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Experiences of the Supernatural
The Three Paths of the Soul to Christ
GA 143

16 May 1912, Munich

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Experiences of the Supernatural, tr. SOL
  1. Erfahrungen des Übersinnlichen, 4th ed.

11. Zur Synthese der Weltanschauungen eine vierfache Heroldschaft

11. A Fourfold Mission for the Synthesis of Worldviews

[ 1 ] Geisteswissenschaft muß ein Instrument gegenseitigen Verständnisses werden, wodurch wir sozusagen über die ganze Menschheit hin bis in die Seele hinein uns verstehen lernen. Und dieses Sich-bis-in-die-Seele-hinein-Verstehenlernen, das muß sozusagen als anthroposophische Gesinnung uns durchdringen, muß in uns leben, sonst werden uns auch die okkulten Wahrheiten nicht gut verständlich werden, die durch die Geisteswissenschaft in die Menschheit hineinfließen. In dieser Beziehung kann ja Geisteswissenschaft — weil sie sozusagen der Schlüssel ist zu dem Verständnis des Innersten — Frieden und Harmonie über die Erde hin stiften. Wie kann sie das?

[ 1 ] Spiritual Science must become an instrument of mutual understanding, through which we learn to understand one another, so to speak, across the whole of humanity and right into the soul. And this learning to understand one another right down into the soul must, so to speak, permeate us as an anthroposophical attitude; it must live within us, otherwise even the occult truths that flow into humanity through Spiritual Science will not become clearly understandable to us. In this respect, Spiritual Science—because it is, so to speak, the key to understanding the innermost being—can bring peace and harmony to the earth. How can it do that?

[ 2 ] Wir wollen uns das an einem konkreten Beispiel einmal veranschaulichen. Nehmen wir zum Beispiel das Verhältnis von zwei Menschen, welche über die Erde hin verschiedene Religionsbekenntnisse haben, sagen wir das Christentum und den Buddhismus. Dasselbe, was wir sagen können in bezug auf Christen und Buddhisten, die uns nur klassische Beispiele abgeben, könnten wir natürlich auch sagen für die Weltanschauungsbekenntnisse zweier hier nebeneinander lebender Menschen in Europa; denn, was im Großen gilt, wird durch die GeistErkenntnis auch gelten im Kleinen. Wenn wir den Christen nehmen und den Buddhisten, wie sie in den hergebrachten orthodoxen Bekenntnissen sind, wie stehen sie sich gegenüber? Nun, so, daß der Christ eigentlich glaubt, der Buddhist könne nur selig werden, wenn er das Christentum in der Form annimmt, wie gerade er es hat. Und so sehen wir die Missionstätigkeiten der Christen unter den Buddhisten; sie tragen ihr spezielles Bekenntnis dorthin. Und in ganz entsprechender Weise benimmt sich auch der orthodoxe Buddhist. Nehmen wir an, beide würden Anthroposophen. Wie kann sich der Christ, als anthroposophischer Christ, zum Buddhisten verhalten? — Nun, sagen wir, er hört das, was zu den hauptsächlichsten Dingen des Buddhismus gehört und was im Grunde genommen nur recht verstanden wird von einem, der im Buddhismus selber drinnen lebt. Man hört ja heute auf zwei Wegen etwas über das, was man die Inhalte der verschiedenen Religionsbekenntnisse nennt: Von Leuten, die vergleichende Religionswissenschaft treiben, und von denen, die in geisteswissenschaftlicher Weise den Inhalt der verschiedenen Religionsbekenntnisse kennenlernen. Wenn man diejenigen ins Auge faßt, welche vergleichende Religionswissenschaft treiben, so muß man sagen, es sind außerordentlich fleißige, regsame Leute, die sich bemühen, die gelehrtenhafte Vergleichung der verschiedenen Religionsbekenntnisse zu pflegen. Wenn sie aber diese Religionsbekenntnisse vergleichen, dann stellt sich doch etwas ganz Besonderes heraus; dann ist das, was sie suchen, wenn sie das auch nicht zugeben, eigentlich doch nur die Unwahrheit der verschiedenen Religionsbekenntnisse. Die Leute suchen, was nicht wahr ist, was eben in kindlichen Zeiten von den verschiedenen Religionsbekenntnissen angenommen worden ist; das heißt, sie suchen die Unwahrheit. Derjenige, der als Geisteswissenschafter sich damit beschäftigt, der sucht den Hauptkern in den einzelnen Religionsbekenntnissen, er sucht das, was zwar in einer einzelnen Nuance, aber doch als Wahrnehmungsnuance in diesem oder jenem Religionsbekenntnis enthalten ist. Er sucht also das, was wahr ist in den einzelnen Religionsbekenntnissen, nicht was falsch ist.

[ 2 ] Let us illustrate this with a concrete example. Take, for instance, the relationship between two people who, across the globe, adhere to different religious beliefs—let’s say Christianity and Buddhism. What we can say about Christians and Buddhists—who are merely classic examples—we could of course also say about the worldviews of two people living side by side here in Europe; for what applies on a large scale will, through spiritual insight, also apply on a small scale. If we take the Christian and the Buddhist as they are in their traditional orthodox creeds, how do they relate to one another? Well, in such a way that the Christian actually believes the Buddhist can only attain salvation if he accepts Christianity in the form that the Christian himself holds. And so we see the missionary activities of Christians among Buddhists; they bring their specific creed there. And the orthodox Buddhist behaves in exactly the same way. Let us suppose that both became anthroposophists. How can the Christian, as an anthroposophical Christian, relate to the Buddhist? — Well, let us say he hears what belongs to the most essential aspects of Buddhism and what, strictly speaking, is only properly understood by someone who lives within Buddhism itself. After all, today one learns about what is called the content of the various religious creeds in two ways: from people who engage in comparative religious studies, and from those who come to know the content of the various religious creeds through Spiritual Science. If one considers those who engage in comparative religious studies, one must say that they are extraordinarily diligent, active people who strive to cultivate a scholarly comparison of the various religious creeds. But when they compare these religious creeds, something quite peculiar emerges; what they are actually seeking—even if they do not admit it—is the untruth of the various religious creeds. These people seek what is not true, what was accepted in childhood from the various religious creeds; that is, they seek the untruth. The person who engages in Spiritual Science seeks the core essence within the individual religious creeds; he seeks what is contained in this or that religious creed, albeit in a single nuance, yet as a nuance of perception. He thus seeks what is true in the individual religious creeds, not what is false.

[ 3 ] In dieser Beziehung kann es ja sonderbar gehen. Nicht wahr, kein Mensch, der die Tatsachen kennt, wird etwas anderes als den größten Respekt haben vor dem vielleicht größten religions-vergleichenden Gelehrten oder größten Kenner der Religionswissenschaften Max Müller. Auch er hat nicht viel anderes gegeben als das, was man nennen könnte: die Unwahrheit der orientalischen Bekenntnisse. Aber er hat geglaubt, er gibt damit alles. Und da ist H. P. Blavatsky aufgetreten und hat ganz anders gesprochen. Sie hat so gesprochen, daß man in ihr sah: sie weiß den Hauptkern der orientalischen Bekenntnisse.

[ 3 ] Things can indeed take a strange turn in this regard. Surely no one who knows the facts can help but have the utmost respect for Max Müller, perhaps the greatest scholar of comparative religion or the greatest expert in the study of religions. He, too, offered little more than what one might call the untruth of the Eastern creeds. But he believed he was giving everything with it. And then H. P. Blavatsky appeared and spoke quite differently. She spoke in such a way that one could see in her: she knows the very core of the Eastern creeds.

[ 4 ] Was hat da Max Müller gesagt? Sein Urteil ist etwas grotesk und zeigt, daß ein Gelehrter nicht gerade in der Logik fest beschlagen zu sein braucht. Er hat gemeint, die Leute laufen der Blavatsky nach, die ihnen doch nur eine ganz falsche Darstellung der orientalischen Religionen gäbe, während sie die wahre Darstellung derselben nicht berücksichtige, die zum Beispiel er, Max Müller, gibt. Und er gebrauchte folgenden Vergleich: Ja, wenn die Leute so auf der Straße laufen und ein wirkliches Schwein sehen, das da grunzt, so sind sie nicht besonders verwundert darüber, aber wenn sie einen Menschen sehen, der wie ein Schwein grunzt, so macht das Aufsehen. — Er wollte vergleichen dasjenige, was auf naturgemäße Weise die orientalischen Religionssysteme gibt, nämlich seine Art von Religionsvergleichung, mit dem Schwein, das auf natürliche Weise grunzt — ich mache ja nicht den Vergleich! — und wollte vergleichen das, was die H. P. Blavatsky gegeben hat, mit einem Menschen, der so grunzt, Nun, über das Geschmackvolle des Vergleiches will ich gar nicht sprechen; denn es dünkt mich gar nicht sehr logisch: etwas überrascht wäre ich doch, wenn mir ein Mensch begegnete, der täuschend grunzen könnte. Aber ich würde ja auch nicht, wirklich nicht, den anderen Vergleich der vergleichenden Religionswissenschaft mit dem besagten Tier gebrauchen, und es ist sonderbar, daß Max Müller ihn selber gebraucht hat.

[ 4 ] What did Max Müller say about this? His judgment is somewhat grotesque and shows that a scholar does not necessarily need to be well-versed in logic. He claimed that people follow Blavatsky, who gives them only a completely false representation of the Eastern religions, while disregarding the true representation of them, which he, Max Müller, for example, provides. And he used the following comparison: Yes, when people are walking down the street and see a real pig grunting there, they aren’t particularly surprised by it, but when they see a person grunting like a pig, that causes a stir. — He wanted to compare what the Eastern religious systems naturally present—namely, his own approach to comparing religions—with the pig that grunts naturally—I’m not the one making the comparison! — and wanted to compare what H. P. Blavatsky presented with a person who grunts like that. Well, I won’t even speak to the tastefulness of the comparison; for it doesn’t strike me as very logical at all: I would be somewhat surprised, after all, if I encountered a person who could grunt deceptively. But I certainly wouldn’t, really wouldn’t, use the other comparison from comparative religious studies with the aforementioned animal, and it is strange that Max Müller himself used it.

[ 5 ] Geisteswissenschaft macht uns bekannt mit dem Wahrheitskern der verschiedenen Religionen. Nehmen wir einen springenden Punkt im Buddhismus: Der Buddhist weiß, wenn er den Grundnerv seines Bekenntnisses verstanden hat, daß es Bodhisattvas gibt, und er weiß, daß diese Bodhisattvas, einmal als eine Individualität beginnend, eine raschere Entwickelung als die anderen Menschenindividualitäten durchmachen und dann aufsteigen zum Buddha. Buddha ist ein genereller Name für alle diejenigen, die in einer menschlichen, fleischlichen Inkarnation vom Bodhisattva zum Buddha aufsteigen. Und einer von denen, die mit dem Namen Buddha besonders ausgezeichnet werden, ist eben der Sohn des Shuddhodana: Gautama Buddha. Und von ihm muß man anerkennen, wie von jedem Buddha, daß, wenn er im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens die Buddha-Würde erreicht, daß dann diejenige Inkarnation, in welcher dies geschieht, als letzte Inkarnation verläuft, daß er dann nicht wieder herunterzusteigen braucht zu einer fleischlichen Erdeninkarnation. Das sieht der Buddhist als eine Wahrheit an. Als eine Kinderei würde es der vergleichende Religionsforscher anschauen. Der Anthroposoph aber, der sich bekanntmacht mit den Geheimnissen der Religionen auf allen Gebieten, der tritt dem Buddha nicht so entgegen, sondern er weiß, daß eine solche Sache eine Wahrheit ist. Und so wie nur irgendein gläubiger Buddhist steht der Anthroposoph dem Buddhismus gegenüber und sagt: Ja, ich weiß, daß es so etwas gibt wie Bodhisattvas, die zum Buddha aufsteigen, der sich nicht wieder zu verkörpern braucht. Das ist einer der Sätze deiner Religionsgemeinschaft, ich erkenne ihn an, so wie du selber, und indem ich das anerkannt habe, kann ich verehrend zu deinem Buddha aufblicken wie du selber. — Das heißt, der anthroposophische Christ beginnt voll zu verstehen dasjenige, was der Buddhist sagt, und er hat mit ihm dieselben Empfindungen und Gefühle, er teilt sie mit ihm, und sie verstehen sich von der einen Seite zunächst.

[ 5 ] Spiritual Science introduces us to the core truth of the various religions. Let us take a key point in Buddhism: Once a Buddhist has grasped the fundamental essence of his faith, he knows that Bodhisattvas exist, and he knows that these Bodhisattvas, having begun as individual beings, undergo a more rapid development than other human individuals and then ascend to become Buddhas. Buddha is a general name for all those who, in a human, physical incarnation, ascend from Bodhisattva to Buddha. And one of those who is particularly distinguished by the name Buddha is precisely the son of Shuddhodana: Gautama Buddha. And of him, as of every Buddha, one must acknowledge that when he attains Buddhahood at the age of twenty-nine, the incarnation in which this occurs is his final incarnation, and that he need not descend again into a physical earthly incarnation. The Buddhist regards this as a truth. The comparative religionist would regard it as child’s play. The anthroposophist, however, who familiarizes himself with the mysteries of religions in all fields, does not approach the Buddha in this way, but knows that such a thing is a truth. And just as any devout Buddhist does, the anthroposophist approaches Buddhism and says: Yes, I know that there is such a thing as Bodhisattvas who ascend to the Buddha, who need not incarnate again. That is one of the tenets of your religious community; I acknowledge it, just as you do, and by acknowledging it, I can look up to your Buddha with reverence, just as you do. — That is to say, the anthroposophical Christian begins to fully understand what the Buddhist says, and he shares the same sentiments and feelings with him; he shares them with him, and from one perspective, they understand one another right from the start.

[ 6 ] Nehmen wir den anderen Fall, daß der Buddhist nun auch Anthroposoph geworden sei und erkennen lernt das, was wiederum der Christ, der sich hinausgehoben hat über das Engbegrenzte des konfessionellen orthodoxen Standpunktes, über das Christentum weiß. Nehmen wir gleich an, es hört dieser anthroposophische Buddhist dasjenige, was ein solcher Christ zu sagen weiß über den Christus-Impuls selber. Er hört, daß innerhalb des Christentums, innerhalb der christlichen Esoterik erkannt wurde, daß einmal im Verlaufe der Erdenentwickelung an den Menschen in seiner Entwickelung dasjenige herangetreten ist, was man Luzifer nennt; er hört dann, daß dadurch dieses Menschenwesen tiefer heruntergestiegen ist, als es der Fallgewesen wäre, wenn kein luziferischer Einfluß stattgefunden hätte; und er hört dann, daß es also eigentlich etwas ist, wo wir hinaufschauen wie in eine Angelegenheit der Götter, wenn wir das Aufbäumen, die Empörung des Luzifer gegenüber den fortschreitenden Göttergewalten ins Auge fassen. Also in eine Angelegenheit der Götter schauen wir hinein. Und dann hören wir von dem Christen, der sein Christentum wirklich versteht, daß der Ausgleich für diese Angelegenheit der Götter, die sich abgespielt hat zwischen den fortschreitenden Göttern und Luzifer, dasjenige werden mußte, was wir das Mysterium von Golgatha nennen. Und warum?

[ 6 ] Let us consider the other case, in which the Buddhist has now also become an anthroposophist and comes to recognize what the Christian—who has risen above the narrow confines of the orthodox denominational viewpoint—knows about Christianity. Let us assume that this anthroposophical Buddhist hears what such a Christian has to say about the Christ impulse itself. He hears that within Christianity, within Christian esotericism, it has been recognized that at one point in the course of Earth’s evolution, what is called Lucifer approached humanity in its development; he then hears that as a result, this human being descended deeper than would have been the case had no Luciferic influence taken place; and he then hears that it is actually something where we look up as if into a matter of the gods when we consider the rebellion, the revolt of Lucifer against the advancing powers of the gods. So we are looking into a matter of the gods. And then we hear from the Christian who truly understands his Christianity that the resolution to this matter of the gods, which took place between the advancing gods and Lucifer, had to become what we call the Mystery of Golgotha. And why?

[ 7 ] Ja nun, in seiner gegenwärtigen Form ist der Tod und alles, was mit dem Tod verbunden ist, wirklich durch den luziferischen Einfluß gekommen. Der Tod aber ist etwas, was nur in der physischen Welt zu finden ist. Tod gibt es nicht in einer übersinnlichen Welt, insofern übersinnliche Welten dem Menschen erreichbar sind mit seinem hellseherischen Bewußtsein. Nicht einmal die Gruppenseelen der Tiere sterben; sie verwandeln sich nur. Metamorphose gibt es, aber nicht das, was man Tod nennt. Das Zerfallen, das Auseinanderfallen eines Teiles einer bestimmten Wesenheit, Tod, gibt es nur in der physischen Welt. Nun mußte als Ausgleich gewählt werden — das kann nur angedeutet werden — von überirdischen Wesen das Erleiden des Todes, um mit den Menschen eine gemeinsame Angelegenheit zu haben, etwas, das ein Ausgleich sein konnte für die luziferische Empörung. Um Luzifer zu besiegen, mußte das Göttliche durch den Tod gehen; dazu mußte es auf die Erde heruntersteigen.

[ 7 ] Well, in its present form, death and everything associated with it has indeed come about through the Luciferic influence. Death, however, is something that can only be found in the physical world. Death does not exist in a supersensible world, insofar as supersensible worlds are accessible to human beings through their clairvoyant consciousness. Not even the group souls of animals die; they merely transform. Metamorphosis exists, but not what is called death. The disintegration, the falling apart of a part of a particular being—death—exists only in the physical world. Now, as a form of compensation—this can only be hinted at—supernatural beings had to choose to undergo death in order to have a common cause with human beings, something that could serve as a counterbalance to the Luciferic rebellion. To defeat Lucifer, the Divine had to pass through death; to do so, it had to descend to Earth.

[ 8 ] Es ist also das, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist, eine Götterangelegenheit, durch die ein Ausgleich geschaffen worden ist für die Luziferangelegenheit. Es ist die einzige Götterangelegenhett, die sich vor den Augen der Menschen abgespielt hat. Dieser einmalige Impuls, der nicht anders vorgestellt werden darf als das Durchgehen des Göttlichen durch den Tod auf dem physischen Plan und das Ausströmen des Christus-Impulses in die geistige Atmosphäre der Erde von da ab. Das betrachtet nun derjenige, der das Christentum kennt, als das Urwesentliche dieses Christentums. Dadurch unterscheidet sich das Christentum, in tieferem Sinne gefaßt, von allen anderen Religionen, daß die anderen Religionen die Hauptsache an ihrem Ursprunge sehen in irgendeinem Religionsstifter, in einer Persönlichkeit; daß aber das Christentum das Wesentliche nicht in der Person des Jesus von Nazareth sieht, sondern in diesem persönlichen Stifter nur den Träger des ChristusImpulses sieht, daß das Christentum das Wesentliche in einer Tatsache also sieht. Das ist mit aller nur möglichen Intensität zu fassen: in einer Tatsache, die sich als solche einmal vollziehen mußte in der Erdenentwickelung: in dem Durchgehen des Göttlichen durch den Tod. Das ist es, was die besondere Wahrheitsnuance des Christentums ist: daß nicht eine Individualität, sondern eine Tatsache, ein Geschehnis, ein Erlebnis an den Ausgangspunkt gestellt wird. Daher kommt es natürlich durchaus nicht darauf an, wenn man uns etwa sagt: Ja, schaut hin, der Jesus von Nazareth hat allerlei Leidenschaften, allerlei Eigenschaften noch, welche nicht mehr haben darf ein, sagen wir nach orientalischen Anschauungen irgendwie vorgerückter Mensch. Darauf kommt es gar nicht an. Der versteht gar nichts vom Christentum, der sich dadurch beirren läßt; denn es kommt dem Christentum gar nicht auf den Jesus von Nazareth an, sondern auf das Geschehnis von Golgatha, auf jene Tatsache. Lassen Sie ruhig andere Religionsstifter persönliche Eigenschaften haben, die anderen Völkern besser gefallen als diejenigen des Jesus von Nazareth! Aber diejenigen, die als Buddhisten Anthroposophen werden, die sehen ein, daß es im Christentum auf das Ereignis von Golgatha ankommt, und sie werden dem Christen zurückgeben, was er ihnen gegeben hat. Sie werden sagen: Geradeso wie du selbst zugibst, daß es Bodhisattvas gibt, die als Individualitäten sich entwickeln, zum Buddha aufsteigen und sich dann nicht wieder zu verkörpern brauchen, so geben wir zu, daß einmal in der Entwickelung der Menschen ein solches Durchgehen des Göttlichen durch den Tod geschehen ist. Du gibst uns die Wahrheitsnuance in unserer Religion zu, und wir dir die Wahrheitsnuance in deiner Religion. — So verstehen sich beide. Nicht verstehen würden sie sich zum Beispiel und Unfrieden würde gestiftet werden, wenn Christen kämen, die vermeinten, Anthroposophen geworden zu sein und sagen würden: Das glaube ich dir nicht, daß ein Buddha nicht mehr im fleischlichen Leib erscheinen kann, sondern ich nehme an, daß in einer bestimmten Zeit der Buddha wieder in einem fleischlichen Leibe erscheint. — Das wäre eine Unmöglichkeit gegenüber dem, der den Buddhismus in seinem Kern erkennt. Unmöglich wäre es, dem Buddhisten zuzumuten, zu glauben, daß sein Buddha wiederum im Fleisch erscheinen könnte. Der Buddhist würde sagen: Da verstehst du den Buddhismus nicht. — Und es ist ganz selbstverständlich und sollte gar keine Diskussion darüber sein, daß ebenso, wie der nicht den Buddhismus kennt, welcher behauptet, ein Buddha würde wieder im Fleische kommen, derjenige nicht vom Christentum spricht, der behauptet, ein Christus könne im Fleische wiederkommen, der also nicht einsieht, daß es sich hier um ein einmaliges Leben einer göttlichen Wesenheit auf der Erde handelt, eben zum Behufe durch den Tod zu gehen auf dem physischen Plan, und nicht um irgend etwas anderes. So handelt es sich um ein gegenseitiges Verstehen über die ganze Erde hin, um ein sich wirklich Begreifen und dadurch Frieden stiften. Unfrieden würde man stiften, wenn man behaupten würde dem Buddhisten gegenüber, der Buddha erschiene wieder im Fleische; und Unfrieden würde man stiften, wenn man behaupten würde, der Christus könne wieder im Fleische kommen. Solche Dinge würden sich tief rächen müssen, denn sie sind Unmöglichkeiten gegenüber dem, was wirklich lebt in der Menschheitsentwickelung. Grotesk wäre es, wenn irgend jemand gar behaupten wollte, daß der Christus wiederkommen müßte und die Menschen ihn jetzt besser verstehen müßten als damals und sich jetzt besser vorbereiten müßten auf ihn und ihn nicht töten müßten: ein solcher würde nicht wissen, daß es gerade auf die Tötung angekommen ist und daß es ohne sie gar kein Christentum geben würde! Der gute Wille zum Verständnis führt wirklich zum gegenseitigen Verstehen, und wir sehen, wie Geisteswissenschaft ein Instrument sein kann, um in den einzelnen Religionsbekenntnissen überall den Hauptkern zu suchen. Wenn man nur will, findet man ihn. Daher ist sie die Friedensbotschaft über die Welt hin. Geisteswissenschaft wird zu dem materiellen Kulturleib, der heute in industrieller und kaufmännischer Beziehung über die ganze Erde hin vorhanden ist, eine Kulturseele über die ganze Erde hin zu schaffen haben. Gerade dadurch, daß wir das Mannigfaltige erkennen, was der Menschheit gegeben worden ist in den verschiedenen Religionsbekenntnissen, und dann wiederum darauf beziehen dasjenige, was als Wahrheitskern gerade durch Geisteswissenschaft uns erscheint, gerade dadurch erlangen wir eine Art Synthese, einen Zusammenschluß der verschiedenen Weltanschauungen in unserer Zeit. In bezug auf einen Punkt sei dies hervorgehoben.

[ 8 ] It is, therefore, what took place through the Mystery of Golgotha—a divine event through which a balance was established to counteract the Luciferic event. It is the only divine event that has taken place before the eyes of humanity. This unique impulse, which can be conceived of only as the Divine passing through death on the physical plane and the outpouring of the Christ impulse into the spiritual atmosphere of the Earth from that point onward. This is what those who know Christianity regard as the very essence of Christianity. In a deeper sense, Christianity differs from all other religions in that the other religions see the main point of their origin in some religious founder, in a personality; whereas Christianity does not see the essential in the person of Jesus of Nazareth, but sees in this personal founder only the bearer of the Christ impulse; that Christianity thus sees the essential in a fact. This must be grasped with all possible intensity: in a fact that, as such, had to take place once in the development of the Earth: in the passing of the Divine through death. This is the distinctive nuance of truth in Christianity: that it is not an individuality, but a fact, an event, an experience that is placed at the starting point. Therefore, it naturally does not matter at all if someone were to say to us: “Yes, look, Jesus of Nazareth still has all sorts of passions, all sorts of characteristics that a person who is, let us say, somewhat advanced according to Eastern views, is no longer allowed to have.” That is not what matters at all. Anyone who allows themselves to be misled by this understands nothing of Christianity; for Christianity is not concerned at all with Jesus of Nazareth, but with the event of Golgotha, with that fact. Let other founders of religions have personal qualities that appeal more to other peoples than those of Jesus of Nazareth! But those who, as Buddhists, become anthroposophists, realize that what matters in Christianity is the event of Golgotha, and they will give back to the Christian what he has given them. They will say: Just as you yourself admit that there are Bodhisattvas who develop as individualities, ascend to Buddhahood, and then no longer need to reincarnate, so we admit that once in the course of human evolution such a passing of the Divine through death took place. You acknowledge the nuance of truth in our religion, and we acknowledge the nuance of truth in yours. — Thus both understand one another. They would not understand one another, for example, and discord would be sown if Christians were to come who thought they had become anthroposophists and were to say: I do not believe you that a Buddha can no longer appear in a physical body, but I assume that at a certain time the Buddha will appear again in a physical body. — That would be an impossibility for one who understands the essence of Buddhism. It would be impossible to expect a Buddhist to believe that his Buddha could appear again in the flesh. The Buddhist would say: You do not understand Buddhism. — And it is quite self-evident and should not even be a matter of discussion that just as one who claims a Buddha would return in the flesh does not know Buddhism, so too one who claims a Christ could return in the flesh is not speaking of Christianity—that is, one who does not realize that this concerns the single life of a divine being on Earth, specifically for the purpose of passing through death on the physical plane, and not for anything else. Thus, it is a matter of mutual understanding across the entire Earth, of truly comprehending one another and thereby fostering peace. One would cause discord if one were to claim to a Buddhist that the Buddha would appear again in the flesh; and one would cause discord if one were to claim that the Christ could come again in the flesh. Such things would have to be deeply avenged, for they are impossibilities in the face of what truly lives in the development of humanity. It would be grotesque if anyone were to claim that Christ must return and that people must now understand him better than they did then, and must now prepare themselves better for him and must not kill him: such a person would not know that it was precisely the killing that mattered and that without it there would be no Christianity at all! The good will to understand truly leads to mutual understanding, and we see how Spiritual Science can be an instrument for seeking the central core in every religious creed. If one is willing, one will find it. That is why it is the message of peace throughout the world. Spiritual Science will have to create a cultural soul across the entire earth for the material cultural body that exists today in industrial and commercial terms across the whole earth. Precisely by recognizing the diversity of what has been given to humanity in the various religious denominations, and then relating this to what appears to us as the core of truth through Spiritual Science, we achieve a kind of synthesis, a unification of the various worldviews of our time. One point in particular should be emphasized.

[ 9 ] Es ist niemals das Bestreben gewesen, innerhalb der anthroposophisch orientierten Bewegung, die wir hier treiben, sozusagen die Verschiedenheiten der Religionsbekenntnisse darzustellen in der Art, daß man dem einen Religionsbekenntnis Vorzüge und dem anderen Nachteile zuschreibt, sondern man charakterisiert. Wie oft ist gesagt worden: Die spirituelle Höhe, die da war unmittelbar nach der atlantischen Katastrophe in der Kultur der altindischen Rishis, ist überhaupt heute noch nicht erreicht worden. Sie ist also auch nicht vom Christentum, wie es heute besteht, erreicht worden. Wir geben nicht Vorzüge und Nachteile an, sondern stellen die einzelnen Religionen in ihrer Wesenheit dar. So stellen wir auch nur dar, wenn wir aufmerksam machen auf andere Unterschiede. Wenn wir die mehr orientalische Denkweise verfolgen, namentlich diejenige, welche die meisten Bekenner hat, die buddhistische, so werden Sie eines sehen: Es ist dort das Hauptinteresse der Leute in Anspruch genommen durch das, was man den Durchgang durch die verschiedenen Inkarnationen nennt. Man redet dort von einem Bodhisattva; aber ein Bodhisattva ist nicht ein solcher, der vom Geburtsjahr bis zum Todesjahr nur lebt, sondern einer, der immer und immer wiederkommt und dann zum Buddha wird; und man spricht von Bodhisattvas, als wenn sie in verschiedener Zahl innerhalb der Menschheitsentwickelung aufträten. Man generalisiert mehr, man faßt mehr die Individualitäten, die bleiben. Wie machte man es aber bisher in der abendländischen Anschauung? Das gerade Gegenteil war der Fall. Wenn die Menschen von Sokrates, Plato, Raffael, Michelangelo sprachen, so gaben sie Persönlichkeiten an, und da stellt die abendländische Anschauung die in sich begrenzten Wesenheiten als das Wesenhafte hin. Das hatte sein Gutes, weil dadurch eine besondere Erziehung geleistet worden ist, um herauszuziselieren, herauszuarbeiten die einzelnen menschlichen Persönlichkeiten. Das war im wesentlichen gerade der Fall bei denjenigen Anschauungen, die zum Beispiel auch H. P. Blavatsky nicht verstanden hat: bei der althebräischen und der neutestamentlichen Anschauung.

[ 9 ] It has never been the intention within the anthroposophically oriented movement we are engaged in here to present, so to speak, the differences between religious creeds in such a way as to attribute advantages to one creed and disadvantages to another, but rather to characterize them. How often has it been said: The spiritual height that existed immediately after the Atlantean catastrophe in the culture of the ancient Indian rishis has not yet been attained today. Nor has it been attained by Christianity as it exists today. We do not point out advantages and disadvantages, but rather present the individual religions in their essence. Thus, we merely present them when we draw attention to other differences. If we follow the more Eastern way of thinking, namely the one with the most adherents, the Buddhist one, you will see one thing: there, people’s main interest is captured by what is called the passage through the various incarnations. There, one speaks of a Bodhisattva; but a Bodhisattva is not one who lives only from the year of birth to the year of death, but one who returns again and again and then becomes a Buddha; and one speaks of Bodhisattvas as if they appeared in varying numbers within the course of human development. One generalizes more, one grasps more the individualities that remain. But how has this been done so far in the Western view? The exact opposite was the case. When people spoke of Socrates, Plato, Raphael, Michelangelo, they referred to personalities, and there the Western view presents the limited beings as the essential. This had its merits, because it served to provide a special education aimed at chiseling out and bringing to light the individual human personalities. This was essentially the case with those worldviews that, for example, H. P. Blavatsky did not understand: the ancient Hebrew and New Testament worldviews.

[ 10 ] Man richtete den Blick zum Beispiel auf Elias. Die okkulten Forschungen über ihn haben etwas Überraschendes. Ich brauche nur zu sagen, daß uns das Einzigartige auffällt; wodurch er wie ein Vorbote dessen ist, was durch den Christus-Impuls hatte geschehen sollen. Noch faßt er die Sache so auf, daß das göttliche Wesen im Volks-Ich zum Ausdruck kommt; aber schon macht er darauf aufmerksam, daß das würdigste Erkennungsmittel im Ich selber liegt. Insofern ist Elias wie eine Art Herold des Christentums aufzufassen, und keiner der anderen Propheten scheint mir in solcher Weise ein Herold zu sein wie Elias. Noch ist die Jehova-Nuance in seinen Worten; aber schon finden wir bei ihm den Jehova so weit zum menschlichen Ich herabgerückt als nur möglich. Dann richten wir den Blick auf eine andere Gestalt, wiederum als Einzelpersönlichkeit, auf Johannes den Täufer. Wir finden, wie er dem Christus-Impuls vorausgeht, wie Johannes der Täufer sich wirklich als derjenige darstellt, der in Worten den Christus-Impuls charakterisiert. Er sagt: Ändert den Sinn, blickt nicht mehr nach den Zeiten des alten Hellsehens, sondern sucht im eigenen Menscheninnern die Reiche des Himmels! — Das, was der Christus-Impuls in Realität ist: der Täufer Johannes charakterisiert es. Er ist ein Herold des Christentums in einer ganz wunderbaren Weise. Wie eine Art Fortbildung, innerer spiritueller Fortbildung erscheint uns das, was im Herzen Johannes des Täufers lebt, gegenüber dem, was in Elias lebte.

[ 10 ] For example, attention was turned to Elijah. The occult research on him reveals something surprising. I need only say that what strikes us is his uniqueness; through which he is like a harbinger of what was to have come about through the Christ impulse. He still conceives of the matter in such a way that the divine being finds expression in the collective ego; but he already draws attention to the fact that the most worthy means of recognition lies within the ego itself. In this respect, Elijah is to be understood as a kind of herald of Christianity, and none of the other prophets seems to me to be a herald in such a way as Elijah. The Jehovah nuance is still present in his words; but already we find in him the Jehovah brought down as close to the human ego as is possible. Then we turn our gaze to another figure, again as an individual personality, to John the Baptist. We see how he precedes the Christ impulse, how John the Baptist truly presents himself as the one who characterizes the Christ impulse in words. He says: Change your mindset, look no longer to the times of ancient clairvoyance, but seek the realms of heaven within your own inner being! — What the Christ impulse actually is: John the Baptist characterizes it. He is a herald of Christianity in a truly wonderful way. What lives in the heart of John the Baptist appears to us as a kind of further development, an inner spiritual development, in contrast to what lived in Elijah.

[ 11 ] Wir wenden dann den Blick zu Raffael und schauen ihn an als scheinbar eine ganz andere Gestalt wie Johannes den Täufer; aber indem wir den Raffael anschauen — ja, wir brauchen uns nur ein wenig so recht menschlich in ihn zu vertiefen, und wir finden in ihm einen Herold des Christentums.

[ 11 ] We then turn our gaze to Raphael and see him as seemingly a very different figure from John the Baptist; but as we look at Raphael—indeed, we need only delve into him a little more deeply, in a truly human way—we find in him a herald of Christianity.

[ 12 ] Nehmen wir einmal das Folgende. Wir schlagen eine Stelle der Apostelgeschichte auf, die Stelle, wo da steht: «Und Paulus kam nach Athen und es versammelten sich die Athener um ihn herum, und Paulus trat vor sie hin und sagte: Ihr Frauen und Männer Athens, ihr habt bisher verehrt in allerlei Zeichen eure Götter; doch die Gottheit lebt nicht in äußeren Zeichen in Wirklichkeit. Ihr habt allerdings auch einen Altar, darauf steht: Dem unbekannten Gott! Ich aber sage euch, jener unbekannte Gott ist derjenige, der allerdings nicht durch äußere Zeichen angedeutet werden kann in seiner wahren Gestalt, der aber allem Lebendigen, allem Seienden zugrunde liegt. Er ist der, der da gelebt hat auf Erden und auferstanden ist, derjenige, der durch die Auferstehung den Menschen selber zur Auferstehung führen wird.» Und weiter erzählt die Apostelgeschichte — und wir sehen förmlich Paulus vor den Athenern stehen — wie einige Athener glaubten und andere nicht. Unter den ersteren war Dionysios, der Areopagite. Dann schauen wir uns das Bild an, das in der Camera della Signatura in Rom hängt und von Raffael gemalt ist, und das man «Die Schule von Athen» nennt. Nehmen wir nun an — wie es dazumal ganz natürlich war —,

[ 12 ] Let us consider the following. We turn to a passage in the Acts of the Apostles, the passage where it says: “And Paul came to Athens, and the Athenians gathered around him, and Paul stood before them and said: ‘Women and men of Athens, you have been worshiping your gods through all kinds of symbols; yet the true God does not dwell in external symbols. You also have an altar inscribed: “To the unknown God!” But I tell you, that unknown God is the one who cannot be represented by external symbols in his true form, yet who is the foundation of all that lives and all that exists. He is the one who lived on earth and was raised from the dead, the one who, through the resurrection, will lead humanity itself to resurrection.” And the Acts of the Apostles continues—and we can almost see Paul standing before the Athenians—describing how some Athenians believed and others did not. Among the former was Dionysius the Areopagite. Then let us look at the painting that hangs in the Camera della Signatura in Rome, painted by Raphael, and which is called “The School of Athens.” Let us now assume—as was quite natural at the time—

[ 13 ] Raffael habe vor sich gehabt die Stelle der Apostelgeschichte, von der eben die Rede war. Sie ist in ihm lebendig geworden. Und jetzt schauen wir die verschiedenen Athener an, denen er die Gesichter gegeben, und bis auf die Handbewegung sehen wir heraustreten — unter die Athener treten — eine Gestalt, die wir wiedererkennen, wenn wir nur den Paulus der Apostelgeschichte ins Auge fassen.

[ 13 ] Raphael had before him the passage from the Acts of the Apostles that we have just been discussing. It came to life in his work. And now let us look at the various Athenians to whom he gave faces, and—aside from the hand gesture—we see a figure stepping forward, joining the Athenians, a figure we recognize the moment we look into the eyes of Paul in the Acts of the Apostles.

[ 14 ] Und so könnten wir die verschiedensten Dinge bei Raffael durchgehen. Wenn wir den Blick richten auf seine verschiedenen Madonnen, müssen wir uns allerdings fragen: Ist nicht eines sonderbar bei Raffael, er ist groß, wenn er die Szenen malt, die das Werdende, das Wachsende in der Entstehung des Christentums zeigen, den kleinen Jesus wie etwas, was wie im Keim das ganze werdende Christentum enthält. Wir finden aber keinen Verrat des Judas von Raffael gemalt, eigentlich auch keine Kreuztragung, denn seine Kreuztragung erscheint uns wie zusammengetragen, gar nicht gleich den anderen Raffael-Werken. Wir finden dafür die Verkündigung, die Himmelfahrt, also die Dinge, die gerade auf das Werdende des Christentums hindeuten.

[ 14 ] And so we could go through all sorts of things in Raphael’s work. When we turn our attention to his various Madonnas, however, we must ask ourselves: Isn’t there something peculiar about Raphael? He is great when he paints scenes that depict the emerging, the growing, in the origins of Christianity—the infant Jesus as something that, like a seed, contains the whole of Christianity yet to come. Yet we find no depiction of Judas’ betrayal in Raphael’s work, nor, in fact, any depiction of the Carrying of the Cross, for his Carrying of the Cross appears to us as if pieced together, quite unlike his other works. Instead, we find the Annunciation and the Ascension—that is, the events that point directly to the emergence of Christianity.

[ 15 ] Und wie sprachen diese Dinge zu den Menschen? Ja, sie sprachen höchst eigentümlich. Sie wissen, daß sich in Dresden eines der herrlichsten Werke Raffaels befindet: die Sixtinische Madonna. Die Menschen, die kurz denken, denken vielleicht, das sei ein Bildwerk, das wie ein Sieger eingezogen sei in Deutschland. Auf Goethe machte es gar keinen Eindruck, weil er gehört hatte, wie man allgemein dachte über dieses Werk. Goethe war als junger Mann auch noch nicht so sicher im Urteil wie im Alter und war noch zugänglich dem, was die Leute sagten. Was erzählten ihm die Museumsbeamten in Dresden? Nun, daß das Kind in seinem ganzen Ausdruck eben gemein sei, daß die Madonna von einem Stümper übermalt sei, daß die kleinen Putten unten von irgendeinem Handlanger dazugemalt seien. Das war noch die Stimmung der Sixtinischen Madonna gegenüber, als Goethe als junger Mensch nach Dresden kam. Aber sehen wir, wie es jetzt ist. Fassen wir ins Auge, was Raffael eigentlich den Menschen geworden ist! Raffael wirkte ja in Rom in einer Zeit, in der über religiöse Dogmen viel gestritten wurde. Die Art, in der Raffael die christlichen Geheimnisse malt, ist interkonfessionell. Wenn wir die späteren großen italienischen Maler nehmen, da sehen wir die religiösen Geheimnisse so gemalt, daß wir erkennen: das ist das Christentum der lateinischen Rasse. Raffael malt so, daß wir es mit über den Völkern stehenden allgemeinen Wiedergaben christlicher Geheimnisse zu tun haben. Darum sehen wir, wie in kurzer Zeit die Sixtinische Madonna selbst in protestantischen Gegenden sich in die Seelen einlebt. Und wenn Anthroposophie wirken soll für das Verständnis der christlichen Mysterien, wird sie in denjenigen Seelen am besten Eingang finden, in denen die Empfindungen leben, welche gewonnen sind an Bildern wie die Sixtinische Madonna, in denjenigen Seelen, die auf diese Weise vorbereitet sind. Und wenn wir heute davon sprechen, daß das Christentum erst im Anfang seiner Entwickelung ist, daß es erst durch den spirituellen Schlüssel, den die Anthroposophie zu geben vermag, seine wahre Gestalt erhalten wird, dann wissen wir, daß diesem Christentum gegenüber wie ein Herold dasteht Raffael.

[ 15 ] And how did these things speak to people? Indeed, they spoke in a most peculiar way. You know that one of Raphael’s most magnificent works is located in Dresden: the Sistine Madonna. People who think superficially might suppose that this is a painting that entered Germany like a victor. It made no impression whatsoever on Goethe, because he had heard what people generally thought of this work. As a young man, Goethe was not yet as sure in his judgment as he would be in old age, and he was still susceptible to what people said. What did the museum officials in Dresden tell him? Well, that the child’s entire expression was simply vulgar, that the Madonna had been overpainted by a bungler, that the little cherubs at the bottom had been added by some hired hand. That was still the prevailing sentiment toward the Sistine Madonna when Goethe came to Dresden as a young man. But let us see how things stand now. Let us take in what Raphael has actually come to mean to people! Raphael was active in Rome at a time when religious dogmas were the subject of much controversy. The way Raphael paints the Christian mysteries is interdenominational. If we look at the later great Italian painters, we see the religious mysteries painted in such a way that we recognize: this is the Christianity of the Latin race. Raphael paints in such a way that we are dealing with universal representations of Christian mysteries that transcend national boundaries. That is why we see how, in a short time, the Sistine Madonna has found a place in people’s hearts even in Protestant regions. And if anthroposophy is to work toward an understanding of the Christian mysteries, it will find its best reception in those souls in which the feelings live that have been kindled by images such as the Sistine Madonna, in those souls that are prepared in this way. And when we speak today of the fact that Christianity is only at the beginning of its development, that it will only take on its true form through the spiritual key that anthroposophy is able to provide, then we know that Raphael stands before this Christianity like a herald.

[ 16 ] Und wiederum wenden wir den Blick noch nach einer anderen Gestalt, indem wir durchaus nur das zu Hilfe nehmen, was abendländische Anschauungsweise ist: wir wenden den Blick zu der Gestalt des deutschen Dichters Novalis. Schlagen wir Novalis auf — überall finden wir Ansätze zu der reinsten anthroposophischen Lehre bis in Einzelheiten hinein, man braucht sie nur sozusagen aufzudröseln. So sieht man, wie Novalis durchdrungen ist von einem anthroposophischen Christentum.

[ 16 ] And once again we turn our attention to yet another figure, relying solely on the Western perspective: we turn our attention to the figure of the German poet Novalis. If we open Novalis’s works—everywhere we find hints of the purest anthroposophical teaching, right down to the details; one need only, so to speak, unravel them. Thus we see how Novalis is imbued with an anthroposophical Christianity.

[ 17 ] So haben wir vier Gestalten als Persönlichkeiten gebracht. Das war abendländische Anschauung. Nun kommt die geisteswissenschaftliche Vertiefung. Durch diese werden die Menschen schon erfahren, warum zum Beispiel Raffael jene magnetische Anziehungskraft verspürt, in die Erde herein inkarniert zu werden just an einem Karfreitage, um durch die Geburt am Karfreitag äußerlich anzudeuten, daß er etwas zu tun hat mit dem Ostergeheimnis. Diese Dinge können heute nur angedeutet werden; wenige Jahrzehnte werden vergehen, dann werden die Leute die Dinge, die damit behauptet werden, so einsehen, wie sie heute naturwissenschaftliche Tatsachen einsehen: daß nämlich dieselbe Individualität es ist, die in Elias, Johannes dem Täufer, Raffael und Novalis gelebt hat. Erst werden sie die Persönlichkeiten erkennen, dann die Individualität, wie sie durch jene hindurchgegangen ist. Und nun begreifen wir die vierfache Heroldschaft und das Aufsteigen in dieser vierfachen Heroldschaft. Nun stehen wir zu einer solchen Sache ganz anders, als wir früher zu ihr gestanden haben. Heute weiß man ja schon, daß man die Stanzen in Rom nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form sieht; sie sind verdorben, sind nicht mehr so, wie sie von Raffaels Hand hingemalt worden sind, und es brauchen nur noch Jahrhunderte zu vergehen, daß diese Dinge verschwinden. Wenn auch die Nachbildungen ein längeres Leben haben werden, wird das in seine Atome aufgelöst, was die Individualität geschaffen hat. Mögen die physischen Werke von Raffael aber auch pulverisiert werden im Laufe der Zeit, wir wissen, daß dieselbe Individualität, die jene Werke hergestellt hat, schon wieder da war in Novalis und auf eine andere Weise bewirkt hat, was in ihr war.

[ 17 ] Thus we have presented four figures as personalities. That was the Western perspective. Now comes the deepening in Spiritual Science. Through this, people will come to understand why, for example, Raphael felt that magnetic pull to incarnate into the earth on Good Friday, in order to outwardly indicate through his birth on Good Friday that he has something to do with the mystery of Easter. These things can only be hinted at today; a few decades will pass, and then people will understand the things asserted here just as they understand scientific facts today: namely, that it is the same Individuality that lived in Elijah, John the Baptist, Raphael, and Novalis. First they will recognize the personalities, then the Individuality as it passed through them. And now we understand the fourfold heraldry and the ascent within this fourfold heraldry. Now we stand in a completely different relationship to such a matter than we did in the past. Today we already know that the Stanzas in Rome are no longer seen in their original form; they have been defaced, are no longer as they were painted by Raphael’s hand, and it will only take centuries for these things to disappear. Even if the reproductions are to have a longer life, that which the Individuality created will be dissolved into its atoms. But even if Raphael’s physical works are pulverized over time, we know that the same individuality that produced those works was already present again in Novalis and brought about, in a different way, what was within it.

[ 18 ] So sehen wir, wie heute zu dem, was die abendländische Anschauungsweise ausgemacht hat, das begrenzte Anschauen der Persönlichkeiten, hinzugefügt wird die Individualität; wie also zusammengefügt wird das Beste, was die abendländische Weltanschauung ausmacht, mit dem Besten, was die morgenländische Anschauung hat. So schreitet die Zeitentwickelung vorwärts. Indem die Menschheit so vorwärtsschreitet und solche Dinge einsieht, wird die geistige Welt nicht stumm bleiben, sondern sie wird zu der Menschheit auch in den alltäglicheren Erscheinungen sprechen. Und die Menschen werden sozusagen nicht bloß wie durch eine Art Erkenntnis sich zu erheben haben zur geistigen Welt, sondern immer mehr und mehr wird sich diese Erkenntnis umgestalten zu einer Art, man möchte sagen, Erfahrung. Dazu ist aber heute eine wirkliche spirituelle Bewegung notwendig. Daß eine solche notwendig ist, zeigt sich einfach daran, daß man selbst das Einfachste nicht mehr in der richtigen Weise beurteilt.

[ 18 ] Thus we see how, in addition to the limited view of personalities that has characterized the Western worldview, individuality is now being added; how, in other words, the best of the Western worldview is being combined with the best of the Eastern worldview. Thus does the course of time advance. As humanity progresses in this way and comes to understand such things, the spiritual world will not remain silent, but will speak to humanity even in the more everyday phenomena. And people will, so to speak, not merely have to rise to the spiritual world through a kind of knowledge, but more and more this knowledge will transform into a kind of—one might say—experience. For this, however, a genuine spiritual movement is necessary today. That such a movement is necessary is simply evident from the fact that people can no longer judge even the simplest things in the right way.

[ 19 ] Es sei eine Einzelheit heute noch herausgegriffen. Der Mensch geht, wenn er ein gesundes Leben führt, im Verlauf von vierundzwanzig Stunden durch Wachen und Schlafen. Wir wissen, daß, wenn er einschläft, physischer und Ätherleib im Bette liegenbleiben und daß herausgehen Astralleib und Ich. Was geschieht denn nun mit dem, was im Bette liegenbleibt? Wenn der Hellseher zurückschaut aus seinem astralischen Leib auf das, was im Ätherleib und physischen Leibe vor sich geht, so sieht er, wie da ein mehr vegetatives Leben beginnt, ein Leben, das eigentlich zerstört worden ist durch das Tagesbewußitsein. Die Ermüdung wird ausgeglichen; das heißt, es blüht und sprießt nun im Ätherleib und im physischen Leibe, und der astralische Leib und das Ich sind zurückgezogen worden. Wenn sie morgens wiederum in den physischen Leib und Ätherleib untertauchen, dann haben sie diese wiederum zur Ermüdung zu bringen; sie grasen ab, lassen verwelken, was während der Nacht aufgesproßt ist.

[ 19 ] Let us single out one detail today. When a person leads a healthy life, they alternate between waking and sleeping over the course of twenty-four hours. We know that when they fall asleep, the physical and etheric bodies remain in bed, while the astral body and the I go out. What, then, happens to what remains in bed? When the clairvoyant looks back from his astral body at what is taking place in the etheric and physical bodies, he sees how a more vegetative life begins there—a life that has actually been destroyed by daytime consciousness. Fatigue is compensated for; that is to say, the etheric body and the physical body now blossom and sprout, and the astral body and the ego have withdrawn. When they re-enter the physical body and the etheric body in the morning, they must once again bring them to a state of fatigue; they graze them down, causing what has sprouted during the night to wither.

[ 20 ] Alles das, was im Mikrokosmos ist, ist auch im Makrokosmos vorhanden. Wenn wir im Frühling sehen, wie die Erde ihr Grünes herausschießen läßt in den Pflanzen, wie aufsprießen Blüten und Blätter und wie die Pflanzen sich vorbereiten, Früchte zu tragen, was haben wir denn da? Derjenige, der äußerlich vergleicht, wird sagen, es läßt sich das Aufwachen am Morgen vergleichen mit dem Aufwachen der Natur im Frühling. Das Umgekehrte ist aber wahr! Wir müssen das Aufblühen im Frühling mit dem Einschlafen vergleichen. Wir müssen vergleichen das Hervorkommen und Hervorwachsen der Pflanzen im Frühling mit dem, was im Äther- und physischen Leib des Menschen beim Einschlafen vor sich geht. Dann wird das immer lebendiger, wenn es dem Sommer entgegengeht, wie im menschlichen physischen und Ätherleibe in der Mitte der Schlafenszeit. Und im Herbst wird es so, wie wenn der Mensch am Morgen hinuntertaucht in den physischen und Ätherleib, im Herbst, der zum Verwelken bringt dasjenige, was während des Frühlings und Sommers aufgesproßt ist. Man muß richtig zusammenstellen, was draußen und drinnen geschieht, man darf nicht äußerliche Allegorien suchen und den Frühling mit dem Aufwachen, den Herbst mit dem Einschlafen vergleichen, sondern umgekehrt.

[ 20 ] Everything that exists in the microcosm also exists in the macrocosm. When we see in spring how the earth brings forth its greenery in the plants, how blossoms and leaves sprout, and how the plants prepare to bear fruit, what do we have there? Those who make superficial comparisons will say that waking up in the morning can be compared to the awakening of nature in spring. But the opposite is true! We must compare the blossoming in spring with falling asleep. We must compare the emergence and growth of plants in spring with what takes place in the human etheric and physical bodies when falling asleep. Then this becomes ever more alive as it approaches summer, just as in the human physical and etheric bodies in the middle of the night. And in autumn it becomes as if the human being were sinking down into the physical and etheric body in the morning; in autumn, which causes to wither that which has sprouted during spring and summer. One must correctly correlate what happens outside and inside; one must not seek external allegories and compare spring with waking up and autumn with falling asleep, but rather the reverse.

[ 21 ] So daß wir sagen können: Das, was die Geister der Erde sind, das geht im Frühling schlafen und wacht als Erdengeister im Herbst und Winter auf. Im Winter sind sie als Erdengeister mit der Erde verbunden, um wieder hinaufzusteigen im Frühling und Sommer in die Himmelshöhen, in die astralischen Höhen und auf die andere Seite der Erde. Wenn wir wieder Frühling haben, dann gehen sie wieder schlafen.

[ 21 ] So we can say: What the spirits of the earth are, goes to sleep in the spring and awakens as earth spirits in the fall and winter. In winter, they are connected to the earth as earth spirits, only to ascend again in spring and summer to the heights of the heavens, to the astral realms, and to the other side of the earth. When spring returns, they go back to sleep.

[ 22 ] Dem widerspricht nicht, daß die Erde einmal auf der einen und das andere Mal auf der anderen Hälfte schläft. Ähnliches ist in gewisser Beziehung auch beim Menschen der Fall. Derjenige, der die Vorgänge hellseherisch verfolgt, sieht, wie es im Frühling geradeso ist wie beim menschlichen Einschlafen, wo der einzelne Geist sich zurückzieht in die astralische Welt; er sieht, daß sich im Frühling dasjenige, was wir die Erdengeister nennen, in dieastralische Welt zurückzieht, und umgekehrt. Ja, die heutige Menschheit — mit Ausnahme derer, die hier sitzen würde wahrscheinlich ein helles Gelächter anstimmen, wenn man. so vom Einschlafen und Aufwachen der Erdengeister reden würde. Das glaubt man dieser Menschheit; sie tut ja alles, um zu beweisen, daß sie keine Ahnung hat von den wirklichen Vorgängen der Welt. Es war aber nicht immer so, durchaus nicht, sondern es war früher auch einmal anders! Es gab nämlich ein altes menschliches Hellsehen, und das hat diese Tatsachen richtig gesehen. Da hat man gesehen, daß dasjenige, was Erdengeister sind, sich zurückzieht im Frühling, um sozusagen hinaufzugehen in kosmische Höhen. Im Herbst steigen diese Geister wieder herunter. Das hat man in alten Zeiten gesehen. Da war es natürlich, darauf hinzuweisen, daß in der Mitte des Sommers etwas vorliegt wie ein Abwesendsein des eigentlichen Erdengeistigen von der Erde. Dafür findet statt ein Aufschießen der Elementarnaturgeister wie in einem Paroxysmus, und ein Zurückbleiben dessen, was irdischleiblich an der Erde ist, was also durch das Sinnliche hervortritt. Wollte man das anschaulich machen: man konnte das nicht besser als dadurch, daß man das Johannifest just in diese Zeit verlegte, um hinzuweisen darauf, wie gerade die sprießenden Naturgeister wirken und die eigentlichen Geister der Erde, die das Ich und der Astralleib der Erde sind, weg sind.

[ 22 ] This is not contradicted by the fact that the Earth sleeps on one half at one time and on the other half at another. Something similar is also true, in a certain sense, of human beings. Those who observe these processes clairvoyantly see that in spring it is just as it is when humans fall asleep, when the individual spirit withdraws into the astral world; they see that in spring what we call the earth spirits withdraw into the astral world, and vice versa. Indeed, today’s humanity—with the exception of those sitting here—would probably burst into loud laughter if one were to speak in such terms of the earth spirits falling asleep and waking up. One can believe that of this humanity; after all, it does everything to prove that it has no idea of the real processes of the world. But it was not always so, by no means; rather, things used to be different! For there was an ancient human clairvoyance, and it perceived these facts correctly. People saw that what we call Earth spirits withdraw in the spring to ascend, so to speak, to cosmic heights. In the fall, these spirits descend again. This is what was observed in ancient times. It was natural, then, to point out that in the middle of summer there is something like an absence of the actual Earth spirit from the Earth. Instead, there is a surging forth of the elemental nature spirits as in a paroxysm, and a lingering of that which is earthly-physical on the Earth—that which thus emerges through the sensory realm. If one wanted to illustrate this, one could do so best by placing the Festival of St. John precisely at this time, to point out how the sprouting nature spirits are active, while the actual spirits of the Earth—which are the I and the astral body of the Earth—are absent.

[ 23 ] Wie ist es aber dann, wenn es gegen den Winter zugeht? Da wacht die Erde auf, da ist mit der Erde der Astralleib und das Ich verbunden. Dahin muß man die Feste verlegen, die sich vorzugsweise auf das Geistige des Menschen beziehen. Dahin wurde das Weihnachtsfest verlegt. Und dann, wenn der Erdengeist weggeht in Höhen hinauf was durch das Osterfest angedeutet wird —, da bezog man dieses Hinweggehen von der Erde, dieses Hineingehen in das Astralische, auf das Verhältnis von Sonne und Mond.

[ 23 ] But what happens as winter approaches? Then the earth awakens, and the astral body and the ego are connected to the earth. That is where we must shift the festivals that primarily relate to the spiritual aspect of the human being. That is where the Christmas festival was moved. And then, when the Earth spirit departs upward into the heights—as indicated by the Easter festival—this departure from the Earth, this entry into the astral realm, was related to the relationship between the Sun and the Moon.

[ 24 ] Alle diese Dinge, in die wir da hineinschauen, verbinden uns in wunderbarer Weise mit dem alten Hellsehen, zeigen uns, wie wir in demjenigen, was von alten Zeiten hereinragt, etwas zu sehen haben, was mit uraltem Hellsehen beim Menschen zu tun hat. Es ist für die materialistische Weltanschauung ganz selbstverständlich, daß sie sagt, sie habe ja nur den Leib auszubilden, daß sie sagt: Es ist uns unbequem, namentlich in bezug auf Scheckverkehr und ähnliche Dinge, das Osterfest einmal früh im Jahr, das andere Mal spät zu haben, und dem müsse man abhelfen, damit Handel und Industrie möglichst bequem wegkommen. Da müsse das Osterfest, sagen wir, stets am ersten Sonntag des April gefeiert werden! — So schickt es sich nur für die materialistische Zeit, die bar ist allen Zusammenhangs mit der geistigen Welt. Ebenso wie es sich schickt für den Materialismus, solche Ideen zu hegen, ebenso wahr ist es, daß eine spirituelle Bewegung bewahren muß den Zusammenhang mit den alten Festsetzungen der Menschheit. Und nicht werden wir deshalb uns irgendwie zurückhalten — gerade auch in bezug auf die praktische Betätigung —, dasjenige zu tun, was einer spirituellen Weltanschauung angemessen ist.

[ 24 ] All these things we are looking into connect us in a wonderful way with the ancient art of clairvoyance, showing us that in what has come down to us from ancient times, we have something to see that has to do with the ancient clairvoyance of humankind. It is quite natural for the materialistic worldview to claim that it need only concern itself with the physical body, to say: It is inconvenient for us, particularly with regard to check transactions and similar matters, to have Easter sometimes early in the year and sometimes late, and this must be remedied so that commerce and industry may proceed as smoothly as possible. So, let’s say, Easter must always be celebrated on the first Sunday in April! — This is only fitting for the materialistic age, which is devoid of any connection to the spiritual world. Just as it is fitting for materialism to harbor such ideas, it is equally true that a spiritual movement must preserve the connection with humanity’s ancient festivals. And we will not, for that reason, hold back in any way—especially with regard to practical action—from doing what is appropriate to a spiritual worldview.

[ 25 ] Und das sollte ausgedrückt werden in dem, was Ihnen in unserem Kalender vorliegt, der natürlich für die äußere Welt lächerlich erscheint, der wir ihn gleichwohl nicht vorenthalten wollen, wenn sie uns auch deshalb für Narren hält. Es ist durch diesen Kalender zum Ausdruck gebracht, daß wir den Zusammenhang festzuhalten haben mit alten Zeiten. In dem Illustrativen des Kalenders, das ja durch ein von uns sehr verehrtes und liebes Mitglied hergestellt worden ist, haben Sie eine Erneuerung dessen, was schon trocken und öde geworden ist: der Imaginationen, die sich beziehen auf die Konstellationen von Sonne und Mond und der Zeichen des Tierkreises, erneuert für die heutige Seele, gegeben in solcher Weise, daß Sie wirklich, wenn Sie die Aufeinanderfolge der Wochen und Tage betrachten, etwas davon haben. Wenn Sie die Frage stellen: Wie kann man selber zu solchen Dingen kommen? —, dann sehen Sie sich doch den «Seelenkalender» an: Jene Meditationen sind das Ergebnis vieljähriger okkulter Untersuchungen und Erfahrungen. Wenn Sie diese in der Seele wirksam machen, dann werden Sie sehen, daß sich in dieser Seele dasjenige herstellt, was den Zusammenhang der Wirksamkeit von geistigen

[ 25 ] And this is meant to be expressed in what you see in our calendar, which of course seems ridiculous to the outside world, yet we do not wish to withhold it from them, even if they consider us fools for doing so. This calendar expresses our need to maintain a connection with times past. In the illustrations of the calendar, which were created by a member whom we greatly revere and love, you have a renewal of what has already become dry and barren: the imaginations relating to the constellations of the sun and moon and the signs of the zodiac, renewed for the modern soul, presented in such a way that you truly benefit from them when you observe the succession of weeks and days. If you ask the question: How can one arrive at such things oneself? — then do take a look at the “Soul Calendar”: Those meditations are the result of many years of occult research and experience. If you allow these to take effect in your soul, then you will see that what is established in this soul is that which constitutes the connection of the efficacy of spiritual

[ 26 ] Welten in der Zeitenfolge bilder. Und dasjenige, was wir das Mysterium von Golgatha nennen, das haben wir äußerlich, exoterisch so gemacht, daß es nicht gleich auf den allerersten Blick schockiert. Wir haben einen Bogen ringsherum gemacht, auf dem 1912/13 steht, aber innerlich ist der Kalender so gerechnet, daß da der Anfang gemacht ist mit der Geburt des menschlichen Ich-Bewußstseins, das heißt mit dem Mysterium von Golgatha. Und außerdem geht die Jahreszählung so, wie es schon recht unbequem sein wird für das kommerzielle Leben, aber wie es notwendig ist für das spirituelle Leben: von Ostern zu Ostern!

[ 26 ] We have depicted worlds in chronological order. And what we call the Mystery of Golgotha, we have presented it externally, in an exoteric way, so that it does not come as a shock at first glance. We have drawn a circle around it marked 1912/13, but internally the calendar is calculated so that it begins with the birth of human ego-consciousness, that is, with the Mystery of Golgotha. And furthermore, the year count proceeds in a way that will be quite inconvenient for commercial life, but as is necessary for spiritual life: from Easter to Easter!

[ 27 ] So daß damit etwas gegeben ist, was herausgewachsen ist aus unserer Denkweise und was für jeden benützbar ist, auf daß er sich durch die Benützung wiederum einen Schritt näher in die Bahn des Spirituellen hineinbegeben kann, als das durch andere Mittel erreicht werden kann.

[ 27 ] So that we have something that has grown out of our way of thinking and that is useful to everyone, so that by using it, one can take another step closer to the spiritual path than can be achieved by other means.

[ 28 ] Es wird sich immer mehr und mehr zeigen, wie von einem einheitlichen Grundprinzip und Grundimpuls aus die Dinge eigentlich gedacht sind, die wir innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung unternehmen, und wie das einzelne nicht einer Laune sein Dasein verdankt, sondern so hineingestellt wird, daß es sich als einzelner Baustein in unsere ganze Arbeit wirklich hineinfügt. Dazu ist natürlich notwendig, daß immer mehr und mehr auch den einzelnen Mitgliedern aufgeht ein Verständnis für dieses Zusammenwirken und daß man hinauskommit über die Sonderinteressen und Sonderbestrebungen und sich mehr richtet auf das, was uns vereint. Gewiß, es ist ja begreiflich, daß viele Sonderbestrebungen und Sonderwünsche bei den einzelnen Mitgliedern sind, daß die einen dies und die anderen das hineintragen möchten in die anthroposophische Bewegung. Aber insbesondere hier an diesem Orte, wo ein wirklich selbstloses Zusammenwirken notwendig sein wird, wenn wir das Projektierte wirklich zusammenbringen wollen, muß es sich tief, tief in die Herzen einwurzeln, daß wir nur dann günstig wirken werden, wenn wir nicht unsere Sonderbestrebungen geltend machen, sondern dasjenige, was sich eingliedert dem Ganzen, das angestrebt wird, als ein Baustein. Denn sonst kann es nicht ein Ganzes werden. Das ist so außerordentlich wichtig, und in dieser Beziehung glaube ich, ist auch das Zustandekommen dessen, was da geschehen soll, die Grundlage für ein Studium dessen, wie die anthroposophische Bewegung sich entwickeln sollte.

[ 28 ] It will become increasingly clear how the things we undertake within our anthroposophical movement are actually conceived from a single fundamental principle and impulse, and how the individual element does not owe its existence to a whim, but is placed in such a way that it truly fits into our entire work as a single building block. Of course, this requires that individual members increasingly come to understand this interplay, and that we move beyond special interests and individual aspirations to focus more on what unites us. Certainly, it is understandable that individual members have many special aspirations and wishes, that some would like to bring this and others that into the anthroposophical movement. But especially here in this place, where truly selfless cooperation will be necessary if we are to truly bring the planned project to fruition, it must take deep, deep root in our hearts that we will only have a beneficial effect if we do not assert our individual aspirations, but rather that which integrates itself into the whole that is being strived for, as a building block. For otherwise it cannot become a whole. This is so extraordinarily important, and in this regard, I believe that the realization of what is to take place here is also the foundation for a study of how the anthroposophical movement should develop.

[ 29 ] So versuchte ich Ihnen einzelnes aus unserer anthroposophisch orientierten Anschauung heute darzulegen, und wir haben damit sozusagen eine Art Ersatz uns geschaffen für das, was diesmal hätte sein sollen, was aber nicht hat sein können, weil eben noch nicht alle behördlichen Bewilligungen erreicht sind: nämlich die Grundsteinlegung unseres Johannesbaues. Wir wollen aber hoffen, daß es uns in nicht gar zu ferner Zeit gelingen möge, dieses nachzuholen. Denn wir werden ja vielleicht gerade damit auch den Grundstein für eine Neubelebung der anthroposophischen Bewegung legen, wie wir sie innerhalb des Abendlandes meinen. Und wenn es uns gelingt, das Richtige auf diesem Gebiet zu tun, dann werden wir schon den Beweis liefern, daß wir in allem treuen Wahrheitssinn, von dem wir ja allein uns beseelt sein lassen wollen, ohne irgendwelche Hinneigung zu Sensationellem, jene okkulten Bestrebungen zu den unserigen machen, welche die heutige Menschheit zu ihrer Fortentwickelung braucht.

[ 29 ] So today I have tried to present to you some aspects of our anthroposophically oriented perspective, and in doing so we have, so to speak, created a kind of substitute for what should have taken place this time but could not, precisely because not all the necessary official permits have yet been obtained: namely, the laying of the cornerstone for our Johannesbau. But let us hope that we may succeed in making up for this in the not-too-distant future. For perhaps in doing so we will also lay the foundation for a revival of the anthroposophical movement, as we understand it within the Western world. And if we succeed in doing what is right in this area, then we will already provide proof that, in a spirit of faithful truth—which alone we wish to let inspire us, without any inclination toward the sensational—we are making our own those occult endeavors that today’s humanity needs for its further development.