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Experiences of the Supernatural
The Three Paths of the Soul to Christ
GA 143

8 May 1912, Cologne

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10. Vorverkündigung Und Heroldtum des Christus-Impulses der Christus-Geist und seine Hüllen: Eine Pfingstbotschaft

10. The Forerunner and Herald of the Christ Impulse: The Spirit of Christ and Its Manifestations—A Pentecost Message

[ 1 ] Der heutige Tag fordert eine Einleitung zu unseren Betrachtungen. Ist es doch der Tag, den wir in der theosophischen Bewegung bezeichnen als den «weißen Lotustag», der uns alljährlich in Erinnerung ruft das Verlassen des physischen Planes durch Frau Helena Petrowna Blavatsky, der Begründerin der theosophischen Bewegung in der neueren Zeit. Und es braucht wohl nur ein wenig angeschlagen zu werden ein Ton, der wohl in jeder Seele, die sich heute hier befindet, vorhanden ist, um hervorzurufen Gefühle und Empfindungen der Bewunderung, der Verehrung, des Dankes gegenüber derjenigen Individualität, welche auf der Erde verweilte in Frau Blavatsky und wieder erneuert den Blick der Menschen geschärft hat für die uralt heiligen Mysterien der Menschheit, aus denen für die Menschen immer hervorgegangen ist alles, was die geistige Entwickelung an Kräften und Impulsen braucht. Die Aufgabe der neueren Zeit verständnisvoll ergreifend, konnte H. P. Blavatsky dasjenige, was ihr zugänglich war an Mysterienweisheit, in einer populären Form geben, so daß diese populäre Form das abweichende ist gegenüber der Art und Weise, wie durch geheime Kanäle und Strömungen Mysterienweisheit in menschliches Arbeiten und Schaffen eingeflossen ist. Das ist gerade die Bedeutung der neueren Zeit in dieser Beziehung, daß in allgemeinerer Form gegeben werden muß, was früher nur wenigen zugänglich war. Und zuerst im Sinne dieses Zuges der neueren Zeit gehandelt zu haben, das war die Mission von Frau Blavatsky. Sie hat damit der Menschen Sinn hingelenkt auf etwas, was in der Tat zu allen Zeiten heilig war denjenigen, die davon wußten. Daß dies so ist, soll jetzt gleich am Ausgangspunkte unserer heutigen Betrachtung dadurch nahegebracht werden, daß vorgetragen werden soll die Dichtung eines Denkers, den die große Masse der Gebildeten nur kennt oder besser gesagt nicht kennt — als einen trockenen, begrifflichen Denker, nur als einen Werk- und Baumeister von weit, weit entlegenen Ideengebilden. Daß aber dieser Denker dasjenige, was er scheinbar nur in kristallinischen Ideenbauten gegeben hat, in sich selber als das wärmste Gefühl besaß, und daß nicht Ideen allein das Gewand sind für dasjenige, was aus seinem Herzen stammt, zeigt er uns in einem Gedicht, das er eben an die heiligen Mysterien richtet.

[ 1 ] Today calls for an introduction to our reflections. For it is the day that we in the Theosophical Movement call the “White Lotus Day,” which annually reminds us of the departure from the physical plane of Mrs. Helena Petrovna Blavatsky, the founder of the Theosophical Movement in modern times. And it likely takes only a slight touch to strike a chord that surely exists in every soul present here today, to evoke feelings and emotions of admiration, reverence, and gratitude toward that individuality which dwelt on Earth in Madame Blavatsky and once again sharpened humanity’s gaze toward the ancient sacred mysteries of mankind, from which everything necessary for spiritual development—in terms of forces and impulses—has always emerged for humanity. By comprehending the task of the modern age, H. P. Blavatsky was able to present the mystery wisdom accessible to her in a popular form, such that this popular form differs from the manner in which mystery wisdom has previously flowed into human work and creation through secret channels and currents. This is precisely the significance of the modern age in this regard: that what was previously accessible only to a few must now be presented in a more general form. And to have been the first to act in accordance with this trend of the modern age—that was Madame Blavatsky’s mission. In doing so, she directed human attention toward something that was, in fact, sacred at all times to those who knew of it. That this is so is to be made clear right at the outset of our present consideration by presenting the poetry of a thinker whom the great mass of the educated knows—or rather does not know—only as a dry, conceptual thinker, merely as a builder and architect of far, far-removed conceptual constructs. But that this thinker possessed within himself, as the warmest feeling, that which he seemingly gave only in crystalline structures of ideas, and that ideas alone are not the garment for that which springs from his heart, he shows us in a poem which he addresses precisely to the sacred mysteries.

[ 2 ] Hegel — wie man sagen kann: der Denker Europas —, der so bekannt den modernen Gebildeten geworden ist, daß man heute noch immer vielen unaufgeschnittenen Büchern von ihm in den Bibliotheken begegnen kann, hat uns eine mit Herzblut geschriebene Dichtung hinterlassen. Ich meine die Dichtung «Eleusis», die nun hier durch Fräulein von Sivers vorgetragen werden soll. Wir wollen mit dieser Dichtung aus mitteleuropäischer Kultur heraus unseren Tribut zahlen an die Manen von H. P. Blavatsky.

[ 2 ] Hegel—who might be called the thinker of Europe—has become so well known to the modern educated public that even today one can still find many of his unopened books in libraries; he has left us a work of poetry written with passion. I am referring to the poem “Eleusis,” which is now to be recited here by Miss von Sivers. With this poem, rooted in Central European culture, we wish to pay our tribute to the memory of H. P. Blavatsky.

«Eleusis»

An Hölderlin

Um mich, in mir wohnt Ruhe. Der geschäft’gen Menschen
Nie müde Sorge schläft. Sie geben Freiheit
Und Muße mir. Dank dir, du meine
Befreierin, o Nacht! — Mit weißem Nebelflor
Umzieht der Mond die ungewissen Grenzen
Der fernen Hügel. Freundlich blinkt der helle Streif
Des See’s herüber.
Des Tags langweil’gen Lärmen fernt Erinnerung,
Als lägen Jahre zwischen ihm und jetzt.
Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
Und der entfloh’nen Tage Lust. Doch bald weicht sie
Des Wiedersehens süßern Hoffnungen.
Schon malt sich mir der langersehnten, feurigen
Umarmung Szene; dann der Fragen, des geheimern,
Des wechselseitigen Ausspähens Szene,
Was hier an Haltung, Ausdruck, Sinnesart am Freund
Sich seit der Zeit geändert; — der Gewißheit Wonne,
Des alten Bundes Treue, fester, reifer noch zu finden,
Des Bundes, den kein Eid besiegelte:
Der freien Wahrheit nur zu leben,
Friede mit der Satzung,
Die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie einzugehn!
Nun unterhandelt mit der trägen Wirklichkeit der Sinn,
Der über Berge, Flüsse, leicht mich zu dir trug.
Doch ihren Zwist verkündet bald ein Seufzer und mit ihm
Entflieht der süßen Phantasien Traum.

Mein Aug’ erhebt sich zu des ew’gen Himmels Wölbung,
Zu dir, o glänzendes Gestirn der Nacht!
Und aller Wünsche, aller Hoffnungen
Vergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab.
Der Sinn verliert sich in dem Anschaun,
Was mein ich nannte, schwindet.
Ich gebe mich dem Unermeßlichen dahin.
Ich bin in ihm, bin alles, bin nur es.
Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,
Ihm graut vor dem Unendlichen, und staunend faßt
Er dieses Anschauns Tiefe nicht.
Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige.
Vermählt es mit Gestalt. — Willkommen, ihr,
Erhab’ne Geister, hohe Schatten,
Von deren Stirne die Vollendung strahlt,
Er schrecket nicht. Ich fühl’, es ist auch meine Heimat
Der Glanz, der Ernst, der euch umfließt.

Ha! Sprängen jetzt die Pforten deines Heiligtums,
O Ceres, die du in Eleusis throntest!
Begeistrung trunken fühl, ich jetzt
Die Schauer deiner Nähe,
Verstände deine Offenbarungen.
Ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernähme
Die Hymnen bei der Götter Mahle,
Die hohen Sprüche ihres Rats. Doch deine Hallen sind verstummt, o Göttin!
Geflohen ist der Götter Kreis in den Olymp
Zurück von den entheiligten Altären,
Geflohn von der entweihten Menschheit Grab
Der Unschuld Genius, der her sie zauberte.
Die Weisheit deiner Priester schweigt. Kein Ton der heil’gen Weih’n
Hat sich zu uns gerettet, und vergebens sucht
Der Forscher Neugier mehr, als Liebe
Zur Weisheit. Sie besitzen die Sucher und verachten dich.
Um sie zu meistern, graben sie nach Worten,
In die dein hoher Sinn gepräget wär”.
Vergebens! Etwas Staub und Asche nur erhaschen sie,
Worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.
Doch unter Moder und Entseeltem auch gefielen sich
Die Ewigtoten, die Genügsamen! — Umsonst! es blieb
Kein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur.
Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fülle,
Des unaussprechlichen Gefühles Tiefe viel zu heilig,
Als daß er trock’ne Zeichen ihrer würdigte.
Schon der Gedanke faßt die Seele nicht,
Die außer Zeit und Raum in Ahnung der Unendlichkeit
Versunken, sich vergißt und wieder zum Bewußtsein nun
Erwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,
Spräch’ er mit Engelzungen, fühlt der Worte Armut.
Ihm graut, das Heilige so klein gedacht,
Durch sie so klein gemacht zu haben, daß die Red’ ihm Sünde deucht,
Und daß er bebend sich den Mund verschließt.
Was der Geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weises
Gesetz den ärmern Geistern, das nicht kund zu tun,
Was sie in heil’ger Nacht gesehn, gehört, gefühlt.
Daß nicht den Bessern selbst auch ihres Unfugs Lärm
In seiner Andacht stört’; ihr hohler Wörterkram
Ihn auf das Heil’ge selbst erzürnen machte, dieses nicht
So in den Kot getreten würde, daß man dem
Gedächtnis gar es anvertraute, daß es nicht
Zum Spielzeug und zur Ware der Sophisten,
Die er obolenweis verkaufte,
Zu des beredten Heuchlers Mantel, oder gar
Zur Rute schon des frohen Knaben und so leer
Am Ende würde, daß er nur im Widerhall
Von fremden Zungen seines Lebens Wurzel hätte.
Es trugen geizig deine Söhne, Göttin,
Nicht deine Ehr’ auf Gass’ und Markt, verwahrten sie
Im innern Heiligtum der Brust.
Drum lebtest du auf ihrem Munde nicht.
Ihr Leben ehrte dich. In ihren Taten lebst du noch.

Auch diese Nacht vernahm ich, heil’ge Gottheit, dich.
Dich offenbart oft mir auch deiner Kinder Leben,
Dich ahn ich oft als Seele ihrer Taten!
Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben,
Der einer Gottheit, wenn auch alles untergeht, nicht wankt.

“Eleusis”

To Hölderlin

Around me, within me, dwells peace. For busy people
Never-tiring worry sleeps. They give me freedom
And leisure. Thanks to you, my
Liberator, O Night! — With a white misty veil
The moon traces the uncertain boundaries
Of the distant hills. The bright strip of the lake
Across the way twinkles kindly.
It banishes the memory of the day’s tedious clamor,
As if years lay between it and now.
Your image, beloved, steps before me,
And the joy of days gone by. Yet soon it gives way
The sweeter hopes of reunion.
Already I envision the scene of the long-awaited, fiery
Embrace; then the scene of questions, of the more secret,
Of mutual scrutiny,
To see what in my friend’s bearing, expression, or disposition
Has changed since that time; — the joy of certainty,
Of finding the old bond’s fidelity, even firmer, more mature,
The bond no oath has sealed:
To live by free truth alone,
Peace with the statute,
That governs thought and feeling, never, never to yield!
Now the mind negotiates with sluggish reality,
Which easily carried me over mountains and rivers to you.
But a sigh soon announces their discord, and with it
The sweet dream of fantasy flees.

My eye rises to the vault of the eternal sky,
To you, O shining star of the night!
And all desires, all hopes
Forgetfulness flows down from your eternity.
The mind loses itself in the vision,
What I called “I” fades away.
I surrender myself to the immeasurable.
I am in it, am everything, am only it.
Strange to the recurring thought,
It dreads the infinite, and in wonder
It cannot grasp the depth of this vision.
Imagination brings the eternal closer to the senses.
It weds it to form. — Welcome, you,
Sublime spirits, lofty shadows,
From whose brows perfection shines,
He does not shrink. I feel that it is also my home
The radiance, the solemnity that surrounds you.

Ha! If now the gates of your sanctuary were to burst open,
O Ceres, who once reigned in Eleusis!
Drunk with inspiration, I would now feel
The thrills of your presence,
Understand your revelations.
I would interpret the lofty meaning of the images, hear
The hymns at the gods’ feasts,
The lofty sayings of their council. But your halls have fallen silent, O Goddess!
The circle of gods has fled to Olympus
Away from the desecrated altars,
Fleeing from the grave of desecrated humanity
The genius of innocence that conjured them here.
The wisdom of your priests is silent. No sound of the holy consecrations
Has reached us, and in vain does
The researcher’s curiosity seek more than love
For wisdom. They possess the seekers and despise you.
To master them, they dig for words,
In which your lofty spirit would be imprinted.”
In vain! They catch only a little dust and ash,
In which your life will never return to them again.
Yet even amidst decay and lifelessness, they took pleasure
In the eternally dead, the contented! — In vain! There remained
No sign of your feasts, no trace of an image.
To the son of consecration, the abundance of lofty teachings,
The depth of inexpressible feeling was far too sacred,
That he should deign to honor their dry symbols.
Even the thought does not grasp the soul,
Which, beyond time and space, immersed in a sense of infinity
Forgets itself and now awakens to consciousness once more.
Whoever would even speak of this to others,
Even if he spoke with the tongues of angels, would feel the poverty of words.
He dreads having conceived the sacred as so small,
Having made it so small through them, that speech seems a sin to him,
And that he tremblingly seals his lips.
What the consecrated one thus forbade himself, a wise
Law forbade the poorer spirits from making known,
What they saw, heard, and felt on that holy night.
Lest even the better ones be disturbed in their devotion by the clamor of their own folly
; their hollow verbiage
might provoke them against the Holy One Himself, lest this
be trampled into the mire, so that one might
memory, lest it
become a plaything and merchandise of the sophists,
whom he sold for a pittance,
the cloak of the eloquent hypocrite, or even
the rod of the joyful boy, and thus become so empty
in the end that he would find the roots of his life
From foreign tongues would have the root of his life.
Your sons, goddess, carried it sparingly,
Not your honor in the streets and markets; they kept it
In the inner sanctuary of the breast.
Therefore you did not live on their lips.
Their lives honored you. In their deeds you still live.

This night, too, I heard you, holy deity.
The lives of your children often reveal you to me,
I often sense you as the soul of their deeds!
You are the lofty spirit, the faithful faith,
That does not waver in a deity, even if all else perishes.

[ 3 ] In vollem Einklange fühle ich mich mit der Individualität von H. P. Blavatsky, wenn gerade an diesem Tage einige Worte, man möchte sagen, der vollen, klaren Wahrheit über sie gesprochen werden. Es war ihr eigen, dann, wenn sie ganz sie selbst war, vor allen Dingen wahr sein zu wollen. Daher ehren wir sie am besten, wenn wir unsere dankbaren Gedanken zu ihr hinwenden und einige wenige Worte der reinsten Wahrheit sprechen.

[ 3 ] I feel in complete harmony with the individuality of H. P. Blavatsky, especially on this day, when a few words—one might say—of the full, clear truth about her are spoken. It was her nature, when she was completely herself, to want above all else to be true. Therefore, we honor her best by turning our grateful thoughts toward her and speaking a few words of the purest truth.

[ 4 ] Gerade H. P. Blavatsky zeigte in ihrer Ganzheit, in ihrer Individualität, welche innere Kraft, welcher starke Impuls jener spirituellen Bewegung eigen war, die wir die theosophische Bewegung nennen. Um das zu erhärten, sei nur hingewiesen auf das erste größere Werk von H. P. Blavatsky, auf die «Entschleierte Isis». Dieses Buch macht auf den gewöhnlichen Leser den Eindruck wirklich eines chaotischen Werkes, in dem es drunter und drüber geht. Nimmt dieses Werk aber jemand zur Hand, der weiß, daß es eine uralte, in den Mysterien gehütete Weisheit gibt, die eben gehütet worden ist durch viele Zeiten hindurch vor den profanen Blicken, und der weiß, daß nicht in äußeren Menschenwerken, sondern in geheimen Gesellschaften vorbereitet worden ist diese Weisheit, der findet dann allerdings noch immer Chaotisches in dem Buche, aber auch noch etwas anderes. Er findet nämlich zum ersten Male ein Werk, das mutig und kühn gewisse Geheimnisse der Mysterien vor die profane Welt hinstellt. Und wer diese Dinge versteht, der finder, wie unendlich vieles richtig gedeutet worden ist, so wie es nur deuten konnten Eingeweihte. Der chaotische Eindruck bleibt, und man kann ihn sich durch folgende, vernunftgemäße Beobachtung erklären: Die äußere Persönlichkeit von H. P. Blavatsky, insofern sie in ihrem physischen Leibe verkörpert war, mit ihrem Intellekt, auch mit ihren persönlichen Eigenschaften, ihrer Sympathie und Antipathie, sie zeigt uns in der Art, wie die «Entschleierte Isis» geschrieben ist, daß sie durchaus nicht aus ihrer Persönlichkeit, aus ihrer eigenen Seele hat hervorbringen können dasjenige, was sie der Welt zu geben hatte. Sie teilt Dinge mit, die sie selbst gar nicht hat verstehen können, und wenn man diesen Gedankengang weiter verfolgt, dann ist er ein Beweis dafür, daß höhere, spirituelle Individualitäten den Leib und die Persönlichkeit von H. P. Blavatsky benutzt haben, um dasjenige, was notwendig war, was einfließen mußte in die Menschheit, mitzuteilen. Gerade weil man Blavatsky nicht zuschreiben kann, was sie gegeben hat, gerade das ist ein lebendiger Beweis dafür, daß diejenigen Individualitäten, die mit der theosophischen Bewegung sind, die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen, in ihr ein Instrument fanden. Diejenigen, die in diesen Dingen klar sehen, wissen, daß die Dinge nicht von ihr selbst stammen, daß sie durch sie geflossen sind von hohen spirituellen Individualitäten aus. Es ist natürlich heute nicht Gelegenheit dazu, im einzelnen über diese Dinge zu sprechen.

[ 4 ] H. P. Blavatsky, in particular, demonstrated in her wholeness and individuality the inner strength and powerful momentum inherent in that spiritual movement we call the Theosophical Movement. To substantiate this, one need only refer to H. P. Blavatsky’s first major work, *Isis Unveiled*. To the casual reader, this book truly gives the impression of a chaotic work in which everything is in disarray. But if someone picks up this work who knows that there is an ancient wisdom, guarded within the Mysteries, which has indeed been preserved through many ages from profane eyes, and who knows that this wisdom was not prepared in outward human works but in secret societies, then that person will indeed still find chaos in the book, but also something else. For the first time, they will find a work that boldly and courageously presents certain secrets of the Mysteries to the profane world. And whoever understands these things will find that so much has been interpreted correctly, in a way that only initiates could have interpreted it. The chaotic impression remains, and it can be explained by the following rational observation: The outer personality of H. P. Blavatsky, insofar as she was embodied in her physical body, with her intellect, as well as her personal traits, her sympathies and antipathies—she shows us, in the manner in which *Isis Unveiled* is written, that she could by no means have produced from her personality, from her own soul, that which she had to give to the world. She communicates things that she herself could not have understood at all, and if one follows this line of thought further, it serves as proof that higher, spiritual individualities used the body and personality of H. P. Blavatsky to communicate that which was necessary, that which had to flow into humanity. Precisely because one cannot attribute to Blavatsky what she gave—precisely that is living proof that those individualities associated with the Theosophical Movement, the Masters of Wisdom and the Harmony of Feelings, found an instrument in her. Those who see clearly in these matters know that these things did not originate with her, but flowed through her from high spiritual individualities. Of course, there is no opportunity today to speak about these things in detail.

[ 5 ] Man könnte nun die Frage aufwerfen, und sie wird oft aufgeworfen: Warum haben denn jene hohen Individualitäten gerade Frau Blavatsky als Werkzeug ausgesucht? Weil es trotzdem das geeignetste war. Warum ist denn nicht einer der gelehrten Herren, die vergleichende Religionswissenschaft trieben, zu diesem Instrumente ausersehen worden? Wir brauchen nur den größten, verehrungswürdigsten Kenner der orientalischen Religionssysteme, den großen Max Müller, ins Auge zu fassen, und wir werden an seinen eigenen Aussprüchen sehen, warum er nicht hat verkünden können dasjenige, was durch das menschliche Instrument von Frau Blavatsky mitgeteilt werden mußte. Er hatte ein sonderbares Urteil über dasjenige, was H. P. Blavatsky über die orientalische Religionsweisheit gab; er sagte: Wenn irgendwo auf der Straße gesehen wird ein Schwein, das grunzt, dann findet man das gar nicht merkwürdig, wenn aber ein Mensch auf der Straße geht und grunzt wie ein Schwein, dann findet man das sehr merkwürdig. Es sollte also gesagt werden: wer das, was orientalisches Religionssystem ist, nicht im Sinne von Max Müller verballhornt, der sei wie ein Mensch, der grunzt wie ein Schwein. Auch sonst scheint mir nicht viel Logik in dem Vergleich zu stecken, denn, was hätte man wohl für einen Grund, besonders erstaunt zu sein, wenn ein Schwein grunzt; dagegen wenn ein Mensch grunzt, dann ist das doch schon eine Kunst, das kann nicht ein jeder. Dieser Vergleich ist also etwas hinkend, aber daß er überhaupt gemacht werden konnte, das zeigt, daß die Persönlichkeit von Max Müller nicht die richtige war.

[ 5 ] One might now ask the question—and it is often asked: Why did those exalted beings choose Madame Blavatsky specifically as their instrument? Because she was, after all, the most suitable. Why was not one of the learned gentlemen who studied comparative religion chosen as this instrument? We need only consider the greatest and most venerable expert on Eastern religious systems, the great Max Müller, and we will see from his own statements why he was unable to proclaim what had to be communicated through the human instrument of Madame Blavatsky. He had a peculiar opinion regarding what H. P. Blavatsky taught about Eastern religious wisdom; he said: If one sees a pig grunting somewhere on the street, one does not find that at all strange, but if a person walks down the street grunting like a pig, then one finds that very strange. So it should be said: whoever does not distort what the Eastern religious system is in the sense of Max Müller is like a person who grunts like a pig. Moreover, there does not seem to be much logic in the comparison, for what reason would one have to be particularly astonished when a pig grunts; whereas when a human grunts, that is already an art—not everyone can do it. This comparison is therefore somewhat flawed, but the fact that it could be made at all shows that Max Müller was not the right person for the task.

[ 6 ] So mußte eine Persönlichkeit ausgewählt werden, die intellektuell zwar nicht besonders hoch stand, und das hatte natürlich alle möglichen Nachteile. Frau Blavatsky hat dadurch in die große Botschaft mithineingebracht alle Sympathie und Antipathie ihres stark leidenschaftlichen Charakters. Nun hatte sie eine starke Antipathie gegen diejenige Weltanschauung, welche strömt aus den alttestamentlichen und neutestamentlichen Urkunden, sie hatte eine starke Antipathie gegen das hebräische und christliche Element. Eines ist aber nötig, um die Urweisheit der Menschheit in ihrer reinen Urgestalt zu erkennen, und das ist, mit vollem Gleichmaß der Gefühle den Offenbarungen, die von den höheren Welten kommen, gegenüberzustehen. Antipathie und Sympathie bilden eine Art Nebel vor unserem inneren Auge. So kam es, daß Frau Blavatsky immer mehr dazu gedrängt wurde, einen Nebel vor sich zu bekommen, und deutlich nur sehen konnte dasjenige, was durch die sogenannten rein arischen Überlieferungen gegangen ist. Das sah sie in seinen spirituellen Tiefen mit besonderer Klarheit, aber sie wurde dadurch einseitig und so kam es, daß sie in ihrem zweiten großen Werke, der «Geheimlehre», einseitig die gewaltige, alte arische Urreligion darstellte. Das Mysterium vom Sinai und von Golgatha darf man nicht suchen bei Frau Blavatsky, weil sie diesem Antipathie entgegenbrachte. Daher wurde sie gelenkt nach Mächten hin, die mit großer Gewalt und großer Klarheit geben konnten alles dasjenige, was außerchristlich ist. Das ist zu suchen in den wunderbaren «Dzyan»-Strophen, die Frau Blavatsky in der «Geheimlehre» mitgeteilt hat. Aber sie wurde dadurch auch abgedrängt vom Pfade der Initiation in der physischen Welt, die in der «Entschleierten Isis» zwar herauskommt, aber nur in gebrochenen Strahlen. In der «Geheimlehre» aber konnte Frau Blavatsky nur darstellen — weil sie einer einseitigen Initiation unterlag — diese einseitige Strömung, die gelenkt wurde durch jene außerchristliche Weltanschauung. So kam denn in der «Geheimlehre» ein eigenartiges Buch zustande, in dem die größten Offenbarungen stehen, welche die Menschheit damals empfangen konnte. Es stehen Dinge darinnen, die auch in einer anderen Schrift hervorgehoben sind: in den Briefen der «Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen», den sogenannten Meisterbriefen. Da findet man wiederum ein Größtes, das der Menschheit geoffenbart worden ist. Aber es gibt auch andere Partien in der «Geheimlehre». Es gibt da zum Beispiel ausführliche Mitteilungen über die Theorie der Masse. Gerade wer aus richtigem Verständnis heraus die Dzyan-Strophen und die Meisterbriefe zu dem Höchsten zählt, was der Menschheit mitgeteilt ist, hat aus den weit ausgedehnten Partien über die Theorie der Masse den Eindruck, als ob sie herrührten von jemandem, der an dem Schreibwahnsinn gelitten hat, der immer nur hingeschrieben hat, was ihm eingefallen ist und nicht die Feder aus der Hand legen konnte. Und andere Partien sind darin, wo die tiefe leidenschaftliche Natur über wissenschaftliche Dinge spricht, ohne daß eine genaue Kenntnis der Sache vorliegt. So ist die «Geheimlehre» ein zusammengeschachteltes Buch von Dingen, die man ausschalten sollte, aber auch von Dingen der höchsten Weisheit. Begreiflich wird das, wenn man danebenhält die Erklärung eines tiefen Kenners und guten Bekannten von Frau Blavatsky. Er sagt: Frau Blavatsky war eigentlich ein Dreifaches. Zunächst war sie die kleine, häßliche Frau, mit unlogischem Denken, mit leidenschaftlichem Charakter, die sich immer ärgerte über irgend etwas, die zwar gutmütig, liebevoll und mitleidvoll war, aber durchaus nicht, was man eine begabte Frau nennt. Zum zweiten war sie, wenn die großen Wahrheiten aus ihr redeten, ein Schüler der großen Meister: dann veränderten sich ihre Züge, ihre Gebärden, dann war sie eine andere, dann redeten die geistigen Welten aus ihr. Dann gab es noch eine dritte, das war eine königliche Erscheinung: ehrfurchtgebietend, alles überragend. Das war in den seltenen Momenten, wo die Meister selber aus ihr redeten und sich kundgaben in ihren Worten und Schriftzügen. — Diejenigen, die vom Wahrheitssinn beseelt sind, werden immer sorgfältig unterscheiden, auch in den Werken von Frau Blavatsky, um was es sich handelt. Kein größerer Dienst könnte gerade Frau Blavatsky getan werden, zu der wir heute den Blick richten, als sie im Lichte der Wahrheit zu erkennen; kein größerer Dienst könnte ihr getan werden, als die theosophische Bewegung im Lichte der Wahrheit zu führen.

[ 6 ] Thus, a figure had to be chosen who was not particularly intellectually gifted, and this naturally had all sorts of drawbacks. As a result, Madame Blavatsky brought all the sympathies and antipathies of her strongly passionate character into the great message. Now, she had a strong antipathy toward the worldview that flows from the Old and New Testament documents; she had a strong antipathy toward the Hebrew and Christian elements. But one thing is necessary to recognize the primordial wisdom of humanity in its pure, original form, and that is to face the revelations coming from the higher worlds with complete emotional balance. Antipathy and sympathy form a kind of fog before our inner eye. Thus it came to pass that Madame Blavatsky was increasingly driven to see a fog before her, and could clearly perceive only that which had passed through the so-called purely Aryan traditions. She saw this in its spiritual depths with particular clarity, but it made her one-sided, and so it came to pass that in her second major work, *The Secret Doctrine*, she presented the mighty, ancient Aryan primordial religion in a one-sided manner. One must not seek the Mystery of Sinai and Golgotha in Madame Blavatsky, for she harbored antipathy toward it. Therefore, she was drawn toward forces that could convey with great power and clarity all that is non-Christian. This is to be found in the wondrous “Dzyan” stanzas that Madame Blavatsky communicated in “The Secret Doctrine.” But this also pushed her away from the path of initiation in the physical world, which does emerge in “Isis Unveiled,” but only in fragmented rays. In “The Secret Doctrine,” however, Madame Blavatsky could only present—because she was subject to a one-sided initiation—this one-sided current, which was guided by that non-Christian worldview. Thus, “The Secret Doctrine” became a unique book containing the greatest revelations that humanity could receive at that time. There are things in it that are also highlighted in another text: in the letters of the “Masters of Wisdom and Harmony of Feelings,” the so-called Master Letters. There, too, one finds something of the greatest magnitude that has been revealed to humanity. But there are also other sections in The Secret Doctrine. There are, for example, detailed accounts of the theory of mass. Precisely those who, out of a correct understanding, count the Dzyan stanzas and the Master Letters among the highest things communicated to humanity, get the impression from the extensive sections on the theory of mass that they originate from someone who suffered from a writing mania, who simply wrote down whatever came to mind and could not put the pen down. And there are other sections where a deeply passionate nature speaks on scientific matters without possessing precise knowledge of the subject. Thus, the “Esoteric Doctrine” is a jumbled book of things that should be discarded, but also of things of the highest wisdom. This becomes understandable when one compares it with the explanation of a profound expert and close acquaintance of Madame Blavatsky. He says: Madame Blavatsky was actually a threefold being. First, she was the small, unattractive woman, with illogical thinking, a passionate character, who was always annoyed by something; she was good-natured, loving, and compassionate, but by no means what one would call a gifted woman. Secondly, when the great truths spoke through her, she was a disciple of the great Masters: then her features and gestures changed; then she was a different person; then the spiritual worlds spoke through her. Then there was a third aspect, which was a regal presence: awe-inspiring, towering above all else. This was in those rare moments when the Masters themselves spoke through her and revealed themselves in her words and writings. — Those who are inspired by a sense of truth will always carefully distinguish, even in Madame Blavatsky’s works, what is at stake. No greater service could be rendered to Madame Blavatsky, upon whom we focus our attention today, than to recognize her in the light of truth; no greater service could be rendered to her than to guide the Theosophical Movement in the light of truth.

[ 7 ] Es war nur selbstverständlich, daß am Ausgangspunkte der theosophischen Bewegung eine individuelle Richtung stand; aber groß und bedeutsam ist es geworden, notwendig ist es geworden, einen anderen Strom dieser theosophischen Bewegung zuzuführen. Es ist notwendig geworden, dem Strom der theosophischen Bewegung hinzuzufügen, was aus okkulten Quellen durch das Rosenkreuzerische seit dem 14. Jahrhundert fließt und was Frau Blavatsky verschlossen war.

[ 7 ] It was only natural that the Theosophical Movement began with an individual orientation; but it has become important and necessary to introduce another current into this Theosophical Movement. It has become necessary to add to the current of the Theosophical Movement what has flowed from occult sources through the Rosicrucian tradition since the 14th century and what was hidden from Madame Blavatsky.

[ 8 ] So haben wir heute durchaus den Sinn der theosophischen Bewegung erfüllt, indem wir nicht nur anerkennen die orientalischen Bekenntnisse und Weltanschauungen, sondern auch hinzufügen die Weltanschauungen, die ihren Ausdruck gefunden haben in den Offenbarungen vom Sinai und in dem Mysterium von Golgatha. Und es darf vielleicht heute gerade eine Frage angedeutet werden: Liegt Weite, umfassendes Verständnis des wahren Impulses, der in der theosophischen Bewegung liegen solle, darin, der Weltanschauung von H. P. Blavatsky dasjenige hinzuzufügen, was ihr am Ausgangspunkte nicht gegeben werden konnte, oder liegt Weite darin, daß man eine Spezialmeinung höchst fragwürdiger Art zu einem Dogma erhebt und dies als Weite, als das Umfassende der theosophischen Bewegung bezeichnen will? Ich meinerseits sage unverhohlen: Ich weiß, daß wir uns versündigen müßten an dem Geist von H.P. Blavatsky, der heute in der geistigen Welt ist, wenn wir das letztere befolgen. Ich weiß, daß man sich nicht versündigt an diesem Geiste, sondern ihm Rechnung trägt, wenn man das tut, was er heute will: wenn man hinzufügt zur theosophischen Bewegung dasjenige, was er im Erdenleibe zu geben nicht imstande war. Und ich weiß, daß ich nicht nur nicht gegen, sondern in vollem Einklange mit Frau Blavatsky zu Ihnen spreche, wenn ich sage: Eines möchte ich, daß unsere abendländische Strömung sich in dieser theosophischen Bewegung zur Geltung bringt. — Es sind mancherlei Erkenntnisse und Wahrheiten in den letzten Jahren hinzugekommen. Nehmen wir nun an, nehmen wir wirklich an, in fünfzig Jahren würde alles korrigiert werden müssen, nehmen wir an, kein Stein unseres Geistesbaues, wie die Dinge heute dargestellt werden, würde auf dem anderen bleiben können, die okkulte Forschung müßte in den nächsten fünfzig Jahren alles von Grund auf rektifizieren — das alles würde von mir nur so charakterisiert werden müssen, daß ich sagen müßte: Mag sein, aber eines wird bleiben von dem, was wir hier wollen, und daß dies bleibe, dahin geht das Hauptstreben unserer abendländischen theosophischen Bewegung. Das eine möge sein, daß man sagen wird, daß es eine theosophische Bewegung gegeben hat, die auf dem Felde des Okkultismus nichts anderes zur Geltung bringen wollte als dasjenige, was aus dem ungetrübtesten, reinsten Wahrheitssinn hervorgegangen ist. — Das ist unser Bestreben, daß man dieses einmal sagen möge. Lieber sollen Dinge nicht gesagt werden, die noch fraglich sind, als daß irgendwie abgewichen würde von dem, was im reinsten Wahrheitssinn vor allen spirituellen Mächten verantwortet werden kann.

[ 8 ] Thus, we have certainly fulfilled the purpose of the Theosophical Movement today by not only acknowledging the Eastern creeds and worldviews, but also by adding the worldviews that have found their expression in the revelations from Sinai and in the Mystery of Golgotha. And perhaps one question may be raised today: Does the breadth and comprehensive understanding of the true impulse that should lie at the heart of the Theosophical Movement in adding to H.P. Blavatsky’s worldview that which could not be given to it at its outset, or does this breadth lie in elevating a highly questionable special opinion to the status of a dogma and seeking to designate this as breadth, as the comprehensiveness of the Theosophical Movement? For my part, I say openly: I know that we would be sinning against the spirit of H.P. Blavatsky, who is in the spiritual world today, if we were to follow the latter course. I know that one does not sin against this spirit, but rather does justice to it, when one does what it wants today: when one adds to the Theosophical Movement that which it was unable to give while in the earthly body. And I know that I am speaking to you not only not against, but in full harmony with Madame Blavatsky, when I say: I would like one thing, that our Western current assert itself within this Theosophical Movement. — Various insights and truths have been added in recent years. Now let us suppose—let us really suppose—that in fifty years everything would have to be corrected; let us suppose that, as things stand today, not a single stone of our spiritual edifice could remain upon another; that occult research would have to rectify everything from the ground up over the next fifty years—all of this would lead me to characterize it only in such a way that I would have to say: It may be so, but one thing will remain of what we seek here, and that this may remain is the main aim of our Western Theosophical Movement. Let that one thing be that it will be said that there was a Theosophical Movement which, in the field of occultism, sought to uphold nothing other than that which arose from the clearest, purest sense of truth. — That is our aspiration: that this may one day be said. It is better that things which are still questionable remain unsaid than that we should in any way deviate from what can be justified before all spiritual powers in the purest sense of truth.

[ 9 ] Daraus aber folgt ein anderes, nämlich, daß da oder dort irgend jemand sich berufen fühlt zu sagen: Warum lehnt ihr dies oder jenes ab, was in der theosophischen Bewegung erscheint? Das ist doch nicht tolerant! — Mögen andere Toleranz mit einem anderen Begriff verbinden, wir gebrauchen diese Begriffe so, daß wir uns verpflichtet fühlen, die Menschheit zu bewahren vor demjenigen, was vor dem reinen Wahrheitssinn nicht bestehen kann. Möge man entstellen, was wir tun, wir werden nicht weichen, wir werden unsere Aufgabe dahin zu erfüllen suchen, daß wir ablehnen alles, was wir ablehnen müssen, wenn wir demjenigen dienen, was eben ausgesprochen ist. Daher, aber nur dann, wenn mit unserem Wahrheitsgefühl irgend etwas in Disharmonie kommt, lehnen wir es ab. Andere Gründe, andere Gefühle kennen wir nicht. Wir werden nicht, in faden Redensarten uns ergehend, von Gleichheit der Meinungen sprechen, von Brüderlichkeit und so weiter, wir werden wissen, daß auch die Liebe der Menschen untereinander nur gedeihen kann, wenn sie eine aufrichtige und wahre ist. Dieses Beseelt-sein-Wollen von dem reinen Wahrheitssinn, das sei heute insbesondere an diesem festlichen Tage einmal gesagt.

[ 9 ] But this leads to something else, namely, that here and there someone feels compelled to ask: Why do you reject this or that which appears in the Theosophical Movement? That is not tolerant! — Others may associate tolerance with a different concept, but we use these terms in such a way that we feel obligated to protect humanity from that which cannot stand up to the pure sense of truth. Let them distort what we do; we will not waver; we will seek to fulfill our task by rejecting everything we must reject if we are to serve what has just been stated. Therefore—but only when something comes into disharmony with our sense of truth—we reject it. We know of no other reasons, no other feelings. We will not, indulging in trite platitudes, speak of the equality of opinions, of brotherhood, and so on; we will know that even love among people can only flourish if it is sincere and true. This desire to be inspired by the pure sense of truth—let this be said today, especially on this festive day.

[ 10 ] Dadurch, daß auf diese Weise Neues so hinzugekommen ist, dadurch trat mancherlei zutage, was zu Erklärungen der Geheimnisse des Weltenalls beitragen kann. Nicht werden die Dinge gesagt, um irgendeine große Kultur oder religiöse Bewegung der Menschheit in den Schatten zu stellen gegenüber einer anderen. Wie oft wurde es doch erwähnt, daß, wenn wir hinschauen auf die erste nachatlantische Zeit mit ihrer spirituellen Kultur der heiligen Rishis, wir innerhalb dieser ersten nachatlantischen Kulturperiode etwas haben, was höher war an Spirituellem als alles, was gefolgt ist. Ebensowenig fällt es uns ein, dem Buddhismus unrecht tun zu wollen, wir heben gerade seine Vorzüge hervor, wir wissen, daß er der Menschheit Dinge gegeben har, die das Christentum sich erst in der Zukunft wird erobern müssen. Aber ungeheuer bedeutungsvoll ist es, daß wir immer wieder auf den Unterschied hinweisen, der gerade zwischen der orientalischen und der abendländischen Kultur sich ergibt.

[ 10 ] Because new insights have been gained in this way, various things have come to light that can contribute to an understanding of the mysteries of the universe. These things are not said to cast any great culture or religious movement of humanity into the shadow of another. How often has it been mentioned that, when we look at the first post-Atlantean epoch with its spiritual culture of the holy Rishis, we find within this first post-Atlantean cultural period something that was spiritually higher than anything that followed. Nor do we have any intention of doing Buddhism an injustice; we are simply highlighting its merits; we know that it has given humanity things that Christianity will only have to attain in the future. But it is immensely significant that we repeatedly point out the difference that arises precisely between Eastern and Western culture.

[ 11 ] Die orientalische Kultur spricht nur von solchen Individualitäten, die durch die Entwickelung durch verschiedene Inkarnationen hindurchgegangen sind. Es spricht zum Beispiel die orientalische Kultur von den Bodhisattvas und spricht von ihnen als Individualitäten, die schneller die Menschheitsentwickelung durchmachen. Sie faßt aber dabei nur ins Auge dasjenige, was als Individualität von Inkarnation zu Inkarnation geht, und daß in einer bestimmten Inkarnation ein solcher Bodhisattva zum Buddha wird. Dann ist ein solcher Bodhisattva so weit gekommen, wenn er ein Buddha geworden ist — was er nur auf Erden kann —, daß er nicht mehr herabzusteigen braucht in einen fleischlichen Leib. Man hat also, je weiter wir zurückgehen, nur die Individualität im Auge und hebt weniger hervor die einzelne Verkörperung. Man spricht viel mehr von dem Buddha als von einer Stufe, von einer Würde, die andere Bodhisattvas auch im Laufe ihrer Leben erreichen, als von dem historischen Buddha, dem ShuddhodanaPrinzen.

[ 11 ] Eastern culture speaks only of those individualities that have undergone development through various incarnations. For example, Eastern culture speaks of the Bodhisattvas and describes them as individualities that progress more rapidly through human evolution. However, it focuses only on that which passes from incarnation to incarnation as an individuality, and on the fact that in a particular incarnation such a Bodhisattva becomes a Buddha. Then, when such a Bodhisattva has become a Buddha—which he can only achieve on Earth—he has reached a point where he no longer needs to descend into a physical body. Thus, the further back we go, the more we focus on the individuality and the less emphasis is placed on the specific incarnation. We speak much more of the Buddha as a stage, as a dignity that other Bodhisattvas also attain in the course of their lives, than of the historical Buddha, Prince Shuddhodana.

[ 12 ] Im Abendlande dagegen ist das anders. Wir haben eine Kultur durchgemacht, in der wir gar nicht sprechen von der Individualität, die von Leben zu Leben geht, sondern der abendländischen Kultur ist wert geworden die einzelne Persönlichkeit. Wir sprechen von Sokrates, Plato, Cäsar, Goethe, Spinoza, Fichte, Raffael, Michelangelo und denken sie uns in einer Inkarnation. Wir sprechen nicht von der Individualität, die von Inkarnation zu Inkarnation geht, sondern von der Persönlichkeit; wir sprechen nur von einem Sokrates, von einem Plato, Goethe und so weiter, nur von einem einzelnen Ausdruck, den diese Individualität gefunden hat, sprechen wir. Die abendländische Kultur war bestimmt, die einzelne Persönlichkeit zur Geltung zu bringen, sie frisch und charakteristisch zu gestalten und abzusehen von demjenigen, was von Leben zu Leben als Individualität hindurchgeht. Jetzt aber stehen wir wieder davor, allmählich zu erkennen, wie durch die einzelnen Persönlichkeiten hindurchgeht die ewige Individualität. Jetzt erleben wir, wie die Menschheit dahin strebt, hinzublicken auf dasjenige, was von Persönlichkeit zu Persönlichkeit lebt. Das wird bedeuten eine neue Befeuerung der menschlichen Seele, ein neues Verständnis bringendes Licht, das sich ausbreiten wird über die menschlichen Seelen. Was kommen wird, wie man die einzelne menschliche Persönlichkeit auffassen wird, das können wir an einem einzelnen Beispiele sehen.

[ 12 ] In the West, however, things are different. We have developed a culture in which we do not speak at all of the individuality that passes from one life to the next; rather, Western culture has come to value the individual personality. We speak of Socrates, Plato, Caesar, Goethe, Spinoza, Fichte, Raphael, Michelangelo, and conceive of them as single incarnations. We do not speak of the individuality that passes from incarnation to incarnation, but of the personality; we speak only of a Socrates, a Plato, a Goethe, and so on—we speak only of a single expression that this individuality has found. Western culture was destined to bring the individual personality to the fore, to shape it in a fresh and distinctive way, and to disregard that which passes through from life to life as individuality. Now, however, we are once again on the verge of gradually recognizing how the eternal individuality passes through the individual personalities. Now we are witnessing how humanity is striving to look toward that which lives from personality to personality. This will mean a new inspiration for the human soul, a light bringing new understanding that will spread over human souls. What is to come, how the individual human personality will be understood, we can see in a single example.

[ 13 ] Wir wenden den Blick hin auf eine solche Gestalt, wie der Prophet Elias es ist. Zunächst betrachtet man den Propheten Elias für sich. Das Wesentliche aber, worauf es ankommt bei dem Propheten Elias, ist, daß er in einer gewissen Weise vorbereitet hat auf das Mysterium von Golgatha. Daß er hingewiesen hat darauf, daß der Jahve-Impuls etwas ist, das nur im Ich verstanden und begriffen werden kann. Er hat nicht auf die ganze Bedeutung des menschlichen Ich hinweisen können, er ist eine Zwischenstufe in der Ich-Erkenntnis zwischen der Moses-Idee von Jehova und der christlichen Christus-Idee. So erscheint uns der Prophet Elias wie ein gewaltiger Herold, wie ein Vorherverkünder des Christus-Impulses, desjenigen, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Und da erscheint er uns groß und gewaltig.

[ 13 ] Let us turn our attention to a figure such as the prophet Elijah. First, we consider the prophet Elijah in and of himself. The essential point, however, regarding the prophet Elijah, is that he prepared us in a certain way for the Mystery of Golgotha. That he pointed out that the Yahweh impulse is something that can only be understood and grasped in the ego. He was not able to point to the full significance of the human ego; he is an intermediate stage in the recognition of the ego between the Mosaic idea of Jehovah and the Christian idea of Christ. Thus the prophet Elijah appears to us as a mighty herald, as a forerunner of the Christ impulse, of that which took place through the Mystery of Golgotha. And in this he appears to us as great and mighty.

[ 14 ] Und nun gehen wir weiter, betrachten wir eine andere Gestalt. Vom abendländischen Sinne aus sind wir gewohnt, sie als eine einzelne Persönlichkeit zu betrachten. Betrachten wir Johannes den Täufer. Begrenzt als Persönlichkeit stellt sie hin der abendländische Sinn. Wir aber lernen ihn kennen als den Herold des Christus selbst, wir lernen ihn kennen, wie er gelebt hat als der Vorläufer des Christus, als derjenige, der zuerst die Worte gesprochen hat: Ändert eure Seelenverfassung, denn die Reiche der Himmel sind nahe. — Hingewiesen hat er ganz auf dasjenige, was Impuls werden sollte durch Golgatha: daß in dem menschlichen Ich ein Ganzes, Göttliches gefunden werden kann, daß das Christus-Ich einziehen soll in das menschliche Ich immer mehr und mehr, und daß der Impuls dazu nahe ist. Nun lernen wir durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis, daß es wahr ist, was auch die Bibel andeutet: daß dieselbe Individualität, die im Propheten Elias gelebt hat, in Johannes dem Täufer lebte. So daß derjenige, der Herold sein sollte für den Christus, sich auslebte als Elias, wiederkommt als Johannes der Täufer und abermals Herold wird für den Christus, wie es angemessen war für seine Zeit. Jetzt verbinden sich uns diese beiden Gestalten. Die morgenländische Kultur machte es anders: sie geht gleich zu auf die Individualitäten und vernachlässigt die einzelne Persönlichkeit.

[ 14 ] And now let us move on and consider another figure. From a Western perspective, we are accustomed to viewing him as a single individual. Let us consider John the Baptist. The Western perspective presents him as a limited individual. But we come to know him as the herald of Christ himself; we come to know him as he lived as the forerunner of Christ, as the one who first spoke the words: “Repent, for the kingdom of heaven is at hand.” — He pointed entirely to that which was to become an impulse through Golgotha: that a whole, divine being can be found within the human ego, that the Christ-ego is to enter into the human ego more and more, and that the impulse for this is near. Now, through Spiritual Science knowledge, we learn that what the Bible also suggests is true: that the same individuality that lived in the prophet Elijah lived in John the Baptist. So that the one who was to be the herald for the Christ, having lived out his life as Elijah, returns as John the Baptist and once again becomes the herald for the Christ, as was appropriate for his time. Now these two figures are united for us. Eastern culture took a different approach: it focuses directly on the individualities and neglects the individual personality.

[ 15 ] Wenden wir den Blick nun weiter, so finden wir jene eigentümliche Gestalt des Mittelalters, die da geboren ist — wie um äußerlich anzudeuten, daß sie zu der geistigen Welt in besonderer Weise steht — an einem Karfreitage im Jahre 1483, und die jugendlich wieder dahingegangen ist im siebenunddreißigsten Lebensjahre, die so mächtig gewirkt hat durch das, was sie der Menschheit gegeben hat: die Gestalt des Raffael. Er wurde geboren an einem Karfreitage, wie um anzudeuten, daß er verbunden ist mit dem, was am Karfreitage gefeiert wird. Was wird der abendländische Sinn im Sinne der Geisteswissenschaft an der Gestalt des Raffael erfahren können? Wenn wir diese Gestalt mit den Mitteln der Geisteswissenschaft ins Auge fassen, können wir erfahren, daß sie mehr leistete für die Verbreitung des Christentums, für das Hineinleben eines interkonfessionellen Christentums in die Herzen und Gemüter der Menschen, als alle theologischen Interpreten, als alle Kardinäle und Päpste seiner Zeit. Vor Raffaels Blick mag gestanden haben, was in der Apostelgeschichte steht: Wie einer unter die Athener tritt und sagt — sogar die Gebärde ist dort dargestellt —: Ihr Leute von Athen, ihr habt den Göttern Opfer gebracht in äußeren Zeichen. Es gibt aber eine Erkenntnis jenes Gottes, der in allen Leben lebt und webt. Das ist der Christus, der durch den Tod gegangen und auferstanden ist, und der dadurch den Menschen den Impuls gegeben hat zur Auferstehung. — Die einen hörten nicht zu und die anderen fanden es sonderbar. In Raffaels Gemüt wurde das zu jenem Bilde, das wir heute im Vatikan finden, das den unrichtigen Namen trägt «Die Schule von Athen». In Wirklichkeit zeigt es die Gestalt des Paulus, die Athener belehrend über das Grundwesen des Christentums. Da hat Raffael etwas gegeben, was wie eine Heroldschaft des über den Konfessionen stehenden Christentums erscheint. Wenig ist das verstanden worden bisher, der tiefe Sinn dieses Bildes ist den Menschen noch nicht aufgegangen.

[ 15 ] If we now turn our gaze further, we find that unique figure of the Middle Ages who was born—as if to outwardly indicate that she stands in a special relationship to the spiritual world—on Good Friday in the year 1483, and who passed away in the prime of life at the age of thirty-seven, having had such a powerful impact through what he gave to humanity: the figure of Raphael. He was born on Good Friday, as if to suggest that he is connected to what is celebrated on Good Friday. What can the Western mind, in the sense of Spiritual Science, learn from the figure of Raphael? If we contemplate this figure through the lens of Spiritual Science, we can discover that he contributed more to the spread of Christianity, to the living in of an interdenominational Christianity into the hearts and minds of people, than all the theological interpreters, than all the cardinals and popes of his time. Before Raphael’s gaze may have stood what is written in the Acts of the Apostles: how one steps among the Athenians and says—even the gesture is depicted there—: “Men of Athens, you have offered sacrifices to gods in outward signs. But there is a knowledge of that God who lives and works in all life.” This is the Christ who passed through death and rose again, and who thereby gave humanity the impulse toward resurrection. — Some did not listen, and others found it strange. In Raphael’s mind, this became the painting we find today in the Vatican, which bears the misnomer “The School of Athens.” In reality, it depicts the figure of Paul instructing the Athenians on the fundamental nature of Christianity. Here Raphael has presented something that appears as a herald of a Christianity standing above denominations. This has been little understood so far; the deep meaning of this painting has not yet dawned on people.

[ 16 ] Wenn wir die anderen Bilder Raffaels nehmen, so müssen wir sagen: Von dem, was Päpste und Kardinäle dazumal geleistet, der Menschheit gegeben haben, ist wahrhaftig nichts geblieben. In jener Zeit hat Raffael so gewirkt, daß es heute erst wahrhaft lebt. Wie wenig man ihn in früheren Zeiten verstand, das kann man daran ersehen, daß Goethe in Dresden nicht etwa die Sixtinische Madonna bewunderte; denn er hatte von dem Museumsbeamten gehört, was damals allgemeine Meinung war, das Jesuskind habe im Gesichtsausdruck etwas Gemeines, die beiden Engel unten könne überhaupt nur ein Stümper hinzugemalt haben, die Madonna selbst könnte so, wie wir sie sehen, nicht von Raffael herrühren, sie müsse übermalt worden sein. — Wir können die ganze Literatur des 18. Jahrhunderts durchgehen, wir finden kaum etwas über Raffael, selbst Voltaire erwähnt ihn nicht.

[ 16 ] If we consider Raphael’s other paintings, we must say: Of what the popes and cardinals of that time accomplished and gave to humanity, truly nothing remains. Raphael’s work at that time has such an impact that it truly comes alive only today. Just how little he was understood in earlier times can be seen from the fact that Goethe did not admire the Sistine Madonna in Dresden; for he had heard from the museum official what was the general opinion at the time: that the expression on the face of the infant Jesus was somewhat vulgar, that the two angels below could only have been added by a bungler, and that the Madonna herself, as we see her, could not have been painted by Raphael; she must have been overpainted. — We can go through the entire literature of the 18th century and find hardly anything about Raphael; even Voltaire does not mention him.

[ 17 ] Und heute! Heute können die Leute Protestanten oder Katholiken oder sonst etwas sein, in allen Gemütern wirken Raffaels Bilder. Man kann sehen, wie in der Sixtinischen Madonna ein großes kosmisches Mysterium sich in die Menschenherzen hineinprägt, und man wird in Zukunft darauf fortbauen können — wenn die Menschheit geführt sein wird zu einem interkonfessionellen, weiten und umfassenden Christentum, das heute schon die Geisteswissenschaft darstellt —, man wird fortbauen können darauf, daß auf die menschlichen Gemüter etwas so wunderbar Mysterienhaftes gewirkt hat wie die Sixtinische Madonna. Öfters ist von mir schon hingewiesen worden darauf, daß, wenn der Mensch Kindern ins Auge schaut, er wissen kann, daß aus dem kindlichen Auge etwas herausschaut, was nicht durch die Geburt ins Dasein getreten ist, was menschliche Seelentiefen herausschauen läßt. Wer die Kinder auf den Madonnenbildern von Raffael anschaut, der sieht, daß aus seinen Kinderaugen herausschaut das Göttliche, das Verborgene, das Übermenschliche, das mit dem Kinde in den ersten Zeiten nach der Geburt noch verbunden ist. Das kann man auf allen Kinderbildern Raffaels beobachten, mit Ausnahme eines einzigen. Ein Kindesbild wird man nicht so deuten können, und das ist das Jesuskind der Sixtinischen Madonna. Wer diesem Kinde ins Auge schaut, der weiß, daß mehr, als was in einem Menschen sein kann, schon aus dem Auge dieses Kindes herausschaut. Diesen Unterschied hat Raffael gemacht, daß in diesem einzigen Kinde der Sixtinischen Madonna etwas lebt, was ein rein Geistiges, ein Christushaftes schon im voraus erlebt.

[ 17 ] And today! Today people may be Protestants or Catholics or anything else, yet Raphael’s paintings speak to all hearts. One can see how, in the Sistine Madonna, a great cosmic mystery imprints itself upon human hearts, and in the future we will be able to build upon this—when humanity is led toward an interdenominational, broad, and all-encompassing Christianity, which Spiritual Science already represents today— one will be able to build upon the fact that something as wonderfully mysterious as the Sistine Madonna has worked upon human minds. I have often pointed out that when a person looks into a child’s eyes, they can know that something is looking out from the child’s eyes that did not come into being through birth, something that reveals the depths of the human soul. Anyone who looks at the children in Raphael’s Madonna paintings sees that what looks out from their eyes is the divine, the hidden, the superhuman—that which is still connected to the child in the first days after birth. This can be observed in all of Raphael’s depictions of children, with the exception of one. One cannot interpret one image of a child in this way, and that is the infant Jesus in the Sistine Madonna. Anyone who looks into this child’s eyes knows that more than what can be in a human being is already looking out from the eyes of this child. Raphael made this distinction: in this one child of the Sistine Madonna, something lives that experiences something purely spiritual, something Christ-like, in advance.

[ 18 ] So ist Raffael ein Herold, der verkündet hat den geistigen Christus, der von der Geisteswissenschaft wieder erfaßt wird. Und durch die Geisteswissenschaft erfahren wir, daß es nun wiederum dieselbe Individualität ist, die in Elias und Johannes dem Täufer gelebt hat, die auch in Raffael lebte. Und wir lernen verstehen, daß die Welt, innerhalb welcher er war als Johannes der Täufer, wieder aufersteht in Raffael dadurch, daß er andeutet, in welcher Beziehung er zu dem historischen ChristusEreignis steht, indem er an einem Karfreitag geboren wird.

[ 18 ] Thus Raphael is a herald who proclaimed the spiritual Christ, whom Spiritual Science has rediscovered. And through Spiritual Science we learn that it is now once again the same individuality that lived in Elijah and John the Baptist who also lived in Raphael. And we come to understand that the world in which he existed as John the Baptist is resurrected in Raphael through his hinting at his relationship to the historical Christ event by being born on Good Friday.

[ 19 ] Da finden wir das dritte Heroldtum nach Elias und Johannes dem Täufer. Jetzt verstehen wir mancherlei von den Fragen, die der Weiterblickende aufwerfen muß, wenn wir hinblicken auf die Gestalt Johannes des Täufers. Er stirbt den Märtyrertod, bevor das Ereignis von Golgatha herannaht, er macht mit die Zeit der Morgenröte des Mysteriums von Golgatha, die Zeit der Prophezeiungen, der Vorhersage, gleichsam die Zeit des Frohlockens, er macht aber nicht mit die Zeit der Klage, des Leides. Wenn sich diese Gemütsstimmung nun fortpflanzt in die Persönlichkeit des Raffael hinein, finden wir es da nicht begreiflich, daß Raffael mit so großer Hingabe Madonnenbilder, Kinderbilder malt, verstehen wir da nicht, warum er keinen Verrat des Judas, keine Kreuztragung, kein Golgatha, keinen Ölberg malt? Die in dieser Art existierenden Bilder müssen auf Bestellung gemacht sein, in ihnen drückt sich wirklich nicht das Wesen Raffaels aus. Warum liegen gerade diese Bilder nicht in Raffael? Weil er als Johannes der Täufer nicht mehr mitgemacht hat das Mysterium von Golgatha.

[ 19 ] Here we find the third heraldic figure after Elijah and John the Baptist. Now we begin to understand many of the questions that the far-sighted must raise when we look upon the figure of John the Baptist. He dies a martyr’s death before the events of Golgotha draw near; he belongs to the dawn of the Mystery of Golgotha, the time of prophecies and foreshadowing—as it were, the time of rejoicing—but he does not belong to the time of lamentation and suffering. If this mood now carries over into the personality of Raphael, is it not understandable that Raphael paints Madonnas and images of children with such great devotion? Do we not understand why he paints no Betrayal of Judas, no Carrying of the Cross, no Golgotha, no Mount of Olives? The paintings of this kind must have been commissioned; they truly do not express Raphael’s essence. Why do precisely these images not lie within Raphael? Because, like John the Baptist, he no longer participated in the Mystery of Golgotha.

[ 20 ] Und dann, wenn man so betrachtet die Gestalt des Raffael, der durch die Jahrhunderte gelebt hat und heute noch lebt, und nun den Blick wendet auf das, was heute noch da ist und was schon zerstört ist von seinen Werken, und wenn man sich überlegt, daß alles, was im Materiellen da ist, den Weg der Vergänglichkeit gehen muß, dann weiß man gut, daß dasjenige, was in diesen Bildern lebt, aufgenommen sein wird, ehe sie vergehen, in die Seelen der Menschen. Es werden ja für viele Jahrhunderte Reproduktionen da sein, aber dasjenige, was doch nur eine Vorstellung geben kann von der Persönlichkeit Raffaels, von dem, was Raffael war, was er selber gemacht hat, das zerstiebt, das wird Staub sein, vergangen werden sie sein, seine Werke. Und nichts Irdisches, nichts auf unserer Erde ist imstande, das zu erhalten.

[ 20 ] And then, when one considers the figure of Raphael, who has lived through the centuries and still lives today, and now turns one’s gaze to what remains of his works and what has already been destroyed, and when one considers that everything that exists in the material world must follow the path of transience, then one knows full well that what lives in these paintings will be absorbed into the souls of people before they fade away. Reproductions will indeed be around for many centuries, but that which can only give a mental image of Raphael’s personality, of what Raphael was, of what he himself created—that will shatter, that will turn to dust; his works will be gone. And nothing earthly, nothing on our earth, is capable of preserving that.

[ 21 ] Uns aber wird durch die Geisteswissenschaft klar, daß das, was in Raffael als Individualität lebt, dasjenige, was sie sich erarbeitet hat, weiterträgt, und daß dieses Erarbeitete wieder erscheint mit ihr. Und wenn wir erfahren, daß diese selbe Individualität wiedererscheint in dem Dichter Novalis, und wenn wir nun des Novaliis erste Verkündigung nehmen, die wie eine Morgenröte einer neuen lebendigen Christus-Idee erscheint, dann sagen wir uns: Lange bevor in der äußeren Welt verschwindet, was Raffael geleistet hat, lange vorher ist die Individualität dieser Persönlichkeit wieder da, um in neuer Form zu geben dasjenige, was sie der Menschheit zu geben hat. Wie gut war es, daß eine Zeitlang die abendländische Kultur nur die abgegrenzte Persönlichkeit betrachtet, daß wir eine Persönlichkeit schon durch ihr Einzelleben lieben gelernt haben! Wie unendlich bereichert wird nun unser Gemüt, wenn wir lernen, wie das Ewige des Menschen von Persönlichkeit zu Persönlichkeit geht! Und wenn uns diese Persönlichkeiten noch so verschieden erscheinen, irgendwo werden wir Verständnis finden durch dasjenige, was spirituelles Wissen uns geben kann an konkreten Tatsachen über menschliche Wiederverkörperung und Karma. Nicht so sehr von den allgemeinen Begriffen und Lehren, sondern gerade von demjenigen, was Licht hineintragen kann in das einzelne, wird die Menschheit etwas haben. Dann kann so mancherlei, das nur durch intuitives Schauen und durch die okkulte Forschung erlangt werden kann, sich an diese Dinge anschließen, dann können wir endlich hinrichten den Blick auf das Mysterium von Golgatha selber, können uns erinnern, daß im dreißigsten Jahre des Lebens des Jesus von Nazareth in ihn die Christus-Wesenheit einzog und durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist.

[ 21 ] Spiritual Science, however, makes it clear to us that what lives in Raphael as individuality—that which she has worked out—lives on, and that what she has worked out reappears with her. And when we learn that this very same individuality reappears in the poet Novalis, and when we consider Novalis’s first proclamation, which appears like the dawn of a new, living Christ-idea, then we say to ourselves: Long before what Raphael accomplished disappears from the outer world, long before that, the individuality of this personality is back again to give, in a new form, what it has to give to humanity. How good it was that for a time Western culture considered only the distinct personality, that we have already learned to love a personality through its individual life! How infinitely enriched our spirit now becomes when we learn how the eternal aspect of the human being passes from personality to personality! And no matter how different these personalities may seem to us, we will find understanding somewhere through what spiritual knowledge can give us in terms of concrete facts about human reincarnation and karma. It is not so much the general concepts and teachings, but precisely that which can shed light on the individual, that will be of benefit to humanity. Then many things that can only be attained through intuitive vision and occult research can be linked to these matters; then we can finally turn our gaze to the Mystery of Golgotha itself, and remember that in the thirtieth year of the life of Jesus of Nazareth, the Christ-being entered into him and passed through the Mystery of Golgotha.

[ 22 ] Wenn man heute davon spricht, daß die Christus-Wesenheit nicht mehr in einem fleischlichen Leibe sich verkörpern kann, so muß man sagen, daß das eigentlich überhaupt niemals behauptet worden ist. Denn auch damals war der fleischliche Leib die Hülle des Jesus von Nazareth, in die hineinsteigt die geistige Christus-Wesenheit. Es ist da nicht wie bei anderen Individualitäten, die sich ihren Leib selbst bauen; sondern in den Leib, den der Jesus von Nazareth vorbereitet hatte, senkte sich die Christus-Wesenheit erst später hinein. Allerdings verschmolz sie dann mit ihm. Wir können da also auch eigentlich nicht von einer fleischlichen Verkörperung des Christus sprechen. Das sind Dinge, die für den Kenner selbstverständlich sind.

[ 22 ] When people say today that the Christ-essence can no longer incarnate in a physical body, it must be said that this has never actually been claimed. For even back then, the physical body was the vessel of Jesus of Nazareth into which the spiritual Christ-essence descended. It is not as with other individualities, who build their own bodies; rather, the Christ-Essence descended into the body that Jesus of Nazareth had prepared only later. However, it then merged with him. So we cannot really speak of a physical incarnation of the Christ in this case. These are things that are self-evident to the expert.

[ 23 ] Aber nun wissen wir, daß durch diesen Christus-Impuls etwas auf die Erde gekommen ist, etwas eingeflossen ist in die Menschheit, das der ganzen Menschheit zugute kommt, indem es ausströmt in die Menschheitskulturen. So daß dasjenige, was durch den Tod ging, wie ein Samenkorn ist, das sich vermehrt und in die einzelnen Seelen der Menschen hineinkommen und aufgehen kann. Da wir nun wissen, daß die Christus-Wesenheit, die durch den Tod ging und dadurch sich in die Erde hineinsenkte, aufgenommen wurde von dem Leibe des Jesus von Nazareth, fragen wir uns: Was wird denn daraus, wenn die Erde an ihrem Ziel, an ihrem Ende angekommen sein wird? — Der Christus, der sich aus Erdenfernen näherte und sich mit der Erde verband, er wird an ihrem Ziel das Reale sein auf der Erde, er wird der Geist der Erde sein. Der ist er zwar jetzt auch schon, nur werden dann die Menschenseelen von ihm durchdrungen sein, die Menschen werden ein Ganzes mit ihm bilden.

[ 23 ] But now we know that through this Christ impulse something has come to Earth, something has flowed into humanity that benefits all of humanity by radiating out into human cultures. So that what passed through death is like a seed that multiplies and can enter into and sprout within the individual souls of human beings. Since we now know that the Christ Being, who passed through death and thereby sank into the Earth, was received by the body of Jesus of Nazareth, we ask ourselves: What will become of this when the Earth has reached its goal, its end? — The Christ, who approached from beyond the Earth and united with it, will be the reality on Earth at its goal; he will be the Spirit of the Earth. He is indeed already that now, but then human souls will be permeated by him, and human beings will form a whole with him.

[ 24 ] Jetzt fragen wir etwas anderes. Wir haben gelernt, daß wir als Maja zu betrachten haben den Menschen in seiner Gestalt auf der Erde. Diese Gestalt versprüht mit dem Tode, ein Scheinbild ist, was als äußere Gestalt des menschlichen Leibes vor dem Menschen dasteht. Sie wird nicht bleiben, die äußere Gestalt des physischen Leibes, ebensowenig wie die physischen Leiber der Pflanzen, der Tiere und die Mineralien bleiben werden. Die physischen Leiber werden übergehen in dasjenige, was zersprüht, was Weltenstaub wird. Das, was man sieht, die physische Erde, wird völlig verschwunden sein, wird nicht mehr da sein. Und die Ätherleiber? Sie haben nur einen Sinn, solange sie physische Leiber zu erneuern haben; auch sie werden nicht mehr vorhanden sein. Wenn nun die Erde an ihr Ziel gekommen sein wird, was wird dann von alledem da sein, was der Mensch sieht? Nichts mehr, gar nichts mehr wird da sein, nichts von ihm selbst, nichts von den anderen Wesen der übrigen Naturreiche. Wenn das Geistige frei sein wird, wird von der Materie nichts als ungeformter Staub da sein, denn nur der Geist ist wirklich. Aber eines ist dann wirklich geworden, das früher gar nicht vereint war mit der Erde, mit dem sich die menschlichen Seelen vereinen werden, eines ist dann wirklich: der Christus-Geist. Er wird das einzige Reale sein, was bleiben kann von der Erde.

[ 24 ] Now let us ask something else. We have learned that we must regard human beings in their physical form on Earth as maya. This form, which appears before us as the outer form of the human body, is an illusion that vanishes with death. It will not remain—the outer form of the physical body—any more than the physical bodies of plants, animals, and minerals will remain. The physical bodies will pass into that which scatters, that which becomes cosmic dust. That which one sees—the physical Earth—will have completely vanished; it will no longer be there. And the etheric bodies? They have a purpose only as long as they have physical bodies to renew; they, too, will no longer exist. When the Earth has reached its goal, what will then remain of all that the human being sees? Nothing more, absolutely nothing will remain—nothing of the human being itself, nothing of the other beings of the remaining kingdoms of nature. When the spiritual is free, nothing of matter will remain but formless dust, for only the spirit is real. But one thing will then have become real—something that was not previously united with the Earth, with which human souls will unite—one thing will then be real: the Christ Spirit. It will be the only reality that can remain of the Earth.

[ 25 ] Aber wie kommt dieser Christus-Geist zu seinen geistigen Hüllen? Zu den Hüllen, in denen er dann weiter wirken wird?

[ 25 ] But how does this Spirit of Christ come to possess its spiritual forms? The forms through which it will then continue to work?

[ 26 ] Er ist als Impuls, gleichsam als die Seele der Erde heruntergestiegen in die Erdensphäre bei dem Mysterium von Golgatha. Auch bei dem Christus-Wesen muß sich etwas bilden, was man seine Hüllen nennen könnte. Woraus nimmt sich eine solche Wesenheit ihre Hüllen? Nicht so wie beim Menschen geschieht das, aber auch der Christus wird eine Art vergeistigten physischen Leibes, eine Art Ätherleib und eine Art Astralleib haben. Woraus werden diese Leiber bestehen?

[ 26 ] He descended into the earthly sphere as an impulse, as it were the soul of the Earth, during the Mystery of Golgotha. Even the Christ Being must form something that could be called its sheaths. From what does such a being take its sheaths? It does not happen as it does with human beings, but Christ, too, will have a kind of spiritualized physical body, a kind of etheric body, and a kind of astral body. What will these bodies consist of?

[ 27 ] Das sind Dinge, die vorläufig nur angedeutet werden können. Der Christus ist durch die Taufe im Jordan ja herabgestiegen in die Hüllen des Jesus von Nazareth. Diese hat er benützt, in ihnen hat er gelebt, in ihnen hat er das Abendmahl mit seinen Jüngern genossen, in ihnen hat er Gethsemane durchlebt, in ihnen ist er beschimpft und verhöhnt worden, in ihnen hat er das Mysterium von Golgatha durchgemacht. Dann ist er auferstanden und lebt seitdem als Geistiges der Erde mit ihr verbunden; er schafft sich etwas Ähnliches, wie es der Mensch in seiner Umhüllung hat. Nach und nach gliedert sich im Laufe der Epochen um den ursprünglichen, rein geistigen Christus-Impuls, der in der Johannestaufe herniederstieg, etwas herum, das wie ein Astralleib, Ätherleib und physischer Leib ist. Alle diese Hüllen werden aus Kräften gebildet, die von der Menschheit auf der Erde entwickelt werden müssen. Welche Kräfte sind das?

[ 27 ] These are matters that can only be hinted at for the time being. Through his baptism in the Jordan, Christ did indeed descend into the physical form of Jesus of Nazareth. He used this form; in it he lived, in it he shared the Last Supper with his disciples, in it he endured Gethsemane, in it he was reviled and mocked, and in it he underwent the Mystery of Golgotha. Then he rose again and has since lived as a spiritual being connected to the Earth; he creates for himself something similar to what the human being has in his physical form. Gradually, over the course of the epochs, something takes shape around the original, purely spiritual Christ impulse that descended in the baptism of John—something akin to an astral body, an etheric body, and a physical body. All these bodies are formed from forces that must be developed by humanity on Earth. What forces are these?

[ 28 ] Die Kräfte der äußeren Wissenschaften können dem Christus keinen Leib geben, man erfährt durch sie nur etwas über Dinge, die verschwunden sein werden in der Zukunft, die später nicht mehr vorhanden sein werden. Eines aber geht der Erkenntnis voraus, was für die Seele einen unendlich höheren Wert hat als die Erkenntnis selbst. Das ist dasjenige, was die griechischen Philosophen als den Anfang aller Philosophie ansahen: das Verwundern oder das Erstaunen. Sind wir zum Erkennen gekommen, dann ist eigentlich schon vorbei, was in der Seele Wert hat. Die Menschen, die sich verwundern können über die großen Erkenntnisse und Wahrheiten der geistigen Welt, die prägen sich ein dieses Gefühl der Verwunderung, und was sie sich da einprägen, das bildet im Laufe der Zeiten eine Kraft, die eine Anziehungskraft für den Christus-Impuls bedeutet, die heranzieht den Christus-Geist: der Christus-Impuls verbindet sich mit der einzelnen Seele des Menschen, insoweit sich die Seele über die Geheimnisse der Welt verwundern kann. Der Christus nimmt seinen astralischen Leib aus der Erdenentwickelung aus all den Gefühlen, die als Verwunderung in den einzelnen Seelen der Menschen gelebt haben.

[ 28 ] The powers of the external sciences cannot give Christ a body; through them, one learns only about things that will have vanished in the future, that will no longer exist later on. But one thing precedes knowledge, which has an infinitely higher value for the soul than knowledge itself. This is what the Greek philosophers regarded as the beginning of all philosophy: wonder or amazement. Once we have arrived at knowledge, what has value in the soul is actually already over. People who are capable of marveling at the great insights and truths of the spiritual world imprint this feeling of wonder upon themselves, and what they imprint in this way forms, over the course of time, a force that acts as a magnet for the Christ impulse, drawing the Christ Spirit near: the Christ impulse connects with the individual human soul to the extent that the soul is capable of marveling at the mysteries of the world. Christ forms his astral body from the evolution of the Earth, from all the feelings that have lived as wonder within the individual souls of human beings.

[ 29 ] Das zweite, was die Menschenseelen ausbilden müssen, wodurch sie den Christus-Impuls heranziehen, das sind alle Gefühle des Mitleids. Und jedesmal, wenn ein Gefühl des Mitleids oder der Mitfreude in der Seele entwickelt ist, so bildet das eine Anziehungskraft für den ChristusImpuls, und der Christus verbindet sich durch Mitleid und Liebe mit der Seele des Menschen. Mitleid und Liebe sind die Kräfte, aus denen der Christus sich seinen Ätherleib formt bis zum Ende der Erdenentwickelung. Mit Bezug auf Mitleid und Liebe könnte man geradezu von einem Programm sprechen — wenn man grob sprechen wollte —, das die Geisteswissenschaft erfüllen muß in der Zukunft. Der Materialismus hat es heute auf diesem Gebiete sogar — was niemals vorher auf der Erde geschehen ist — zu einer schändlichen Wissenschaft gebracht. Das Schlimmste, was geleistet wird heute, ist das Zusammenwerfen von Liebe und Sexualität. Das ist der schlimmste Ausdruck des Materialismus, das Teuflischste der Gegenwart. Die Dinge, die auf diesem Gebiet geleistet werden, sie werden erst herausgeschält werden müssen. Sexualität und Liebe haben gar nichts miteinander zu schaffen in ihrer wahren Bedeutung. Sexualität kann zur Liebe hinzukommen, hat aber mit der reinen, ursprünglichen Liebe überhaupt nichts zu tun. Die Wissenschaft hat es bis zur Schändlichkeit gebracht, indem sie eine ganze Literatur aufbrachte, die sich damit beschäftigt, diese beiden Dinge in Zusammenhang zu bringen, die gar nicht im Zusammenhang stehen.

[ 29 ] The second thing that human souls must cultivate—through which they draw the Christ impulse to themselves—is all feelings of compassion. And every time a feeling of compassion or joy is developed in the soul, this creates a force of attraction for the Christ impulse, and Christ connects with the human soul through compassion and love. Compassion and love are the forces from which Christ forms his etheric body until the end of Earth’s evolution. With regard to compassion and love, one could almost speak of a program—if one were to put it bluntly—that Spiritual Science must fulfill in the future. Materialism has today, in this field—something that has never happened on Earth before—even reduced science to a disgraceful state. The worst thing being done today is the conflation of love and sexuality. This is the worst expression of materialism, the most diabolical aspect of the present. The things being done in this field will first have to be brought to light. Sexuality and love have absolutely nothing to do with one another in their true meaning. Sexuality can be added to love, but it has absolutely nothing to do with pure, original love. Science has reached the point of disgrace by producing an entire body of literature devoted to linking these two things, which are not at all connected.

[ 30 ] Ein Drittes, das hereinzieht in die Menschenseele wie aus einer höheren Welt, das ist das Gewissen, dem sich der Mensch fügt, dem er einen höheren Wert beilegt als seinen eigenen, individuellen moralischen Instinkten. Mit ihm verbindet sich der Christus am innigsten: aus den Gewissensimpulsen der einzelnen Menschenseelen entnimmt der Christus seinen physischen Leib.

[ 30 ] A third element that enters the human soul as if from a higher world is conscience, to which the human being submits and to which he attaches a higher value than to his own individual moral instincts. It is with this that Christ connects most intimately: from the impulses of conscience within individual human souls, Christ derives his physical body.

[ 31 ] So wird ein Ausspruch in der Bibel sehr real, wenn man weiß, daß aus den Mitleids- und Liebegefühlen der Menschen der Lebensleib des Christus sich bildet: «Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan», denn Christus bildet seinen Lebensleib bis ans Ende der Erdentwickelung aus Mitleid und Liebe der Menschen. Wie der Christus seinen astralischen Leib aus dem Verwundern und Erstaunen bildet, wie er seinen physischen Leib aus dem Gewissen bildet, so bildet er seinen Ätherleib aus den Gefühlen des Mitleids und der Liebe.

[ 31 ] Thus, a saying in the Bible becomes very real when one knows that the Life-Body of Christ is formed from people’s feelings of compassion and love: “Whatever you did for one of the least of these my brothers, you did for me,” for Christ forms his Life-Body out of human compassion and love until the end of Earth’s evolution. Just as Christ forms his astral body out of wonder and amazement, and his physical body out of conscience, so does he form his etheric body out of the feelings of compassion and love.

[ 32 ] Warum können wir jetzt gerade diese Dinge sagen? Weil einmal ein großes Problem gelöst werden wird für die Menschen, nämlich die Christus-Gestalt auf den verschiedensten Gebieten des Lebens darzustellen, wie sie wirklich ist. Dann erst wird man sie schauen, wie sie ist, wenn man mancherlei von dem berücksichtigt, was Geistesforschung zu sagen hat; da darf man nicht zurückschauen auf dasjenige, was in Palästina war — da hat ja der Christus die Hüllen des Jesus benützt. Wenn man nach langem Vertiefen in die geisteswissenschaftliche Christus-Idee einmal versuchen wird, den Christus darzustellen, da wird man eine Gestalt bekommen, an der man erkennt, daß in seinem Antlitz etwas enthalten ist, woran sich alle Kunst abmühen kann, aber auch abmühen muß und wird: in seinem Antlitz wird dann etwas enthalten sein von dem Sieg der Kräfte, die nur im Antlitz sind, über alle anderen Kräfte der menschlichen Gestalt. Wenn die Menschen werden bilden können ein Auge, das lebt und nur Mitleid strahlt, einen Mund, der nicht geeignet ist, zu essen, sondern nur zum Sprechen jener Wahrheitsworte, die das auf des Menschen Zunge liegende Gewissen sind, und wenn eine Stirn gebildet werden kann, die nicht schön und hoch, sondern die in der deutlichen Ausgestaltung dessen schön ist, was sich nach vorn spannt zu dem, was wir die Lotusblume zwischen den Augen nennen — wenn einmal dies alles gebildet werden kann, dann wird gefunden werden, warum der Prophet sagt: «Er ist ohne Gestalt und Schöne.» Dies heißt nicht Schönheit, sondern es ist das, was siegen wird über die Verwesung: die Gestalt des Christus, wo alles Mitleid, alles Liebe, alles Gewissenspflicht ist.

[ 32 ] Why are we able to say these things now? Because a major problem will soon be solved for humanity: namely, that of portraying the Christ figure in the most diverse areas of life as he truly is. Only then will one see him as he is, when one takes into account various aspects of what spiritual research has to say; one must not look back to what happened in Palestine—for there Christ used the physical form of Jesus. When, after long immersion in the idea of Christ from Spiritual Science, one attempts to portray Christ, one will obtain a figure in whose countenance there is something that all art can strive toward, but must and will strive toward: in his face there will then be something of the victory of the forces that are only in the face over all other forces of the human form. When people will be able to form an eye that lives and radiates only compassion, a mouth that is not suited for eating, but only for speaking those words of truth that are the conscience lying on the human tongue, and if a forehead can be formed that is not beautiful and lofty, but is beautiful in the clear shaping of that which stretches forward toward what we call the lotus flower between the eyes—if all this can one day be formed, then it will be understood why the Prophet says: “He has no form or beauty.” This is not called beauty, but it is that which will triumph over decay: the form of Christ, where all is compassion, all is love, all is the duty of conscience.

[ 33 ] Und so geht die Geisteswissenschaft als ein Kern hinüber in das menschliche Fühlen, in das menschliche Empfinden. Alle Lehren, welche die Geistesforschung zu geben vermag, bleiben nicht, sie verwandeln sich in unmittelbares Leben in der menschlichen Seele. Und die Früchte der Geisteswissenschaft werden allmählich Lebensverhältnisse sein, welche wie eine äußere Verkörperung erscheinen werden der Geisteserkenntnis selbst, dieser Seele der zukünftigen Menschheitsentwickelung, so wie sie werden muß.

[ 33 ] And so Spiritual Science passes into human feeling and human perception as a core. All the teachings that spiritual research is able to impart do not remain static; they are transformed into immediate life within the human soul. And the fruits of Spiritual Science will gradually become conditions of life that will appear as an outward embodiment of spiritual knowledge itself—this soul of the future development of humanity, as it must become.

[ 34 ] Mit solchen Gedanken möchte ich einiges in Ihrer Seele angeschlagen haben, was angeschlagen werden kann, wenn man nicht mit trockenen Worten, sondern so gerne mit Gefühlsideen und Gefühlsnuancen sprechen möchte zu den geisteswissenschaftlich Strebenden, so daß diese Gefühlsnuancen und -ideen leben und wirken, damit sie draußen da sein können in der Welt. Wenn in den Herzen solche Gefühlsnuancen leben, so werden sie ein Quell von Wärme sein, die ausströmt in die ganze Menschheit. Und diejenigen, die daran glauben, werden auch an die Wirkung ihrer schönen Empfindungen glauben, werden glauben daran, daß eine jede Seele so empfinden — auch wenn sie das Karma nicht anweist, äußerlich davon Ausdruck zu geben und dadurch unsichtbare Wirkungen erzeugen kann, welche das, was durch die Geisteswissenschaft in die Welt kommen soll, wirklich in die Welt bringen.

[ 34 ] With such thoughts, I hope to have touched upon something in your soul—something that can be touched upon—when one wishes to speak to those striving in the Spiritual Science not with dry words, but rather with emotional ideas and nuances of feeling, so that these emotional nuances and ideas may live and take effect, enabling them to exist out there in the world. When such emotional nuances live in the hearts, they will be a source of warmth that radiates out to all of humanity. And those who believe in this will also believe in the effect of their beautiful feelings; they will believe that every soul feels this way—even if karma does not dictate that it be expressed outwardly—and can thereby produce invisible effects that truly bring into the world what is meant to come into the world through Spiritual Science.

[ 35 ] Das ist dasjenige, was ich so gerne bei dieser meiner diesmaligen Anwesenheit in Köln als ein Gefühl bei Ihnen hervorgerufen haben möchte.

[ 35 ] That is precisely the feeling I would like to evoke in you during my current visit to Cologne.