Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 143
8 Mai 1912, Köln
10. Vorverkündigung Und Heroldtum des Christus-Impulses der Christus-Geist und seine Hüllen: Eine Pfingstbotschaft
[ 1 ] Der heutige Tag fordert eine Einleitung zu unseren Betrachtungen. Ist es doch der Tag, den wir in der theosophischen Bewegung bezeichnen als den «weißen Lotustag», der uns alljährlich in Erinnerung ruft das Verlassen des physischen Planes durch Frau Helena Petrowna Blavatsky, der Begründerin der theosophischen Bewegung in der neueren Zeit. Und es braucht wohl nur ein wenig angeschlagen zu werden ein Ton, der wohl in jeder Seele, die sich heute hier befindet, vorhanden ist, um hervorzurufen Gefühle und Empfindungen der Bewunderung, der Verehrung, des Dankes gegenüber derjenigen Individualität, welche auf der Erde verweilte in Frau Blavatsky und wieder erneuert den Blick der Menschen geschärft hat für die uralt heiligen Mysterien der Menschheit, aus denen für die Menschen immer hervorgegangen ist alles, was die geistige Entwickelung an Kräften und Impulsen braucht. Die Aufgabe der neueren Zeit verständnisvoll ergreifend, konnte H. P. Blavatsky dasjenige, was ihr zugänglich war an Mysterienweisheit, in einer populären Form geben, so daß diese populäre Form das abweichende ist gegenüber der Art und Weise, wie durch geheime Kanäle und Strömungen Mysterienweisheit in menschliches Arbeiten und Schaffen eingeflossen ist. Das ist gerade die Bedeutung der neueren Zeit in dieser Beziehung, daß in allgemeinerer Form gegeben werden muß, was früher nur wenigen zugänglich war. Und zuerst im Sinne dieses Zuges der neueren Zeit gehandelt zu haben, das war die Mission von Frau Blavatsky. Sie hat damit der Menschen Sinn hingelenkt auf etwas, was in der Tat zu allen Zeiten heilig war denjenigen, die davon wußten. Daß dies so ist, soll jetzt gleich am Ausgangspunkte unserer heutigen Betrachtung dadurch nahegebracht werden, daß vorgetragen werden soll die Dichtung eines Denkers, den die große Masse der Gebildeten nur kennt oder besser gesagt nicht kennt — als einen trockenen, begrifflichen Denker, nur als einen Werk- und Baumeister von weit, weit entlegenen Ideengebilden. Daß aber dieser Denker dasjenige, was er scheinbar nur in kristallinischen Ideenbauten gegeben hat, in sich selber als das wärmste Gefühl besaß, und daß nicht Ideen allein das Gewand sind für dasjenige, was aus seinem Herzen stammt, zeigt er uns in einem Gedicht, das er eben an die heiligen Mysterien richtet.
[ 2 ] Hegel — wie man sagen kann: der Denker Europas —, der so bekannt den modernen Gebildeten geworden ist, daß man heute noch immer vielen unaufgeschnittenen Büchern von ihm in den Bibliotheken begegnen kann, hat uns eine mit Herzblut geschriebene Dichtung hinterlassen. Ich meine die Dichtung «Eleusis», die nun hier durch Fräulein von Sivers vorgetragen werden soll. Wir wollen mit dieser Dichtung aus mitteleuropäischer Kultur heraus unseren Tribut zahlen an die Manen von H. P. Blavatsky.
«Eleusis»
An Hölderlin
Um mich, in mir wohnt Ruhe. Der geschäft’gen Menschen
Nie müde Sorge schläft. Sie geben Freiheit
Und Muße mir. Dank dir, du meine
Befreierin, o Nacht! — Mit weißem Nebelflor
Umzieht der Mond die ungewissen Grenzen
Der fernen Hügel. Freundlich blinkt der helle Streif
Des See’s herüber.
Des Tags langweil’gen Lärmen fernt Erinnerung,
Als lägen Jahre zwischen ihm und jetzt.
Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
Und der entfloh’nen Tage Lust. Doch bald weicht sie
Des Wiedersehens süßern Hoffnungen.
Schon malt sich mir der langersehnten, feurigen
Umarmung Szene; dann der Fragen, des geheimern,
Des wechselseitigen Ausspähens Szene,
Was hier an Haltung, Ausdruck, Sinnesart am Freund
Sich seit der Zeit geändert; — der Gewißheit Wonne,
Des alten Bundes Treue, fester, reifer noch zu finden,
Des Bundes, den kein Eid besiegelte:
Der freien Wahrheit nur zu leben,
Friede mit der Satzung,
Die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie einzugehn!
Nun unterhandelt mit der trägen Wirklichkeit der Sinn,
Der über Berge, Flüsse, leicht mich zu dir trug.
Doch ihren Zwist verkündet bald ein Seufzer und mit ihm
Entflieht der süßen Phantasien Traum.Mein Aug’ erhebt sich zu des ew’gen Himmels Wölbung,
Zu dir, o glänzendes Gestirn der Nacht!
Und aller Wünsche, aller Hoffnungen
Vergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab.
Der Sinn verliert sich in dem Anschaun,
Was mein ich nannte, schwindet.
Ich gebe mich dem Unermeßlichen dahin.
Ich bin in ihm, bin alles, bin nur es.
Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,
Ihm graut vor dem Unendlichen, und staunend faßt
Er dieses Anschauns Tiefe nicht.
Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige.
Vermählt es mit Gestalt. — Willkommen, ihr,
Erhab’ne Geister, hohe Schatten,
Von deren Stirne die Vollendung strahlt,
Er schrecket nicht. Ich fühl’, es ist auch meine Heimat
Der Glanz, der Ernst, der euch umfließt.Ha! Sprängen jetzt die Pforten deines Heiligtums,
O Ceres, die du in Eleusis throntest!
Begeistrung trunken fühl, ich jetzt
Die Schauer deiner Nähe,
Verstände deine Offenbarungen.
Ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernähme
Die Hymnen bei der Götter Mahle,
Die hohen Sprüche ihres Rats. Doch deine Hallen sind verstummt, o Göttin!
Geflohen ist der Götter Kreis in den Olymp
Zurück von den entheiligten Altären,
Geflohn von der entweihten Menschheit Grab
Der Unschuld Genius, der her sie zauberte.
Die Weisheit deiner Priester schweigt. Kein Ton der heil’gen Weih’n
Hat sich zu uns gerettet, und vergebens sucht
Der Forscher Neugier mehr, als Liebe
Zur Weisheit. Sie besitzen die Sucher und verachten dich.
Um sie zu meistern, graben sie nach Worten,
In die dein hoher Sinn gepräget wär”.
Vergebens! Etwas Staub und Asche nur erhaschen sie,
Worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.
Doch unter Moder und Entseeltem auch gefielen sich
Die Ewigtoten, die Genügsamen! — Umsonst! es blieb
Kein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur.
Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fülle,
Des unaussprechlichen Gefühles Tiefe viel zu heilig,
Als daß er trock’ne Zeichen ihrer würdigte.
Schon der Gedanke faßt die Seele nicht,
Die außer Zeit und Raum in Ahnung der Unendlichkeit
Versunken, sich vergißt und wieder zum Bewußtsein nun
Erwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,
Spräch’ er mit Engelzungen, fühlt der Worte Armut.
Ihm graut, das Heilige so klein gedacht,
Durch sie so klein gemacht zu haben, daß die Red’ ihm Sünde deucht,
Und daß er bebend sich den Mund verschließt.
Was der Geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weises
Gesetz den ärmern Geistern, das nicht kund zu tun,
Was sie in heil’ger Nacht gesehn, gehört, gefühlt.
Daß nicht den Bessern selbst auch ihres Unfugs Lärm
In seiner Andacht stört’; ihr hohler Wörterkram
Ihn auf das Heil’ge selbst erzürnen machte, dieses nicht
So in den Kot getreten würde, daß man dem
Gedächtnis gar es anvertraute, daß es nicht
Zum Spielzeug und zur Ware der Sophisten,
Die er obolenweis verkaufte,
Zu des beredten Heuchlers Mantel, oder gar
Zur Rute schon des frohen Knaben und so leer
Am Ende würde, daß er nur im Widerhall
Von fremden Zungen seines Lebens Wurzel hätte.
Es trugen geizig deine Söhne, Göttin,
Nicht deine Ehr’ auf Gass’ und Markt, verwahrten sie
Im innern Heiligtum der Brust.
Drum lebtest du auf ihrem Munde nicht.
Ihr Leben ehrte dich. In ihren Taten lebst du noch.Auch diese Nacht vernahm ich, heil’ge Gottheit, dich.
Dich offenbart oft mir auch deiner Kinder Leben,
Dich ahn ich oft als Seele ihrer Taten!
Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben,
Der einer Gottheit, wenn auch alles untergeht, nicht wankt.
[ 3 ] In vollem Einklange fühle ich mich mit der Individualität von H. P. Blavatsky, wenn gerade an diesem Tage einige Worte, man möchte sagen, der vollen, klaren Wahrheit über sie gesprochen werden. Es war ihr eigen, dann, wenn sie ganz sie selbst war, vor allen Dingen wahr sein zu wollen. Daher ehren wir sie am besten, wenn wir unsere dankbaren Gedanken zu ihr hinwenden und einige wenige Worte der reinsten Wahrheit sprechen.
[ 4 ] Gerade H. P. Blavatsky zeigte in ihrer Ganzheit, in ihrer Individualität, welche innere Kraft, welcher starke Impuls jener spirituellen Bewegung eigen war, die wir die theosophische Bewegung nennen. Um das zu erhärten, sei nur hingewiesen auf das erste größere Werk von H. P. Blavatsky, auf die «Entschleierte Isis». Dieses Buch macht auf den gewöhnlichen Leser den Eindruck wirklich eines chaotischen Werkes, in dem es drunter und drüber geht. Nimmt dieses Werk aber jemand zur Hand, der weiß, daß es eine uralte, in den Mysterien gehütete Weisheit gibt, die eben gehütet worden ist durch viele Zeiten hindurch vor den profanen Blicken, und der weiß, daß nicht in äußeren Menschenwerken, sondern in geheimen Gesellschaften vorbereitet worden ist diese Weisheit, der findet dann allerdings noch immer Chaotisches in dem Buche, aber auch noch etwas anderes. Er findet nämlich zum ersten Male ein Werk, das mutig und kühn gewisse Geheimnisse der Mysterien vor die profane Welt hinstellt. Und wer diese Dinge versteht, der finder, wie unendlich vieles richtig gedeutet worden ist, so wie es nur deuten konnten Eingeweihte. Der chaotische Eindruck bleibt, und man kann ihn sich durch folgende, vernunftgemäße Beobachtung erklären: Die äußere Persönlichkeit von H. P. Blavatsky, insofern sie in ihrem physischen Leibe verkörpert war, mit ihrem Intellekt, auch mit ihren persönlichen Eigenschaften, ihrer Sympathie und Antipathie, sie zeigt uns in der Art, wie die «Entschleierte Isis» geschrieben ist, daß sie durchaus nicht aus ihrer Persönlichkeit, aus ihrer eigenen Seele hat hervorbringen können dasjenige, was sie der Welt zu geben hatte. Sie teilt Dinge mit, die sie selbst gar nicht hat verstehen können, und wenn man diesen Gedankengang weiter verfolgt, dann ist er ein Beweis dafür, daß höhere, spirituelle Individualitäten den Leib und die Persönlichkeit von H. P. Blavatsky benutzt haben, um dasjenige, was notwendig war, was einfließen mußte in die Menschheit, mitzuteilen. Gerade weil man Blavatsky nicht zuschreiben kann, was sie gegeben hat, gerade das ist ein lebendiger Beweis dafür, daß diejenigen Individualitäten, die mit der theosophischen Bewegung sind, die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen, in ihr ein Instrument fanden. Diejenigen, die in diesen Dingen klar sehen, wissen, daß die Dinge nicht von ihr selbst stammen, daß sie durch sie geflossen sind von hohen spirituellen Individualitäten aus. Es ist natürlich heute nicht Gelegenheit dazu, im einzelnen über diese Dinge zu sprechen.
[ 5 ] Man könnte nun die Frage aufwerfen, und sie wird oft aufgeworfen: Warum haben denn jene hohen Individualitäten gerade Frau Blavatsky als Werkzeug ausgesucht? Weil es trotzdem das geeignetste war. Warum ist denn nicht einer der gelehrten Herren, die vergleichende Religionswissenschaft trieben, zu diesem Instrumente ausersehen worden? Wir brauchen nur den größten, verehrungswürdigsten Kenner der orientalischen Religionssysteme, den großen Max Müller, ins Auge zu fassen, und wir werden an seinen eigenen Aussprüchen sehen, warum er nicht hat verkünden können dasjenige, was durch das menschliche Instrument von Frau Blavatsky mitgeteilt werden mußte. Er hatte ein sonderbares Urteil über dasjenige, was H. P. Blavatsky über die orientalische Religionsweisheit gab; er sagte: Wenn irgendwo auf der Straße gesehen wird ein Schwein, das grunzt, dann findet man das gar nicht merkwürdig, wenn aber ein Mensch auf der Straße geht und grunzt wie ein Schwein, dann findet man das sehr merkwürdig. Es sollte also gesagt werden: wer das, was orientalisches Religionssystem ist, nicht im Sinne von Max Müller verballhornt, der sei wie ein Mensch, der grunzt wie ein Schwein. Auch sonst scheint mir nicht viel Logik in dem Vergleich zu stecken, denn, was hätte man wohl für einen Grund, besonders erstaunt zu sein, wenn ein Schwein grunzt; dagegen wenn ein Mensch grunzt, dann ist das doch schon eine Kunst, das kann nicht ein jeder. Dieser Vergleich ist also etwas hinkend, aber daß er überhaupt gemacht werden konnte, das zeigt, daß die Persönlichkeit von Max Müller nicht die richtige war.
[ 6 ] So mußte eine Persönlichkeit ausgewählt werden, die intellektuell zwar nicht besonders hoch stand, und das hatte natürlich alle möglichen Nachteile. Frau Blavatsky hat dadurch in die große Botschaft mithineingebracht alle Sympathie und Antipathie ihres stark leidenschaftlichen Charakters. Nun hatte sie eine starke Antipathie gegen diejenige Weltanschauung, welche strömt aus den alttestamentlichen und neutestamentlichen Urkunden, sie hatte eine starke Antipathie gegen das hebräische und christliche Element. Eines ist aber nötig, um die Urweisheit der Menschheit in ihrer reinen Urgestalt zu erkennen, und das ist, mit vollem Gleichmaß der Gefühle den Offenbarungen, die von den höheren Welten kommen, gegenüberzustehen. Antipathie und Sympathie bilden eine Art Nebel vor unserem inneren Auge. So kam es, daß Frau Blavatsky immer mehr dazu gedrängt wurde, einen Nebel vor sich zu bekommen, und deutlich nur sehen konnte dasjenige, was durch die sogenannten rein arischen Überlieferungen gegangen ist. Das sah sie in seinen spirituellen Tiefen mit besonderer Klarheit, aber sie wurde dadurch einseitig und so kam es, daß sie in ihrem zweiten großen Werke, der «Geheimlehre», einseitig die gewaltige, alte arische Urreligion darstellte. Das Mysterium vom Sinai und von Golgatha darf man nicht suchen bei Frau Blavatsky, weil sie diesem Antipathie entgegenbrachte. Daher wurde sie gelenkt nach Mächten hin, die mit großer Gewalt und großer Klarheit geben konnten alles dasjenige, was außerchristlich ist. Das ist zu suchen in den wunderbaren «Dzyan»-Strophen, die Frau Blavatsky in der «Geheimlehre» mitgeteilt hat. Aber sie wurde dadurch auch abgedrängt vom Pfade der Initiation in der physischen Welt, die in der «Entschleierten Isis» zwar herauskommt, aber nur in gebrochenen Strahlen. In der «Geheimlehre» aber konnte Frau Blavatsky nur darstellen — weil sie einer einseitigen Initiation unterlag — diese einseitige Strömung, die gelenkt wurde durch jene außerchristliche Weltanschauung. So kam denn in der «Geheimlehre» ein eigenartiges Buch zustande, in dem die größten Offenbarungen stehen, welche die Menschheit damals empfangen konnte. Es stehen Dinge darinnen, die auch in einer anderen Schrift hervorgehoben sind: in den Briefen der «Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen», den sogenannten Meisterbriefen. Da findet man wiederum ein Größtes, das der Menschheit geoffenbart worden ist. Aber es gibt auch andere Partien in der «Geheimlehre». Es gibt da zum Beispiel ausführliche Mitteilungen über die Theorie der Masse. Gerade wer aus richtigem Verständnis heraus die Dzyan-Strophen und die Meisterbriefe zu dem Höchsten zählt, was der Menschheit mitgeteilt ist, hat aus den weit ausgedehnten Partien über die Theorie der Masse den Eindruck, als ob sie herrührten von jemandem, der an dem Schreibwahnsinn gelitten hat, der immer nur hingeschrieben hat, was ihm eingefallen ist und nicht die Feder aus der Hand legen konnte. Und andere Partien sind darin, wo die tiefe leidenschaftliche Natur über wissenschaftliche Dinge spricht, ohne daß eine genaue Kenntnis der Sache vorliegt. So ist die «Geheimlehre» ein zusammengeschachteltes Buch von Dingen, die man ausschalten sollte, aber auch von Dingen der höchsten Weisheit. Begreiflich wird das, wenn man danebenhält die Erklärung eines tiefen Kenners und guten Bekannten von Frau Blavatsky. Er sagt: Frau Blavatsky war eigentlich ein Dreifaches. Zunächst war sie die kleine, häßliche Frau, mit unlogischem Denken, mit leidenschaftlichem Charakter, die sich immer ärgerte über irgend etwas, die zwar gutmütig, liebevoll und mitleidvoll war, aber durchaus nicht, was man eine begabte Frau nennt. Zum zweiten war sie, wenn die großen Wahrheiten aus ihr redeten, ein Schüler der großen Meister: dann veränderten sich ihre Züge, ihre Gebärden, dann war sie eine andere, dann redeten die geistigen Welten aus ihr. Dann gab es noch eine dritte, das war eine königliche Erscheinung: ehrfurchtgebietend, alles überragend. Das war in den seltenen Momenten, wo die Meister selber aus ihr redeten und sich kundgaben in ihren Worten und Schriftzügen. — Diejenigen, die vom Wahrheitssinn beseelt sind, werden immer sorgfältig unterscheiden, auch in den Werken von Frau Blavatsky, um was es sich handelt. Kein größerer Dienst könnte gerade Frau Blavatsky getan werden, zu der wir heute den Blick richten, als sie im Lichte der Wahrheit zu erkennen; kein größerer Dienst könnte ihr getan werden, als die theosophische Bewegung im Lichte der Wahrheit zu führen.
[ 7 ] Es war nur selbstverständlich, daß am Ausgangspunkte der theosophischen Bewegung eine individuelle Richtung stand; aber groß und bedeutsam ist es geworden, notwendig ist es geworden, einen anderen Strom dieser theosophischen Bewegung zuzuführen. Es ist notwendig geworden, dem Strom der theosophischen Bewegung hinzuzufügen, was aus okkulten Quellen durch das Rosenkreuzerische seit dem 14. Jahrhundert fließt und was Frau Blavatsky verschlossen war.
[ 8 ] So haben wir heute durchaus den Sinn der theosophischen Bewegung erfüllt, indem wir nicht nur anerkennen die orientalischen Bekenntnisse und Weltanschauungen, sondern auch hinzufügen die Weltanschauungen, die ihren Ausdruck gefunden haben in den Offenbarungen vom Sinai und in dem Mysterium von Golgatha. Und es darf vielleicht heute gerade eine Frage angedeutet werden: Liegt Weite, umfassendes Verständnis des wahren Impulses, der in der theosophischen Bewegung liegen solle, darin, der Weltanschauung von H. P. Blavatsky dasjenige hinzuzufügen, was ihr am Ausgangspunkte nicht gegeben werden konnte, oder liegt Weite darin, daß man eine Spezialmeinung höchst fragwürdiger Art zu einem Dogma erhebt und dies als Weite, als das Umfassende der theosophischen Bewegung bezeichnen will? Ich meinerseits sage unverhohlen: Ich weiß, daß wir uns versündigen müßten an dem Geist von H.P. Blavatsky, der heute in der geistigen Welt ist, wenn wir das letztere befolgen. Ich weiß, daß man sich nicht versündigt an diesem Geiste, sondern ihm Rechnung trägt, wenn man das tut, was er heute will: wenn man hinzufügt zur theosophischen Bewegung dasjenige, was er im Erdenleibe zu geben nicht imstande war. Und ich weiß, daß ich nicht nur nicht gegen, sondern in vollem Einklange mit Frau Blavatsky zu Ihnen spreche, wenn ich sage: Eines möchte ich, daß unsere abendländische Strömung sich in dieser theosophischen Bewegung zur Geltung bringt. — Es sind mancherlei Erkenntnisse und Wahrheiten in den letzten Jahren hinzugekommen. Nehmen wir nun an, nehmen wir wirklich an, in fünfzig Jahren würde alles korrigiert werden müssen, nehmen wir an, kein Stein unseres Geistesbaues, wie die Dinge heute dargestellt werden, würde auf dem anderen bleiben können, die okkulte Forschung müßte in den nächsten fünfzig Jahren alles von Grund auf rektifizieren — das alles würde von mir nur so charakterisiert werden müssen, daß ich sagen müßte: Mag sein, aber eines wird bleiben von dem, was wir hier wollen, und daß dies bleibe, dahin geht das Hauptstreben unserer abendländischen theosophischen Bewegung. Das eine möge sein, daß man sagen wird, daß es eine theosophische Bewegung gegeben hat, die auf dem Felde des Okkultismus nichts anderes zur Geltung bringen wollte als dasjenige, was aus dem ungetrübtesten, reinsten Wahrheitssinn hervorgegangen ist. — Das ist unser Bestreben, daß man dieses einmal sagen möge. Lieber sollen Dinge nicht gesagt werden, die noch fraglich sind, als daß irgendwie abgewichen würde von dem, was im reinsten Wahrheitssinn vor allen spirituellen Mächten verantwortet werden kann.
[ 9 ] Daraus aber folgt ein anderes, nämlich, daß da oder dort irgend jemand sich berufen fühlt zu sagen: Warum lehnt ihr dies oder jenes ab, was in der theosophischen Bewegung erscheint? Das ist doch nicht tolerant! — Mögen andere Toleranz mit einem anderen Begriff verbinden, wir gebrauchen diese Begriffe so, daß wir uns verpflichtet fühlen, die Menschheit zu bewahren vor demjenigen, was vor dem reinen Wahrheitssinn nicht bestehen kann. Möge man entstellen, was wir tun, wir werden nicht weichen, wir werden unsere Aufgabe dahin zu erfüllen suchen, daß wir ablehnen alles, was wir ablehnen müssen, wenn wir demjenigen dienen, was eben ausgesprochen ist. Daher, aber nur dann, wenn mit unserem Wahrheitsgefühl irgend etwas in Disharmonie kommt, lehnen wir es ab. Andere Gründe, andere Gefühle kennen wir nicht. Wir werden nicht, in faden Redensarten uns ergehend, von Gleichheit der Meinungen sprechen, von Brüderlichkeit und so weiter, wir werden wissen, daß auch die Liebe der Menschen untereinander nur gedeihen kann, wenn sie eine aufrichtige und wahre ist. Dieses Beseelt-sein-Wollen von dem reinen Wahrheitssinn, das sei heute insbesondere an diesem festlichen Tage einmal gesagt.
[ 10 ] Dadurch, daß auf diese Weise Neues so hinzugekommen ist, dadurch trat mancherlei zutage, was zu Erklärungen der Geheimnisse des Weltenalls beitragen kann. Nicht werden die Dinge gesagt, um irgendeine große Kultur oder religiöse Bewegung der Menschheit in den Schatten zu stellen gegenüber einer anderen. Wie oft wurde es doch erwähnt, daß, wenn wir hinschauen auf die erste nachatlantische Zeit mit ihrer spirituellen Kultur der heiligen Rishis, wir innerhalb dieser ersten nachatlantischen Kulturperiode etwas haben, was höher war an Spirituellem als alles, was gefolgt ist. Ebensowenig fällt es uns ein, dem Buddhismus unrecht tun zu wollen, wir heben gerade seine Vorzüge hervor, wir wissen, daß er der Menschheit Dinge gegeben har, die das Christentum sich erst in der Zukunft wird erobern müssen. Aber ungeheuer bedeutungsvoll ist es, daß wir immer wieder auf den Unterschied hinweisen, der gerade zwischen der orientalischen und der abendländischen Kultur sich ergibt.
[ 11 ] Die orientalische Kultur spricht nur von solchen Individualitäten, die durch die Entwickelung durch verschiedene Inkarnationen hindurchgegangen sind. Es spricht zum Beispiel die orientalische Kultur von den Bodhisattvas und spricht von ihnen als Individualitäten, die schneller die Menschheitsentwickelung durchmachen. Sie faßt aber dabei nur ins Auge dasjenige, was als Individualität von Inkarnation zu Inkarnation geht, und daß in einer bestimmten Inkarnation ein solcher Bodhisattva zum Buddha wird. Dann ist ein solcher Bodhisattva so weit gekommen, wenn er ein Buddha geworden ist — was er nur auf Erden kann —, daß er nicht mehr herabzusteigen braucht in einen fleischlichen Leib. Man hat also, je weiter wir zurückgehen, nur die Individualität im Auge und hebt weniger hervor die einzelne Verkörperung. Man spricht viel mehr von dem Buddha als von einer Stufe, von einer Würde, die andere Bodhisattvas auch im Laufe ihrer Leben erreichen, als von dem historischen Buddha, dem ShuddhodanaPrinzen.
[ 12 ] Im Abendlande dagegen ist das anders. Wir haben eine Kultur durchgemacht, in der wir gar nicht sprechen von der Individualität, die von Leben zu Leben geht, sondern der abendländischen Kultur ist wert geworden die einzelne Persönlichkeit. Wir sprechen von Sokrates, Plato, Cäsar, Goethe, Spinoza, Fichte, Raffael, Michelangelo und denken sie uns in einer Inkarnation. Wir sprechen nicht von der Individualität, die von Inkarnation zu Inkarnation geht, sondern von der Persönlichkeit; wir sprechen nur von einem Sokrates, von einem Plato, Goethe und so weiter, nur von einem einzelnen Ausdruck, den diese Individualität gefunden hat, sprechen wir. Die abendländische Kultur war bestimmt, die einzelne Persönlichkeit zur Geltung zu bringen, sie frisch und charakteristisch zu gestalten und abzusehen von demjenigen, was von Leben zu Leben als Individualität hindurchgeht. Jetzt aber stehen wir wieder davor, allmählich zu erkennen, wie durch die einzelnen Persönlichkeiten hindurchgeht die ewige Individualität. Jetzt erleben wir, wie die Menschheit dahin strebt, hinzublicken auf dasjenige, was von Persönlichkeit zu Persönlichkeit lebt. Das wird bedeuten eine neue Befeuerung der menschlichen Seele, ein neues Verständnis bringendes Licht, das sich ausbreiten wird über die menschlichen Seelen. Was kommen wird, wie man die einzelne menschliche Persönlichkeit auffassen wird, das können wir an einem einzelnen Beispiele sehen.
[ 13 ] Wir wenden den Blick hin auf eine solche Gestalt, wie der Prophet Elias es ist. Zunächst betrachtet man den Propheten Elias für sich. Das Wesentliche aber, worauf es ankommt bei dem Propheten Elias, ist, daß er in einer gewissen Weise vorbereitet hat auf das Mysterium von Golgatha. Daß er hingewiesen hat darauf, daß der Jahve-Impuls etwas ist, das nur im Ich verstanden und begriffen werden kann. Er hat nicht auf die ganze Bedeutung des menschlichen Ich hinweisen können, er ist eine Zwischenstufe in der Ich-Erkenntnis zwischen der Moses-Idee von Jehova und der christlichen Christus-Idee. So erscheint uns der Prophet Elias wie ein gewaltiger Herold, wie ein Vorherverkünder des Christus-Impulses, desjenigen, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Und da erscheint er uns groß und gewaltig.
[ 14 ] Und nun gehen wir weiter, betrachten wir eine andere Gestalt. Vom abendländischen Sinne aus sind wir gewohnt, sie als eine einzelne Persönlichkeit zu betrachten. Betrachten wir Johannes den Täufer. Begrenzt als Persönlichkeit stellt sie hin der abendländische Sinn. Wir aber lernen ihn kennen als den Herold des Christus selbst, wir lernen ihn kennen, wie er gelebt hat als der Vorläufer des Christus, als derjenige, der zuerst die Worte gesprochen hat: Ändert eure Seelenverfassung, denn die Reiche der Himmel sind nahe. — Hingewiesen hat er ganz auf dasjenige, was Impuls werden sollte durch Golgatha: daß in dem menschlichen Ich ein Ganzes, Göttliches gefunden werden kann, daß das Christus-Ich einziehen soll in das menschliche Ich immer mehr und mehr, und daß der Impuls dazu nahe ist. Nun lernen wir durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis, daß es wahr ist, was auch die Bibel andeutet: daß dieselbe Individualität, die im Propheten Elias gelebt hat, in Johannes dem Täufer lebte. So daß derjenige, der Herold sein sollte für den Christus, sich auslebte als Elias, wiederkommt als Johannes der Täufer und abermals Herold wird für den Christus, wie es angemessen war für seine Zeit. Jetzt verbinden sich uns diese beiden Gestalten. Die morgenländische Kultur machte es anders: sie geht gleich zu auf die Individualitäten und vernachlässigt die einzelne Persönlichkeit.
[ 15 ] Wenden wir den Blick nun weiter, so finden wir jene eigentümliche Gestalt des Mittelalters, die da geboren ist — wie um äußerlich anzudeuten, daß sie zu der geistigen Welt in besonderer Weise steht — an einem Karfreitage im Jahre 1483, und die jugendlich wieder dahingegangen ist im siebenunddreißigsten Lebensjahre, die so mächtig gewirkt hat durch das, was sie der Menschheit gegeben hat: die Gestalt des Raffael. Er wurde geboren an einem Karfreitage, wie um anzudeuten, daß er verbunden ist mit dem, was am Karfreitage gefeiert wird. Was wird der abendländische Sinn im Sinne der Geisteswissenschaft an der Gestalt des Raffael erfahren können? Wenn wir diese Gestalt mit den Mitteln der Geisteswissenschaft ins Auge fassen, können wir erfahren, daß sie mehr leistete für die Verbreitung des Christentums, für das Hineinleben eines interkonfessionellen Christentums in die Herzen und Gemüter der Menschen, als alle theologischen Interpreten, als alle Kardinäle und Päpste seiner Zeit. Vor Raffaels Blick mag gestanden haben, was in der Apostelgeschichte steht: Wie einer unter die Athener tritt und sagt — sogar die Gebärde ist dort dargestellt —: Ihr Leute von Athen, ihr habt den Göttern Opfer gebracht in äußeren Zeichen. Es gibt aber eine Erkenntnis jenes Gottes, der in allen Leben lebt und webt. Das ist der Christus, der durch den Tod gegangen und auferstanden ist, und der dadurch den Menschen den Impuls gegeben hat zur Auferstehung. — Die einen hörten nicht zu und die anderen fanden es sonderbar. In Raffaels Gemüt wurde das zu jenem Bilde, das wir heute im Vatikan finden, das den unrichtigen Namen trägt «Die Schule von Athen». In Wirklichkeit zeigt es die Gestalt des Paulus, die Athener belehrend über das Grundwesen des Christentums. Da hat Raffael etwas gegeben, was wie eine Heroldschaft des über den Konfessionen stehenden Christentums erscheint. Wenig ist das verstanden worden bisher, der tiefe Sinn dieses Bildes ist den Menschen noch nicht aufgegangen.
[ 16 ] Wenn wir die anderen Bilder Raffaels nehmen, so müssen wir sagen: Von dem, was Päpste und Kardinäle dazumal geleistet, der Menschheit gegeben haben, ist wahrhaftig nichts geblieben. In jener Zeit hat Raffael so gewirkt, daß es heute erst wahrhaft lebt. Wie wenig man ihn in früheren Zeiten verstand, das kann man daran ersehen, daß Goethe in Dresden nicht etwa die Sixtinische Madonna bewunderte; denn er hatte von dem Museumsbeamten gehört, was damals allgemeine Meinung war, das Jesuskind habe im Gesichtsausdruck etwas Gemeines, die beiden Engel unten könne überhaupt nur ein Stümper hinzugemalt haben, die Madonna selbst könnte so, wie wir sie sehen, nicht von Raffael herrühren, sie müsse übermalt worden sein. — Wir können die ganze Literatur des 18. Jahrhunderts durchgehen, wir finden kaum etwas über Raffael, selbst Voltaire erwähnt ihn nicht.
[ 17 ] Und heute! Heute können die Leute Protestanten oder Katholiken oder sonst etwas sein, in allen Gemütern wirken Raffaels Bilder. Man kann sehen, wie in der Sixtinischen Madonna ein großes kosmisches Mysterium sich in die Menschenherzen hineinprägt, und man wird in Zukunft darauf fortbauen können — wenn die Menschheit geführt sein wird zu einem interkonfessionellen, weiten und umfassenden Christentum, das heute schon die Geisteswissenschaft darstellt —, man wird fortbauen können darauf, daß auf die menschlichen Gemüter etwas so wunderbar Mysterienhaftes gewirkt hat wie die Sixtinische Madonna. Öfters ist von mir schon hingewiesen worden darauf, daß, wenn der Mensch Kindern ins Auge schaut, er wissen kann, daß aus dem kindlichen Auge etwas herausschaut, was nicht durch die Geburt ins Dasein getreten ist, was menschliche Seelentiefen herausschauen läßt. Wer die Kinder auf den Madonnenbildern von Raffael anschaut, der sieht, daß aus seinen Kinderaugen herausschaut das Göttliche, das Verborgene, das Übermenschliche, das mit dem Kinde in den ersten Zeiten nach der Geburt noch verbunden ist. Das kann man auf allen Kinderbildern Raffaels beobachten, mit Ausnahme eines einzigen. Ein Kindesbild wird man nicht so deuten können, und das ist das Jesuskind der Sixtinischen Madonna. Wer diesem Kinde ins Auge schaut, der weiß, daß mehr, als was in einem Menschen sein kann, schon aus dem Auge dieses Kindes herausschaut. Diesen Unterschied hat Raffael gemacht, daß in diesem einzigen Kinde der Sixtinischen Madonna etwas lebt, was ein rein Geistiges, ein Christushaftes schon im voraus erlebt.
[ 18 ] So ist Raffael ein Herold, der verkündet hat den geistigen Christus, der von der Geisteswissenschaft wieder erfaßt wird. Und durch die Geisteswissenschaft erfahren wir, daß es nun wiederum dieselbe Individualität ist, die in Elias und Johannes dem Täufer gelebt hat, die auch in Raffael lebte. Und wir lernen verstehen, daß die Welt, innerhalb welcher er war als Johannes der Täufer, wieder aufersteht in Raffael dadurch, daß er andeutet, in welcher Beziehung er zu dem historischen ChristusEreignis steht, indem er an einem Karfreitag geboren wird.
[ 19 ] Da finden wir das dritte Heroldtum nach Elias und Johannes dem Täufer. Jetzt verstehen wir mancherlei von den Fragen, die der Weiterblickende aufwerfen muß, wenn wir hinblicken auf die Gestalt Johannes des Täufers. Er stirbt den Märtyrertod, bevor das Ereignis von Golgatha herannaht, er macht mit die Zeit der Morgenröte des Mysteriums von Golgatha, die Zeit der Prophezeiungen, der Vorhersage, gleichsam die Zeit des Frohlockens, er macht aber nicht mit die Zeit der Klage, des Leides. Wenn sich diese Gemütsstimmung nun fortpflanzt in die Persönlichkeit des Raffael hinein, finden wir es da nicht begreiflich, daß Raffael mit so großer Hingabe Madonnenbilder, Kinderbilder malt, verstehen wir da nicht, warum er keinen Verrat des Judas, keine Kreuztragung, kein Golgatha, keinen Ölberg malt? Die in dieser Art existierenden Bilder müssen auf Bestellung gemacht sein, in ihnen drückt sich wirklich nicht das Wesen Raffaels aus. Warum liegen gerade diese Bilder nicht in Raffael? Weil er als Johannes der Täufer nicht mehr mitgemacht hat das Mysterium von Golgatha.
[ 20 ] Und dann, wenn man so betrachtet die Gestalt des Raffael, der durch die Jahrhunderte gelebt hat und heute noch lebt, und nun den Blick wendet auf das, was heute noch da ist und was schon zerstört ist von seinen Werken, und wenn man sich überlegt, daß alles, was im Materiellen da ist, den Weg der Vergänglichkeit gehen muß, dann weiß man gut, daß dasjenige, was in diesen Bildern lebt, aufgenommen sein wird, ehe sie vergehen, in die Seelen der Menschen. Es werden ja für viele Jahrhunderte Reproduktionen da sein, aber dasjenige, was doch nur eine Vorstellung geben kann von der Persönlichkeit Raffaels, von dem, was Raffael war, was er selber gemacht hat, das zerstiebt, das wird Staub sein, vergangen werden sie sein, seine Werke. Und nichts Irdisches, nichts auf unserer Erde ist imstande, das zu erhalten.
[ 21 ] Uns aber wird durch die Geisteswissenschaft klar, daß das, was in Raffael als Individualität lebt, dasjenige, was sie sich erarbeitet hat, weiterträgt, und daß dieses Erarbeitete wieder erscheint mit ihr. Und wenn wir erfahren, daß diese selbe Individualität wiedererscheint in dem Dichter Novalis, und wenn wir nun des Novaliis erste Verkündigung nehmen, die wie eine Morgenröte einer neuen lebendigen Christus-Idee erscheint, dann sagen wir uns: Lange bevor in der äußeren Welt verschwindet, was Raffael geleistet hat, lange vorher ist die Individualität dieser Persönlichkeit wieder da, um in neuer Form zu geben dasjenige, was sie der Menschheit zu geben hat. Wie gut war es, daß eine Zeitlang die abendländische Kultur nur die abgegrenzte Persönlichkeit betrachtet, daß wir eine Persönlichkeit schon durch ihr Einzelleben lieben gelernt haben! Wie unendlich bereichert wird nun unser Gemüt, wenn wir lernen, wie das Ewige des Menschen von Persönlichkeit zu Persönlichkeit geht! Und wenn uns diese Persönlichkeiten noch so verschieden erscheinen, irgendwo werden wir Verständnis finden durch dasjenige, was spirituelles Wissen uns geben kann an konkreten Tatsachen über menschliche Wiederverkörperung und Karma. Nicht so sehr von den allgemeinen Begriffen und Lehren, sondern gerade von demjenigen, was Licht hineintragen kann in das einzelne, wird die Menschheit etwas haben. Dann kann so mancherlei, das nur durch intuitives Schauen und durch die okkulte Forschung erlangt werden kann, sich an diese Dinge anschließen, dann können wir endlich hinrichten den Blick auf das Mysterium von Golgatha selber, können uns erinnern, daß im dreißigsten Jahre des Lebens des Jesus von Nazareth in ihn die Christus-Wesenheit einzog und durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist.
[ 22 ] Wenn man heute davon spricht, daß die Christus-Wesenheit nicht mehr in einem fleischlichen Leibe sich verkörpern kann, so muß man sagen, daß das eigentlich überhaupt niemals behauptet worden ist. Denn auch damals war der fleischliche Leib die Hülle des Jesus von Nazareth, in die hineinsteigt die geistige Christus-Wesenheit. Es ist da nicht wie bei anderen Individualitäten, die sich ihren Leib selbst bauen; sondern in den Leib, den der Jesus von Nazareth vorbereitet hatte, senkte sich die Christus-Wesenheit erst später hinein. Allerdings verschmolz sie dann mit ihm. Wir können da also auch eigentlich nicht von einer fleischlichen Verkörperung des Christus sprechen. Das sind Dinge, die für den Kenner selbstverständlich sind.
[ 23 ] Aber nun wissen wir, daß durch diesen Christus-Impuls etwas auf die Erde gekommen ist, etwas eingeflossen ist in die Menschheit, das der ganzen Menschheit zugute kommt, indem es ausströmt in die Menschheitskulturen. So daß dasjenige, was durch den Tod ging, wie ein Samenkorn ist, das sich vermehrt und in die einzelnen Seelen der Menschen hineinkommen und aufgehen kann. Da wir nun wissen, daß die Christus-Wesenheit, die durch den Tod ging und dadurch sich in die Erde hineinsenkte, aufgenommen wurde von dem Leibe des Jesus von Nazareth, fragen wir uns: Was wird denn daraus, wenn die Erde an ihrem Ziel, an ihrem Ende angekommen sein wird? — Der Christus, der sich aus Erdenfernen näherte und sich mit der Erde verband, er wird an ihrem Ziel das Reale sein auf der Erde, er wird der Geist der Erde sein. Der ist er zwar jetzt auch schon, nur werden dann die Menschenseelen von ihm durchdrungen sein, die Menschen werden ein Ganzes mit ihm bilden.
[ 24 ] Jetzt fragen wir etwas anderes. Wir haben gelernt, daß wir als Maja zu betrachten haben den Menschen in seiner Gestalt auf der Erde. Diese Gestalt versprüht mit dem Tode, ein Scheinbild ist, was als äußere Gestalt des menschlichen Leibes vor dem Menschen dasteht. Sie wird nicht bleiben, die äußere Gestalt des physischen Leibes, ebensowenig wie die physischen Leiber der Pflanzen, der Tiere und die Mineralien bleiben werden. Die physischen Leiber werden übergehen in dasjenige, was zersprüht, was Weltenstaub wird. Das, was man sieht, die physische Erde, wird völlig verschwunden sein, wird nicht mehr da sein. Und die Ätherleiber? Sie haben nur einen Sinn, solange sie physische Leiber zu erneuern haben; auch sie werden nicht mehr vorhanden sein. Wenn nun die Erde an ihr Ziel gekommen sein wird, was wird dann von alledem da sein, was der Mensch sieht? Nichts mehr, gar nichts mehr wird da sein, nichts von ihm selbst, nichts von den anderen Wesen der übrigen Naturreiche. Wenn das Geistige frei sein wird, wird von der Materie nichts als ungeformter Staub da sein, denn nur der Geist ist wirklich. Aber eines ist dann wirklich geworden, das früher gar nicht vereint war mit der Erde, mit dem sich die menschlichen Seelen vereinen werden, eines ist dann wirklich: der Christus-Geist. Er wird das einzige Reale sein, was bleiben kann von der Erde.
[ 25 ] Aber wie kommt dieser Christus-Geist zu seinen geistigen Hüllen? Zu den Hüllen, in denen er dann weiter wirken wird?
[ 26 ] Er ist als Impuls, gleichsam als die Seele der Erde heruntergestiegen in die Erdensphäre bei dem Mysterium von Golgatha. Auch bei dem Christus-Wesen muß sich etwas bilden, was man seine Hüllen nennen könnte. Woraus nimmt sich eine solche Wesenheit ihre Hüllen? Nicht so wie beim Menschen geschieht das, aber auch der Christus wird eine Art vergeistigten physischen Leibes, eine Art Ätherleib und eine Art Astralleib haben. Woraus werden diese Leiber bestehen?
[ 27 ] Das sind Dinge, die vorläufig nur angedeutet werden können. Der Christus ist durch die Taufe im Jordan ja herabgestiegen in die Hüllen des Jesus von Nazareth. Diese hat er benützt, in ihnen hat er gelebt, in ihnen hat er das Abendmahl mit seinen Jüngern genossen, in ihnen hat er Gethsemane durchlebt, in ihnen ist er beschimpft und verhöhnt worden, in ihnen hat er das Mysterium von Golgatha durchgemacht. Dann ist er auferstanden und lebt seitdem als Geistiges der Erde mit ihr verbunden; er schafft sich etwas Ähnliches, wie es der Mensch in seiner Umhüllung hat. Nach und nach gliedert sich im Laufe der Epochen um den ursprünglichen, rein geistigen Christus-Impuls, der in der Johannestaufe herniederstieg, etwas herum, das wie ein Astralleib, Ätherleib und physischer Leib ist. Alle diese Hüllen werden aus Kräften gebildet, die von der Menschheit auf der Erde entwickelt werden müssen. Welche Kräfte sind das?
[ 28 ] Die Kräfte der äußeren Wissenschaften können dem Christus keinen Leib geben, man erfährt durch sie nur etwas über Dinge, die verschwunden sein werden in der Zukunft, die später nicht mehr vorhanden sein werden. Eines aber geht der Erkenntnis voraus, was für die Seele einen unendlich höheren Wert hat als die Erkenntnis selbst. Das ist dasjenige, was die griechischen Philosophen als den Anfang aller Philosophie ansahen: das Verwundern oder das Erstaunen. Sind wir zum Erkennen gekommen, dann ist eigentlich schon vorbei, was in der Seele Wert hat. Die Menschen, die sich verwundern können über die großen Erkenntnisse und Wahrheiten der geistigen Welt, die prägen sich ein dieses Gefühl der Verwunderung, und was sie sich da einprägen, das bildet im Laufe der Zeiten eine Kraft, die eine Anziehungskraft für den Christus-Impuls bedeutet, die heranzieht den Christus-Geist: der Christus-Impuls verbindet sich mit der einzelnen Seele des Menschen, insoweit sich die Seele über die Geheimnisse der Welt verwundern kann. Der Christus nimmt seinen astralischen Leib aus der Erdenentwickelung aus all den Gefühlen, die als Verwunderung in den einzelnen Seelen der Menschen gelebt haben.
[ 29 ] Das zweite, was die Menschenseelen ausbilden müssen, wodurch sie den Christus-Impuls heranziehen, das sind alle Gefühle des Mitleids. Und jedesmal, wenn ein Gefühl des Mitleids oder der Mitfreude in der Seele entwickelt ist, so bildet das eine Anziehungskraft für den ChristusImpuls, und der Christus verbindet sich durch Mitleid und Liebe mit der Seele des Menschen. Mitleid und Liebe sind die Kräfte, aus denen der Christus sich seinen Ätherleib formt bis zum Ende der Erdenentwickelung. Mit Bezug auf Mitleid und Liebe könnte man geradezu von einem Programm sprechen — wenn man grob sprechen wollte —, das die Geisteswissenschaft erfüllen muß in der Zukunft. Der Materialismus hat es heute auf diesem Gebiete sogar — was niemals vorher auf der Erde geschehen ist — zu einer schändlichen Wissenschaft gebracht. Das Schlimmste, was geleistet wird heute, ist das Zusammenwerfen von Liebe und Sexualität. Das ist der schlimmste Ausdruck des Materialismus, das Teuflischste der Gegenwart. Die Dinge, die auf diesem Gebiet geleistet werden, sie werden erst herausgeschält werden müssen. Sexualität und Liebe haben gar nichts miteinander zu schaffen in ihrer wahren Bedeutung. Sexualität kann zur Liebe hinzukommen, hat aber mit der reinen, ursprünglichen Liebe überhaupt nichts zu tun. Die Wissenschaft hat es bis zur Schändlichkeit gebracht, indem sie eine ganze Literatur aufbrachte, die sich damit beschäftigt, diese beiden Dinge in Zusammenhang zu bringen, die gar nicht im Zusammenhang stehen.
[ 30 ] Ein Drittes, das hereinzieht in die Menschenseele wie aus einer höheren Welt, das ist das Gewissen, dem sich der Mensch fügt, dem er einen höheren Wert beilegt als seinen eigenen, individuellen moralischen Instinkten. Mit ihm verbindet sich der Christus am innigsten: aus den Gewissensimpulsen der einzelnen Menschenseelen entnimmt der Christus seinen physischen Leib.
[ 31 ] So wird ein Ausspruch in der Bibel sehr real, wenn man weiß, daß aus den Mitleids- und Liebegefühlen der Menschen der Lebensleib des Christus sich bildet: «Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan», denn Christus bildet seinen Lebensleib bis ans Ende der Erdentwickelung aus Mitleid und Liebe der Menschen. Wie der Christus seinen astralischen Leib aus dem Verwundern und Erstaunen bildet, wie er seinen physischen Leib aus dem Gewissen bildet, so bildet er seinen Ätherleib aus den Gefühlen des Mitleids und der Liebe.
[ 32 ] Warum können wir jetzt gerade diese Dinge sagen? Weil einmal ein großes Problem gelöst werden wird für die Menschen, nämlich die Christus-Gestalt auf den verschiedensten Gebieten des Lebens darzustellen, wie sie wirklich ist. Dann erst wird man sie schauen, wie sie ist, wenn man mancherlei von dem berücksichtigt, was Geistesforschung zu sagen hat; da darf man nicht zurückschauen auf dasjenige, was in Palästina war — da hat ja der Christus die Hüllen des Jesus benützt. Wenn man nach langem Vertiefen in die geisteswissenschaftliche Christus-Idee einmal versuchen wird, den Christus darzustellen, da wird man eine Gestalt bekommen, an der man erkennt, daß in seinem Antlitz etwas enthalten ist, woran sich alle Kunst abmühen kann, aber auch abmühen muß und wird: in seinem Antlitz wird dann etwas enthalten sein von dem Sieg der Kräfte, die nur im Antlitz sind, über alle anderen Kräfte der menschlichen Gestalt. Wenn die Menschen werden bilden können ein Auge, das lebt und nur Mitleid strahlt, einen Mund, der nicht geeignet ist, zu essen, sondern nur zum Sprechen jener Wahrheitsworte, die das auf des Menschen Zunge liegende Gewissen sind, und wenn eine Stirn gebildet werden kann, die nicht schön und hoch, sondern die in der deutlichen Ausgestaltung dessen schön ist, was sich nach vorn spannt zu dem, was wir die Lotusblume zwischen den Augen nennen — wenn einmal dies alles gebildet werden kann, dann wird gefunden werden, warum der Prophet sagt: «Er ist ohne Gestalt und Schöne.» Dies heißt nicht Schönheit, sondern es ist das, was siegen wird über die Verwesung: die Gestalt des Christus, wo alles Mitleid, alles Liebe, alles Gewissenspflicht ist.
[ 33 ] Und so geht die Geisteswissenschaft als ein Kern hinüber in das menschliche Fühlen, in das menschliche Empfinden. Alle Lehren, welche die Geistesforschung zu geben vermag, bleiben nicht, sie verwandeln sich in unmittelbares Leben in der menschlichen Seele. Und die Früchte der Geisteswissenschaft werden allmählich Lebensverhältnisse sein, welche wie eine äußere Verkörperung erscheinen werden der Geisteserkenntnis selbst, dieser Seele der zukünftigen Menschheitsentwickelung, so wie sie werden muß.
[ 34 ] Mit solchen Gedanken möchte ich einiges in Ihrer Seele angeschlagen haben, was angeschlagen werden kann, wenn man nicht mit trockenen Worten, sondern so gerne mit Gefühlsideen und Gefühlsnuancen sprechen möchte zu den geisteswissenschaftlich Strebenden, so daß diese Gefühlsnuancen und -ideen leben und wirken, damit sie draußen da sein können in der Welt. Wenn in den Herzen solche Gefühlsnuancen leben, so werden sie ein Quell von Wärme sein, die ausströmt in die ganze Menschheit. Und diejenigen, die daran glauben, werden auch an die Wirkung ihrer schönen Empfindungen glauben, werden glauben daran, daß eine jede Seele so empfinden — auch wenn sie das Karma nicht anweist, äußerlich davon Ausdruck zu geben und dadurch unsichtbare Wirkungen erzeugen kann, welche das, was durch die Geisteswissenschaft in die Welt kommen soll, wirklich in die Welt bringen.
[ 35 ] Das ist dasjenige, was ich so gerne bei dieser meiner diesmaligen Anwesenheit in Köln als ein Gefühl bei Ihnen hervorgerufen haben möchte.
