Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 143
16 Mai 1912, München
11. Zur Synthese der Weltanschauungen eine vierfache Heroldschaft
[ 1 ] Geisteswissenschaft muß ein Instrument gegenseitigen Verständnisses werden, wodurch wir sozusagen über die ganze Menschheit hin bis in die Seele hinein uns verstehen lernen. Und dieses Sich-bis-in-die-Seele-hinein-Verstehenlernen, das muß sozusagen als anthroposophische Gesinnung uns durchdringen, muß in uns leben, sonst werden uns auch die okkulten Wahrheiten nicht gut verständlich werden, die durch die Geisteswissenschaft in die Menschheit hineinfließen. In dieser Beziehung kann ja Geisteswissenschaft — weil sie sozusagen der Schlüssel ist zu dem Verständnis des Innersten — Frieden und Harmonie über die Erde hin stiften. Wie kann sie das?
[ 2 ] Wir wollen uns das an einem konkreten Beispiel einmal veranschaulichen. Nehmen wir zum Beispiel das Verhältnis von zwei Menschen, welche über die Erde hin verschiedene Religionsbekenntnisse haben, sagen wir das Christentum und den Buddhismus. Dasselbe, was wir sagen können in bezug auf Christen und Buddhisten, die uns nur klassische Beispiele abgeben, könnten wir natürlich auch sagen für die Weltanschauungsbekenntnisse zweier hier nebeneinander lebender Menschen in Europa; denn, was im Großen gilt, wird durch die GeistErkenntnis auch gelten im Kleinen. Wenn wir den Christen nehmen und den Buddhisten, wie sie in den hergebrachten orthodoxen Bekenntnissen sind, wie stehen sie sich gegenüber? Nun, so, daß der Christ eigentlich glaubt, der Buddhist könne nur selig werden, wenn er das Christentum in der Form annimmt, wie gerade er es hat. Und so sehen wir die Missionstätigkeiten der Christen unter den Buddhisten; sie tragen ihr spezielles Bekenntnis dorthin. Und in ganz entsprechender Weise benimmt sich auch der orthodoxe Buddhist. Nehmen wir an, beide würden Anthroposophen. Wie kann sich der Christ, als anthroposophischer Christ, zum Buddhisten verhalten? — Nun, sagen wir, er hört das, was zu den hauptsächlichsten Dingen des Buddhismus gehört und was im Grunde genommen nur recht verstanden wird von einem, der im Buddhismus selber drinnen lebt. Man hört ja heute auf zwei Wegen etwas über das, was man die Inhalte der verschiedenen Religionsbekenntnisse nennt: Von Leuten, die vergleichende Religionswissenschaft treiben, und von denen, die in geisteswissenschaftlicher Weise den Inhalt der verschiedenen Religionsbekenntnisse kennenlernen. Wenn man diejenigen ins Auge faßt, welche vergleichende Religionswissenschaft treiben, so muß man sagen, es sind außerordentlich fleißige, regsame Leute, die sich bemühen, die gelehrtenhafte Vergleichung der verschiedenen Religionsbekenntnisse zu pflegen. Wenn sie aber diese Religionsbekenntnisse vergleichen, dann stellt sich doch etwas ganz Besonderes heraus; dann ist das, was sie suchen, wenn sie das auch nicht zugeben, eigentlich doch nur die Unwahrheit der verschiedenen Religionsbekenntnisse. Die Leute suchen, was nicht wahr ist, was eben in kindlichen Zeiten von den verschiedenen Religionsbekenntnissen angenommen worden ist; das heißt, sie suchen die Unwahrheit. Derjenige, der als Geisteswissenschafter sich damit beschäftigt, der sucht den Hauptkern in den einzelnen Religionsbekenntnissen, er sucht das, was zwar in einer einzelnen Nuance, aber doch als Wahrnehmungsnuance in diesem oder jenem Religionsbekenntnis enthalten ist. Er sucht also das, was wahr ist in den einzelnen Religionsbekenntnissen, nicht was falsch ist.
[ 3 ] In dieser Beziehung kann es ja sonderbar gehen. Nicht wahr, kein Mensch, der die Tatsachen kennt, wird etwas anderes als den größten Respekt haben vor dem vielleicht größten religions-vergleichenden Gelehrten oder größten Kenner der Religionswissenschaften Max Müller. Auch er hat nicht viel anderes gegeben als das, was man nennen könnte: die Unwahrheit der orientalischen Bekenntnisse. Aber er hat geglaubt, er gibt damit alles. Und da ist H. P. Blavatsky aufgetreten und hat ganz anders gesprochen. Sie hat so gesprochen, daß man in ihr sah: sie weiß den Hauptkern der orientalischen Bekenntnisse.
[ 4 ] Was hat da Max Müller gesagt? Sein Urteil ist etwas grotesk und zeigt, daß ein Gelehrter nicht gerade in der Logik fest beschlagen zu sein braucht. Er hat gemeint, die Leute laufen der Blavatsky nach, die ihnen doch nur eine ganz falsche Darstellung der orientalischen Religionen gäbe, während sie die wahre Darstellung derselben nicht berücksichtige, die zum Beispiel er, Max Müller, gibt. Und er gebrauchte folgenden Vergleich: Ja, wenn die Leute so auf der Straße laufen und ein wirkliches Schwein sehen, das da grunzt, so sind sie nicht besonders verwundert darüber, aber wenn sie einen Menschen sehen, der wie ein Schwein grunzt, so macht das Aufsehen. — Er wollte vergleichen dasjenige, was auf naturgemäße Weise die orientalischen Religionssysteme gibt, nämlich seine Art von Religionsvergleichung, mit dem Schwein, das auf natürliche Weise grunzt — ich mache ja nicht den Vergleich! — und wollte vergleichen das, was die H. P. Blavatsky gegeben hat, mit einem Menschen, der so grunzt, Nun, über das Geschmackvolle des Vergleiches will ich gar nicht sprechen; denn es dünkt mich gar nicht sehr logisch: etwas überrascht wäre ich doch, wenn mir ein Mensch begegnete, der täuschend grunzen könnte. Aber ich würde ja auch nicht, wirklich nicht, den anderen Vergleich der vergleichenden Religionswissenschaft mit dem besagten Tier gebrauchen, und es ist sonderbar, daß Max Müller ihn selber gebraucht hat.
[ 5 ] Geisteswissenschaft macht uns bekannt mit dem Wahrheitskern der verschiedenen Religionen. Nehmen wir einen springenden Punkt im Buddhismus: Der Buddhist weiß, wenn er den Grundnerv seines Bekenntnisses verstanden hat, daß es Bodhisattvas gibt, und er weiß, daß diese Bodhisattvas, einmal als eine Individualität beginnend, eine raschere Entwickelung als die anderen Menschenindividualitäten durchmachen und dann aufsteigen zum Buddha. Buddha ist ein genereller Name für alle diejenigen, die in einer menschlichen, fleischlichen Inkarnation vom Bodhisattva zum Buddha aufsteigen. Und einer von denen, die mit dem Namen Buddha besonders ausgezeichnet werden, ist eben der Sohn des Shuddhodana: Gautama Buddha. Und von ihm muß man anerkennen, wie von jedem Buddha, daß, wenn er im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens die Buddha-Würde erreicht, daß dann diejenige Inkarnation, in welcher dies geschieht, als letzte Inkarnation verläuft, daß er dann nicht wieder herunterzusteigen braucht zu einer fleischlichen Erdeninkarnation. Das sieht der Buddhist als eine Wahrheit an. Als eine Kinderei würde es der vergleichende Religionsforscher anschauen. Der Anthroposoph aber, der sich bekanntmacht mit den Geheimnissen der Religionen auf allen Gebieten, der tritt dem Buddha nicht so entgegen, sondern er weiß, daß eine solche Sache eine Wahrheit ist. Und so wie nur irgendein gläubiger Buddhist steht der Anthroposoph dem Buddhismus gegenüber und sagt: Ja, ich weiß, daß es so etwas gibt wie Bodhisattvas, die zum Buddha aufsteigen, der sich nicht wieder zu verkörpern braucht. Das ist einer der Sätze deiner Religionsgemeinschaft, ich erkenne ihn an, so wie du selber, und indem ich das anerkannt habe, kann ich verehrend zu deinem Buddha aufblicken wie du selber. — Das heißt, der anthroposophische Christ beginnt voll zu verstehen dasjenige, was der Buddhist sagt, und er hat mit ihm dieselben Empfindungen und Gefühle, er teilt sie mit ihm, und sie verstehen sich von der einen Seite zunächst.
[ 6 ] Nehmen wir den anderen Fall, daß der Buddhist nun auch Anthroposoph geworden sei und erkennen lernt das, was wiederum der Christ, der sich hinausgehoben hat über das Engbegrenzte des konfessionellen orthodoxen Standpunktes, über das Christentum weiß. Nehmen wir gleich an, es hört dieser anthroposophische Buddhist dasjenige, was ein solcher Christ zu sagen weiß über den Christus-Impuls selber. Er hört, daß innerhalb des Christentums, innerhalb der christlichen Esoterik erkannt wurde, daß einmal im Verlaufe der Erdenentwickelung an den Menschen in seiner Entwickelung dasjenige herangetreten ist, was man Luzifer nennt; er hört dann, daß dadurch dieses Menschenwesen tiefer heruntergestiegen ist, als es der Fallgewesen wäre, wenn kein luziferischer Einfluß stattgefunden hätte; und er hört dann, daß es also eigentlich etwas ist, wo wir hinaufschauen wie in eine Angelegenheit der Götter, wenn wir das Aufbäumen, die Empörung des Luzifer gegenüber den fortschreitenden Göttergewalten ins Auge fassen. Also in eine Angelegenheit der Götter schauen wir hinein. Und dann hören wir von dem Christen, der sein Christentum wirklich versteht, daß der Ausgleich für diese Angelegenheit der Götter, die sich abgespielt hat zwischen den fortschreitenden Göttern und Luzifer, dasjenige werden mußte, was wir das Mysterium von Golgatha nennen. Und warum?
[ 7 ] Ja nun, in seiner gegenwärtigen Form ist der Tod und alles, was mit dem Tod verbunden ist, wirklich durch den luziferischen Einfluß gekommen. Der Tod aber ist etwas, was nur in der physischen Welt zu finden ist. Tod gibt es nicht in einer übersinnlichen Welt, insofern übersinnliche Welten dem Menschen erreichbar sind mit seinem hellseherischen Bewußtsein. Nicht einmal die Gruppenseelen der Tiere sterben; sie verwandeln sich nur. Metamorphose gibt es, aber nicht das, was man Tod nennt. Das Zerfallen, das Auseinanderfallen eines Teiles einer bestimmten Wesenheit, Tod, gibt es nur in der physischen Welt. Nun mußte als Ausgleich gewählt werden — das kann nur angedeutet werden — von überirdischen Wesen das Erleiden des Todes, um mit den Menschen eine gemeinsame Angelegenheit zu haben, etwas, das ein Ausgleich sein konnte für die luziferische Empörung. Um Luzifer zu besiegen, mußte das Göttliche durch den Tod gehen; dazu mußte es auf die Erde heruntersteigen.
[ 8 ] Es ist also das, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist, eine Götterangelegenheit, durch die ein Ausgleich geschaffen worden ist für die Luziferangelegenheit. Es ist die einzige Götterangelegenhett, die sich vor den Augen der Menschen abgespielt hat. Dieser einmalige Impuls, der nicht anders vorgestellt werden darf als das Durchgehen des Göttlichen durch den Tod auf dem physischen Plan und das Ausströmen des Christus-Impulses in die geistige Atmosphäre der Erde von da ab. Das betrachtet nun derjenige, der das Christentum kennt, als das Urwesentliche dieses Christentums. Dadurch unterscheidet sich das Christentum, in tieferem Sinne gefaßt, von allen anderen Religionen, daß die anderen Religionen die Hauptsache an ihrem Ursprunge sehen in irgendeinem Religionsstifter, in einer Persönlichkeit; daß aber das Christentum das Wesentliche nicht in der Person des Jesus von Nazareth sieht, sondern in diesem persönlichen Stifter nur den Träger des ChristusImpulses sieht, daß das Christentum das Wesentliche in einer Tatsache also sieht. Das ist mit aller nur möglichen Intensität zu fassen: in einer Tatsache, die sich als solche einmal vollziehen mußte in der Erdenentwickelung: in dem Durchgehen des Göttlichen durch den Tod. Das ist es, was die besondere Wahrheitsnuance des Christentums ist: daß nicht eine Individualität, sondern eine Tatsache, ein Geschehnis, ein Erlebnis an den Ausgangspunkt gestellt wird. Daher kommt es natürlich durchaus nicht darauf an, wenn man uns etwa sagt: Ja, schaut hin, der Jesus von Nazareth hat allerlei Leidenschaften, allerlei Eigenschaften noch, welche nicht mehr haben darf ein, sagen wir nach orientalischen Anschauungen irgendwie vorgerückter Mensch. Darauf kommt es gar nicht an. Der versteht gar nichts vom Christentum, der sich dadurch beirren läßt; denn es kommt dem Christentum gar nicht auf den Jesus von Nazareth an, sondern auf das Geschehnis von Golgatha, auf jene Tatsache. Lassen Sie ruhig andere Religionsstifter persönliche Eigenschaften haben, die anderen Völkern besser gefallen als diejenigen des Jesus von Nazareth! Aber diejenigen, die als Buddhisten Anthroposophen werden, die sehen ein, daß es im Christentum auf das Ereignis von Golgatha ankommt, und sie werden dem Christen zurückgeben, was er ihnen gegeben hat. Sie werden sagen: Geradeso wie du selbst zugibst, daß es Bodhisattvas gibt, die als Individualitäten sich entwickeln, zum Buddha aufsteigen und sich dann nicht wieder zu verkörpern brauchen, so geben wir zu, daß einmal in der Entwickelung der Menschen ein solches Durchgehen des Göttlichen durch den Tod geschehen ist. Du gibst uns die Wahrheitsnuance in unserer Religion zu, und wir dir die Wahrheitsnuance in deiner Religion. — So verstehen sich beide. Nicht verstehen würden sie sich zum Beispiel und Unfrieden würde gestiftet werden, wenn Christen kämen, die vermeinten, Anthroposophen geworden zu sein und sagen würden: Das glaube ich dir nicht, daß ein Buddha nicht mehr im fleischlichen Leib erscheinen kann, sondern ich nehme an, daß in einer bestimmten Zeit der Buddha wieder in einem fleischlichen Leibe erscheint. — Das wäre eine Unmöglichkeit gegenüber dem, der den Buddhismus in seinem Kern erkennt. Unmöglich wäre es, dem Buddhisten zuzumuten, zu glauben, daß sein Buddha wiederum im Fleisch erscheinen könnte. Der Buddhist würde sagen: Da verstehst du den Buddhismus nicht. — Und es ist ganz selbstverständlich und sollte gar keine Diskussion darüber sein, daß ebenso, wie der nicht den Buddhismus kennt, welcher behauptet, ein Buddha würde wieder im Fleische kommen, derjenige nicht vom Christentum spricht, der behauptet, ein Christus könne im Fleische wiederkommen, der also nicht einsieht, daß es sich hier um ein einmaliges Leben einer göttlichen Wesenheit auf der Erde handelt, eben zum Behufe durch den Tod zu gehen auf dem physischen Plan, und nicht um irgend etwas anderes. So handelt es sich um ein gegenseitiges Verstehen über die ganze Erde hin, um ein sich wirklich Begreifen und dadurch Frieden stiften. Unfrieden würde man stiften, wenn man behaupten würde dem Buddhisten gegenüber, der Buddha erschiene wieder im Fleische; und Unfrieden würde man stiften, wenn man behaupten würde, der Christus könne wieder im Fleische kommen. Solche Dinge würden sich tief rächen müssen, denn sie sind Unmöglichkeiten gegenüber dem, was wirklich lebt in der Menschheitsentwickelung. Grotesk wäre es, wenn irgend jemand gar behaupten wollte, daß der Christus wiederkommen müßte und die Menschen ihn jetzt besser verstehen müßten als damals und sich jetzt besser vorbereiten müßten auf ihn und ihn nicht töten müßten: ein solcher würde nicht wissen, daß es gerade auf die Tötung angekommen ist und daß es ohne sie gar kein Christentum geben würde! Der gute Wille zum Verständnis führt wirklich zum gegenseitigen Verstehen, und wir sehen, wie Geisteswissenschaft ein Instrument sein kann, um in den einzelnen Religionsbekenntnissen überall den Hauptkern zu suchen. Wenn man nur will, findet man ihn. Daher ist sie die Friedensbotschaft über die Welt hin. Geisteswissenschaft wird zu dem materiellen Kulturleib, der heute in industrieller und kaufmännischer Beziehung über die ganze Erde hin vorhanden ist, eine Kulturseele über die ganze Erde hin zu schaffen haben. Gerade dadurch, daß wir das Mannigfaltige erkennen, was der Menschheit gegeben worden ist in den verschiedenen Religionsbekenntnissen, und dann wiederum darauf beziehen dasjenige, was als Wahrheitskern gerade durch Geisteswissenschaft uns erscheint, gerade dadurch erlangen wir eine Art Synthese, einen Zusammenschluß der verschiedenen Weltanschauungen in unserer Zeit. In bezug auf einen Punkt sei dies hervorgehoben.
[ 9 ] Es ist niemals das Bestreben gewesen, innerhalb der anthroposophisch orientierten Bewegung, die wir hier treiben, sozusagen die Verschiedenheiten der Religionsbekenntnisse darzustellen in der Art, daß man dem einen Religionsbekenntnis Vorzüge und dem anderen Nachteile zuschreibt, sondern man charakterisiert. Wie oft ist gesagt worden: Die spirituelle Höhe, die da war unmittelbar nach der atlantischen Katastrophe in der Kultur der altindischen Rishis, ist überhaupt heute noch nicht erreicht worden. Sie ist also auch nicht vom Christentum, wie es heute besteht, erreicht worden. Wir geben nicht Vorzüge und Nachteile an, sondern stellen die einzelnen Religionen in ihrer Wesenheit dar. So stellen wir auch nur dar, wenn wir aufmerksam machen auf andere Unterschiede. Wenn wir die mehr orientalische Denkweise verfolgen, namentlich diejenige, welche die meisten Bekenner hat, die buddhistische, so werden Sie eines sehen: Es ist dort das Hauptinteresse der Leute in Anspruch genommen durch das, was man den Durchgang durch die verschiedenen Inkarnationen nennt. Man redet dort von einem Bodhisattva; aber ein Bodhisattva ist nicht ein solcher, der vom Geburtsjahr bis zum Todesjahr nur lebt, sondern einer, der immer und immer wiederkommt und dann zum Buddha wird; und man spricht von Bodhisattvas, als wenn sie in verschiedener Zahl innerhalb der Menschheitsentwickelung aufträten. Man generalisiert mehr, man faßt mehr die Individualitäten, die bleiben. Wie machte man es aber bisher in der abendländischen Anschauung? Das gerade Gegenteil war der Fall. Wenn die Menschen von Sokrates, Plato, Raffael, Michelangelo sprachen, so gaben sie Persönlichkeiten an, und da stellt die abendländische Anschauung die in sich begrenzten Wesenheiten als das Wesenhafte hin. Das hatte sein Gutes, weil dadurch eine besondere Erziehung geleistet worden ist, um herauszuziselieren, herauszuarbeiten die einzelnen menschlichen Persönlichkeiten. Das war im wesentlichen gerade der Fall bei denjenigen Anschauungen, die zum Beispiel auch H. P. Blavatsky nicht verstanden hat: bei der althebräischen und der neutestamentlichen Anschauung.
[ 10 ] Man richtete den Blick zum Beispiel auf Elias. Die okkulten Forschungen über ihn haben etwas Überraschendes. Ich brauche nur zu sagen, daß uns das Einzigartige auffällt; wodurch er wie ein Vorbote dessen ist, was durch den Christus-Impuls hatte geschehen sollen. Noch faßt er die Sache so auf, daß das göttliche Wesen im Volks-Ich zum Ausdruck kommt; aber schon macht er darauf aufmerksam, daß das würdigste Erkennungsmittel im Ich selber liegt. Insofern ist Elias wie eine Art Herold des Christentums aufzufassen, und keiner der anderen Propheten scheint mir in solcher Weise ein Herold zu sein wie Elias. Noch ist die Jehova-Nuance in seinen Worten; aber schon finden wir bei ihm den Jehova so weit zum menschlichen Ich herabgerückt als nur möglich. Dann richten wir den Blick auf eine andere Gestalt, wiederum als Einzelpersönlichkeit, auf Johannes den Täufer. Wir finden, wie er dem Christus-Impuls vorausgeht, wie Johannes der Täufer sich wirklich als derjenige darstellt, der in Worten den Christus-Impuls charakterisiert. Er sagt: Ändert den Sinn, blickt nicht mehr nach den Zeiten des alten Hellsehens, sondern sucht im eigenen Menscheninnern die Reiche des Himmels! — Das, was der Christus-Impuls in Realität ist: der Täufer Johannes charakterisiert es. Er ist ein Herold des Christentums in einer ganz wunderbaren Weise. Wie eine Art Fortbildung, innerer spiritueller Fortbildung erscheint uns das, was im Herzen Johannes des Täufers lebt, gegenüber dem, was in Elias lebte.
[ 11 ] Wir wenden dann den Blick zu Raffael und schauen ihn an als scheinbar eine ganz andere Gestalt wie Johannes den Täufer; aber indem wir den Raffael anschauen — ja, wir brauchen uns nur ein wenig so recht menschlich in ihn zu vertiefen, und wir finden in ihm einen Herold des Christentums.
[ 12 ] Nehmen wir einmal das Folgende. Wir schlagen eine Stelle der Apostelgeschichte auf, die Stelle, wo da steht: «Und Paulus kam nach Athen und es versammelten sich die Athener um ihn herum, und Paulus trat vor sie hin und sagte: Ihr Frauen und Männer Athens, ihr habt bisher verehrt in allerlei Zeichen eure Götter; doch die Gottheit lebt nicht in äußeren Zeichen in Wirklichkeit. Ihr habt allerdings auch einen Altar, darauf steht: Dem unbekannten Gott! Ich aber sage euch, jener unbekannte Gott ist derjenige, der allerdings nicht durch äußere Zeichen angedeutet werden kann in seiner wahren Gestalt, der aber allem Lebendigen, allem Seienden zugrunde liegt. Er ist der, der da gelebt hat auf Erden und auferstanden ist, derjenige, der durch die Auferstehung den Menschen selber zur Auferstehung führen wird.» Und weiter erzählt die Apostelgeschichte — und wir sehen förmlich Paulus vor den Athenern stehen — wie einige Athener glaubten und andere nicht. Unter den ersteren war Dionysios, der Areopagite. Dann schauen wir uns das Bild an, das in der Camera della Signatura in Rom hängt und von Raffael gemalt ist, und das man «Die Schule von Athen» nennt. Nehmen wir nun an — wie es dazumal ganz natürlich war —,
[ 13 ] Raffael habe vor sich gehabt die Stelle der Apostelgeschichte, von der eben die Rede war. Sie ist in ihm lebendig geworden. Und jetzt schauen wir die verschiedenen Athener an, denen er die Gesichter gegeben, und bis auf die Handbewegung sehen wir heraustreten — unter die Athener treten — eine Gestalt, die wir wiedererkennen, wenn wir nur den Paulus der Apostelgeschichte ins Auge fassen.
[ 14 ] Und so könnten wir die verschiedensten Dinge bei Raffael durchgehen. Wenn wir den Blick richten auf seine verschiedenen Madonnen, müssen wir uns allerdings fragen: Ist nicht eines sonderbar bei Raffael, er ist groß, wenn er die Szenen malt, die das Werdende, das Wachsende in der Entstehung des Christentums zeigen, den kleinen Jesus wie etwas, was wie im Keim das ganze werdende Christentum enthält. Wir finden aber keinen Verrat des Judas von Raffael gemalt, eigentlich auch keine Kreuztragung, denn seine Kreuztragung erscheint uns wie zusammengetragen, gar nicht gleich den anderen Raffael-Werken. Wir finden dafür die Verkündigung, die Himmelfahrt, also die Dinge, die gerade auf das Werdende des Christentums hindeuten.
[ 15 ] Und wie sprachen diese Dinge zu den Menschen? Ja, sie sprachen höchst eigentümlich. Sie wissen, daß sich in Dresden eines der herrlichsten Werke Raffaels befindet: die Sixtinische Madonna. Die Menschen, die kurz denken, denken vielleicht, das sei ein Bildwerk, das wie ein Sieger eingezogen sei in Deutschland. Auf Goethe machte es gar keinen Eindruck, weil er gehört hatte, wie man allgemein dachte über dieses Werk. Goethe war als junger Mann auch noch nicht so sicher im Urteil wie im Alter und war noch zugänglich dem, was die Leute sagten. Was erzählten ihm die Museumsbeamten in Dresden? Nun, daß das Kind in seinem ganzen Ausdruck eben gemein sei, daß die Madonna von einem Stümper übermalt sei, daß die kleinen Putten unten von irgendeinem Handlanger dazugemalt seien. Das war noch die Stimmung der Sixtinischen Madonna gegenüber, als Goethe als junger Mensch nach Dresden kam. Aber sehen wir, wie es jetzt ist. Fassen wir ins Auge, was Raffael eigentlich den Menschen geworden ist! Raffael wirkte ja in Rom in einer Zeit, in der über religiöse Dogmen viel gestritten wurde. Die Art, in der Raffael die christlichen Geheimnisse malt, ist interkonfessionell. Wenn wir die späteren großen italienischen Maler nehmen, da sehen wir die religiösen Geheimnisse so gemalt, daß wir erkennen: das ist das Christentum der lateinischen Rasse. Raffael malt so, daß wir es mit über den Völkern stehenden allgemeinen Wiedergaben christlicher Geheimnisse zu tun haben. Darum sehen wir, wie in kurzer Zeit die Sixtinische Madonna selbst in protestantischen Gegenden sich in die Seelen einlebt. Und wenn Anthroposophie wirken soll für das Verständnis der christlichen Mysterien, wird sie in denjenigen Seelen am besten Eingang finden, in denen die Empfindungen leben, welche gewonnen sind an Bildern wie die Sixtinische Madonna, in denjenigen Seelen, die auf diese Weise vorbereitet sind. Und wenn wir heute davon sprechen, daß das Christentum erst im Anfang seiner Entwickelung ist, daß es erst durch den spirituellen Schlüssel, den die Anthroposophie zu geben vermag, seine wahre Gestalt erhalten wird, dann wissen wir, daß diesem Christentum gegenüber wie ein Herold dasteht Raffael.
[ 16 ] Und wiederum wenden wir den Blick noch nach einer anderen Gestalt, indem wir durchaus nur das zu Hilfe nehmen, was abendländische Anschauungsweise ist: wir wenden den Blick zu der Gestalt des deutschen Dichters Novalis. Schlagen wir Novalis auf — überall finden wir Ansätze zu der reinsten anthroposophischen Lehre bis in Einzelheiten hinein, man braucht sie nur sozusagen aufzudröseln. So sieht man, wie Novalis durchdrungen ist von einem anthroposophischen Christentum.
[ 17 ] So haben wir vier Gestalten als Persönlichkeiten gebracht. Das war abendländische Anschauung. Nun kommt die geisteswissenschaftliche Vertiefung. Durch diese werden die Menschen schon erfahren, warum zum Beispiel Raffael jene magnetische Anziehungskraft verspürt, in die Erde herein inkarniert zu werden just an einem Karfreitage, um durch die Geburt am Karfreitag äußerlich anzudeuten, daß er etwas zu tun hat mit dem Ostergeheimnis. Diese Dinge können heute nur angedeutet werden; wenige Jahrzehnte werden vergehen, dann werden die Leute die Dinge, die damit behauptet werden, so einsehen, wie sie heute naturwissenschaftliche Tatsachen einsehen: daß nämlich dieselbe Individualität es ist, die in Elias, Johannes dem Täufer, Raffael und Novalis gelebt hat. Erst werden sie die Persönlichkeiten erkennen, dann die Individualität, wie sie durch jene hindurchgegangen ist. Und nun begreifen wir die vierfache Heroldschaft und das Aufsteigen in dieser vierfachen Heroldschaft. Nun stehen wir zu einer solchen Sache ganz anders, als wir früher zu ihr gestanden haben. Heute weiß man ja schon, daß man die Stanzen in Rom nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form sieht; sie sind verdorben, sind nicht mehr so, wie sie von Raffaels Hand hingemalt worden sind, und es brauchen nur noch Jahrhunderte zu vergehen, daß diese Dinge verschwinden. Wenn auch die Nachbildungen ein längeres Leben haben werden, wird das in seine Atome aufgelöst, was die Individualität geschaffen hat. Mögen die physischen Werke von Raffael aber auch pulverisiert werden im Laufe der Zeit, wir wissen, daß dieselbe Individualität, die jene Werke hergestellt hat, schon wieder da war in Novalis und auf eine andere Weise bewirkt hat, was in ihr war.
[ 18 ] So sehen wir, wie heute zu dem, was die abendländische Anschauungsweise ausgemacht hat, das begrenzte Anschauen der Persönlichkeiten, hinzugefügt wird die Individualität; wie also zusammengefügt wird das Beste, was die abendländische Weltanschauung ausmacht, mit dem Besten, was die morgenländische Anschauung hat. So schreitet die Zeitentwickelung vorwärts. Indem die Menschheit so vorwärtsschreitet und solche Dinge einsieht, wird die geistige Welt nicht stumm bleiben, sondern sie wird zu der Menschheit auch in den alltäglicheren Erscheinungen sprechen. Und die Menschen werden sozusagen nicht bloß wie durch eine Art Erkenntnis sich zu erheben haben zur geistigen Welt, sondern immer mehr und mehr wird sich diese Erkenntnis umgestalten zu einer Art, man möchte sagen, Erfahrung. Dazu ist aber heute eine wirkliche spirituelle Bewegung notwendig. Daß eine solche notwendig ist, zeigt sich einfach daran, daß man selbst das Einfachste nicht mehr in der richtigen Weise beurteilt.
[ 19 ] Es sei eine Einzelheit heute noch herausgegriffen. Der Mensch geht, wenn er ein gesundes Leben führt, im Verlauf von vierundzwanzig Stunden durch Wachen und Schlafen. Wir wissen, daß, wenn er einschläft, physischer und Ätherleib im Bette liegenbleiben und daß herausgehen Astralleib und Ich. Was geschieht denn nun mit dem, was im Bette liegenbleibt? Wenn der Hellseher zurückschaut aus seinem astralischen Leib auf das, was im Ätherleib und physischen Leibe vor sich geht, so sieht er, wie da ein mehr vegetatives Leben beginnt, ein Leben, das eigentlich zerstört worden ist durch das Tagesbewußitsein. Die Ermüdung wird ausgeglichen; das heißt, es blüht und sprießt nun im Ätherleib und im physischen Leibe, und der astralische Leib und das Ich sind zurückgezogen worden. Wenn sie morgens wiederum in den physischen Leib und Ätherleib untertauchen, dann haben sie diese wiederum zur Ermüdung zu bringen; sie grasen ab, lassen verwelken, was während der Nacht aufgesproßt ist.
[ 20 ] Alles das, was im Mikrokosmos ist, ist auch im Makrokosmos vorhanden. Wenn wir im Frühling sehen, wie die Erde ihr Grünes herausschießen läßt in den Pflanzen, wie aufsprießen Blüten und Blätter und wie die Pflanzen sich vorbereiten, Früchte zu tragen, was haben wir denn da? Derjenige, der äußerlich vergleicht, wird sagen, es läßt sich das Aufwachen am Morgen vergleichen mit dem Aufwachen der Natur im Frühling. Das Umgekehrte ist aber wahr! Wir müssen das Aufblühen im Frühling mit dem Einschlafen vergleichen. Wir müssen vergleichen das Hervorkommen und Hervorwachsen der Pflanzen im Frühling mit dem, was im Äther- und physischen Leib des Menschen beim Einschlafen vor sich geht. Dann wird das immer lebendiger, wenn es dem Sommer entgegengeht, wie im menschlichen physischen und Ätherleibe in der Mitte der Schlafenszeit. Und im Herbst wird es so, wie wenn der Mensch am Morgen hinuntertaucht in den physischen und Ätherleib, im Herbst, der zum Verwelken bringt dasjenige, was während des Frühlings und Sommers aufgesproßt ist. Man muß richtig zusammenstellen, was draußen und drinnen geschieht, man darf nicht äußerliche Allegorien suchen und den Frühling mit dem Aufwachen, den Herbst mit dem Einschlafen vergleichen, sondern umgekehrt.
[ 21 ] So daß wir sagen können: Das, was die Geister der Erde sind, das geht im Frühling schlafen und wacht als Erdengeister im Herbst und Winter auf. Im Winter sind sie als Erdengeister mit der Erde verbunden, um wieder hinaufzusteigen im Frühling und Sommer in die Himmelshöhen, in die astralischen Höhen und auf die andere Seite der Erde. Wenn wir wieder Frühling haben, dann gehen sie wieder schlafen.
[ 22 ] Dem widerspricht nicht, daß die Erde einmal auf der einen und das andere Mal auf der anderen Hälfte schläft. Ähnliches ist in gewisser Beziehung auch beim Menschen der Fall. Derjenige, der die Vorgänge hellseherisch verfolgt, sieht, wie es im Frühling geradeso ist wie beim menschlichen Einschlafen, wo der einzelne Geist sich zurückzieht in die astralische Welt; er sieht, daß sich im Frühling dasjenige, was wir die Erdengeister nennen, in dieastralische Welt zurückzieht, und umgekehrt. Ja, die heutige Menschheit — mit Ausnahme derer, die hier sitzen würde wahrscheinlich ein helles Gelächter anstimmen, wenn man. so vom Einschlafen und Aufwachen der Erdengeister reden würde. Das glaubt man dieser Menschheit; sie tut ja alles, um zu beweisen, daß sie keine Ahnung hat von den wirklichen Vorgängen der Welt. Es war aber nicht immer so, durchaus nicht, sondern es war früher auch einmal anders! Es gab nämlich ein altes menschliches Hellsehen, und das hat diese Tatsachen richtig gesehen. Da hat man gesehen, daß dasjenige, was Erdengeister sind, sich zurückzieht im Frühling, um sozusagen hinaufzugehen in kosmische Höhen. Im Herbst steigen diese Geister wieder herunter. Das hat man in alten Zeiten gesehen. Da war es natürlich, darauf hinzuweisen, daß in der Mitte des Sommers etwas vorliegt wie ein Abwesendsein des eigentlichen Erdengeistigen von der Erde. Dafür findet statt ein Aufschießen der Elementarnaturgeister wie in einem Paroxysmus, und ein Zurückbleiben dessen, was irdischleiblich an der Erde ist, was also durch das Sinnliche hervortritt. Wollte man das anschaulich machen: man konnte das nicht besser als dadurch, daß man das Johannifest just in diese Zeit verlegte, um hinzuweisen darauf, wie gerade die sprießenden Naturgeister wirken und die eigentlichen Geister der Erde, die das Ich und der Astralleib der Erde sind, weg sind.
[ 23 ] Wie ist es aber dann, wenn es gegen den Winter zugeht? Da wacht die Erde auf, da ist mit der Erde der Astralleib und das Ich verbunden. Dahin muß man die Feste verlegen, die sich vorzugsweise auf das Geistige des Menschen beziehen. Dahin wurde das Weihnachtsfest verlegt. Und dann, wenn der Erdengeist weggeht in Höhen hinauf was durch das Osterfest angedeutet wird —, da bezog man dieses Hinweggehen von der Erde, dieses Hineingehen in das Astralische, auf das Verhältnis von Sonne und Mond.
[ 24 ] Alle diese Dinge, in die wir da hineinschauen, verbinden uns in wunderbarer Weise mit dem alten Hellsehen, zeigen uns, wie wir in demjenigen, was von alten Zeiten hereinragt, etwas zu sehen haben, was mit uraltem Hellsehen beim Menschen zu tun hat. Es ist für die materialistische Weltanschauung ganz selbstverständlich, daß sie sagt, sie habe ja nur den Leib auszubilden, daß sie sagt: Es ist uns unbequem, namentlich in bezug auf Scheckverkehr und ähnliche Dinge, das Osterfest einmal früh im Jahr, das andere Mal spät zu haben, und dem müsse man abhelfen, damit Handel und Industrie möglichst bequem wegkommen. Da müsse das Osterfest, sagen wir, stets am ersten Sonntag des April gefeiert werden! — So schickt es sich nur für die materialistische Zeit, die bar ist allen Zusammenhangs mit der geistigen Welt. Ebenso wie es sich schickt für den Materialismus, solche Ideen zu hegen, ebenso wahr ist es, daß eine spirituelle Bewegung bewahren muß den Zusammenhang mit den alten Festsetzungen der Menschheit. Und nicht werden wir deshalb uns irgendwie zurückhalten — gerade auch in bezug auf die praktische Betätigung —, dasjenige zu tun, was einer spirituellen Weltanschauung angemessen ist.
[ 25 ] Und das sollte ausgedrückt werden in dem, was Ihnen in unserem Kalender vorliegt, der natürlich für die äußere Welt lächerlich erscheint, der wir ihn gleichwohl nicht vorenthalten wollen, wenn sie uns auch deshalb für Narren hält. Es ist durch diesen Kalender zum Ausdruck gebracht, daß wir den Zusammenhang festzuhalten haben mit alten Zeiten. In dem Illustrativen des Kalenders, das ja durch ein von uns sehr verehrtes und liebes Mitglied hergestellt worden ist, haben Sie eine Erneuerung dessen, was schon trocken und öde geworden ist: der Imaginationen, die sich beziehen auf die Konstellationen von Sonne und Mond und der Zeichen des Tierkreises, erneuert für die heutige Seele, gegeben in solcher Weise, daß Sie wirklich, wenn Sie die Aufeinanderfolge der Wochen und Tage betrachten, etwas davon haben. Wenn Sie die Frage stellen: Wie kann man selber zu solchen Dingen kommen? —, dann sehen Sie sich doch den «Seelenkalender» an: Jene Meditationen sind das Ergebnis vieljähriger okkulter Untersuchungen und Erfahrungen. Wenn Sie diese in der Seele wirksam machen, dann werden Sie sehen, daß sich in dieser Seele dasjenige herstellt, was den Zusammenhang der Wirksamkeit von geistigen
[ 26 ] Welten in der Zeitenfolge bilder. Und dasjenige, was wir das Mysterium von Golgatha nennen, das haben wir äußerlich, exoterisch so gemacht, daß es nicht gleich auf den allerersten Blick schockiert. Wir haben einen Bogen ringsherum gemacht, auf dem 1912/13 steht, aber innerlich ist der Kalender so gerechnet, daß da der Anfang gemacht ist mit der Geburt des menschlichen Ich-Bewußstseins, das heißt mit dem Mysterium von Golgatha. Und außerdem geht die Jahreszählung so, wie es schon recht unbequem sein wird für das kommerzielle Leben, aber wie es notwendig ist für das spirituelle Leben: von Ostern zu Ostern!
[ 27 ] So daß damit etwas gegeben ist, was herausgewachsen ist aus unserer Denkweise und was für jeden benützbar ist, auf daß er sich durch die Benützung wiederum einen Schritt näher in die Bahn des Spirituellen hineinbegeben kann, als das durch andere Mittel erreicht werden kann.
[ 28 ] Es wird sich immer mehr und mehr zeigen, wie von einem einheitlichen Grundprinzip und Grundimpuls aus die Dinge eigentlich gedacht sind, die wir innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung unternehmen, und wie das einzelne nicht einer Laune sein Dasein verdankt, sondern so hineingestellt wird, daß es sich als einzelner Baustein in unsere ganze Arbeit wirklich hineinfügt. Dazu ist natürlich notwendig, daß immer mehr und mehr auch den einzelnen Mitgliedern aufgeht ein Verständnis für dieses Zusammenwirken und daß man hinauskommit über die Sonderinteressen und Sonderbestrebungen und sich mehr richtet auf das, was uns vereint. Gewiß, es ist ja begreiflich, daß viele Sonderbestrebungen und Sonderwünsche bei den einzelnen Mitgliedern sind, daß die einen dies und die anderen das hineintragen möchten in die anthroposophische Bewegung. Aber insbesondere hier an diesem Orte, wo ein wirklich selbstloses Zusammenwirken notwendig sein wird, wenn wir das Projektierte wirklich zusammenbringen wollen, muß es sich tief, tief in die Herzen einwurzeln, daß wir nur dann günstig wirken werden, wenn wir nicht unsere Sonderbestrebungen geltend machen, sondern dasjenige, was sich eingliedert dem Ganzen, das angestrebt wird, als ein Baustein. Denn sonst kann es nicht ein Ganzes werden. Das ist so außerordentlich wichtig, und in dieser Beziehung glaube ich, ist auch das Zustandekommen dessen, was da geschehen soll, die Grundlage für ein Studium dessen, wie die anthroposophische Bewegung sich entwickeln sollte.
[ 29 ] So versuchte ich Ihnen einzelnes aus unserer anthroposophisch orientierten Anschauung heute darzulegen, und wir haben damit sozusagen eine Art Ersatz uns geschaffen für das, was diesmal hätte sein sollen, was aber nicht hat sein können, weil eben noch nicht alle behördlichen Bewilligungen erreicht sind: nämlich die Grundsteinlegung unseres Johannesbaues. Wir wollen aber hoffen, daß es uns in nicht gar zu ferner Zeit gelingen möge, dieses nachzuholen. Denn wir werden ja vielleicht gerade damit auch den Grundstein für eine Neubelebung der anthroposophischen Bewegung legen, wie wir sie innerhalb des Abendlandes meinen. Und wenn es uns gelingt, das Richtige auf diesem Gebiet zu tun, dann werden wir schon den Beweis liefern, daß wir in allem treuen Wahrheitssinn, von dem wir ja allein uns beseelt sein lassen wollen, ohne irgendwelche Hinneigung zu Sensationellem, jene okkulten Bestrebungen zu den unserigen machen, welche die heutige Menschheit zu ihrer Fortentwickelung braucht.
