, was aus den geistigen Welten unmittelbar herabströmte, was mit der menschlichen Evolution nichts zu tun hatte, was vorher nicht mit einem menschlichen Leben verbunden war. Diesen Unterschied müssen wir uns recht klar vor die Seele führen, wenn wir begreifen wollen, warum in dem, was die vierte nachatlantische Zeitepoche den Christus genannt hat, etwas lag, was verschieden war von allen anderen religiösen Impulsen, und warum die anderen Religionen die Menschheit immer hingewiesen haben auf diesen Christus.
[ 17 ] Wenn wir in der nachatlantischen Zeit zurückschauen in die uralt heilige indische Kultur, da sehen wir auftreten die sieben heiligen Rishis, in deren Seelen etwas lebte von dem unmittelbaren Anschauen der geistigen Welten. Wenn man einen der sieben heiligen Rishis um die Grundstimmung seiner Seele gefragt hätte, so hätte er gesagt: Wir schauen hinauf zu den spirituellen Mächten, aus denen alle Menschenentwickelung geworden ist. Das offenbart sich uns in sieben Strahlen, aber darüber ist etwas anderes, etwas, das über unserer Sphäre liegt. — Vishvakarman nannte man das später, was die sieben heiligen Rishis so empfanden. Von einer Gewalt, die nicht mit der Erde sich entwickelt hat, sprachen die sieben heiligen Rishis.
[ 18 ] Dann kam die Zarathustra-Kultur. Zarathustra sprach, wenn er den Blick auf die Geister der Sonne richtete, von etwas, was in die Menschheitsentwickelung einfließen sollte unmittelbar durch eine Strömung aus den geistigen Welten. Was wir den Menschen geben können, so sagte Zarathustra, ist nicht das, was einst von den Sonnenfernen unmittelbar aus den geistigen Welten in die Menschheit einfließen wird. Was in der Sonne geistig ist, das ist das, was die spätere persische Kultur Ahura Mazdao genannt hat.
[ 19 ] Aus einem besonders tragischen Einschlag heraus empfand man in den ägyptischen Mysterien die Christus-Frage. Man empfand sie in der allertiefsten Weise, wenn wir unter Tiefe verstehen eine solche Gestaltung der menschlichen Empfindung, wo ganz besonders stark in die Seele hinein sich schreibt das Bewußtsein: Von dem, was geistig ist, stammt die Menschheit her. Der ägyptische Eingeweihte sagt sich: Überall, wo wir den Blick hinwenden, empfinden wir in dem, was uns umgibt, den Abfall von dem ursprünglich Geistigen. Unmittelbar, unvermischt ist nirgends das Geistige in der äußeren Welt zu finden. Dann erst, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, wird er ansichtig desjenigen, von dem er stammt. Man muß erst sterben — in bezug auf die innere Erfahrung, nicht in bezug auf die Einweihung —, dann wird man vereinigt mit dem Osiris-Prinzip, so nannten die alten Ägypter das Christus-Prinzip, im Leben geht es nicht, da ist die Diskrepanz. Alles, was im Umkreise der Erde ist, das führt nicht zum Osiris, die Seele muß durch die Pforte des Todes getreten sein, um mit dem Osiris vereinigt zu werden. Dann, im Tode, wird die Seele ein Stück des Osiris, sie wird selbst eine Art Osiris. Die Welt außen ist so geworden, daß sie zerstückelt hat den Osiris durch seinen Feind, das heißt durch all das, was zur äußeren Welt gehört. Und es sagte der Eingeweihte der ägyptischen Mysterien: So wie die Menschheit jetzt ist in unserer Kultur, ist sie eine Art Rückerinnerung an die alte Mondenzeit. So wie die Kultur der sieben heiligen Rishis eine Art Rückerinnerung ist an die alte Saturnzeit, so wie die Zarathustra-Kultur eine Rückerinnerung ist an die alte Sonnenzeit, so ist die Osiris-Kultur eine Rückerinnerung an die alte Mondenzeit, wo sich zuerst der Mond mit seinen Wesenheiten abtrennte von der Sonne, auf der aber geblieben sind die Wesenheiten, von denen der Mensch seinen Ursprung genommen hat. Da hat die Abtrennung des Menschen stattgefunden von den guten Kräften seiner Organisation, von dem Quell seiner Lebenskräfte. Aber es wird für die Menschen durch das, was sie durchmachen werden an Sehnsucht und Entbehrung in bezug auf das Geistige, die Zeitkommen, da wird Osiris heruntersteigen und als etwas sich erweisen, was als neuer Einschlag kommen muß, was vorher auf der Erde nicht war, weil es sich schon während der alten Mondenzeit von der Erde getrennt hatte.
[ 20 ] Alles das, worauf die sieben heiligen Rishis und Zarathustra hinwiesen und wovon die Ägypter sagten, daß die Menschen in ihrer Zeit es im Leben überhaupt nicht erreichen könnten, das war die Kraft, der Impuls, der drei Jahre lang im Leibe des Jesus von Nazareth sich offenbarte. Alle großen Religionen haben von ihm gesprochen; geoffenbart hat er sich im Jesus von Nazareth, worauf alle Religionen hinwiesen. So haben nicht nur die Christen vom Christus gesprochen, sondern auch die Bekenner aller alten Religionen. So trat etwas ein im Laufe der Menschheitsentwickelung, was der Mensch braucht und was der inneren Erfahrung erreichbar ist.
[ 21 ] Nehmen wir einmal an, ein Mensch wüchse auf einer einsamen Insel heran. Diejenigen, die ihn erziehen, erzählten ihm nichts von dem, was in der Welt geschieht in bezug auf den Christus-Namen und auf die Evangelien, sondern sie erzählten ihm nur das, was in der Kultur da ist, ohne die Evangelien und ohne den Christus-Namen zu gebrauchen. Was unter dem Einfluß des Christus in der Kultur entstanden ist, aber entkleidet des Christus-Namens, das würde man an ihn heranbringen. Was würde da geschehen? Dann würde bei einem solchen Menschen folgende Stimmung auftreten müssen, eines Tages würde er sagen: In mir lebt etwas, was meiner allgemeinen Menschheitsorganisation gemäß ist, daran kann ich zunächst nicht heran. Denn das, worin mein IchBewußtsein lebt, es stellt sich mir so dar, daß ich da etwas brauche, was mir durch die Menschheitskultur nicht zukommen kann, einen Impuls aus den geistigen Welten, um das Ich wieder kräftiger zu machen in seiner Organisation, von der es sich emanzipiert hat.— Wenn ein solcher Mensch nur stark empfinden kann, was der Mensch braucht, dann kann über ihn etwas kommen, woraus er erkennt: es müsse unmittelbar aus den geistigen Welten etwas herausströmen, was sich unmittelbar einlebt in sein Ich. Er weiß nicht, daß das Christus heißt, er weiß aber, daß er sich in seinem Bewußtsein durchdringen kann davon, daß er das, was aus den geistigen Welten zu ihm kommt, hegen kann in seinem Ich. Dann wird ihm etwas kommen, wovon er sich sagen darf: Nun ja, ich kann krank sein, ich kann schwach sein, ich kann sterben, aber von meinem Ich aus kann ich mich stärker machen, kann ich etwas in meine Organisation hineinsenden, was mir Stärke, was mir Kraft gibt unmittelbar aus den geistigen Welten heraus. — Wie er es nennt, ist gleich. Wenn der Mensch zu dieser Empfindung kommt, dann ist er vom Christus-Impuls ergriffen. Nicht derjenige, der sagt, daß er etwas haben kann von einem Lehrer, der von Inkarnation zu Inkarnation gegangen ist, sondern derjenige, der empfindet, daß unmittelbar aus der geistigen Welt Impulse der Kraft, der Stärke kommen können, der ist vom Christus-Impuls ergriffen. Diese innere Erfahrung können die Menschen machen, ohne sie können die Menschen nicht leben, ohne sie werden die Menschen in der Zukunft nicht leben können. Sie können diese innere Erfahrung machen aus dem Grunde, weil einmal drei Jahre lang objektiv im Jesus von Nazareth gelebt hat dieser Impuls, der unmittelbar aus den geistigen Welten hereinkam. So wahr es ist, daß man ein Samenkorn in die Erde legen kann und daß viele andere Samenkörner aus diesem einen hervorkommen können, ebenso wahr ist es, daß eiinmal in die Menschheit gelegt worden ist der Christus-Impuls, und daß seit jener Zeit etwas da ist in der Menschheit, was früher nicht da war.
[ 22 ] Darum ist das ägyptische Leben so tragisch, weil man empfand, daß man in seinem Leben nicht zum Osiris kommen konnte, daß man erst durch die Pforte des Todes schreiten mußte, um mit ihm vereinigt zu werden, das heißt, nur für die innere Erfahrung, von der Einweihung sprechen wir noch. Seit jener Zeit des Mysteriums von Golgatha aber ist das möglich, was früher nicht möglich war, daß der Mensch aus sich heraus sucht seine Verbindung mit der geistigen Welt, aus seiner einzelnen Inkarnation heraus. Und das rührt davon her, daß der Impuls, der durch das Mysterium von Golgatha gegeben worden ist, aufleuchten kann in jeder Seele, und seit jener Zeit durch die innere Erfahrung in jeden Menschen einziehen kann. Nicht der Christus, der auf Erden war — um den kümmert sich die Seele nicht —, aber der Christus, der durch innere Erfahrung erreichbar ist. Seit dem Mysterium von Golgatha ist es möglich, in den einzelnen Inkarnationen einen Zusammenhang mit dem Geistigen zu gewinnen. Und weil es so ist, deshalb ist mit der einen Tatsache von Golgatha etwas geschehen, was ausstrahlen kann in die Menschheit, was nicht durch Errungenschaften der aufeinanderfolgenden Inkarnationen gegeben ist. Deshalb ist es unmöglich, daß der Christus sich auf eine Weise zeigt, die eine Folge ist aus vielen Inkarnationen, so wie es der Buddha geworden ist aus seinen Inkarnationen als Bodhisattva.
[ 23 ] Wir werden morgen sehen, wie für die Zukunft der Weg zum Christus in der Menschheitsentwickelung gefunden werden kann.
