On the Astral World and Devachan
GA 88
2 December 1903, Berlin
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On the Astral World and Devachan, tr. SOL
6. Kamaloka
6. Kamaloka
[ 1 ] An dieser astralen Welt, die wir nun kennengelernt haben, hat der Mensch auch während seines physischen Lebens Anteil. Täglich und stündlich nehmen wir teil an den Vorgängen der astralen Welt. Wir haben die Vorgänge und Wesenheiten kennengelernt, welche in der Astralwelt von denjenigen angetroffen werden können, deren Blick für diese Astralwelt geöffnet ist. Heute soll wiederum ein besonderer Gegenstand herausgehoben werden; wir wollen heute dasjenige näher betrachten, was die Theosophie «Kamaloka» nennt.
[ 1 ] Human beings also have a part in this astral world, which we have now come to know, even during their physical lives. Every day and every hour, we participate in the processes of the astral world. We have become acquainted with the processes and beings that can be encountered in the astral world by those whose eyes are open to it. Today, we shall again highlight a particular subject; today we wish to examine more closely what Theosophy calls “Kamaloka.”
[ 2 ] Wenn wir verstehen wollen, was Kamaloka ist, so müssen wir uns vor allen Dingen darüber klar sein, daß wir innerhalb unserer Entwicklung schon durch viele Inkarnationen hindurchgegangen sind, daß unserer gegenwärtigen Inkarnation im Fleische viele andere vorangegangen sind und viele andere nachfolgen werden. Das Wesentliche ist, daß wir in dieser Inkarnation, in diesem irdischen Leben unsere Aufgaben zu erfüllen haben.
[ 2 ] If we wish to understand what Kamaloka is, we must first and foremost realize that, in the course of our evolution, we have already passed through many incarnations; that our present incarnation in the flesh has been preceded by many others and will be followed by many more. The essential point is that in this incarnation, in this earthly life, we have tasks to fulfill.
[ 3 ] Es ist ganz falsch, wenn behauptet wird, die Theosophie lenke vom Leben ab oder sie wolle den Menschen in eine Art von Wolkenkuckucksheim führen, sie predige eine vom tatsächlichen Leben sich abkehrende Askese. Das wäre eine ganz falsche Auffassung von dem, was die theosophische Bewegung will. Die Theosophie betrachtet vielmehr gerade dieses Leben als das Instrument, als das Werkzeug, dessen wir uns bedienen müssen, um unsere höchsten geistigen Aufgaben in der Entwicklung zu erfüllen. Wer sich vom Leben zurückzieht, wer nicht die geistigen Kräfte auch im Physischen anwendet, der erfüllt die Aufgaben nicht, die er auf der Erde hat. Deshalb gehört es zu den Idealen der Theosophie, daß wir aus unserem physischen Dasein für das höchste geistige Leben den größtmöglichen Nutzen ziehen.
[ 3 ] It is entirely wrong to claim that Theosophy distracts from life or seeks to lead people into some kind of fantasy world, or that it preaches an asceticism that turns away from real life. That would be a completely mistaken view of what the Theosophical Movement aims to achieve. Rather, Theosophy regards this very life as the instrument, as the tool, which we must use to fulfill our highest spiritual tasks in our development. Whoever withdraws from life, whoever does not apply spiritual powers in the physical realm as well, does not fulfill the tasks they have on Earth. Therefore, it is one of the ideals of Theosophy that we derive the greatest possible benefit from our physical existence for the highest spiritual life.
[ 4 ] Wir wissen, verehrte Anwesende — und wir müssen das heute vor aussetzen —, daß dasjenige, was der menschliche Geist ist, was das eigentliche wahre Selbst in uns ist, daß das nicht einmal, sondern unzählige Male innerhalb des irdischen Daseins verkörpert wird. Wir wissen, daß unser gegenwärtiges irdisches Dasein sich angeschlossen hat an unzählige frühere und daß an dieses jetzige Leben weitere Verkörperungen sich anschließen werden. Die Frage müssen wir nun stellen: Was vollbringt das menschliche Selbst in der Zeit zwischen zwei Verkörperungen? Wie hat das menschliche Selbst Anteil an den anderen Welten, die nicht wie unsere physische Welt sind? — Allein dadurch, daß es in der entsprechenden Weise durch die anderen Welten pilgert, ist es imstande, aus dem physischen Dasein den größtmöglichen Nutzen für seine Entwicklung zu ziehen. Die Welten, durch die das menschliche Selbst in der Zwischenzeit zwischen zwei Verkörperungen pilgert, sind zunächst das Kamaloka und dann das Devachan. Wenn die physischen Hüllen [nach dem Tode] von dem Menschen abgefallen sind, dann tritt er ein in die Welt, welche wir in der Theosophie «Kamaloka», den «Ort des Verlangens» nennen. Und hat er sich da eine Weile aufgehalten, dann durchpilgert er die höhere geistige Welt, das Devachan, das wir auch die «Welt des Geistigen» nennen. Durch diese Welten also pilgert die menschliche Seele nach ihrer irdischen Pilgerschaft. Will man nun verstehen, welchen Anteil an der ganzen menschlichen Seelenpilgerschaft diese beiden anderen Welten, Kamaloka und Devachan, haben, dann muß man vor allem an die Aufgaben denken, die der Mensch in seinem irdischen Dasein zu vollbringen hat. Diese sind immer in den Geheimwissenschaften gelehrt worden und werden uns heute auch durch die Theosophie gelehrt.
[ 4 ] We know, esteemed audience—and we must emphasize this today—that what the human spirit is, what the true self within us is, is embodied not just once, but countless times throughout our earthly existence. We know that our present earthly existence has followed countless previous ones and that further incarnations will follow this present life. We must now ask the question: What does the human self accomplish in the time between two incarnations? How does the human self participate in the other worlds that are not like our physical world? — It is only by journeying through the other worlds in the appropriate manner that it is able to derive the greatest possible benefit for its development from physical existence. The worlds through which the human self journeys in the interval between two incarnations are first the Kamaloka and then the Devachan. When the physical bodies have fallen away from the human being [after death], he enters the world which we in Theosophy call “Kamaloka,” the “Place of Desire.” And after having stayed there for a while, they then journey through the higher spiritual world, Devachan, which we also call the “world of the spirit.” Thus, the human soul journeys through these worlds following its earthly pilgrimage. If one wishes to understand what part these two other worlds, Kamaloka and Devachan, play in the entire pilgrimage of the human soul, one must first and foremost consider the tasks that a human being must accomplish during their earthly existence. These have always been taught in the esoteric sciences and are also taught to us today through Theosophy.
[ 5 ] Es sind ganz bestimmte Aufgaben, welche das menschliche Selbst zu übernehmen und durchzuführen hat innerhalb seiner Erdenpilgerschaft. Der Mensch hat bestimmte Tugenden auszubilden, die er nicht außerhalb der Erdenpilgerschaft ausbilden kann. Sieben solcher Tugenden sind es. Mit den Anlagen zu diesen Tugenden kam der Mensch auf die Erde, und am Ende seiner Erdenpilgerschaft soll er diese sieben Tugenden voll entwickelt haben.
[ 5 ] There are very specific tasks that the human self must undertake and carry out during its earthly pilgrimage. Human beings must cultivate certain virtues that they cannot cultivate outside of their earthly pilgrimage. There are seven such virtues. Human beings came to Earth with the predispositions for these virtues, and by the end of their earthly pilgrimage, they should have fully developed these seven virtues.
[ 6 ] Wenn ich einen Vergleich gebrauchen darf, so möchte ich sagen: Stellen wir uns einen Menschen vor, der der Anlage nach mit dem größten Wohlwollen für die Mitmenschen ausgestattet ist, einen ganz freigebigen Menschen, der aber ganz arm ist und deshalb nicht in der Lage ist, von dieser seiner mildtätigen Anlage Gebrauch zu machen. So ist auch der menschliche Charakter seiner Anlage nach ein im höchsten Grade vollendeter; der Mensch kann aber noch keinen wirklichen Gebrauch davon machen. Nun stellen wir uns vor, dieser Mensch zieht in ein noch unbebautes, fernes Land und versucht, es produktiv zu machen; er erzeugt durch harte Arbeit dort so viel, daß er sich nun die Mittel erwirbt, die er, wenn er zurückkommt in sein ursprüngliches Land, nun seinen Mitmenschen zugutekommen lassen kann. Nun kann er das ausführen, was als Anlage der Freigebigkeit in ihm enthalten war.
[ 6 ] If I may use an analogy, I would say: Let us imagine a person who, by nature, is endowed with the greatest benevolence toward his fellow human beings—a truly generous person—but who is completely poor and therefore unable to make use of this charitable disposition. So too is the human character, by nature, one of the highest order; yet the person cannot yet make any real use of it. Now let us imagine that this person moves to a remote, undeveloped land and attempts to make it productive; through hard work there, he produces so much that he now acquires the means which, when he returns to his original homeland, he can use to benefit his fellow human beings. Now he can carry out what was contained within him as a disposition toward generosity.
[ 7 ] Die Anlagen zu sieben solcher Tugenden liegen im Menschen bei seiner ersten Verkörperung. Nach Millionen von Jahren wird er wieder hinausziehen aus seiner Erdenpilgerschaft, und diese Anlagen werden dann zu Tugenden ausgebildet sein. Er wird dann diese Fähigkeiten verwenden können in einer zukünftigen planetarischen Entwicklung. Diese sieben Tugenden sind:
[ 7 ] The seeds of these seven virtues are present in human beings at the time of their first incarnation. After millions of years, they will depart from their earthly pilgrimage, and these seeds will have blossomed into virtues. They will then be able to use these abilities in a future planetary evolution. These seven virtues are:
1. Gerechtigkeit
2. Urteilsenthaltsamkeit
3. Starkmut
4. Klugheit
1. Justice
2. Temperance
3. Fortitude
4. Prudence
[ 8 ] Das sind die vier niederen Tugenden. Die Klugheit faßt alles das zusammen, was uns befähigt, über unsere irdischen Verhältnisse ein Urteil zu fällen und dadurch selbst einzugreifen in den Gang der irdischen Verhältnisse. Durch das Sich-Erarbeiten dieser Fähigkeiten gewinnt der Mensch die Kraft, durch die er kraftvoll und führend in die Welt eingreifen kann.
[ 8 ] These are the four lower virtues. Prudence encompasses everything that enables us to judge our earthly circumstances and thereby intervene in the course of earthly events. By cultivating these abilities, a person gains the strength to intervene in the world with power and leadership.
[ 9 ] Die drei höheren Tugenden sind:
[ 9 ] The three higher virtues are:
Glaube
Hoffnung
Liebe.
Faith
Hope
Love.
[ 10 ] Goethe hat es ausgedrückt mit den Worten: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis». Wenn der Mensch in allem, was er sehen und hören kann, nur ein Sinnbild sieht für ein Ewiges, das es ausdrückt, dann hat er den «Glauben». Das ist die erste der drei höheren Tugenden. Die zweite ist, ein Gefühl dafür zu entwickeln, daß der Mensch nie auf dem Punkte stehenbleiben soll, auf dem er steht, ein Gefühl dafür, daß wir heute Menschen der fünften Rasse sind, später aber uns höherentwickeln werden. Das ist die Hoffnung. Wir haben also den Glauben an das Ewige, und dann das Vertrauen, die Hoffnung auf die höhere Entwicklung. Die letzte Tugend ist die, welche als letztes Ziel unseres Kosmos auszubilden ist, es ist die Liebe. Deshalb nennen wir auch unsere Erde den «Kosmos der Liebe». Was wir in uns entwickeln müssen, indem wir der Erde angehören, das ist die Liebe, und wenn wir unsere Erdenpilgerschaft vollendet haben werden, dann wird die Erde ein Kosmos der Liebe sein. Die Liebe wird dann eine selbstverständliche Kraft aller menschlichen Wesen sein. Sie wird mit einer solchen Selbstverständlichkeit auftreten, wie beim Magneten die magnetische Kraft der Anziehung und Abstoßung selbstverständlich ist.
[ 10 ] Goethe put it this way: “Everything transitory is merely a parable.” If a person sees in everything he can see and hear only a symbol of an eternal reality that it expresses, then he possesses “faith.” This is the first of the three higher virtues. The second is to develop a sense that human beings should never remain at the point where they currently stand, a sense that we are today people of the fifth race, but will later evolve to a higher level. That is hope. So we have faith in the eternal, and then trust and hope for higher development. The final virtue is the one that must be cultivated as the ultimate goal of our cosmos; it is love. That is why we also call our Earth the “cosmos of love.” What we must develop within ourselves by belonging to the Earth is love, and when we have completed our earthly pilgrimage, then the Earth will be a cosmos of love. Love will then be a natural force in all human beings. It will manifest with such naturalness as the magnetic force of attraction and repulsion is natural in a magnet.
[ 11 ] Nach und nach, durch verschiedene Verkörperungen hindurch, muß der Mensch diese Tugenden entwickeln. Ungefähr auf der Mitte dieses Weges ist er jetzt angelangt. Was diese Tugenden einmal sein werden, ist von der christlichen Theologie richtig so bezeichnet worden: «Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehöret hat und keinem Menschen ins Herz gekommen ist»; das soll bedeuten, daß niemand sich eine Vorstellung machen kann, in welch vollendeter Weise diese Tugenden einmal in dem Vollendeten vorhanden sein werden. Von Stufe zu Stufe arbeiten wir uns in den verschiedenen Verkörperungen. Wir steigen gleichsam mit der Anlage zu diesen sieben Tugenden aus der geistigen Welt herunter und müssen diese Tugenden im Leben ausbilden, um sie dann wirklich zu haben. So ist das irdische Leben nichts anderes als das Hindurchziehen durch ein Land, um daran zu arbeiten, die Anlagen in wahre Fähigkeiten umzusetzen. Wer hineinzieht in dieses Land, der muß sich zunächst hingeben an die Arbeit, und während der Arbeit wird er vielleicht nicht hinblicken können auf jenes hohe Ziel. Er entwickelt die Tugenden, indem er mit den anderen Menschen in Verbindung tritt, um so Starkmut, Gerechtigkeit, Hoffnung, Liebe und so weiter auszubilden. Er kommt mit anderen Menschen zusammen, und er muß diese Begegnungen benützen zur Ausbildung der Tugenden. Um die Tugenden auszubilden, muß der Mensch heruntersteigen aus der geistigen Welt in die physische Welt. Er wird verstrickt in dasjenige, was die physische Welt enthält, und immer enthält diese auch das Astrale, die Welt der Begierden, der Lüste: Kamaloka.
[ 11 ] Little by little, through various incarnations, human beings must develop these virtues. He has now reached approximately the middle of this path. What these virtues will one day be has been correctly described by Christian theology as: “What no eye has seen, nor ear heard, nor has it entered into the heart of man”; this means that no one can conceive of the perfect manner in which these virtues will one day be present in the perfected being. Step by step, we work our way through the various incarnations. We descend, as it were, from the spiritual world with the potential for these seven virtues and must cultivate these virtues in life in order to truly possess them. Thus, earthly life is nothing other than a journey through a land, undertaken to work on transforming these potentials into true abilities. Whoever enters this land must first devote themselves to the work, and while working, they may not be able to look toward that lofty goal. They develop the virtues by entering into contact with other people, thereby cultivating fortitude, justice, hope, love, and so on. They come together with other people, and they must use these encounters to cultivate the virtues. To cultivate the virtues, a person must descend from the spiritual world into the physical world. They become entangled in what the physical world contains, and this always includes the astral, the world of desires and lusts: Kamaloka.
[ 12 ] Wir können nicht unsere Klugheit so [umfassend] ausbilden, daß sie die ganze Welt erschüttert. Nein, wir müssen zufrieden sein, daß wir an dem Ort und zu der Zeit, in die wir hineingeboren sind, in entsprechender Weise wirken können. Galilei, Giordano Bruno haben in ihrem Volk und in ihrer Zeit ihre höheren Seelenkräfte, ihr Kama-manas ausgebildet. Giordano Brunos Verstand taugte für sein Volk und für seine Zeit. Würde er in ein anderes Volk gesetzt worden sein und zu einer anderen Zeit geboren worden sein, so hätte er andere Fähigkeiten haben müssen. Der Mensch ist durch seine Aufgaben mit der physischen Umwelt verstrickt, und so ist es auch mit unseren höheren Fähigkeiten; wir sind in jeder Inkarnation auf ein enges Gebiet beschränkt. Auch unser Verstand und unsere höheren Seelenkräfte sind auf ein gewisses eng begrenztes Gebiet beschränkt, und erst recht unsere Wünsche, Begierden, unsere Leidenschaften und Instinkte.
[ 12 ] We cannot develop our intelligence to such an [extent] that it shakes the entire world. No, we must be content that we can act in an appropriate manner in the place and time into which we were born. Galileo and Giordano Bruno developed their higher soul powers, their kama-manas, within their own people and their own time. Giordano Bruno’s intellect was suited to his people and his time. Had he been placed among a different people or born in a different era, he would have needed different abilities. Human beings are bound to the physical environment through their tasks, and the same is true of our higher faculties; in every incarnation we are confined to a narrow sphere. Our intellect and our higher soul powers, too, are confined to a certain narrow sphere, and all the more so are our desires, cravings, passions, and instincts.
[ 13 ] Wir müssen das, was wir mitgebracht haben aus dem Geistigen, in die Wünsche hineingießen. Wenn ich das Höchste will, so muß ich das Höchste mit dem Wunsche umgeben. Um seine Aufgaben in der physischen Welt zu erfüllen, muß der Mensch zusammenwachsen mit der physischen Welt, und er bildet eine Art von Schale um sich, durch die er zusammenhängt mit der Welt der Wünsche und Begierden. Wie Sie mit den Gegenständen der physischen Welt so zusammenhängen, daß Sie sich an ihnen stoßen, so hängen Sie durch Ihre Wünsche, Begierden und Leidenschaften mit der Welt des Astralischen zusammen. Und wie Sie unmittelbar mit dem Tode sich aus der Welt des Physischen loslösen, so müssen Sie nach dem Tode auch von der astralen Welt nach und nach sich losreißen. Mit denjenigen Menschen, mit denen der Mensch zusammenwirkte, ist er zusammengewachsen. Er muß diese Schale erst abstreifen. Das geschieht im Kamaloka. Hat der Mensch die Erdenhülle unmittelbar mit dem Tode verloren, so ist er noch verbunden mit der Welt seiner Wünsche, Begierden und Leidenschaften. Durch eine Leidenschaft, durch die er noch innig verbunden ist mit diesem irdischen Dasein, hat er eine Zeit der Auseinandersetzung mit diesem irdischen Dasein durchzumachen. Dieses nennen wir den Aufenthalt im Kamaloka.
[ 13 ] We must pour what we have brought with us from the spiritual realm into our desires. If I want the highest, I must surround the highest with desire. In order to fulfill his tasks in the physical world, man must grow together with the physical world, and he forms a kind of shell around himself through which he is connected to the world of desires and cravings. Just as you are connected to the objects of the physical world in such a way that you come into contact with them, so you are connected to the astral world through your desires, cravings, and passions. And just as you detach yourself from the physical world immediately upon death, so must you gradually detach yourself from the astral world after death. A person has grown together with those with whom they interacted. They must first shed this shell. This takes place in the Kamaloka. Once a person has lost their earthly shell immediately upon death, they are still connected to the world of their desires, cravings, and passions. Because of a passion through which they are still intimately connected to this earthly existence, they must undergo a period of reckoning with this earthly existence. We call this the sojourn in the Kamaloka.
[ 14 ] Wie die irdisch-physische Welt aus verschiedenen Gebieten besteht, so besteht auch die astrale Welt aus verschiedenen Gebieten, und diese können wir gliedern nach den sieben Tugenden, die ich genannt habe. Dadurch, daß wir diese Tugenden ausbilden, sind wir in einer ganz bestimmten Weise mit der Welt des Astralischen verstrickt und verkettet.
[ 14 ] Just as the physical world consists of various realms, so too does the astral world consist of various realms, and we can classify these according to the seven virtues I have mentioned. By cultivating these virtues, we become connected and bound to the astral world in a very specific way.
[ 15 ] Der Mensch muß lernen, Gerechtigkeit bewußt zu üben. Das kann er nur durch Überwinden der astralen Kräfte. Gerechtigkeit kann es nur geben in einer Welt, wo die Einzelnen Sonderwesen sind; nur von Einzelwesen zu Einzelwesen ist Gerechtigkeit möglich. Bewußt muß ich mich zu anderen Einzelwesen [gerecht] verhalten. Ich muß mich also zuerst als Sonderwesen fühlen, um gegenüber den Mitmenschen Gerechtigkeit üben zu können. Vorbedingung dazu ist das Abgesondertsein des einen von dem anderen. Erst sondert sich der Mensch als Einzelwesen ab, und dieses Sondersein führt es zu einem Kampf ums Dasein. Der Kampf ums Dasein ist der Gegensatz, der entgegengesetzte Pol zur Gerechtigkeit, er muß überwunden werden durch die Tugend der Gerechtigkeit. Abstreifen muß der Mensch alles, was gegen den anderen Menschen sich stellt, abstreifen alle Untugenden, welche aus dem Kampf ums Dasein entspringen. Die Region, in der die Kräfte des Kampfs ums Dasein walten, ist die dunkelste Region des Kamaloka. In ägyptischen Urkunden wird uns erzählt von dieser Region, die schwarz ist wie die Nacht, in der die Wesen hilflos herumirren. «Hier ist keine Luft, kein Wasser, hier vermag kein Mensch mit Ruhe im Herzen zu leben.»
[ 15 ] Human beings must learn to consciously practice justice. They can do this only by overcoming astral forces. Justice can exist only in a world where individuals are distinct beings; justice is possible only between distinct beings. I must consciously behave [justly] toward other individual beings. I must therefore first feel myself to be a distinct being in order to be able to practice justice toward my fellow human beings. A prerequisite for this is the separation of one from the other. First, human beings separate themselves as individual beings, and this distinctness leads them into a struggle for existence. The struggle for existence is the antithesis, the opposite pole to justice; it must be overcome through the virtue of justice. Man must cast off everything that stands against his fellow man, cast off all vices that arise from the struggle for existence. The region where the forces of the struggle for existence reign is the darkest region of Kamaloka. Egyptian documents tell us of this region, which is black as night, where beings wander helplessly. “Here there is no air, no water; here no human can live with peace in their heart.”
[ 16 ] Die Enthaltsamkeit des Urteils, die Urteilsenthaltsamkeit gegenüber der Umgebung, das ist die zweite Tugend, die geübt werden muß. Gewöhnlich urteilt der Mensch nach Sympathie und Antipathie, mit der er anderen gegenübersteht. Nach und nach lernt er erkennen, daß, wenn man einen Menschen begreifen will, man über Sympathie und Antipathie hinauskommen muß, sie überwinden muß. Und wie die Gerechtigkeit als Gegenpol den Kampf uns Dasein hat, so hat die Enthaltsamkeit des Urteils als entgegengesetzte Untugend das Sich-Hingeben an alle Reize der Außenwelt. Antipathie und Sympathie müssen abgestreift werden in der zweiten Region von Kamaloka.
[ 16 ] Refraining from judgment, or abstaining from judgment regarding one’s surroundings, is the second virtue that must be practiced. Usually, people judge others based on the sympathy or antipathy they feel toward them. Gradually, they learn to recognize that if one wishes to understand a person, one must go beyond sympathy and antipathy; one must overcome them. And just as justice has struggle and existence as its antithesis, so does abstinence from judgment have, as its opposite vice, surrender to all the temptations of the external world. Antipathy and sympathy must be shed in the second region of Kamaloka.
[ 17 ] Die Tugend des Starkmutes kann nur der entwickeln, der nicht bewahrt ist vor Versuchung. Wir können diese Tugend nur dadurch entwickeln, daß die ihr entgegensetzten Pole da sind und wir in sie hineinverstrickt sind. Tag für Tag, Stunde für Stunde sind wir den Versuchungen ausgesetzt. Das müssen wir auf der dritten Stufe ablegen, indem wir in dieser Region die Tugend des Starkmutes entwickeln.
[ 17 ] Only those who are not spared from temptation can develop the virtue of fortitude. We can only develop this virtue because the opposing poles exist and we are entangled in them. Day by day, hour by hour, we are exposed to temptations. We must cast these aside on the third stage by developing the virtue of fortitude in this region.
[ 18 ] Klugheit kann nur dadurch ausgebildet werden, daß der Mensch durch unzählige Irrtümer hindurchgeht. Goethe sagt: «Es irrt der Mensch, solang er strebt.» — So wie das Kind dadurch lernt, daß es sich beim Fallen verletzt, so haben alle großen Menschen aus Erfahrungen gelernt, die sie durch Irrtümer gemacht haben. Das geschieht in der vierten Region des Kamaloka.
[ 18 ] Wisdom can only be developed by a person going through countless mistakes. Goethe says: “Man errs as long as he strives.” — Just as a child learns by hurting itself when it falls, so all great people have learned from experiences gained through their mistakes. This takes place in the fourth region of Kamaloka.
[ 19 ] Nun die höheren Tugenden. Die erste ist der Glaube; das ist das Erkennen des Ewigen im Zeitlichen und Irdischen, die Anschauung, daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist. Die verschiedenen Weltanschauungen sind fortlaufende Versuche, die Menschen da oder dort, dieser oder jener Nation, auf den verschiedensten Wegen zur Erkenntnis des Ewigen zu führen. Der Mensch muß durch den Buchstaben zum Geist vordringen, vom Dogma zur wahren, inneren Erkenntnis. Der Mensch wird immer in Versuchung kommen, in ein umgrenztes Buchstabenfeld verstrickt zu sein. Weil wir im Leben notwendigerweise ein Glied eines bestimmten Zeitalters sind, so müssen wir erst das ablegen, was unserer Zeit zum Dogma geworden ist, um zu der Wahrheit zu kommen, welche sich in allen Weltanschauungen und Religionen ausspricht. In der fünften Region treffen wir die Frommen, die Buchstabengläubigen aller religiösen Bekenntnisse, aller Weltanschauungen: buchstabengläubige Hindus, buchstabengläubige Mohammedaner, buchstabengläubige Christen und auch Theosophen, die an den Buchstaben glauben.
[ 19 ] Now, the higher virtues. The first is faith; this is the recognition of the eternal in the temporal and earthly, the realization that all that is transitory is but a parable. The various worldviews are ongoing attempts to lead people here and there, in this or that nation, along the most diverse paths to the knowledge of the eternal. Man must advance from the letter to the spirit, from dogma to true, inner knowledge. Human beings will always be tempted to become entangled in a limited field of the letter. Because in life we are necessarily a part of a specific age, we must first cast off what has become dogma in our time in order to arrive at the truth that is expressed in all worldviews and religions. In the fifth region we encounter the devout, the literalists of all religious denominations, of all worldviews: literalist Hindus, literalist Muslims, literalist Christians, and also Theosophists who believe in the letter.
[ 20 ] Die nächste Tugend ist diejenige, die das Christentum «Hoffnung» genannt hat. Hoffnung kann der Mensch nur ausbilden, wenn er an eine Fortentwicklung glaubt. Nach und nach können wir das begreifen lernen durch die theosophische Lehre, die uns hinführt zu dem Gedanken der Fortentwicklung. Gewaltig war schon die menschliche Entwicklung vor unserer Zeit. Noch größer ist der Ausblick in eine zukünftige höhere Entwicklung für den Chela. Er entwickelt ein Gefühl dafür, daß der Mensch nicht stehenbleiben darf bei den endlichen, den begrenzten Idealen, bei den Idealen, die nur seiner Zeit angehören. Sehen Sie sich Sokrates an oder Robespierre oder die Idealisten unserer Zeit. Versuchen Sie, ob deren Ideale für irgendein anderes Volk, für irgendein anderes Zeitalter gepaßt hätten. Versuchen Sie, ob die Ideale und Hoffnungen eines Kolumbus in einer anderen Zeit und in einem anderen Volke in die Wirklichkeit hätten umgesetzt werden können. Diese Beschränkung auf eine Zeit oder auf ein Volk, das muß der Mensch in dieser lichtvollen sechsten Region des Kamaloka abstreifen.
[ 20 ] The next virtue is the one that Christianity has called “hope.” Human beings can only cultivate hope if they believe in continued evolution. Little by little, we can come to understand this through theosophical teachings, which lead us to the idea of continued evolution. Human development prior to our time was already immense. Even greater is the prospect of a future higher development for the Chela. He develops a sense that humanity must not remain stagnant at the finite, limited ideals—ideals that belong only to his own time. Consider Socrates or Robespierre or the idealists of our time. Try to determine whether their ideals would have suited any other people, any other age. Try to determine whether the ideals and hopes of a Columbus could have been realized in another time and among another people. This limitation to a single time or a single people—that is what humanity must shed in this luminous sixth region of Kamaloka.
[ 21 ] Damit der Mensch die «Liebe» lernt, muß er im Endlichen anfangen. Um einen höheren Begriff der Liebe zu lernen, muß er mit dem Kleinen anfangen, mit dem Vergänglichen und dem Endlichen und sich weiterentwickeln. Die Liebe muß eine Selbstverständlichkeit, eine selbstverständliche Kraft werden. Sie muß das Ziel sein und das Streben der Menschen. Wenn der Mensch die Liebe entwickelt, dann erlebt er sich in der siebenten und höchsten Region des Kamaloka.
[ 21 ] In order for a person to learn “love,” they must begin with the finite. To learn a higher concept of love, they must start with the small, with the transitory and the finite, and continue to develop. Love must become a matter of course, a natural force. It must be the goal and the aspiration of human beings. When a person develops love, they experience themselves in the seventh and highest region of Kamaloka.
[ 22 ] Sieben Läuterungsfeuer gibt es im Kamaloka, durch die die Seele hindurchziehen muß. Dann steigt sie auf in das Devachan, wo es wiederum sieben Regionen gibt. Nur das, was Frucht eines hohen Ideals ist, das kann mit hinübergenommen werden in ein neues Dasein, in eine neue Verkörperung. Was an Ort und Zeit gebunden ist, das muß abfallen im Kamaloka.
[ 22 ] There are seven purifying fires in the Kamaloka through which the soul must pass. Then it ascends to the Devachan, where there are again seven regions. Only that which is the fruit of a high ideal can be carried over into a new existence, into a new incarnation. That which is bound to place and time must be shed in Kamaloka.
[ 23 ] So hat der Mensch, je nachdem, ob er die eine oder die andere Läuterung durchzumachen hat, die sieben Regionen des Kamaloka zu durchlaufen. Wenn ein Mensch zum Beispiel Starkmut ausbilden und deshalb gestärkt werden muß gegenüber Wünschen und Verlangen, so wird er in der Region, in der er das Negative läutern kann, erwachen. Die übrigen Regionen wird er mehr schlafend durchgehen. Das ist dasjenige, was die Theosophie den Aufenthalt im Kamaloka nennt. Was wir auf der Pilgerfahrt unseres irdischen Lebens durchzumachen haben, ermöglicht uns, daß wir von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe gehen und daß wir in den Zwischenzuständen [zwischen dem Tod und einer neuen Geburt] durch Seelenläuterungsorte hindurchgehen müssen und die Schlacken in Kamaloka abstreifen.
[ 23 ] Thus, depending on whether a person must undergo one form of purification or another, they must pass through the seven regions of Kamaloka. If, for example, a person needs to develop fortitude and therefore must be strengthened against desires and cravings, they will awaken in the region where they can purify the negative. He will pass through the remaining regions in a more dormant state. This is what Theosophy calls the sojourn in Kamaloka. What we must undergo on the pilgrimage of our earthly life enables us to progress from one stage of development to the next and requires us, in the intermediate states [between death and a new birth], to pass through places of soul purification and shed the dross in Kamaloka.
[ 24 ] Erst dem Sehenden erscheinen die verschiedenen Orte in Kamaloka verständlich. Für den Chela kommt die Stufe, wo er die Helle verstehen lernt, der Augenblick, in welchem unser Auge für die astrale Welt geöffnet wird. Was in der physischen Welt ist, ist dann nicht mehr da. Er sieht die Sonne um Mitternacht glänzen. Die anderen Menschen können die Sonne nicht um Mitternacht glänzen sehen. Es ist dies kein Symbol, es ist so wörtlich wie nur möglich zu verstehen: Für das astrale Auge wird die Sonne um Mitternacht sichtbar. Der Chela kann diese Schwelle überschreiten, er erkennt das, was der Mensch normalerweise nur sieht, wenn er die Pforte des Todes überschreitet. Das ist nicht Theorie, sondern es ist wirkliche Erfahrung, von der so erzählt werden kann, wie zum Beispiel jemand Ihnen seine Erlebnisse erzählen kann, der eine Reise nach Amerika gemacht hat. Daß es solche höheren Welten gibt, davon hatten die materialistischen Weltanschauungen und Gesinnungen der letzten Jahrhunderte wenig Ahnung. Wieder ein Bewußtsein davon zu erwecken, daß es solche höheren Welten gibt, das hat sich die Theosophie zur Aufgabe gemacht. Daß eine solche Kunde notwendig ist, besonders in unserer gegenwärtigen Kultur, das hat der Theosophischen Gesellschaft ihren Ursprung gegeben. Es ist notwendig, daß wiederum die Stimme einer höheren Welt in diese unsere Welt hineintönt. Wir müssen hingeführt werden zu dem, was die sieben Tugenden uns lehren und was durch sie gelernt werden kann. Wir müssen erkennen, wie diese Tugenden ausgebildet werden können.
[ 24 ] Only to the Seer do the various places in Kamaloka become comprehensible. For the Chela, the stage at which he learns to understand the Astral comes at the moment when our eye is opened to the astral world. What exists in the physical world is then no longer there. He sees the sun shining at midnight. Other people cannot see the sun shining at midnight. This is not a symbol; it is to be understood as literally as possible: to the astral eye, the sun becomes visible at midnight. The chela can cross this threshold; he perceives what a person normally sees only when crossing the threshold of death. This is not theory, but real experience that can be recounted just as, for example, someone who has traveled to America might tell you about their experiences. The materialistic worldviews and attitudes of the past centuries had little inkling that such higher worlds exist. Theosophy has made it its task to reawaken an awareness that such higher worlds exist. The fact that such a message is necessary, especially in our present-day culture, is what gave rise to the Theosophical Society. It is necessary for the voice of a higher world to resound once more into our own world. We must be guided to what the seven virtues teach us and what can be learned through them. We must recognize how these virtues can be cultivated.
[ 25 ] Die letzte Aufgabe ist: «Weisheit in der Liebe» und «Liebe in der Weisheit». Liebe in der Weisheit ist es, was der Mensch nach der Ausbildung der sieben Tugenden erlangen wird und was er mit hinaustragen kann aus dieser Weltentwicklung. Dies finden Sie schon ausgesprochen in der Salomonischen Weisheit in den Worten: «Und weil ich gebetet habe um Klugheit, ward sie mir gegeben, und weil ich gefleht habe um Weisheit, ist der Geist der Weisheit zu mir gekommen. Und ich habe gelernt, diesen Geist der Weisheit höher zu achten als Fürstentümer und Königreiche».
[ 25 ] The final task is: “Wisdom in love” and “love in wisdom.” Love in wisdom is what a person will attain after cultivating the seven virtues and what they can carry forward from this stage of human development. This is already expressed in the Wisdom of Solomon in the words: “And because I prayed for understanding, it was given to me; and because I sought wisdom, the spirit of wisdom came to me. And I have learned to value this spirit of wisdom more highly than principalities and kingdoms.”
[ 26 ] Das ist dasjenige, worauf es ankommt: Nicht asketisch uns von dem physischen Dasein zurückzuziehen, sondern es zu einem höheren zu erheben; die «Reiche der Welt» zu hegen und zu pflegen und dasjenige zu entwickeln, was das Mittelalter «Spiritus sapientiae» nannte — Geist der Weisheit. Und mit dem Geist der Weisheit werden die Menschen hinausziehen zu einem neuen planetarischen Dasein.
[ 26 ] This is what matters: not to withdraw ascetically from physical existence, but to elevate it to a higher plane; to cherish and nurture the “realms of the world” and to develop what the Middle Ages called the “Spiritus sapientiae”—the spirit of wisdom. And with the spirit of wisdom, humanity will move forward toward a new planetary existence.
[ 27 ] Das alles können wir in der astralen Welt erfahren. Einen kleinen Blick zu geben in diese astrale Welt, die unserer physischen Welt am nächsten steht, das war der Zweck dieser Vorträge. Das nächste Mal wollen wir über die geistige Welt sprechen, die Welt des Devachan.
[ 27 ] We can experience all of this in the astral world. The purpose of these lectures was to offer a brief glimpse into this astral world, which is closest to our physical world. Next time, we will discuss the spiritual world, the world of Devachan.
