Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 143
7 Mai 1912, Köln
9. Die Geheimnisse der Reiche der Himmel in Gleichnissen und in wirklicher Gestalt
[ 1 ] Welche Bedeutung Theosophie für die Menschen der Gegenwart und Zukunft immer mehr gewinnen muß, das wird man erst langsam und allmählich einsehen. Man wird es einsehen, wenn man sich hineinleben wird in das Verständnis gewisser Dinge, die ja angedeutet sind in religiösen und okkulten Schriften, die aber gewöhnlich nicht tief genug genommen werden. Da könnte man auf tausend und aber tausend Stellen hinweisen in solchen religiösen und okkulten Schriften, deren Tiefe gar nicht erkannt wird, weil die Menschen nur oberflächlich darauf hinschauen. Heute will ich nur hinweisen auf eine tief, tief bedeutsame Stelle in den Evangelien: «Denjenigen, die draußen stehen, ihnen werden die Geheimnisse offenbart in Gleichnissen, so daß sie sehen und doch nicht sehen, daß sie hören und doch nicht hören, daß sie verstehen und doch nicht begreifen. Euch aber sollen die Geheimnisse der Reiche der Himmel ohne Gleichnis in ihrer wahren Gestalt offenbar werden.» 1Mark. 4, 11f; Matthew 13, 11.
[ 2 ] Man denkt gewöhnlich gar nicht daran, welche unendlich tiefe Bedeutung solch eine Stelle hat. Was heißt denn dies, und wo sind diese wichtigsten Gleichnisse, von denen der Christus zu seinen Jüngern spricht? Die wichtigsten Gleichnisse sind diejenigen, die man gewöhnlich gar nicht als Gleichnis auffaßt.
[ 3 ] Der Mensch nimmt dasjenige, was er sieht im mineralischen, im pflanzlichen, im tierischen Reich neben sich auf dem physischen Plan, an als eine Wirklichkeit, als etwas, was da ist. Er sieht dieses Tier, jene Pflanze und stellt sich vor, das seien Dinge, die wirklich da sind. Er sieht Vorgänge in Luft und Wasser und stellt sich vor, das seien Vorgänge, die wirklich da wären. Sie sind es nicht. Denn alle diese Vorgänge in den Naturreichen um uns herum, alles, was sich abspielt in Luft und Wasser, ist nichts anderes als Vorgänge in der geistigen Welt, die sich offenbaren durch das, was im Physischen geschieht. Sie sind Offenbarungen geistiger Vorgänge. Diese sind die wahre Wirklichkeit, die Realität. Nichts ist real als die geistige Welt, und erst wenn wir in allen Dingen und Vorgängen das Geistige erkennen können, dann haben wir in Wahrheit die Realität erkannt. Alles in der physischen Welt hat nur den Wert eines Gleichnisses für dasjenige, was dahintersteht, die geistige Welt. Alle Vorgänge in der Tier- und Pflanzenwelt müssen wir so betrachten lernen und auch alles, was wir im Menschenreich sehen, was Eindruck macht auf den Verstand, den Intellekt. Alles das sind nichts als Gleichnisse, und erst derjenige, der sie deuten lernt, kommt zu der Wirklichkeit, der Realität.
[ 4 ] So gehen die Menschen durch die Welt, schauen sich die Vorgänge an und wissen nicht, daß diese nur Gleichnisse sind. Durch Gleichnisse wird durch die Natur selbst zum Menschen gesprochen; erst dann wird von der Wirklichkeit gesprochen, wenn vom Geiste die Rede ist. — In Bildern, die der Natur entnommen sind, erklärt der Christus Jesus seinen Jüngern Vorgänge, die dem Geiste angehören. Da spricht er vom Samenkorn, das ausgestreut wird und die verschiedensten Schicksale erlebt. Das kann nur Gleichnis sein, weil die Dinge in der Natur ja selber Gleichnisse sind. Dann aber, wenn er seinen Jüngern klarmacht, daß er eins ist mit der geistigen Natur alles Daseins, daß er durchgehen müsse durch den Tod, daß dasjenige, was in ihm lebt und was hineingesenkt werden muß in den Tod, um dann aufzugehen als eine Kraft der Menschenseelen und Menschenherzen, die er allen Menschen geben soll durch diesen Tod, da spricht er von der Wirklichkeit, denn da spricht er vom Geiste und davon, was durch diesen Geist geschieht. Daher ist es auch nur dann eine wahre Erkenntnis, wenn der Mensch nach und nach hinter die Geheimnisse der Welt so kommt, daß er dasjenige, was ihm draußen entgegentritt, kennenlernt als Gleichnis für geistige Vorgänge. In der Tat bereichert sich die Seele des Menschen erst dann fruchtbringend, wenn er diesen Standpunkt finden kann gegenüber der Außenwelt.
[ 5 ] Wenn sich ihm diese Außenwelt nach und nach vom Geiste durchleuchtet zeigt, da lebt sich der Mensch anders in sie hinein als vorher, da findet er überall die Spuren des Geistes in ihren Rhythmen. Wir sehen an uns selber ein immer wiederkehrendes rhythmisches Ereignis: das Einschlafen und Aufwachen. Wir wissen, daß der Mensch innerhalb vierundzwanzig Stunden wiederholen muß dieses Aufglänzen des normalen Tagesbewußtseins und wiederum das Herabdunkeln in den Schlafzustand. Wenn wir uns nun fragen, was sich denn draußen in der großen Welt vergleichen läßt mit diesem rhythmischen Wechsel von Schlafen und Wachen beim Menschen, so würde ja vielleicht vielen einfallen der rhythmische Wechsel im Pflanzenreich, das Wachsen der Pflanzen im Frühling und ihr Verwelken im Herbst. Der Mensch sieht im Frühling die Pflanzen sprossen und sprießen bis in den Sommer hinein, er sieht im Herbst die Früchte reifen durch die Kraft der Sonne, die im Frühling und Sommer in die Erde hineinströmt. Scheinbar ausgelöscht ist dann alles im Winter, um dann wiederum im Frühling aufzusprießen. Da könnte der Mensch wohl vergleichen sein eigenes Aufwachen am Morgen mit dem Aufwachen der physischen Natur, und sein Einschlafen mit dem Verwelken im Herbst. Aber das wäre ein schwerer Irrtum, dem wir uns nicht hingeben dürfen, wenn wir auf die Wahrheit sehen.
[ 6 ] Was erleben wir denn, wenn wir einschlafen? Da gehen hinaus Astralleib und Ich. Sie verlassen den physischen und den Ätherleib. Wenn wir nun sehen würden, was physischer und ätherischer Leib in der Nacht tun, da würden wir beobachten können, daß sie in ganz anderer Tätigkeit sind als in einer solchen, die man mit dem Verwelken im Herbst vergleichen könnte. Das kann man aber nur sehen, wenn man von der geistigen Welt aus hinabschaut auf den physischen und ätherischen Leib. Da sieht man sie sich anders verhalten als am Tage. Denn am Tage sieht man, daß sie sich abnutzen, und wenn wir abends ermüdet sind, so ist das nur ein Zeichen dafür, daß wir unseren physischen und ätherischen Leib abgenützt haben. Das Leben im vollen Tagesbewußtsein ist ein Ruinieren, ein Zum-Absterben-Bringen unseres physischen und ätherischen Leibes. Abends sind sie am meisten abgenutzt; dann schlafen wir ein. Und wenn wir dann geistig hinschauen auf sie, da sehen wir, wie im physischen und Ätherleibe eine rein vegetative Tätigkeit beginnt, die wir vergleichen können mit dem, was im Frühling geschieht. Es beginnt da wie zu blühen, zu sprossen, zu grünen im physischen und Ätherleibe, als ob im Inneren des Menschen sich etwas vollzöge, was sich vergleichen läßt mit dem, was im Frühling draußen in der Natur geschieht. Den Moment des Einschlafens müssen wir also vergleichen mit dem Frühling, und je tiefer wir in die Nacht hineinschlafen, desto mehr ist es so, daß wir das, was im Inneren des Menschen sich vollzieht, vergleichen können mit dem, was im Sommer draußen geschieht. Denn immer intensiver wird diese vegetative Tätigkeit in unserem Leibe. Dann aber beim Aufwachen ist es wie der Herbstzustand draußen in der Natur. Da tritt mit dem aufwachenden Bewußtsein das ein, was den Sommerzustand zum Welken bringt, und im Laufe des Tages tritt eine solche Öde des physischen und ätherischen Leibes ein, daß dasselbe verursacht wird wie der Winterzustand draußen, wenn die Pflanzen verwelkt sind und die vegetative Tätigkeit erstorben ist. — So müssen wir im geisteswissenschaftlichen Sinne das Einschlafen mit dem Frühling und das Aufwachen mit dem Herbst vergleichen.
[ 7 ] Beim Einschlafen, also im Frühlingszustande, verlassen nun der astralische Leib und das Ich den physischen und den ätherischen Leib. Draußen in der Natur ist es in der Tat auch so, daß die Geister der Erde, die verbunden sind mit dem Pflanzenreich, sich im Frühling sozusagen freimachen von dem Physischen der Pflanzenwelt und daß diese dann erst eigentlich so recht in wirkenden Tätigkeitszustand kommt. Es schlafen im Sommer diese geistigen Wesenheiten, die mit dem Pflanzenreich verbunden sind, und im Winter wachen sie auf und durchziehen die Planetenmasse. Man könnte fragen: ja, während es Winter ist auf der einen Hälfte der Erde, ist es ja Sommer auf der anderen? — Nun, das rhythmische Spiel ist so, daß die Geister der Erde, wenn sie im Sommer die Nordhälfte der Erde verlassen, nach der Südhälfte hinziehen. Sie durchziehen und umkreisen rhythmisch die Erde. Im Menschen geschieht dasselbe. Er glaubt zwar, sein Denken, sein Bewußtsein sei nur im Kopfe, und wenn er nachts heraußen sei, glaubt er, in ihm sei nichts mehr, was da denkt. Aber in Wahrheit ist es so, daß dann die untere Hälfte seines Leibes tätig ist, daß da ein Denken und Bewußtsein anderer Art als das menschliche sich abspielt, so daß da auch ein rhythmisches Umkreisen im Leibe des Menschen stattfindet. Im Frühling können wir sagen: Nun beginnen die Erdgeister zu schlafen; sie haben sich zurückgezogen von dem Teil der Erde, wo Sommer ist. Da ist dann vegetatives Leben wie beim Menschen, wenn er einschläft und in seinem Leibe das vegetative Leben beginnt. Im Winter aber wachen die Erdgeister. Da sind sie mit der Erde vereinigt, wie im Menschen im Tagesleben sein waches Bewußtsein in ihm ist. Wenn wir im Sommer auf der Erde stehen, haben wir die physische Natur um uns, die aufjubelt in ihrem Physischen. Da sprießt und sproßt alles in der Pflanzenwelt, und auch alle niederen geistigen Wesenheiten, die die Baumeister sind am Pflanzenwuchs, sind da in Tätigkeit. Im Winter aber, wenn die Schneedecke sich über die Erde breitet, wenn die vegetative Tätigkeit schlummert, da wissen wir, daß die höchsten göttlichen Wesenheiten, die da schaffend, wirkend, webend sind im kosmischen All, daß diese um uns sind, daß das höchste göttliche Leben, göttliches Bewußtsein in der Erde wirkt. So ist es, wenn es Winter ist, nicht, wenn es Sommer ist. — Das lehrt uns erkennen eine wahre Geisteswissenschaft.
[ 8 ] Die Geisteswissenschaft, die mit vollem, klarem Bewußtsein in diese Dinge einzudringen vermag, weiß, daß der Mensch, wenn er dies alles nicht nur theoretisch im Kopfe hat, sondern es auch mit dem Herzen fühlen kann, sagen kann: O du heraufkommende Frühlings- und Sommerkraft, du bringst alles in der physischen Natur zum Sprießen und Blühen, du rufst die Elementarwesen heraus aus der Erde an ihre Arbeit. — Und während des Sommers, in der Soemmermitte, da feiern diese niederen Elementarwesen etwas wie eine Ekstase, wie einen Paroxysmus. Das ist dann, wenn die Sonnenwende, das Johannifest gefeiert wird. Dann kommt der Herbst und die Winterzeit, und da soll der Mensch in tiefster Seele fühlen: Mit dem Nachlassen der äußeren physischen Sonnenkräfte, mit dem Heraufkommen der Winterzeit, wenn alles draußen abstirbt, wenn es dunkler und immer dunkler wird, dann vereinigen sich die höchsten göttlich-geistigen Kräfte mit dem Erdenstück, auf dem wir leben, da fühlen wir uns wie eingehüllt in diese höchsten geistigen Wesenheiten, fühlen uns ihnen in tiefster Seele zugehörig. So fühlen wir tiefste Andacht, wenn wir das wissen, daß wir beim Heraufkommen des Winters zuschauen dürfen den dem Menschen urverwandten geistigen Kräften, wie sie sich unmittelbar in unserer Umgebung offenbaren. Sie kennenzulernen, dazu ist Theosophie berufen. Sie wird über dieses alles den Menschen Klarheit bringen.
[ 9 ] Wir wissen, daß Theosophie uns wiederzubringen hat dasjenige, was die Menschen einst in traumhaft-dumpfem Hellsehen besessen haben. Wir erobern uns wieder eine uralte Erbschaft der Menschen. Eine traumhafte hellseherische Uroffenbarung war das für die Menschen, und es gibt Zeugnisse dafür, daß dem so war. Denn deshalb ist das Johannifest in die Mitte des Sommers verlegt, weil es die Menschen hinführen soll zu dem Bewußtsein: Jetzt ist das Physische am meisten entfaltet, jetzt feiern die niederen Elementarwesen etwas wie eine Ekstase in der Entfaltung ihrer stärksten Kräfte. Die Zeit des Johannifestes ist festgelegt aus einem uralten Bewußtsein der Menschen heraus. In dieser Ekstase des Physischen vergißt der Mensch sein Geistiges, da gibt er sich hin an die unmittelbare Pracht der physischen Natur. Aber ebensogut haben diese alten Hellseher gewußt, daß im Winter sich die höchsten geistigen Kräfte mit unserem Erdenleibe vereinigen. Daher hat jenes alte Bewußtsein überall, wo es tätig sein konnte, jenes Fest, das andeuten soll, daß der Mensch sich vereinigt fühlt mit dem Geistigen der Erde, das Weihnachtsfest, in die Mitte des Winters gelegt. Das Fest des göttlichen Wesens, des Erdgeistes, konnte eine hellsichtig wissende Menschheit niemals in die Sommerzeit legen, sondern es mußte in der Winterzeit gefeiert werden. In der Weihezeit, da fühlte sich die Seele vereinigt mit den göttlich-geistigen Kräften, die dann die Erde durchdringen. Das Weihnachtsfest gehört in den Winter, wie das Johannifest in den Sommer gehört.
[ 10 ] Wenn man dies gewahr wird, wie die Feste lebendig zu uns sprechen in dem Sinne, wie das alte Menschheitsbewußtsein sie festgesetzt hat, da fühlt man sich geistig vereinigt mit dem Sinn dieser Feste. Man erkennt, was durch eine solche Erkenntnis in der Menschenseele angeregt werden soll.
[ 11 ] Das Herabkommen des äußeren physischen Sonnenlichtes, der physischen Himmelskräfte auf die Erde im Frühling und das sich Zurückziehen des Geistes in die heiligen Sphären — wie sich in der Nacht zurückzieht der Geist des Menschen in die geistige Welt —, das ist wunderbar ausgedrückt im Osterfest, das festgelegt ist so, daß die Konstellation von Sonne und Mond und der Gestirne zur Festsetzung dieses Festes benutzt sind. Wie sichtbarlich einschlafen die geistigen Kräfte im Frühling, das wird durch diese Konstellation ausgedrückt. Es ist charakteristisch für unsere materialistische Zeit, daß man daran denkt, weil es der Materialismus so braucht, das Osterfest festzulegen, es zu fixieren, das also, was ihm seinen Sinn gibt, aufzugeben um industrieller und kommerzieller Erleichterungen willen. Ein rechter Ausdruck des materialistischen Sinnes unserer Zeit! Für den Abschluß gewisser Rechnungen mag es ja bequem sein, daß das Osterfest nicht einmal im April und im nächsten Jahre im März gefeiert wird, aber gerade dieses Bestimmen des Osterfestes nach der Konstellation am Himmel drückt aus, wie Irdisches und Himmlisches zusammenwirken. In dieser Festsetzung der Feste ruht eine große Weisheit der Urmenschheit. Allerdings siegen werden wohl die kommerziellen Interessen, und man wird wohl das Osterfest auf eine äußere Zeit fixieren, aber es würde schlimm stehen um dasjenige, was die Menschheit sich bewahren soll, wenn man den Sinn eines solchen Festes vergessen würde. Daher wird die Theosophie berufen sein, wenn auch das Osterfest nach äußeren Interessen festgelegt wird, es fortzuzählen als ein bewegliches Fest, das allein fixiert werden kann durch die Konstellation von Sonne, Mond und Gestirnen.
[ 12 ] Neben dem materialistischen Osterfest wird es daher ein spirituelles Osterfest geben, das wir in unseren Herzen weiter feiern, so daß wir uns des Zusammenhangs mit der geistigen Welt bewußt sind. Dieses spirituelle Osterfest wird sein ein Gleichnis für den geistigen Vorgang: Im Frühling schlafen ein die Bewußtseine der höheren geistigen Wesenheiten, es kommen hervor die Bewußtseine niederer Wesenheiten. Im Herbste aber erwachen die hohen göttlichen Kräfte, die in ihrem Bewußtsein verbunden bleiben mit der Erde. — Wenn man das recht fühlt, dann wird man auch nach und nach erkennen, daß der Mensch überhaupt zum Geiste gehört und daß die äußere physische Natur nur ein Gleichnis ist. Und immer mehr wird der Mensch erfahren wollen, wie er zum Geiste, nicht aber, wie er zur äußeren Natur, dem Gleichnis, steht.
[ 13 ] Wir leben im fünften nachatlantischen Zeitraum, und öfter ist darauf aufmerksam gemacht worden, daß dieser Zeitraum eine Wiederholung des dritten, des ägyptischen Zeitraums ist.2siehe u.a.«Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» (1911), GA 15, und «Welt, Erde und Mensch, deren Wesen und Entwickelung sowie ihre Spiegelung in dem Zusammenhang zwischen ägyptischem Mythos und gegenwärtiger Kultur», GA 105. Wir leben so, daß in unserem Denken, Fühlen und Wollen dasjenige wieder herauskommt, was im alten Ägyptertum lebte. Nun sollten im ägyptisch-chaldäischen Zeitraum die Menschen hauptsächlich ihren Zusammenhang mit der Sternenwelt entwickeln. Die Astrologie wurde in diesem Zeitraum gefunden und besonders gepflegt. Da wußten die Menschen unmittelbar hellsichtig, wie die Sternkonstellation zusammenhängt mit dem Leben und Schicksal des Menschen. Man sah tief hinein in die geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen dem Sternenraum und dem menschlichen Schicksal. Es hat außerordentliche, große Geister gegeben in der Neuzeit, in denen das gleichsam weiterwirkte. Sie waren ja auch im ägyptisch-chaldäischen Zeitraum inkarniert, und in den darauffolgenden Inkarnationen leuchtete ihnen wie unmittelbar aus einer inneren Seelenkraft auf ein tiefes, intuitives astrologisches Wissen. So war es bei dem wiedergeborenen Julian Apostata, bei Tycho Brahe.3vgl. dazu die eingehenden Ausführungen Rudolf Steiners in den Vorträgen vom 30. Dezember 1910 in «Okkulte Geschichte», GA 126, und vom 16. September 1924 in «Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Vierter Band», GA 238.
Tycho Brahe, 1546–1601, dänischer Astronom, wirkte in Prag unter Rudolf II.; auf der Basis seiner zahlreichen Beobachtungen konnte sein Schüler Kepler seine berühmten Gesetze aufstellen. Er selbst entwickelte das Tychonische Weltsystem, das eine Art Kompromiß zwischen dem kopernikanischen und dem ptolemäischen Weltsystem darstellt.
Julian Apostata, 331–363, eigentlich Julian Flavius Claudius, römischer Kaiser. Obwohl christlich erzogen, wandte sich Julian den alten Mysterienkulten zu, deshalb wird er auch Julian Apostata (der Abtrünnige) genannt. 31jährig wurde er auf einem Feldzug in Asien ermordet. Er hat viel auf jenen geheimnisvollen Zusammenhang gegeben, wie man das menschliche Schicksal verknüpft denken kann mit dem, was als geheimnisvolle Formen in den Sternkonstellationen sich bildet. Das gilt heute der Wissenschaft als unumstößlich, daß Tycho Brahe ein großer Astronom war, der eine Anzahl neuer Sterne am Himmel entdeckt, eine Sternkarte gezeichnet hat. Da ist es verzeihlich, so sagen die Wissenschafter, daß er auch ein Astrolog war, der aus den Sternen heraus den Leuten allerlei prophezeite. Sie verzeihen es dem Tycho Brahe, daß er durch seine tiefen astrologischen Erkenntnisse den Tod des Sultans Soliman 4Soliman II. (Suleiman), 1495–1566, türkischer Sultan, Belagerer von Wien 1529, starb am 5. September 1566 auf einem Heereszug gegen Ungarn. voraussagte,5Anläßlich einer Mondfinsternis am 28. Oktober 1566 trug Brahe auf der Universität Rostock einige lateinische Verse vor, in denen er den Tod des Sultans voraussagte. Nach einigen Wochen traf tatsächlich die Nachricht vom Tode Solimans ein. Allerdings war er schon am 5. September, also vor der Mondfinsternis verstorben, was einige zum Anlaß nahmen, über Tycho Brahes «Voraussage» zu spotten. Er jedoch verteidigte sich, indem er eingehend auf Solimans Horoskop einging, aus der er die Todeskonstellation gelesen hatte. Siehe «Tycho Brahe. Ein Bild wissenschaftlichen Lebens und Arbeitens im 16. Jahrhundert» von J. L. E. Dreyer (dt. von M. Bruhns, Karlsruhe 1894), II. Kapitel. als er an der Universität Rostock lehrte. Sie verzeihen es ihm, daß er durch eine solche Voraussage die Welt in Erstaunen setzte und sagen: das war nur eine Schwäche dieses sonst großen Mannes, über die man hinwegsehen muß. Und sie verzeihen es ihm sogar, daß der Tod des Sultans genau nach der Prophezeiung wirklich eingetroffen ist! — In Tycho Brahe aber sehen wir die alte ägyptische Weisheit wiederum aufleuchten. Sie muß hineinleuchten in unsere Zeit, die eine Wiederholung der ägyptischen Zeit ist. Heute müssen wir auch den Zusammenhang des Irdischen mit dem Göttlichen aufsuchen. Da müssen wir aber nicht nur in den Himmelsraum hinausschauen, sondern wir müssen studieren die Gleichnisse für die göttlichen Welten, die wir in der physischen Welt finden. Im Kleinsten und im Größten können wir die finden. Wenn wir zum Beispiel studieren, wie an jeder Pflanze die Blattansätze sind, da werden wir finden, wenn wir die Linie verfolgen, wie um den Stengel herum sich Blatt an Blatt ansetzt, daß wir da eine Spirallinie bekommen. Wir sehen, daß die Blätter in Spiralenrhythmisch um den Stengel wachsen da, wo der Stengel steif ist. Bei anderen Pflanzen, zum Beispiel bei der Ackerwinde, da sehen wir den Stengel selber diese Spirallinie beschreiben. Die Menschen beachten solche Dinge nicht. Wenn sie so etwas studieren würden, da würden sie eine neue Entdeckung machen. Sie würden sehen, daß diese Spiralbewegung abhängt von Kräften, die gar nicht auf der Erde sind, die von den Planeten herabwirken. Diese Planeten machen eine spiralige Bewegung im Himmelsraum und wirken so herab, daß sie die Pflanzen veranlassen, dieselbe spiralige Bewegung um ihren Stengel zu machen. Der Stengel wächst aber von unten nach oben. Durch diese Bewegung wird durchschnitten diese Spiralbewegung. Das ist die Kraft, die den Abschluß macht nach oben, die die Blüte zum Ansatz bringt. Diese Kraft geht von der Erde aus zur Sonne und umgekehrt. Eine Pflanzenart ist dem einen, eine andere dem anderen Planeten mit ihrer Bewegung zugeteilt. Es wird eine Zeit kommen, wo man wissen wird, wie sich die Venus oder ein anderer Planet bewegt. Nicht aus einer äußeren astronomischen Berechnung heraus wird man das wissen, sondern man wird studieren die Pflanzen, die Venuswesen sind und die in ihrer Spiralbewegung ein Spiegelbild sind im Kleinen zu der absoluten Venusbewegung. Droben zieht die Venus die große Spirale im kosmischen Raum, und die Pflanzen ahmen sie nach in ihrer Bewegung in ihren kleinen Spiralen. Ihre Schriftzüge prägen in die Erde die Gestirne ein im Pflanzenwachstum, und die Sonne macht den Abschluß. Sie ergießt sich über alles und regiert dasjenige, was die Planeten tun. In dem spiraligen Wachstum der Pflanzen wird man studieren das Zusammenwirken der irdischen Reiche mit den himmlischen Reichen. Das Pflanzenwachstum ist Gleichnis für Tatsachen geistiger Wesen im Weltenraum.
[ 14 ] So wird man für die einzelnen physischen Wesen ihre Zugehörigkeit finden zum Weltenraum. Man wird sie anknüpfen an die Taten im Weltenraum, und so wird man sich nach und nach erobern die Zugehörigkeit von Mineralien, Pflanzen, Tieren und auch des Menschen in seinen Taten und Schicksalen zum Weltenraum. Im Kleinen beginnen wir solche Dinge zu studieren in der Art, wie wir es geisteswissenschaftlich heute hier getan haben. Nur wird man lange brauchen, um in der Wissenschaft diese Wege zu gehen und bis man aus okkulten Quellen heraus diese Dinge in ihrem wahren Zusammenhang studieren wird. Aber geschehen muß es.
[ 15 ] Wenn man im Sinne der heutigen okkulten Entwickelung sich wiederum der Welt gegenüberstellt und alles Äußere als Zeichen und Gleichnis nimmt, wird man in unserem «Seelenkalender» 5Ostern 1912 war der «Anthroposophische Seelenkalender» erstmals erschienen. In der Gestalt, die ihm Imme von Eckardtstein gegeben hart, ist der Kalender nicht wieder aufgelegt worden. Bei der Neuauflage im Jahre 1925 erhielt er durch Rudolf Steiner die seither beibehaltene Form; siehe «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Heft 37/38, 1972. Der Seelenkalender ist enthalten in «Wahrspruchworte», GA 40, und auch als Einzelausgabe erhältlich. einen Leitfaden haben. Aber man darf nicht glauben, daß die Zeichen für die Tierkreisbilder diese selbst bedeuten. Das Zeichen des Widders bedeutet nicht das Sternbild des Widders, sondern daß sich die Sonne oder der Mond in einem bestimmten Verhältnis zu diesem Sternbild befinden und daß da besondere Kräfte wirken. Nicht ein in den Raum Gestelltes bedeuten diese Zeichen, sondern daß Kräfte so oder so wirksam sind. Das, was man Raum nennt, ist eine Phantasterei. Geistige Kräfte wirken von überall her, und wie sie wirken, das drücken diese Zeichen aus. Wenn die Sonne zum Beispiel morgens, wenn sie aufgeht, über dem Sternbild der Fische steht, so ist diese Konstellation der Ausdruck für eine ganz bestimmte Art des Wirkens von geistigen Kräften hinab auf die Erde.
[ 16 ] Das alles können wir fühlen und umsetzen in imaginative Erkenntnis. Was aus unserer Seele heraussprießen kann, wenn wir wirklich das fühlen, was uns aus der geistigen Welt entgegenstrahlt, das haben wir versucht, in dem Kalender, der für dieses Jahr innerhalb der theosophischen Bewegung erschienen ist, zum Ausdruck zu bringen. Andere Zeichen finden wir da als die traditionellen alten Kalenderzeichen, als neuen Ausdruck dessen, was die Seelen in diesem Zeitraum neu zu lernen haben. Sie sind so entstanden, daß verfolgt wurde mit dem Gefühl, nicht mit dem Verstand, das, was wir als den rhythmischen Wechsel auf unserer Erde eben betrachtet haben: das Einschlafen der geistigen Wesenheiten, die mit unserer Erde in Verbindung stehen, im Frühling, ihr Aufwachen im Herbst. Eine Erneuerung dieser Dinge, die in unsere Feste aus uralter hellsichtiger Weisheit hineingegossen sind, ist notwendig. Sie müssen erneuert werden, weil im fünften Zeitraum wiederum aufersteht dasjenige, was Weisheitsgut des dritten Zeitraums war.
[ 17 ] Allerdings muß es Außenstehenden als äußerste Verdrehtheit erscheinen, daß wir das Jahr 1879 an den Anfang unseres Kalenders setzten. Da wollten wir aufmerksam machen darauf, daß es außerordentlich wichtig ist, das Jahr des Mysteriums von Golgatha als Anfang unserer Zeitrechnung zu nehmen, und nicht das Jahr der Geburt des Jesus. An einem Freitag, am 3. April des Jahres 33, drei Uhr am Nachmittag fand das Mysterium von Golgatha statt. Und da fand auch statt die Geburt des Ich in dem Sinne, wie wir es oftmals charakterisiert haben. Und es ist ganz gleichgültig, auf welchem Erdenpunkte der Mensch lebt, oder welchem Religionsbekenntnis er angehört, das, was durch das Mysterium von Golgatha in die Welt kam, gilt für alle Menschen. So wie es für alle Welt gilt, daß Cäsar an einem bestimmten Tage gestorben ist, und nicht für die Chinesen ein anderer und für die Inder wieder ein anderer Tag dafür gilt, ebenso ist es eine einfache Tatsache des okkulten Lebens, daß das Mysterium von Golgatha sich an diesem Tage zugetragen hat und daß man es da zu tun hat mit der Geburt des Ich. Das ist eine Tatsache ganz internationaler Art. Und man muß sich wundern, daß von einer gewissen Seite her behauptet wird, das, was hier getrieben werde, diese unsere rosenkreuzerische Theosophie, die das Mysterium von Golgatha als den Mittelpunkt von allem betrachtet, sei eine Theosophie, die nur auf das Deutschtum zugeschnitten und für die anderen Völker nicht geeignet sei.
[ 18 ] Wo solche Dinge behauptet werden, da hat man allerdings nicht die Neigung, sich mit solchen Dingen, wie wir sie hier treiben, zu beschäftigen. Da versteht man eben einfach nichts vom Christus und vom Mysterium von Golgatha. Da setzt man Entstellungen in die Welt, und leider werden solche Entstellungen auch geglaubt. Es ist aber heilige Pflicht, die Menschen vor Irrtum zu bewahren. Es ist zwar keine angenehme Aufgabe, ihnen solche Wahrheiten zu sagen, aber es muß geschehen. — Da sagt man an anderer Stelle, gleiches Recht gelte für alle, aber man bricht selber das Recht. Nicht darum handelt es sich, daß man diese oder jene Dinge sagt und drucken läßt, sondern darum, daß Wahrheit herrsche unter uns und daß Wahrheit unser heiliges Gesetz sei.
[ 19 ] Wir wollen die Geburt des Ich in unserem Kalender zum Ausdruck bringen. Damit ist aber verbunden, daß wir den Zeitpunkt dieser Geburt als Ausgangspunkt nehmen mußten. Also mußten wir von Ostern bis Ostern zählen, und nicht von Neujahr bis Neujahr. Wenn dadurch vielleicht auch neues Ärgernis gegeben wird und neuer Spott und Hohn hervorgerufen wird, so darf uns das wenig kümmern, denn wir wissen, wollten wir nur immer ein Altes, schon Dagewesenes in gleicher Weise wiederholen, so würde kein neues Leben entstehen. Das Gleiche, immer wiederholt, ist das Tote; das Ungleiche, in das Gleiche eingerückt, ist das Leben. Eine Lebensaufgabe aber ist unser Kalender. Und haben wir ihn Jetzt sehr schlecht gemacht, so werden wir ihn im nächsten Jahre besser machen.
[ 20 ] Wichtig vor allem ist der zweite Teil, der «Seelenkalender». Da suchte ich zusammenzustellen Woche für Woche solche Meditationsformeln, wie sie die Seele innerlich meditativ durchleben kann, und die so wirken in der Seele, daß diese den Zusammenhang finder zwischen ihrem eigenen innerlichen Erleben und dem, was durch göttlichgeistige Wesenheiten im Zeitenlauf dirigiert wird. Wahrhaft zum Erleben dieser Wesenheiten führen diese Meditationen, wenn sie ernst und hingebungsvoll gemacht werden. Lange okkulte Erfahrung und Forschung ist in diese zweiundfünfzig Formeln zusammengedrängt, die die Zeitformeln sein können für ein inneres Seelenerleben, das dadurch angeschlossen sein kann an die Vorgänge des göttlich-geistigen Erlebens. Sie sind etwas Zeitloses, das die Beziehung zwischen dem Spirituellen und dem sinnlich Angeschauten darstellt. Jeder wird nach und nach den Wert dieses «Seelenkalenders» einsehen, der seine Bedeutung behalten wird für alle Jahre, und wird nach und nach den Weg finden aus der menschlichen Seele heraus in den Geist, der das ganze Weltenall durchlebt und durchwebt. Aber es ist nicht so leicht, diese Meditationsformeln ganz in ihrem tiefen Sinn sich zu eigen zu machen. Dazu braucht die Menschenseele Jahre und Jahre. So dokumentiert sich in diesem Kalender nicht ein bloßer Einfall, der plötzlich gekommen ist, sondern eine Tat, die in organischem Zusammenhang steht mit unserer ganzen Bewegung, und nach und nach wird schon erkannt werden, warum in ihm dieses so und jenes anders gemacht ist.
